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M 136.

Erstes Blatt

Fulda, Freitag den 17. Juni 1910.

37. Jahrgang

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Es war Gustel.

der den die

erfocht tSgnq mit Ausnahme der Somt» And Leiertage, viertel­jährlicher VtjUgrpreir ohne vringerlohn und VestellgeldinMdasö- wie auswärts 1.50 ML verantw. Redakteur»

Sark schütter

Der Sturmwind das Gute, daß er lüftet, in den fich hüllen pflegen.

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letzten Tage hat wenigstens Schafpelz der Friedlichkeit Wölfe des Unfriedens zu

*

Nach stundenlanger Wanderung, nachdem sie oft nn Gehen innegehalten, um frische Kräfte zu sammeln, hat sie den Herrgottswinkel erreicht. Ein unaussprech­liches Weh krampfte ihr Herz zusammen, als sie die echen Häuser sah. Sie war nur wenigen Leuten be­gegnet, aber diese waren an ihr fremd vorüberge­gangen, weil sie in dem Weibe die einst so blühende Föchtersftau nicht wieder erkannt, und die sie erkann­ten, hatten sie mit tMächtlichen Blicken gemessen oder

lieber Gott! Du lieber Gott! schluchzt er auf und eine Träne rollt über die Wangen.

Er blickt jetzt in das rosige Gesicht des Kindes, das an seiner Brust schlummert. Lange ruht sein Auge auf dem Kinde, das nicht weiß, was fich zugetragen. Und je länger er dasselbe betrachtet, desto inniger fühlt er, wie lieb es ihm geworden war. „®u hast keinen Vater, keine Mutter jetzt, Du armes Hascherl Du. Aber des­wegen sollst nit zu Grund geh'n. Wie mein eigenes Kind will ich Dich halten, Du verlassenes Menscherl, will Über Dich wachen, will Dich hüten, will Dir Vater und Mutter zugleich sein." Innig drückt er es an sich, dann trägt er es hinein und legt es zu Bette. Dann geht er, um den Rosner aufzusuchen, der ihm alle Ein­zelhellen der Verhandlung erzählen soll.

Es war ein schöner Herbstmorgcn. Die Lust war von jener wohligen Wärme, wie sie nur den Herbst- laßen eigen ist, als ein dürftig gekleidetes Weib mit ab­gehärmten Gesichtszügen gegen den Herrgottswinkei zuging. Ihre Augen, deren Glanz erloschen war, lagen in tiefen Höhlen und blickten scheu und unstät umher, und nur mühsam schleppte sie sich vorwärts

Das klingt denn doch etwas anders, als die Hetzerei des evangelischen Bundes.

* Weimar, 16. Juni 1910. Wie die ,Weimarische Zeitung' hört und das offiziöse Wölfische Bureau weiter verbreitet, ist die großherzogliche Staatsregierung infolge der Veröffentlichung der Borromäus-Enzyklika in den Zeitungen bei der bischöflichen Behörde in Fulda unter Hin­weis auf die in dem päpstlichen Schriftstück ent­haltenen »Beschimpfungen, Herabsetzung der Resor- matoren und ihres Werkes und der beteiligten Fürsten" vorstellig geworden, um die amtliche Be­kanntgabe des Rundschreibens im Großherzogtum zu verhindern. Darauf hat das bischöfliche General­vikariat und zwar bereits unterm 9. Juni mitge­teilt, daß eine amtliche Veröffentlichung der Enzyklika dort nicht in Aussicht genommen fei, sodaß sich weitere Schritte der großherzoglichen Staatsregierung erübrigen.

* Stuttgart, 16. Juni 1910. Der Württembergische Staatsanzeiger teilt mit, die Regierung habe wegen der verletzenden Urteile der Enzyklika über die Reformation und die Reformatoren sich sofort darüber vergewissert, daß eine amtliche Verkündi-

Preußischer Landtag.

