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Samstag den 28. Mai 19<0.
37. Jahrgang.
* ftildaer U Leitung *
z. Blatt.
oruck und Verlag der Fuldaer AktiendruSrrei in Fulda.
ö Peter Reichensperger.
$U seinem 100. Geburtstag, 28. Mai.
MS am Silvesterabend deS Jahres 1892 Peter RcichenSperger daS Auge zum letzten Schlafe Motz, da ging — um die Worte Mathias Wies^ mrf A.u» g u st Reichensperger bet GelegeMit der Düsseldorfer Katholikenversammlung auch, umkmit Recht, auf Den Bruder anzuwenden — eine laute Totenoage durch das ganze katholische Deutschland um den unerschrocke. nen Verteidiger der Rechte und Freiheit unserer hellt- gen Kirche im Parlamente, den kerndeutschen Mann und warmen Patrioten. Wenn wir dankbaren HerzenS der Heroenzeit des deutschen Katholizismus, an die Mallinckrodt, Ketteler, Windthorst, Schorlemer denken, dann wird der Name der beiden Retchensperger Hel Singen, und von ihnen der jüngere, Peter Reichens-
perger, als der des Gründers deS Zentrums.
Peter Reichensperger wurde am deutschm Eck, tn Koblenz, am 28. Mai 1810 geboren als Sohn des Prä- fidialrats und Generalsekretärs des Koblenzer Präfekten, Franz Joseph Reichensperger, eines Mannes von hervorragender Befähigung und eiserner Arbeitskraft. Ms der Vater drei Jahre später starb, ließ er die Witwe geb Knoodt und vier Kinder tn ziemlich schwierigen Verhältniffen zurück, sie wurden jedoch im $aufe der Eltern bezw. Großeltern in Boppard liebevoll ausgenommen. Reichensperger schlug die juristische Lausbahn ein, mit welchem Erfolg, zeigt die Stufenleiter seiner Stellungen: Landgerichtsassessor in Koblenz (1843), Appellationsrat in Köln (1850), Obertrtbu- nalrat in Berlin (18591 wo er bis 1879 amtierte, um dann nach Aufhebung des Obertribunals und Errichtung des Reichsgerichts den Staatsdienst zu quittieren.
Noch größer aber war er als Politiker-1848 schickte ihn Geldern als A b g e o r d n e t e n in die preußische Nationalversammlung, wo er die katholischen Abgeordnete» sammelte und ihr Gewicht schon sofort bei parla- metilarischen Entscheidungen in die Wagschale warf. Seinem und seines Bruders Bemühen gelang es, am 30. November 1852 eine besondere katholische Fraktion im preußischen Abgeordnetenhause zu bilden, deren anerkannte Führer die beiden ReichenS- perger waren. Sein Wahlkreis Gelbem hielt ihm sonderbarerweise nicht die Treue, aber gerne trugen ihm die Olper und M e s ch e d e r das Mandat an, das er bis zu seinem Tode besaß. Sein Streben ging nach einem geeinten Deutschland, und er war es, der beim Susbrnch des Krieges mit Frankreich im norddeutschen Reichstag zündende Reden hielt, die ein einiges Reich forderten. Wenn unsere Patentliberalen ihre Verdienste um die Einigung Deutschlands reklamieren, mögen wir ihnen nur Reichensperger entgegenhalten, der wie keiner von ihnen in dem Sinne gewirkt hat. Freilich war er ebenso entschiedener Katholik, wie er Reichsfreund und Patriot war. Als daher Bismarck in einer dunklen Stunde den Plan faßte, nach der politischen Einigung auch eine kirchliche Einigung auf Grundlage einer nationalen Landeskirche mit Hilfe des Alckatholizismus zu erstreben, da focht Reichensperger im Verein mit seinem Bruder für das Recht und die Freiheit der Kirche Die Gefahr, in der die Kirche war, legte die Gründung des Zentrums im preußischen Abgeordnetenhause nahe. Im Oktober 1870 schrieb August Reichensperger einem Freunde: „Der Wendepunkt, vor dem wir stehen, ist überaus bedeutungsvoll, daß ich mich nicht mehr der Politik entziehen zu dürfen glaube." Peter Reichensperger schrieb damals dem Bruder: „Ich teile im höchsten Grade Deinen Wunsch, daß wir mit respektablen Protestanten ein Wahlprogramm aufstellen, allein ich sehe kernen hierzu Geeigneten, da wir nun einmal als Ultramontane verschrieen sind." Gerade wie noch heute-
Am 11. Juni 1870 hatte er in der „Kölnischen Volkszeitung" den Aufruf und das Programm bet neuen Partei veröffentlicht. Der Erfolg war ein ganzer. UeberaH wurden auf das Progamm katholische Männer in das Abgeordnetenhaus und im folgenden Jahre in gleicher Weise in den Reichstag gewählt. In den schweren Jahren des Kulturkampfes hat er seinen katholischen Mann gestanden und unerschrocken mit den anderen Helden jener Zeit Schritt für Schritt den Sieg erfochten. Als im Sommer 1880 die erste Milderung der Maigesetze in Kraft getreten war, äußerte Bismarck am 21. November 1881 im Reichstag: „er betrachte bi» katholische Kirche samt ihrer päpstlichen Spitze als eine einheimische Institution." (Die beste Wiberlegung bes „Ultramontanis-
muS") Da aber trotzdem der tellweise Abbruch der Matgesetze tn wesentlich langsamerem Tempo vor sich ging, al« ihr Aufbau, richtete RetchenSperger an daS Ministerimu die Fragen: 1) Was haben die glau- benstreuen Katholien, was hat ihre Kirch« verschuldet, daß diese drakonischen, auch seitens der Regierung zum Teil verurteilten Maigesetze über uns ergangen sind? 2) Was ist zu befürchten, wenn ben Katholiken wieder ihr Recht wird? Eine Bare Antwort ist nicht erfolgt.
