Einzelbild herunterladen
 

Maer

wochenbeilas-: „Illustrierte Sonntagrzeitung'

«rschtiiü täglich mit Busnahme der §o.m- «ild Leiertage viertel- iährlicherSerngrprei; ohne vringrrloh« und Bestellgeld in Fulda so­wie auswärts J .50 Mit

Verantw. Redakteur: «ariiSchiitte, fSr die Anzeigen:

Z. Parzelle» in Fulda.

aniagent vre et» fpaltigePetitzeileoder deren Bannt 15 pfg. Bevamendtepetitzeile 25 Pfg., bei Wieder­holungen wird entspr.

Rabatt gewährt.

BotationsdruSuud Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Jv8 128. Erstes Blatt.

Fulda, Mittwoch den 8. Juni 1910.

37. Jahrqanq.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 7. Juni 1910.

Auf der Tagesordnung stehen die Gesetzentwürfe betr. die

Erhöhung der Krondotation

um 2 Millionen und der Subvention für die König!. Theater um Vj* Millionen Mark.

Abg. v. Hehdebrand (krms.): Meine politischen Freunde werden für betör Borlagen und zwar aus­nahmslos stimmen, denn sie sind vollbegründet. Rom» mifsionsberatung ist nicht notwendig.

Abg. Dr. Friedberg (ntlb.): Auch uns scheint die Vorlage nölig zu sein. Um aber einen Zweifel nicht auskommen zu lassen, ob die Bewilligung in der ge­forderten Höhe notwendig ist, beantragen wir Ver­weisung an die Budgetkommission.

Abg. Fischbeck (Vp.) schließt sich mit dem Be» merken, daß ein Teil seiner Freunde von der Not- kvendigkeit des Geforderten noch nicht überzeugt sei, dem Anträge auf Kvmmijsionsberatung an.

Abg. Dittrich (Ztr.t: Wir sind bereit, die Vor­lagen zu bewilligen, und halten bei der Klarheit der Sachlage eine Kommissionsberatung nicht für notwen­dig. Wir wollen ihr aber, da größere Parteien sie fordern, nicht widersprechen.

Abg. Frhr. v. Zedlitz (srk.): Wir halten die Vor­lagen für notwendig und dringlich und werden für sie stimmen. Einer Kommissionsberatung werden wir nicht widersprechen.

Abg. Hoffmann (Soz.): Wir können in das Har­moniekonzert nicht einstiminen. Die Verhandlungen hinter geschlossenen Türen ohne Hinzuziehung unserer Fraktion haben großes Mißtrauen hervorgerufen. Die Bezüge der Krone sind eher zu hoch, a's zu niedrig. Die Krone sollte die Sparsamkeit, die sie den Offizieren, empfiehlt, zunächst einmal bei sich in die Praxis um­setzen.

Präsident v. Kröcher: Ich nehme an, daß Sie m t der Krone die Beamten meinen, sonst müßte ich tote bitten, die Person des Königs nicht in die Debatte zu ziehen.

Abg. Hoffmanns Wir find der Meinung: Die Wahl aller Staatsdiener, auch des ersten Staats­dieners, hat durch das Volk zu erfolgen.

Präsident v. Kröcher: Das ist Hochverrat. Ich rufe Sie zur Ordnung! (Lebh. Beifall rechts, Un­ruhe bei den Soz.)

Abg. Hoffmann: Friedrich, genannt der Große, hat sich selbst den ersten Diener des Staates genannt. Wie kann das also Hochverrat sein?

Präsident v. Kröcher: Sie haben die Wahl des Königs durch das Volk verlangt. Das ist Hochverrat. (Beifall rechts. >

Abg. Hoffmann: Die Wahl des ersten Staats­dieners durch das Bolk wird aber doch in unserem Program n verlangt.

Präsident v. Kröcher: Sie können Grundsätze im Programm haben, welche Sie wollen. Sie dürfen aber die hochverräterischen Grundsätze hier nicht öffentlich bekunden. (Lebh. Beifall rechts, große Unruhe bei den Soz., die der Volkspartei zurufen: Und das lassen Ste sich gefallen?!

Abg. Hoffmann: Wenn man Geld für andere Zwecke gebraucht, so spare man doch an den kostspieli­gen Jagden und Reisen. Wenn wir sehen müssen, wie oft die Krone abwesend ist . . .

Präsident ». Kröcher: Ich bitte, die Person des Königs nicht in die Debatte zu ziehen, das ist unzu­lässig.

