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Samstag »eit 28. mai 1910./ w J HIHUVI äbliSB OVIIHIIj)
57. Jahrgang.
2. Blatt.
Druck und Verlag der Zutdaer Actlendruckrrel in Selbe
VocheN'Rundschau.
[:] Fulda, 27. Mai 1910.
Der fünftägige Aufenthalt des deutschen Kaisers ck England anläßlich der Beisetzungsfeierlichkeiten für König Eduard ist im englischen Volle einer herzlichen Sympathie begegnet. Mit großer Genugtuung können wir zahlreiche freundschaftliche und anerkennende Aeußerungen der englischen Presse verzeichnen. Wir knüpfen daran die Hoffnung, daß in England eine ruhigere und ftiedfertigere Stimmung gegen uns Platz greifen möge. Das englische Voll wird bei ruhiger Ueberlegung sich der Ueberzeugung nicht entziehen können, daß das Deutsche Reich und Kaiser Wilhelm von den ehrlichsten Friedensabsichten und von freundschaftlicher Gesinnung gegen England beseelt sind
Der Ka ni pfirn Baugewerbe hat einen Ver- 'xruf genommen, der in seinem Fortgang zu einer sicheren Niederlage der Arbeitgeber führen muß. Diese Erkenntnis wird dazu beigctragen haben, daß vonseiten der Arbeitgeber, die zunächst alle Einigungsver- handlungm grundsätzlich abgelehnt hatten, jetzt Geneigtheit zur Einleitung von Verhandlungen mit den Arbeitnehmem gezeigt wird. Ende dieser Woche tritt im Reichsamte des Innern eine Konferenz von Vertretern der beiden Parteien unter dem Vorsitz des Geheimst Dr. Wiedfeldt zusammen- Wir begrüßen diese Konferenz und haben den sehnlichen Wunsch, daß die neuen Verhandlungen zu einer Einigung führen werden. Daß eine Einigung möglich ist, hat das Beispiel vor Berlin, Hamburg und Bremen erwiesen. Natürlich bedarf es eines Entgegenkommens der Arbeitgeber; wenn diese auch jetzt noch an den Kölner und Dresdener Beschlüssen festhalten wollen, so ist eine Einigung natürlich unmöglich. Auf der anderen Seite mögen auch die Arbeitnehmer, die — wie anerkannt werden muß — bis jetzt eine maßvolle Haltung nngenommen haben, sehen, ob nicht auch von ihrer Sette noch ein Entgegenkommen gezeigt werden kann. Tie Gefahr, daß sie durch Aufstellung neuer Forderungen ihre günstige Situation preisgeben würden, halten wir für ausgeschlossen. Ein weiteres Kämpfen liegt weder im Interesse der Arbeitgeber noch der Arbeitnehmer Im allgemein volkswirtschaftlichen Interesse ist es dringend erwünscht, daß der Kampf bald beendet wird.
Die Wahlen in Dänemark haben dem radikalen Kabinett die erhoffte Mehrheit nicht gebracht. Es ist weder den Radikalen noch den Sozialdemokraten gelungen, die Zahl ihrer Mandate auch nur um eines zu erhöhen. Das Kabinett hat darauf seine Demission geben müssen. Einen Sieg hat bei den Wahlen nur die Partei des früheren Ministerpräsidenten Christensen errungen, dieser wird jetzt wahrscheinlich mit der Neubildung des Kabinetts betraut werden-
Die Wahlen in Belgien haben mit einem der Regierung geendet. Trotz der größten Anstrengungen dec vereinigten Liberalen und Sozialisten ist es ihnen nicht gelungen, die katholische Mehrheit zu beseitigen. Die Regierungsmehrheit hat sich von 8 auf 6 Stimmen vermindert. Unter diesen Ilmständen wird die katholische Partei alle Anstrengungen zu machen haben, um die bestehenden schweren Differenzen auszuscheiden. Wenn dies nicht gelingt, so ist die nunniehr seit 26 Jahren bestehende katholische Regierung ernstlich gefährdet.
