Erscheint täglich M Ausnahme der $o.m= und Feiertage Vierteljährlicher Bezugspreis ohne Vringerlohn und VeftellgeldmZui-asc,- wle auswärts t-SviNt.
Serantw. Sedatteurr
Larl Zch« :te;
fiirdieAnzetge«:
I. Parzelle» t« Znlda.
Anzeigen: vte elv> fpaltigepetltzeileoder deren Raum IS pfg. Reklamen diepetitzeile 25 pfg., bei wieder- Holungen wird entfpr.
Rabatt gewährt.
RotationrdruSund Verlag der Zuidaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.
135.
Fulda, Donnerstag den 16, Juni 1910.
37. Jadrrau 'k.
Preußischer Landtage
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 15. Juni 1910.
Velschtedene Petitionen um Einführung der allgemeinen Fortbildungsschulpfltcht für die männliche Jugend werden der Regierung zur Berück- sichiigung, für die weibliche Jugend als Material überwiesen. — Eine Petition um Vermehrung der Apotheken wird als Material, eine solche um Aenderung des Verfahrens bei Errichtung von Apotheken zur Erwägung überwiesen.
Eingegangen ist ein Initiativantrag Engelsmann (ntlb.) betr. Maßnahmen zur Unterstützung der durch schwere Naturereignisse im Ahrtal Geschädigten. Nach kurzer Geschäftsordnungsdebatte beschließt das Haus, über den Initiativantrag Engelsmann noch heute zu beraten.
Nach Erledigung einer weiteren Reihe von Petitionen folgt die Beratung des Antrags Hammer- Lufensky betr. Erhöhung der kommunalen Umsatzsteuer. Der Antrag wird in der Fassung der Kommission angenommen.
Abg. Engelsmann (ntlb.) begründet hierauf seinen Antrag.
Minister des Innern v. Moltke bedauert, noch keinen umfassenden amtlichen Bericht vorlegen zu können und verliest sodann einen ihm vom Landrat des Kreises Adenau zugegangenen kurzen Bericht. Der Minister erklärt weiter, daß er sofort den Oberpräsidenten der Rheinprovinz um einen Bericht angegangen, und daß der Staat selbstverständlich, da an der Not nicht zu zweifeln sei, Hilfe leisten werde. «(Lebhaftes Bravo.)
Abg. Fleuster (Ztr.) betont die Größe der entstandenen Not und bittet namens seiner Partei um schleunige Hilfe. (Beifall.)
Die Abgg. Eickhoff (Vp), Borgman» (Soz.), von Pappenheim (kons.), v. Zedlitz (frk.), SttzczrhnSki (Pole) schließen sich dem Vorredner an.
Auf ein« Anfrage des Abg. Borgmann (Sozd.) erklärt
Landwirtschaftsminister v. Arnim, daß die Abholzungen in der Eifel das Unglück nicht verschuldet hätten.
Der Antrag Engelsmann wird einstimmig angenommen.
Abg. Beyer-Dortmund (Ztr.) begründet einen von ihm eingebrachten Antrag auf Vorlegung statistischer Nachweise über dieLö^e der Staatseisenbahnarbeiter und -Handwerker. Diese Nachweise müßten nach Dtrektionsbezirke« und unter Außerachtlassung der außerordentlichen Einkünfte ausgestellt werden. Die bisherigen genügten nicht.
Ministerialdirektor Offenberg erklärt die bisherige Berechnung als die beste zur Ermittelung des Durchschnittslohnes, und bittet, den Antrag Beyer abzu- lehnen.
Die Abgg. Leinert (Sozd.), DellnS (Bp.) und Gro- nowski (Ztr.) befürworten den Antrag Beyer, der darauf angenommen wird.
Es folgt die Besprechung der Anträge Schwabach (ntlb.), v. Bieberstein (kons.), v. Jazdzewski (Pole) und Bergmann (Sozd.) betr. den Gebrauch der masurischen, litauischen, französischen, wallonischen und anderer fremder Sprachen in öffentlichen Versammlungen.
