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'M 125.

Samstag den 4. Juni MO.

37. Jahrgang.

* Waer W Leitung *

2. Blatt.

Druck und Verlag der Zuldaer Acliendruckerei In Znlda.

gierung Unterstützung und suchte nur als »oller ehr­licher Makler" die Liberalen zu den Konservativen zu führen. Er hatte von den ersteren schon 30—40 für nch gewonnen, aber er fand bei den Konservativen keine Gegenliebe. Zedlitz glich so dem Heiratsver- mittler, der eine Menge älterer verliebter Damen auf Lager hat, diesen den schönsten jungen Mann ver­spricht, aber dann doch keinen Freier findet. Was wunder, daß nun diese Schar verärgerter National­liberalen mit dem Besen hinter dem Heiratsvermittler herfpringt und ihn stäubt? So kam es auch, daß das gesamte Abgeordnetenhaus ihn einfach auslachte und nicht mehr ernst nimmt Wie ab« wird es der Regie­rung, die sich einen solchen Mittelsmann aussuchte? Es vollzieht sich ein Akt der politischen Klärung und Sonderung; wenn Zedlitz zur Null herabstnkt und! lv<mn feine ganze Partei mit ihm verschwinden würde, wäre es ein Gewinn.

König Albert von Belgien und seine Ge­mahlin Elisabeth trafen am Montag zum Besuche des deutschen Kaiserpaares in Berlin ein. Es ist dies der erste offizielle Staatsbesuch, den der König der Bel­gier nach seiner vor fünf Monaten erfolgten Thronbe­steigung macht. Die Aufnahme, die das belgische Kö­nigspaar in Berlin gefunden hat, war überaus herz­lich Die gesamte belgische Presse würdigt erfreut den herzlichen Charakter der Aufnahme des Kömgspaares am. deutschen Kaisechof und bei der hauptstädtischen Bevöllerung. Besonders hervorgehoben wird die auf­richtige Freundschaft unter Hinweis auf die rege Be-1 teiligung Deutschlands auf der Weltausstellung sowie I auf die Einigung bezüglich der Kongo-Abgrenzung. I

lvie so oft, der lachende Dritte sein.

Die christlich-soziale Partei in Oe st erreich hat in verschiedenen Kundgebungen den Beweis erbracht, daß »ach dem Tode ihres großen Führers Lueger die Einigkeit der Partei keine Einbuße erlitten hat, wie ihre Gegner es gehofft und erwartet hatten, daß viel­mehr der enge Zusammenschluß noch gesteigert werden konnte. Mr freuen uns dieser Entwicklung im Inter­esse des befreundeten und stammverwandten österrei­chischen Volkes. Die christlich-soziale Partei wird zeigen, daß die Führung der Staatsgeschäfte unter ihrer maßgebenden Mitwirkung in besten Häilden ruht. — In Ungarn haben die Neuwahlen zum Wgeordnetenhanse begonnen. Während der Wahl- handlungen tuie auch in den letzten Tagen des Wahl­kampfes ist es zu schweren Ausschreitungen gekommen, deren sich besonders die oppostttonelle Justh-Gruppe schuldig gemacht hat. Bei den eigenartigen politischen Verhältnissen Ungarns läßt es sich nicht Voraussagen, ob die Regiemng eine Mehrheit in der Kannner finden wird, noch weniger aber, ob sie mit ihrer Mehrheit ersprießliche Arbeit wird leisten können. — Kaiser Franz Joseph hat trotz seines hohen Alters sich den Beschwerlichkeiten einer Reise in die annektierten Provinzen Bosnien und Herzego w in a unter­zogen. Er hat im Lande eine überaus herzliche Auf­nahme gefunden, und man darf hoffen, daß der Besuch des Kaisers das Gefühl der Zusammengehörigkeit der neuen Gebietsteile mit dem österreichischen Kaiser­staate noch weiter stärken wird.

