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Maer W Zeitung

Z-ParztSeri» Zulda. wachenbeime«: Illustrierte Sountagszektung"

Erstes Blatt

Fulda, Montaa den 6. Juni 1910,

126.

37. Jahrganq

krscheint täglich mtt flurnahm« der So,m» ustdZeiertage.viertrl- iührlicherver»grpreir ohne vringerlohn und vesteSgeld in Fulda so­wie auzwärtrt 5ü Mk.

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© Die päpstliche Enzyklika

soll demnächst den Gegenstand einer Besprechung im preußischen Abgeordnetxnhause bilden.

Am Samstag hat die konservative Fncktion — nur die beiden katholischen Mitglieder v. Gefcher und Wolkowski haben nicht unterzeichnet — folgende Jnterpellaston eingebracht:

Was gedenkt die königliche Staaisregierung zu tun, um durch die preußische Gesandtschaft beim Batikan oder auf anderem Wege solchen Beschimpfungen der evangelischen Kirche, wie sie in der Enzyklika des Papstes vom 26. Mai enthalten sind, und die den konfessionellen Frieden ernstlich gefährden, wirksam ent­gegen zutreten?

Gleichzeitig ist von der nationalllberalen Fraktion folgende Interpellation eingegangen:

Die im „Osservatore Romano" in Nr. 146 d. Js. veröffentlichte Borromäus-Enzyklika enthält Schmä­hung en der evangelischen Kirche, ihrer Refor­matoren und der der Reformation zugetanen deutschen Fürsten und Bölter. Welche Maßregeln gedenkt die königliche Staatsregierung zu ergreifen, um den durch die Veröffentlichung dieser Enzyklika bedrohten konfes­sionellen Frieden in Preußen zu sichern?

Wie verlautet, sollen die Interpellationen von dem Abg. v. Pappenheim (k.) und Hackenberg (ntt.) be­gründet werden. Der Tag der Besprechung ist noch nicht bestimmt-, jedenfalls wird das Bekanniwerden des offiziellen lateinischen Textes dec Enzyklika abge­wartet werden müssen-

Nachträglich ist noch eine dritte Interpellation auch von den Freikonservativen (GrafMoltke und Genossen) eingebracht worden. Sie lautet:

.In der päpstlichen Enzyklika sind unerhörte Beschimpfungen der Reformation, der Reforma­toren und der evangelischen Kirche enthalten. Ist es der Staatsregierung bekannt, daß ein Teil der katho­lischen Presse Preußens diese Enzyklika im Wort­laut abgedruckt hat, und daß sie zweifellos be- slnmnt ist, allen Katholiken bekannt gemacht zu werden? Welche Schritte gedenkt die Staatsregierung zu tu», um diesem öffentlichen Aergernis zu steuern und uni für die Zukunft derartigen Störungen des kousesstonellen Friedens innerhalb der preußischen Machtgrenzen vorzubeugen?"

Die Interpellationen stellen ein Novum in der preußischen Parlamentsgeschichte dar. Wemi die Nach­richt nicht ganz überraschen konnte, sonderhalb, ivell in der evangclischbündlerischen und liberalen Preffe bereits die Forderung erhoben worden war, die An­gelegenheit auf das politische Gebiet hinüberzuspielen, besonders benierkenswert ist folgende Auslassung der .Deutsch-evangelischen Korrespondenz":

„Preußen unterhält eine Gesandtschaft am päpstlichen Hofe. Die diplomaiischen Beziehungen sind nicht abgebrochen, wie in Frankreich. Im Gegenteil unter peinlichster Innehaltung der kurialen Etikette hat erst neulich der deutsche Reichskanzler dem Papstseineu Besuch abgrstaitet. Als „am meisten verkommene Fürsten und Völker" werden nun die Vorfahren des Hohenzollernkaifers und der deutschen Stämme be­schimpft, dir die Reformation angenommen haben. — Da wird sich die preußische Regierung nicht mit der lahmen Stellungnahme in der halbamtlichen „Nordd. Allg. Ztg." begnügen können; sie wird handeln müssen. Hoffentlich erfährt man bald, was sie getan hat oder zu tun gedenkt."