Nach unerheblicher Debatte, bei der Geheimrat v. Hermann erklärt, daß auf Grund der Ausnahmen des Reichsvereinsgesetzes der Gebrauch der litauischen, masurischen, wallonischen, französischen und dänischen Sprache in den in betracht kommenden Gegenden bereits auf dem Verordnungswege gestattet sei und daß weitere Ausnahmen nicht gestattet werden können, wird die Beratung abgebrochen. Eine Abstimmung findet nicht statt.
Hierauf vertagt sich das Hans. Der Präsident erhält die Ermächtigung, die nächst« Sitzung anzu- bträumen, falls noch Vorlagen vom Herrenhaus zurück- kommen sollten.
perrenhauS.
Sitzung vom 15. Juni 1910.
Das Herrenhaus genehmigte debattelos und einstimmig die Vorlage betr. die Erhöhung der Zivilliste. Ohne wesentliche Aussprache erhielten ferner folgende Gesetze die Zustimmung des Hauses: Terichts-
Jm Herrgottswirrkel»
4] Erzählung aus den Bergen von Alfred Berus.
Bartl raffte sich auf „Das mußt mir büßen!" schrie er und schwang die geballte Faust. . .
Der Kienlinger Bartl konnte es nicht verwinden, was ihm die Gustel angetan. Stundenlang saß er in seiner Kammer und sann, wie er sich an Gus^l rächen könne Da hatte er eines Tages einen wahrhaft teuf- lichen Racheplan ersonnen. Anfangs schreckte er vor der Ausführung zurück; als aber das Geschehnis im Rosnerhaus im ganzen Herrgottswinkel und weit in der Umgebung bekannt wurde, da beschloß er, Gustel zu verderben.
Der Herbst war vorübergegangen und der Winter hatte seine Herrschaft angetreten. Oed und traurig sah es in der Natur aus. Rauhe Kälte stellte sich ein, ein eisiger Wind strich über die Kuppen und Gehänge und überwarf den Herrgottswinkel mit Schnee. Düster hoben sich die Häuser vom Schneegrunde ab und schickten Rauchwolken zum grauen Himmel empor.
Still und einsam lag auch der Rosnerhof da; aber in der Gesindestube saßen um den wärmenden Ofen die Einwohner. Die Mädchen spannen, die Burschen schnitzten allerlei Kram und rauchten aus ihren kleinen Pfeifen. Und wenn auch draußen der Wind um daö Haus schlich und seine grausige Melodie dazu pfiff, tvas kümmerte das die drinnen in der warmen Stube, die sich mit Arbeit und Ruhe die Wintertage vertrieben und neue Kräfte sammelten zu tüchtiger Arbeit im Frühjahr.
Auch der Kruckensepp und Sepherl, des Rosners Kind, sind in der Stube. Der alte Wurzelgraber fitzt beim Ofen und spaltet Holz; Sepherl näht an einer Kleinkindcrwäsche, denn ein freudiges Ereignis besteht ihr bevor Gustel ist nicht anwesend. Sie hat fich vor einer Weile unter dem Vorwande, etwas besorgen )u müssen, entfernt
.Ich kann's halt nit sein lassen", meint Sepp jetzt tu der Förstei-sfrau, zu Sepherl, „allmal wenn Du runterkommst, muß ich ein’ Weil' mit Dir verplaudern"
kostengeseh und Gebührenordnung für Notare, die Vorlage betr. die Wohnungsgeldzuschüfle und Mietsentschädigungen, die Vorlage betr. die Förderung der Errichtung von Wohnungen für Staatsarbeiler, das Gesetz betr. Aenderung der Landgerichtsbezirke Kleve, Krefeld und M.-Gladbach. Sodann erledigte das Haus zahlreiche Petitionen im Sinne der Kommisflonsbeschlüffe.
Donnerstag: Rest der Vorlagen.
d° Friedberg-Büdingeu.
