Maer W Zeitung
ÄÄ'i«. wocheilbews-: „Illustrierte SonntagrzeitlMg"
Erstes Matt
Fulda, Freitag den 10. Juni 1910
37. Jahrqail t
130.
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Lrschemr,a-ltch mit Atmtahm« der $ojh> «ad Feiertage, viertel- jShrlicher Se^rqspreir ohne vringerlohn und veftellgeld in Fulda sowie auswärts t-SvMt.
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des
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* Die Interpellationen im Abgeordnetenhaus
schließt mit den Worten: Zu Philippa (!) sehen uns wieder! (Stürmische minutenlange Heitk.)
Finan-Minister Frhr. v. Rheinbaben bleibt seinen Ausiührungen und wird dabei wiederholt
Di« Verhandlungen sind am Donnerstag hältnismäßig ruhig und würdig verlausen.
Nach den agitatorischen Vorbereitungen Evangelischen Bundes war mancher auf mehr Aufregung und größere Schärfe gefaßt. Es hat auch so an Mißdeutungen und unberechtigten Vorwürfen gegen „VRom" nicht gefehlt, und leider war das Zentrum nicht in der Lage, die Dinge richtig zu stellen, da es sich wegen der grundsätzlichen Be- streitung der Kompetenz des Landtags an der Debatte nicht beteiligen tonnte. Aber wir erkennen gern an, daß sowohl der konservativ« als auch der nationalliberale Redner trotz der scharfen Kritik im Einzelnen doch an den Grundgedanken des friedlichen Zusammenlebens der Bekenntnisse in Deutsch, land festhielten und die Einleitung eines neuen Kulturkampfes ausdrücklich ablehnten.
Der Ministerpräsident stellte sich nicht auf den Standpunkt des Zentrums, das die Ange- legenheit als rein kirchlich betrachtete, aber er nah« die Frage der Befugnis doch nicht so leicht, wie einige nicht verantwortliche Eiferer, sondern suchte die politische Zuständigkeit dadurch zu begründen, daß 1. die Enzyklika sich nicht auf den dogmatischen
Sozialdemokraten unterbrochen.
Adg. Leinert (Soz.) ruft ihm an einer Stelle zu: Da- iit toll! und Adg Liebknecht Soz.): Unverschämte Fälschung! Beide Abgeordnete werden zur Ordnung gerufen.
Die Abgg. Frhr. v. Zrblitz (frt), Fischbeck (Bp.) und Herold (Zkt.l drücken ihre Zustimmung zu der Vorlage aus. Letzterer erklärt bei dieser Gelegenheit: Der Äbg. Hoffmann und ebenso das „Bert. Tageblatt" hat jidf auf die „Wests. Rundschau" als ein Zentrum-btatt berufen. Demgegenüber stelle ich hiermit fest, daß die „Wests.Rundschau" fein Zentrums- blatt ist und daß daher auch seine Aeußerungen nicht als Stimmen aus dem Zentrumslager Mert werden kömien. -Sehr richtig! und Zustimmung im Zentrum.i Im übnaen hat mein Freund Tr. Dittrich unsere Stellungnahme zu der Vorlage schon in zweiter Lesung bargelegt. Wir werden einmütig für beide Vorlagen stimmen. (Beifall.)
Die Beiprechung schließt. Die Vorlage wird in zweiter Beratung angenommen, ebenso ohne wesentliche Debatte in dritter Lesung.
Ohne wesentliche Debatte wird ebenfalls angenommen in zweiter Losung der Entwurf betr. die öffentlichen Feuerversicherungsan st alten.
Freitag: Wahlprüfnngen, Wvhnungsgeldznschuß, Anträge.
und kirchrnregimentlichen Gegensatz der Konfessionen beschränkt habe und daß sie 2. „in ihrer Wirkung ent« ernste Gefährdung des konfessionellen Friedens in sich schließe". Weder die eine noch die andere Erwägung scheint uns durchschlagend zu sein für die Berechtigung des Eingreifens der Staatsge.ralt. Wenn der hl. Vater über die Reformatoren des 16. Jahrhunderts und deren Anhänger ein Urteil abgegeben hat, so mag da- wohl in die Geschichtswissenschaft eingreisen, aber nicht in die Politik der Gegenwart. Den konfessionellen Frieden zu schützen, muß der Staatsregierung am Herzen liegen; doch ist sie deshalb noch nicht berufen, in jedes konfessionelle Wortgefecht mit ihrer starken Hand einzugreifen. Unter Umständen kann die Parteinahme der Staatsgewalt für die eine Konfessionspartei eine schwere Kränkung und Reizung der anderen Partei bedeuten, sodaß statt Wasser Oel in das Feuer des Zwistes gegossen wird.
