Einzelbild herunterladen
 

Mdaer W Zeitung

I.Parzelle"in Ml'öa. Wochenbeilage: „Illustrierte Zonntagrzeitung"

Erstes Blatt

Fulda, Dienstac; den 31. Mai 1910,

M 121.

37. Jahrganq

Monatrbellage: .Luldaer Geschichtsblatter"

ansctgew: vre et» fpaltige Petitzeile oder bereit Kaum 15 Pfg. KeNamendtepetitzelle 25 Pfg., bet Wieder­horungen wird entspr.

Rabatt gewährt.

Retafton$bre<fmt6 Verlag der Luldaer Ak> tiendrulkerei in Lulda Lernsprecher Nr. 9.

erscheint »glich mit Aurnahme kt «itdLriertage.viertel- jährlichervezugrpreir ohne vrkngerlohn und Bestellgeld in Zulda so­wie aurwärtr 1.5V Mt.

verantw. Rcöafteuri

CarlSditttte;

Ausland.

: Kaiser Franz Joseph traf am Montag früh unter brausendem Jubel der aus der Stadt und ih' er Umgebung herbeigeeilten Bevölkerung in B o s n i s ch - ^r°d, der ersten bosnischen Station auf der Reise nQ Q|eroo' e*n- Der Herrscher verließ unter den Klangen der Volkshymne und stürmischen Zivio- rufen den Hofzug und nahm die Begrüßungs­ansprachen entgegen. Der Monarch setzte sodann unter neuen stürmischen Kundgebungen die Reise nach Sera je wo fort, wo er um 3 Uhr nachmittags euttraf. Die Stadt ist prachtvoll geschmückt und in sestlich.froher Bewegung. Unter stürmischen Huidi- gungen der einheimischen Bevölkerung fuhr der Kaiser zum Konak, wo er Aufenthalt nimmt. Am Abend wurden die Stadt und die umliegenden Höhen festlich beleuchtet. — In einer Besprechung der Reise des Kaisers führt das.Fremdenblatt' aus: .Die Reise bekräftigt den unzerreißbaren Zusammen- halt der neuen Reichsländer und des alten Reiches. Nachdem Oesterreich-Ungarn die beiden Provinzen erworben, hat es mit seinen politischen und territorialen Aspirationen auf dem Balkan abgeschlossen. Ein unverbrüchlicher Grundsatz der öfferrrichifck-unqa- rischen Politik ist die Aufrechterhaltung tc-3 eUtus quo auf dem Balkan.

ss Die ungarische Wahlkampagne, die am 1. Juni zur Entscheidung führt, überschreitet selbst das ir Ungarn übliche Maß von Leidenschaftlichkeit. Nicht weniger als zehn Morde sind bisher auf das Konto

g von Zwischenkredtten undungen wird in dritter

vom

Der erste Anhieb

von auf

der das

bei RentengutSgrt

Lesung debattelos angenommen."

Es folgte die dritte Beratung der Vorlage belr. oie Einführung ländlicher Fortbildungsschulen in Schlesien.

Oura und das Mitglied des Bureaus des japanischen Herrenhauses Vikomte M. Songoku mit großem Gefolge in Berlin eingetroffen.

* Neber das Befinden des Kaisers, der be­kanntlich an einem Furunkel in der Gegend des rechten Handgelenks leidet, wird amtlich berichtet, daß eine „lebhafte Entzündung" einen zweiten operativen Eingriff notwendig machte, die Oeffnung des Geschwürs, die am Samstag vom Profeffor Dr. Bier vorgenommen wurde. Der Verlauf sei bisher normal. Der Kaiser wird aber, das steht jedoch fest, am Mittwoch die Parade der Berliner Garnison nicht selber ab­

richtet werden? zu dem ihrigen machen-

Die Lösung dec hiermit aufgeworfenen Frage hat Naumann freilich kaum gefördeck, weil er sich allzusehr an die F-strednertendenz hielt Aber sicher ist wohl, daß diese offene Besprechung dieser so sehr wichtigen Angelegenheit anregend auf die berufenen Faktoren einwicken und die weitere Erörterung fördern wird

verem zu einer Jntereffengruppe zusammenschließen. Wie das Kleinbürgertum habet fährt, ist seine Sache. Wenn es nicht mehr existieren kann und es gar nicht mehr mit ihm geht, können wir ihm nur raten: Mögen sie bann Arbeiter werden, wie wir es sind."