__ 8 r a nkre: ch hat wieder einmal einen neuen Skandal Eine ehemalige Nonne, Schwester Candide, ist verhaftet worden wegen bedenklicher finanzieller Opcranvnen Schwester Candide war eine Fanatike- rm der Wohllatiqkeit; um für ihre ausgedehnten Wohl- tattgreirsuntecnchnmngen die notwendigen Einnahmen zu rckommen, hat sie sich zu bedenklichen Geschäften verketten lassen, di? sie jetzt auf die Anklagebank ge- bracht haben. Die antiklerikale Presse ist natürlich außer sich vor Entzücken über diesen „klerikalen" Skandal, und möchte ihn als Gegenstück zu der Affäre des Liquidators Duez verwenden. Aber sie vergißt daß Duez^-n eigennützigem Interesse gehandelt hat, während L-llMester Candioe aus durchaus edlen Motiven zu ihrer .Handlungsweise gekommen ist. Es steht fest h ®anbibe persönlich keinerlei Nutzen aus
den Geldern gezogen hat, die durch ihre Hände gingen- C- bezieht der Verdacht, daß die Affäre von der radi- kalen vregierungsmshrheit dazu benutzt werden soll um für ein Gesetz gegen die kirchliche Wohltätigkeits-
pflege eine Unterlage zu gewinnen. Im übrigen war Schwester Candide einmal vorübergehend Nonne, gewesen, fie ist es jetzt längst nicht mehr, im Gegenteil war sie eine schr angesehene und gefeierte Persönlichkeit gerade bei den Liberalen.
Auf dem Balkan hat der Kampf der tückischen Regierung gegen die aufftändischen Albanier zu einer Enffcheidung noch nicht gefühck. Die tückische Regie- mng möchte den Streit auf dem Wege friedlicher Verhandlungen beilegen. Sie wird zu diesem Entschlüsse hauptsächlich mit Rücksicht auf die kretischen Schwierigkeiten veranlaßt worden sein. Die von der Tückei angerufenen Schutzmächte befinden sich in einer sehr unangenehmen Lage. Zwischen Frankreich und Eng- land ist ein Projekt vereinbart worden, das am Sonntag' Rußland und Italien mitgeteilt wurde. Danach werden die vier Schutz Mächte die krettsche Nationalversammlung auffordern, die von ihr zu Unrecht ausgeschlossenen mohammedanischen Abgeordneten wieder aufzunehmen, weiter soll der Status quo von Oktober 1908 wieder hergestellt werden: Kreta soll als Vasallenstaat der Tückei seine Autonomie bewahren und einem Obeckommissar unterstellt werden. Es ist sehr ftaglich, ob diese Entscheidung der Schutzmächte die Schwierigkeiten beseitigen wird, denn mit diesem Status quo ist niemand einverstanden, weder die Kreter, noch die Tücken, noch die Griechen Ein bedenkliches Zeichen ist die wachsende feindselige Stimmung der Tücken gegen Griechenland. .Die Gefahr einer kriegerischen Verwicklung zwischen der Tücki und Griechenland ist nicht gering.
* Noch etwas zu dem „Arbeiterverrat" des Zentrums.
In der Frage der Tarifverträge hat beim Kaligesetz, wie wir in Nr. 114 nachwiesen, erst das Zentrum eine gangbare Lösung herbeigeführt. Das Zentrum hat aber auch noch in anderer Weise durch positive Mitarbeit und zahlreiche eigne Anträge die Interessen der Kaliarbeiter nach Kräften wahrzunehmen versucht. Die Abg. Schiffer, Erzberger und Müller (Fulda) brachten einen Antrag auf Einführung der G e tu i n n- 6 eteiligung der Arbeiter ein. Er lautete:
Von dem sich auf Grund der Jahresbilanz eines jeden Kaliwerks nach Absetzung der regelmäßigen Abschreibungen ergebenden Reingewinn ist, soweit dieser 6 vom Hundert des bar eingezahlten hastenden Kapitals (Aktienkapitals, Kommandttkapilals, Gesellichafls- kapitals, Zubüßen) übersteigt, ein Drittel an die während des betreffenden Geschäftsjahres von dem Kaliwerksbesttzer beschäftigten Arbeiter als Gewinnanteil nach Verhältnis des von ihnen verdienten Gc- samtlohnes zu vergüten. Soweit die zum Empfang Berechtigten nicht mehr ermittelt werden können, fällt der ihnen zunehende Anteil der Betriebskranleukasfe des Werkes, oder falls eine solche nicht besteht, der Ortskrankenkasse anheim.