Der im Roinhasse ebenso starke „Hannov. Cour." stößt in das gleiche Horn:

„Was tut die preußische Regierung und ihr Ge­sandter beim Vatikan? Nachdem die Beschimpfungen des Vatikans veröffentlicht worden fiub, wäre es an der Zeit, auch oie Note zu veröffentlichen, die der preußische Gesandte beim Vatikan doch jedenfalls in­zwischen überreicht hat. Ooer ist der Gesandte be­reits abberusen? Das wäre nach der Meinung vieler die einzig richtige Konsequenz, die Preußen ziehen müßte, wenn feine Regierung nicht öffentlich zu er­kennen geben will, daß sie von jetzt ab das kaudinische Joch des Zentrums bedingungslos zu tragen gewillt ist."

Man steht, der.Evangelische Bund ist in seinem Fahrwasser. Die Organe des Bundes, der in Rom einen eigenen Schnüffler in der Person eines abgefal­lenen Mönches besoldet, überschlagen sich noch immer vor Entrüstung. ES ist festgestM, daß die Stelle über die Reformation in der Enzyklika dem Evangel. Bund bezw. seiner journaltstischen Vertretung sofort am 29. Mai von Rom aus telegraphiert wurde. Die Enzyklika ist sehr groß und die heraus gerissene Stelle über die Reformation ist nur ein sehr kleiner Bruch­teil derselben. Aber gerade durch ihre Herauseißung wirkt sie unvermittelt und eignet sich zu den Hetzzwe- cken des Evangelischen Bundes.

Man hätte es schließlich verstehen können, wenn die protestantischen Kirchenbehörden zu der päpstlichen Enzyklika Stellung zu nehmen beab­sichtigten- Aber wie diese rein innerkirchliche Ange­legenheit vor das Forum eines poliLschen Par­laments gezogen werden kann, ist' uns bis jetzt noch nicht klar geworden. Der Reichsbote (Nr. 129) meint zwar:

„Was die Regierung tun wird, wissen wir nicht; aber wenn sie eS still und schweigsam hinnimmt, so wird das Volk der Reformation desto lauter und ener­gischer reden müssen. Denn das Volk und die Kirche der Reformation, vor allem aber die preußische Landes­kirche, deren Fürste», welche zur Kirche eine so enge Beziehung haben (summus episcopus!), kann die Schmach nicht ruhig hinnehmen."

Hier scheint doch die verfassungswidrige Anschau­ung von dem „p rote st antischen Königreich Preußen" etwas den Sinn verwirrt zu haben. Die beiden Interpellationen begnügen sich denn auch da­mit, ihre formelle Vecechttgung auf das Moment der „Störung des konfessionellen Friedens" zu gründen. Wir können aber auch eine sachliche Berechtigung dieses Vorgehens nicht anerkennen. Soweit in der Enzyklika ein historisches Urteil über die Zeit der Re- fonnation enthalten ist, bezieht es sich selbstverständlich nicht auf die heute lebenden Protestanten. Wir möch­ten auch bezweifln, ob das preußische Parlament der geeignete Platz dafür ist, um geschichtliche Urteile auf ihre Berechtigung zu prüfen. Bemerken möchten wir auch, daß von einer „Störung des konfessionellen Frie­dens" schon deshalb nicht gesprochen werden kann, weil die Enzyklika eine rein innerkirchliche und nur an die Bischöfe gerichtete Kundgebung darstellt, die deutschen Mschöfe haben nicht einmal die Enzyklika den Gläubigen zur Kenntnis gebracht.

Wenn die Protestanten sich so außerordentlich über die Entzhklika entrüsten, so wollen wir schließlich auch in aller Ruhe darmif verweisen, daß die deutschen Ka­tholiken mindestens den gleichen Grund haben, über Störung des konfessionellen Friedens durch die evan­gelische Kirche sich zu beklagen; wir erinnern nur an gewisse Stellen in den offiziellen Katechismen und den Gebetbüchern der evangelischen Kirche, wo über Papsttum und Katholizismus Ur­teile gefällt werden, deren Gehässigkeit einfach nicht mehr zu übertreffen ist. Der Heidelberger lutherische Katechismus bezeichnet noch heute di: „päfssttiche Messe" als eine „vermalrdeyte Abgötterei" und noch immer wird das protestantische Kirchenlied gesungen: „Erhalt uns Herr bei Deinem Wort — Und steu're des Pap st s und der Türken Mord."