Die kleinen Handwerker, die so stark von der Sozialdemokratie umworben werden, werden dem Genoffen Peus für dieses mehr offene als diploma­tische Wort dankbar sein.

□ Die Stellung der Beamten im Staate.

Vor einiger Zeit wurde in Berlin ein sogenannter „Bund der Festbesoldeten" gegründet. Man nahm bei der Gründung, und zwar wohl mit Recht, an, daß sie dem Bedürfnis des Berliner Bemntenblat«

** Berlin, 30. Mat 1910. Die Mitteilung daß der Letter der Medizinal-Abteilung des Kultusministeriums, Ministerialdirektor Dr Förster nach Beendigung des ihm gewährten Urlaubs nicht in sein Amt zurückkehren werde wird von dem „Tag" als unrichtig bezeichnet — Der Unterstaatssekretär im Kultusministerium Dr. Wever tritt, wie die „Kreuzzig.» hört, am ^"e UmkrempÄun^des't^twurfs "vor?"» I nehmung der Stelle des Unierst2sseketä?s° fft oimtnnV1 $Ten u-nb direkten Wahl' der Re- der Ministerialdirektor Dr. Schwartzkopff beauf- 6 ru"SSvorlage gmg man zu der geheimen und I tragt worden. — Dem Landtage ist eine Denk-

trs „Deutsche Nachrichten" nach einem Rückhalt in der Beamtenschaft entspreche. Inzwischen scheint aber dieser Bund denselben Weg gegangen zu sein, den neulich der Trier sch eEisenbahnerverband, eine früher den christlichen Gewerkschaften nahestehende gewerkschaftliche Organisation, durchgemacht hat: Die Linksliberalen haben es verstanden, diese Or­ganisation in ihr Fahrwasser zu bugsieren, und so konnte der Reichstagsabg. Naumann, der ehe­mals nationalsoziale, später zum Linksliberalismus hinübergeschwenkte Pastor a. D., am Sonntag im Bunde der Festbesoloeten auf einer Generalversamm­lung einen großen Vortrag über die Stellung der Be­amten im Staate halten. Die Gedanken, die er ent­wickelte, sind nicht neu. Aber in einer Versammlung vor Beamten ist bisher niemand an eine ernstliche Er­örterung des Beamtenproblems herangetreten, und darum wird dieser Vortrag Naumanns' größere Be­achtung finden müssen. Eine genaue Zusammenstel­lung über die Zahl der Beamten, führte Naumann aus, gibt es zurzeit noch nicht. Schon hei mäßiger Schätzung kommt man aber auf über 1200000 Be­amte- Diese Zahl steigt stäcker als die Bevölkerung. Jedes soziale Gesetz endet damit, daß etwas kon­trolliert werden muß, ebenso jedes Steuergesetz, und wer es kontrolliert, ist der Beamte Die Abgeordneten fördern mit ihren Plänen die Beamtenvermehrung, und wenn dann die Zahl der Beamten steigt, spielen sie den Ahnungslosen. Wir sind auf dem Wege juir Beamtenstaat. Der Beamtenstand entwickelt sich somii zu einer ungeheuren Macht im Staate und es entsteht gerade angesichts dieser Macht eine Verantwortung, die eine ganz andere Auffassung vom Wesen der Be- amtentätigfeit notwendig macht.

