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37. Jahr^ani

Erstes Blatt.

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Preußischer Landtag»

Abgeordnetenbans.

Sitzung vom 3 t. Mai 1910.

Abg. Eickhoff (fort. Bp.) begründet seinen Antrag, welcher die Regierung auffordert, in besonderen Aus- . nahmefällen, in denen die Errichtung von Studien­anstalten und Lyceen aus finanziellen Gründen erschwert ist, zur Befriedigung der Bildungsbedürfnisse der we,b- lichen Jugend den gemeinsamen Unterricht zu 0 st Ministerialdirektor Schwartzkopff: Der Minister hat bereits die Gründe dargelegt, die gegen einen gemeinschaftlichen Uuterrichtvon Knaben und Mädchen sprechen. Di- Regierung steht auf dem Standpunkt, daß der Unterricht für Mädchen anders zu gestalten ist als für Knaben.

Abg. Dr. Kaufmann (Ztr.) spricht sich ebenfalls gegen den Antrag aus mit der Begründung, daß durch die Sludienanstalten für Mädchen dem höheren Bll- dungsbedürfniffe genügend Rechnung getragen und eine Zulassung der Mädchen zu den höheren Knaben­schulen daher nicht erforderlich sei.

Abg. v. Keflel (kons.) erklärt sich ebenfalls gegen oen Antrag und bittet, die Verhandlungen nicht durch zu lange Reden aufzuhalten. Dadurch würde an Diäten gespart werden (Beifall).

Die Abgg. Forster (Fk.) und Dr. Hinzmann (ntl.) treten für den Antrag ein, während sich der Abg. Sthctznski (Polet dagegen erklärt.

Darauf wird der Antrag abgelehnt.

Es folgt die Beratung der Denkschrift über die Ansiedelungen in den Ostmarken.

Abg. ». Tilly (Ions.) erklärt sich mit den Ergeb- niffen der De ikschrift einverstanden und bittet die Ostmarkenpvlitik fortzusetzen. ,, ,

Abg. Graf Sprr (Ztr.): Vorerst möchte ich be­merken, daß wir heute nur mit der wirtschaftlichen Seite der Ostmarkenpolitik zu tun haben. Wir un- ererseits haben immer auf das negative Ergebnis in -ieser Politik hingewiesen, und in der Tat ist nach den vorliegenden Zahlen der deutsche Grundbesitz in )en Ostmarken im ganzen um nicht weniger als 54000 Hektar zurückgegangen. Es kann demnach »Ott einem Fortschritt des Deutschtums keine Rede sein, and vor allem muffen wir immer wieder darauf Hin­weisen, daß die gelegentlichen Erfolge mit den dafür aufgewendetea Summen in einem eklatanten Mißver­hältnis stehen. Wenn man zu dem eigentlichen An- siedlungsetat die für die Ostmarlenpolitik in die anderen Etats eingesetzten Zulagen usw. hinzurechnet, so ergibt sich als jährlicher Gesamtaufwand für die Ost­markenpolitik eine Summe von nicht weniger als rund eine Milliarde. Was hätte man mit solchen Mitteln erreichen können, wenn man sie für eine ideale Stärkung des Deutschtums, für die Schule, verwendet hätte. LSas jetzt erreicht ist, das ist lediglich eine Per- schärsung des deutsch-polnischen Gegensatzes. Dre Ostmarlenpolitik erscheint uns umso bedenklicher, als sieerwiesenermaßenauch eine Protestantisterungs- Politik fft. Solange man darin fortsährt, wird man nicht zu einem friedlichen Ausgleich der Gegensätze in den Ostmarken kommen. (Beifall im Zentw)

