M 151.
Samstag den U- 3uni WO.
37. Jahrgang.
* fuldaer U Leitung«
2. Blatt.
Druck und Verlag der Znldaer Actlendruckerel in Selbe.
Wochen-Kundschau.
[:] Fulda, 10. Juni 1910.
Die Schlußabrechnung im Konkurse des Bülow- blocks ist also da: Dernburg, dle letzte Saule der Blockherrlichkeit, schwindet nachdem der Reichskanzler von Bethmann Hollweg durch ferne ganze Haldmg keinen Zweifel darüber gelassen hat, daß er sich nicht dauernd mit der Blockstimmung ,n die ihn Bulow nm- lich in Rom hineinverseht hatte, belasten null. So scheidet Dernburg denn vom Schauplätze der Politr- schen Tätigkeit, wohl, um sich wiedemm ins wohlbezahlte Bankleben zurückzuziehen. Vom rein polittschen Standpunkte aus haben wir Dernburg keine Tränen nachzuweinen; er war stets unser Gegner und hat von Anfang an fanatisch gegen uns gekämpft. Natürlich behauptet jetzt die liberale Presse, das Zentrum habe Dernburg gestürzt. Die Liberalen genieren sich nicht im mindesten, die Entlastung der ihnen nicht genehmen Minister zu verlangen, stürzt aber einer ihrer Schützlinge, so erhebt die liberale Preste ein entrüstetes Zetergeschrei über das heimtückische Zentmm, das die Schuld trage. Mit derartigen Behauptungen will man ein mehreres erreichen: die wahren Gründe des Sturzes sollen vertuscht, der Haß gegen das Zentrum soll geschürt, und dem Gestürzten soll die Sympathie des Volkes gesichert werden- Ein Opfer der Zentrumsbosheit erweckt immer ganz besonderes Milleid und wird nicht nur für unschuldig, sondern auch für etwas außerordentlich Tüchttges gehalten. Welch ein hervorragender Mensch muß jemand sein, wenn das Zentrum ihn mit seinem unversöhnlichen Haß fortgesetzt verfolgt und nicht ruht, bis er zur Strecke gebracht ist! Nirgends weiß man bester als im Zentrum, daß so leicht keiner Minister wird, der als bei ihm gut angeschrieben gilt, und den es begünsttgen soll, während nichts geeigneter stt, einen Minister in seiner Stellung zu befestigen, als Angriffe des Zentrums auf ihn. Das Zentrum ist weder geneigt, noch in der Lage, Minister- stürzerei zu treiben. Trotzdem Dernburg seine amtliche Laufbahn mit einetr Bosheit gegen das Zentrum, deren Gehässigkeit nicht mehr zu übertreffen war, einleitete, hat die Partei immer und ausschließlich ihre Stellungnahme zu ihm von der sachlichen Beurteilung seiner Politik bestimmen lasten. Das Zentrum hat öfters diese Politik bekämpfen müssen, aber auch die Genugtuung gehabt, daß Deämburg in manchen Punkten sich den vom Zentrum vertretenen Gmndsätzen an- schließeu mußte. Diese Genugtuung war zweifelsohne viel schöner und glänzender als es ein Sturz des Staatssekretärs hätte sein können. Das Zentrum hat keine Veranlassung gesehen, den Rücktritt des Staats- sekrolärs zu wünschen, ebensowenig hat es allerdings Veranlassung, sich über fein Scheiden zu grämen. Dernburg ist nicht gestürzt worden, sondern er ist zurückgetreten, weil seine Stellung schon lange erschüttert war Mit dem Rücktritt des Fürsten Bülow hatte auch die Stellung Dernburgs ihren stärksten Rückhalt verloren. Die eifrige entscheidende Mitarbeit Dernburgs an dem Zustandekommen der Reichsfinanzreform läßt indessen wohl den Schluß zu, daß er zunächst nicht geneigt war, dem Beispiele seines Gönners zu folgen. Aber seine amtliche Sttk.lung wurde bald darauf unhaltbar. Sein Verhältnis zu seinen Ministerkollegen wie zu den ihm untergeordneten Beamten wurde wegen seines autokratischen Wesens immer unerquicklicher, der »wegen feiner rauhen Formen unbeliebte Bankdirektor" übertrug diese Formen auch auf den Verkehr mit seinen Beamten- Die schweren Differenzen mit den Ansiedlern ließen eine ersprießliche Wirksamkeit kaum noch zu. Im Reichstage hatte er keine sichere Mehrheit für seine Pläne und Forderungen. Dazu kamen dann noch äußere Einflüsse gewisser mit ihm unzufriedener Kreise, die gegen ihn arbeiteten, sodaß er in der Erkenntnis, daß feine Stellung unhaltbar geworden fei, den Entschluß zum Rücktritt fassen mußte.