Naumann unterscheidet wohl nicht genug zwischen den verschiedenen Beamtenkategorien, wenn er allge­mein eine gänzliche Umwälzung der Auffassung vom Wesen des Veamtenstandes fordert; aber für sehr weite Schichten des Bmmtenstandes, insbesondere für alle die großen Schicksten der in wirtschaftlichen Be­trieben des Reiches, des Staates, der Gemeinde täti­gen Beamten, hat er recht, wenn er sich unter dem Beifall jener Beamtenversammlung sehr kritisch mit dem Abhängigkeitsverhältnis der Beamten beschäftigte, indem er ausführte: Einen wirklich freien Mann gibt es nicht. Nur sollte man die „gottgewollten Abhängig­keiten" Bethmann-Hollwegs nicht übermäßig steigern, sondern sie ansehen als eine notwendige Beilage de» inoöemcn Lebens, die man nach Möglichkeit ein­schränkt. Ob der Beamte mit dem Prinzip der Le- benSlänglichkeit seinem Stande am besten dient, ist eine offene Frage. In der LcüenSlänglichkeit liegt ein erhöhter Schutz des Daseins, aber auch das Auf­geben der vrivatwirtschaftlichen Wagnisse, auf Grund deren der Einzelne seinen Weg gehen kann. Wenn die Stimmung entsteht, daß man am besten vorwärts kommt, wenn man nichts besonderes tut, so wird eben nichts besonderes getan. (Sehr richtig!) Man tut feine Pflicht, und das Lied von der Pflichttreue der Beamten ist gewiß berechtigt, aber es gibt etwas Höheres, nämlich jenes personale Wagnis, wobei der Einzelne sich verantwottlich fühlt für Fortschritt und Nachteile. Das kann er nur, wenn nicht jeder Schritt und jeder Versuch ihn in die Gefahr bringt, aus der * Bahn geworfen zu werden. Tötet im Beamten nicht die Persönlichkeit! Gewiß verlangt jeder Beamten- apparat Disziplin und Ordnung. Eine Beamtenschaft aber, die nur über Gehaltsfragen diskutiert, ist kein Faktor im öffentlichen Leben. Will sie gehört werden

Das Hans nimmt sodann noch einige vorher zurück« gestellte Wahlprüfungen vor. Die Wahl des Abg. Fürbringer (natl.) wird entsprechend dem Kommissionsbeschluß für ungültig erklärt unter Ab­lehnung eines nationalliberalen Antrages auf Rück­verweisung an die Kommission.

Der Gesetzentwurf zur Abänderung des Gesetzes betreffend Gewährung von Zwischenkrediten

schrist über die gemäß § 20 be« Gebäudesteuer, gesetze« vom 21. Mai 1861 ausgeführte dritte Revision der Gebäude steuerveran. lagung zugegangen. — Außer der chinesischen militärischen Studienkommission sind auch der Präsident des japanischen Herrenhauses Fürst T o k ug a w a, der japanische Staatsminister Baron

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 30. Mai 1910.

Das Haus erledigte zunächst debattelos eine Reihe von Wahlprü fungen und trat da in in die dritte Lesung des Gerichtskostengesetzes' ein. Nach kurzer Debatte, die zur Ablehnung eines Antrages Kirsch (Ztr.) auf späteres Inkrafttreten des Gesetzes führte, wurde das Gesetz enbgiltig angenommen, ebenso das Gesetz betreffend die Gebührenordnung für Notare.

nehmen, fonbern auch bieses Amt dem Kron­prinzen übertragen.

* Der Besuch San Guilianos in Berlin. Zu Ehren des italienischen Ministers des Aus­wärtigen, der am Dienslag abend Berlin wieder verläßt, fand am Montag beim Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg ein Diner statt. Mittags mar Frühftückstafel beim Staatssekretär v. Schoen. Nachher holte der Reichskanzler den Minister ab, um mit ihm das Kaiser-Friedrich-Museum zu besuchen.

** Tod zweier Reichstagsabgeordneten. Der Reichstagsabgeordnete für den Wahlkreis Frank­furt (Oder) Lebus Detio (natl.) ist an Lungen­entzündung gestorben. Der Wahlkreis ist durch die Sozialdemokratie stark gefährdet. — In Dresden starb der Reichstagsabg. für Zschopau- Marienberg Oskar Zimmermann, (Rewtinp.) Zimmermann^ einer der eifrigsten Verirrt,r der Antisemiten, vertrat 1890/93 den Wahlkreis Alsfeld-Lauterbach, 1893/98 Drecden-Alt- stadt und seit 1904 Zschopau-Marienberg.