L lndwirtschaftsminister v. Arnim: Der Borredner sollte nicht mechanisch die Zahlen zusaminenstellen, sondern er sollte fragen: Was wäre in den Ostmarken geschehen, wenn wir nicht unsere Ansiedlungspolitik getrieben hätten? (Sehr richtig rechts). Bevor wir das taten, war auch von Aussöhnung und Ruhe keme Rede, vielmehr ging das Polentum zielbewußt und systc- matifch vor, um die Deutschen von der Scholle zu ver­treiben. Wenn das Deutschtum im Grundbesitz nicht ivesentlich zugenommen hat, so muß andererseits doch darauf verwiesen werden, sowohl daß die ausgekauften Polen sich nur um 13 Prozent wieder in Preußen angekauft haben, als auch andererseits, daß die Zahl der Deutschen in den Gegenden, wo die Ansiedlungs- lommiffion tätig gewesen ist, um 32 Prozent zuge- nommen hat. Auch das Verhältnis der Zahlen bei den politischen Wahlen, wie auch die Prozentzahlen deS Bevölkerungszuwachses stellen sich für das Deutsch­tum günstig. Und was schließlich den wirtschaftlichen Effekt angeht, so stellt die ganze wirtschaftliche Ent­wicklung in jenen Gegenden ein Nationalvermögen dar, welches nicht zu teuer erkauft ist. (Lebh. Beifall rechts.)

Abg. v. Starborff (freikons.): Ich trete dem Minister vurchauS bei. Die Polen gehen so schroff gegen das Deutschtum vor, daß wir nutzt anders können, wenn vir das Deutschtum echalten wollen. Auf Anwendung

des EnteigmmgSgesetzes dringen wir nicht. Was die Nichtansiedlung der Katholiken augeht,so macht bekannt­lich der bischöfliche Stuhl in Posen die größten Schwierig­ketten gegenüber der seelsorgerlichen Versorgung der deut­schen Katholiken. Und wenn Sie (zum Zentrum), die be­rufenen polttischen Vertreter der Katholiken, in solcher Weise gegen die Ansiedlungspolitik kämpfen, so müssen allerdings die Katholiken als für die Ansiedlung weniger tceignet erscheinen. W-nn aber ein hervorragendes Mitglied ihrer Partei draußen im Lande der Regierung und den nationalen Parteien den Vorwurf macht, die Polenpolitik nur zum Zwecke der Unterdrückung der Katholiken zu betreiben, so dürfen Sie sich auch über gelegentliche scharfe Aeußerungen von unserer Seite nicht wundern.

Abg. Wamhoff (natl.) erklärt sich mit der Polen- polüik einverstanden und fordert, daß das Hauptgewicht aus die Ansiedlung von Kleinbauern gelegt werde.

Abg. v. Jazbzewski (Pole): Richt von den Polen auS hat der nationale Kampf im Osten seinen Ursprung genommen, sondern von der Politik des preußi­schen Staates aus. Wie die Dinge jetzt liegen, ist an Frieden nicht zu denken. Daß die Ansiedlungs- polttik eine konfessionelle Spitze hat, ersieht man daraus, daß 1909 bei 15,916 Protestanten nur 613 Katholiken angesiedelt sind.

Abg. Ströbel (Soz.): Dir Ergebnisse der Polen- polttik sind ganz minimal. Das Hauptergebnis ist Un­friede und Zwiespalt. Auch die protestantische Tendenz der Polenpolitik wird man im Einste nicht leugnen können.

Rach kurzen Richtigstellungen des Abg. Grasen Spee (Ztr.) wird die Besprechung vertagt.

Donnerstag: Kleinere Borlagen.

Herrenhaus.

Sitzung vom 31. Mai 1910.