Die Kretafrage scheint sich in einer gefähr­lichen Weise zuzuspitzen. Nachdem die Konsuln der vier Schutzmächte von der kretischen Regierung ver­langt hatten, daß die mohammedanischen Abgeord­neten auch ohne den Treueid zu der Aationalver- sammlung zugelassen würden, daß Kreta Vasallenstaat der Türkei bleiben, aber seine Autonomie bewahren und deshalb das Oberkommiffariat werden solle, hat jetzt die kretische Regierung auf die Note der Konsuln geantwortet, sie mache alle Anstrengungen, um die Ordnung und Sicherheit der muselmanischen Bevölke­rung aufrecht zu erhalten. Sie fordert die moralische Unterstützung der Schutzmächte, da die gegenwärtige Lage sich nicht ins Unbestimmte verlängern dürfe- Kreta könne außerhalb der griechischen Staatseinrich- tuugen nicht bestehen, ein bellenisches Regime sei das allein Mögliche. Die Schuhmächte würden die ge- chaffene Lage nicht aufs Spiel sehen wollen und nicht zögern, der Vereinigung Kretas mit Griechenland zu-

Bei der Reichstagswahl in Landeshut- II a u e r, die am Mittwoch statffand, erhielten nach I dem vorläufigen Ergebnis: Proll (S.) 6483, Büchte- mann (Fortschrittl. Vp.) 6429, Strosser (kons.) 3878, I Herschel (Zentr.f 3823 Stimmen Es findet also I Stichwahl zwischen Proll und Büchtemann statt. Im I Jahre 1907 Hachen der Freisinnige Dr. Hermes und I ein Kandidat der Reichspartei einander in der Stich­wahl gegenübergestandett, wobei der erstere mit 9340 gegen 7495 Stimmen siegte Der erste Gang am 25- Januar 1907 hatte folgendes Verhältnis ergeben: 5728 Freisinnige. 5050 Reichspartei, 5019 Sozial­demokraten, 4307 Zentrum. Die Wahlbeteiligung war diesmal um rund 500 Stimmen höher als 1907. Der Ausgang der Wahl hat denen recht gegeben, die von Anfang an das Bestehen zweier Sonderkandida­turen der Rechtsparteien für verfehlt und gefährlich erklärt haben. Der Stimmenrückgang des Zentrums ist bedauerlich, gibt aber keineswegs zu den Triumph­gesängen Anlaß, welche jetzt von der liberalen und fozialdemokratischen Presse angestimmt werden. Der Stimmenrückgang der Konservativen ist zu einem Teile daraus zu etflären, daß manche Wähler aus sreikonservativen und nationalliberalen Kreisen, die früher tor den freikonserviativM Kandidaten einge- treten sind, jetzt den freisinnigen anstelle des konserva­tiven unterstützt haben. In der Stichwahl wird vor­aussichtlich der freisinnige Kandidat siegen. Ein Trost

bedrohlichen Charakters auf getreten. Der Weg der Kultur geht überall über die Trümmer des Alten, und darum braucht man nicht bei jedem kleinen Putsch gletch an neue Boxetaufstände zu denken-

zustimmen. Kreta werde ihnen ewig dafür dankbar sein. Da die Kretaschutzmächte sich der Türkei gegen­über verpflichtet haben, dafür Sorge tragen zu wollen, daß Kreta der Türkei erhalten bleibt, so kann man ge­spannt sein, wie die vier Mächte sich aus dieser heiklen Situation ziehen werden.