+ Ein bemerkenswertes Geständnis. In einer Polemik gegen das ^Berliner Tageblatt' schreibt die /Jiationalliberale Korrespondenz':

„Die Tatsache, daß für den § 6 der Herrenhaus­beschlüsse bei der Schnelligkeit und dem Durcheinander der Abstimmungen versehentlich nur ein Teil der Natioaalliberalen sich erhob, wird dort mit der völlig sinnlosen Bemerkung glossiert: „Es war also doch eine recht erhebliche Umfallsmehrheit!""

Wir quittieren die Feststellung, daß die natio« n(illiberale Fraktion geschlossen für den § 6 der Herrenhausbeschlüffe bezw. für die Ver­größerung der Drittelungsbezirke, deren plulokratische Tendenz der Abg. Dr. Friedberg seibft zngeben mußte, ein treten wollte.

* Sozialdemokratische Anschauungen treten so recht zutage in folgender Auslassung der „Schwäb. Volkszeitung" Nr. 118:

Bet' und arbeit’! Ein klassisches Knlturdokii- meut, das den Scharfmacher«, als Grundlage für ein neues Vertragsuruster und nach unserer Meinung als ein .Vorschlag zum Frieden" dienen könnte, kommt in Geüalt einer „Arbeitsordnung" aus dem Kloster St. Ottilien am Ammersee. Damit in birsem schweren Kampfe auch dem Humor Rechmmg getragen wird, lei"en wir unseren Lesern diese „Arbeitsordnung" wört­lich mit. Sie lautet: „§ 1. Bei unseren Bauten können

Deutsches Keich.

* Das belgische Königspaar

traf Montag nachmittag gegm '/«6 Uhr auf der Wildparkstatiou bei Potsdam ein. Auf dem Bahn- Hos erwarteten in Vertretung des durch den Furunkel an der rechten Hand behinderten Kaisers der Kron­prinz, ferner die Kronprinzessin, Prinzessin Viktoria Luise, der Reichskanzler, der Staatssekretär von Schoen, beide mit Gemahlinnen, und andere hohe Würdenträger die königlichen Gäste. Nach über­aus herzlicher Begrüßung schritt König Albert zur Rechten des Kronprinzen die Ehrenkompagnie ab, dann begaben sich die hohen Herrschaften zu den bereitstehenden Equipagen und in flotter Fahrt ging's zrm Neuen Palais durch das präsentierende Spalier der Truppen und unter den Hochrufen des Publikums. Im Neuen Palais begrüßte der Kaiser die belgischen Gäste aufs herzlichste, wollte aber der Galatafel fernbleibcn, da er zur Schonung des verbundenen Handgelenks die Paradeuniform nicht anlegen kann. 1

Nach dem Empfang im Mufchelsaale geleitete die Kaiserin die belgischen Herrschaften in ihre Ge- mächer. An dem Tee, der sodann in der Wohnung der Königin der Belgier genommen wurde, nahmen mtt der Kaiserin auch der Kaffer teil. Bei der Familientafel saß der König .der Belgier zwischen ber Kaisern» und der Kronprinzessin, gegenüber die ^uigln zwrschen dem Kronprinzen und dem Prinzen (stiel Friedrich.

Die ,Nordd. Allg. Ztg.' widmet dem belgischen Königspaare etnen herzlichen WMommengruß Sie schließt mtt dem Wunsche, daß dieser Besuch' dazu bettragen möge, die Bande der Freundschaft, die die Herrschrrfamtllen Deutschlands und Belgiens und die beiden Nachbarländer mitemander ^ver­binden, von neuem zu befestigen.

I indirekte« Wahl des Kompromiffes über. Es war für die Regierung nicht leicht, dieser Wendung der Dinge zu folgen, aber sie nahm die Grundlage „geheim-indirell* doch an. Daraus wollen wir ihr durchaus kein Vorwurf machen. Wir tadeln nur, daß die Regierung bei dieser ihrer Bekehrung einen Vorbehalt machte, der die Frucht des Eiulenkens wieder aufs Spiel setzte.