Das HauS führte die Etatsberakung zu Ende. Die meisten Etats wurden ohne Debatte erledigt. Beim Justizetat unterbreitete Graf Hoensbroech tem Justiz­minister die Bitte, es möge den Juristen die einjährige Dienstzeit angerechnet werden. Der Jusiizminifter antwortete durchaus ablehnend. Die Studienzeit der Juristen sei schon so kurz, daß eine noch weitere Ab­kürzung ein Ding der Unmöglichkeit sei. — Eine be­merkenswerte Debatte rief'auch der Etat des Innern hervor, und zwar bezog sie sich ans das wichtige Gebiet des Fürsorgeerziehungswesens. Anlaß zur Erörterung dieser Frage gab ein Antrag, wonach die Regierung um die Vorlegung eines Gesetzentwurfes ersucht wird, der es ermöglicht, alle Kinder unter 14 Jahren, die der Verwahrlosung unheimzufallen drohen, zur Fürsorgeerziehung zu nbenveiseu. Der Minister des Innern v. Moltke äußerte sich sehr wohlwollend zu dem Antrag und stellte sogar die Arr-arbeitung eines entsprechenden Gesetzes in Aussicht. Erwähnt sei noch, daß für kurze Zeit der Präsident des japanischen terrenhauses sowie einige Mitglieder desselben der itzung beiwohnten.

Je* Zwischen dem Biilowkrach von 1909 nnd dem Bethmann - Fiasko von 1910

besteht eine fatale AÄhnlichkeit. In beiden Fällen v e r- biß sich der leitende Staatsmann auf eine Einzel­heit, die im Verhältnis zu dem großen Ganzen sach­lich minderwertig wac, und dieser Verbissenheit war in beiden Fällen ein Gesinnungswechsel vor­ausgegangen.

Fürst Bülow wollte eine Finanzreform von einer halben Milliarde machen. Er brachte die halbe Milliarde in Gefahr und sich selbst ins Verder­ben, weil er steif und starr an der Forderung festhielt, ein Tell dieses Bedarfes von 500 Millionen dürfe un­ter keinen Umständen anders als durch die Besteuerung der Witwen- und Kindererbschaft aufge­bracht werden. Wegen bet Streitfrage, in welcher Form da? letzte Zehntel aufgebracht werden solle, kam es zu dem großen Krach. Fürst Bülow fiel mit der Erb­schaftssteuer. in die er sich unlöslich verbiffen hatte-

Herr v. Bethmann H ollweg nahm im Laufe der Wahlrechtsverhaudlungen die llmkrempelung der

wesenllichstm Grundlagen des Gesetzes in Güte und Geduld an; aber mit desto größerem Eigensinn hielt er an der Forderung fest, daß die Drittelungsbezirke bis auf 20 000 Einwohner vergrößert werden müßten. Im. Vergleich zu der Prinzipienfrage der geheimen oder öffentlichen, der direkten oder indirekten Wahl mußte die Größe der Drittelungsbezirke doch eine Frage nie­deren Ranges für die Staatsregierung sein, ivenn letz­tere die Dinge sachlich und unbefangen abwog. Aber sie setzte ihre ganze „Autorität" an diese Einzelheit und ließ das Ganz« scheitern, um nicht bei der Drittelung nachgeben zu müssen.

Das sonderbarste ist nun, daß die „unerschütterliche Festigkeit der Regierung in beiden Fällen einem „Ideal" gewidmet war, das die Minister selbst früher verleugnet und bekämpft hatten. Fürst Bü­low und Frhr. v. Rheinbaben waren noch vor ein paar Jahren erklärte und beredte Gegner der Besteue- rung des Witwen- und WaisenerbcS gewesen; sie mußten sich erst bekehren, nm fanatische Vorkämpfer dieser Steuer zu werden. Die Wahlrechtsoorlage des königlichen Staatsministeriums unter Vorsitz des Herrn v. Beihmann Hollweg enthielt nicht allein die Urwahlbezirksdrittelung in ihrem Text, sondern brachte in ihrer Begründung eine warme und wohlfundierte Lobrede auf diese Einrichtung. Aber im April schlug die Ansicht der kgl. Staatsregierung wie das Wetter um. Die vorher verteidigte und empfohlene Ur­wahlbezirksdrittelung wurde plötzlich für schlecht er­klärt und die Zukunft des preußischen Staates abhän­gig gemacht von den plutokratischen Drittelungsbezirke» bis 20 000 Einwohnern- — In beiden Fällen erinnerte der blinde Eigensinn der Regierung an den lieber eifer von Renegaten.