Die Antragsteller konnten sich unter unbertn auf den bayerischen Finanzminister v. Pfaff berufen, der kürzlich dem Finanzausschuß der bayerischen Abgeordnetenkammer einen Antrag unterbreitete, wonach an die in den fiskalischen Berg-, Salinen- und Hüttenwecken beschäftigten Arbeiter und Beamten alljährlich eine vom Anlagekapital zu berechnende üprozcnt. Quote als Gewinnanteil zur Verteilung gelangen soll. Bekanntlich fand indessen der Gewinnbeteiligungsantrag in der Kaligesetzkommiffion viel Widerspruch. Namentlich aber sprachen die Negierungsvertreter sich entschieden dagegen aus. Die Sache sei für die gesetzliche Regelung noch nicht reif, sie müsse der privaten Initiative übertaffen bleiben. Dec Antrag wurde schließlich mit Zweiockttel-Mehrheit abgelehnt.
Noch bei einer andern Gelegenheit zeigte sich der sozialpolitische Eifer des Zentmms und — die Rückständigkeit der Sozialdemokratie- In der Kaliindustrie kann es vockommen, daß ein Werk wegen zu geringer Rentabilität die Förderung einstellt und feine Kontingentierungsquote an ein anderes Werk verkauft bezw. demselben überträgt. In einem solchen Falle würden die betroffenen Arbeiter beschäftigungslos und die Gemeinden geschädigt werden. Auch hier sollte das Gesetz Vockehrungen treffen und e3 beantragte das Zentrum analog den Beschlüssen bei der Tabakteuer eine materielle Entschädigung der etwa beschäftigungslos werdenden Arbeiter; die Sozialdemokraten beantragten nur die eventuelle Ilebemahme dieser Arbeiter durch das kaufende Werk. Dazu aber wollten die Herren Sozialdemokraten die Genehmi
gung der Uebertragung des Werkes in der Hauptsache in die Hände der beteiligten Gemeinden, d. h. der Gemeinde Vertretungen, legen. Wenn man nun berücksichtigt, daß viele der in Frage kommenden Gemeindevertretungen nationalliberal find, bann kann man den praktischen „Wert" be8 sozialdemokratischen Eintrages ermessen.
In der Kommission und im Plenum des Reichstag? trug bann auch die Anregung des Zentrums den Sieg davon, da folgender Kompromißantrag angenommen wurde:
Werden wegen Uebertragung von Beteiligungsziffern Arbeiter oder Beamte beschäftigungslos, ohne eine ihren Fähigkeiten entsprechende Arbeitsgelegenheit zu finden, oder erleiden sie eine Verminderung ihres Arbeitsverdienstes, so hat der übertragende Kaliwerks- besttzer ihnen den entstehenden Einnahmeausfall bis zur Dauer von 26 Wochen zu ersetzen. Für Streitigkeiten hierüber zwischen Kaliwerksbeüher und Arbeiter ist, wo ein Gewerbegericht oder ein Berggewerbegericht besteht, dieses zuständig.
Die von der Landeszentralbehörde zu eckeilende Genehmigung ist von der Sicherstellung der Entschädigungsansprüche der Arbeiter abhängig zu machen. Vor der Eckeilung sind die beteiligten Gemeinden zu hören. —
DaS Zentrum darf sich allen Verleumdungen und Schmähungen der Gegner zum Trotz rühmen, bck dem wichtigen und interessanten Reichskaligesetz in hervorragender Weise mitgewickt und für alle Interessenten — besonders auch für die beteiligten Arbeiter — sehr Schätzensweckes erreicht zu haben. Diese Erfolge sind um so höher zu bewerten, als sie gegen das Widerstreben der Verbündeten Regierungen und mehrerer andern Packeien erreicht wurden. Der Sozialdemokratie aber kann man auch bei der Beratung des Kaligesetzes die Wocke ihres „Genossen" Kolb in den „Sozialistischen Monatsheften (1910- Nr. 9) ins Stammbuch schreiben: „Der Hauptmangel der Politik unserer Packet bestellt dann, daß das agitato rische Element in ihr eine zu große Rolle spielt"!
deutsches Reich.