Erinnern wir unS an die Taktik, die Fürst Bismarck bei seiner Zoll- und Steuerreform von 1879 einschlug. Als er erkannt hatte, daß die Sache nicht mit den Liberalen, sondern nur mit dem Zen­trum und der Rechten zu machen sei, da nahm er nicht bloß die Grundlagen des ersten .schwarz- blauen* Kompromiffes an, sondern er beschloß rück­haltlos : Ich mache die Sache mit dieser Kompro­mißmehrheit! Es fiel ihm nicht ein, in die Sache eine Klausel hineinzubringen, die das Zentrum de­mütigen und die Liberalen versöhnen sollte. Er nahm die Mehrheit, die sich für das Reformwert ; bot, ohne sich durch das Geschrei der Zentrums­gegner irre machen zu lassen. In der folgenden Zeit hat er das Zentrum oft genug in Wort und Tat wieder bekämpft; aber als er mit der schwarz­blauen Mchrheit eine gemeinsame Aktion unternom­men hatte, da ging er ohne Seitensprunz den ver­einbarten Weg bis zum positiven Ende.

Herr v. Bethmaun treibt nicht so einfache und geradlinige Politik, wie der erste Reichskanzler. Wenn er mit der rechten Hand die Grundlagen an­genommen hat, die ihm Zentrum und Konservativen bieten, so schiebt er mit der linken Hand eine Be­stimmung in das Gesetz, welche die Kompromiß­mehrheit sprengen muß. Herr v. Bethmann hat freilich die Hoffnung" ausgesprochen, daß das Zentrum die vergrößerten Drittelungsbezirke schließ­lich annehmen werde, aber wenn er die Hoffnung wirklich gehabt hat, so macht das seinem Herzen vielleicht Ehre, jedoch seinem Verstand nicht. Jeder Sachkenner konnte ihm prophezeien, daß der Antrag Schorlemer das Zentrum in die Opposition zwingen würde. Herr v. Bethmann durfte aber als praktischer Staatsmann die Kompromißmehrheit erst dann spreugen, wenn er Aussicht hatte, mit Hilfe der von ihm begünstigten 3)iittelpntteicn eine neue Mehrheit zu bilden. Tas war aber, wie Figura gezeigt hat, nicht möglich. So hat die Re­gierung sich zwischen zwei Stühlen in die mittel- parteiliche Asche gesetzt.

Dieses Schwanken und Tasten und Tappen ins Blaue hinein nennt man dann einen „ersten Anhieb"!

Wir wünschen durchaus nicht die Auflösung des Abgeordnetenhauses oder den Rücktritt der betroffe- neu Minister. Aber notwendig wird es fein, daß Herr v. Bethmann die Methode seiner Politik einer Revision unterzieht. Will er durchaus ohne und gegen das Zentrum die gesetzgeberischen Aufgaben lösen, so mag er sich offen zu einer Block- oder Kartellpolitik bekennen. Will er aber über den Parteien die Politik der freien Hand betreiben, fo darf er sich nicht unter die Fuchtel der Mittelparteien begeben und in die Hänre von Ratgebern i Ja Zedlitz-Neukirch und , v. Schorlemer-Liefer fallen.

Soll das bisherige Verfahren beibehaltcn werden, so mag er sich den zweiten Anhieb lieber sparen. Dieser Baum fordert einen kräftigen und ziel- , bewußten Holzhauer. ,

Nach weiterer unerheblicher Debatte wurde Zentrumsantrag abgelehnt und das Gesetz gegen Zentrum angenommen.

Nach Erledigung einiger Initiativanträge geringerer Bedeutung vertagte sich das Haus Dienstag.

Die Regierung tröstet sich damit, daß solche ein- schneidende Fragen, wie die der Wahlreform, .nicht auf den ersten Anhieb gelöst* zu werden pflegen. Aus dieser offiziösen Bemerkung hat man gefolgert, daß bald ein weiterer Anhieb zu erwarten sei.

