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JV5 132.
Fulda, Montan den 13 Juni 1910.
37. Jahrqanq.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 11. Juni 1910.
Das Haus setzt die Beratung der Vorlage betr. das Wohnungsgeldzuschuß- und Mietsentschädigungs- gesetz |ou.
Abg. Boisly (natL) beklagt die Deklassierung der 100 Orte und meint, das Reich könne ja dem Vorgehen Preußen folgen und durch eine neue Ortsklaflen- rinteilung die Verschiedenheit beseitigen.
Abg. Rewoldt (freikons.) erklärt, daß seine Fraktion in ihrer Stellungnahme nicht einig sei. Jedenfalls würde man ernstlicd prüfen müssen, ob ein Scheitern der Vorlage dem Zustandekommen in der von der Regierung vorgeleglen Gestalt »orzuziehen sei.
Abg. Waldstein (Fortschr. Bolksp.): Wir werden, wenn die Kommst sionsbeschlüffe nicht aufrecht erhalten werden, gegen das Gesetz stimmen.
Abg. Ströbel (So;.): Für die Krone sind Millionen übrig, für die Beamten nicht. Sie werden bei den nächsten Wahlen die Antwort geben und sozialdemokratisch wählen.
Die ersten drei Artikel des Gesetzes werden in der Kommifsionsfaflung angenommen und die Anträge auf Beseitigung der Deklassierung abgelehnt.
Rach Art. 4 soll den Beamten, für welche die neue Ortsklasteneinteilung eine Verringerung ihres Bezuges an Wohnungsgeld mit sich bringen würde, bis zu einer etwaigen Versetzung der bisherige Betrag fortgewährt werden, soweit nicht durch eine Steigerung des Diensteinkommens ein Ausgleich eintritt. Die Kommission hat .den Artikel dahin erweitert, daß diese Bestimmung bis zum 1. April 1918 Geltung haben soll, daß also die betreffenden Beamten bis dahin ihre bisherigen Bezüge behalten sollen, falls nicht schon vorher durch Steigerung des Dienfteinkornmens ein Ausgleich erfolgt.
Finanzminister v. Rheinbaben wiederholt, diese Bestimmung fei unannehmbar.
Abg. v. Hennings-Techlin (fonf.): So sehr wir die Bestimmung der Kommission den Beamten gewünscht hätten, so können wir doch auf ihre Annahme nicht dringen, weil sonst die Mehrzahl der Beamten der Vorleite, die die Vorlage ihnen bringt, verlustig geht.
Abg. Boisly (ntl.f: Wir wollen das Provisorium solange belassen, bis eine neue gute Grundlage geschaffen wird.
Abg. Rewoldt (frt) tritt für die Annahme der Kommisstonsbeschlüffe ein.
FinanMinister Frhr. v. Rheinbaben: Machen Sie das Zustandekommen des Gesetzes nicht unmöglich!
Abg. Boisly (ntt.) ersucht trotz dieser Erklärung um Annahme des Kommissionsbeschluffes. Es w rd abgeflimmt. Der Kommissionsb e schI uß zu Artikel IV wird angenommen. Die Mehrheit setzt sich zusammen aus der Linken, einem Teil des Zentrums und einem Teil der Rechten.
Auch der Ren des Gesetzes wird in der Kom- mifstonsfassung angenommen.
Das Haus trat darauf in die dritte Beratung der Vorlage.
Nachdem der Finanzminister v. Rheinbaben nochmals betont hatte, daß die Regierung der Vorlage, wir sie aus der zweiten Beratung hervorgegangen fei. Nicht zusiiimneu könne, erklärte
Abg. v. Oertzen (freit.) .• Nach der Erklärung des Finanzministers (Abg. Hoffmann: fallen wir um: Heiterkeit!) Herr Hoffmann, es gibt Leute, deren geistige und erziehliche Veranlagung es ihnen möglich macht, Gegengründe zu würdigen, uns anoere, die bei ihrer geistigen und erziehlichen Veranlagung Gegengründe nicht verstehen löunen. (Sehr gut! rechts.) Wir wollen das Gesetz nicht scheitern lasten und stimmen deshalb für den Antrag Hennings.
Abg. Dr. Schröder-Kassel cmlL): Ein Teil unlerer Partei ist für ore Kommistionsbefchlüsse, ein anderer für die Regierungsvorlage.
Abg. Dr. v. Savigny (Zentr.l: Wir stehen vor der Frage, das Gesetz scheilern zu lasten oder den Beamten die Vorteile zukommen zu tasten. Wir sind für etzteres.