Aus Südafrika lagen in diesen Tagen Mel­dungen vor, die einen hervorragenden Platz in der Weltgeschichte beanspruchen werden. Die südafrikani- toe Union: die Vereinigung der alten Kapkolonie, der Kolonie Natal, sowie der beiden ehetnaligen Bu­renstaaten Transvaal und Oranje zu einer großen „Südafrikanischen Union" ist vollzogen worden, und der erste Premierminister dieses riesengroßen Staa­tenbundes ist — der alte Burenkämpfer Louis Botha Für die Buren bricht damit eine neue Zeit an. Sie haben unter der Herrschaft des überkonservativen, in seiner politischen Hinsicht beschränkten Ohm Krüger die Freiheit der Burenstaaten verloren, um sie später, nachdem sich das Land der Anregungen der engli­schen Kultur erfreut hatte, aus eigener Kraft nicht bloß wiederzugewinnen, sondern noch mehr dazu, die Herr­schaft über gairz Südafrika, allerdings unter der Ober­herrschaft Englands. Bothas Stellung garantiert dem Kaphollandertum "tiie Vorherrschaft über das Kapeng- läudertum, mit anderen Worten: die Vorherrschaft in einem der gewaltigsten Wirtschaftsgebiete der Erde. In England aber empfindet man das keineswegs al? ein Unglück Der Engländer ist ja nicht so dumm wie die Kolonisatoren der anderen Völker. Er träumt nicht von einem „Vaterlande jenseits des Meeres", er will verdienen, und das ermöglicht ihm ein kräftiges mit England in Fühlung stehendes Burenland eher als ein englisches Südafrika, in dem der Polizeigeist den Handel nicht zu einer kräftigen Entwicklung kommen läßt.

Das Wetterleuchten revolutionärer Ausschreitun­gen in China bat sich noch immer nicht verziehen wollen, aber es sind doch auch keine Erscheinungen

bei der Sache ist, daß die jetzige WaP die Vertretung des Kreises nur für die Dauer eines Jahres bestimmt Bei den nächsten allgemeinen Mahlen werden hoffent­lich Konservatwe und Zentrum zusammengehen und den Wahlkreis erobern.

Zwei neue Reichstagsersatzwahlen er­regen das Interesse des Politikers. Am selben Tage, Montag, starben die Reichstagsabgg. Zimmermann (Vertreter von Zschopau-Marienberg) und Detto (Frankfurt a. O.-Lcbus); ersterer gehörte der Re- formpartei, letzterer der nationalliberalen Partei an. Zimmermanm war redegewandt und von politischem Ansehen, Detto drückte mehr die Bänke des Parla­ments. Die beiden Wahlkreise sind durch die Sozial- demokrattc scharf gefährdet. Dank der mit Zuhllse- nahme der Finanz- und Wahlreform angezettelten Hetze wird im büryerÜchen Lager keine geschloffene |

wochen-Rundschau.

fts Fulda, 3. Juni 1910.

