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M 13L

ö/.mstag den 18. Innk 1910.

37. Jahrgang.

* fuldaer W Leitung *

5. Blatt.

vrttck und Verlag der Fuldaer «etlendruckeret in Fulda.

Deutsches Reich

q Neue Heeresforderungen.

Das „duinquennot*, das letzte 5jährige System der Heereserweiterung, geht jeinem Ende entgegen, und danach, so hat uns die ,Nordd. Allg. Ztg.' kürzlich in Aussicht gestellt, kommt eine neue Militärvorlage.

Verschiedentlich war in der Presse die Ver­mutung ausgesprochen worben, daß wegen der Finanzkalamität des Reiches keine Neuforderungen für das Heer gestellt werden würden. Demgegen­über erfolgte, wie erinnerlich, mit etwas auffälliger Promptheit das halbamtliche Dementi,

Aus Rirche und Schule.

L Fulda, 18. Juni 1910. Am 25. Juli, dem Feste des hl. Jakobus, wird der HochwürLigste Herr Bischof folgenden sieben Theologiestudierenden im Dome die hl. Priesterweihe erteilen: Joseph Faulstich von Hainzell, Joseph von Keitz von Rüdigheim, Franz Klee sch ulte von Mefftng» hausen, Karl Lippert von Asch, Friedrich Wil­helm Schmitt von Momberg, Konrad Trageser von Altenmittlau und Franz Zeuch von Küllstedt.

ben, ob der Bund der Landwirte die geschloffene Unterstützung der Nationallibaralen finden wird. UebrigenS reicht sie nicht aus, den Wahlkreis vor der 1 Sozialdemokratie zu retten, wenn nicht auch die Fortschrittliche Volkspartei für v. Hrt- molt eintritt. Daran ist aber nicht zu denken. Die Organe dieser Partei Betonen, man dürfe ihren An­hängern nicht zumuten, für den Bund der Landwirte auch nur eine Stiimme abzugeben. Die „Franks. Ztg " tritt begeistert für die Sozialdemokratie ein. Sie schreibt:

„Der Kampf gilt heute der Rechten, und auch spießerhafte (!) Bedenklichkeit darf nicht irre machen in der Verfolgung dieses Zieles. Was der Freisinn zu tun hat, ergibt sich daraus von selbst. Angesichts der j Möglichkeit, daß von rechts her noch Reserven mobil gemacht werden könnten und nicht minder unter dem Gesichtspunkte prinzipieller Stellungnahme, ist es die unbedingte Pflicht aller Freisinnigen, im Wahlkreise in der Stichwahl Mann für Mann für denKandi- daten der Sozialdemokratie einzutreten. Der schwarz-blaue Block, der im Reiche und in Preußen die Stunde beherrscht, darf durch Friedberg-Büdingen nicht verstärkt werden."

Tut man der Demokratie Unrecht, wenn man sie als die Vorfrucht der Sozialdemokratie bezeichnet?

---- Straßburg, 17. Juni 1910. Bekanntlich weil­ten dieser Tage die Vertreter der Berliner Regierung in Straßburg, um sich in dem reichsländischen Verfassungsproblem auf der einen Seite von der elsaß-lothringischen Landesoerwaltung, auf der anderen von Abgeordneten belehren zu laffen. I Diese Belehrung mutet einen sonderbar an, nachdem es schon Dezennien lang heißt, in Berlin widme man der reichsländischen Berfaffungsreform die größte I Aufmerksamkeit, das Problem sei zwar sehr schwierig, wäre aber im Schoße der Negierung Gegenstand eif­rigen Studiums Also, trotz dieser Riesenarbeit, die Berlin schon geleistet hatte, war nochmals eine zwei volle Tage andauernde Konferenz erforderlich. Diese in die Augen fallende Geschästigkttt der Regierung hat man ins Helle Licht zu setzen verstanden- Die I Presse konnte erzählen, wieviel Stunden die Regie-1 rungsvertreter täglich im Interesse des „schwierigen Problems" gearbeitet haben; aber in ihre Kutten I haben sie niemand schauen lassen. Die Herren Däbu-1 tes, welche die Ehre hatten, an der Tafel des Statt-1 Halters sich den Berliner Vertretern gegenüber über die Verfassungs- und Wahlrechtsschmerzen zu äußern, dursten zwar ihren Wünschen Ausdruck verleihen, aber Staatssekretär Dr. Delbrück war nur gekommen, I „um zu hören", nicht etwa auch darum, um den neu-1 gierigen Elsaß-Lothringern etwas von der Berliner I cesp. Straßburger Negierungsweisheit mitzuteilen. I Aus den Besprechungen über die Wahlrechtsfrage; I kann man nur soviel entnehmen, daß die Meinungen I und Wünsche sehr weit auseinandergehen. Die I Lothringer wollen kein allgemeines, die Liberalen kein I glich es Wahlrecht, das Zentrum keinen Proporz, I andern glatt das Reichstagswahlrecht. Man kann wirklich gespannt sein, was aus der Sache werden > wird. :