In der Abstimmung wird der Artikel IV nach der Regrerungsvorlage wiederhergestellt und das ganze Gesetz in dritter Lesung angenommen.
Es folgt die zweite Beratung der Nogaivorlage.
Die Kommistion hat neben einigen anderen rienve- rungen die Beitragspflicht des Elbinger Deichverbands ermäßigt.
Ein RegierungSkommiffar erklärt das für unannehmbar.
Mtt Rücksicht ans diese Erklärung wird die Regierungsvorlage wieder hergestellt.
Die Rogatvorlage wird auch in dritter Lesung en Hoc erledigt.
Montag: Sekundärbahnvorlage, Anträge und Petitionen.
+ Prozeßberichte.
Wenn man die Bedeutung eines Gegenstandes nach dem Umfange bemessen dürfte, der ihm in den Spalten der Zeitungen zugewiesen wird, dann gäbe es in diesen Tagen für das deutsche Volk kein wichtigeres Ereignis als den Prozeß in Allenstein.
Die großen Blätter von der „Kreuztttg.' angefangen bis zum „Vorwärts' bringen Prozeßberichte, die fast ein Viertel des gesamten redaktionellen Teiles in Anspruch nehmen. Wie ungeheuer wichtig muß der Fall fein, der vor dem Schwurgerichte in dem ost- preußischen Lantffiädtchen verhandelt wird, daß er ein solches allgemeines Interesse beanspruchen darf, ein Interesse, das nur die weittragendste politische oder soziale ober kirchliche Bedeutung Hervorrufen kann. Ach nein! in dem Prozeße gegen die Frau des von dem ehebrecherischen Kameraden ermordetefr Maior von Schönebeck kommt keinerlei höheres Interesse in Frage, es handelt sich um die Tragödie einer Ehe, wie sie m höheren und niederen Kreisen auch sonst vorkommt, deren handelnde Personen für die Allgemeinheit keinerlei Bedeutung besitzen. Eine Freveltat aus verbrecherischer Nnfittlichkeit, die nur Abscheu erwecken kann, deren Urheber durch kein höheres Motiv wenigstens entschuldigendes Mitleid beanspruchen können, soll der Sühne des irdischen Richters entgegengeführt werden- Rur traurige Bilder aus den Niederungen de? Lebens werden in den Verhandlungen entrollt. Welches Interesse kann die Al l g e m e i n- heit daran haben, diese Bilder mit kinematographi- scher Trerre vorgefiihtt zu erhalten?
Daß die S e n s a t i o ns p r e s s e der Generalan- zeiger usw. sich des Falles begierig annimmt, mit breitem Behagen die Schlafzimmergeheimnisse ausmalt, mit wollüstiger Gier den schmutzigen Pfaden der sexuellen Verirrungen nachgeht, die schöne Sünderin mit dem Glorienschein des Heldentums umgibt, kann fa weiter nickt wundernehmen. Aber auch ernste Blätter ver- öfsenüichen spaltenlange Berichte, erzählen in breitester Ausführlichkeit den Gang der Verhandlungen, die Einzelheiten der Mordtat, der verbrecherischen Beziehungen der Angeklagten zu dem Mörder, ihrer ^sexuellen Mzenlagung und Verirrung. Welchem Zwecke raiin dies dienen? Man sage nicht, daß der Prozeß für Juristen und Aerzte Interesse habe. Diesem Interesse kann die juristische und medizinische Fachpresse dienen, die Tagespresse hat ihm nicht zu dienen Juristisch bietet der Prozeß nicht einmal Bemerkenswertes, zu einem Praktikum in der se- jueffen Pfvchopatholoaie aber darf die Tagespresse niemals der Raum fein.
