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M 131. Erstes Blatt.
1 iiIba, Samstag Den 11 Juni 1910.
37. Jabrt.au t.
a Der 200. «bändenmgsantra, zur Strafprozeß- ordnung ist t« der Strafprozeßkommtsston des Reichstag» am Freitag gefttüt worden. Den Vor- sitzenden der Kommission wurde aus diesem Anlaß von seinen Freunden ein Rosenstrauß überreicht. Der 200. Abänderungsantrag bezog sich auf den 8 153. Dieser
iett drehten sich um bte - j 199, der bestimmt, daß _____ ..... Krankengelder Krankenhauspflege gewähren kann, wurde durch die Kommission genau feftßelegt, wann die Zustimmung des Kranken zur Krankenhauspflege notwendig und in welchen
Deutsches Reich.
** Berlin, 10. Juni 1910. Die Landiags- ersatzwahl im Wahlkreise Kosel-Leobschütz anstelle des verstorbenen Zentrumsabg. Rechts- anwalt Hager ist auf den 30. Juli festgesetzt worden. — Die Reichstags-Stichwahl im Wahlkreis Uecker w ünde-Usedom-Wollin zwischen dem konservativen Kandidaten von Böhlendorfs und dem Sozialdemokraten Kunze findet am Freitag, den 17. d. M., statt. — An der Berliner Börse wird erzählt, daß für die Brillanten zum Rote« Adlerorden, die der Kaiser dem scheidenden Staatssekretär Dernburg verliehen, zum ersten Male südwestafrikanische Brillanten verwendet worden seien.
+ Das nächste Quinquenat. Man schreibt uns aus Berlin: Ein. Artikel, der kürzlich aus einer Zeitungskorrespondenz in die Blätter über- gegangen ist, behauptet, daß nach Ablauf des Ouinquenats im Ausbau unseres Heeres ein Stillstand eintreten werde. Die Entscheidung darüber ist anscheinend schon beim Amtsantritt des Reichskanzlers gefallen. Um das Fiasko der Reichsfinanzreform zu verbergen, solle am Landheer gespart werden. Rach Ansicht des Reichskanzler- und des Reichsschatzsekretärs, besten Sparsamkeitsvollmacht gegenüber dem Heere der Kanzler zur Bedingung seiner Amtsübernahme gemacht habe, sei für den Ausbau und die Fortentwickelung der Armee kein Geld übrig. Ein Hamburger Blatt glaubt jetzt bestätigen zu können, daß der gegenwärtige Reichskanzler bei seiner Uebernahme der Geschäfte allerdings die Bedingung gestellt habe, es dürfe nach Ablauf des QuinquenatS keine größere Heeresforde- rung kommen. Diese Sachlage solle aber vertuscht werden. Im übrigen ziehe man sich hinter dem Vorwand zurück, daß 1911 eine besondere Vorlage überhaupt nicht nötig ist, weil die Präsenzziffer auch unser der Hand erhöht werden könne. Dazu bemerkt die ,Rordd. Allg. Ztg.': Wir wollen feststellen, daß alle diese Angaben mit Einschluß der angeblich vom Reichskanzler verlangten Sparsamkeitsvollmacht auf reiner Erfindung beruhen. Hinsichtlich der kommenden Neuforderungen für das Heer ist nichts zu vertuschen. Sie werden für das nächste Quinquenat in voller Ueberein- stimmung zwischen dem Reichskanzler und den militäri- scheu Stellen ganz im Sinne der hierüber früher schon gegebenen Erklärungen aufgestellt und werden nichts vermissen lasse», was nach dem Urteil der kompetenten Behörden im Interesse der Schlagfertigkeit des Heeres notwendig ist.
Also es gibt wieder Mehrforderungen. Das war freilich vorauszusehen.
Hause bleiben, so müßten von dem Rest mindestens 2500 für den konservativen Kandidaten stimmen, um den Uebergang des Mandats an die Umsturzpartei zu verhindern.
Geschieht das nicht, so dürfen die Fortschrittler und die Liberalen überhaupt sich nicht wundern, wenn die Konservativen und auch die Zentrums. Wähler bei den nächsten allgemeinen Wahlen wenig Neigung zeigen, den Liberalen Stichwahlhilfe gegenüber einem Sozialdemokraten zu leisten. Die Wahlhilfe muß auf Gegenseitigkeit beruhen oder sie ist überhaupt nicht durchzuführen.
