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M W.

Samstag den N- Juni 1910.

57. Jahrgang.

* Waer W

Zeitung«

5. vlait.

vnlck und Verlag der Znldacr Actiendruckerei in Znlda.

* Konsumenten, ausgepatzt!

Die sozialdemokratische „Leipziger Volkszeitung" hatte vor einigen Tagen (Nr. 115) die eiserne Stirn, tzren Lesern vom „Brotwucher" der deutschen Land­wirtschaft zu erzählen. Sie operiert mit den Preis­ziffern des Frühjahrs 1909, die allerdings eine ganz ungewöhnliche Höhe erreichten. An Hand der Han- delskammerberichtc für das Jahr 1909 läßt sich nun aber nachweisen, daß gerade die deutsche Landwirt­schaft mit der Preissteigerung des Getreides rm vori­gen Frühjahre nichts zu tun hatte. Diese Preisend- Wickelung hing zusammen mit den Weltmarrtverhalt- niflen inländisches Getreide war damals gar nicht mehr in den Händen der Bauern, sondern in denen der Händler. Die „schönen Gewinne", von denen z. B. der Jahresbericht der Handelskammer zu Frankfurt L M. für 1909 (S. 192) spricht, floffen ganz wo an­ders hin, als in die Taschen der Landwirte. Trotz alldem scheint die sozialdemokratische Preffe es allen Ernstes darauf anzulegen, das „Brotwucher"geschrei bis zu den nächsten Wahlen durchzuschleppen. Mit welcher Frivolität das geschieht und mit welchen Ge­fahren für die Konsumenten das verbunden ist, möge folgendes zeigen.

Solange im tiorigen Frühjahr und Sommer die knappen Vorräte von Getreide auf dem Weltmarkt in den Händen des Handels waren, wurden die Preise aufs höchstmögliche Maß getrieben. Ganz anders sah die Sache sofort aus, sobald die neue Ernte eingebracht war, und nun der Landwirt mit seinem Getreide auf den Markt kam. Jetzt hatte der Handel gar kein Jntereffe mehr daran, die Preise hochzuhalten, sondem ein solches an der umgekehrten Lage. Nun war der Handel nicht mehr Vettäufer, sondern jetzt trat er auf als Einkäufer vom Landwirt. Und fofort sinken nun die Preise.

So zeigt beispielsweise der Preis am Frankfurter Marit für inländischen Weizen folgende Bewegung (Frankfurter Wirtschastsbericht 1910, S. 193): 1. Weizen Mitte Januar 1909 : 21,30 M. pro D.-Z.

„ Februar „ 22,70 „ „ „

„ März ' „ 24,- „ „ „

„ April „ 25,— „ „ „

„ Mai ,, 26,30 ,, ,, „

„ Juni ,, 27,20 „ „ ,,

,, Juli „ 28, ,, ,, ,»

,, August „ 23, „ ,, ,,

Anfang September „ 21,20 „ „ „

2. Roggen kostete pro Tonne (— 1000 Kilogr.): im Januar 173 3)1., Februar 174,50 M., März 181,50 Mark, April 186,50 M., Mai 188 M., Juni 197 M., Juli 196 M., August 174 M., September 168 M., Oktober 169,50 M., November 160,50 M., Dezember 166 M.

Der Verlauf der Roggenpreise ist dämm noch in- eressanter als der der Weizenpreise, weil er die Vor­gänge in der Preisgestaltung noch schärfer herausleuch­ten läßt. In Roggen lag nach den Preisberichten des Jahres 1908 das Geschäft sehr „still", d. h. es wurde den Bauern möglichst wenig abgekaust. Ein starker Teil der im Inland vielfach unverkäuflichen Ernte suchte darum mit Hilfe der Einfuhrscheine Absatz tm Ausland. Nun kam im Jmruar-Febmar dann so allmählich die Zeit, wo auch der Roggen ganz oder fast ganz in die Hnäde des in- und ausländischen Handels abgefloffen war. Sofort schnellt nun der Preis in die Höhe, um dann ebenso schnell wieder zu fallen, sobald der Bauer im August wieder als Verkäufer und der Händler wieder als Käufer austritt.