Der preußische Landtag ist kurz vor Toresschluß unerwartet vor eine eigenartige Aufgabck gestellt worden. Auf Grund von Interpellationen, die von der konservativen, der freckonservatwen und der nationalliberalen Fraktion eingebracht waren, hat das Abgeordnetenhaus am Donnerstag eine kritische Be- sprschung der letzten päpstlichen Enzyklika vorgenommen. Den einzig korrekten Standpunkt, daß kirchliche Angelegenheiten nicht vor ein politisches Forum gehören, hat nur die Zentrumsfraktion eingenommen, und es ist ein eigenartiger Humor bei der Ge
schichte, daß gerade diese Stellungnahme des Zentrums als neu-r Beweis seines konfeffionellen Charcckters dargestellt wird, während zweifellos das Prädikat einer konfessionellen Partei mit viel mehr Grund den Parteien zunckannt werden müfete, die den kirchlichen Stilett zu ihrer eigenen Parteisache gemacht haben. Die Staatsregierung gab die Erklärung ab, daß der preußisch» Gesandte bei der Kurie Verwahrung eingelegt und Genugtuung verlangt habe. Sämtliche Redner im Abgeordnetenhaufe betonten den dringenden Wunsch der Erhaltung und Sicherung des konfessionellen Friedens Wir müssen auch heute noch bezweifeln, ob die Verhandlung des EnzyMastrettes vor dem Parlamente geeignet gewesen ist, diesen Frieden zu fördern. Aber um so dringender möchten wir jetzt wünschen, daß die weitere Behandlung der Angekegen- hett in der Oeffentlichkeit und in der Presse in erster Linie sich von der Rücksicht auf die Erhaltung des konfessionellen Friedens leiten laffd Leider besteht nur geringe Gewähr dafür. Von Seiten insbesondere des Evangelischen Bundes wird eine überaus gehässige Hetze gegen die deutschen Katholiken betrieben, die nicht nur aus einem verständlichen Exzeß der Reaktion zu erklären ist, sondern zu einem erheblichen Teile dem Bedürfniffe nach parteipolittscher Ausnutzung des Streites entspringt- Der Evangelische Bund und der Antiultramontane Reichsverband fordern in ihren Kundgebungen offen den Kampf gegen das Zentrum. Von liberaler Seite wird versucht, die protestantische Bcvölkemng in ein- feindselige Stellung gegen die konservattve Partei hineinzuhetzen, mit der unwahren und gehässigen Unterstellung, daß diese durch ihr ver- schiedentlicheS politisches Zusammengehsn mit der Zentrumspartei die protestanttschen Interessen verrate. Im Abgeordnetmhause haben die fortschrittlichen Redner dieses Ziel mit aller wünschenswerten Offenheit zugegeben, und nur der gewaltsame vorzeitige Schluß der Debatte verhinderte, daß die Verhandlung in eine gehässige parteipolitische Auseinandersetzung ausartete. Sehr bemerkenswert war die Demaskierung der liberalen Redner, weil sie vor aller Welt die Absichten klar- legten, welche von ihnen mit dem Protest gegen die Enzyllika verbunden waren. Die „Tägl. Rundschau" spricht die intimsten Hoffnungen der liberalen Kreise aus, wenn sie jubelt: »Ter zehnte Pius, dieser leiden- schafüiche Feind der Reformatoren, ist selbst wider Willen zum Reformator Germaniae geworden, zu einem kleinen Erneuerer Deutschlands. Was heißen Bemühen der deutschen Politik nicht gelang, das hat er spielend geleistet: auf Zeit wenigstens Zentrum und Konservative zu trennen, den alten Block wieder herzustellen."