±t Karlsruhe, 17. Juni 1910. Der badische Landesverband der antiultramontanen Ver-l!

Aus dem Rachbargebieie.

* Bremen bei Geisa, 16. Juni 1910. In der Mittenmühle ertrank das dreijährige Söhnchen des Besitzers im Mühlwasser.

* Bom Vogelsberg, 17. Juni 1910. Als Vorboten des Herbstmanövers sah man dieser Tage wiederholt die Automobile des Generalkommandos die Gebirgsgegend bereisen. Die Korpsmanöver «ollen Ullrichstein und Grün­berg zum Mittelpunkte haben.

* Flaukcnberg, 17. Juni 1910. Der langjährige Leiter der hiesigen städtischen Schulen, Rektor Schenk, ist feit kurzem in den Ruhestand getreten.

* Hallenberg, 17. Juni 1910. In der Edder ertränkte sich der 74jährige Fuhrhalter August Biebighäuser im benachbarten Orte Dodenau. Schwere Schicksalsschläge hatten eine geistige Um­nachtung des Mannes herbeigeführt.

* Aus de» Welker-Pr-zeß berichtet das Mainzer Journal' einen interessanten Zwischenfall: Nach- dem der Sachverständige, Professor Harnack, fein Gutachten erstattet und dabei u. a. erwähnt hatte, der kathollsch« Schriftsteller Dr. Fritsch, Hamm, habe dr fernem Werk: „Das christliche Lebensideol" von dem „sittenlosen Verlaßglauben" der Reformatoren gesprochen, führte er im Anschluß daran aus: Dies sei ein Beispiel von vielen, wie von katholischer Seite über die evangelische Kirche geschimpft werde. Der Vertreter des Nebenklägers, Justizrat Dr. H i l l e- brand aus Mainz stellte nun an den Sachver­ständigen die Frage, wieviele Protestanten denn heutzutage den Fiduzialglauben, namenttich in dem

। Seelenhell deS Gläubigen, dem er als Stellvertteter I Gottes gegenübersteht, ist von feinem Ermessen be­dingt! (!) Der Gläubige, der in ihm feinen allmächtigen Seelsorger zu achten hat, kann sich, wenn sein Priester mit einer polittschen Zumutung an ihn herantritt, seiner Weisung nicht entziehen, ohne fein Seelenheil zu gefährden. Diese seine Eigenschaft als Seelsorger von göttlicher Machtvollkommenheit vermag der Pttester der römischen Kirche in keiner Lebenslage zu verleugnen: ob er auf der Kanzel steht oder im Beichtstuhl sitzt, in einer

I Volksversammlung auftritt oder am Redakiionspult ernes ultramontanen Blattes tätig ist, er bleibt immer und überall der Priester, der das Seelenheil der Gläubigen in seiner Gewalt hat. Seine bloße An­wesenheit in einer Versammlung oder einem Verein genügt, um durch seine priesterliche Autorität die poli- tische Selbstbelätigung des Gläubigen lahm zu legen. (!) Wir ersuchen daher die hohen Landstände: durch ent­sprechende Resolution dahin wirken zu wollen, daß Priestern der römischen Papftkirche ht deutschen Landen, insbesondere im Badischen, jede politische Be­tätigung — nicht nur von der Kanzel herab oder vom Beichtstuhl aus, sondern auch in politischen Ver­einen, öffentlichen Versammlungen, in der Presse, wo immer sich Gelegenheit zu politischer Betätigung bietet — gesetzlich untersagt und ihnen in ähnlicher Weise wie den aktiven Mililärs, sowohl das aftioe, wie das passive Wahlrecht entzogen werde.