Zu dem Ergebnis des ersten Wahlganges in Friedberg-Büdingen wird uns aus dem Großherzogtum Hessen geschrieben:
Um rund 2000 Stimmen blieb der linksliberale Professor v. Calker hinter dem Kandidaten des Bundes der Landwirte von Helmolt zurück und die n a ti o n a l li b e r a l e Partei, die nahezu zwei Jahrzehnte hindurch den überwiegend ländlichen Wahlkreis besessen, scheidet nunmehr entgiltig bei der Stichwahl mis.
Dieses klägliche Resultat, das die „Frkf. Ztg." mit einem gewissen Galgenhumor noch obendrein als eine „ehrenvolle Behauptung der Stellung des Liberalismus" bezeichnet, ist trotz einer überaus starken Agitation der Nationalliberalen und der mit ihnen verbündeten Freisinnigen zu Wege gebrockt worden. Der ganze verfügbare Heerbann nationalliberaler Parteigrößen von Bassermann bis Fuhrmann und eines ansehnlichen Fähnleins liberaler Parteisekretäre wurde aufgeboten, um die Entscheidungsschlacht zwischen Liberalismus und Bund der Landwirte zu gunsten des ersteren vorzubereiten; der rührige liberale Kandidat sprach in etwa 50 Versammlungen und in Wort und Schrift suchte man die Wctterauer Bauern vor dem Bund der Landwirte gruselig zu machen, indem man insbesondere nach seitherigem liberalen Rezept die Reichsfinanzreform in ollen möglichen Schreckensoildern den Wählern vor Augen führte.
Es hat alles nichts geholfen; der Ausgang des ersten Wahlgangs ist eine neue empfindliche Lehre für die nationalliberale Partei, welche ihren Zug nach links mit dem Verlust der ländlichen Bevölkerung bezahlen muß. Es ist ja auch nur zu selbstverständlich, daß die Verbrüdemng der Naiio- naffiberalen mit dem bauernfeindlichen Freisinn und ihr Bestreben, nach badischem Muster den Großblock von Bassermann bis Bebel zustande zu bringen, die ländliche Bevölkerung in das Lager der konservativ gerichteten Parteien treiben muß. Dies hat sich auch wieder in Friedberg gezeigt und wenn die National- liberalen so weiter nach links sich mausern, dann wird mit Sicherheit bei den nächsten Reichstag-Wahlen ein gründlicher Verfall ihrer Partei zu erwarten fein. Rechnet man die ungefähr 2000 Stimmen ab, welche der Freisinn für Herrn von Calker zur Stelle brachte, so bleiben in Wirklichkeit n u r etwa 2300 Stimmen übrig, die der nationalliberale Kandidat aus den e i g e n e n R e i h e n aufvringen konnte — ein gewiß klägliches Resultat, das von einem „Wiedererwachen des Liberalismus" und einer „ehrenvollen Behauptung seiner Stellung" nichts merken läßt
Die liberale Presse hat dem Ausgang des Wahlkampfes mit Spannung entgegengesehen und große Hoffnungen an ihn geknüpft, die nunmehr zu Wasser geworden find. Ob sie nun einsehen wird, wohin ihre Partei durch die Verbrüderung mit dem Freisinn und mit ihren Konzessionen an die Jungliberalen gelangt, ist noch fraglich; man hat sich anscheinend trotz aller Mißerfolge der letzten Zeit noch nicht zur Erkenntnis durchgerungen, daß die ganze schmähliche Hetze gegen Konservative, Zentrum und Bund der Landwirte aus Anlaß der Reichsfinanzreform nicht der eigenen Partei, sondern nur der Sozia ldemokratie z u gute kommt, die auch diesmal wieder vorzüglich abge- fchnitten hat. Konnte doch der sozialistische Kandidat Busold einen Zuwachs von rund 2200 Stimmen ver-
Er setzte sich an Sepherls Seite und schaute ihr eine zeitlang bei der Arbeit zu.