Im gegenwärtigen Falle hält sich das Eingreifen der Regierung, wie wir gern anerkennen, bisher in den Formen und Grenzen einer vorsichtigen Mäßigung. Herr v. Bethmann-Hollweg hat zunächst den offiziellen lateinischen Wortlaut der Enzyklika abgewartet und hat dann den preußischen Gesandten beauftragt, „in amtlicher Form bei der päpstlichen Kurie Verwahrung einzulegen und der Erwartung Ausdruck zu geben, daß die Rutil Mittel und Wege finden werde, die geeignet sind, die auS der Veröffentlichung der Enzyklika sich ergebenden Schäden zu beseitigen." Wie die Verwahrung und die Forderung formuliert worden sind, ist noch nicht bekannt. Doch darf man wohl hoffen, daß sie nicht verletzend oder herausfordernd abgefaßt sind, sondern dem versöhnlichen Geiste entsprechen, den Herr v. Betdmann in der Anerkennung der halbamtlichen Erklärung im,Osservatore Romano" bekundete, — ohne sich durch die „Hefterkeit links" stören zu lassen.
Zu der Erbweishest des hl. Stuhles haben wir das feste Vertrauen, daß sie auch in der offiziellen Antwort auf die Note des preußischci Gesandten schon die rechten Worte finden roito zur Aufklärung und Beruhigung der Gemüter.
Die Zentrumsfraktion schloß an die Nichtkompetenz-Erklärung die Versicherung, daß sie getreu ihren Traditionen und ihrer bisherigen Haltung nach besten Kräften stets bemüht sein werde, den konfessionellen Frieden zu wahren und in jeder Weise zu fördern. Jeder Unbefangene wird der Zentrumsfraktion und dem ganzen katholischen Bolksteil Deutschlands das Zeugnis geben müssen, daß ihre Friedensliebe nicht erst von heute datiert und nicht blos in Worten bekundet ist, sondern daß sie schon vier Jahrzehnte hindurch in kritischen Zeiten und unter den schwersten Herausforderungen dem Friedensgedanken die tatsächliche Treue erwiesen hat. Ein Gegenstück zu dem „Evangelischen Bunde" hat es auf unserer Seite nicht gegeben und soll es nicht geben. Wenn die Andersgläubigen sich jetzt wehren gegen wirkliche oder vermeintliche Kränkungen ihrer konfessionellen Gefühle, so wird hoffentlich bei dieser Gelegenheit allseitig der alte Spruch wieder zu Ehren und Beachtung kommen: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg' auch keinem anderen zu." —
Zum Schluffe der Verhandlung zeigte sich, daß die konservative Partei nicht gewillt ist, dem Liberalismus, der von dem Evangelischen Bunde unterstützt wird, die Führung abzutreten. Die Konservativen hatten beschlossen, daß die Würde der Verhandlung durch ein« Kraftrede des sozialdemokratischen Zehngebote-Hoffmann nicht beeinträchtigt werden sollte, und sie schlossen also nach der fortschrittlichen Rede die Debatte, weil sie bei der proklamietten Abstimmung des Zentrums die Mehrheit bildeten. Es verdient Beachtung, daß die Konservativen gegen die angedrohte Hetze wegen des „schwarzblauen Bündnisses" auch jetzt noch eine souveräne Gleichgiltigkeit zeigten.
Alles in allem darf man hoffen, daß der Zwischenfall ohne ernsten Schaden vorübergeht.
Bewußtsein von der Notwendigkeit des konfessionellen Friedens uns über diese Klippe hmweghilst und daß die Regierung alles tut, um für die Zukunft derartige schwere Gefährdungen des konfessionellen Friedens zu verhindern. Wir haben stets die Rechte der evangelischen Kirche vertreten, wir waren uns aber auch unserer Pflicht bewußt, wenn katholische Institutionen angegriffen wurden. Wir betrachten es als unsere erste Pflicht, zu verhindern, daß unsere heilige evangelische Kirche in irgend einer Weise und von wem es auch sei, verletzt werbe. (Beifall rechts.)