Unter den Unterzeichneten fehlen nicht der Monistenprediger Drews und der bekannte Katho­likenfresser Böhtlingk. Diese Herren haben für sich und ihre ungläubigen Ideen unbedingte Freiheit; die katholischen Geistlichen aber sollen, weil sie katholische Geistliche sind, mit denen aus eine Stufe gestellt werden, denen die bürgerlichen Ehrenrechte gerichtlich abgesprochen sind!

eine hat das Bedürfnis gefühlt, der Welt seine Auffassung von politischer Freiheit vorzutragen und er hat deshalb an die badischen Kammern eine Petition gerichtet, in der er wünscht, daß den katholischen Geistlichen das aktive und passive Wahlrecht entzogen, sowie jede p olitif die Betätigung untersagt werde. Das Schrift- tück sagt u. a.:

Eine politische Betätigung steht dem Priester der römischen Kirche in deutschen Landen in keiner Weise zu. Durch die Priesterweihe wird der Betreffende Mitglied des römischen Priesterstaates (!), Untertan und Diener eines auswärtigen Souveräns. Bon diesem Augenblick an ist Se. Heiligkeit der Papst sein abso­luter Souverän <!). Wer in dieser Weise in einem anderen staatsverbande freiwillig aufgeht, scheidet da­durch tatsächlich aus dem deutschen Staalsverbande und der bürgerlichen Gemeinschaft aus; dies wird auch noch durch das Gelübde der Ehelosigkeit (!) und die Tracht <Tonsur und Priesterrock) (!) fo scharf als mög­lich markiert. Durch den Obedienze-.d, den er in die Hand des Bischofs, als Legaten des Papstes, ablegt, bindet der Priester sich zudem noch ausdrücklich tn bezug auf sein Tun und Laffen in polittschen Dingen (!!). Anderseits ist der Priester der römischen Papstkirche, krast gebieterischer Glaubenssatzung, durch seine Weihe unmittelbar anstelle der Gottheit getreten (!): das \

Ausland.

» Die österreichische Ministerkrise ist ver­mieden. Die Drohung Baron Bienerths, zurück­zutreten, hat den deutschen Nationalverband ver­anlaßt, auch in. der Frage der italienischen Rechts« fafultfit sich auf die Seite der Regierung zu stellen. Es wird zunächst provisorisch eine Fakultät in Wien errichtet, womit ein langjähriger Wunsch der Italiener sich erfüllt.

* Um zwei neue Staaten größer geworden ist die amerikanische Union. Der Senat hat die Gesetzvor­lage angenommen, welche die Territorien von Arizona und Neu-Mexiko als Staaten aner­kennt.

* Ein Attentat gegen den Präsidenten Tast ist vereitelt worden. Ein offenbar geisteskranker Mann drang bis zur Tür des Präsidenten Taft im Weißen Hanse zu Washington vor. Er wurde verhaftet. In einer inneren Tasche seines Anzuges wurde em Revolver gefunden.

daß hinsichtlich der kommenden Neuforde­rungen für da? Heer „nichts zu vertuschen" fei, daß diese Neuforderungen für das nächste Quinquennat______ ___ ___________

in voller Übereinstimmung zwischen dem Reichskanzler schroffen Sinne, den Dr. Fritsch als sittenlosen Ver- und den militärischen Stellen ganz tm Sinne der früher I laüalm.b-v ( »«• 'xx «

gegebenen Erklärungen ausgestellt und „nichts ver- A. V

missen lassen werden", was nach dem Urteil derkomve- überhaupt "vch festhielten? Prof. Harnack

tenten Behörden im Interesse der Schlagfertigkeil des In innnc es ablehnen, auf diese Frage Heeres notwendig fei. des Herrn Justizrats zu antworten. Justizrat