Daß die Angelegeneit der Enzyklika rein inner- kirchlicher Natur ist und deshalb vor das poli­tische Forum nicht gehört, sst auch von gegnerischen Blättern — Deutsche Tagesztg. und Rheinisch-Westfä- lifche Ztg. — offen anerkannt worden- Es ist wie gesagt, das erste Mal, daß kirchliche Streitfragen in olcher Form vor das Parlament gebracht loerben. Damit wird ein Präjudiz geschaffen. Man wird es in Zukunft auch den deutschen Katholiken nicht verwehren können, wenn ne in solcher Form ihre Be- chwcrden gegen Störungen des konfessionellen Frie­dens zum Ausdruck bringen wollen. Anlaß dazu ha­ben wir gewiß oft genug gehabt, und wir werden

ihr auch noch oft genug in Zukunft haben. Dafür wird schon der Evangel. Bund sorgen. Ob es aber für die Aufgaben und die Wirksamkeit des Parlaments besonders segensreich sein wird, es zum Forum für kirchliche Streifragen zu machen, das erscheint uns immerhin zweifelhaft.

Ter Evangelische Bund hört nicht auf, Mord und Brand zu schreien. Am nächsten Sonntag will er in Berlin in einer Massenversammlung im Zirkus Busch Protest gegen die Enzyklika erheben. Am Donnerstag werden in Breslau in drei Kirchen gleichzettig Protestkundgebungen gegen die Enzyklika vom Evangelischen Bund veranstaltet. In Hamm sand schon gestern eine Protestver- sammlung statt. In Halle a. S. wird eine Ver­sammlung im Verlaufe der Woche abgehaltm. Eine evangelische Volksversammlung in Fürstenwalde bei Berlin nahm eine sehr geschwollene Resolution gegen die Enzyklika an.

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W. Rom, 5. Juni 1910. (Tel.) ,Offervatore Romano" gibt die aus Anlaß der päpstl. Enzyklika 'm preußischen Abgeordnetenhause. eingebrachten Interpellation wieder und bemerkt dazu: „Wir wissen nicht, ob der Wortlaut der im preußischen Abgeordnetenhause emgebrachteu Interpellationen richtig telegraphiert worden ist. Wenn das der Fall sein sollte, dann müßten wir erklären, daß die Interpellationen auf ernst en Ungenauigkeit en beruhen, da sie den päpstlichen Worten eine Be­deutung beilegen, die nicht der Wabrfteit entspricht."

Deutsches Reich.

J Berlin, 5. Juni 1910. Am Samstag hat der Kaiser bereits wieder Unterschriften vollzogen, so die über die Erhöhung der Civilliste. — Die Mel­dung der „Nationalzeitung" Über die Ausstellung einer Kandidatur Leidig in Frankfurt a. Oder- Le b u s ist unzutreffend. Es finden noch zwischen den Nationallideraleu und Freisinnigen des Wahlkreises Verhandlungen statt. — Der Kaiser soll anläßlich seines letzten Aufenthaltes auf der Echkönigsburg einem Freiburger Studenten gegenüber Veranlafsung genommen haben, die jetzt wieder im Vordergrund des Jntereffes stehende Handlungsweise der Bonner Korps im Gespräch zu erwähnen. Der Monarch soll über die begangene Tat sichtlich empört, sie mit den allerschärssten Worten kritisiert haben.

=■: Die Erhöhung der Zivilliste. Dem preußischen Landtag ist der Gesetzentwurf über Erhöhung der Zivilliste des Königs zugegangen. Er verlangt 2 Millionen als Erhöhung der festen Rente aus den Estikünften der Domänen und Forsten und l1/* Millionen als Beihilfe für die Unterhaltung der Königlichen Theater. Die der Vorlage beigegebene Begründung deckt sich mit der bereits bekannten Darlegung der,Nordd. Allg. Ztg." und hebt nament­lich noch den Mehrbedarf für die Apanagiernng der König!. Prinzen hervor, deren Zahl sich feit 1889 mehr als verdoppelt hat. Am Dienstag steht die Vorlage bereits im Abgeordnetenhause zur Be­ratung.—Die Parteien deS Abgeordneten­hauses werden zwar die Vorlage bewilligen, sie sind aber, wie Beriiner Blätter betonen, von dem Schritt der Regierung wenig erbaut. Es wird darauf hingemiesen, daß die Regierung durch diese angesichts der finanziellen Lage in Staat und Reich unpopuläre Vorlage den bürgerlichen Parteien die Stellung bei den kommenden Wahlen erschwert, dagegen den Sozialdemokraten wiederum aus­gezeichneten Agitationsstoff geliefert habe. ES wird weiter erklärt, daß die bürgerlichen Parteien die Forderungen, die sie mit Rücksicht auf den un­