„Ein' Freud' muß ein's haben, das Dir zuschaut, alleweil so fleißig."
„Mein", sagt Sepherl, „ein verheiratetes Weib hat allweil was zu schaffen und zu werken. Die miiß allweil die Hände rühren und fleißig sein, will s' den Hausstand in Ordnung erhalten"
„An Dir könnt sich manches Weib ein Bild nehmen", meint der Alte, „dem Rohracher könnt' man wirklich neidig sein um Dich."
„Das ist ja mein Pflicht, daß ich auf alles schau. Schau Sepp, wann der Mann im Schweiße seines Angesichts arbeiten muß, so soff das Weib den Schweiß mit freundlichem Sinn trocken machen, soff ihm die Mahn des Lebens versüßen. Das Weib soll das Haus zu einer Wohnstätt des Friedens machen, wohin der Mann gern zurückkehrt nach fein’ Tagwerk Das Weib soll sich um das Haus kümmern, das sie in Ordnung, in Ehren und Treue warm halten soll."
„Wir glücklich das Weib, das das versteht", wirft der Sevp dazwischen-
„Das Weib ist von unfer’m Herrgott und von der Nattlr a»8 fürs Haus besttmmt", nimmt die Försterin wieder das Wort, „aber viele gibt», die das nit verstehen wollen. Wie tief unglücklich muß dann ein Mann mit so ein’ Weib werden, und daß nachher Unfrieden, Za,ck und Streit in so ein’ Haus herrscht ist gar nit zu wundern."
„DaS hat man deutlich beim Ecker g'seh'n" sagt der ?ate, „wie hätten die zwei glücklich und zufrieden leben können."
„'S ist ein Unglück g'wesen", meint Sepherl
Von draußen drangen jetzt Rufe in die Stube herein. Einige Sauern rannten mit verstörten Gesichtern an bett Fenstern vorbei. Bald darauf hallte Feuersignal von Griffenbach herauf.
„Es brennt!" riefen die Burschen, die in der Stube anwesend waren, und stürzten hinaus. Im selben Augenblick kam auch der Rosner mit dem Ruse: „Dem Rienlinger sein Hof brennt!" herein.
zeichnen, der in erster Linie auf die Verhetzung der Massen gegen die rechtsstehenden Parteien zurückzuführen ist. Der Ausgang der Wahl beweist aber auch mit Sicherheit, daß ein Niederringen der Sozialdemokratie wohl möglich war, wenn die Nattonallibe- ralen nicht die gemeinsame bürgerliche Kandidatur des früheren nationalliberalen Reichstagsabg. Dr- Becker unter dem Einflüsse gewisser neidischer Friedberger Parteigrößen zurückgewiesen hätten. Nun sind sie die enttäuschten Lohgerber und müssen den zweiten Ringkampf mit der Sozialdemokratie dem Bund der Landwirte überlassen.
Das Zentrum entschied sich nach Lage dec Dinge bereits im ersten Wahlgang für Helmholt und führte ihm seine etwa 2000 Stimmen zu, um ihn in die Stichwahl zu bringen. Dieses Ziel ist erreicht; die ländliche Bevölkerung hat der linksliberalen Richtung der Herren Bassermann und Fuhrmann recht deutlich die Gefolgschaft versagt und mit Zentrums- hilsc den nationalliberalen Kandidaten an die dritte Stelle gedrängt.