Abg. Hoffmann: Man könnte wegen der Abwesen­heit anstatt einer festen Zivilliste Anwesenheitsgelder zahlen. (Heitk.)

Präsident v. Kröcher: Sie haben schon wieder den König in die Debatte gezogen.

Abg. Hoffmann: Die Vorlage ist eine Provokation des Volkes. Bei den nächsten Reichstagswahlen sehen ivir uns wieder. Wehe der Regierung, wehe den bürgerlichen Parteien, wenn ihnen der sozialdemokrati­sche Wolkenbruch in die Bude weht. (Heitk.)

Finanzminister v. Rheinbaben: Es ist eine An­maßung, wenn die Sozialdemokraten im Namen des Volkes sprechen. Es ist ebenfalls eine Anmaßung, wenn sie im Namen der Arbeiter sprechen. Nur 1,8 Millionen von 19 Millionen Arbeitern gehören den sozialdemokratischen Gewerkschaften an. Weil wir wußten, daß die Sozialdemokraten die Angelegenheit

zur Agitation ausnützen würden, haben wir sie bei den Vorbesprechungen nicht zugrzogen. Die Angaben des Vorredners sind auch sonst vielfach irrig. Der Ftnanzminister weist zahlenmäßig Behauptungen des Vorredners über zu geringe soziale Fürsorge und zu hohe Belastung der niederen Volksschichten zurück und dankt den bürgerlichen Parteien für das einmütige Zusammengehen in dieser Angelegenheit mit dem Wunsch, daß dieser Vorgang von weittragender Be­deutung sein möge für das Zusammengehen der bürger­lichen Parteien gegen die Sozialdemokratie.

Die Vorlagen werden hierauf gegen die Stimmen der Sozialdemokraten der Budgetkommission überwiesen.

Es folgt die zweite Beratung des Eisenbahn- anleihegrsetzes. Die Vorlage wird nach un­wesentlicher Debatte nach den Kommissionsbeschlüssen erledigt.

Der Besprechung einer Petition auf Abänderung der westfälischen Landgemeindeordnung wird durch Vertagung ein Ende gemacht.

Mittwoch: Anträge Petitionen.

*' Der Rücktritt des Staatssekretärs Dernbnrg

vollzieht sich unter etwas eigentümlichen Formen.

Herr Dernburg hat, wie jetzt bekannt geworden ist, bereits Anfang Mai, alsbald nach der Unter­zeichnung des Vertrages mit der Kolonialgesellschaft für Südwestafrika, seine Entlassung nach gesucht. Er hat sich dann einen Urlaub geben lassen, um der weiteren Tätigkeit in seinem Amte überhoben zu sein, obschon er in Berlin verblieb. Da nun die formelle Erledigung des Abschiedsgesuches sich ver­zögert, hat die Familie Dernburg < ine „Flucht in die Oeffentlichkeit" vollzogen. Es wurde jene linksliberale Presse mobil gemacht, der Herr Dernburg Vater von altersher nahe steht, und da wird nun mit der gewohnten Lungenkraft und Skrupellosigkeit das Märchen in die Welt gefetzt, daß Bernhard Dernburg, Exzellenz sich als glor­reicher Sieger zurückgezogen habe mit Widcrw.llcn gegen den „schwarzbiauen Block" und die „reaktio­näre Regierung". Dian höre, was das „Berl. Tage­blatt" da zu fabeln weiß:

Daß Dernburg an dem Reichskanzler v. Belhmann- Hollweg keinen Rückhalt haben würde, darüber konnte sich Dernburg unmöglich täuschen. Er mußte sich, als welterfahrener Mann, aber auch sagen, daß er selbst dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen wäre, hätte er sich für diesen Kanzler in parlamentarischen Kämpfen wider das herrschende Parteiregiment auf­reiben wollen. So zog er es vor, zu gehen. Aber er ging, nach einem großen parlamentarischen Erfolg über ferne offenen und geheimen Widersacher. Dernburg geht, weil für einen deutschen Kaufmann von weitem Blick, der weiß, wo unsere Zickunft liegt, kein Raum ist innerhalb des klerikal-lonser vativen Parieiregiment?, in dessen Dienst Herr v. Bethmann und seine Regierung sich bedingunglos gestellt haben. Dies klar erkannt und durch seinen sreiivilligen Rücktritt aller Welt ebenso klar kundgeaeben zu haben, ist von Dornburgs Verdiensten vielleicht nicht das kleinste!