Der hl. Augustinus lagt, daß Gott auf Erden nichts mehr liebt, als die Freiheit seiner hl- Kirche. Darum war der tiefteligiöse Peter Reichensperger der Vorkämpfer für daS Palladium der Freiheit der katholischen Kirche. Aber er war zugleich ein warmherziger Patriot. Seinem Großvater hatte Preußen bös mitgespielt, eS zahlte dem Bedürftigen eine gerichtlich zu- gesprochene Entschädigung von 80 000 Reichstalern nicht aus, trotz Entscheidung des Bundestages. Aber die vornehme Denkungsart der Retchensperger schloß die Möglichkeit aus, daß ein Gefühl der Bitterkeit wegen dieser offenbaren Rechtsverletzung die Haltung gegenüber der preußischen Regierung jemals hätte beeinflussen können. Dem Vaterland galt fein Arbeiten und Wünschen.
Ein edler, starker Charatter und ein makelloses Leben sicherten Peter Retchensperger die Hochachtung der Mitwelt und die eigene Befriedigung. Sein Familienleben war glücklich. Frau und Kinder gingen ihm, btS auf eine Tochter, im Tode voran Fromm wie fein Leben war fein Sterben. Mit rührender Andacht empfing er schon frühzeitig und öfters die Sterbesakramente, bis er am 31- Dezember 1892, 82 Jahre alt, seine Seele dem Herrn, für dessen Ehre er so wacker gestritten, zurückgab. —
Immer weiter tritt die große Zeit der 70er Jahre und ihrer Helden zurück- Was weiß die jüngere Generation von ihnen? Da ist es angebracht, das Andenken jener Männer wachzurufen, denen wir so unendlich viel verdanken. Möge der 100. Geburtstag eines der Besten jener Zett, Peter Retchenspergers, dazu beitragen!
Deutsches Reich.
* Sehr interessant ist eine Feststellung des „Neuen Münch, Tagebl", wonach „die gegen die katholische Kirche und das Zentrum gerichteten scharfen Ausdrücke in den Reden der Herren Schubert und Salchow auf dem Straßburger deutschen Lehrertage in den offiziellen B reichten des deutschen Lehrertages nicht zu finden sind." — Das läßt tief blicken!
* Mißglückte Rebellenverfolgung in Deutsch-Ost- afrifa. Aus Deutsch-Ostafrika meldet der stellvertretende Gouverneur, daß es der zur Verfolgung des Häuptlings Lickarra in Ruanda entsandten Askari- Äbteilung nicht gelungen ist, b er Mörder des Pater LoupiaS habhaft zu werden. Sie flohen teilweise in Höhlen, teilweise in daS Gebiet der belgischen Kvngokolonie. Beim Eindringen in die Höhlen wurde Leutnant Falkenstein von der Kaiserlichen Schutztruppe leicht verwundet. Bei der Verfolgung der Täter leisteten die belgischen Behörden bereitwillig Unterstützung.