Herrenhaus.

Sitzung vom 16. Juni 1910.

r^or Eintritt in die Tagesordnung erhält

Im Herrgottswinkel.

5] Erzählung aus den Bergen von Alfred Berns.

Und als die Gustel an den Fenstern, wo der Kruckensepp und der Rosner standen, vorbeigeführt wurde, da blickten die beiden ihr lange nach.

„Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher", meinte Sepp und fuhr sich mit der Hand über die tränenfeuchten Augen-

„Und wer den Radeln zu nah kommt, den zermal­men s'", schloß der Rosner.

Und wie jedes Ding im Leben sein Ende haben muß, so war auch der Winter vorübergegangen und hatte einem herrlichen Frühjahr Platz gemacht. Rings auf den Gehängen und im Tal sproßten duftige Blüm­lein, gelb und rot, weiß und blau, die Bäume schmück­ten sich mit neuem Grün, die Luft durchhallte wieder fröhlicher Vogelgefang, die Sonne schien wieder warm zur Erde herab, und ein blauer, durchsichtiger Himmel spannte sich über die neu erwachte Natur. Und wo wäre da ein Menschenkind gewesen, das ob des Er­wachens der Natur nicht Freude empfunden hätte, und m wessen Herz wäre da nicht wieder neue Arbeitslust unfc neues Hoffen eingezogen ob des Blühens und Keimens überall?

< Am oberen Ende des Herrgottswinkels, einschichttg Und am Saume des Waldes, neckisch versteckt zwischen Holunder- und Jasminstauden, erhebt sich ein kleines, -kecht schmuckes Hüttchen. Ruhig ist e8 hier. Die bei« Ben kleinen Fenster in grün gestrichenen Rahmen sind mit fungem, wildem Wein umsponnen, über der Haus- mr hat ein Schwalbenpaar sein Nest. Und im Busch

-in Vogel seine Weise und manch ein Käferlein Nenstrahl?^ ®artcn un& wärmt sich im goldenen Son«

$“Uft ber E- Kruckensepp, der alte Wurzel-

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gung durch den Landesbischof in Württemberg nicht stattfinden werde. Das Bestreben der Regierung sei nach wie vor darauf gerichtet, den konfessionelle« Frieden mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu wahren.

Und als er nach einer Weile beim Rosner ist, da erzählt ihm dieser: „Wie wir in ben Saal eingetreten sind, da sind auch schon die Herren gekommen, die über Gustel richten sollten. Bald darauf haben sie die Gustel dahergebracht, die kaum hat gehen können. Ihre Augm waren rot vorn vielen Weinen, ihr Gesicht war blaß und so eingefallen waren ihre SBangen, daß einen jeden erbarmt hat das arme Weib. Dann haben die Herren zuerst sie, und bann ben Kienlinger vernom­men, haben bann die Zeugen gefragt, ob sie was wissen. Die Gustel hat g’fagt, daß sie nur zufällig an dem Kienlinger sein Hof vorbeigekommen ist. Wir habm alle g'meint, sie wird freigesprochm. Da steht, - - - ..

der Kienlinger auf, sagt, er kann einen Eid schwören, ronrcn wr ausgewichen.

daß er geseh'n hat, wie sie den Brand auf feinen Hof Jetzt geht sie an dem Kienlinger Hof vorbei, ber g’roorfen hat. Der Bartl schwört, bie Verhandlung na$ jener Feuersbrunst stattlicher als früher an ver­geht ihren Gang weiter, und zum Schluß wird die fc^ben Stelle wieder erbaut worden. An einem Fen- Gustel zu achtzehn Monat Kerker berurteilt. Wie sie ^er des Gehöfts lehnt der Kienlinger und schaut das hört, stößt sie einen Schrei aus und weint und hinaus. Gustel blickt eine zeitlang auf ben Hof.....