Die Wablrechtsvorlage ist schmählich ge­scheitert. Die Regierung hat sie mangels jeder Aus­sicht auf Verständigung zurückziehen müssen. Gar manche Leute sind aus dem Wahlrechtskampf mit ab­gesagte» Hosen heimgekehrt; Mnister v. Moltke will auf einem Landgute darüber nach denken, daß es ge­fährlich ist, sich ganz in die Hände eines nattonallibe- raleit Unterstaatssekretärs zu begeben; Ministerpräsi­dent von Bethmann-Hollweg tröstet sich mit dem Gleichmut des Philosophen, daß alle Bäume nicht auf einen Hieb zu fällen find: Frhr- v. Schorlemer- Wst wird zum Bewußtsein gebracht, daß es leicht ist, im Herrenhause für einen von der Regierung ge­wünschten Antrag eine Mehrheit zu schaffen, aber daß die Abneigung gegen das Zentrum Gruben graben läßt, in die man selbst mitsamt der Regierung purzelt. Die liberalen Führer Friedberg und Schiffer sehen, wie leicht man sich zwischen zwei Stühlen niedersetzen kann. Aber alle diese haben einen Trost: keinem ist es so schlimm ergangen wie dem Führer der Reichs- j Partei, Oktavio von Zedlitz. Er mag groß sein als politischer Ränkeschmied, aber als Vermittler zwischen den Parteien ist er ein für allemal abgetan. Es war -ine Unglücksstunde für den Ministerpräsidenten, als er fich mit Zedlitz einließ und diesen zu seinem parla­mentarischen Generalnavsches ernannte; es mochte mobl dabei mitsprechen, daß der Reichskanzler seiner­zeit als Abgeordneter mit Zedlitz in derselben Fraktion geiesfen hat. Aber ein Staatsmann, der Zedlitz zum Vertrauensmann macht, ift noch immer verloren ge- wesen. Zedlitz fft mm endlich „unten durch", aber auch vollständig; im Zlbgeordnetenhause erregt er nur >wch Heiterkeit und muß sich Hohn und Spott von allen Seiten sagen lassen. Ter 70jährige beendet auf solche Weife sein parlamentarisches geben; denn der nächste Landtag wird ihn nicht mehr unter den Ge­wählten sehen. Ist aber dies nicht ein reich verdientes Strafgericht für den Politiker, der in allen Partei- töpsen herumkochen wollte und immer ein „Giftmischer" gegen das Zentrum war? Es soll gar nicht auf seine fernere Vergangenheit eingegangen werden, es ge-1 nügen feine neuesten Leistungen. Als die Wahlreform I kam, da behauptete der Schreiblustige allen Ernstes I im „Tag", daß das Zenttum eine Reform gar nicht I wolle und daß es am letzten Ende alles zerstören werde; dieser Partei sei es nicht ernst. Rechte und Liberale müßten sich daher verständigen. So wollte er der Konzertmeister des Landtages werden; beim in einem solchen Kartell hat die Reichspartei die Führung. Aber es kam anders. Konservative und Zentrum brauchten den Mann nicht und stellten ihn kalt. Wohl fand er im Herrenhause und bei der Re-1

d Großblockrückfichten der preuß. Sozialdemokratie?

Eines der interessantesten Kapitel aus dem Kämpft um die Wahlrechtsreform ist die Haltung bei Sozialdemokratie gegenüber dem Zentrum und den Nationalliberalen. Die Sozialdemokratie be­hauptet, daß für ihre Stellungnahme stets und aus­schließlich die Rechte und Interessen des Volkes maß­gebend seien. Wie hätte demnach die Sozialdemo- kratte zu den beiden genannten Parteien Stellung neh­men müssen?

Es ist dem Zentrum gelungen, für die geheime Wahl ein übereinstimmendes Mehrheitsvotum des Abgeordnetenhauses und des Herrenhauses und die Zustimmung der Regiemng zu erlangen. Was das bedeutet, mag uns „Genosse" Eduard Bernstein be­zeugen, der Anfang dieses Jahres in der „Fränkischen Tagesvost" (Nr. 7) schrieb:

„Es gab eine Zeit, wo man in Parteikreisen ge­neigt war, die Beseitigung der öffentlichen Stimm­abgabe für wichtiger zu hatten, als selbst die BeseNi- gung der Klasseneinteilung der Wähler."

Zwar versucht die sozialdemokratische Presse die Bedeutung des Gewinns der geheimen Wahl dadurch herabzusetzen, daß sie bchauptet, durch die Beibehal­tung der indirekten Wahl werde es illusorisch. Aber der „Vorwärts" selbst hat — vielleicht in einer unbe­wachten Stunde — anerkennen müssen (Nr. 115):

„Nach den Herrenhausbefchlüssen bleibt an Ver­besserungen gegenüber der jetzigen Dreiklaffenschmach einzig und allein die geheime "Wahl übrig."