In mehreren Blättern, die im übrigen die Berichterstattung über diesen Prozeß nicht abgelehnt haben, sindcn wir Ausführungen, die gleichsam eine Entschuldigung darstellen tollen. Da beißt es z. B.:
„Spaltenlimg muß der Chronist des Eerichts- saales die ehelichen und unevetichen Schlaszimmer- geheimmffe der Fran A O. Weber a usein an veil eg en, an» der Zeitungrkef« fühlt sich mehr oder minder verpflichtet, dieses Kullurdrld aus Allenstein sich möglichst genau anzufehen. Wer ist schuld daran? Manche unter de» ZestungUesern glauben, die Zeitung. Die Zeitung, sage» sie, macht ja die öffentliche Meinung. Ach nem, der Zeumigsfchretder ist nicht fo sehr der Herr der öffeutlichen Meinung als ihr Diener. Oder rst etwa der Schulmeister wirklich der Meister seiner Schule? Er dient. Der Zeitungsschreiber kann so wenig wie ent Staatsmann, fo wenig wie irgendein anderer Zett^noffe dem Strom der Zeit fe uert Weg weifen. Er kann im besten Fall verjuchen, sich bann
mit Anstand zu behaupten; aber er muß in und mit diesem Strom schwimmen wie jeder andere. Das Publikum macht auch die Zeitung. Wage es doch ein Blatt, feinen Lesern eine Sensation vom Schlage dieses Allensteiner Prozesses vorzuenthalten. Das Publi- tum m feiner Gesamtheit, auch eine besser erzogene und geschmackvollere Gruppe des Publikums verlangt die Sensation, mit der alle anderen Zeitungen ihren Lesern aufroarten."
Das ist leider zu einem großem Teile richtig, aber doch nicht ganz. Mehrere große Zentrums- blälter haben über den Prozeß bis jetzt keine aus- führlicheren Berichte gebracht. Es geht auch fo. Und wenn in dem erwähnten Artikel hmzugefügt wird:
.Die Presse könnte sich der unangenehmen pubki- zistsschen Pflicht zur Veröffentlichung solcher Prozeß- berichle nur entziehen, wenn es möglich wäre, alle Zettungen unter einen Hut zu bringen. Das aber ist unmöglich.'
so halten wir das auch nicht für richtig. Wenn alle die Blätter, welche dies für sachlich richtig halten, die Prozeßberichte ablehnen wollten, so wäre damit schon viel gewonnen, und wir haben keinen Zweifel, daß sie bald viele Nachfolger finden würden. Gewiß werden nicht alle Blätter sich dem guten Kampfe anschließen, aber die, welche es tun, find sicherlich nicht die schlechtesten.
Anderwärts wird Klage darüber geführt, daß das Allensteiner Gericht für einen Teil der Verhandlungen zwar die Oeffentlichkeit ausgeschlossen, aber mehrere Preßberichterstatter zugelasfen habe. Auch wir können diese neuerdings beliebte Praxis nicht billigen. Es ist zweifellos richtig, daß ein derartiger Ausschluß der Oeffentlichkeit einfach illusorisch ist. Aber die Presse selbst hat es sa in der Hand, den Mißstand zu beseitigen, indem sie die Berichte nicht zum Ausdruck bringt.
Im Falle des Allensteiner Prozesses ist schlechterdings auch kein einziges Moment zu finden, das die Veröffentlichung ausführliche Verhandlungsberichte rechtfertigen könnte. Die Mitteilung des Tatbestandes und des lltteilSspraches würde für die Allgemeinheit vollständig genügen. Aber angesichts dieses Schulbeispiels möchten wir an die gesamte ernste Pceffe die Frage richten, ob es nicht an der Zeit sei, dem .Elend der allzu ausführlichen, allzu sensationellen, allzu unablässigen Berichter« tattnngen über menschliches Elend fitüicher und natürlicher Art' ein Ende zu machen. Nicht der Gesetzgeber soll einschreiten, sondern die Selbsthilfe aller, denen der Beruf der Tagespresse nicht die Vermittlung aller Sensationsnachrichten, nicht die Befriedigung der Wünsche eines unverantwortlichen und irregeletteten Leserpublikums ist, sondern di« feste Aufgabe, das Volk zu unterrichten und zu erziehen, es zu v eredeln, seine mora- lische Kraft zu schützen und zu stärken.
Deutscher Reich.
** Berlin, 12. Juni 1910. Der deutsche Bot- chasler in Konstantinopel, Freiherr o. Mar- chall, ist am Samstag in Berlin eingetroffen. — Albert Träger, der fortschrittliche Palla- m«datier, feierte am Sonntag seinen 80. Ge- burt-tag. Dem Reichstage gehört er mit geringer Inkcrbrechung feit 1874, dem preußischen Ab- geo.bnetenhaufe seit 1879 an. — In Schwerin land am Samstag nachmittag in Gegenwart des Kaisers die Tause des Erbgroßherzogs von Mecklenburg-Schwerin statt. — Der,Reichsanz/ veröffentlicht das Stell en ver mitt ler-Gesetz vorn 2. Juni 1910. —Der diesjährige sozial- demo kratische Parleitag wird vom 18. bis 24. September in Magdeburg fiattfinden.