günstigen Stand der Finanzen vorläufig zurück- gestellt haben, z. B. die Forderungen für die Alt- Pensionäre, int Herbste werden erheben müssen. Denn mit Recht würden die Wähler sagen, daß man für immerhin dringende Bedürfnisse Geld auf­bringen müsse, wenn für die Erhöhung der Zivilliste, beten Mehrbelastung auf der einen Seite durch gewisse Ersparungen, z. B. bei den Hofreisen, auf der anderen Seite nicht unschwer eingedracht werden könnte, Mittel vorhanden feien.

)( Papst Pius X soll nach der Mitteilung eines Mailänder Blattes sich bei dem deutschen Kaiser telegraphisch nach dessen Befinden er­kundigt haben, indem er ihm feine besten Wünsche zur baldigen Genesung übersandte.

* Die Reichstagskommijsion für die Reichsver- ficherungSordnung hat die Zuläffigkeit von L a n • deSversicherungSämter» adgelehut.

* Man mache die Anwendung! Die .Ger­mania' schreibt: Unter den Gründen für die Er­höhung der Zivilliste führt die .Nordd. Allg. Ztg.' an erster Stelle an, daß die Rente, die die Krone für die vor 90 Jahren an den Staat abge­tretenen Domänen und Forsten beziehe, nicht mehr dem heuligen Ertrage dieser Domänen und Forsten entspreche, sondern die Wert- und Er- tragserhöhnng allein dem Staate zu Gute komme. Wir möchten die Regierung aufmerk­sam machen auf einen Vertrag, den die preußische Regierung vor ebenfalls 90 Jahren mit dem hl. Stuhle abgeschlossen hat und der in der Bulle De salute animarum fixiert ist. In diesem Vertrage, der die Kraft eines Staatsgesetzes er­halten hat, verpflichtet sich die Regierung, die Bistümer zum Ersatz für die säkularisierten Kirchengüter in Grund undBoden zu dotieren. Sie ist aber der Verpflichtung nicht nachgekommen, sondern hat der Kirche Barzahlungen ge­währt, die von Anfang an einen geringen Ersatz für die ihr vorenthaltenen Einnahmen aus Grund und Boden waren, von Ersatz der säkularisierten Kirchengüter gar nicht zu reden. Inzwischen sind die Bodenerträge fortgesetzt ge­stiegen, die Staatsdotation an die Bistümer ist aber niemals erhöht worden. Die Regierung hat auf Mahnungen hin vielmehr erklärt, mit der einmaligen Festfetzung der Dotation in Geld sei die Sache für sie erledigt. Wenn nun der steigende Ertrag der Domänen und Forsten, die die Krone dem Staate überlassen hat, als Grund für die Erhöhung der Zivilliste angegeben wird, wäre da nicht auch eine weit höhere Dotie­rung der Bistümer als Ersatz für die Ein­nahmen aus den ihnen vom Staate vorent­haltenen liegenden Gütern angezeigt?

(*) Bier Tage „Gnade" In dem Disziplinar­verfahren gegen einen Amtsgerichtsrat in Clausthal wurde seinerzeit der Redakteur des Volksblatts in Zabrze, Edmund Nowak, als Zeuge vernommen und, da er seiner journalistischen Ehrenpflicht ge­nügte und daS Zeugnis verweigerte, am 13, De­zember vorigen JahreS in ZruguiSzwangs- haft genommen. Der Fall erregt« damals berech­tigtes Aussehen, niu so mehr, als Nowak nahezu die gesamte gesetzlich zulässige Zett von sechs Monaten über in Hast bemalten würbe. Nowak hätte nun, ba bie ZeugniszwangShast nicht länger als sechs Monate ausgedehnt werben bars, am 13. Juni auS ber Hast entlassen werben müssen; auf ein an ben UntersuchungSkommiffar, Land­gerichtsdirektor Hermann in Göttingen, gerichtetes Gesuch bin ist indessen nunmehr versügt worren, daß Nowak bereits am — 9. Juni ans ber Hast zu entlassen ist. Die Gerechtigkeit in Preußen schenkt bem armen Sünder, ber in Erfüllung beruf-

Edith Vürknerr Liebe.

39] Roman von Fr. Lehne.