Abg. Dr Hackenberg (natl.): Die Enzyklika übet" trifft alles Vorausgegangene, das von Rom gekommen ist. Auch die Katholiken haben bas Empfinden, daß sie ungerechtfertigt ist. Ihre Darstellung der Reformation müssen alle bedauern, denen am konfessionellen Frieden gelegen ist. Man hätte erwarten sollen, baß, wenn ma>( ein historisches Urteil hätte abgeben wollen, dieses von derjenigen Stelle, von der es tarn, ganz anders hätte lauten muffen. Gewiß, haben die Reformatoren auch ihre Schwächen gehabt, sie hatten aber auch schwere Kämpfe zu bestehen Es ist daher bedauerlich, baß man ihnen ben Vorwurf der Laster- haftigkeit macht. (Beifall links«. Es ist bedauerlich, daß man Fürsten, welche diesen Männern folgen, den Vorwort der Korruption macht. Will man ein historisches Urteil abgebe«, so muß man die Personen als Ganzes betrachten, und man wird das Mangelhafte bann anders beurteilen. Mögen sich beide Konfessionen des Kaiserwortes erinnern, bas seinerzeit bei Uebergabe des Kreuzes an ben Erzabt von Beuron gesprochen würbe, baß sich bie Konfessionen im Zeichen des Kreuzes zusammenfinden sollen. Wir haben nichts dagegen, wenn man unsere Ueberzeugung als einen Irrtum, wenn man uns als Ketzer be» zeichmt, aber wir dürfen fordern, daß wir nicht beschimpft werden, wie es die Enzyklika getan hat. (Lebh. Beifall . Es handelt sich nicht um die Meinungsäußerung eines Einzelnen, sondern, wie man auf dem politischen Gebiete sagen würde, um eine Staatsaktion. (Beifall links'. Man hat gesagt, die katholische Kirche müsse d og mati sch intolerant sein. Wen« bog- malische Intoleranz das Festhalten beider Konseffionen an ihrer persönlichen Glaubensanschauung bedeutet, so will ich mir den Ausdruck gefallen lasten, aber gerade dieses Festhalten an der persönlichen Glaubens- Überzeugung erfordert doch die Duldung der Ueberzeugung anderer. Es ist unsere beiderseitige Pflicht, christliche Toleranz zu üben, wir dürfen nicht miteinander streiten, sondern müssen wetteifern tu den Früchten des Glaubens, in ben Früchten der werk- tätigen Nächstenliebe. (Beifall) Daher muß es zuruck- gewiesen werden, baß in die Keime bteses schonen Friedens immer wieder die Brandfackel hineingeworfen wirb. (Sehr richtig.) Das erzeugt Haß een ben Kindern derselben Mutter, den Kindem des .eben Reiches. (Lebh. Beifall.) Wenn der innere Friede gefährdet wirb, so kann man bie Angelegenheit nicht mehr als eine rein kirchliche betrachten. Wenn die Anschauung der Enzyklika unter ben Katholiken gelehrt wirb, ist das keine Störung des konsesfio- itellen Friedens? Und wenn von protestantischer Seite eine Gegenströmung kommt, unb— wir wollen uns darüber nicht täuschen — nun auch ihrerseits über bas Ziel hinausschießt, ist bas keine Störung bes konfessionellen Friedens? Unb ist es nicht eine Gefährdung deS konfessionellen Friedens, wenn ein führendes Blatt der Zentrumspartei im Gegensatz zu anderen katholischen Blättern bie Wahrheit ber Enzyklika behauptet? Derartige Auffassungen müssen zum Kampf fuhren, aber wir wollen nicht zum Kampfe rufen, sondern ich meine, gerade in dieser Stunde muß von dieser Stelle in das Land bineingerufen werden, daß wir uns nicht »erbittern unb hinreißen la ff en durch die Stimme, bie von jenseits der Berge zu uns herüberklingt. (Lebh. Bravo.) Ich freue mich ober der Zeugnisse, die aus dem katholischen Lager an unser Ohr geklungen find. Wir wollen diesen Männern die Hand reichen unb ihnen sagen: Wir wollen an nnferer Glaubensüberzeugung sesthatten, aber wir mol» ^gleichzeitig bie Glaubensüberzeugung des anderen u?b "icht beschimpfen. Wir wollen fie als bm-t ansehen, das nicht berührt werden
ob dbhastks Bravo.) Es ist vielleicht fraglich, Mitte! .^dußischen Regierung die staatsrechtlichen solche stehen, um Genugtuung für