Wie erklärt sich nun dieses Verbeißen auf eine zweifelhafte Einzelheit, dieses fanatische Festhalten an einer nachträglich gewonnenen Neberzeugung- Es war die leidige „T a k t i V, die sowohl den Fürsten Bülow als den $erttt n. Bethmann von der geraden Bahn'der Sachlichkeit hinweglockte; es war jedesmal die sog Block- oder Ka ctelltaktik, die ihre Richtschnur findet in der Ausschaltung des Zentrums, der Einschaltung der Mittelparteien und der Bekäm­pfung einer „schwarzblauen" Mehrheit. Fürst Bülow machte die Erbschaftssteuer zum Angelpunkte seiner ganzen Finanzreform, weil sie vom Zentrum bekämpft wurde, den Liberalen angenehm und den Konservati­ven unangenehm war. Er forderte eine Kraftprobe heraus, um alle „schwarzblauen" Regungen im Keime zu ersticken. Herr v Bethmann ließ sich von zentrums­feindlichen Ränkeschmiede bestimmen, die Drittelungs- frage zu einer Kraftprobe zu benutzen, als deren Aus­gang man die DemütimiNA der Kompromißparteien unb das Auf rücken der Mittelparteien in die ansschlag- nalliberalen Fraktton fft nunmehr größer, als zuvor.

In beiden Fällen ist die parteitaftische Spekulation der Regierung fehlgeschlagen.

Fürst Bülow hatte wenigstens noch den Trost, daß die N a t i o n a l l i b e r a l e n für die in den Vor­dergrund geschobene Erbschaftssteuer einmütig stimm­ten; es wurde Fraktionszwang verhängt, und dem füg­ten sich auch diejenigen nationalliberalen Abgeordneten, die früher ebenso wie die Minister Gegner dieser Be­steuerung gewesen waren. Herr v. Bethmann brachte es bei seiner Taktik zu Gunsten der Mitellparteller nicht zu einer solchen Sammlung sämtlicher Stimmen. Im Gegenteil, fein Danaergeschenk brachte nicht bloß die innere Einheit, sondern sogar den äußeren Bestand der nationalliberalen Partei in ernste Gefahr, und die Spannung zwischen der freikonservativen und natio­nalliberalen Frakitou ist nunmehr größer, als zuvor-

Aus diesem vergleichenden Rückblick sollte man wenigstens die Lehre ziehen, daß die Regierung ober ihre Offiziösen nicht von der Wahrung der „Auto r i- tct" reden dürfen. Die „Autorität" ist bei der zwecklosen Liebedienerei gegen eine un­brauchbare Partei schlecht gefahren.

Deutsches Reich.

<•) Italien und Deutschland.

Bekanntlich fiel der Besuch des Reichskanzlers in Rom in die Tage einer Kabinettskrtsis, und als nach einigen Tagen das Kabinett Luzzatti zustande ge­kommen war, übernahm di San Giuliano das Porte­feuille des Auswärtigen. Sofort eilte er Herrn v. Bethmann-Hollweg, der bereits seine Heimreise an­getreten hatte, nach und erreichte ihn in Florenz, wo zwischen den beiden Staatsmännern eine freundliche Aussprache statffand. Sowohl diese Unterredung als auch die Aufnahme, die der Reichskanzler btt den lei­tenden Kreisen und der Preffe Italiens sand, lassen deutlich erkennen, daß Italien nach wie vor an hem Dreibund sesthält und in ihm eine Bürgschaft des Friedens und der Wohlfahrt des eigenen Landes erblickt.