0 Der Termin der nächsten Reichstagswahlen. Die Dresdener Meldung, wonach aus sicherer Quelle verlaute, daß die nächsten Reichstagswahlen erst im Januar 1912 stattfinden würden, findet vielfach Zweifel. Ein fester Beschluß maßaebender Stellen wird darüber zurzeit noch nickt vorliegen. Die „Deutsche Tagesztg." glaubt es als ziemlich sicher annehmen zu dürfen, daß die Wahlen nicht vor Anfang Dezember 1911 ftattfmben werden. Wir möchten annehmen, daß mit einem späteren Termine keinesfalls zu rechnen ist, loeil sonst die Winter arbeit des Reichstags, insbesondere die GtatSberatung, beeinträchtigt werden würde. Andererseits ist daran zu erinnern, daß verschiedentlich von Seiten, die es wissen können, als Termin der Rcichstagswahlcn ein erheblich früherer Zeitpunkt genannt worden ist, nämlich der Juni 1911. Auf alle Fälle wird es gut fein, mit den Vorbereitungen möglichst früh zu beginnen, um aus alle Möglichkeiten gerüstet zu fein-
* Eine neue Sensationsschrift in Sicht. Wir lesen in der „Köln. Vzig.": Als im vorigen Jahre die durch die sogenannte Osterdienstagskonfe- r e n z hervorgerufenen (Erörterungen infolge der Stellungnahme des Augusiinusvereins, des Vorstandes der Zentrumsfraktion des Deutschen Reichstages und des Landesausschusses der preußischen Zenirumspar- tei eingestellt wurden, begrüßte man das im Lager der deutschen Katholiken. Jetzt sollen, wie es scheint, jene Erörterungen wieder aufleben. In Nr. 106 des Buchhändler Börsenblattes vom 11. Mai wird für Ende dieses Monats eine Schrift angekündigt: „Köln" eine innere Gefahr für den deutschen Katholizismus, von einem Geistlichen. Die Verlagshandlung Hermann Walther in Berlin, bei der seinerzeit mehrere der Hauptschckften des Eckesuiten Graf Paul Hoens- broech, wie Moderner Jesuiiismus, Mein Austckit aus dem Jestlitenorden u. a. erschienen sind, macht viel Tam-Tam zu der Ankündigung. („Aufsehen erregende Enthüllungen", „bisher unbekannte Aktentücke von hochstehender Seite", „es dürste einen leidenschaftlichen Kampf entfesseln", „den inneckatholischen Bewegungen, eine neue Wendung geben", „von sehr eingeweihter Seite geschckeben" usw.) Auch sonst wird viel Provaganda für die Schrift gemacht, noch ehe sie erschienen ist. Einer der Hauptbeteiligten an.
der Aktton — berat es ist ein Kreis von Personen an der Abfassung betätigt — ist, wie man uns schreibt, der junge Geistliche der Erzdiözese Köln, welcher fei- nerzett die Ostervienstags-Konferenz einberufen und das oft zitterte „Protokoll" abgefaßt hat, von dem, nachdem es in die Oefsentlichkeit gelangt war, der Letter jener Konferenz in öffentlicher Erklärung sagte, es fei „ein privates Machweck, das fälschlich als Pro tokoll ausgegeben, nicht unterzeichnet und voll cbfet- ttver Unrichtigkeiten" fei. Den Veranstaltern der jetzt angdünbigtea Schrift kam im letzten Augenblick die ganze Lächerlichkeit und Gehässigkckt des gewählten Titels zum Bewußtsein; sie wollten ihn „mildern", dem widersetzte sich aber die Verlagshandlung, welche den „zugkräftigen" Titel nicht preisgeben wollte. Die Schrift läßt, wie man uns versichert, die politische Frage (Charakter des Zentrums) außer Betracht urs behandelt den Gegenstand nach der religiös-kirchliche' Seite, zieht jedoch den Volksverein für das katholische Deutschland und die christlichen Geweckschasten m.; hinein. Es steht also wieder ein Hauptgaudi für die Gegner der deutschen Katholiken in den verschiedenen Lagern bevor.
* Die falsche Meldung über ein angeblich von; Abg. Erzberger verfaßtes Buch mit dem Titel: „Kapttulieck der Kaiser vor dem Generalstabschef der 1908er Revolution?" entstammt, wie die „Augsb. Postztg." feststellt, der „Giftküche" des Evangelischen Bundes, nämlich der „Deutsch-Evangel. Korrespondenz" Rr- 54 vom 13. Mai d. I. Diese Feststellung ist infofem interessant, als sie von neuem die enge Gesinnungsverwandtschaft zwischen Liberalismus und Evangel. Bund bartut und erkennen läßt, woher die liberale Presse ihren Stoss zur Hetze zieht. Nur besaßen die meisten Blätter noch soviel Anstand, daß sie der „Deutsch-Evang. Korr." die gehässige Ueberschrist „Aus der Erzbergerschen Gisttüche" nicht nackdnlcktcn. Ob die Blätter nun auch widerrufen werden, möchten wir bezweifeln.