für bte fordern und sie wenigstens
männisches bwtan zu hallen? Ein staats« hätte vielleicht Wort seitens bet Regierung
Oel der ®erubim™» • wirken können unb hätte 8cr.be geooffen Wenn hochgehenden Wogen im im Busla^d verletz^wird Staatsangehöriger stellig, aber hier wo esunfer Gesandter vor-
wir noch nichts davon gehört, daß ber Gesandte beim päpstlichen Stuhl« vorstellig geworben sei. Wenn er diese Absicht nicht hat, bann kann man an der Existenzberechtigung dieser Gesandtschaft einigermaßen zweifeln (Sehr richtig). Gewiß, er wird keine Zurücknahme erlangen unb, wie wir die Geschickte der Surialpolittt kennen, nicht einmal eine Entschuldigung herb ei führen können. Wenn aber ein Souverän wie ein solcher behandelt werben will, so muß er auch die Umgangsformen annehmen, die im internationalen Berk ehr üblich sind (Sehr richtig). Die geringen Erfolge unserer Gesanbtschast find um so bedauerlicher, als wir es an Entgegenkommen gegenüber der Kurie nicht haben fehlen lassen (Sehr richtig). In wellen Kressen der Bevölkerung fragt man sich, ob e? im Interesse des preußischen Staates liegt, diese Gesandtschaft aufrecht zu erhalten, ob wir an einem Hofe eine Gesandtschaft unterhalten sollen, der die Beschimpfung eines großen Teiles ber Bevölkerung unseres Landes als ein unveräußerliches Recht betrachtet. Ich richte an bie Regierung bie Frage, welche Maßregeln sie ergreifen will, um ben durch die Enzyklika bedrohten konfessionellen Frieden in Preußen zu sichern (Lebh. Beifall).
Abg. Gras Moltke (freit.) begründet die freikonservative Interpellation. Seine Ausführungen bleiben auf ber Tribüne im Zusammenhang völlig unverständlich.
Ministerpräsident v. Bethmann-Hollweg: Die Enzyklika, bie heute ben Gegenstand ber Interpellationen hübet, enthält ohne sich auf den hierarchischen unb kirchlich-religiösen Gegensatz ber Konfessionen zu beschränken, Urteile über bie Reformation und die ihr zugetanen Fürsten unb Völker, welche unsere evangelische Bevölkerung sowohl in ihrer religiösen als auch in ihren staatlichen und sittlichen Empfindungen schwer verletzen. (Sehr wahr.) Die auch in ihrer Form verletzenden Urteile erklären die tiefgehende Erregung weiter Kreise des Volkes und schließen in ihrer Wirkung eine ernste Gefährdung des konfessionellen Friedens in sich. (Sehr richtig!) Ich habe deshalb unmittelbar, nachdem mir der offizielle lateinische Wortlaut ber Enzyklika zugegangen war, unseren Gesandten am Vatikan beauftragt, in amtlicher Form bei der päpstlichen Kurie Verwahrung einzulegen und der Erwartung Ausdruck zu geben, daß die Kurie Mittel und Wege finden werde, die geeignet wären, die ans der Veröffentlichung der Enzyllika sich ergebenden Schäden zu beseitigen. (Lebh. Bravo) Diese Erwartung ist um so berechtigier, als bie Kurie nach den gestern im ,Off er» vatore Romano' veröffentlichten Mitteilungen „nicht im entferntesten bie Absicht gehabt hat, (Heiterleit links) die etmngeL Böller und ihre Fürsten zu kränken." Der Ge- fandte hat feinen Auftrag gestern ausgeführt, eine abschließende Antwort der Kurie ist nochnicht erfolgt, hat bei ber Kürze ber Zeit auch noch nicht erfolgen können. Bei diesem Stande der Angelegen, hell muß ich mich jetzt weiterer Erklärungen enthalten. Es schien mir aber notwendig, die Interpellation schon heute zu beantworten, weil angesichts ber Beunruhigung, bie sich im ganzen Lande bemerkbar macht, das Bct- langen berechtigt war, ohne Verzug über bie Stellungnahme ber königlichen Staatsregiening unterrichtet zu werben. Das hohe Haus wolle aus meiner Erklärung entnehmen, daß bie Igl. Staats»egierung im allge- mitnen staatlichen Interesse entschlossen ist, bas Ihrige zu tun, um ben konfessionellen brieten im fianbe zu wahren unb zu schützen. (Lebh Beifall.)