* Zur Bekämpfung des Bauschwindels haben nach der „Köln. Volksztg." dir preußischen Minister für Handel und Gewerbe und für öffentliche Arbeiten in einem Erlaß an dir Regierungspräsidenten erneut zu der Frage Stellung genommen, wie auf Grund des Gesetzes über den sogenannten Befähigungsnachweis im Baugewerbe dem unsoliden Bauunternehmertum beizukommen sei. Die Minister erllärten dabei zunächst, daß die voraussichtlichen Wirkungen des zweiten Teiles des Gesetzes über die Sicherung der Bauforderungen auf den Baumartt zu den schwersten Bedenken Anlaß geben. Sie befürchten von diesen gesetzlichen Bestimmungen eine Schädigung des soliden, aber nicht kapitalkräftigen Bauunternehmers, eine Verteuerung und Verlangsamung der Bauten, sowie eine noch höhere Anspannung der Mietpreise. Die Minister geben der Ueberzeug- ung Ausdruck, daß, wenn es gelinge, den unzuverläs- tgen Bauunternehmern durch Versagen des Betriebes das Bauen unmöglich zu machen, die Einführung des zweiten Abschni11es des Gesetzes über die Sicherung der Bauforderungen unnötig erscheine. Um die unzuverlässigen Elemente aus dem Bauge
werbe zu beseittgen, werden die Polizeibehörden auf- gefordert, die ihnen zugehenden Klagen und Berichte aus den Kreisen der beteiligten Innungen sorgfältig zu prüfen und beim Bezirksausschuß Klagen au’ Untersagung des Baugewerbebetriebes einzureichen, wenn die Berichte stch als richttg erweisen. Dabe werden die Polizeibehörden auch noch verpflichtet, au Grund eigener Beobachtungen und Erfahrungen, ohne die Anzeigen der Innungen abzuwarten, für Ermittelung unzuverlässiger Bauunternehmer Sorge zu tragen. Besondere Sorgfalt ist darauf zu verwenden, daß es den unsicheren Unternehmern nicht gelinge, Strohmänner vorzuschieben, die statt ihrer die Bau- erlaubniS nachsuchen.
* In der sächsischen nationalliberalen LaudtagS- fraktio« wird es über kurz ober lang zu einem Krach kommen müssen. Der ReichStagsabg. Merkel, der aus der Landtagsfraktion ausgeschieden ist, sendet jetzt eine Zuschrift an die .Leipziger Neueste Nachrichtens in der er sehr deutlich wird. Er schreibt u. a.:
„Mein Austritt aus der nationalliberalen Land- tagslrattion ist erfolgt, weil die Fraktionsleilung dem gemäßigten Liberalismus der Regierung keine Geltung zu verschaffen wußte und weil in der Fraktion von Liberalismus schließlich nicht viel zu spüren war. Man wich stets mutig zurück und konzedierte alles, waS die Regierung wünschte, sobald sie nur mit Nachdruck auf ihrem Willen bestand . . . Erst der fortgesetzte Umfall der Fraktion und die offen zutage tretende Liebedienerei der Parteileitung gegen die Regierung und die Konservativen haben mir schließlich den Austritt diktiert. Anfänglich habe ich nicht daraus geachtet, daß ein großer Teil meiner Frattionskollegen den Saal mied, wenn ich zum Worte gelangte. Erst von Banknachbarn bin ich dann auf dieses Gebühren aufmerksam gemacht worden. Man wollte vermutlich durch die Abwesenheit bei meinen Reden der Regierung zeigen, daß ich nicht im Auftrage der Fraktion, sondern nur für meine Person sprach. Einen roten Zettel, wie das einem anderen Kollegen geschah, wagte man mit während meines Vortrags doch nicht auf das Pult zu legen . ..
Die ,Leipz. Abendztg/ will allerlei nicht angenehme Interna aus der Partei wissen. Sie schiebt die Mißstände innerhalb der Partei auf den Frakttonsführer Landgerichtsdirektor Hettner, gegen den sie böse persönliche Angriffe richtet. — Neben dem Fall Merkel läuft immer noch der Fall Lang- Hammer her. Langhammer, der zweite Vorsitzende der Partei, hat ihr schon mehrfach Verlegenheit bereitet dadurch, daß er auf öffentliche Anzweiflungen seiner Wahrheitsliebe und seines Taktes nicht gebührend reagierte. Die Fraktion ließ ihm trotz alledem in seinen Würden, nun aber hat er durch fein nicht einwandfreies Verhalten bei der Gründnng eines Tapetentrufts (Tiag genannt) das Faß zum Uebetlaufen gebracht. Das offizielle Organ der Nationalliberalen, die,Sächs. nationallib. Korr.tz veröffentlicht eine von dem Fraktionsvorstand, gez. Hettner und Anders, unterzeichnete Erklärung worin es heißt:
Der Beschluß der Fraktion (vom 10. Mai) geht dahin, daß sie nach Prüfung des ihr vom Herrn Abg. Langhammer vorgelegten Materials nicht rmstande fft, fein Verhalten in der Tiag-Angelegenheit als einwandfrei anzilsehen, und zwar hat sie vor allem Anstoß genommen an der Tatsache, daß Herr Langhammer zu einer Zeit, in der er bereits mit der Tapeten-Industrie-Aklien-Gesellschast über den Berkaus seiner Tapetenfabrik verhandelte und auch noch, als er diesen Verkauf zum Abschluß brachte, den Vorsitz in dem Verein Deutscher Tapetenfabrikanten trotz dessen Gegnerschaft zur „Tiag" nicht niedergelegt hat. Die Fraktion hat gemeint, Herrn Abg. Langhainmer überlassen zu sollen, die notwendigen Konsequenzen aus diesem Beschlüsse selbst zu ziehen.