Mit anderen Worten, "bie Regierung wird tm I tarn fpäter in fernem Plädoyer au

Jahre 1911 das fordern, was die militärischen I &,efe 2B«0erunfl Harnacks zurück und führte aus: Sachverständigen für erforderlich halten. Es fragt I Wenn Professor Harnack ablehne, sich zu der Frage sich nur, ob eine generelle Erhöhung der Präsenz- »"äußern, ob dennder^Fiduzialglaube der Resorma- -ist-, -1-tt-i-n M, ob« ob b>° m äg, MÄÄ

der tt°orm gestellt wird, daß gewisse Lücken aus« I f0 tue er dies offenbar in dem Bewußtsein, daß er tm Skullt werden. . 1 Falle der Antwort mit „Nein" antworten müsse. Dann

Als der jetzige Krtegsmimster vor fast einem] faHe aber auch jeder Grund und jede Berechtigung Jahre Nachfolger des Generals v. Einem wurde, I für unsere protestantischen Mitbürger hinweg, sich über sagte man ihm nach, daß er zur Durchführung l eine abfällige Kritik dieses Grundsatzes beleidigt zu größerer Heeresverstärkungen berufen sei. Der neue ! Ahlen, mit dem sie ja nichts zu tun hätten. Weder Kriegsminister wies diese Gerüchte zurück und berief I ®r- Pritf$ noch sonst einem Katholiken falle

sich darauf, daß das Quinquennat eingehalten werden I ?h.rJaMa,u@i 1” e”n xe^e

»Öröe. Die Note der ,Nordd. Allg. Ztg.'zeigt nach weitere Frage, ob Luther und andere ^Reformatoren*, der allgemeinen Auffassung, daß man nur auf den fei e§ vorübergehend, sei es dauernd, den Fiduzial- Ablauf des Qmnquennats warte, um nut Neu-1 glauben im Sinne des von Dr. Fritsch bekämpften forberungen zu kommen. I BerlaßglaubenS gelehrt hätten oder nicht, sei eine rein

Der ,Vorwärts' glaubt sich nun bereits über Ihistorische Frage, die wahrhaftig niemanden auf- bas Zentrum entrüsten zu können, baß es burch I zuregen brauche. Der Wahn, daß mit Erörterung der- seine „Bewilligungsfreubigkeit für militärische I »tagen die pwtestantische Kirche getroffen Zwecke" bereits zu einem neuen „Volksverrat" ent-1

daß die ZeMrumfraktion bis heute zu der kommen- ihrer Grundsätze. Das sei aber keineswegs der Fall, ben Militärvorlage noch gar lerne Stellung ge-1 Die protestantische Kirche sei ein Produkt des landes- nommen hat und auch gar nicht nehmen konnte, I herrlichen Kirchenregimentes, nicht ein Werk baß sie erst bann Stellung nehmen wirb, wenn bie I der Reformatoren. Das landesherrliche Kirchenregiment Neuorderungen nach Umfang und Begründung de- I fei "an Anfang an mit Erfolg bemüht gewesen und fannt sind. Solange also wirb auch bie sozial-1 noch fitzt fortdauernd bemüht, die in ihren demokratische Presse warten müssen, bis sie eine gu&K ^rmidsatz-der

Daß bas Zentrum bie notwendigen Neuforbe- andere, entschieden konservativere Grundsätze zu ersetzen, rungen bewilligen wirb, kann natürlich niemanden Diese unleugbare Tatsache möge man tm Interesse des zweifelhaft sein, der sein Programm unb seine Ge-1 konfessionellen Friedens auf protestantischer Seite doch sch chte kennt. Aber Über den Grad der Notwendig-1 entschiedener wie bisher ins Auge fassen. Dann kett sind wir mehr als einmal mit der Regierung I werde man aufhören, in einer historischen nicht einverstanden gewesen. Noch einmal möchten I ” Reformatoren und ihrer da-

wir betonen, daß alle Vermutungen über die Hal-1 u?b Bestrebungen eine

!l-nfäf?e§ÄttUm8 ?Ur fOmmCnben Miiitärvorlage ?bef? rh^r Kirche schen^D^WssionLe hinfällig find. , Friede werde nicht gestört durch eine historifche Kritik