Aus Antrag v. Pappenheim (fonf.) findet Besprechung ber Interpellationen statt. Das Zentrum stimmte gegen bte Besprechung.
Abg. Herold (Ztr.): Namens meiner politischen Freunde gebe ich bie nachfolgende Erklärung ab: Die Zentrumsfraltion lehnt es ab, über eine Kundgebung des Oberhauptes der katholischen Kirche, welche kirchliche Angelegenheiten ^erhandelt, ein Urteil abzugeben (Lachen links), und auf dem politifchen Boden des Hauses ber Abgeordneten in eine Diskussion einzutreten. Indem wir uns eines Eingehens aus die Enzyklcka enthalten, sprechen wir zugleich bie Hoffnung aus, baß bie Beziehungen ber Kath olikeu zu ihren evangelischen Mitbürgern nt c'y leiben werben. Wir unsererseits werben geiira unseren Trabitionen und unserer bisherigen Haltung nach besten Krästen stets bemüht sein, ben konfessionellen Frieden zu wahren und in jeder Weise zu fördern. Daher werden wir uns auch an der Debatte nicht beteiligen.
Abg. Dr. v. Jnzdzewski Pole- schließt sich namens feiner Freunde dieser Erk ürung an.
Abg. Gtzhliug (Vp.): Die Enzyklika enthält auch eine Beschimpfung des Königs von Preuße!,. Der Ministerpräsident hat auch aner'aunt, daß er in der Enzyllika eine Gefahr für den konfessionellen Frieden erblickt. Zudem liegt Gefahr vor, daß der Kampf auf das politische Gebiet hiuüberspiel«. Wenn der ,Offer- vatore Romano' die Euzy'lika anders denket, so wundert mich das, denn die Kurie mußte sich doch über die Tragweite der in ber Enzyllika enthaltene» Worte bewußt fein. Wir mischen uns für gewöhnlich nicht in kirchliche Angelegenheiten hinein, da wir niemals Kulturkampsgedanken hatten, aber wir haben das Recht, Protest einzutegeu, daß der Papst es wagt, den Preußischen König und das preußische evangelische Volk zu beschimpfen. Wenn ber Vatikan so fortfährt, bie evangelisch- Kirche zu beleibigen, bann muß ber konfessionelle Frieben erschüttert werden. (Beifall links.) Bezeichnend ist übrigens, baß selbst von kathol. Sette gegen bie Enzyklika Front gemacht worben ist, wie bas zum Beispiel auS verschiedenen Zuschriften von katholischer Seite an die Mlmsche Zeitung' hervorgeht. Die Regierung hat allen Anlaß, beizeiten ernzuzreifen, (Sehr richtig! links.) Was soll nun geschehen gegen bie Wieberkehr solcher Vorgänge? In ber Presse ist bte Rebe gewesen, von ber Abberufung bes preußischen Gesandten am Vatikan. Ich glaube nicht, baß ber preußische Gesanbte am Vatikan jemals in ber Lage ist, eine Stimmung im Vatikan herbeizuführen, bte eine Wiederkehr solcher Dinge vermeiden würde. Dann aber hat der preußische Gesandte dott seinen Zweck verfehlt. (Sehr richtig! links.) Wir haben zu der königlichen StaatSregierung kaum das Zutrauen, daß sie bie Kraft besitzen wirb, für bie Beschimpfung des ProtestantsmuS eine Sühne zu fordern. Die Konservative» betonen immer, wenn man auf ihr Bündnis mit dem Zentrum hinweist, die Gemeinsamkeit der christlichen Weltanschauung. Wie steht es hier mit dieser Gemeinsamkeit? Die Konservativen haben ihre Interpellation eingebracht, weil sie sehen, daß die Protestanten draußen im Lande von ibne« abrüden wegen des Bündnisses mit dem
Heber den Verlauf der Sitzung erhalten wir von unserem -^-Mitarbeiter folgendes Stimmungsbild:
Es ist zu keiner Sensation gekommen, nicht einmal zu einem großen Tage. Aber auf den Gesichtern verschiedener Herren matte sich Enttäuschung, hervorgehend vielleicht aus der Erwägung, daß wieder einmal einige Felle weggefchwommen waren, als bereits um 1/*2 Uhr der Präsident z im zweiten Punkt der Tagesordnung übergehen mußte. Zu Beginn der Sitzung wies der Saal eine gute, jedoch nicht übermäßige Besetzung auf, die Tribünen waren stark besucht. Am Ministertische hatten sich Bethmann-Hollweg, v. Trott zu Solz und Freiherr v. Schön niedergelassen. Die konservative Interpellation wurde von dem Abg. v. Pappenheim begründet. In ruhigem und maßvollem Tone, mit überzeugungsernster Entschiedenheit vertritt er den Standpunkt der evangelischen Kirche. Deutlich klang aus der Rede eine bei diesem Redner ungewohnt starke Erregung und Bitterkeit heraus, die zu ver- tennen oder zu verschweigen unmöglich ist, wenn man sich unb andere nicht über die Wirklichkeit hinwegtäuschen will, und die zahlreichen Hört-hört- Rufe unb Zustimmungsbemerkungen aus den konservativen Kreisen bestätigen diesen Eindruck. Die nationalliberale Fraktion hatte zur Begründung ihrer Interpellation ihren besten und vorsichtigsten Redner vorgeschickt, zugleich das einzige theologische Mitglied, Dr. Hackenberg. Mit geschickter Dialektik kritisierte er die Worte der Enzyklika, die deutsch-protestantischen Stimmungs- saktoren weiß er so klug auszuimtzen, daß bis in die Reihen ber Konservativen hinein lauter Beifall ihm bankt. Sein Appell zur Erhaltung des Friedens auf der Grundlage christlicher Toleranz weckt mit seinem warmen Ton herzliche Zustimmung, und wenn er dem Redner und allen denen, die ihm zu» stimmten, aus ehrlichem Herzen kam, so wollten wir uns dessen aus ganzer Seele freuen. Leider hat der
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 9. Juni 1910.
Auf ber Tagesordnung stehen zunächst die Interpellationen ber Konservativen, Freikonservative» imb Nationalliberalen betr.
Sie Enzyklika te Papstes.
Auf eine Anfrage bes Präsidenten erklärt sich ber Ministerpräsident zur sofortigen Beantwortung bereit.
Abg. v. Pappeicheim (kons.) begründet bie konservative Jutetpellarion. Deulschlanb hat ein dringendes Bedürfnis nach innerem Fi leben. Was wäre aus uns geworben, wenn Katholiken unb Protestanten nicht in ben Kriegen Schulter an Schulter für das Vaterland gekämpft hätten? Deusschlanb hat baS Bedürfnis nach Frieben, umsomehr» als es ber Reibungsflächen so viele gibt Wir sind immer sür ben Frieden eingetreten unb haben uns pst Mißdeutungen habet ausgefetzt. Aber ber Friede bars fein schlechter sein, er muß begrünbet fein auf ber geg enf eiligen Achtung bes anberen. Namentlich in Sachen des Glaubens. (Beifall.) Als bie Enzyllika bekannt wurde, haben wir sofort unsere Interpellation eingebracht weil wir von ber Regierung zu wissen verlangen, wie sie ben Beschimpfungen ber Reformation, ber Beschimpfung auch ber Ahnen unseres Königshauses entgegentreten will. Wenn von anderer Seite gesagt wirb, man habe nicht verletzen wollen, so steht das im Wiberspruch mit ben Tatsachen. (Sehr wahr!) Die Enzyklcka hat überall in Preußen eine tiefe Erregung hervorgerusen, weil es sich hier um Beschimpfungen ber Institution ber evangelischen Kirche hanbelt, wie fie ernster bie Geschichte kaum kennt. (Beifall.) Unb bas alles gegenüber ber herrlichen Jerusalemseier, dem Bestreben des Königshauses, ben konfessionellen Frieben zu festigen. Auch Katholiken haben die Enzyklika als einen Schlag empfunden (Hört! hört!), welcher dem konfessionellen Frieden versetzt worben sei. Ich hoffe, daß bas
Zentrum (Gelächter rechts, sehr richtig! links.) DaS können Sie (nach rechts) boch nicht bestreiten (Rufe links: Sehr richtig! Rufe rechts: Falsch, Wahlrebe. Lärmen links. Glocke bes Prästbenten. Abg. Hoffmann (Soz.) schreit mit lauter Stimme in ben Saal hinein: Der Leutnant kommt Allgemeine Heiterkett.)