Daß man auch in Deutschland auf die bestehenden guten Beziehungen zwischen Deutschland und Italien Wert legt und sie noch fester gestalten möchte, das ist bei dem gegenwärtigen Gegenbesuch des italienisehen Ministers des Auswärtigen in Berlin deutlich zum Ausdruck gekommen: Offiziös wird das Ergebnis des Besuchs folgendermaßen gekennzeichnet:

„Der Besuch des ttalienischen Ministers des Aeußern bat erwünschte Gelegenheil geboten, die zwischen dem Reichskanzler und dem Marquis di San Giuliano t» Florenz geführte Aussprache fortzusetzen. Wie schon damals beide Staatsmänner sich in dem festen Ent­schluß begegneten, die Sicherung und Befestigung beS gegenwärtigen Zustandes als Ziel ihrer Politik unver­ändert feftzuhalten, so hat auch der jetzt gepflogene, eingehende und vertrauensvolle Meinungsaustausch er­neut ergeben, daß in der hierauf begründeten zuver­sichtlichen Auffassung der politischen Ge­samtlage, wie sie den fortdauernden befriedigenden Beziehungen unter den europäischen Mächten entsprich^ eine Aenderung nicht ein getreten ist. Die Be­sprechungen beträjtigen den Willen der beiden ver­bündeten Regierungen, im Einklang mtt dem Wiener Kabinett auch fernerhin die auf Erhaltung des Friedens gerichteten Grundsätze zur Gel­tung zu bringen, von denen die Politik der Dreibundmächte getragen ist.

Das ist eine neue Bekräftigung des Drei­bundes, die auch jensetts der Alpen Beifall finden wird. Der offiziöse,Popolo Romano' schreibt nämlich, nachdem er den freundlichen Empfang San Giulianos in Berlin hervorgehoben:

„Dieser Empfang, besonders aber das Wohlwollen des Kaisers, der trotz seines lästigen Unwohlseins den Minister empfangen und sich mit ihm vertraulich unter­halten hat, sei umso erfreulicher, als dies ein beredter Beweis dafür sei, daß der Reichskanzler von seinem letzten Besuch in Rom und von der Zusammenkunst «t Floren; die besten Eindrücke mitgenommen habe. Das deutsche Volk, das den höchsten Grad in der Entwick­lung seiner Kräfte erreicht habe, wünsche sicher lebhaft den Frieden. Das italienische Volk wisse, daß daS Anwachsen seiner Hilfsmittel in den letzten 20 Jahren wesentlich diesem Bündnisse zuzuschreiben sei, das die sicherste Garantie für den Frieden ge­wesen fei und sein werde."

Deutschland und Italien haben sehr viele Be­rührungspunkte namentlich auf dem Gebiete des Han­dels und Verkehrs, und es fft vielleicht mehr als ein bloßer günstiger Zufall, daß gerade mit dem ttalient- chcn Staatsmann eine Anzahl italienischer Kaufleute und Industrieller in Berlin eingetroffen ist, um eine Studienreise durch Deutschland zu unternehmen- Bet dem persönlichen Veckehr unter einander lernen sich die Völker gegenseitig am besten kennen, und so können wir auch in diesem Falle hoffen, daß die italienische Studienkommission mit den besten Eindrücken von Deutschland in ihre Heimat zurtickkehren wird

Gestern mittag hat der Reichskanzler dem italienischen Minister des Aeußern einen längeren Besuch abgestattet. — San Guiliano hat einem Bertreier des Wolffschen Bureaus erklärt, daß er von der herzlichen Aufnahme, di« er hier gefunden.

Edith Büttners Liebe.

35] Roman von Fr. Lehne.

Edich befand sich in einer sehr gehobenen Stim­mung; Me hell erleuchteten Zimmer, die festlich ge­schmückte Tafel, die fröhlichen Gesichter, das muntere Geplauder waren ihr neu und sie genoß das Vergnü- en dieses Abends mit Behagen.

Rach den offiziellen Reden unb Toasten war die Unterhaltung lebhafter geworden, wozu mich die aus­erlesenen Speisen unb die vorzüglichen Weine bei- itugtn.

Herbert Thomas hob sein Glas gegen Edith: „Wollen Sie nicht auch mit mir anstoßen?" In feinen sonst so kühl blickenden Augen flammte eS auf, als sie ihm das ihre entgegenhielt:

„Bitte, auch ansehen. Fräulein Bürkner!"