Nun tritt an die Rationalliberalen die Frage heran, ob sie aus nationalen Gründen bei der Stichwahl mit aller Macht für Helmholt eintreten ober aber aus einer verärgerten Stimmung heraus fich lediglich auf eine lauwarme Erklärung zu Gunsten des bündlerischen Kandidaten beschränken. Der Freisinn wird natürlich feinem Herzenszug folgend mit fliegenden Fahnen in das rote Lager abschwenken; er erhofft ja von dieser Verbrüderung mit der Sozialdemokratie bei den nächsten Wahlen goldene Früchte für seine Sache und merkt nicht, daß er mit dieser Politik große Wählerkreise zum direkten Abschwenken in das rote Lager veranlaßt. Betrachtet man die Situation im Wahlkreise, so ist wohl anzunehmen, daß der zweite Waffengang mit dem Sieg derSo- zialdcmokratie enden und damit den seitherigen Verlauf der polittschen Wandlungen im Reiche vervollständigen und bestätigen wird. Der Liberalismus hat es so gewollt; wer Wind sät, wird Sturm ernten Er fördert durch seine selbstmörderische Politik den Siegeslauf der Sozialemokratte, indem er die Gegensätze im bürgerlichen Lager schürt.
Auch in Friedberg-Büdingen scheint die Sozialdemokratie das bekannte Schweineglück haben zu sollen, das ihr ans der gegenseitigen Befehdung der bürgerlichen Parteien als reife Frucht in den Schoß fällt.
W Friedberg, 15- Juni 1910. Rach dem vorläufig feftgeftefften amtlichen Wahlergebnis wurden insgesamt 20 347 Stimmen abgegeben. Es erhielten: Schreinermeister B u s o l d - Friedberg (Soz.) 9551, Rechtsanwalt v. Helmolt- Friedberg (Bund der Landwirte) 6396 und Prof, van C a l k e.r -Straßburg i. E. (Ratlb) 4397 Stimmen. Zersplittert waren 3 Stimmen. — Die Stichwahl zwischen Helmolt und Bnsold wird auf Freitag den 24. Juni festgesetzt werden-
Deutsches Neich.
* Berlin, 15. Juni 1' 10. Ter Kaiser hörte gestern abend den Vortrag des Reichskanzlers. — Ter Kaiser, die Kaiserin und die Kronprinzessin von Griechenland besucttcn heute anläßlich des Todes« lages Kaiser Friedrichs III. das Mausoleum der Friedenskirche zu Potsdam.
* Nochmals das Danziger Wafferloch. Die sozialdemokratische Presse will noch immer nicht zugeben, daß in dem berühmten Danziger Wasserloch tatsächlich keine wertvollen Gegenstände verschwunden feien. Es sei noch immer gor nid) t abgefischt worden. Ter gefundene Fender möge, nachdem er monatelang im Wasser gelegen habe, an Wert verloren haben. Als er versenkt wurde, habe er erst acht Tage seiner Bestimmung gedient und fei nicht wertlos gewesen. Es gebe auf der Werst überhaupt keine Gegenstände ohne Wert. Auch die unscheinbarsten Abfälle feien von Wert. Die offiziöse Erklärung rede von „altem Schutt". Warum mache man keine Angaben über
die Bestandteile des „alten Schuttes" ? Erdgeröll und Ziegelsteine habe man doch nicht abgefahren, sondern Eisen, anderes Metall und gußeiserne Fenster. Warum fahre man diese Dinge heute nach dem Alteifenhof, um sie zu verkaufen?
* München, 15. Juni 1910. Der Prinzregent hat der Tierärzlicheu Hochschule in München das Promotionsrecht zur Erlangung der Würde eines Dr. med. vet. verliehen.