jammert, daß sie unschuldig ist. Uns allen sind die ®ie e§ jetzt in ihrer Brust zu brodeln und kochen an- Tranen gekommen, wie wir das geseh'n haben nur ^ngt, wie sich ihr jetzt die Erinnerung an jene furcht-

der Kienlinger steht da und schmtt kalt und herzlos 6atc Zeit mit unwiderstehlicher Gewalt aufdrängt, an

mif das arme Weib, das immer nach ihrem Manne und *ene Zeit, die sie, unschuldigerweise der Brandlegung

Kmde ruft. Dann ist sie wieder abgeführt worden bezichtigt, im Zuchthaus zugebracht. Sie, bie Tochter

und wir find z Haus. Keiner von uns ist mit dem einst in der ganzen Umgegend bekannten und wohl- Kienlinger^ gangen, denn wir haben das Bewußtsein gelittenen Hofbauers, um deren Gunst sich die Bur- gehabt, daß er einen Meineid g'schworm bat So ist >ehen von weit und breit beworben . . . eine Zucht- eä gewesen, Sepp. Ich aber sag, daß unser Herrgott Walerin. Sie hätte laut auflachen mögen, wenn es ben. ffienlmger schon finden und richten wird" schloß E bittere Wahrheit gewesen wäre

/Fortsetzung folgt.

Ansinnen zurückzuweifen, daß trotz alledem die Ge­sandtschaft beim hl. Stuhle aufgehoben werden solle. Er feiert in der ,Täglichen Rundschau' das von der preußischen Regierung Erreichte, und billigt aus­drücklich, daß sie nicht weitergegangen ist.

Und dieser regierungsfreundliche Dr. Kahl, der bis vor wenigen Tagen noch als große Leuchte des ganzen Protestantismus galt, wird in Blättern des Evangelischen Bundes als Schwächling bekämpfe und von einer kriegerischen Erklärung des Präsidiums des Evangelischen Bundes bei Seite geschoben.

DaS hat sich alles ganz natürlich entwickelt. Herr v. Bethmann hat in seiner Art einen sried- lrchen Ausgleich angestrebt; er hat sich aber geirrt, wenn er glaubte, daß alle protestantischen kkreise einen versöhnlichen Ausgang wünschten. Bei seinen Friedensbestrebungen fand Herr v. Bethmann Ver­ständnis und Unterstützung 1) beim hl. Stuhl, 2) bei den deutschen Katholiken, die sich eine Zurück­haltung bis zum äußersten auferlegten, 3) bei einem Teile der Protestanten, und zwar vorzugsweise bei den kirchlich positiv und politisch konservativ gerichteten Evangelischen. In den liberalen Reihen aber, wo der Evangelische Bund wurzelt und wirkt, verabscheut man die friedliche Erledigung des Falles; man hatte darauf gerechnet, daß die Regierung mehr fordern würde, als der hl. Stuhl bewilligen konnte oder wollte; man spekulierte auf eine Fortdauer und Steigerung der konfessionellen Erregung; man dachte den Zwischen­fall noch fortgesetzt ausnützen zu können im kultur­kämpferischen Sinne. Das Entgegenkommen des hl. Stuhles und die Klugheit der Regierung haben diesen Herren das schöne Konzept verdorben. Daher ein neuer Grimm gegen den „philosophischen" Minister­präsidenten und Reichskanzler. „Nun gerade" soll die Hetze fortgesetzt werden, und zwar nicht bloß auf dem konfessionellen, sondern auch auf dem parteipolitischen Gebiet.

Die feierliche Kundgebung, welche „das Prä­sidium des Evangelischen Bundes" im Namen des Zentralvorstandes erläßt, erklärt.

Aktion enthüllt. Es geht ihm nicht um die evangelische Glaubensüberzeugung, son­dern nur um den Kampf gegen das ver­haßte Zentum, zu dem ihm die niedrigste Hetze gerade gut ist.