Wir für unseren Teil werden niemals die positive Unterstützung eines sozialdemokratischen Kandidaten für gut und schön erklären. Doch kann man beim besten Willen die positive Unterstützung des liberalen Gegenkandidaten nicht durchsetzen, wenn der Wähler sieht, daß in anderen Wahlkreisen die Parteigenossen dieses Schützlings die konservativen und Zentrumskandidaten niederstimmen helfen zum Vorteil der Sozialdemokratie.
Bald Großblocktaktik betreiben zur Vernichtung der Schwarzblauen, bald die »bürgerliche Solida- rität» vorschieben, um für sich selbst »schwarzblaue' Stimmen zu ergattern, — das ist eine Politik der Zweideutigkeit und Doppelhändigkeit, die sich auf die Dauer nicht durchführen läßt, die Ersatzwahlen wirken in dieser Hinsicht klärend und luftreinigend. Das stete Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen und Mandate ist gewiß nicht erfreulich; aber es ist doch gut, nenn wir schon vor der allgemeinen Kraftprobe vom nächsten Jahr die rechte Erkenntnis erhalten sowohl von dem Umfange der sozialdemokratischen Gefahr als auch von der Unzuverlässigkeitvieler angeblicher Staatsfreunde in den liberalen Parteilagern.
s Um die Leistungen der Krankenkassen handelte es sich vor allem in der Freitagssitzung der Reichs« Versicherungskommission. Nach der Vor- läge wird den baren Leistungen höchstens ein Tages- verdienst von 4, und statutarisch von 5 Mark zugrunde gelegt. ES wurde dagegen vor allem gellend gemacht, daß durch höhere Leistungen der Kranken- kaffen Erkrankungen abgekürzt und Erkrankungen der Familienmitglieder verhindert werden können. Auf Grund der Stellungnahme des Zentrums, der Wirtschaftlichen Vereinigung und der Sozialdemo, kratie erfolgte schließlich Erhöhung um je 1 Mark. Die wetteren Verhandlung^ 1 '' Krankenhauspflege. In 8 die Kaffe anstatt der Kro
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 10. Juni 1910.
Nach Erledigung einer Anzahl von Wahlprüftrnge« sehtE, „das Haus die zweite Lefung des Gesetzes bete, die öffentlichen Feuerversicherungsanstalten fort.
ES wird eine Reche von Paragraphen angenommen, wobei bei § 5 auf Antrag Barlscher?Ztr.) das Wort „Subalternbeamte" trotz des Widerspruchs der Regierung durch „mittlere Beamte» ersetzt wird. Bei anderen Paragraphen werden die Anträge auf Wiederherstellung der Regierungsvorlage gegenüber den KominUstonsdeschlüssen adgelehnt. — Nach § 20 sollen die An galten mindestens den vierten Tell rhres Per» mögens in Rerchs- oder preußischen Staatsanleihe« Hiebeüegen. Die Kommission hat diese Bestimmung mit einer kleinen Aenderung angenommen, während das Zentrum beantragt ihn zu streichen. Der Para» graph wird in der Kommissionssaffung angenommen. Hierauf wird der Rest des Gesetzes erledigt. DaS Gesetz wird sodann in dritter Beratung angenommen.
Es folgt die zweite Beratung des Gesetzentwurfes betreffend
Wohnungsgeldzuschutz und Mietsentschäbigung.
Kmanzminister Frhr. v. Rheinbaben: Wir müssen hinstchuich der Wohnungsgeldzuschüffe mit dem Reiche gleich^ehen, sonst würde es zu den größten Unzuträg» lichleiteu komme». Dieser einheitlichen Regelung würde der Kommisstonsveschluß zuwtderlaufen, wonach sämtliche Beamten der deklassierten Orte wenigstens bis zum 1. April 1918 ihren bisherigen Wohnungsgeldzuschuß erhalten sollen. Wir haben vorgeschlagen, den Beamten der deklassierten Orte ihre Bezüge solange zu belassen, bis sie durch Gewährung einer höheren Dienstalterszulage oder durch Ausrücken m eine höhere Gehalteklasse einen Ausgleich gesunden haben. Es ist nicht emzusehen, warum man jetzt andere Wege gehen will. Bei dem Kommijsionsbeschkuß würden die Beamten nicht besser fahren, im Gegenteil, sie würde» es im Jahre 1918 doppelt schwer empfinden, wenn man ihnen den biesherigen Zuschuß nehmen würde. Der Kommissionsbefchluß ist für die Regierung unannehmbar und würde das Scheitern der Vorlage zur Folge haben.