Die „Frankft. Ztg." klagt:

Schon seit geraumer Zeit konnte man wahrnehmen, daß sehr stark gegen Dernburg gearbeitet wurde. Dem Zentrum schien die Gelegenheit günstig um, nachdem es Bülow gefällt hat, auch Dernburg zu stürzen. Auch die Konservativen haben feit betn Rücktritt Bülows ihr Verhalten gegen Dernburg ge­ändert, und man konnte damit rechnen, daß Dernburg auf die Dauer nicht unter der Herrschaft des schwarz- blauen Blocks auf seinem Posten bleiben würde.

Der Philister, der seine geistige Nahrung aus dem ,Berliner Tageblatt" und den verwandten linksliberalen Garküchen bezieht, fühlt sein Herz von Verehrung und Mitleid schwellen, wenn er diesen größten und verdientesten Mann der nach- bismarckischen Zeit der schrecklichen Ränke des Zentrums und der Agrarier und der Schwäche der umgeschwenkten Regierung zum Opfer fallen sieht.

Das ist lauter Lug und Trug.

Wenn Herr Bernhard Dernburg aus allgemein politischer Abneigung gegen eine blocklose Regierung gehen wollte, so hätte er schon im vorigen Jahre dem Fürsten Bülow in den Ruhestand folgen muff en. Das Zentrum ist natürlich nicht so kindisch, daß cs im Jahr 1910, wie man in einigen liberalen Blättern lesen kann, noch „feine Rache kühlen" wollte an einer Persönlichkeit, die im Dezember 1906 nach der Anleitung des Chefs der Reichs­kanzlei gegen den Abg. Roeren zu Felde gezogen war. Es ist allgemein bekannt, daß das Zentrum in dieser Zwischenzeit die kolonialpolitischen Maß­nahmen des Herrn Dernburg nicht bloß durchaus sachlich, sondern vielfach geradezu freundlich behandelt. Namentlich in dem wichtigen Punkte der Behandlung der Eingeborenen hatte der Staatssekretär im Zentrum seine beste Stühe ge­sunden. Als der Abg. Erzberger wegen der Ab­messung der Privilegien der Kolönialgesellschast und wegen der Heranziehung des profitierenden Kapitals zu den Kolönialkosten mit Herrn Dernburg einen sachlichen Streit aussocht, haben bekanntlich die Führer der Zentrumssraktion den Versuch gemacht, ausgteichend und mildernd einzuwirken. Auch die Konservativen haben, obschon ihnen die Per- jönlichleit des Staatssekretärs an sich kein Wohl- gefallen erwecken konnte, doch ihm Unterstützung angedeihen lassen, so ost es thre sachliche Ueberzeugung gestattete, und auch in den erwähnten letzten Streit­fragen ihm einen günstigen Ausweg eröffnet, und zwar einen so günstigen, daß die ganze Dernburg- Presse den Abschluß der Reichstagsverhandlungen als einen Sieg und Triumph ihres Helden feierte.

Kurz: Herr Dernburg ist nicht an persönlicher Gegnerschaft und nicht an den allgemein-politischen Verhältnissen gescheitert, sondern an den sachlichen Bedenken und Widerständen, die seine Kolonialpolitik mehr und mehr erregte und die durch seine brüske Art des Vorgehens ver­schärft wurden.

Zum Zeugnis dessen können wir ein Blatt an- sühren, das der kolonialpolitischen Wirksamkeit des Herrn Dernburg eine so innige und treue Unter­stützung gewidmet hat, wie kaum ein anderes nämlich die .Deutsche Zeitung'. Sie schreibt u. a.s „Wir wußten, daß in der letzten Debatte Bernhard Derndura mit Absicht „programmatisch" gesprochen hatte. Er fühtte seine Stunde gekommen. Er sah die Wideritände im Reichet:g .mmer stärker schwellen, in den Kolonien immer höher steigen. Inzwischen sind die Abgeordneten, der Lü d er i tz b u cht e r, die Herrn Stauch und Schmidt, in Deutschland eingetroffen. Sollte Dernburg die Kämpfe um die Diamanten-Politik nun von neuem aufnehmen, nachdem er im Reichstage gesehen hatte,, daß ihm in manchen Dingen bereits eine st'lle Mehrheit gegenüberstand, nachdem ihm ein Vertragsentwurf bereits einstimmig von der B rd g e t f o mmifion zurückgegeben war? Auch standen noch ernste Entscheidungen aus..... Auf