In O e st e r r e i ch hat soeben Kaiser Franz Joseph durch seine Bosnien-Fahrt gezeigt, wie man Nationalitätenpolitik treibt. Trotz seiner hohen Jahre hat der Kaiser seine neuen Landeskinder in den im vorigen Jahre annektierten Provinzen Bosnien und Herzegowina besucht, und seine gewinnende Persönlichkeit hat die Herzen im Sturme erobert- Das „Knüt- tern" der russischen „Nowoje Wremja" zeigt, wie erfolgreich die Politik des greifen Herrschers gewesen ist. In der Tat bedeutet der Erfolg dieser Reise eine Stärkung Oesterreichs, über die wir Reichsdeutsche uns herzlich mitfreuen. — Die ungarifchenWah- len sind geeignet, diese Freude noch zu erhöhen. Schon dachte man, daß das Haus Habsburg den inneren Zwiespalt des Reiches bezw. die Losreißungsge- lüste der ungarischen Machthaber nicht überwinbcfli werde. Da schloß Graf Khuen-Hedewary am 21. März die versagende Parlaments„bude" und schrieb Neuwahlen ans. Sie gelangen Eine arbeitswillige Regierungsmehrheit schafften sie, mit welcher der innere Friede wieder hergestellt und die Regierungs- mafchine in Gang gebracht werden kann. Die Macht der Krone ist dadurch gestärkt und das Ansehen der Doppelmonarchie im Rate der Völker gehoben worden.
In Frankreich haben die Wahlen bekanntlich den Anhängern der Wahlreform eine starke Mehrheit gebracht Ministerpräsident Briand hat unverzüglich die Konsequenz aus dieser Entscheidung gezogen. Der angekündigte Entwurf einer Wahlreform beruht auf drei Prinzipien: 1) Erweiterung der Wahlbasis, 2) Proportionelle Vertretung der Minderheiten, 3) teilweise Erneuerung der Kammer. Die Ungleichheit, wonach in einzelnen Wahlkreisen schon 2500 Wähler einen Deputierten wählen, während in anderen 25 000 Wähler erforderlich sind, wird beseitigt. Der Entwurf wird in der französischen Presse eingehend erörtert Schon jetzt kann man sagen, daß das von d« Regie
rung vorgeschlagene System der Verhältniswahl eine Mehrheit wohl nicht finden Wirb- Ein mächtige Streikbewegung droht das gesamte Transportwesen in Frankreich lahm zu legen. Dem Beispiel der streikmden Südbahnangestellten wollen die Angestellten der Nordbahn und der Paris-Lyon-Mittelmeeirbahu sich anschließen. Auch unter den Tramway-Angestellten gärt eS bedenklich. Die Föderation der Mechaniker und Heizer hat beschlossen, eine Maffenerhebung aller französischen Bahnangestellten vorzubereiten.