Diese Leute leben und weben tot Unfrieden und vom Unfrieden. Die Staatsregierung, die sich in der Note ihrer Fürsorge für den „Frieden zwischen evangelischen und der katholischen Bevölkerung" rühmt, wird jetzt erkennen, daß ihr die Friedens­wahrung nicht von katholischer Seite erschwert wird, sondern vielmehr von dem Evangelischen Bund und seinen vorwiegend liberalen Helfers­helfern.

Es kommt nun darauf an, ob die Staatsregie­rung im Verein mit den rechtsstehenden Evangelischen die gewerbsmäßigen Friedensstörer zu überwinden vermag. Sie darf keine Zeit verlieren; denn wenn bis zum Ende des nächsten Jahres die Gemüter der großen Mehrzahl der Evangelischen nicht zur Be­sonnenheit zurückgeführt sind, so spielt auch bei den nächsten Wahlen der faror protestanticus die Hauptrolle, zwar nicht, wie IC07, zur Unterstützung der Regierungspolitik, sondern vielmehr zur Be­kämpfung eines Reichskanzlers, der für die pro­testantischen Empfindungen entschiedener und wirk­samer eingetreten ist, als sein Vorgänger.

Deutscher Reich.

♦ Berlin, 16. Juni 1910. Der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Frhr. v. Rechenberg, sollte nach einer Blätterrr eldung telegraphisch seine Be­urlaubung dis zur Erledigung des von ihm einzu­reichenden Rücktrittsgesuches erbeten haben. Dem­gegenüber erfährt der ,Tagh daß weder ein Urlaubs« noch ein Rücktrittsgesuch des Gouverneurs im Reichskolonialamt eingetroffen ist, noch auch erwartet wird. Freiherr v. Rechenberg hat am 30. Mai nach ordnungsmäßig beendetem Urlaub die Ausreise angetreten und dürste demnach in diesen Tagen wieder den Boden Deutsch-Ostaftikas betreten. — Gegen die antimilitaristische Agitation unter der Jugend sollte nach Meldung einer Korrespondenz der Kriegsminister eine Vorstellung an das Staats­ministerium gerichtet haben. Das,Berl. Tagebl/ hatte daraus schon die Androhung eines kleinen Sozialistengesetzes befürchtet. Nach den von der,Kreuzztg/ eingezogenen Erkundigungen ist es jedoch unrichtig, daß der Kriegsminister neuerdings beim Staatsministerium in dieser Hinsicht irgend welche Vorstellungen gemacht habe. — Dem Dom­dekan, päpstlichen Hausprälaten Dr. Joseph Selbst, zu Mainz ist der Königliche Kronenorden dritter Klaffe verliehen worden.

* Das Befinden des Kaisers. Die neuerliche Er­krankung des Kaisers, von der gestern telegraphisch berichtet wurde, wird von Stellen, die Über das Befinden des Kaisers unterrichtet sind, als durch­aus unbedenkliche Erkrankung erklärt. Manche Blätter ergehen sich in längeren Betrach­tungen und veröffentlichen ärztliche Gutachten, die alle darauf hinauslaufen, daß ein solcher Erguß eine Folge äußerer Einwirkungen durch Stoß, Druck oder Reibung sei und nach einigen Tagen zurück« gehen werde. Es handelt sich wahrscheinlich um eine durch Druck beim Reiten hervorgerufene Schwellung am Kniegelenk, die eine Stauung zur Folge hat. Der Kaiser selbst führt sie auf lieber« anflrengung beim Reiten zurück. Derartige Ergüffe in die Kniegelenke, gemeinhin Kniegelenks- wafsersucht genannt, pflegen durch die ent­sprechenden ärztlichen Anordnungen., namentlich Ruhigstellung des Gelenks, kalte Umschläge, ohne irgendwelche Nachteile zu hinterlaffen, ohne die freie Gebrauchsfähigkeit des betreffenden Gelenkes irgend­wie zu beeinträchtigen, wieder zum Schwinden ge­bracht zu werden. I

ben zum (Salben gelegt, war unermüdlich und tätig gewesen bie ganze lange Reihe von Jahren her, und nun konnte er in einer Zeit bie Frucht seiner Tätigkeit ernten, wo anbete schon längst Ernte gehalten.