der Dresdener Hauptversammlung der Deutschen Kolönialgesellschast mußten wir es mit Erstaunen er­fahren, daß nicht nur die „D ft a f r i t a n e r“ Mann für Mann, sondern auch die Organisation der aus allen Parteien und wirtschaftlichen Richtungen zu- s rmmengesetzten Kolonialgesellschaft außer­halb aller pertönlichen und außerhalb der wichtigsten sachlich-polittfchen Zusammenhänge mit dem Leiter der deutschen Kolonialpolitik stand. . . . Ganz Südwestafrika — einschließlich feiner Beamten­schaft — stand zuletzt in Opposition gegen die Berliner Zentrile, da durchhieb Herr Dernburg den Knoten. Er unterzeichnete den zweiten Vertragsentwurf mit der Kolonial­gesellschaft für Südwestafrika, ehe die Abge- an 6 t en der Südafrikaner hier anlangteu. Und dann ging er."

Daraus sieht man, daß das System des £ e r t n Dernbnrg fest gefahren war. Be­dauerlich, daß er den erwähnten Vertrag unter­zeichnet und damit das Reich gebunden hat.

Deutscher Reich.

i Berlin, 7. Juni 1910. Ter Kronprinz leidet an einer leichten Gesichtsschwellung. — In der Reichstags-Stichwahl zu Jauer-Bolken- hain zwischen dem sozialdemokratischen und dem freisinnigen Kandidaten wird die Reichspartei für den letzteren eintreten. — Die Zuschüsse zur Eisenbahnarbeiter-Pensionskasse werden nach einer Mitteilung des Finanzministers schon vom 1. Juli d. I an geleistet werden, statt, wie ursprünglich in Aussicht genommen, erst vom 1. April 1911.

* Die Hochzeit im preußische« Königshanse. Die Braut des Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, Prinzessin Agathe von Ratibor und Corvey, traf gestern nachmittag mit Gefolge und ihren Anver­wandten auf Station Wildpark ein, wo sie von der Kronprinzessin empfangen wurde. In feierlicher Auffahrt begaben sich die Herrschaften nach dem Neuen Palais, wo die Braut vom Kaiserpaare be­grüßt wurde. Die Trauung findet heute statt.

)( Noch ein kolonialer Rücktritt. Gras Schech der bisherige Gouverneur von Togo, wird nicht wieder auf seinen Poften zurückkehren, vielmehr heiraten und sich aus ein Landgut zurückziehen. — Auch Herr v. Schuckmau.i von Deutschsüdwestafrika kehrt nicht mehr dorthin zurück.

)( Eine erfreuliche Mitteilung. In der Budget- kommission des preußischen Abgeordnetenhauses machte gestern der Finanzminister die Mitteilung, daß der Äeiseüberschuß der Eisenbahnen im Jahre 1909 den Voranschlag um volle hundert Millionen übersteigt.

)( Die Beranlagung der Einkommensteuer durch die landrätliche Behörde soll aufhören. Der Unter­ausschuß zur Beratung der preußischen Verwaltungs- rcform hat beschloffen, dafür einzutreten, daß diese Ver­anlagung selbständigen Behörden übertragen werde, bisherige Gouverneur

)( Ueber die Danziger Werstaffäre hatte die sozialdemokratische Preffe Nachrichten mit ganz genauen Einzelheiten verbreitet, wonach neuer­dings wiederum Materialien von hohem Werte gefunden worden sein sollten. Amtlich wird dazu erklärt:

„Die Angaben über neue überraschende Funde in dem Danziger Wafferloch enthalten Unwahrheiten oder Uebertreibunge». Das Wasserloch ist überhaupt nicht abgefischt, sondern das in der Nähe liegende trockene Gelände ist auf Veranlassung der Werst gesäubert roorbtn. Dies geschah in Rücksicht auf die am 11. Juni beginnende Fest- und Flugwoche, deren Veranstaltungen auf dem Holm, wo sich auch ein Teil des Geländes der Kaiserlichen Werst befindet, stattfinden sollen. Der Zugangweg zum Wasserloch führt dicht an dem Artilleriegebäube unb dem Wasserloch vorbei. Bei den Aufräumungsarbeiten ist kein neues Stück gefunden. Nur alter Schutt und der in der Preffe erwähnte Bootssender find abgefahren worden. Dieser Fender hat Nullwert."

X Ein höherer Staatszuschntz für Ordensver­leihungen in Preußen soll in den Etat für 1911 ein­gestellt werden. Der Fond wurde vor 5 Jahren um 90000 Mk. auf 220000 Mk. erhöht, in der Zwischenzeit jedoch regelmäßig um weit über 100000 Mk. überschritten, sodaß eine jährliche Erhöhung des Fonds für Anschaffung und Unterhaltung der Ordensinsignien von wenigstens 150 000 Mk. zu erwarten ist. — Das nennt man dann Rückkehr zur „altpreußischen Sparsamkeit".