In einem Artikel zur Militärvorlage, der tn der Reformatoren und ihrer Grundsätze, sondern durch einer Reihe von Zentrumsblättern veröffentlicht das ganz unkritische und nnhistortsche Identifizieren worben ist, wirb angeregt, für bas Jahr 1911 ein I der heutigen Protestanten und ihrer Kirche mit den Notgesetz zu erlassen, durch welches bas gegen-1 v«fonen und Verhältnissen der damaligen Zeit, oärlige Quinquennat verlängert werben soll, wäh-1 c.’n solches Berhalten sei aber ebenso ungerechtfertigt, tenb das neue Quinquennat der Entscheidung des l,n§ un«

neugcwählten Reichstages überlassen werbm s°lb Bischöfe odn^über lirchliche^V-r^ttniff^ ftühe^r Eine solche Regelung wurde zwessellosviel fürsich Zeilen beleidigt fühlen wollten. Ueber historische Haden. Mit Recht roirb tn dem erwähnten Artikel Kritiken von Personen, Handlungen od^rZuständen betont: I früherer Zeiten regten wir Katholiken uns nicht

„Eine Militärvorlage unmittelbar vor den Wahlen I ?“f- So möge man aus protestantischer Seite eben, liegt nicht im politischen Interesse der Parteien wie der I f™® verfahren, mid vor allem sich nicht dem Wahn Regieiung. Dazu kommt noch, daß 1912 unsere Finan-1 hwgeben, als ob mit solcher Kritik die heutigen Prote­zen ivesentlich besser stehen als 1911; denn die neuen I uanten undchre Kirche getroffen würden oder getroffen Steuern wirken da in voller Höhe. 1911 ist sowieso I werden sollten.

ein schwieriges Jahr für die Ausstellung des Etats; I . Herr Pros. Harnack hat also die Beantwortung man sollte dieses nicht noch mehr belasten." I einer Frage, die seine eigenen Darlegungen auf»

Wir wissen nicht, ob man an ben entscheidenden I gedrängt hatten, abgelehnt; er hat dadurch bewiesen, Regierungsstellen diese Erwägungen zu berück-1 daß feine Wissenschaft ein großes Loch hat, bas er sichtigen geneigt ist. Denkbar wäre ja auch, baß I nicht auszusüllen vermag — ober nicht ausfüllen man im Gegenteil bie Militärvorlage absichtlich noch I will, weil er vor ben Konsequenzen zurückjcheut. vor den Neuwahlen einbringen will, um nötigen- LI Mir die Sttchwahl in Friedberg-Büdingen falls eme günstige Wahlparole für bie Neu- h^n der nationalliberale Wahlaus­wahlen zu erhalten. Bis jetzt hat die Regierung I s ch u ß und die Vertrauensmänner der natwnallibe- mit solchen Wahlparolen )a G^ck gehabt. Ob sie Men Partei beschlossen, für die Kandidatur von allerdings auch dieses Mal Glück damit haben I H e l m o l t einzutreten; sie fordern m einem in der würde, möchten wir aus mehr als einem Gründe „Butzbacher Zeitung" veröffentlichten Aufruf die An- bezweifeln. I bänger der nationalliberalen Partei auf, einstimmig

------------- I für Helmolt einpitreten. Es wird sich zu zeigen ha- i

Im Herrgottswmkel*

6] Erzählung aus den Bergen von Alfred Berus.

(Schluß.)

Nur eine Weile hatte sic beim Kienlinger Hofe gestanden, aber den, der am Fenster lehnte, den Kien­linger, hat sie sofort eriannt. Auch dieser hat sie be- tnerft Und wie wenn ihn eine überirdische Gewalt festgehalten hätte, stand er dort und stierte auf das arme Weib. Ein jäher Schrecken durchzuckte feinen Körper, jein Gesicht verzog sich zu einer wüsten Fratze, er wollte sich wegwenden, aber ihm fehlte die Straft dazu.