Der Appell der türkischen Regierung an die Schutzmächte, auf der Insel Kreta endlich eine befriedigende Lösung der Streitpunkte heibeizuführen, hat bis jetzt einen nennenswerten Erfolg nicht gehabt. Die Schutzmächte hoffen anscheinend noch mit kleinen Mit- teln eine Beruhigung schaffen zu könnm, um so an der grundsätzlichen Regelung vorbeizukommen. Wahrscheinlich aber wird diese Hoffnung nicht erfüllt werden. Während in der Tückei eine sehr feinbfdige Stimmung gegeh Griechenland Platz gegriffen Hai, hat sich jetzt auch des griechischen Volkes eine starke Erregung bemächtigt In einem großen Teil der griechischen Presse wird an die im Ausland lebenden Griechen die Aufforderung gerichtet, alle waffenfähigen Mitglieder der Kolonien zur Verfügung zu stellen, wenn der Ruf zum Kampfe für das Vaterland ertöne. Denn dieser Kampf würde ein wahrer Raffenkampf sein. Die kretische Regierung hat beschlossen, die Kammer sofort nach ihrem Zusammentritt aufzulösen und zu derselben Zeit Neuwahlen auszuschreiben, wenn in Griechenland die Wahlen zur Nationalversammlung stattfinden werden. Nach all diesen Vorgängen muß man jagen,"baf; das kretische Problem einer radikalen Lösung entzegentreibt.
Die Unzufriedenheit mit der mexikanischen Regie- ntng und ihre Agrarpolitik hat zu blusigen Aufständen im Staate D u k a t a n geführt- Die Stadt Valladolid befindet sich in den Händen der Empörer, zu denen sowohl die Indianer als Weiße gehören. Alle höheren Beamten sind von den Indianern abgeschlachiet worden. Die Aufftändischen haben die Eisenbahn- und Telegraphenverbindungesi zerstört.
ä Die Majestät des Rechts.
Das Gestühl des deutschen Volkes ist außerordentlich fein, Wenn es sich um die Majestät des Rechts handelt. Im allgemeinen hat es Vertrauen zu den deutschen Richtern Um so tiefer verletzt ist es, wenn bei irgend einer „Affäre" der Anschein entsteht, als als ob mit zweierlei Maß gemessen würde, wenn in Wirklichkeit auch völlig nach dem Gesetz verfahren worden ist.
Im Fall Eulenburg schreibt die „Deutsche Zeitung — hat zu der Zeit, wo der Oberstaatsanwalt Jsenbiel die Verhandlungen des Vorspiels leitete, die hohe soziale Stelle des später Angeklagten zweifellos zu Ueberschrettungen geführt, die dem Ansehen unserer staatlichen und richterlichen Behörden nicht zuträglich fein konnten. Auch später noch wurden Fehler gemacht. Seitdem mag alles nach Norm und Recht vor sich gegangen fein Aber ein Gegenstand der Beschwerde bleibt das ungestörte Privatleben des Fürsten Eulenburg, das jetzt wenigstens sich in der Zurückgezogenheit von Schloß Liebenberg verbirgt, trotzdem. Richter und Netzte mögen im Recht sein. Wir zweifeln auch keineswegs, daß Fürst Eulenburg in Augenblicken der Not wirklich krank Wirb, wirklich schwer erkranken kann- Simulanten werben bas ftubieren und nachmachen. Unb zmetzt werben sich die Fälle häufen, in bener. Recht nicht Recht werden kann, weil nicht mündlich in Anwesenheit des Beklagten verhandelt werden kann. Da sollte also die Leitung der Justizverwaltung sich allmählich die Frage vorlegen: Ob nicht die Rechtsnormen so abgeänbert Werben müssen, "aß jeder Miß- brauch hier ausgeschlossen wirb . Sonst haben fein- nervige und nervenkranke Verbrecher einen Vorzug, ber das Rechtsempfinden beleidigt unb besonders sozialpolitisch immer ernstlicher bebrohlich wirken kann.