4» Drittes Volksvereinsheft. Entsprechend seiner Aufgabe, über die sozialen und wickfchastlichen Fragen des Tages und der nächsten Zukunft in den weitesten Kreisen des katholischen Volksteils Aufklärung und Vecktändnis zu verbrckten, behandelt der Volksverein in seinem eben ausgegebenen letzten (dritten) Heft die Frage der Handels- und Zollpolitik Er geht dabei von der Voraussetzung aus, daß diese in den nächsten Jahren im Vorbergrunde der volittschen Tagesfragen und Eröckerungen stehen und nach ge» machten früheren Erfahrungen zu einem lebhaften Streit der Meinungen führen werden. Einem fach- licken Ausgleich kann es nur dienen, wenn in einer so ruhigen, objeftiven Weise, wie dies im VolksvereinS- hest geschieht, die Handels- und Zollpolitik in ihren Hauptpunkiken (Wichtigkeit deS deutschen Außenhandels und der Handelspolitik — Begriffe und Systeme der Handelspolitik — Geschichte der deutschen Handelspolitik inr 19. Jahrhundeck) besprochen wird. DaS Feuilleton ist dem Stoffe des HesteS glücklich angepaßt.
volkswirtschaftliches und Sozialer.
m Die Lage des Arbeitsmarktes in Hessen, Hessen- Nassau und Waldeck im April 1910. Die in Städten außerhalb des VerbandsgebicteS beobachtete erheblich« Steigerung des Andranges von Bauarbeitern zu den Arbeitsnachweisen ist, sp^iell in Frankfuck a, M., in keiner Weise in die Erscheinung getreten. Insbesondere ist hier eine Meldung zu anderen Berufen nicht beobachtet worden. Das hat für Frankfurt a. M. seinen Grund dackn, daß die Bauarbeiter lMaurer, Zimmerer, Bauhilfsarbeiter) zum größten Test auS hessischen Gebietsteilen, besonders auS der Vilbeler Gegend und aus der Wetterau, kommen und diese gleichzeitig in ihrem Wohnorte über ein kleines land- wickschaftlickes Besitztum öerfügen- Die Aussperrung kann deshalb nur in geringerem Umfange von nachteiligem Einfluß auf die Betroffenen fein. Nur di« ArbcktsvermittlungSstelle Kaffel berichtet über einen ftärferen Andrang Arbeitsuchender zu dem Städtischen Arbeitsnachweis. Im allgemeinen darf sestgestellt werden, daß die Bauarbeiteraussperrung, soweit das Ver- bandsgebick in Frage kommt, ben allgemeinen Aufschwung nicht zu hemmen vermocht hat. So ist eine Einwirkung der Bauarbeiteraussperrung auf di« günstige Entwichung der Metallindustrie z. Zt. in keiner Weise festzustellen. Im Buchbinder-
Unpolitische Zeitläufe.
(N.) Berlin, 26. Mai 1910.
!Nachdruck verboten.)
In der Berliner Gegend sind von protestanttschen Predigern vielfach Waldgottesdienste veranstaltet worden. Ich habe nichts dagegen, wenn unsere andersgläubigen Mitbürger aus den Kirchenwänden Elnausgehen und unter freiem Himmel ihre Andacht ?alte£: Nm möchte ich um Gegenseitigkeit bitten. Un- Ljf. ” r„° Sessionen sind auch Gottesdienste unter freiem dimmet.