Nichts von Rache verspürte Gustel in ihrer Brust, einen einzigen, vielsagenden, namenlos traurigen Blick warf sie ihm zu, bann ging sie weiter, um ihr Kind zu suchen, nach dem sie sich so sehr sehnt. Ihr Kind war doch das Einzige, das ihr das Schicksal ge­lassen- Für das Kind will sie nun Wicken und schaf­fen, ihr Kind soll sie aufrecht erhalten, wenn ihre Krast erlahmen sollte im Kampfe gegen das Leben, ihr Kind soll ihre Freude, ihr alles sein in ihrem freudelosen Dasein-

Bald hat sie die Hütte des Wurzelgrabers erreicht. Drinnen in der Stube sitzt der Alte und scherzt und spielt mit dem Kinde. Gustel verweilt einen Augen­blick vor der Tür, aus dem Innern bringt Sepp's Stimme. Er singt eine alte, liebe Weise vom Schei­den und Wiedersehen. Gustel lauscht dem Liede, und, als es zu Ende, sie die Stimme ihres Kindes ver­nimmt, da hAt sie sich nimmer länger, sie stürzt in die Stube und fällt dem Alten um den Hals.

„Seppl^

„Gustckk

Und dann nimmt sic ihr Kind und hebt eS empor unb küßt es und herzt es und benetzt sein Gesichtchen mit heißen Tränen. Jetzt, wo sie wieder ihr Kind in den Armen hält, hat sie alles vergessen, alles, was sie erlitten und erduldet die ganze lange Zeit hindurch, |

»§ch dank Dir schön — aus ganzem Herzen

dank ich Dir für das, was Du Gutes an meinem Kinde getan", meint sie zu Sepp.

„Und was toiffft denn jetzt anfangen?" fragt sie der Alte.

„Was ich tun will? — Arbeiten, Tag und Nacht arbeiten und — büßen." Und sie ergreift die Hand des Wurzelgrabers. „Glaubst, während der andert­halb Jahre, die ich im Zuchthaus war, hab' ich kein' Zett gehabt, alles zu überdenken?"

„Und bleibst da?"

„Wenn ich ein Arbeit find' wohl, wann nit, geh' Ich in ein andern Ort', antwortete sie

„Und Dein Kind?"

„Nimm ich mti!"

„Laß es bei mir", bittet Sepp, „schau, ich hab es so gern, das kleine Dirndl-"

„DaS kann ich nit, es ist mein' einzige Freud' das Kind. Ich muß mein Kind bei mir haben, daß eS mich alleweil daran erinnert, was ich bem Ecker antan hab'."

Kruckensepp bittet noch lange Gustel, ihm das Kind zu lassen; er will für dasselbe sorgen und es erziehen. Gustel aber läßt sich nicht bereden. Der Alte will ihr Speise und Trank vorsehen, sie schlägt alles aus. Nach einer Welle meint sie: „Jetzt werd' ich mich umschau'n um ein' Dienst; waun's dämmert komm' ich wieder."

Sie verabschfidet sich und geht.

Und zu diesem und jenem Bauer war sie gegangen und hatte um einen Dienst nadjgefragt, aber überall war man ihr mit harten Worten entgegengekommen hatte man die Tür zugeschlagen vor ihr, der Zucht­häuslerin. Da hatte sie sich aufgemacht und war in die umliegenden Ortschaften gegangen, aber auch dort hatte sie keinen Dienst finden können, denn die Leute scheuten sich, eine, die wegen Brandlegung im Zucht­hause gesessen, tn ihrem Haus aufzunehmen. Und der Tag ging zur Neige, und die Dämmerung fenfte sich nieder, als sie wieder nach dem Herrgottswinkel zuging.

Unb als sie so dahinwcmkte. Hunger und Durst hatten sie vollends erschöpft, und als sie ihre ttosllose Lage bedachte, da war es ihr, als riefe ihr immer

unb immer wieder eine Stimme ins Ohr: „Geh aus der Welt!" Sie versank in Gedanken. Was hatte sie noch zu vertieren? Welch ein elendes Dasein harrte noch ihrer? Hat nicht der Tod die Gewalt, allem ein Ende zu machen? Und Wäre nicht der Tod, den sie sich selbst gegeben, eine Sühne für jene Schuld, deren sie sich bewußt war? Die Gedanken durch- schwirrten ihr Hirn, und als sie wieder im Herr­gottswinkel angekommen war, da stand es fest in ihr, daß sie aus der Welt müsse — unb mit ihr auch ihr Kind

Bald ist sie wieder beim Wurzelgraber angelangt. Stumm tritt sie ein und nimmt ihr Kind. Und ehe noch Sepp ein Wort an sie richten kann, ist sie wieder fort mit ihrem Skinde. Er schaut ihr nach sieht, wie sie ben Weg einschlägt, der in den Wald hinauf- führt.