Einen Augenblick ruhten beide Augenpaare inein­ander. — Ediths Hand zitterte ein wenig, als sie da» Glas zum Munde führte, denn aus Herberts Augen hatte ein Mick sie getroffen, ein Blick, so heiß und fdbfto ergeben, daß eS ste durchschauerte.

Rach der Tafel suchte er ihre Nähe.

Er hatte so unb so viele Pflichtunterhaltuugen abgewickckt, und nun drängte es ihn zu Edith. Deut­licher alS je fühlte er, wie dieses junge, schöne Ge­schoß all fein Denken beherrschte; wie ein Rausch hatte e» ihn erfaßt-

Er fand sie im Gespräch mit seiner Mutter, die anscheinend ein große- Wohlgefallen an dem schönen, bescheidenen Mädchen gefunbät hatte; denn sie unter- hickt sich in liebenswürdigster Weise mit Edith Bürk- ner.

Herbert hörte gerade, wie ste Edith nach ihrem Mer fragt«.

„£), ,eS fehlt nicht mehr viel an dreiundzwanziß, gnädige Frau"

„Da sind Sie ja noch sehr jung, liebe» Fräulein I"

„Aber alt an Erfahrung, gnädige Frau. Mein Bater fft etwas leidend, meine Dlutter ist vor einigen

Jahren gestorben; mein Leben ist reich an Kummer gewesen —"

„Haben Sie noch Geschwister?"

„Einen Bruder, der jetzt in Leipzig Medizin stu­diert Wir beide verstehen uns sehr gut; er ist ein Jahr jünger als ich. ein prächtiger Mensch! Er ist mein bester Freunds"

„Haben Sie hier nicht auch Freundinnen und Ver­wandte?"

„Viel Zeit, die sogenannten Mädchensreundschaf- ten zu pflegen, hatte ich nicht! Und mit meinen Ver­wandten — Hildebrandts in der Parkstraße — Herr Hildebrandt ist der Bruder meiner verstorbenen Mut­ter —'

„Ah, das elegante Fräulein Hildebrandt fft dem­nach Ihre Kusine?" unterbrach Frau Thomas das junge Mädchen. „Sagen Sie, Fräulein Bürkner, ist es wahr, daß sie sich demnächst mit Assessor Martini verloben wird? Ich hörte neulich davon."

„Ich weiß es nicht, gnädige Frau; wir kommen S« nicht zusammen."

Und auf einen erstaunten Blick der alten Dame fügte sie hinzu:

„Die Verschiedenheit unserer Lebensstellung — 'ch war genötigt, mir durch Unterrichtgeben einen Er­werb zu suchen —"

„Was Sie in meinen Augen nur hebt und ehrt!"

„Ganz meine Ansicht, Mama", warf da Herbert rin, hinter den Damen hervortretend

.Sfr» ertaubt?"

Er zog einen Stuhl zu sich heran und nahm neben den beiden Damen Platz, doch so, daß er Edith beobachten konnte.

„Mr heißen Sie eigentlich mit Ihrem Vornamen Fräulein Bürkner? Denken Sie, es interessiert mich stet-, zu wissen, wie diejenigen, mtt denen ich zusam- menkomme, mit dem Vornamen heißen", sagte Frau Thoma» lächelnd.

„Ich heiße Sdtth — Maria, Isolde, Edith."

„Drei ausgewählt schöne Namen."

,3a, gnädige Frau, unb ich freue mich auch dar­über! Mein Bruder heißt Thankmar. Unser lieber Vater hat die Namen ausgesucht.

So sprach man hin und her, bis Hausfrauenpflich- ien Frau Thomas geboten, sich auch in den anderen Räumen za zeigen.

Herbert und Edith waren allein. Sie hatte vor seinen heißen Micken die Augen gesenkt, deren brate, dunkle Wimpern auf ihren rosigen Wangen tagen

In seiner Nähe wurde chc so eigen; sie fühtte sich befangen, wie von einem mächttgen Einfluß gebannt

„Also Edich heißen Sie — wie der Name zu Ihnen paßt!" sagte er leise, unb dann: „Fräulein Bürkner, Sie find wunderschön —'

Verletzt hob sie die Lider empor und sah ihn an.