Auch ber Fall ber Frau v. Schönebeck, der endlich in Allenstein zur Verhandlung kommt, regt zu ähnlichen Betrachtungen an. Zweimal warb bie heute Angeklagte inhaftiert, zweimal freigelajfcn — trotz ber schweren Beschuldigung ber Anstiftung zum Morde. Die Wiederfreigelassene lebte inzwischen völlig ungebunden, erteilte Interviews, heiratete und fuhr nach London, um dort bie Ehe förmlich zu schließen Müßten nicht auch hier unsere Rechtsbestimmungen zunächst
einmal dahin abgeändert werden, daß Personen, die sozusagen nut wegen abnormaler Anlagen ober Zustände als Rechtspersonen nicht normal behandelt werden können, nun auch nicht wie normale Rechtsträger sich bewegen, handeln und verfügen dürfen? —
Wenn wir noch einen dritten Fall hinzufügen sollen, so ist es der allerdings etwas anders geartete Fall der Bonner Korpsstudenten. Bonner Studenten, — sagt P. von Szepanski im „Tag" — die in stack berauschtem Zustand eine Lokomotive während ber Fahrt von dem Zuge loskoppelten und ohne die Geistesgegenwack des Zugführers unberechenbar^ Unglück angerichtrt hätten, die die Fensterscheiben bet Eisenbahnwagen zertrümmerten und sich wörtlicher unb tätlicher Beamtenbeleibigung schuldig machten, sind z, 30 bis 80 Mark Gelbstrafe verurteilt worben. Außerordentlich milde! Man kann dm jungtrt Herren, bie aus ber Tasche ihrer Väter leben unb aus betreiben Tasche auch Polizeistrafen bezahlm, nur gratulieren, so billig davongekommen zu fein. — Der Mann aus dem Volke, ber bloß ben Eröffnungsbeschluß des Gerichts unb bas Urteil lieft, Wirb vielleicht von Klassenjustiz sprechet. Ungerecht! Denn ben Richtern waren nach ber Verhandlung, in welcher die Haupträdelsfüh- ret nicht ermittelt wurden, bie Hände gebunden; und so bedaueckich es fein mag, daß ber Unfug ungksühnt bleibt und gerabe in biefem Falle ungesühut bleibt, fo verkehrt wäre es, bie Richter anzuklagen.
Trotzdem ist es Tatsache^ daß in manchem „Falle" ein peinlicher Rest im Volksgefühl bleibt, ben zu heben ernste Pflicht ist, Wenn sich im Volke nicht verkehrte Anschauungen unb Zweifel an ber Binde der Gerechtigkeit festsetzen sollen. Bisher spricht nur bie Sozialdemokratie von Klassenjustiz. Nehmen wir ihr bi« Möglichkeit, „Fälle" auszuschlachten, in beneti Angcklagte in hoher sozialer Stellung sehr glimpflich bavonkommen! Schauen wir z. B. solche Sachen, wie bie Bonner Ausschreitungen, nicht so mitbc an, indem wir Trunkenheit, Jugend und bergl. ins Feld führen!
Richter sind Menschen Sprechen sie Reicht, nach Pflicht und Gewissen, so kann ihr Spruch doch Befremden erregen, weil er von Anschauungen der Erziehung, ber Umgebung beeinflußt ist, benen sie unbewußt folgen. Hier wirb vor allem bet Hebel angesetzt werden müssen. Die Majestät des Rechts muß jedem auf dem Boden des Staates stehenden Bürger übet -eben Verdacht erhaben fein. Gesetzgebung unb Ge- setzfprechung müssen so sein, baß sich diese erste Forderung ungezwungen ergibt-
volkswirtschaftliches und Soziales.