**Straßburg. 14. Juni 1910. Staatsminister Delbrück ist hier eingetroffen, um mit den Organen des reichsländischen Ministeriums über die Grundlagen einer neuen Verfassung für Elsaß-Loth- ringen zu beraten. Er wohnte heute der Sitzung des Landesausfchuffes bei, verließ aber die Loge des Statthalters ostentativ, sobald die Erörterung auf das Gebiet der Verfassungsfrage hinübergespielt wurde. „Sie erhalten die Autonomie; ich will es!" soff der Kaiser zum Staatssekretär Zorn von Bulach gesagt haben; deshalb kommt unbedingt eine Vorlage. Aber wir haben Grund zur Annahme, daß alles schon fertig ist und daß die jetzigen „Vorstudien" höchstens noch eine Aenderung in ganz nebensächlichen Punkten Bringen können. Die „Autonomie", die in Aussicht genommen ist, erstreckt sich höchstens auf die innere Selbstverwaltung. Reichstag und Bundesrat iverden ans der Reihe der gesetzgebenden Faktoren für Elsaß- Lothringen ausgefchaltet An Stelle des Bundesrates tritt die 1 Kammer. Der jetzige Landesausschuß wird zu einem vollen Landtag erhoben. Natürlich wirb Eisaß-Lothringeil auch dieses Mal den anderen Bundesstaaten nach außen nicht gleichgestellt werden. Eine republikanische Verfassung, die, rein theoretisch betrachtet, das schwierige Problem am besten lösen wurde, fände zwar im Lande selbst großen Anklang, um so weniger aber Im Reich. Der Kaiser vollends, auf den es in erster Linie ankommt, will auch nichts von der Einsetzung einer eigenen Dynastie für Elsaß- Lothringen wissen; er bleibt — im Namen des Reiches — Landesherr von Elsaß-Üvthringen.
Ausland.
** Die italienische Univerfitätsfrage in Oesterreich gestaltete sich über Nacht kritisch, da der Ministerpräsident Baron Bienerth sein Bleiben im Amt daran knüpft, daß das von ihm vorgeschlagene Provisorium vom deutschen Nationalverbnd unterstützt werde. Ein Teil des Verbandes will aber von diesem neuen Plan, der die provisorische Errichtung einer italienischen Fakultät in Wien ins Auge faßt, nichts wissen.
** Die Eröffnung des bosnischen Landtags ging am Mittwoch vor sich. Als der Landeschef General Vartschsanin di Vares von der Eröffnung in den Aonak zurückkehrte, feuerte auf der Kaiserdrücke der Sozialdemokrat Bogdan Karajitsch gegen den Wagen des Landeschefs fünf Revolverschüsse ab, jedoch ohne den Landeschef zu treffen Mit dem sechssten Schuß entleibte sich der Täter selbst.
* Die neue französische Kammer hat jetzt ihre große Zeit. Nachdem Ministerpräsident Briand sein Programm vor den Deputierten entwickelt hatte, begann die allgemeine Besprechung desselben, die sich nun schon seit acht Tagen uferlos hinzieht, sttach Beendigung der Debatte, die immer nochmals acht Tage dauern kann, wird das Kabinett die 93er« trauens frage stellen. Erst dann wird man sehen können, wie die Situation der Regierung ist. Jedenfalls wird sich die Mehrheit nicht sehr hoch beziffern, da die Sozialisten zum Teil der Regierung den Rücken kehren.
» Die mgl scheu Frauenrechtlerinnen haben schon etwas erreicht. Der Ministerpräsident Asquith hat eine Deputation der Vereinigung für Frauenstimmrecht empfangen, die ihn um Unterstützung einer Unterhausmitgliedes G. I. Shakleton bat. Der Entwurf verlangt, daß jede Frau, die mindestens 250 Mark Miete pro Jahr zu zahlen hat, das Recht hat, an den Wahlen zum Parlament teil«
Der Kruckensepp eilte zum Fenster und blickte nach dem Kienlingerhofe. Mächttg schlug aus demselben die Feuerlohe empor- Die Flammen züngelten um das mit Schindeln gedeckte Haus, der Wind blieS Butein und entfachte das Feuer, so daß bald daS ganze Gehöft in Flammen stand. Viele legten Hand an, um des Elements Herr zu werden, aber aff’ ihr Bemühen war nutzlos. An drei Stellen war das Feuer zum Ausbrach gekommen, und bald war der Hof bis auf die Grundmauern niedergebrannt.
Entsetzt blickte der alte Wurzelgraber nach der Feuerstätte. Er wußte nicht, wie ihm auf einmal geworden war. Er gedachte der Szene, die sich seinerzeit z-oischen Gustel und dem Bartl abgespielt. Ob nicht der selbst seinen Hof angezündet?"--
„Wo ist denn Gustel?" frag er jetzt ängstlich Sepherl, die bei ihm stand.