Ausland.

* Die Skandalaffäre Diuz, die, wie es bis jetzt wenigstens den Anschein hatte, vollständig im Sande verlausen sollte, wird doch wenigstens einen Erfolg haben, und das ist ein neues Kontrollgesetz, durch das die Wiederkehr ähnlicher Affären unmöglich gemacht werden soll. Der Ministerrat hat einem

Edith Büttners Liebe.

tl] Roman von Fr. Lehne.

Lucian hatte „für einen Augenblick" Platz genom- nen und sah sich im Zimmer um.

Es waren noch die meisten Möbel da, die er kannte. Las braune Damastsofa, in dessen Ecke er so oft ge­messen und manche Stunde gemütlich verplaudert hatte.

Wie heimelte ihn das alles so an; Rühwng fühlte er in sich aufsteigen, als er der Vergangenheit gedachte.

Als er sich erhob, um zu gehen, atmete Edith wie befreit auf. Sie hatte wie auf Kohlen gesessen, denn jede Minute konnte Herbert kommen; was würde er denken; wenn er Waldow hier fand?

BiS jetzt hatten sie unb Waldow noch nicht von Ediths Verlobung gesprochen, trotzdem Lucian den Ring an der Hand des Mädchens sah.

Sie stand vor ihm in ihrer blonden Schönheit und mit heißen Blicken betrachtete er sie.

* Wie rr sie noch immer liebte---

Sehnsucht überkam ihn, sie wie einst in seine Arme zu schließen und ihr zu sagen, daß eS ohne sie kein Glück für ihn geben konnte.

[ Aber er durfte nicht! Sie war ja eines anderen Braut!

- Und da fragte er:

„Sie sind verlobt? Doch wohl erst seit kurzem U- denn sonst hätte mir Thankmar das gesagt —" L Sie nickte und er fuhr fort, während seine Stimme bebte:

„Ich wünsche Ihnen alle« Glück für die Zukunft."

Er drückte ihre Hand, daß es sie schmerzte.

„Ach, Edith — Mädele —* stammelte er — dann tönt er draußen.

Die Tür schlug zu, und er war Edith, als ob ein scharfer Schnitt durch ihr Herz ginge.

' Licht und Leben schienen ihr erloschen und zwei tzroße Tränen lösten sich au8 ihren Augen und rollten ifibioer ihre Wangen herab-

Warum er gekommen war? Hätte er cs doch nicht getan! Dann wäre ihr wenigstens die Qual dieser M nuten erspart geblieben.

Sie hatte gesehen, daß er sie noch immer liebte; jeder Blick hatte es ihr verraten — und auch ihr eige­ne? Herz schrie nach rhw.

Bitterlich weinend schlug sie die Hande vor ihr Gcsicht. Wer hals ihr den Zwiespalt ihres Herzens lösen"

19.

Roch waren nicht zwei Minuten vergangen, als die Vorplatzglocke wieder anschlrtg.

Diesmal mußte es — dem Klingeln nach — Her­bert sein.

Schnell warf si- einen Blick in den Spiegel und kühlte ihre oerweinten Angen, damit man die Trä­nenspuren nicht sehen sollte.

Tief aufatmend stand sie da, ehe sie öffnete.

„Guten Tag, Schatz, wie geht es? Besser?"

Herbert war es. Er schloß sie in die Arme und küßte sie. — „Mein Lieb —"

Dann trat et ins Zimmer.

„Du sag' mal, Edith, hattest du jetzt Besuch? Ich horte, wie eure Türe zugeschlagen wurde und mir be­gegnete auf der Treppe der Geigenftitze von gestern abend. War er etwa gar bei dir, um sich für deine große Begeisterung zu bedanken?"

„Ja, Herbert," entgegnete sie leise.

Ueberrascht blickte er auf, und unangenehm erstaunt klang seine Stimme, als er fragte:

, Was wollte er denn? Kennst du ihn denn über­haupt? So habe ich mich also doch nicht getäuscht daß « do» hier bim, obgleich mir diese Annahme sehr un- wahrschemlich war."

„Ja, ich kenne ihn — schon lange "

„Woher denn in aller Welt? Davon hast du mir doch gestern abend gar nichts gesagt?"