Allgemein hatte man geglaubt, daß et feine Wahl unter den ersten Damen der Stadt treffen würde. Und statt dessen begnügte er sich mit einer Kontoristin sei­nes Vaters, worüber man nur die Köpfe schüttelte. Ihn focht das aber weiter nicht an; denn er war glücklich im Besitz seiner wunderschönen Braut.

Selbswerstäudlich hatte Edith ihre Stellung sofort aufgegeben.

Dem alten Herrn Thomas fehlte wirklich etwas, als er zum erstenmal ihr liebliches Gesicht sich nicht wehr gegenüber sah. Ihm war sie sehr willkommen als Schwiegertochter. Sie war keine von den moder­nen Frauen, die in Gesellschaften, Reisen und Toilet­ten den Inhalt ihres Lebens sehen-

Edith fühlte sich sehr behaglich, als sie sich endlich einmal ausruyen konnte. Sie führte ihren kleinen Haushalt und arbeitete für sich.

Eine tiefe Rührung hatte Heuert erfaßt, als er m Bürkner um Edith angehalten. Er, der 2/rerychenkenner, erkannte sofort den vornehmen, schlich- Z? des hochgebildeten Mannes, dem d«S Schuk- uu m '°,toeniS günstig erwiesen; und er begriff !?”e draut, daß sie mit so inniger Liebe an dem Vater hing.

Immer mehr vertiefte sich seine Liebe zu Edtth, und er konnte die Zeit kaum erwarten, sie ganz die Deine zu nennen.

2kuch Edith freute sich auf das eigene Heim; aber manchmal unter Herberts herzlichen Liebkosungen War es ihr, als ob nicht er es sei, der fie im Arme hielt, sondern Lucian! Und das peinigte, das äng­stigte sie; dann nahm sie ihren ganzen Stoh zu Hisse, bergegrntoärtigte sich mit selbstquälerischer Deutlichkeit Lucians Wankelmut und Marthas Beleidigung, um ihren Groll wach zu erhalten. Sie wollte ja Lucian ganz aus, ihrer Erinnerung streichen, da sie fühlte, wel­ches Unrecht sie ihrem Verlobten mit bem Gedanken

an Waldow zufügte, und ihre Zäctlichkeitm gegen Herbert waren inniger denn je.

♦

Auch Martha Hildebrandt hatte kurze Zeit, bevor sie die Stadt veckießen, von Ediths Verlobung gehört. Ihr Reid auf die Kusine war unbeschreiblich. Tränen des Ingrimms hatte sie geweint, als das Brautpaar ihr einmal begegnet war.

Edtth in ihrer lebensvollen, auffallenden Schön­heit, bie durch eine elegante Toilette noch gehoben wurde, am Arme des so vornehm aussehenden, statt­lichen Verlobten, war lachend und plmidernd an ihr norübergefchritten, sie mit einem kühlen, fremden Blicke streifend. Wenn Edith in Marthas Innere hätte sehen können, so würde sie eine glänzende Ge­nugtuung für aff das Unrecht gefühlt haben, das die Kusine ihr zugefügt?

Hildebranitts wohnten jetzt in Gernrode. Sie hat­ten dort eine bescheidene Wohnung inne und tragen sich mit dem Gedanken, im Sommer an Fremde zu »ermieten-

Mariha war augenblicklich wieder zu Hause, da fie sich an ihre Stelle als Gesellschafterin einer älteren, kränklichen Dame durchaus nicht hatte gewöhnen kön­nen; fie war verstimmter und unglücklicher als je; fie tarnte da« Scheitern ihrer glänzenden Lebensaus­fichten nicht verwinden.

Aber die Winteremsamkrit des Städtchens trug nur dazu bei, daß sie immer verbitterter wurde. Ihr« Eltern hatten sehr darunter zu leiden, und atmeten deshalb förmlich auf, als Martha sich enffchloffen hatte, wieder in Stellung zu gehen.

Diesmal sollte fie es als Verkäuferin in einem großen Berliner Konfektionshaufe versuchen, ba sie über ein gewandtes Austreten verfügte. Außerdem befaß sie eine gute Figur, was für diesen Beruf nur empfehlenswert war.

Sie war froh, der Enge des elterlichen Heims entrückt zu feta und reiste sobald als möglich ab.

Für Edith reihte sich jetzt ein schöner Tag an den anderen.