Da wurde die Tür hastig aufgestoßen und keuchend, außer Atem, stürzte Gustel herein. Hinter ihr folgte der Kienlinger Bartl mit einem Gendarmen
„Rosner! — Kruckensepp! Schützt mich!" stieß sie hastig und erregt hervor, und fiel zu Tode ermattet in die Arme des Wurzelgrabers.
„Nehmt die Brandlegmn fest!" wandte sich Bartl an den Gendarmen-
„Da werd ich doch auch ein Wört l dreinzureden haben", meinte der Rosner, zornig über das Begehren Bartl.
„Das geht den Rosner nichts an, da hat das Gericht zu reden. Die Gustel hat mein Hof anzunden, sie ist eine Brandlegerin und g'hört ins Zuchthaus!" schrie wieder der Kienlinger.
„Du niederträchtiger Lump, Du!" Die elende Anschuldigung Bartls hatte allen Zorn in Gustel entfesselt. „Deswegen, weil ich Dir mein' Ehr' ntt geopfert hab', deswegen fuchst mich zu verderben und sagst, daß ich Dein' Hof anzunden hall!" Du willst mich ins Zuchthaus bringen! Ihr Auge glühte, alle Fibern zuckten, und voll Verachtung stieß sie die Worte hervor: „Pfui, Du schandloser Kerl, Du! Wo Du mich hinbringen willst ins Zuchthaus, da hörst Tu schon lang hinein "
„Still, Brandlegerin", fuhr Bartl das in gerechten Zorn geratene Weib an. „Ich hab' ja g'fehen, wie Du um mein Hof herumgeschlichen bist. Du und niemand anderes hat mein Hof anzunden."
„Ich aber sag' Dir, Du hast Dein Hof selber anzunden!" schrie wieder Gustel
„lind wenn Du s auch noch so leugnest, Du bist überführt. Ich hab mit eigenen Augen g'fehen, wie Du den Brand auf mein’ Hof g'worfen hast "
DaS war zuviel. Gustel stürzte sich auf Bartl und nur mit Mühe gelang es den Anwesenden, das sich wie wütend gebärdende Weib von Bartl loszureißen.
„lind wann Du noch nie in Dein' Leben ein Lug"’ g’rebet hast, das wär Dein' erste Lug. Mit Deinen eigenen Augen hast Du's g seh'n? — Dann soll'n Dir die Geier die Augen auskratzen, denn Du bist nit wert, daß Du stehst!"
Der anwesende Gendarm wollte allem ein Ende machen. Er trat auf Gustel zu und erklärte sie für verhaftet.
Laut schrie fie auf.
„Du hast erreicht, was Du woll'n hast", sagte sie mit dumpfer Stimme. „Ob' mein Unschuld an den Tag kommt, das weiß ich nit. Aber Dir soll s G'wis- fen fein’ Ruh’ lassen; es soff Dich verfolgen bei Tag und Nacht und Dich immer und immer an die Stund erinnern, wo Du ein unschuldiges Weib ins Zuchthaus g'bracht hast."
Dann wandte sie sich an den Wurzelgraber und meinte mit von Schluchzen erstickter Stimme: „Wie alles aussaffen mag — unser Herrgott weiß es-" Sie ergriff seine Hand. „Sepp, Du bist mir Freund g’wefen, feit ich in das Haus kommen bin. Schlag mir das nit ab, um was ich Dich jetzt bitten will: Nimm Dich an um mein Kind. — Heb' rnir's auf bi8 ich wieder komm'."
Sepp versprach ihr das.
„Ich dank Dir. Und nun b'hüt Euch Gott!" Sie reichte dem Rosner, Sepherl und dem Kruckensepp nochmals die Hand, bann führte sie der Gendarm ab
(Fortsetzung folgt.)