X Der neue Donanhafm in Regensburg. In Regensbmg, dem derzeitigen Endpunkt der Donau« Dampfschiffahrt sind jetzt endlich die ersten regelrechten Hafenanlagen entstanden. Schon im frühen Mittelalter hat die Donau, wie wir aus den Kanal- planen Karis des Großen ersehen können, für den Süden Deutschlands eine annähernd ähnliche Bedeutung gehabt wie der Rhein für den Westen. Aber gerade in jener Zeit, als sich Rhein, Weser und Elbe zu mächtigen Verkehrsadern entwickelten, ist unter der Ungunst der Verhältnisse die Donau immer mehr verödet. Noch heute kann man mit den allerdings selten mehr gebauten sogenannten „Ulmer Schachteln" von der Grenzstadt Württembergs stromabwärts nach Wien unb Pest fahren. Aber das ist eine Sache des Sports, während für den Handel die Donau-Strecke zwischen Ulm und Regmsbnrg gar nicht mehr in Betracht kommt. Luch die hohen landschaftlichen Reize des oberhalb Regensburg den Jura durchbrechenden Stromes, die sehr wohl mit denen des Rheins verglichen werden können, sind,' seitdem die nahen Alpen eine immer mächtigere Anziehungskraft auszuüben begannen, für den Reiseverkehr nahezu in Vergessenheit geraten. Den ersten Anstoß zu einer Besserung der Verhältnisse gab die von Jahr zu Jahr sich steigernde Einfuhr rumänischen Petroleums, das mit eigenen Tank-Dampfern bis Regensburg verschifft und dort den verschiedenen Bahnlinien überliefert wird. Im Anschluß hieran entwickelte sich ein reger Stromauswärts-Verkehr mit Getreide, Holz, Obst ufw., während die Talfahrten deutsche Industrie« Erzeugnffse nach den Balkanländern bringen. Außer dem Endpunkt Regensburg ist besonders die bayerische Grenzstadt Passau und im geringerem Grade auch das kleine Deggendorf an diesem
Unpolitische Zeitlanse.
(N.) Berlin, 9. Juni 1910.
(Nachdruck verboten.)
Hitzeferien! bas ist bie Freude ber Jungen unb ber Merger mancher knickrigen Eltern, bie deshalb Schulgeld zurückverlangen, wenn die Professoren schon am halben Vormittag Feierabend machen.
Wer gibt denn uns Alten Hitzeferien? Des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr bleibt für uns maßgebend. Wenn auch das Fleisch zerschmilzt unb der Geist immer schläfriger wird.
Es sind bevorzugte Leute, bie sich bie Ferien nach Belieben zumessen können Z. B. ber Staatssekretär Dernburg, ber in diesem schwülen Frühjahr plötzlich entdeckt hat, daß die im Kolonialantt herrschende tropische Hitze seiner.Gesundheit nicht zuträglich ist. Er schreit nach dem Ruhestand. Schade, daß wir keine Kolonie in ber Gegend des Nordpols haben; Dort würde er vielleicht seine Diamantenpolitik fort- setzen können
Man sagt sogar, der junge König Manuel von Portugal fände bie Krone zu heiß unb wolle abbanken, 'im sein Leben in ewigen Hitzeferien vergnügt zu genießen Sollte ber portugiesische Thron ausgeschrieben werben, so melbe ich mich nicht, obschon ich doch recht gute Zeugnisse unb Referenzen beibringen könnte. Portugal steckt nicht bloß in Hitze, sonbern auch in Schulen bis über bie Ohren. Unb bet Gelbmangel ist besonders empfindlich zu einer Zeit, wo die Zunge fortwährend nach erfrischenden Getränken lechzt.
Darum habe ich auch ein gewaltiges Milleid mit en bayerischen Pfennigsuchfern, die jetzt wegen des '^kScs von 2 Pf. einen Bierstreik ma- L™, ^'ch gegen bie Natur unb namentlich
?ern£'-ftakir. Wenn die biederen Bayern bei v tnirh galten auf ben Biergenuß verzichten, Inben^ b t $u 2anbe bald ägnpiische Mumie-, t. A Biernot; in einigen Teilen von
Srofeberftn die Wasseret b h. das Gegenteil von
Urberschwemmung, ein Mangel an Stoff in der Wasserleitung, wie er in unseren Vorstädten Charlotten- burg und Bankow bereits beklagt wird. Das Klagen besorgen freilich mehr die Weiber als die Männer; bie letzteren find zufrieden, wem, der Zapfhahn im Wirtshaus noch läuft.