X Das Abgeordnetenhaus wird das Eisen- ! ahn - Anleihegesetz erledigen und bis nächsten Donnerstag noch Anträge, Petitionen und vielleicht noch die eine oder andere kleine Vorlage
beraten. Das Herrenhaus gedenkt in drei Sitzungen vom 14. bis 16. Juni die vom Ab- geordnetenhause überwiesenen Vorlagen fertigzu- stellen. Die gemeinsame Schlußsitzung der beiden Häuser des Landtages dürfte am 16. Juni stattfinden.
Der neue Staatssekretär des Reichs- Kolonialamtes, v. Lindequist, übernahm am Samstag formell die Leitung der Geschäfte. Er versammelte die Beamten des Reichs - Kolonialamtes um sich und behandelte vor ihnen die näch- sten Ziele der deutschen Kolonial-Politik, wobei er die Hoffnung auSdrückte, daß die koloniale Beamtenschaft ihn bei der Lösung der schwierigen Aufgaben mit dem alten Pflichtgefühl und Einmütigkeit unterstützen werde.
* Ei» kommender Mann ? Man rechnet in politischen Kreisen damtt, daß der preußische Minister des Innern, Herr v. Moltke, von seinem Posten in nicht allzuierner Zett zurückzutreten gedenke. Und hier und dort hat man bereits nach einem Nach- folger für ihn gesucht und als solchen den derzeitigen Regierungspräsidenten in Aachen, Dr. juristisch v. Sandt, genannt. Das klingt, so schreibt die ,N. G. (£.', gar nicht so sehr unwahrscheinlich. Denn Herr v. Sandt ist einer der Bevorzugten beim Kaiser von seiner Bonner Studentenzeit her. Während der Kaiser als Prinz Wilhelm in Bonn studierte, ging er im Hause des Landrats v. Sandt, des Vaters des jetzigen Regierungspräsidenten, ein und aus. — Eine besondere Qualifikation zum Minister verbürgt das allein noch nicht. Hoffentlich hat Herr v. Sandt noch andere Vorzüge.
(*) Einer Auflösung des Reichstags wird in der „Magdeb. Ztg." das Wort geredet. Der natioualliberale Reichstagsabg. Strefemann führt dort in einer Betrachtung über „das Ende der Aera Dernburg' aus:
Der Abgang Dernburgs ist der schwerste Schlag, der den Reichskanzler tm gegenwärtigen Stadium der politischen Berhältniffe treffen konnte. Nun ist er ganz in Abhängigkeit der neuen Mehrheit, die reinen Tisch gemacht hat mit allem, was sein Vorgänger dem deutschen Volke an neuer Politik schenken wollte. Ob die neue Mehrheit eine Mehrheit bleiben wird, steht aber sehr dahin. Wenn sie es nicht mehr ist, bann wirb vielleicht auch die Zett kommen, wo man Dern- burg selbst ober einen zweiten Dernburg Hervorholk aus ben Kontoren ber Großbetriebe, um ihn an biefelbe ober eine ähnliche bedeutsame Stelle des Staatskörpers zu setzen.
In einem weiteren Artikel aus Berlin wird dem Reichskanzler zugeredet, sich zu überlegen, „ob nicht, da ein Ausgleich der politischen Gegen- ätze doch nicht mehr zu erwarten ist, ihr baldiger AuStrag durch allgemeine Reichstagswahlen zu wünschen »fite.* — Merkwürdig, daß die Liberalen bei jeder Gelegenheit Sehn- ucht nach Neuwahlen zur Schau tragen. Uyd Dabei geht seit Jahrzehnten eine Neuwahl nc ch der andern hin, ohne daß sie auf einen gtüm n Zweig kommen können. Jetzt glauben sie weg« 1 des einen Oletzko-Lyck-Johannisburg wieder di phantastischsten Hoffnungen hegen zu dürfen. Und dabei haben mit dieser einzigen Ausnahme alle Nachwahlen seit Jahresfrist den Liberalen nur Stimmenverluste gebracht! Etwas naiv ist auch, meint die ,Germ/„ die Auffassung des Abg. Strefemann, daß ver Reichskanzler nach dem Übgange Dernburgs verloren, verraten und verduft fei. Natürlich, Herr Dernburg war ja iberal, und ohne die Llberaken geht es nicht.