Das Verdienst, grundsätzlich die geheime Wahl durchgesetzt zu haben, tvird niemand dem Zentrum vor­enthalten können. Wie war die Stellung der Natio­nalliberalen zu der geheimen Wahl? Die Na­tionalliberalen sind für die Anträge auf Einführung der geheimen und direkten Wahl eingetreten, für An­träge, deren Aussichtslosigkeit ihnen bekannt war. Aber bei der einzigen namentlichen Abstimmung über diese Anträge am 11. März haben von den Nationalliberalen nicht weniger als 7 Herren unentschuldigt gefehlt, näm­lich die Herren Dr. Beumer, Hirsch-Essen, Glatzel, Haarmann-Altona, Meyer zu Jerrendorf, v. Schubert und Westermaim.

Die Wahlrechtsvorlace ist gescheitert an der Drit- tetunggfrage Auch hier darf das Zentnun für sich in Anspruch nehmen, daß nur durch seinen Wider­tan d die Vergrößerung der Drittclungsbezirke abge­lehnt worden ist. Der Abg. Ströbel erklärte am 27. Mai von der Tribüne des Abgeordnetenhauses:

„(Stra'e durch die Drittelung in llrwahlbezirken haben bisher vielfach auch Minderbesihende und weniger Steuern zahlende Wähler in die zweite, ja sogar in die erste Klasse ausrücken können, rind wenn beispielsweise in Berlin eine Anzahl sozialdemokratischer Abgeordneter gewählt worden ist, so ist das nur in« ölge der Drittelung in den Urwahlbezirken möglich gewesen, da eine ganze Anzahl von Arbeitern auch in der zweiten, zum Teil sogar in der ersten Klasse zu wählen hak. Wird diese Drittelung in Urwahlbezirken aufgehoben, dann verschwindet selbstverständlich die Möglichkeit für die Arbeiterklasse, auch nur einen einzigen Abgeordneten durchzubringen. Die große Masse der Wähler soll also vollständig rechtlos gemacht werden."

Der „Vorwärts", beffen Redaktion von dem Abg. Ströbel geleitet wird, bezeichnete in Nr. 102 die Be­schlußfassung des Herrenhauses gemäß dem Antrag Schorlemer als „eine Niedertracht und Provo­kation, die an die Ehre jedes einzelnen Arbeiters greift. Am 27. Mai haben aber für diese „Gemein­heit" außer den Freikonservattven nur die Natio­nalliberalen gestimmt. Zwar haben sich bei der Abstimmung nur die Herren Dr. Friedberg und Schifi er mit einem Teil der Fraktion erhoben, aber die par­teioffiziöse „Nationalltberale Korresp." stellte am fol­genden Tage fest, daß der andere Teil der Fraktion „nur aus Versehen"' fitzen geblieben sei.

Es bedarf danach wohl keiner besonderen Ausfüh­rungen, welche Partei fich der Rechte des Volkes mehr angenommen hat, das Zentrum oder die Natio­nalliberalen.

Damit vergleiche man nun die Haltung, welche die Sozialdemokraten gegenüber diesen Parteien dis auf

lin. Nachdem et bereits bei dem italienischen Besuch des Reichskanzlers v. Bethmann Hollweg mit diesem in Florenz eine kurze Unterredung gehabt hat, hat jetzt der Besuch in Berlin den leitenden Staatsmän­nern der beiden befreundeten Staaten Gelegenhett zur Aussprache über die schwebenden politischen Fragen gegeben. Das amtliche Communigue, das die Bedeu­tung des Besuches für das Dreibundverhältnis betont, war im Tone großer Herzlichkeit gehalten.

Das preussische Herrenhaus hat den Etat er­ledigt und hat sich dann bis auf weiteres vertagt. Das Abgeordnetenhaus arbeitet kleinere Sachen von geringerer Bedeutung ab. Im Reichstage tagt währenddessen die Kommission für die Reichsver­sicherungsordnung.