Glücklich unb zufrieden verbringt er seine Tage. Und dieses Glück ist ein ganzes, seitdem er ein We;en um sich hat, auf bas er all' seine Siebe, all' feine Sorgfalt verwenden kann. Er, bem es vorn Schicksal nicht vergönnt gewesen war, ein braves Weib unb gute Kinber um sich zu haben, ec fühlte sich jetzt so selig, wenn er das kleine Lieserl auf seinen Knien schaukelte, wenn es mit feinen Hänbchen ihm ben schneeweißen Bart zerzauste, ober wenn er beim Aveläutcn mit dem­selben betete. Spät erst war es ihm vergönnt gewesen, biefe Stunden des Glückes, des höchsten, bas sich ber Mensch im Leben zu erringen vermag, zu genießen, unb wenn es auch kein Kinb aus seinem Fleisch und Blut gewesen, er hatte es bennoch von ganzem Herzen lieb.

Es war Silbenb geworben.

Auf ber Bank vor ber Hütte sttzt Sepp, schmaucht seine Pfeife unb starrt ben Rauchwolken nach, bis sie zerrinnen. Auf seinen Knien sitzt Lieserl. Es hatte sein Köpfchen an bes Alten Brust gelegt unb schlum­mert nun, als ob es in seinem Bettchen wäre Viel­leicht träumt ihm von feiner Mutter.

Von feiner Mutter!

Heut war ja ber Verhandlungstag gewesen freut hat ja baS Gericht in ber Stabt entschieden, ob Gustel schuldig oder unschuldig ist. Schon in aller Frühe waren ber Kienlinger unb mit ihm noch mehrere anbere nach der Stadt gefahren zur Verhandlung Nun, da eS Abend wurde, erwartete man sie zurück.

Ob Gustel freigesprochen wurde?

Draußen gebt jetzt der RoSner vorbei, der eben­falls bei der Verhandlung gewesen. „Was sst ge­wesen?" fragt ihn der Alte, „tft sie freigesprochen?"

Rosner verneint mit bem Kopfe. „Achtzehn Mo­nat hat sie kriegt. Komm' gu mir ’runter, baß ich Dir alles erzähl'."

Achtzehn Monat! Dem Sepp flirrt es vor den Augen und greift mit zitternder Hand nach bem Kopfe, ob er denn nicht fcfarme. „Achtzehn Monat . . . Du

* Tas Direktorium der deutsch-hannoverschen Partei erläßt in der „Deutschen Vztg." eine Erklärung, worin „mit aller Entschiedenheit Einspruch erhoben wird gegen die den konfessionellen Frieden bedrohen­den, bedauerlichen Angriffe auf die Reformatoren und die Kirche der Reformation". Sie bittet ihre evangelischen Anhänger, „bei aller Entrüstung über die ungerechtfertigten Anschuldigungen in der päpst- lichen Enzyklika die rechte Besonnenheit nicht zu verlieren unb an ihrem Teile statt unfruchtbarer Polemik durch eifriges Bauen des Reiches Gottes den Beweis zu liefern, daß derartige Angriffe macht­los an ihrer Bekcnntnislehre abprallen." Sie er­innert an die „Pflicht jedes Christen, Toleranz zu üben", mch schließt bann mit folgender Mahnung:

Denket daran, daß Ihr trotz alles Trennenden einig seid in dein Glauben an Gott und seinen eingeborenen Sohn, und so verschieden Eure Wege auch sind, das Ziel das gleiche ist: Das Reich Gottes und die eivige Seligkeit!

K Wo fitzen die Feinde des Friedens?