Ob die Regierung des Herrn v. Bethmann- Hollweg es wirklich so eilig hat mit der Wieder­holung des „grausamen Spiels"? Man beachte wohl, daß die Offiziösen an ihren Trostsatz vom ersten Anhieb sofort die Bemerkung geknüpft haben: »die sachliche Haltbarkeit der Lösung ist für dre Regierung und das Land wichtiger, als ihre « ch n e l l i g k e i t." Das klingt wie eine Warnung vor Schnellzugshoffuungen. Man kann nach Be- «eben sagen: „Die Grundlagen für eine hallbare Losung sind noch nicht gegeben, also muß noch ge­wartet werden".

Es ist ja tatsächlich richtig, daß auch in anderen E°ern der erste Versuch einer Wahlrechtsänderung nheV einmal gescheitert ist. Sehr zweifelhaft bleibt SanbeRegierung m einem anderen großen snL»eif? f°9- ersten Anhieb einen ebenso bat wie ea X1 an Geschick und Kraft entwickell wir hoben l?ei uns der Fall gewesen. Und be lmre monarchische Regierung,

ÄKft; °°- d-° Art^laa dei?nn,-°"Ä>ein zielbewußter, wirksamer fi Ät U,W^«ietullß bei dem ersten An- Lm stumv’en sic nicht vielmehr mit

« der Borke des Bau-

Abg. Graf v. Spee (Ztr.) begründet einen Antrag, wonach an Sonntagen in der Fortbildungsschule nur Religionsunterricht erteilt werden darf. Er wies energisch die Borwürfe zurück, die Avg. Hoffmann (S.) am Samstag gegen die katholische Kirche gerichtet hatte. In Religionssachen verttitt Herr Hoffmann den denkbar reaktionärsten Standpunkt. (Lebh. Zustimmung rechts und im Zentrum.) Das religiöse Empfinden liegt in jedem Menschen, man müßte denn gerade auf die Uranfänge der Menschheit zurückgehen, wie sie die Darwinisten darstellen. Wenn Herr Hoffmann sich mit seiner Glaubenslostgkeit auf seine Urururahnen aus dieser Zeit beruft, dann mag er recht haben. (Heiterk.)

Abg. Hoffmann (Soz,): Mein Glaube ist der Glaube an eine bessere Zukunft der Menschheit. Dieser Glaube ist stärker, als der Glaube mancher Frommen und wenn Herr Spee auf meine Urahnen angespielt hat, so habe ich nie ’ ", " 2“...."

Affen stamme. Die Aussührungen des Herrn Spee haben aber den Beweis geliefert, daß eine Entwicklung Im entgegengefetzten Sinne möglich ist. (Große Heiterkeit.)

Herrenha««.

Sitzung vom 30. Mai 1910.

Di« Eiatsberatungeu nahmen beim Landwirt­schaftsetat ihren Fortgang. Oberbürgermeister Todsen-Flensburg sprach sich gegen die verschärfte Impfung des ans Dänemark eingeführten Schlacht­viehs aus. Dr. Jrhr. v. Landsberg-Steinfurth und Gras v. Korff verwandten sich für Unterstützung der westfälischen Privat-Pfardezncht.

Beim Etat des Finanzministeriums ent­spann sich wieder eine weitläufige Auseinandersetzung zwischen dem Direktor der Deutschen Bank, v. Gwm- ner, und dem FinanMinister v. Rheinbaben. von ©Winner bemängelt, daß beim Eisenbahnetat zu viel Ausgaben auf dos Extraordinarium übernommen wurden; er wirft bent Finanzministerium mangelnde wirtschaftliche Voraussicht vor; er macht ihm das Kompliment, daß eS ihm an der festen Hand fehle, die das ungeheure Material zu sichten verstehe; er ver- «eigt fim schließlich gar zu Der Behauptung, daß der preußische Etat nicht nur frisiert, sondern geradezu verstruwelt sei. — Der Finanzminister erwidert, daß I e ■ \ auch der Finanzkunst des Herrn v. Gwinner

such sein werde, plötzlich eintretende wirt-1 schastliche Knsen auf ein halbes Jahr vorauszusehen. 3" ber Sadje selbst warnt er vor der in den Gwtu- Anregungen liegenden unabsehbaren Pump- wrrtschast. — Namens der alten (konservativen) Frakion spricht Herr v. Buch dem Finanzminister unter leb« tjaftem Beifall des Hauses den Dank für seine be« r)£,i e wtschaft aus. Dann unterhält man