Die Vorgänge auf dem Getreideproismarit der letzten zwei Jahre zeigen klar und deutlich, wie der Handel, vor allem der in nur einigen wenigen Händen liegende Großhandel es vorzüglich versteht, die Ver­hältnisse so einzurichten, daß in jedenr Fall ihm die „schönen Gewinne" zufallen. Für die Mittel, mit denen das gemacht wird, nur ein Beispiel:

Im Frühjahre des Jahres 1909 mußten die un­günstigen Witterungsberichte dazu beitragen, die Ge­treidepreise aufs höchste zu treiben; da fand jeder Wetterbericht sofort seinen Ausdruck in einer ständigen Preissteigerung; alles wurde Schwarz in Schwarz gemalt; selbst die Auslandsberichte über die künftigen Anbauflächen Argentiniens z. B. wurden alle au den schwärzesten Pessimismus gestimmt- In diesem Jahr ist's genau umgekehrt. Schlechte Wetterberichte und daraus erfolgende mmdergüMtige Sacttstandsbe- richte, wie sie vor kurzem aus Schlesien und zum Teil auch aus Rußland kommen, und die im Vorjahre so­

fort in Höhen, Preisen sich geltend gemacht hätten, werden in diesem Jahre von der Börse einfach nicht beachtet. Die Baisse, d. h. die Tiefhaltung der Preise, ist Losung auf dem Handelsmartt und läßt ich durch nichts stören.

Demzufolge haben wir auf dem Getteidemarit in diesem Jahr ein andauerndes Fallen der Preise. Die eben erschienene Nummer 19 des Wochenberichts der Preisberichtsstelle des Deutschen Landwirtschaftsrats zeigt ein Fallen des Weizenprei- seS von 222 Mk. pro Tonne zu Anfang März auf 214 M. am 21. Mai und bei Roggen ein ununter­brochenes Fallen von 166 Mk. auf 146 Mk. in der gleichen Zeit.

Nun aber die Frage: Hat diejenige Presse, vor allem die sozialdemokratische, nun etwa diese Vorgänge auf dem Getteidemarit etwa auch ihren Sefem in ähnlicher Weise mitgetellt, wie sie die Preissteigerung deS Vorjahrs gegen die — Landwirtschaft ausbeutete? Ist ihr gar nicht eingefallen! Und doch hatten die Leser, vor allem die Arbeiterbevölkerung, das größte Interesse daran, eingehend über diese Dinge unterrich­tet zu toerben.

Inwiefern? Das Maßgebende für die Konsumen­ten ist schließlich nicht der Getreidepreis, sondern der Mehl- und Brotpreis. Die Konsumenten hat­ten das größte naturgemäße Interesse daran, daß der M e h l p r e i 8, wenn er schon im Vorjahr infolge der Steigerung der Getreidepreise etwa stieg, nun bei dem Sinken der Getteidepreise mindestens im gleichen Maße fiel. Was ist aber tatsächlich geschehen? Eine Notiz, die vor kurzem durch die ganze Presse ging, zeigte, daß die Mehlpreise gegenüber dem Stande des Vorjahres nicht blos nicht gefallen, sondem teil­weise sogar noch gestiegen sind. Und das trotz des scharfen Fallens der Getreide­preise! Die ins Unendliche fortgesponnene „Brot- wucher"hetze der sozialdemokratischen nd der links­liberalen Presse hat also wieder ihre Schuldigkeit ge­tan! Hätte diese Presse die breite Oeffentlichkeit auf­geklärt, hätte sie die hinter ihr stehenden Massen, statt sie in „Wahlrechtsspaziergängen" an der Nase herum­zuführen, zur prattischen Wahrnehmung ihrer wahren Konsumenteninteressen gegenüber dem Handel und ben Börsenleuten geschult, bann wäre dieses merkwür­dige Ergebnis der eben gezeigten Preisbewegung kaum denkbar. Aber was liegt der sozialdemokrati­schen Presse an Konsumenteninterefsen, wenn sie nur durch irgendein frisch-fröhliche Hatz ihr Parteisüpplein kochen kann! _____

Ausland.