Die Einigmlgsverhaiidlungen im Baugewerbe sind am Dieilstag abend zu Ende geführt worden. Von den drei Unparteiischen wurde ein 93ertragSentivur ’ vorgelegt, über dessen Annahme die Zenttalotgcmi- saiioncn der Arbeitgeber und Arbeitnehmer dem Reichsamt des Innern bis zum 6. d. M. eine Er­klärung abgeben sollen. Es besteht die begründete Erwartung, daß auf Grund dieses Vertrages der Friedensschluss zustande kommen wird. Sobald der Vertrag von den Zentralorganisationen angenommen ist, sollen die Bechandlungen mit den örtlichen Organi­sationen beginnen und bis zum 13. d. M. zum Ab­schluß gebracht sein. Die Aussperrung soll dann mit dem 15. d. M. allgemein aufgehoben werden. Es ist dankbar anzuerkennen, daß bei den Verhandlungen beide Parteien Entgegenkommen gezeigt haben. Nach Lage der Tinge war es allerdings nicht anders mög­lich. daß die Arbeitgeber tatsächlich die größeren Kon­zessionen machen müssen, denn bekanntlich sind im April die Einigungsverhandlungen nur an den For­derungen der Arbeitgeber gescheitert. Daß der große Karnvf im Baugewerbe, dessen schädliche Nachwitkun- gen heute in chrem ganzen Umfange noch nicht zu übersehen sind, nun nach zweimonatiger Dauer abge­brochen wird, ist im Interesse beider Parteien und be­sonders im Interesse uiiseres nationalen Wirtschafts­lebens freudig zu begrüßen.

Zu gleicher Zeit weilte der i t a l ie n i s ch e Mini-' Phalanx zustande komnien wid die Sozialdemokratte, st e r des Aeussern Mcmchese di San Giuliano in Ber- ' " ........

Unpolitische Zeitlaufe

(N.) Berlin, 2. Juni 1910.

(Nachdruck verboten.)

„Twlmtt gehört zu allem; zum Borgen gehörtGenie." Sv sagte kürAich im preußischen Herrenhause der Bankdirektor Gwiuner im Strett mit dem Finanzmini- ster von Äkhein baden. Gwiuner steht an ber Spitze ber Deutschen Bank, die unter allen Privatbanken das größte Kapitol und den stärksten Umsatz hat. Er könnte also wohl einige Erfahrung im Geld- und Kre­ditwesen haben, und er hält auch sich selber für eine Autorität auf diesem Gebiete. Aus diesem Selbstbe­wusstsein heraus hat er dem preußischen Fmanzmini- ster die Leviten gelesen, als ob er einen unbrauchbaren Banklehrling vor sich hätte- Die Minister, meinte er, verständen nichts von der richtigen Geschäftsführung in dem riesigen Betriebe des Staates und ferner Fi- .umzpolitL; vor allem verstehen sie die Kunst des Borges nicht, und darum stchen die preußischen und die Reichspapiere so schlecht. Der Finanzminister war über die Unfähigkeitserklärung sehr böse und be­hauptete seinerseits, an dem schlechten Kurse unserer Anleihen seien die Bankdirektoren wesentlich schuld, da ße dem Staat und Reich ihr großes Gelb vorent­hielten.

Ich habe mich am meisten gewundert über den Vor­wurf, daß ber Finanzminister kein Pumpgenie sei. Alle Wetter, er ist in einemfort am Borgen, Und sein Kollege im Reich, den man Schahsekretär nennt, hat auch fortwährend den Pumpenschwengel in der Hand. Jcchr aus Jahr ein werben Hunderte von Millionen ausgenommen, und das steuerzahlende Volk wird im­mer schwerer belastet mit Zinsen und Tilgunzsgel- dern. Ehe wir ein Dutzend Millionen getilgt haben, ist eine halbe Milliarde neuer Schulden fertig

Sollen wir denn noch mehr pumpen? Jawohl, sagt der Vankdirektor; nur muß es im geeigneten Au­genblick und unter dem richtigen Titel geschehen. So z. B. ist er entschieden dagegen, daß nur 92 Millionen Ausnahmen als Desizitanleihe, aber er hat nichts da-

1 gegen, baß wir 100 Millionen ober noch mehr auf- nehmen als Eisenbahnanleihe. Das Kind soll durch- aus einen anberen Namen haben.