Die Mondschatten sanken tiefer und tiefer zur Erde nieder unb hüllten die Kuppen und Gehänge, den Wald und das Tal mit ihren dunsten FMchen zu. Nur allmählich brach sich des Mondes Silberticht aus zerrissenen Wolkenwänden durch unb übergoß die Landschaft mit magischem Glanze, so daß es dm emst unb schwarz emporragenden Tann umglitzerte und umleuchtete. Ruhig war es geworden, kein Lüst- lein regte sich, und es war, als durchziehe ein Odem heiligen Friedens das Tal, als ginge der liebe Herr­gott durch ben Wald.

Auf einsamem Waldwege schreitet der Rohracher Matthias; er macht feiner, gewöhnlichen Rundgang Seine beidm Gehilfen ftreifen etwas weiter oben her­um, ob sich nichts Verdächtiges zeige.

Plötzlich kracht m nächster Nähe ein Schuß Der Rohracher reißt sein Gewehr von der Schulter, stürzt durch ein Dickicht und eilt in die Richtung, wo der Schuß gefallen war. Rach einer Weile bemerkt er durch ein Gebüsch einen Lichtschein. Als er an der erleuchteten Stelle ankommt, sieht er seine beiden Ge­hilfen, welche einen menschlichen Körper tragen

»Was ist denn geschehen?" fragt er-

»Der Kienlinger hat sich erschossen!" rufen sie unb betten ihn jetzt auf weichem Nasen. Bleich, mit er­schrecklich verzerrten GesichtZzügen, liegt dieser da.

Aus einer Brustwunde quillt reichlich Blut und be­sudelt seine Gewandung. Er gibt kein Lebenszeichen von sich.

Rohracher beugt sich nieder und greift nach dem Pulse; der schlagt. Eine Weile vergeht, dann schlägt Bartl die Augen auf und stöhnt: „Laßt mich — es nützt nix mehr."

„Was ist denn getoefen, Bartl? Wer hat Dich denn angeschossm?" fragt der Förster.

»Ich selbst."

„Du selbst?"

Bartl nickt mit dem Kopfe, um« nimmt er den Förster bei der Hand und zieht ihn zu sich nieder

„Komm' her, Matthies", sagt er mit schwacher Stimme, „ich muß Dir sagm — was mir am Sergen liegt —, baß ich leichter sterben kann.--Ich bin

ein schlechter Mensch — durch mich ist die Gustel ins Zuchthmis kommen. — Wie ich sie heust g'seh'n hab' — da packt's mich auf einmal — das Herz schlagt mir so, — das G'wissen rührt sich in mir — Du bist ichuld daran — du —!" Seine Stimme wird schwä­cher und er hält einen Augenblick im Sprechen inne. »Die Gustel wirft mir ein’ Blick zu — so traurig — so traurig — da packt s mich wiederich nimm mein G'wehr — unb renn’ da 'rauf. — — Allweil hab' ich die Gustel neben mir geh'n seh"n — nnb das G’wissen — das G'wissen — der Schwur. — Ich weiß nit, wies auf einmal g wesen ist — — ich setz's an mein' Brust und drück’ los —." Er bricht ab. Nach einer Weile meint er wieder: „Wenn Du die Gustck stehst — so sag' ihr, sie soll mir verzech’n — sie soll mir verzeih'n — sie soll mir verzeih'n." Er reißt seine Augen weit auf, dann fallt fein Haupt schwer zurück

„Tragt ihn hinunter nach Grillenbach," ordnet der Rohracher an. Die beiden Burschen nehmen den Körper und tragen ihn hinab.

Der Rohracher blickte ihnen nach. „Also hat et bod) ein Meineid g schworen — unser Herrgott hat ihn nun g richt't."

ES war schon spät, als der Förster seinen Rund- gekehrt war Unh toieber 8um Fnrsthaus zurück-