$h jeder Hinsicht wurde sie von ihrem Verlobten sowohl, als auch von ihren zukünftigen Schwiegereltern verwöhnt und mit Geschenken überschüttet. ®et schon lange von ihr gehegte Wunsch, 'Berlin einmal zu sehen, wurde ihr ebenfalls erfüllt, und sie verlebte mit Herbert und seiner Mutter genußreiche Tage in der Großstadt.

Dort hatte sie eine Begegnung, von der fie wider Willen doch ergriffen wurde.

Herbert hatte den Wunsch, seiner Braut einen eleganten Theatermantel zu kaufen.

Als sie ein bekanntes Modewarenhaus betraten, wurden sie von der Direktrice nach ihrem Begehr ge­fragt, die sie bann nach ber betreffenden Abteilung geleitete.

„Fräulein Hildebrandt, sind Sie frei?"

Di« Gerufene — ein großes, üppiges Mädchen — erschien, und Edith edannte in ihr bie Kusine, die bei ihrem Anblick leichenblaß wurde und am ganzen Leibe zitterte- Martha konnte sich kaum auf den Fü­ßen halten; unwillkürlich griff sie nach einem Halt, als fie nach ben Wünschen der Dame fragte.

Ein tiefes Mitleid stieg m Edith empor, als sie sah, wie Martha litt. Sie dachte an den Augenblick, in dem fie auf Wiedervecgeltung gehofft — nun war er da! Aber Edith fühlte nichts von Freude und Triumph, Martha so gebemütiat vor sich zu seben ES hatte eine Zeit gegeben, in bet fie ihr alles Bose gewünscht hatte — aber jetzt war dieses Gefühl in dem des Mitleids untergegangen, wenn ste daran dachte, wie Martha, die bisher nur des Lebens Sonnenseite gekannt hatte, nun Entbehrung und Armut tragen mußte.

Wie unsagbar schwer mußte es für das venvöbute, anspruchsvolle Mädchen sein, sich den Beferen ande­rer Leute unterzuordnen — sie, die gewöhnt wat daß nur ihr Wille galt.

Was mochte in ihrer Seele Vorgehen, als gerade sie, die Kusine, die ihr so Schweres zugesugt. auf die

sie mit Hochmut herabgesehen, beb taten, ihr die kost­baren Mäntcl umlegen mußte, die bem Bräutigam immer noch nicht gut genug waren, bis er sich endlich für einen pastellblauen Tuchmantcl entschied, der schon immer Marthas heimliches Entzücken gewesen. Und wie zärtlich er auf seine schöne Braut blickte und wie liebvoll er zu ihr sprach.' Nicht das geringste ent­ging Martha. Ach, in diesem Augenblick zu steiben — es wäre Erlösung von der Lud gewesen, die ihre ehrgeizige Serie litt.

Und dabei mußte sie stichelt'.! Lächeln, wenn Her­bert oder Edith Wunsche aussprachen, denen sie eifrig nachzukomnim hatte.

Mit keinem Blick verriet Edith, daß sie die Ver­käuferin kannte; ihr Ton wat höflich und freundlich, nm Marth« nicht noch mehr zu quälen, und sie war froh, <üs fie das Geschäft verlassen konnte.

Für Martha aber war das bie schwerste Stunde ihres Lebens gewesen — schwerer noch, als damals die Auflösung ihres Verlöbnisses nut Lucian Waldow, schwerer auch als der Verlust des väterlichen Ver­mögens war diese Demütigung vor Edilh — das konnte sie nicht verwinden!

18.

Eines WeildS, als Edith die Zeitung las, fiel ihr Blick auf eine Notiz, die sie in heftiges Erschrecken versetzt» — sie las noch einmal---

„Es wird jedenfalls von Interesse für unsere Leser sein, zu erfahren, daß es gelungen ist. für daS erste Abonnementskonzert den noch bei uns in bester Er­innerung stehenden früheren Konzertmeister unserer Kapelle, Herrn Lucian Waldow als Solist zu gewin­nen- Der liebenswürdige Künstler ist soeben von einet Konzerttournee durch Nordamerika heimgekehrt, auf ber er Piel Gold und Ehren gesammelt hat.

Wir find gespannt, ihn wieder zu hören — ihn, der sich so vielversprechend bei uns entwickelt hat. Jetzt wird fein Name unter ben ersten genannt, und wir können stolz darauf sein, daß er einst einer der unserigen war.

(Fortsetzung folgt)