** Die österreichische Regierung hat im Abgeord- netenhause eine Niederlage erlitten, die man aber, weil sie auf einen Zufall zurückzuführen ist, nicht tragisch zu nehmen braucht. Der slawischen Partei gelang es, da die Mitglieder der Regierungspartei nur in sehr ge­ringer Anzahl erschienen waren, die Eröffnung einer Debatte über die Erklärung des Ministerprästdenten, die zur Verwendung österreichischen Militärs bei den ungarisch en Wahlen Stellung nah m, durchzusetzen. Bemerkenswert ist, daß auch in deut­schen Kreisen diese Erklärung des Ministerpräsidenten nicht befriedigt hat. Uebrigens rechnet man in gut unterrichteten Kreisen mit der eventuellen Auflösung des österreichischen Abgeordnetenhauses und mit Neu­wahlen zum 1 März nächsten Jahres. Als Gmnd hier­zu wird die Unmöglichkeit eines Einverständnisses sämtlicher Parteien über die Wiedererrichttmg einer ita­lienischen Rechtsfakultät, andererseits die wohlbegrün­dete Agitation der christlich-sozialen Partei gegen die Heeres- und Flottenvorlagen angesehen.

♦* Die Leistungen der französischen Reservisten. Die jüngsten Meutereien der französischen Reservisten er­halten eine eigenartige Beleuchtung durch den amtlichen Bericht über die Leistungen der französischen Reservi­sten im vorigen Jahre. Da die Reservisten in der französischen Armee durch den Mangel an Mannschaf­ten im Mobilmachungsfalle eine ungeheure Bedeutung haben, so muß dem Ergebnis ihrer Leistungen auch ein großer Wert zugesprochen werden. Ja, die Schlag­fertigkeit des ganzen aktiven Heeres hängt in Frank­reich noch viel mehr als in anderen Ländern von ihnen ab. Zuerst muß, was auch durch die Meutereien in diesem Jahre bewiesen wurde, hervorgehoben werden, daß die Di s z i v l i n der französischen Reservisten ganz ungewöhnlich schlecht gewesen sst Der Soldatengeist,

der unsere Reservisten erfüllt, ist dort völlig geschwun­den und hat einer schlaffen und bequemen Auffassung vom Heeresdienst Platz gemacht. Währmd in Deutsch­land nicht ein Mann wegen Ungehorsams vor der Front ober wegen aufreizender Haltung besttaft wurde (es kamen nur wenige ©trafen wegen leichter Vergehen in Bettacht) wurden in Frantteich wegen dieser Ver­gehen nicht weniger als 37 Proz. der Reservisten be­traft. Die Leute rühmten sich zumteil ihre antimilita- rischen und sozialistischen Gesinnung und drohtm mit Beschwerden bei sozialistischen Abgeordneten. D i e Mars ch-undSchießlei st ungen waren gleich­falls minderwertig. Das Vorgehen der 600 Reservi­sten des 232. und 277 Infanterieregiments, die nicht in sumpfigen Geländm üben wollten und den Kriegs­minister um „gesündere Gegend" (!) baten, steht nicht allein da, sondem ist vielfach in ähnlicher Form beo­bachtet worden und bezeichnet schärfer als Zahlen und Worte den Geist der Reservisten Frankreichs. Die Marschleistungen betrugen durchschnittlich kaum 35 Kilometer, selbst in „gesunder Gegend".

* Die Statistik her Bevölkerungsbewegung in Frankreich verzeichnet im Jahre 1909 770 000 Gebur­ten und 756 000 Todesfälle. Die Bevölkerungszunahme von 13 500 Seelen kommt ausschließlich auf Rechnung dervermindertenSterblichkeit. Die Zahl der Geburten ist die lleinste, die bisher in Frankreich beobachtet wurde. Noch 1873 bis 1877 betrug sie im Fünfjahr-Durchschnitt 953 000.