Zu den Rätseln ber Natur gehört es, baß bei die- fet Hitze sich noch Leute sanben, welche in ben Ver- sammlungssälen ein freiwilliges Fegefeuer abbüßen. Das Reichsgesundheitsamt hätte dafür sorgen müssen, daß die Versammlungen in geschlossenen Räumen durch bas neue Blockvereinsgesetz verboten würden, sobald bas geeichte Thermometer deS überwachenden Schutzmannes auf 30 Gmd klettert Auch ber Versammlungs- fex muß feine Hitzeferien haben.
Milbernd« Umstände lasse ich gelten für ben Kommandeur Pe ary, der augenblicklich hier Vorttäge über seine Stippvisite am Nordpol hält. Das ist ein ab= kühlendes Thema. Schade nut, daß er nicht etliche Stücke echten Nordvoleis mitgebracht hat. Es wirb schon lebhaft über Mangel an nationalem Eis geklagt- Das Kunsteis, so sagt man, zergehe wie Butter an ber Sonne, unb das gehaltvollere Natureis fei unerschwinglich teuer, obschon gar keine Steuer draufliegt. Herr Peary hat aber, abgesehen von feiner grau, andere Schätze aus der fühlen Polarwelt mitgebracht, nämlich Eisbärenpelze, Narvolhörner unb Walroßzähne, angeblich im Wette von 40 000 Mark, woraus man steht, baß am Pole boch noch mehr zu holen ist, als bie Ehre. Nun behauptet freilich ein Herr Frank, der seinerzeit ben famosen Cook begleitet hatte, daß besagter Peary ihm die erwähnten Schätze abgepreßt hätte unter ber Drohung, ihn sonst aus ber Eisscholle hilflos sitzen zu lassen. Und Herr Frank hat sofort einen Gerichtsvollzieher mobil gemacht, ber in Zylinder, Gehrock und Hanbschrchen in das ferne Hotel des Herrn Peary vor- gebtungen ist, um dort bie Ladung vor das Berliner Zivilgericht dem berühmten Nordpolentdecker „zuzustellen". So Wirb benn nächstens ein Gerichtshof bei tropischer Hitze sich ben Kops zerbrechen müssen über bie Eigentumsrechte an ben Pelzfachen, die aus dem Eismeer stammen unb bie inzwischen schon bem Ex- präsidenten Roosevelt geschenkt sein sollen. Roosevelt
schwimmt unterdessen über die kühle Meeresflut nach Amerika und freut sich diebisch, baß er bie Menge von Doktorhüten, die man ihm in Europa aufgeredet hat, nicht auf dem Kopf zu tragen braucht.
Für einen geplagten Menschen ist es eine Erquickung, wenn er Leute steht, die noch ärger geplagt find, Zum Beispiel die Geschworenen in dem Skandalprozeß von Allen st ein wegen der Ermordung des Majors v. Schönebeck. Die Verhandlungen gegen die ausschweifende Frau des Ermordeten ziehen sich fürchterlich in die Länge, und noch fürchterlicher ist es, baß ber ganze aufgewirbelte Schmutz burch die Generalanzeiger-Presse in bie brutschen Famllienhäuser hin- eingetragen Wird. Ich hasse bie Halbheiten unb namentlich jenen halben Ausschluß bet Oeffentlichkeit, ber jetzt in ben Gerichtssälen Mode wirb. Die Neugierigen, bie bloß hören aber nicht schreiben wollen, Mießt man aus bei ben schmutzigen Stossen, aber Vertreter ber Presse läßt man zu, unb so wirb bafüt gesorgt, daß bie ganze Welt von ben anstößigen Dingen erfährt. So wirb denn schon bie grüne Jugend, die Zertuuglesen gelernt hat, über alle natürlichen unb unnatürlichen Laster des Menschengeschlechtes fo aufgeklärt, als ob sie zu einem Nachwuchs für Sodom und Gomorcha erzogen werden sollte- Wenn das mit ben scheußlichen Skandalprozeffen fo Weiter geht, fo muß man bie Reste ber alten deutschen Schamhaftigkeit rechtzeitig sammeln, damit wenigstens in ben Museen noch etwas von ber glücklichen Unwissenheit ber Vorzeit zu sehen bleibt.