*♦ Die Ehe der Prinzesfiu Agathe von Ratibor wird in verschiebenen liberalen Blättern seltsam kommentiert. Die ,Magdeb. Ztg.' (Nr. 288) behauptet, die katholische Kirche habe diese Ehe „ge-
Jm Herrgottswmkel.
1] Erzählung aus den Bergen von Alfred Berus.
Ein Berg reiht sich neben den andern, und eine Kuppe ragt neben ber andern. Und im Tale, ringS eingeengt, breiten sich Grasplätze aus, auf welche« das Vieh den Sommer und Heckst über auf die Weide geführt wird, Triften, welche fanft ansteigen bis zu den waldbestandenen Höhen hinan, und mitten durch aff’ das Gelände rauscht der Bach, der besonders im Frühjahr, wenn es rings auf ben Gehängen und in de» oberen Talschaften zu tauen beginnt, gewaltige Waffer- massen vor sich her wälzt und nicht selten großen Schaden anrichtet.
Am oberen Ausgange des Tales stehen einige Häuser. Diese bilden keinen Ott für sich, sondern gehören zu der Gemeinde Grissenbach; im Volksmunde heißt aber dieses Erdenfleckchen der „Herrgottswinkel". Wenn man von hier nun emporsteigt, das wald- bestandene Gelände hinaus, führt unter mächtigen, uralten Bäumen, unter wirr verschlungenem, üppigem Buschwett ein schmaler, nicht zu leicht ettemibarer Pfad immer tiefer und tiefer in des Waldes Einsamkeit hinein. Da hebt das Menschenherz zu sinnen und zu träumen an, und die Gedanken verklären sich zu einem stillen Weihegebete zu dem, der den Wald gebaut so ft bro^€n- Und wenn ein Wind durch die Aeste und da ein goldener Sonnenstrahl durch L-hia Tannenschatten bricht, wenn deS Aveglöck- vb#r ,^ct5n bom unfernen Griffenbach heraus t8 fo V®’1, und den Abend einsingt, da wird feiettich im^Mensch^hEm
der tteidsämm^rackü^' ^gt ein junger Mann tu biegt dann in Tine? sS? in Me Höhe hinan, Hause führt. Seitenpfad ein, der zum Forst- fcanSiTäerMen ^affh" gan8 tn ®e*
ft achtet heute nicht auf das geheimnisvolle Flüstern »er Waldbäume, für die Natur, an der er sonst mtt ganzem Herze» hängt, hat er heute keinen Sinn, keine Empfindung.
Jetzt hat er das Joch erreicht. Ein einfaches, schlichtes Hokzkreuz steht hier, zur Sette eine Bank. Er fetzt sich nieder, stützt sein Haupt in seine Hände und sinnt und ffimt
Wer ihm das vor drei Jahren gesagt hätte, als er dieGufttt, fein fetziges Weib, zum Altar gefühtt hatte! Wenn er das geahnt hätte! Und nun war es zur Wahrheit, zur bitteren Wahrheit geworden. .Wie könnt' ich Mckich sein, wie könnt’ ich mich meines Lebens freuen, hott' ich ein braves Weib!' entpreßt es sich jetzt seinen Lippen. „Drei Jähr' ist s her, daß ich sie ;um Altar geführt hab’. Wie hab' ich damals in di« Zukunft geblickt, und hab ein schönes, glückliches Leben vor meinen Augen gesehen Werd glücklich, Hans, hat mir der Baier gesagt! Nein, nein, glücklich .. . glücklich bin ich nit worden?'
Er starrt eine Weile vor sich hin. Plötzlich springt er auf, reifet das Gewehr von seiner Schulter und mit zitternder Hand ladet er es.
„Ein End' muß haben . . . entweder ich oder siel'
Er betritt ben Weg, der hinab nach Grossen buch führt. Dort wird heut Kirtag gefeiert, dort raufe er hi«. Er will sich überzeugen, vorerst, was die Leute reden über ihu, über sein Weid- Und wenn «8 wahr ist . . wenn «s wahr ist ... Rasch eilt et ben Weg hinab.
Es find noch wenige Leute dort. A» einem freien Tisch nimmt er Platz, nachdem er vorher fein Gewehr an den Gattenzaun gehängt.
.Grüß Gott, Hans!' begrüßt ihn jetzt eine Stimme. ES ist der Krnckmsepp, der Wurzelgraber, ein in der ganzen Gegend bekanntes Männlein, mit weißen Haaren, kmmmem Rücken und zerschlissener Gewandung.