*♦ In Italien wird die Schul frage immer brennender. Der Ministerpräsident Luzzatti, der in sein Kabinett mehrere Mitglieder der radikalen Partei ausgenommen hat, scheint die Unterstützung dieser Partei durch das Zugeständnis antikleri­kaler ,Reformen" im Schulwesen erkauft zu haben. Der Unterrichtsminister Credaro hat einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, der die Aus­lieferung der Volksschule an das kirchenfeindliche Freidenkertum auf dem Wege der möglichst weit­gehenden Verstaatlichung erreichen will, während bis jetzt der kommunale Charakter der Volks­schule den Bestrebungen der Kulturkämpfer Hinder­nisse bereitete. Eine Generalversammlung der ünione nationale, der Organisation der radikal gesinnten Lehrer, in Rom hatte den ausgespro­chenen Zweck, für jene Vorlage Propaganda zu machen. Als Antwort auf diese Kundgebung hat der katholische Lehrerverein Niccolo Tommaseo auf einem Kongreß in Mailand sehr entschieden gegen die Credavo'schen Projekte Stellung ge­nommen. Einmütig wurden hier alle Verstaat- lichungstendenzen hinsichtlich der Volksschule zurückgewiesen und die Rechte sowohl der Familie als der Kirche auf die religiöse Erziehung des Volkes auf die Schule betont.

* Amerikas Vorbereitungen für Roosevelts Heim­kehr sind einfach amerikanisch. Gestern reiste Roose­velt auf dem Dampfer „Kaiserin Auguste Vittoria" von Southampton nach Rewtzork ab. Bei der Ankunft der „Kaiserin Auguste Vittoria" wirb der ganze Hafen dekoriert fein, alle im Hafen anwesenden Schiffe wer­den sich zu einer Parade vereinigen und ben Heim­kehrenden mit ihren Sirenen begrüßen. Der Bürger­meister von Newyork und dreihundett ber „prominen­testen" Bürger werden sich an Bord begeben, um Roose­velt in ber Heimat willkommen zu heißen. Eine Ehren­garde von ehemaligen Rauhreitern wird den „Obersten" von den Docks durch die festlich geschmückten Straßen der Stadt begleiten, in denen Kriegervereine, Schützen­vereine. politische Vereine, Logenmitglieder usw. fünf Meilen lang Spalier bilden. Ein Teil der Freunde Roosevelts fürchtet, daß diese Vorbereitungen nicht würdig genug seien, andere aber meinen, das amerika­nische Volk werd- seinen Expräsidenten mit einem Hurra begrüßen, das alle offiziellen Empfangsfeierlich­keiten überbrausen werde — Schlagt nur keine Purzel­bäume !

Aus dem Nachbargebiete.

* Frankfurt a. M., 9. Juni 1910. Vom Vorstand des hiesigen Katholischen Lehrertiereins wird der „Germania" geschrieben: Die „Germania" brachte unter ber Spitzmarie „Ein Notschrei" einen Artikel, der in ben Kreisen der hiesigen katholischen

Lehrerschaft lebhaftes Bedauern hervorgerufen hat, unb mit bem sich daher auch ber Katholische Lehrer-Verein in seiner letzten Sitzung beschäftigte. In dem bett. Artikck wurde Klage geführt über die geringe V e- teiligung bei ber Fronleichnamsprozes- t o n, zumal seitens bet katholischen Lehrer unb Schule Der Verfasser spricht von ben 140 000 Ka­tholiken Groß-Frankfurts, aber er läßt zunächst ganz außer acht, baß in biefem Bezirk die am Dom gehal­tene Prozession nicht die einzige ist, sondern , daß gleichzeitig in sieben anderen Pf a r- r e l en (Bornheim, Bockenheim, Ober- und Nieder- rab, Rödelheim, Hansen unb Heddernheim) Prozess­ionen stattfinden, an denen auch Tausende Von Schü- em (in Bornheim allein etwa 1500, in Bockenheim 600—800) und sehr viele Lehrer teilnehmen. Aber auch bet der von ber eigentlichen Stadtpfarrei veran­stalteten Prozession war die Beteiligung eine weit stär­kere, als der Einsender beobachtet hat. Nach Mittei­lungen von zuverlässigen Personen, die auch in bei Lage sind, ein richtiges Urteil abzugeben, darf die Zahl der teilnehmenden Schüler auf 2000 geschätzt werden, wobei die Erstkommunikanten, die besondere Plätze hat- len, nicht eingerechnet sind. Und wenn, was allgemein anerkannt wurde, diesmal die Ordnung bei der Prozes- ton eine weit bessere war, als in früheren Jahren, so ist dies gerade das Verdienst des katholischen Lehre­rinnen- und Lehrer-Vereins, welch beide nach dieser Richtung hin Anregung gaben. Daran, daß die Dom- Prozession nach außen keinen stärkeren Einbruck macht,, ist vor allem die Platzfrage schuld. — Die Ursache bet von ihm beklagten Teilnahmslosigkeit findet der Ein­sender für die Schüler in der Simultanschule: den ka­tholischen Lehrern macht er dabei zugleich in nicht miß­zuverstehender Weise ben Vorwurf ber religiösen Gleichgiltigkeit bezw. ber Menschenfurcht. Es soll hier der Simultanschule nicht das Wort geredet werden, aber - der Wahrheit die Ehre! Die katholischen Lehrer Frankfurts — unb auch bie an Simultanschulen täti­gen Herten — können sich in ihrer Allgemeinheit, was Glaubenstreue unb Mannesmut angeht, getrost der Lehrerschaft einet jeden katholischen Stadt an die Seite stellen. Der Katholische Lehtetverein dahier zählt übet 140 Mitglieder. Auch die an Simultanschulen wirken­den katholischen Lehret nehmen es in ihrer großen Mehrzahl emft mit ihrer Pflicht als Religionslehrer; insbesondere war es auch vielen von ihnen eine Her­zenssache, bie ihnen unterstellten Kinder zur Teilnahme an der Fronleichnamsprozession zu veranlassen und sie bei derselben zu begleiten. Auf andere Unrichtigkeiten unb Schiefheiten des Artikels sei hier nicht weiter ein» gegangen