Neuerdings macht sich ja überhaupt ein großer ßrang ms^reie bemerklich, und das neue Vereinsge- efe bat für d.e Versammlungen unter
1 Himmel mehr Spielraum gegeben Derartige Massenversammlungen ohne Dach und Fach haben schon zahlreich stattgefunden, manchmal mit und manchmal ohne Erlaubnis der Polizei. Obschon das Reden und Hören in der unbegrenzten Lust seine Schwierigkeiten hat, fühlen sich die Teilnehmer doch gehoben und erbaut. Es ist, als ob unter dem hohen Himmelsgewölbe bei leuchtender Sonne, treibenden Wollen, wehenden Winden und grünem Erdwuchs sich eine ganz andere „Stimmung" entwickele, als in geschlossenen Räumen. Es wächst die Seele mit der Weite ihrer Umgebung,
An die Freiluft-Versammlungen schloß sich sofock die Begier nach Umzügen, nach einem geordneten Marsch der Gesinnungsgenossen über die öffentlichen Wege Wir haben die Sozialdemokratie schwärmen sehen für Prozessionen. Kampflustig, wie die Um- sturzvackei immer ist, gab sie ihren Auf- und Umzügen alsbald eine kriegerische Zuspitzung, den Charakter einer Demonstration zum Trutz gegen die Regierung unö die anderen Parteien- Das braucht nicht zu fein; e8 gibt auch friedliche Prozessionen, freundliche Aufmärsche und gemütliche Umzüge, bei denen die Teilnehmer aus ihre eigene Freude und Erhebung bedacht Md, nicht aber auf eine Verärgerung ober Herausfor- bmng anberer Leute. Dahin gehören zahllose histo- Alche Festzuge und gelegentliche Aufzüge aus örtlichen fl f-r berauben Anlässen. An weltlichen Prozessionen
ist in neuerer Zeit wirklich kein Mangel. — Warum wird denn die religiöse Prozession, welche die Katholiken veranstalten, von manchen noch so gehässig beurteilt ober gar bekämpft!
„Der Gottesdienst gehört in die Kirche", sagen die Gegner und kommen sich höchst „modern" vor, wenn sie gegen die „mittelalterlichen" Prozessionen im Freien Einspruch erheben. Aber modern ist, wie wir gesehen haben, gerade dec Zug in die freie Natur, und das volle Sonnenlicht. Die angeblich „rückständige" Kirche ist mit ihren Prozessionen und Wallfahrten der Zeit vorausgeeüt; was sie vor hundecken von Jahren auf ihrem Gebiete eingeführt hatte, wirb jetzt von „aufge- tlärten“ Leuten auf weltlichem Gebiete nachgeahmt.
Soeben ist in London König Eduard VfL bestattet worden. Der Leiche des Königs folgte auf ihren letzten Wegen ckne überaus glänzende Reihe von Kaisern und Königen, von Staatsmännern und Generalen. In den illusickecken Blättern findet man schöne Photographien von dem Leichenzuge durch Windsor, auf denen neben dem Sohn des Verewigten der deutsche Kaiser voranschreitet Eine Prozession, die in schöner und erbaulicher Weise die Vergänglichkeit des Irdischen und die Trauer bis über das Grab hinaus be- funbet.
„Dem Toten die letzte Ehre geben". Darunter versteht man vor allem die Begleitung der Leiche auf bem Wege zu der Gruft. Unserem Gefühl genügt eg nicht, an der Totenbahre sinnend zu stehen ober betend zu knien; wir wollen die fortbauemb» Anhänglichkeit an ben Verewigten auch durch M i i g e h e n bis zu bem letzten Punkte bekunden und betätigen. Schritt für Schritt bem Sarge zu folgen, das ist eigentlich das richtige. Die weite (Entfernung bis zum Friedhof macht es neuerdings vielfach nötig, daß das Leickengefolge fähck. Ader das soll nur ein Notbehelf fein; man soll bann wenigstens noch von ber Friedhofsgrenze ober der Leichenkapelle aus zu Fuß dem Sarge folgen, da gerabe in biefem persönlichen Marsch zur Begleitung der Leiche die Treue zum Ausdruck kommt. .
Ein Symbol der Nachfolge ist auch die religi- ö s e Prozession. „Folge mir nach!" Der Gehorsam gegen dieses Wort, die Bereitwilligkeit zum Wandel
auf den Wegen Christi kann nicht einfacher, schöner und nachdrücklicher bekundet werden als durch das Mitgehen in ber Fronle ichnamsprozession. Wenn bie Gegner nur bas rechte Verständnis für bie katholische Seele und etwas Toleranz hätten, so würben fie von dem Versuche ablassen, uns diese kostbare Quelle der geistigen Erhebung zu verschließen oder zu beschmutzen.