Adg. Hennigs (kons.): Nach dieser Erklärung der Regierung bleibt uns nichts anderes übrig, als dem Vorschlag der Regierung zu folgen.
Abg. Giesberts (Ztr.): Die Mehrzahl meiner Freunde wird sich dem Zwange der Verhältnisse fügen und die Wiederherstellung der Regierungsvorlage akzeptieren. Ein anderer Teil aber wird an dem Kom- mffsionsbeschluß festhalten, und ich persönlich möchte den Finanzminister bitten, doch noch bis zur britten Lesung zu überlegen, ob nicht dem Kommifstonsbeschluß statigegeden werden kann. Die Vorwürse der Beamten, wir hätten für sie nicht genug Interesse, sind unberechtigt. Aber richtig ist, daß die heutige Regelung nicht den veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen enispricht, namentlich nicht im rheinisch-westfälischen Jndustriebezirk
Samstag: Fortsetzung.
Zwei Ersatzwahlen zum Reichstag.
An der einen Stelle wurde die Stichwahl vollzogen, an der anderen Stelle wurde im ersten Wahlgang der Grund für eine Stichwahl gelegt.
In Jauer-Bolkenhain behaupteten die Fortschrittler ihr Mandat mit Hilfe der Konservativen. In Usedom-Wollin haben die Fortschrittler ihr bisheriges Mandat verloren und müssen sich nun entscheiden, ob sie in der Stichwahl dem Konservativen gegen den Sozialdemokraten Hessen wollen.
Die bürgerlichen Parteien haben bei den Ersatzwahlen mit wechselndem Glück und vieler Mühe zu ringen. Der »rote Faden», der durch alle Ersatzwahlen geht, ist die starke Vermehrung der sozialdemokratischen Stimmen. Schon dreinial hat dieser Stimmenzuwachs der Sozialdemokratie zur Eroberung des Mandats verhalfen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch das Mandat von Usedom-Wollin noch der Umsturzpartei zufällt. Daran liegt gerade die Bedeutung dieser jüngsten Ersatzwahl an der Odermündung, daß sie eine Vor- probe gibt von dem Umfange und der Kraft der G r o ß b l o ck st i m m u n g bei den nächsten allgemeinen Wahlen.
Wenn Vernunft und Anstand den Ausschlag gäben, so müßten die Fortschrittler in diesem Wahl, teeise einfach sagen: die Konservativen haben tn Jauer-Landeshut unserem Kandidaten gegen bte Sozialdemokratie geholfen; also revanchieren wir nt.s und helfen jetzt hier dem konservativen Kandidaten gegen dieselbe Sozialdemokratie. Und die Führer der Fortschrittlichen Volkspartei müßten sich sagen: Wir haben soeben in Jauer-Landeshut die Solidarität der bürgerlichen Parteien zu unseren Gunsten angerufen; also müssen wir auch m Uscdom-Wollin diese Solidarität unsererseits betätigen !
Es kann aber doch anders kommen. Vielleicht triumphiert in Usedom-Wollin jene Solidarität der Hetze, die sich seit dem vorigen Sommer unter den Gegnern des »schwarzblauen Blocks» entwickelt hat. Das .Berliner Tageblatt' verkündet be- ”tt§, "ü Posaunenschall, daß keine einzige fort- schrtttltche Stimme den Konservativen zufallen dürfe, alle dem Sozialdemokraten zugute kommen müssen. Andere Blätter, die der Parteileitung näher stehen, diÄcken sich nicht so offen aus; doch die ttare Aufforderung zur Unterstützung des konser- vativen Kandidaten finden wir bisher nicht, wohl aber wettere Hetzereien gegen die „Schwarzblauen» und nachträgliche Verunglimpfungen der Wahlhilfe, haden^ $ün etoa toen ’n Jauer-Bolkenhain geleistet tn Usedom-Wollin ist gespannt. Im ersten Wahlgang hat der Konservative v. Böhlen- dorff 6065 Stimmen erhalten, der Sozialdemokrat der Fortschrittler Herrendörffer Der Sozialdemokrat tritt also mit dem sehr beträchtlichen Vorsprung von 1700 Stimmen in die Stichwahl. Durch ihre eigenen Reserven können die Konservativen diesen Vorsprung schwerlich aus- gleichen. Nimmt man an, daß von den fortschrittlichen Wählern etwa 1000 bei der Stichwahl zu
Paragraph will in der Fassung der Regierungsvorlage dem Staatsanwalt das Recht geben, nach eigenem Ermessen bei geringfügigen Delikten von der Verfolgung abzusehen. Zentrum. Volkspartei und Sozialdemokratie bekämpften diese Durchbrechung des Legalitätsprinzips, die der Willkür Tür und Tor öffnen. Die Regienmg scheint auch bereit zu fein, nachzugeben.