* Offenbach, 9. Juni 1910. Auf unserem Schlachthose ist dieser Tage dem,Han. Anz/ zu- folge ein folgenschwerer Fehlgriff vorge- kommen. Es wurde nämlich ein Schwein als seuchenverdächtig beschlagnahmt; um allen An­steckungsgefahren vorzubeugen, ordnete der Direktor des Schlachthofes die Desinfektion des betreffen­den Schweinestalles mit Formalin an. Der Hallen­meister beauftragte mit der Desinfektion emen Schlachthof - Arbeiter, der aber anstelle des ge» ruch und geschmacklosen Formalin Lysol nahm. Am andern Tage wurden etwa 25 Schweine in den Stall gebracht, die geschlachtet werden sollten. Der widerliche Lysolgeruch war auf die Schwein« übergegangen, wodurch das Fleisch für die Metz­ger unverkäuflich wurde. Das Lysol-Fleisch wurde von dem Gesundheits - Amte untersucht und als genießbar befunden. Die Schlachthof-Verwaltung hat jedoch das Fleisch wieder zurückgenommen und den Schaben für die 25 Tiere in der Höhe von etwa 3000 Mark zu tragen. Das Lysol- Fleisch wurde nicht verkauft. — In der Metall- Industrie ist die Arbeiterschaft in eine Lohn­bewegung eingetreten. Verhandlungen zu einer gütlichen Regelung sind im Gange, jedoch be­stehen Schwierigkeiten mit der Schmirgelmaschinen- Fabrik Mayer & Schmitt wegen der Aussperrung ihrer 250 Arbeiter.

♦ Hofgeismar, 10. Juni 1910. Ein eigenartiger Fall von Milzbrandübertragung unb Milz- branbtiergiftung hat sich dieser Tage in Carlsdvrf zu­getragen. Auf der Stelle, wo eine früher an Milz­brand gefallene Kuh verscharrt worden war, hatte eine Schafherde gehütet und bas dort wuchernde Gras unb

Edith Büttners Liebe.

44] Roman von Fr. Lehne.

(Schluß.)

Dann warf et einen Blick auf bie Uhr.

„Donnerwetter, Fran Hirsch wirb ungebulbtg wer­den, wenn ich mich nicht blicken lasse. Der Kaffee werd längst fertig sein, unb ber extra deinetwegen gebackene Kuchen harrt ebenfalls, seines Schicksals! Meine Wir­tin ist ein Engel, aber ein bißchen empfindlich. Auf dich ist sie seht neugierig! Entschuldige mich für einen Augenblick. Ich möchte ihr Bescheid sagen, baß sie ben Kaffeetisch deckt. Du hast doch nichts dagegen, wenn sie ein Täßchen mit uns trinkt? Also ich bin gleich wie­der da! Addio!"