„Herr Thomas, würden Sie das wohl ohne wei- icres einer Dame aus Ihren Kreisen sagen? Ich bin heute als Gast Ihrer Eltern hier —" ihre Stimme bebte und hatte einen fast traurigen Klang.

Er zögerte ein wenig mtt der Antwort; dann lä­chelte er, was ihm wunderbar gut stand.

„Nein, Fräulein Bürkner. denit zu einer solchen Behauptung würde mir vollständig die Veranlassung fehlen."

Sie errötete und mußte nun wider Willen eben­falls lächeln.

In diesem Augenblick trat Herberts Vater zu den beiden.

.Hier sind Sie — mein« Frau schickt mich! Nun geben Sie mir Ihr Händchen, daß ich Sie nach dem Klavier führe, uns ettvaS vorzuspielen i"

„Gern, Herr Thomas", sagte Edith ohne jede Ziererei; „aber Sie müssen ein milder Kritiker fein, denn so groß ist mein Können nicht."

„Ich will kein milder Krittler, nein, nur ein dank­barer Zuhörer fein! Mau sagte mir, daß Sie sehr gut spielen; bei mir wird leider gar nicht musiziert; wir sind eine sehr unmusikalische Familie und ich höre so gern zu."

Galant öffnete Herr Thomas dem jungen Mäd­chen das Klavier und setzte sich bann bequem in einen Klubsessel, die Hände über der weißen Weste gesaftet.

„Spielen Sie, was Sie wollen, Fräulckn Bürk­ner; Roten find genug da", sagte er auf Edith- Frage. „9hit nichts Trauriges oder Klassisches, viel­leicht etwas aus „Zar und Zimmermann" oder dem

„Freischütz" oder „Waffenschmied"; das find meine liebsten Opern-"

Edith begann zu spielen. Ihr Anschlag war weich, aber doch fern jeder falschen Sentimentalität. Ein kleiner Kreis von Zuhörern hatte sich um sie ge­bildet Sie gab sich ganz dem Genuss- hin, auf diesem vorzüglichen, klangschönen Instrument zu spicken. Al­st e aufhörte, klatschte Herr Thomas begeistert in di« Hände.

„Bravo, bravo, Sie spielen ja ausgezckchnck, lie­bes Fräulein!" Und bergnügt summte er vor sich hin: „auch ich war ein Jüngftng mit lockigem Haar —"

Edith mochte nicht zu lauge bleiben. Sie nahm möglichst unauffällig Gelegenheit, sich von ihren Gast­gebern zu verabschieden, herzlich für den schönen Abend dankend.

Herbert hatte es bemertt.

„Sie wollen schon gehen, Fräulein Bürkner? Da» ist schade."

Ein unverhülttes Bedauern klang aus seiner Stimme.

„So, es wird Zeit für mich."

„Unb fürchten Sie sich nicht, den Weg in der Nacht allein zu machen?"

Lächelnd fchüttelte sie den Kopf.

„Rem. UebrigenS hoffe ich, eine Droschke zu be* kommen!"

„Wohnen Sie wett?"

„Es fft doch ein ganzes Stück — in der Stein- straße " Sie verneigte sich leicht. „Gute Nacht, Herr Thomas."

„Bckomme ich kckne Hand, Fräulein Bürkner?'

Mtt leichter Verwirrung legte sie ihre Rechte ii die ausgestreckte Hand Herberts

Zum erstenmä hickt er die schmale Hand del Mädchens in der seinen. Mit krampfhaftem Druck preßte er die schlanken Finger; er hielt sie fest, bi; Edith errötend ihre Hand befreite.

„Kommen Sie gut nach Hause, Fräulein Bürkner!

Gute Rächt — schlafen Sie süß —*

„O, das tue ich immer l* Sie lächelte ein wenig und die Grübchen in ihren Wangen vertieften sich.

(Fortsrhmig folgt.)