a. Die Veteranen - Fürsorge beschäftigte am Freitag eine Versammlung im Reichsschahamte, an der der Reichsschatz - Sekretär Wermuth, der Unterstaatssekretär, mehrere Räte und zahlreiche Abgeordnete aller Parteien teilnahmen. In der nächsten Woche soll eine neue Sitzung stattfinden.
* Einschränkung der Reisekosten für Militärs. In diesen Tagen sind, wie die,N. G. Korr.' meldet, Abänderungen zur Reiseordnung für die Personen des Soldatenstandes erfolgt. Sie bezwecken zum größten Teil die Einschränkung der durch Dienstreisen für die Reichskaffe erwachsenden Kosten. So ist z. B. die Befugnis der kommandierenden Generale und Divisionskommandeure, die zu ihrem Befehlsbereich gehörenden Truppenteile viermal im Jahre zu sehen, auf dreimaligen Besuch beschränkt worden. Ganz allgemein ist angeordnet worden, daß stets die Zahl der Reisetage nicht höher festgesetzt wird, als bei vollster Ausnutzung der Zeit unbedingt nötig ist. Besondere Reisetage sind nicht zulässig, wenn zur Erledigung von Dienstgeschäften das erforderliche Reiseziel noch vor 9 Uhr morgens erreicht werden kann.
+ Reichstagsabg. Behrens. In gegnerischen Kreisen wird das Gerücht verbreitet, daß der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter den Reichstagsabg. Behrens seines Postens als Generalsekretär entheben wolle. Wie wir von wohlunterrichteter Seite erfahren, handelt es sich um eine böswillige Erfindung. Der Gewerkverein denkt nicht im mindesten daran, mit feinem verdienten Generalsekretär zu brechen. Gleichfalls wird uns die Nachricht als irrtümlich bezeichnet, daß die Konservativen int Wahlkreise des Adg. Behrens eine Gegenkandi» datur aufzustellen beabsichtigten.
)( Auf dem Wege zum stenographischen Einheits-System? Am Freitag sind die Be- Beratungen der Regierungs-Vertreter über eine Vereinheitlichung der deutschen Stenographie zu Ende geführt worden. Vorläufig wird von den Beschlüssen, „um keine Mißverständnisse hervor- zurufen», nichts bekannt gegeben. — Wozu diese Heimlichkeit? Ohne Kampf wirb es bei der Geschichte doch nicht ablaufen.
* Auch der katholische konservative Abg. v. Gescher ist zurzeit wegen des Nichtnnterzeich- nens der Enzyklika-Interpellation der konservativen Landtagsfraktion heftigen Anfeindungen in der Presse ausgesetzt. Besonders tut sich hierin die,Nationalliberale Korrespondenz' hervor, welche meint:
„Außer dem konservativen Abg. Wollkowski seinem ehemaligen katholischen Theologiestudierende», jetzigen Geschäftsführer beim katholischen Charitas- verband zu Danzig und Mitglied des Verbandes der katholischen Studentenvereine Deutschlands) hat sich von allen Mitglieder» der konservativen Landtagsfraktion nur noch der ebenfalls kath. Abg. v. Gescher, Regierungspräsident zu Münster, derBorro- mäus-Enzyklika-Jnterpellation entzogen. Der Vorgang hat an manchen Stellen Befremden erregt. . . . Wen» er es im Gegensatz zu seinen sämtlichen Fraktionsgenoflen mit seiner . . . amtlichen Eigenschaft für unvereinbar hält, die in der Enzyklika Pius X. eingestreuten Beschimpfungen der Hohenzollern ohne Protest hinzunehmen, so müßte er doch wenigstens auf die seiner amtlichen Fürsorge unterfleUten Protestanten und deutschfählenden Katholiken soweit Rücksicht nehmen, daß er sich zur Unterzeichnung einer Interpellation bereit fand, die der Abwehr gröbster Kränkungen protestantischen und nationalen Ehrgefühls gilt.»