Ich glaube nicht, baß ber Titel so viel aus­macht. Ob ber borgende Staat den Eisenbahnausbau oder irgend einen anderen Punchzweck auf den Pro­spekt stellt, kann dem Geldgeber gleichglltig sein- In dem einen wie in dem anderen Falle haften die Staats­eisenbahnen und der sonstige Staatsbesitz für die Schul­den mit, aber diese Wertstücke bilden niemals ein greifbares Pfandstück. Wenn ich ein Stück „Staats­eifenbahnanleihe"' in der Hand hätte, konnte ich doch nicht eine Portion Eisenbahnwagen ober ein Stations­gebäude vom Gerichtsvollzieher in Beschlag nehmen lassen, um mich für den Kursrückgang der Papiere schadlos zu halten. Die Staatsanleihen geben mir nur Anspruch auf die Zinsen, die in dem Schuldschein verheißen find, das Kapital selbst kann ich dem Staat nicht kündigen. Wenn ich mein Kapital wieder haben will, muß ich den Staatsschuloschein »erlaufen. Ist bet Börsenkurs inzwischen gesunken, so bekomme ich weniger wieder, als ich gegeben habe, und den Schaden muß ich mir aus Bein binden. Die Zinsen aber kann ich »oll und ganz einfireicheu Für die an- dauernde Zinszahlung flehen Staat und Reich mit ihrem ganzen Vermögen und mit der Steuertraft ihrer Bürger ein.

Hebet die Zinszahlung ist auch bei uns zu Lande noch niemals gesagt worden. Desto mehr aber über den Kapitalverlust infolge der Kursschwankungen. An ben Kursschwankungen wirb leibet ein aufgedtuck- ter Titel nichts änbern können. Ja, wen» bie Mini­ster nach dem Rate des Herrn Gwinner noch mehr Staatsschuldscheine unter Angabe von Eisenbahnzwe­cken !Uisb:oten wollten, so würden die alten Staats- pcfücrc an der Börse noch tiefer sinken.

Woher kommt ber Kursrückgang? In bet Regel entscheidet bas Verhältnis zwischen Angebot unb Nachfrage. Wenn große Poften von Staatspapirren zum Verkauf ausgeboten werden und wenig Kauf­lustige vorhanden sind, so geht ber Preis herunter. I Wenn aber eine Menge Gelbbesitzer sich entschließen,.

ihr Gelb in Staatspapieren anzulegen, so entsteht an ber Börse eine große Nachfrage nach biesen Papieren unb ber Preis steigt-

Auf bie Kauflust kommt es also wesentlich an. Will der Staat seine Papiere hoch halten, unb namentlich solche Kaufet, die chm andauernd das Geld lassen wol­len, also eine feste Anlage zum Zweck eines regelmäßi­gen Rentenbezuges beabsichtigen. Solche guten Kun­den findet aber der Finanzministet weniger bei ben großen Kapitalisten, als vielmehr bei ben mittleren unb Deinen Besitzern, bie nicht spekulieren, sondern den Hauptwert auf die Sicherheit des inäßigen Zins­ertrages legen. Daraus ergibt sich: bie Staats- unb Reichsauleihen müssen zum großen Tell in benselben Schichten bes Volkes untergebracht werben, aus beneir die Sparkassen ihre größeren Einlagen beziehen. Da nmß sich nun dem Finanzministet sofort die Nutzan­wendung aufdrängen: Machen wir doch den Leuten den Erwerb von Staats- und Reichspaniercn ebenso bequem, wie die Einzahlung in die Sparkassen.