Aber die Hutfrage! Mancher Andersgläubige hat sich einreben lassen, er vergebe seiner Ueberzeugung etwas, wenn er vor einer katholischen Prozession den Hut lüftet Ach, bie übliche Höflichkeit ist feine Selbstverleugnung unb eine Hurbewegung kein Glaubenswechsel. Fürst Bismarck war doch kein Schwächling; aber sogar in ber Hitze des Kulturkampfes hat er einmal gesagt: Ein Dogma, an das Millionen von Staatsbürgern glaubten, müsse auch ber Regierung heilig fein! Man barf unb mutz Respekt haben vor ber religiösen Ueberzeugung von Mitbürgern, auch wenn man sie nicht teilt. Das Volk versteht eine solche Höflichkeit ganz richtig zu würdigen. Wenn z. B. ein Andersgläubiger sich an der Ausschmückung ber Straße beteiligt, um keine häßliche Lücke entfielen zu lassen, ober wenn er vor ber Prozession den Hut abnimmt, so wird kein Kacholik daraus folgern, daß der Mann nächstens übertreten wolle; man wird nur dankbar anerkennen, daß er friedlich und höflich sst
Auf unserer Sette aber > 'Itte man die Augen unb bie Gedanken nicht auf „die anderen" r.chten, sondern ganz aufgeben in dem gemeinschaftlichen Weck. Eine richtige Prozession wird nicht bloß von ben Füßen gemacht, sondern von dem Herzen, unb was bie Lippen sagen unb singen, muß aus der Seele herauf- llingen. Wer mit feinem ganzen Denken, Fühlen und wollen bei ber heiligen Sache ist, der wird auch die rechte Form feiner Beteiligung finden.
Gerade bock, wo die Augen von Andersgläubigen und „Aufgeklärten" auf bie Prozession gerichtet sind, sollten sich bie Mitwallenben besonders zusammennehmen, um durch eine würdige unb andächtige Haltung das schone Bild vor jedem Flecken zu bewahren Wie soll ber Respekt ber Zuschauer gesichert fein, wenn manche Teilnehmer ernennen lassen, daß bei ihnen bie Ehrfurcht vor dem Allerhelligften nicht mehr lebendig
sst oder durch 9lebenbinge abgelenkt wird? Bei längerer Ausdehnung der Prozession sind freilich Körper unb Geist von einer gewissen Ermattung bedroht; aber dagegen muß man kämpfen und sich Immer wieder bewußt werden: Du sollst hier die eifrige und treue Nachfolge Christi vor aller Welt befunden, also nimm dich zusammen, um der heiligen Sache nicht Schande, statt Ehre zu machen!
Da? soll beileibe feine Aufmunterung fein zu einer gewissen Augendienerei, zu einer krampfhaften Betätigung von äußerlichen Formen in der Absicht, dadurch bat Zuschauern zu „imponieren". Das wäre weder schön noch zweckmäßig. Alle Effekthascherei ist zu verwerfen. Es soll sich nicht um ein Schauspiel, sondern um einen Gottesdienst handeln. Die Zuschauer kommen nur insofern in Betracht, als man sich hüten muß, ihnm ein Aergernis zu geben. Wer im übrigen müssen sich alle Gefühle auf den e t n e n Mittelpuntt bereinigen, das Heiligtum, bem die Feier ausschließlich gilt- Wenn jeder Tcklnrhner mit ganzer Seele bck der Sache sst, so wird er von selbst stets ckn« würdige Haltung unb ein gutes Benehmen einhalten. Unb darauf kommt es eben an, wenn eS sichtlich von Her- M kommt, bann wird eS auch zu Heiden gehen.
Die Prozession soll ein Abbild des christlichen Sr- denwallens fein. Wir pilgern durch die Welt mtt festem Schritt und offenen Augen und betette# Händen; wir wollen in ber Weltwirtschaft mtt tätig ftU nach unseren besten Kräften. Aber wir wollst bck der irdischen Kraftenffaltung nicht daS letzte Zick berge?« fen. Alles Streben unb Schaffen soll eine Rochst- ge Christi sein unb uns nicht aus der Prozesston des Heiles hinauslocken Unb wenn bck dem Umzug« drrrck die Straßen unb Fckder das erhobene Ang« unS be i Hinmtck mit der strahlenden Son« erblicke» läßt, das gesenkte Auge aber den Erdboden, aus dem unser sterblicher Tell flammt, so wollen wir uns bewußt bfti- ben, daß am Schlüsse der irdischen Prozesßo« eine vorläufige Spaltung des Zieles eintrift, indem die eeele jur Heimat nach oben, der Körper inL Grab der rl t lrufei rj’rb- Mer am jüngsten Tage vereinigen sich beide Telle wieder zu der letzt«, Zession, die sich in die ewige Heimstatt kweflt