Der wiederholte Hinweis auf die amtliche Stellung v. Geschers verfolgt den offensichtlichen Zweck einer Denunzierung. Dabei merkt aber die,Nationalliberale Korrespondenz' in ihrer Wut über die Stellungnahme des Herr« v. Gescher gegenüber der Interpellation gar nicht einmal, wie maßlos sie sich blamiert hat. Denn einen Regierungspräsidenten v. Gescher gibt's ja gar nicht! Richt einmal in Münster in Westfalen. Der Regierungspräsident von Münster heißt v. Jarotzki. Abg. v. Gescher heißt fett dem 1. Januar d. I. Regierungspräsident a. D.
Ausland.
5 Die Einigung in der inneren Politik Englands scheint doch nicht so ganz glatt vor sich gehen zu sollen. Es verlautet Ministerpräsident Asquith werde den Führer der Konservativen Balfour zu Besprechungen hinter geschloffenen Türen ein laben, und zwar durch einen Brief, in dem dargelegt wird, daß bezüglich des finanziellen Oberhausvetos kein Kompromiß möglich sei. Die Nationalisten und die Arbeitet stehen gänzlich seitab. Da die Besprechungen vor August beendet sein sollen, so bedeutet die Kon- ferenz, auch wenn sie ergebnislos verläuft, keinen Zeitverlust. In diesem Fall wird der politische Konflikt im Spätherbst erneuert, und zwar unter Auflösung des Parlaments im Januar, falls das Oberhaus die Vetorechtbill verwirft.
*♦ Die zweifelhafte Haltung Englands gegenüber der Türkei in der Kreta angelegenheit beginnt ihre Früchte zu tragen. Das jungtürkische Komitee befaßte sich in einer Geheimsitzung mit dm Richtlinien der auSwärtigm Politik und kam zu dem Schluß, daß eine Freundschaft der Türkei mit England angesichts der sich kreuzmden Jntereffm kaum möglich s«. Dagegen sei ein Einvernehmen mit Deutschland wünschenswert. das in der
Türkei nur wirtschaftlich- Ziele «Erfolge. Die eng- lische Regierung läßt übrigens die Nachricht, sie treibe in der Kretaaugetegenhett Eigenbrötelei, durch das Reutersche Bureau bestreite».'— Zn der neuesten Zett ist wiederholt das Gerücht aufgeraucht, Deutschland und Oesterreich wollten sich an den Besprechungen Über Kreta wieder beteiligen. Demgegenüber stellt die Wiener offiziöse .Reue Freie Presse fest, daß die beiden Mächte keine Veranlassung hätten, die Rolle des unbeteiligten Zuschauers aufzugeben. — Obwohl ein Teil der öffentlichen Meinung in der Türkei den kriegerischen Ton gegen Griechenland beibehält, macht sich doch im allgemeinen ein Abschwellen der Erregung bemerkbar. Daß trotzdem der Boykott gegen griechische Waren und Schiffen erklärt und mit Ausweisung hellenischer Untanen gedroht wird, gehört seit der Annexionskrise zu den Mitteln, mit denen in der auswärtigen Politik in der Türkei gearbeitet wird. Die offizielle Türkei, die Regierung, sucht überhaupt möglichst zur Beruhigung der Geister zu wirken. Der Großwesir drohte mit Demission, wenn gewisse jungtürkische Kreise nicht von ihrer kriegerischen Agitation abließen. Eindruck wird es wenig'machen, ernst ist es vielleicht nicht einmal gemeint. Jetzt ist der Kriegsminister Mahmud Schefket Pascha aus Albanien wieder in Konstantinopel eingetroffen und man erwartet, daß er als der stärkste Mann im Ministerium zu durchgreifenden Maßnahmen drängen wird.
* Einem politischen Mordanschlag ist der Chefredakteur des Blattes „Sadai Millet" Ahmed Samin in Konstantinopel zum Opfer fallen. Er wurde nachts in Slambut, als er in Begleitung eines Redakteurs des ,Tanin' heim- gmg, durch Revolverschüffe getötet. Ein Vorübergehender wurde verletzt. Der Mörder ist entkommen. ,Sadai Mittel' ist em oppositionelles Blatt, das seit einiger Zett an der Regierung und der jungtürkischen Partei scharfe Kritik übte.
o Entrüstung gegen Rom
ist jetzt landauf landab die Parole.