In dieser Hinsicht gab der Bankditektor Gwinner einen interessanten Fingerzeig In Frankreich sind die meisten Bahnen in Privathandels Die betreffenden Gesellschaften verschaffen sich ihr Geld durch Obliga­tionen, die sie auf ollen Stationen auf den Schaltern ausbieten. Wer ettiche 100 Franks Geld zur Verfü­gung hat, kann ohne weitere Umstände so eine Schuld­verschreibung erwechen. Gelegenheit macht Siebe’ Ge­legenheit macht auch Käufer. Wenn überall im Lande durch Anschlag verkündet würde: Hier kann man Reichs- ober Staatsschuldscheine zu den, unb dem Preise haben! — so würde Tag für Tag eine ganze Masse abgesetzt werden, ohne daß die Gwßbanken oder die Börse dazu mitzuwirken brauchten.

Die Banken möglichst auszuschalten, — das ist ein sehr wichtiges Hilfsmittel. Wenn fetzt cm braver Sparer sich ein Staatspapier zuleqen will, so muß er zunächst zu einem Bankier gehen, der ihm den Ankauf besorgen soll. Und sehr häufig sagt der Bankier: „Ach, was wollen Sie fich mit dem geringen Zinssatz begnü­gen? Saufen Sie doch lieber die und die Aktie, die eine viel höhere Dividende bringen wird- Allerdings gibts da einige Schwankungen, aber die haben Sie

bei den Kursen der Staatspapiere auch." ufw. Auf dieser Zwischenstation geht dem Staat mancher gute Kunde verloren. Saturn meine ich, der Finanzmini­stet sollte dasür sorgen, daß man überall ohne alle Umstände für sein gutes Geld ein Staats- ober Reichs­papier bekommen kann, Zug um Zug

Die Ergänzung bazu müßte bie Vorsorge bilden, doß ich ein solches Papier auch bequem unb ohne er­heblichen Ausfall toieber berfUbern kann. Das Ideal ioäte ja ein Rückkauf zu dem Etwetbspreise Wenn das nicht zu erreichen ist, so muß wenigstens der Staat durch seine Seehandlungsbank oder sonstige Htlssban- ken dafür sorgen, daß die ausgebotenen Schuldscheine, wenigstens die in kleineren Beträgen, glatt ausgenom­men werden, ohne daß erst eine Kurserschütterung cintritt.

Unsere Minister und die höheren Beamten über­haupt müssen kaufmännisches Geschick habe.,, da Staat und Reich immer mehr in geschäftliche Unternehnien vctslrickt werden. Aber fie müssen doch immer „könig- >'-chc Kaufleute" sein, die nicht in das gewöhnliche Ge- triebe der Geldjägetei hinabfinken und bei ihrer „Rou- tinc" nicht die höheren idealen unb sozialen Rücksichten vergessen Vor Fehlgriffen schützt auch bie grünte ndifte Erfahrung im Bankfach nicht. Der verstorbene Miquel war bekanntlich erst Bütgetmeister, bann Bankbirektor, bann wieder Bütgetmeister in ber großen Geschäftsstadt Frankfurt und schließlich Finanzmini- stcr. Er hat überall sehr tüchtiges geleistet, namentlich die große Steuerreform vor 18 Jahren mit wunder­barem Geschick gemacht. Aber gerade dieser „Hexen­meister" hat einen Fehler begangen, bet für die vreu- ßisch-deutschen Anleihen geradezu verhängnisvoll ge­worden ist. Er glaubte, bie Zeit für eine dreiprozen- tige Rente sei schon gekommen- Er beglückte uns mit den dreiprozentigen Pavicren, unb weil die Leute mit 3 Prozent Zinsen nicht zufrieden waten, sanken diese Papiere weit unter Pari. Augenblicklich stehen sie öti/t Prozent. Diese starken Schwankungen toirften auch auf. bie übrigen Rentenwerte ein, und so ift bet Markt für bie allersolibesten Papiere in eine ewige Unruhe gekommen. Man sieht, auch die gefeiertsten Bankdireftoren find nicht unfehlbar.