Nach einigen Minuten klopfte es.

»- „Herein!" rief Edith unb hob unwillkürlich die Augen von dem Buche, in dem sie geblättert.

Blutrot im Gesicht sprang Edith auf.

Wortlos starrte sie ben Eingetretenen an — Lucian Waldow stand vor ihr!

Wie ging das zu? Wie kam das? Noch begriff sie ben Zusammenhang nicht

„Ebilh!" stammelte er, und eine fast überirdische Freude lag auf seinem Gesicht, als er sie vor sich stehen sah.

Er streckte ihr beide Hände entgegen.

„Sie wundern sich wohl, mich hier zu sehen? Das glaube ich. Doch lassen Sie mich kurz sein — ich weiß alles!"

Ihre Urberraschung war zu groß; sie konnte nicht sprechen, und vergebens bemühte sie sich, klar zu sehen.

„Ja, Edith, ich weiß, daß Sie nit mehr verlobt smd; ich weiß, daß Sie wieder arbeiten wollen; ich bab ja Ihren Brief gelesen —"

.Jetzt fing sie an zu begreifen — Thankmar, der Abscheuliche, sie so hinter's Licht zu führen — da sprach Lucian auch schon weiter unb sah sie treuherzig bittend an:

„Ich kann nit zu geben, daß Sie wieder in die Fremde gehen, Edith. Thankmar will's auch nit — Edith, du sollst bei mir bleiben — wir beide gehören doch nun mal zusammen — ich liebe dich ja so un­aussprechlich — sträube dich doch nit gar so sehr — mein Mädele---—"

Er war ganz dicht zu ihr getreten und hatte ihre beiden Hande gefaßt.

„So sprich doch nur ein Wort —"

Editb befand sich in einer unbeschreiblichen Auf­regung; sie wollte zürnen, daß man sie so überrumpelt hatte, sie wollte stark bleiben — ihr Weg lag ja so klar vor ibr. Aber als sie seinem bittenden Blick begegnete, konnte sie ihm nicht so abweisend antworten, wie sie beabsichtigt.

„Edith, hast du noch immer kein Vertrauen zu mir?" fragte er traurig. „Wie soll ich dir s nur zeigen, daß ich ein anderer geworden bin? Ach, wenn du in mein Herz sehen könntest —"

Seine ganze Seele lag in seinen Augen, unb Edith fühlte sich schwach werden. Was half auch aller Wider­stand — er verstärkte nur unnütz ihre Qual unb ver­schloß ihr doch nicht die Erkenntnis, daß sie Lucian Waldow mit allen Schmerzen liebte, die nur die Liebe gibt!

Und sie war so müde von all ben Kämpfen, sie sehnte sich so nach Ausrulien War es nicht besser, sie überwand ihren Trotz unb gab nach?

„Edith, will'st denn nit noch mal mit mir ver­suchen? Du sollst- nit zu bereuen haben — Ti­tele

Weich unb zwingend wie einst klang seine Stimme in ihr Ohr — da neigte sie den blonden Kopf.

„Ach, Lucian." flüsterte sie.

„Mädele!" Mit einem Jubelruf zog er sie an sich, unb sie widerstrebte nicht mehr.

Fest hielt er sie umschlungen unb drückte seine Lippen auf ihr blondes Haar. Das Herz war ihm so voll heiligen Glücksernpfindens, daß er keine Worte fand.

Nun war sie wieder sein! Nun hielt er sie wieder wie früher an seiner Brust! Und im stillen gelobte er sich, nur für sie, für ihr Glück zu leben!