Ein Schkußautrag ber Konservativen wirb unter großem Lärm mit den Stimmen ber Rechten angenommen. Das Zentrum hatte kurz vorher ben Saal verlassen.
Zur Gefchäftsorbnung bemertt
Abg. Hoffmann (Soz.): Durch ben Schluß ber Debatte ist es uns unmöglich geworben, zu Worte zu kommen. Ich verspreche Ihnen bafür 100 Austrittsversammlungen aus ber Kirche abzuhalten.
Abg. Winckler (kons.): Wir waren überzeugt, baß ber Abg. Hoffmann nicht mit ber nötigen Würbe zu ber Angelegenheit sprechen würbe unb weil wir wollten, baß biese Berhanblungen ohne Mißklang iu'S Lanb gehen, haben wir ben Schlußantrag gestellt
Abg. Hoffmann (Soz.): Der wahre Grund ist ber, baß man auf ber rechten Seite befürchtet, wir würden bas Techtelmechtel mit bem Zentrum unb Käufer- nativen in das richtige Licht setzen. Es war also von bem Herrn Winckler nur eine faule Ausrede.
Präsident v. Kröcher: Herr Abgeordneter, ber Aus- bruck faule Ausrede war aber doch etwas unfreundlich. (Heiterkeit).
Abg. Fischbeck (Bolksp.): Die Tatsache, baß bas Zentrum bei ber Schlußabstimmung ben Saal verlassen hat, wirb ben Wählern bte Augen öffnen. (Abg. Hoffmann ruft: Das ist bet Dank des Zentrums an bie Edelsten ber Nation!)
Abg. Dr. Friedberg (natl.): Wir bürfen verlangen, baß bie Konservativen nicht wegen ihrer Rücksicht auf bas Zentrum anbere Parteien leiben lassen. Wir ftnb burch ben Schluß bet Debatte verhindert worben, zu ber Erklärung des Ministerpräsidenten Stellung zu nehmen.
Abg. Graf Praschma (Zentr.): Wir sind der Auffassung, baß die Materie nicht zur Kompetenz des Landtages gehört Daher haben wir gegen die Besprechung gestimmt, und daher wat es ganz natürlich, baß wir bei bem Antrag auf Schluß ber Debatte einfach nicht mitgestimmt haben.
Damit ftnb bie Interpellationen etlebigt
Es folgt bie zweite unb dritte Lesung bet Vorlage belteffenb
Erhöhung der Zivilliste.
Abg. Tr. Jazdzewski (Pole) erklärt, baß seine Partei bet Vorlage zustimme. Wir geben bem Kaiser, was des Kaisers ist, hoffen aber, baß man auf bet andern Seite auch unsere berechtigten Forderungen erfüllt
Abg. Dr. Friedberg (natl.): Wir haben uns in ber Kommission überzeugt, daß die geforbette Summe ihre Berechtigung hat unb stimmen daher für die Vorlage.
Abg. f?offmcuit (Soz.)' Die Polen küssen bie Kütaftietstiesel, mit benen sie getreten werden. Die Berechnung des Finanzministers über bie Erträgnisse der Privatgütcr der Krone waren nicht stichhaltig. Redner sucht dies des näheren nachzuweisen. Dem Fiuanzministet gebe ich bie Zensur: Statistik schwach, Kopfrechnen auch. Das hat ihm Gewinner neulich bewiefen. Die Zentrnmspreffe rebelliert gegen bie Erhöhung ber Zivilliste. Das zeigt eine Auslassung ber „Wests. Rundschau", die ansgefühtt hat, baß bie Berufung auf bie allgemeine Lebensverteuerring fast eine Verhöhnung des Volkes bedeute. iZuruse aus bem Ztt.: Ist ja gat kein Zentra nsblatk!) Es vertritt aber bas Zentrum (Widerspruch im Ztt.), wenigstens ist es ein bürgerliches Blatt. <Heikk) Das Zentrum möge nur bewilligen, bie Wähler würden sich schon von den Sozialbemokraten aufklären lassen. Redner