Der Evangelische Bund veranstaltet überall Pro- tcstversammlungen, um gegen die „frivole Störung des konfeffionellen Friedens durch Rom» und gegen die „Schmähung der evangelischen Kirche und der deutschen Ration zu protestieren. Als ein Thümmel, Schwarz und Böthingk ihre Roheiten verbrachen gegen Papst pnd Bischöfe und die heiligsten Gefühle der Katholiken mtt bewußter Absicht mißhandelten, da galten sie als Helden und der § 166 des Strafgesetzbuches sollte im Interesse der Schimpssreihett aufgehoben werden. So verlangte es der Evangelische Bund. Jetzt, wo der Papst ein Urteil ausgesprochen hat über das Reformationszeitalter, das ja gewiß den Protestanten nicht angenehm in die Ohren klingt, das aber Dutzende von Geschichtsforfchern, kath. und prot. ebenso scharf geäußert haben, da brennt es sofort fürchterlich. Luther und Melanchthon selbst haben ähnliche Wendungen gebraucht. Daß die katholische Kirche der Ausbund aller Schlechtigkeiten sei, daß der Papst der Antichrist sei, daß das katholische Mittelalter die allerschlimmste Periode der Menschheitsgeschichte sei, gilt für alle jene, die sich heute entrüsten, als selbstverständlich, und man scheut sich auch nicht es auszufprechen.
Die Katholiken haben sich das natürlich ruhig bieten zu lassen. Wehren sie sich, dann schreit man über Friedensstörung. Friedensstörung ist es aber beileibe nicht, wenn nun der Eoang Bund einen Spettaköl macht, daß die Säle einzusturzen drohen. Wenn bei seinen Kundgebungen dann noch als Grund der „Entrüstung» die Verteidigung der evangelischen Glaubens- überzeugung gerühmt und die Erhaltung des konfessionellen Friedens herbeigesehnt wird, dann kann man cs uns kaum verargen, wenn wir die Ehrlichkeit dieser Behauptungen nicht ohne weiteres annehmen Da hat gestern die Kceissynode B e r l i n-K oll n-S t a b i eine Protestresolution beschlossen, in der gelobt wird, „das Panier der evangelischen Freiheit gegenüber den Menschensatzungen und der Gewisiensknechtung der katholischen Kirche allezeit hoch zu halten-» Ist es nicht eigenartig, daß die Synode in demselben Augenblick, wo sie gegen „Schmähungen» vonseiten des Papstes protesttert, die Katholiken mit dem häßlichen Vorwurf der „Gewissensknechtung der katholischen Kirche» beschimpft? Auf solche Art wird dem konfessionellen Frieden wahrlich nicht gedient. Dient es vielleicht dem konfessionellen Frieden, wenn aus Darmstadt gemeldet wird, auch der G o et h e b u n d erlasse eine Einladung zu einer öffentf. Protestverfnmmlung gegen dieEnzhklika, wenn in Leipzig die hohen Staatsbehörden usw. ihre Entrüstung die dortige katholische Gemeinde cnt- grttcn lassen, die gerade ihr 200jährigcs Bestehen feierte, und demonstrativ dem Feste fern blieben, wenn in Braunschweig Parlament und Regierung nach Art des Evang. Bundes protestieren zu müssen glaubten? Die katholische Gemeinde in Leipzig wird ja wohl nicht zugrunde gehen, wenn die engherzigen Behörden von ihrem Feste fernblieben, denn das Wohlwollen der sächsischen Staats- und Stadtbehörden für katholische Gemeinden hat sich meist auf schöne Redensarten beschränkt, im übrigen genießen die Katholiken im Königreich Sachsen bekanntlich nicht so viel Freiheit wie Sozialisten und Anarchsten. Und Braunschweig, das rückständigste Land in Bezug auf religiöse Toleranz, hat es allerdings notwendig, große Sprüche zu machen.
Daß in Kassel die Draufgänger des Evang. Bundes sich ebenfalls entrüsten mußten, war ja klar. Nachträglich bekommen sie übrigens im Kasseler Tageblatt eine wohlverdiente Douche. In derselben Nummer, in der dieses Blatt über die Protestversammlung berichtet, meint es,
»nachdem die preußische Regierung, wie der rlteichs- kanzler bei der Besprechung der Interpellation offiziell mitgeteflt hat, gegen die Enzyklika Verwahrung eingelegt hat, nachdem schließlich die Kurie durch den ,Offen>atore Romano' den Rückzug angetreten hat, wird man auch in protestantischen Kreisen nunmehr die Angelegenbett auf sich beruhen lassen können.»