Das Nachspiel wird lehrreicher, als das Drama selbst. Jetzt scheiden sich die Geister, und die Gesinnungen der Herzen werden offenbar.

„In allen evangelischen Kreisen Preußens" fand Herr v. Bethmann die „Empfindungen", als Deren Anwalt und Schützer er in seiner Rede und seiner diplomatischen Note auftrat. Damals schien allerdings die Stimmung in dem ganzen Protestan­tismus einheitlich zu Jein. Herr v. Bethmann sand bei seinem Vorgehen in Rom die allgemeine Unterstützung von der protestantischen Seite. Jetzt aber, nachdem Herr v. Bethmann einen schnelleren und größeren Erfolg erreicht hat, als mancher und vielleicht er selbst erwartet hatte, findet er keineswegs den allgemeinen Beifall und Dank seiner Schützlinge. Der „Evangelische Buttd" und der ihm nahestehende Teil der Presse ist unzufrieden und hetzt weiter. Die Regierung sieht sich zu einem Front­wechsel gezwungen. Sie muß sich jetzt verteidigen gegen Leute, deren Dank sie verdient zu haben glaubte, und gegenüber „Empfindungen", die sie in Rom verteidigt hatte, muß sie jetzt Mäßigung und Besonnenheit predigen.

Von der Regierung wird Professor Dr. Kahl, der leitende Geist der Berliner Protestversammlung im Zirkus Busch als Schutzzeuge benutzt, um das

❖ Zusammenkunft zwischen Kaiser und Zar? Durch die Presse geht die Nachricht, wonach eine Zusammenkunft zwischen dem Kaiser und dem Zaren zum 17. Juli in Aussicht genommen sei. In politischen Kreisen wird die Meldung mit Zweifel aufgenommen. Es steht fest, daß keinerlei Schritte zur Herbeiführung einer solchen Begegnung getroffen worden sind. Ueber die Reisepläne des russischen Kaiserpaares verlautet nur, daß von Mitte Juni bis in die zweite Hälfte des Juli hinein eine Kreuz­fahrt an der baltischen Küste in Aussicht ge« nommen worden ist.

s. Die WöchnerinueU'Fürsorge stand am Don­nerstag im Mittelpunkt der Beratungen der Reichs­versicherungs-Kommission. Zu den §§ 210—213, die von den Leistungen der Krankenkassen für die Wöchnerinnen handeln, hatte das Zentrum bean­tragt, zwischen verheirateten und unverheirateten Wöchnerinnen zu unterscheiden. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Nach den in der Fassung der

„Unser Herrgott wirb ben nit ungestraft lassen," meint auch ber Sepp unb verabschiebet sich.

3.

Seitbem waren ioieber anberthalb Jahre bei gongen. Im Herrgottswinkel hatte man jene Ereig< nisse fast schon vergessen, als bie Erinnerung an diesel­ben eines Tages wieder gar mächtig getoedt wurden. Gustel war nämlich nach Verbüßung ihrer Strafe in ben Herrgottswinkel zurückgekehrt.

daß die „Note ber Kurie vom 13. Juni keine ausreichende Genugtuung" sei, und in der es weiter heißt: Nicht die berechtigte Erregung, sondern die vorangegangene Beschimpfung hätte bedauert und zurückgenommen werden muffen. Nachdem dann die Antwortnote des hl. Baters in tendenziöser Weise krampfhaft bekrittelt ist, heißt es wetter:

„Das protestantische Volk kann nach diesem Aus­gang nur erneut die ernste Mahnung entnehmen, sich durch. Zusammenschluß in einem großen, deutsch- evangelischen Volksbunde eine wirkungsvolle Rüstung wider die uliramontanen Machtbestrebungen zu verschaffen. Namentlich aber gilt es, in entschlossener Abwehr der Zentrumspartei entgegenmheten, die noch päpstlicher als der Papst kein Wort der Miß­billigung des Rundschreibens im Parlament sand, die den Geisteskampf zwischen Rom und Wittenberg auf das Gebiet des politischen Machtkampfes überträgt und dadurch in unferm Volksleben zur dauernden Störung des konfessionellen Friedens führt. Darum muß der einmütige Ruf aller deutschen Protestanten lauten: Keinerlei Förderung der Bestrebungen der politischen, päpstlichen Bannerträger im deutschen Reiche, keinerlei Bündnis mit dem Zentrum! Nur durch solche klare Stellungnahme kann das hohe Gut des deutschen Bürgerfriedens erfolgreich gewahrt werden."

Die konservative Partei wirb schon wissen ober boch bald fühlen, wohin diese Kriegserklärung des „Bundes" zielt. Das Zentrum ist mit einer Ausschaltung unb Äaltftellung bebacht, wie sie kaum zur Zeit bes umgeroanbelten Bülow geplant war. Unb biefe Aechtung ber Abgeordneten bes katholischen Volksteils wirb als Wahrung bes „Bürgerfriedens" angepriesen! Deutlicher als bei. mancher anderen Gelegenheit hat ber Evangelische Bunb hier das innere Motiv seiner ganzen „Protest"-

< Graf HoenSbroech: Dem schmerzlichen Bedauern des Abgeordnetenhauses über das schwere Unglück, daS über das Ahrtal hereingebrochen ist, schließen wir (uns an. Auch wir wünschen, daß sofort ausreichende staatliche Mittel zur Verfügung gestellt werden, um wenigstens über bie erste Not hinwegzuhelfen. (Beifall.)

Minister v. Moltke wiederholt seine Erklärung aus dem Abgeordnetenhause.

Zur Beratung steht das Eisenbahnanleihe« gesetz (Sekundärbahnvorlage).

< Graf Mirbach nimmt die von dem Bankdirektor v. Gwinner herbeigeführte Diskussion über die preu- »e Finanzgebabrung wieder auf. Der Redner ver- gt die jetzige Praxis in ber Verrechnung bet Eisen­bahnüberschüsse.

Die Vorlage wurde angenommen, ebenso ohne weitere Aussprache bie Vorlage betr. den Nogat« abschluß.

Beim Gesetz über die Feuersozietäten be­grüßte Bankdirektor Dr. Delbrück die vom Finanz­minister herbeigeführte Bestimmung des Gesetzes, wo­nach die Versicherungsanstalten 25 Proz. ihres Kapitals in Staatspapieren anlegen müssen. Er stimmt der preußischen Anleihepolitik zu und hält die Kritik des Herrn v. Gwinner nicht durchweg für berechtigt.

Das Gesetz wurde unverändert angenommen und eine Reihe von Petitionen wurden erledigt. Mit einem Kaiserhoch schloß der Präsident die 16. und letzte Sitzung der Session.

Schlußsitzung beider Häuser.

Um 5 Uhr versammelten sich die Mitglieder beider Säufer im Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses, leich darauf erschienen in feierlichem Auszug unter , Führung des Ministerpräsidenten v. Äethmann-Hollweg die sämtlichen Mitglieder des Staatsministeriums im Saale. Sofort eröffnet der Präsident des Herrenhauses, Frhr. v. Manteuffel, die Sitzung und der Minister­präsident verliest die aus dem Neuen Palais unter dem 16. Juni datierte Kabinettsordre, durch die der Land­tag geschlossen wird. Der Präsident nimmt die Urkunde entgegen und bringt ein dreifaches Hoch aus ben König aus. Drei Minuten später — länger hat bie ganze Aktion nicht in Anspruch genommen — ist's im weiten Saale öde und leer geworden.

Maer W Zettmg

3.p«n<«« msniM Woch-Nbiltag«i„3üufmene Sonntagszeitung" monatrbcUag« „Fuldaer Seschtchtsblätter"