„Du mein einziges, mein golvenes Mädele, wie soll ich dir danken für dein Vertrauen?" flüsterte er in tiefer Bewegung. „Nun hab' ich endlich mal wieder meinen Namen von den stolzen, trotzigen Lippen ge­hört! Jetzt soll dich keiner mehr von meiner Seite reißen! Ach, Ditele, wenn du wüßtest, wie es in mir aussah, als du dem anderen gehörtest —"

„Sprich nicht davon, heute nicht — ich habe so viel erlebt! Ich habe unrecht an einem edlen Menschen gehandelt, aber ich wollte ja durchaus vergessen —"

„Du Trotzkopf, und da war dir jedes Mittri recht — nun mach' die Augen zu, mein Mädele, unb benk, daß alles ein böser Traum gewesen ist —"

Er küßte sie unb sie war so glücklich in seinem Arm — so glücklich, seine zärtliche, schmeichelnde Stimme wieder zu hören:

„Unb nun, mein Titele, versprichst du mit, du läßt mich nit mehr lange warten. Wit haben soviel an Gluck nachzrchölen! Crnr Fpm Kapellmeffter wirst du fteilich noch nit; so weit hab' ich's' noch nit ge­bracht," sagte er schelmisch. „Aber eine Frau Konzert­meister ist mich nit zu verachten —"

„Ich weiß, Lucian, du bist ein großer Künstler geworden."

Er hielt ihr den Mund zu.

„Still, Mädele, das will ich nit von dir hören. Mein Ehrgeiz ist das nit. sondern das, ein glücklicher Ehemann zu werden Ach, Ditele —" et überschüttete sie mit Liebkosungen, bis sie ihn von sich drängte.

„Mo nur Thankmar bleibt?"

Da machte Lucian ein verschmitztes Gesicht.

„Der kocht draußen Kaffee und toartet, bis er ge­rufen wird —'

„Der Böse! Geh' nur und hole ihn. Ich hab'ein Wörtchen mit ihm zu reden."

„Mach s cnäbig mit ihm. Wir wollen dem guten Jungen lieber von Herzen danken —"

An ber Tür wcmbte er sich noch einmal um unb nahm sie noch einmal in den Arm.

Sie blickte vor sich hin, ein verträumtes Lächeln in dem schönen Gesicht.

Ja, sie hatte vergeben unb vergessen!

Run wollte sie von neuem aufbauen. Mit gutem Mute unb Vertrauen sah sie in bie Zukunft; denn jetzt konnte sie bem Geliebten gern vertrauen, und ein Leben ohne ihn schien ihr unbenfbar! Denn bem sonnigen, fröhlichen Menschen gehörte boch einmal ihre ganze Liebe!

Kleines Feuilleton.

— Vandervelbe unb bie Priester. Vandervelde, der Führer der belgischen Sozialdemokratie, verteidigt die Befreiung ber Geistlichen vom Militärdienst unb schrieb gegen die Angriffe, die ihm deswegen gemacht wurden, folgendes: Ich kenne mehrere Priester. Aber die so tiefe Verschiedenheit unserer Ueberzeugungen wird mich nicht hindern, ihrem moralischen und intel- lektuellen Wert meine Hochachtung zu sichern. Was d-esevigkn betrifft, die ich nicht kenne 1 Ich habe keinen, einzigen Grund, anzunehmen, daß es unter diesen nicht ebenso viele ehrliche Männer gibt wie unter den Aerzten und Advokaten. Ich bin im Gegenteil ganz geneigt, anzunehmen, daß die Lebensweise, zu der sie sich verpflichtet haben, eine Vermutung zugunsten der Geistlichen hervorrust. Die Priester sind für uns furchtbare Gegner; furchtbarer gewiß als jene bür­gerlichen Genuß- unb Profitjäger, die in ber Religion bloß ein Mittel sehen, um zu herrschen. Das Ideal der Priester steht dem unseren gerade entgegen- Ihr soziales Wirken steht in direktem Widerspruch zur Sozialdemottatie. Wir haben sie immer bekämpft unb werden nicht au sichren, sie zu bekämpfen, doch haben wir keinen einzigen Grund, die Priester zu beleidigen ober zu beschimpfen. — Was sagen denn jene sozial­demokratischen Organe, die ohne wüstes Geschimpfe auf bie „Pfaffen" gar nicht auskommen können,' zu oiesem Ausspruch des belgischen Sozialistenführers?

— Die Religionspsychologie eine neue „Wissen­schaft". Noch nicht gar lange ist es her, daß Dr. G. Stanley Hall, seit 1887 Präsident der Clark-Univer- sity in Worcester (Mass.), damit begann, über die