Sie plauder» missammen, aber ben Ecker scheint heute nichts sonberlich zu interessieren- Bor seinem
geistigen Auge steht fein Weib, und fein Herz blutet ihm bei dem Gedmiken, daß es seiner Liebe nicht wett sei.
Jetzt drangen luftige Tanzweisen von der Straße herüber. Die Grallenbacher kommen. Einen Ländler auffpielend, betreten die Musikanten den Platz und begeben fich durch einen Reisigbogen, aus den festlich geschmückten Tanzboden. Eine Anzahl Burschen schmucke Mädel am Arme führend, folgt ihnen dahin^ während die älteren Männer mtt ihren Weibern gleich btt Cen Tischen Platz nehmen oder fich zur Kegelbahn begeben.
Bald herrscht lustiges betriebe Die Alten plaudern und imterhakten sich in ihrer Wttse, die Jungen tanzen. Httsa? Wie sie dahinfliegen in jugendlichem Uckermut, daß auch so manchem Mm das Herz im Leibe lacht und er der Zeit gedenkt, wo er auch so jung gewesen und lustig und freudig herumgesprun- gen war.
-Gelt. Hans, lustig ist's da!' ttef fetzt der Kru- ckenfepp dem Ecker zu und schreckte ihn ans den Gedan- gen, die durch seine Seele stürmten.
.Laß mich. Sepp,' sagte dieser. Dann stand er auf und wollte fort.
.Bleib,Hans,' hielt ihn 6er Alte zurück.
-Aber ich dass fa nicht unter die lustige Gesellest- Ick wollt nur -. und dabei richtete er seinen Blick nach dem Tanzboden.
In diesem Augenblick ging der Moosbauer an dem Tisch, wo Hans saß, vorüber.
G- allein?' fragte er den Förster, „wie rin wo jeder Grillenbacher mid Herr- gottswmkler nut sein’ Weib auf« Kirtag «fit? Wo haft du dein Weib?'
„Laß’ mich, Moosbauer,' sagte Hans halb erregt.
„Die wird fich wahrscheinlich mtt rin andern unterhalten Schänd' g’nug für dich, wenn du ihr nit ein’ Herrn zeigen kannst.'
„Reiz mich nit, Moosbauer!' schrie Hans auf und sprang, die Hände geballt, emfcc-
„Jch wollt' dich ja nit kränken', begütigte dieser. ..Aber ist bas ein Geyörtsich für ein verheiratetes Weib, sich mit ledigen Burschen abzugeben?'
Der Moosbauer hatte mtt diesen Watten das Herz des Försters getroffen. Zitternd fuhr er sich mit seiner Hand durch das Haar. Sein Körper bebte. Oefsent- lich wurde ihm ein Schimpf angetan. So weit war es schon gekommen, daß er durch sein Weib zur Zielscheibe des Gespöttes geworden. Tiefe Verachtung gegen sein Weib übettara ihn. Run wurde es ihm klar, daß ttwas geschehen müsse. Er setzte fich nieder, stützte sein Haupt in die Hand und brütrie vor sich hin.
Während Hans nun so dasaß nnb vor sich hin- beschäftigten fich ttnige Bäuerinnen mit einem ßlten Weide, der Holzklauber-Raiidl, wttche ein kleines weinendes Mädchen an der Hand führend, soeben den Platz bttretcn hatte.
„Wo hast es berat her, das Kindett?' frag eine Bauerm.
„Im Wald hab' ich's gefunben,' antwortete Randi ® weint hat das Menscherl und nach seiner Mutter verlangt. Hab's daherg'sührt, weil ich nit weiß irem’8 gchött.'
Die Bäuerin sah in das Gesicht des Kindes und uef dann verwundert atis: ,J. das ist ja dem Ecke, sein ff eines Liefert!'
Hans, der seinen und den Romen keines Kinder nennen gehört, sprang auf. Da führte ihm die Holz- ffauber-Nandl schon sein Kind entgegen.
„Lies«!!' Dumpf kam dieses Wort aus seinem Munde. Dann hob er es auf seinen Arm und küßte es.
„Me kommst du zu dem Kind?' frag er die Holz- ffaubenn. 8
$?6 ic$’3 im Wald, ganz nah brira Wilsbach. G wemt hat's und nach seiner Mutter ver- langt,' kauttte die Antwort-
Hans flimmerte es vor den Augen; sein Gesicht wurde aschfahl und nur mühsam unterdrückte « tiaen Wutausbruch.
(Fortsetzung folgt.)