[ub noch längere Zett über den Eisenbahnetat. Wie 'mmer, so werden auch diesmal zum Teil in humoristischer Form eme lange Reihe lokaler und per­sönlicher Wünsche vorgebracht.

Mr haben keine Veranlassung, auf die Arbeitsord­nung hier näher einzugehen. Aber nachdem die „Schwäb. Volksztg." eine Anzahl von Steilen daraus durch Sperrdruck hervorhebt, müssen wir annehmen, daß diese Puutte besonders das Mißfallen des sozia­listischen Blattes hervorqerufen haben. Danach scheint die Sozialdemokratie ein unreligiöses Leben, das Fluchen, das Führen unsittlicher Reden, das Blau- montagmachen, den Genuß von Bier und Schnaps außer der Essenszeit und das Nichtbeten vor und nach der Arbeit als Dinge zu empfinden, auf die der wasch­echte Sozialdemokrat unbedingt Anspruch erheben muß.

)( .Möge« sie Arbeller werde«*. Was der vou der Sozialdemokratie so vielumworbene Mittel- stand von der Sozialdemokratie zu er- warten hat, das zeigt die Art und Weise, wie der Deffa-ter Genosse Peus den Vorwurf abtat, die sozialdemokratischen Genoffenschaftsbäckereien hätten 23 selbständige Bäckermeister vernichtet. Er führte in einer Rede ans:

»Sie scheu überall Interessengegensätze; die Arbeiter haben das wirtschaftliche Recht, ihre Interessen zu wahren, und fie tun es, indem sie sick im Konsum-

nur Arbeiter eingestellt werden, die im Besitze ihrer ordnungsmäßig ausgefüllten In valide »karte sind und ve»spreche», in der Zeit ihrer Dikiistteritung bei uns ein ruhiges, ordentliches, mäßiges und religiöses Leben zu führen. § 2. Jeder Arbeiter, der sich be­trinkt, Unruhe slrsiet, Spektakel macht, flucht, un- ittliche Reden führt, blauen Montag macht und sich den Anordnungen der Vorgesetzten nicht willig sögt, Werkzeuge, Geräte und Material nicht schont, unfieißig ist unö Bier oder Schnaps außer der Essens- und Brotzert an den Bau btingt oder genießt, ist entlassen. § 3. Jeder Arbeiter hat seine eigene Schaufel milzubrmgen. § 4. Vorschuß , r. <■ ----—

rotrö nur die erste Woche gegeben. § 5. Reklamationen '? mutz |ic das Problem: Wre muß der Staat einge- ivegen Loh» ober Stundenzahl finden nur dann Be- ‘ s'"° ‘ '

rüttfichttgung, wenn sie unmittelbar nach der Aus­zahlung des Lohnes angebracht werben. § 6. Fünf Minuten vor Arbeitsbeginn findet «erlesen und Ar­beitsgeber, abends tet Feierabend Schlußgebet zur Verhütung von öauunfallen statt, dem jeder Arbeiter anzuwohnen hat. Wer bei Verlesen am Morgen nicht da ist, dem wird die nächsisolgeude halbe Stunde am Lohn abgezogen." Eine wahre Wonne muß es sein, unter diesen Bedingungen arbeiten zu dürfen. Baukontrolleure sind ebenfalls überflüssig, was den Unternehmern gewiß sehr angenehm sein wird. Mit dieser „Arbeitsordnung" wäre also der Friede sicher herbeizuführeu. Es ist doch gut, daß Lächerlichkeit nicht tötet Die Urheber dieser „Arbeits­ordnung" wären sonst gewiß nicht mehr am Leben.