„Vielleicht hätte e3 gar kein Interesse für Dich gehabt. Wcckdow wollte Vater „Guten Tag" sagen vor ewiger Zeit hot er Thankmar gesprochen -« etwas hasttg sagte ste das.

„Das erklärt mit aber immer noch nicht eure Be­kanntschaft."

E ine leise Ungeduld klang aus seiner Stimme.

„Ganz einfach ist bas, Herbert. Während meine Mutter noch lebte, hat er bei uns einige Monate als „möblierter Herr" gewohnt.

„Und hat euch eine solche treue Anhänglichkeit be- wahrtd In der Tat rührend! Wenn das jeder „möb- üccie Herr" tun wollte,", meinte er mit leichtem Spott. „Es fragt sich nur, wem sie gilt — dir oder deinem Vater

„Herbert, nicht diesen Ton, ich bitte dich! Wal­dow Hai uns viel zu verdanken, und das hat er nicht vergessen! Mütterchen war zu ihm wie eine Mutter — doch wenn ich dir das alles so erzählen wollte, würdest du es gar nicht verstehen, du, der stets in gro­ßen Verhältnissen gelebt hat —"

Er trommelte nervös, ungeduldig auf der Tisch­decke herum.

„Mein Gott, Edith, warum so viele Worte um diesen Musikathleten machen! An solche rührende Anhänglichkeit glaube ich einfach nicht! Da steckt etwas anderes dahinter; ich kenne die Welt besser als du — es ist alles Egoismus —"

Edith zuckte die Achseln-

„Ich kann dich nicht hindern, zu glauben was du willst —"

„Uebrigens, Edith, muß ich sagen, daß du ein sehr beredter Anwalt für ihn bsst 1 9

Er nahm sie an den Schultern und blickte durch­dringend in ihr blasses Gesicht, das ihm seltsam erregt schien.

„Weißt du auch, daß mich das auf andere Ver- nmtungen bringen könnte?"

„Auf was für Vermutungen?"

„Nun, daß du sicher eine kleine Schwäche für ihn gehabt hast! Ich kenne euch Mädchen doch; ihr seht in einem Künstler stets etwas Besonderes, Höherstehen­des. Solltest du da eine Ausnahme gemacht haben — du mit deinem lebhaften Sinn und deinem hohen In­teresse für die Kunst?"

„DaS bestreite ich gar nicht, Herbert," entgegnete sie ruhig.

„Ah!" E: holte ties Atem — sollte er hier des Rätsels Lösung finden? Er hatte so oft über Edith nachgedacht; er wußte fo wenig von ihr, nur, daß sie berauschend schön war!

Sein Mißtrauen war erwacht; er wurde unruhig, eifersüchtig; ec mußte wissen, ob schon jemand in ihrem Leben eine Rolle gespielt hatte.

„Und er, Edith? Wußte er darum?"

Sie schwieg einen Augenblick; dann aber sagte sie mit fester Stimme:

„Ja, Herbett, er wußte es!"

„Unb das kannst du mir so ruhig sagen?"

„Du hast mich ja gefragt, Herbett; deshalb habe ich dir die Wahrheit gesagt. Es war nichts Unrechtes dabei.

Er lächelte bitter. ’ '

„Unb das soll ich glauben, Edith?"

Es war etwas in ihm, das ihn förmlich zu dieser Frage hieb. Der Gedanke, daß ein anderer vor ihm dieses Mädchen geliebt, peinigte ihn.

„Wenn du fo wenig Vertrauen zu deiner Braut hast, Herbett, kann ich dich unb mich nur bebau ent," joßte Edith mit bebenber Stimme, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Er sah, baß er zu weit gegangen wat.

Berruenb faßte er nach ihrer Hand.

»Edith, nur meine übergroße Siebe — ich gönne d-m anberen nicht, baß bu — boch sage mir, wie war es, bu unb er —"

Er suchte unb tastete nach Watten.

Sie körn ihm zu Hilfe, ba sie ihn wohl verstand-

„Ich hatte mich heimlich mit Waldow verlobt Doch ba ich kein Geld hatte und er auch mcht, so konnte eben au8 uns beiden nichts werben. Es war bie alte Geschichte, Herbert —'

Eigentümlich trocken Hangen biefc Worte, unb doch zittette ein Ton barin, bet seinem Gefühl nicht ent­ging.

„Du hast ihn sehr geliebt?"

„Er war mir viel in meiner freubearmen Jugend doch ba« liegt nun so weit hinter mir —"

(Fortsetzung folgt)’