Gegen biesen giftigen Schmutz, ber im ganzen Lande auf gewirbelt wirb, ist die Staubfabrik der A u- tom o b i I e nur ein kleines Uebcl. Aber ein Nebel ist diese Hatz auf ben Landstraßen boch, unb wir können dem Abgeorbneten von Eynatten unb feinen Genossen im Parlament nur dankbar dafür fein, daß sie erstlich protestiert haben gegen bie Auslieferung ber öffentlichen Straßen an bie hochmögenben Töfstösfhelden, bie das Publikum nicht bloß belästigen, fonbem auch gesährden dürfen, ohne daß die sonst so wachsame Polizei einzuschreiten wagt. Der furchtbare Unfall bei dem zweiten Schnelligkeitsreuen der Prinz Heinrich-Fahrt müßte doch bie Regierung veranlassen, sofort bie Wett
fahrt auf öffentlichen Wegen unbedingt zu verbieten. Mögen die Schnelligkettsfaxe sich eigene Rennbahnen bauen, unb zwar vernünftig eingerichtet, bie an ben Seiten ber Fahrbahn keine tobbringenben Bäume haben, fonbem einen Moraststreifen, in den bie abirrenden Automobile ihre Insassen ohne, schweren Schaden abladen könnm.
Der Mensch braucht in seinem Sportübermut nicht noch Unglücksfälle herbeizuführen. Die Naturgcwalten find so wie fo schon verderblich genug. Zum Beispiel neuerdings die Blitzschläge. Bei Dresden und bei Köln Blitzschlags in marschierendes ober übendes Militär; bann ein zünbenber Schlag in eine Sprengstoff- sabrik; daneben eine Masse von weniger auffallenden Unwetterschäden Die große Hitze hängt mit einer außerordentlichen elektrischen Spannung in der Lust zusammen. Der Komet, dieser überschätzte Waschlappen, ist nicht schuld daran; die Ursache wirb in bet Sonne stecken, aber wir können sie nicht finben. Mit unserer Weisheit unb Kraft ist es ja überhaupt nicht weit her. Wir find z. R. schrecklich unbeholfen in ber Abwehr ber Hitze von unseren Körpern unb Wohn- räumen. —
Nachbem wir eine Reihe von unliebsamen Zett- läufm erwähnt haben, wollen wir auch schnell noch ein angenehmes Ereignis verzeichnen, nämlich ben Friedensschluß im Baugewerbe. Die Ausgleichsvorschläge, die drei verständige Unpatteiische aufgestellt hattm, find von ben beiben streitenden Parteien angenommen worben. Dem Himmel fei Dank, baß bet Krieg nur zwei Monate gebauert hat. Allerdings hätte man sich die Lasten unb Leiben dieser zwei Monate auch spaten können, wenn man nur bei Beginn des Streites so klug gewefen wäre, wie jetzt Der Krieg beruht stets auf einet Irrung, einer Selbstüberschätzung. Rückblickende Vorwürfe find nicht recht mehr am Platze, aber man darf doch wohl bie Hoffnung aussprechen, daß in Zukunft nicht so leichtherzig mehr von der „bollen Niederzwingung des Gegners" 'phantasiert wird. Ein magerer Vergleich ist immer »och besser, als ei- fetter Prc^ej.