Wenn er nun aber, getreu seiner bisherigen Hebung, die „notwendigen Konsequenzen" nicht zieht?
Ausland.
♦ Besuch des deutschen Kaisers in Brüssel? König Albert wirb, wie aus Brüssel gemeldet wirb, bei seinem Berliner Besuch ben Deutschen Kaiser zur Brüs- eler Ausstellung einlaben und biefe Einladung werde gemäß bereits erfolgter Vorbesprechung freundliche Aufnahme finden. Sollte sich diese Nachricht bestätigen, so würde das in Brüssel große Begeisterung Hervorrufen. Der Besuch des Deutschen Kaisers würde außerdem die Krönung des glänzenden Erfolges der deutschen Ausstellung in Brüssel sein.
* Di« Untersuchung gegen den Liquidator Duez machte so langsame Fortschritte, baß bereits bie Ansicht aufram, ber Skandal würbe weniger laut enden, als er begonnen hat. Diese Ansicht ist nach dem „Berl. Tagebl." irrig. Duez wird vor dem Schwurgericht erscheinen. Seine Verieidiger hofften darauf, er würde nicht als öffenüicher Beamter betrachtet werden, waS zur Folge gehabt hätte, baß er nur wegen gewöhnlichen Vertrauensbruchs unter Anklage gestellt werden könnte. Duez hat sich des Verbrechens im Amte schuldig gemacht- Ueberdies haben stch in feinen Büchern so viele Fälschungen gesunden, daß er als Betrüger vor Gericht kommen müßte, auch wenn seine komplizierten „Geschäfte" nicht ausreichten, ihn zu belasten.
* Die französischen Eisenbahner von der Nordbahn haben in mehreren Versammlungen beschlossen, die Erhöhung des Gehaltes mit allen gesetzlichen Mitteln, auch mtt der Einstellung des Dienste» zu betreiben Einen ähnlichen Beschluß haben vor einigen Monaten bie Maschinisten und Heizer ber verstaatlichten Westbahn gefaßt.
* In der italienischen Kammer ist ber Kampf im den t sch e n Baugewerbe zur Sprache gekom». men. Der Unterstaatssekretär im Mnisterium für Handel und Gewerbe, Fürst Scalea, gab bie Erklärung ab, daß er in mehrfachen amtlichen Veröffentlichungen die italienischen Arbeiter gewarnt habe, iv diesen Sttett durch Annahme von Arbeit einzugreifer und stch dadurch den Haß ber Deutschen zuzuziehen Das ist die Nachwirkung des Kampfes in Aigues Mortes, wo vor 18 Jahren italienische Arbeiter von französischen Arbeitsgenoffen wegen ber Annahme von Arbeit während eines Strecks erschlagen wurden.
Aus dem Nachbargebiele.
* Unteralba, 25. Mai 1910. Der von hier gebürtige Zwangszögliug Hermann Simon, der in der Rettungsanstalt Sannerz untergebracht, war, wie wir vor einiger Zeit meldeten, aus der Anstatt ausgekniffen, bald jedoch wieder aufgegriffen worden. In den letzten Tagen ist er abermals ausge« brachen.
* Wanfried, 26. Mai 1910. Bei dem gestrigen Gewitter wurden durch einen fürchterlichen Donnerschlag zwei junge Pferde so erschreckt, daß sie durchgingen. Die tolle Fahrt endete, als an einer Straßenbiegung die Tiere stürzten, wobei der Kutscher in eine 81/« Millimeter starke Schaufensterscheibe flog und sich schwereVerletzungen an Gesicht und Händen zuzog. Er mußte sich sofort in ärztliche Behandlung begeben. — In Großburschla wurde eine Kuh im Stalle vom Blitz erschlagen.
* Groß-Umstadt, 24. Mai 1910. Der 22 Jahre alte Landwirt Ludwig Eidmann hat gestern abend einen früher bei feinen Angehörigen in Diensten gestandenen Schweizer erschossen.
* Hachenburg, 27. Mai 1910. lieber ein weiteres Debüt der «Deutschen Vereinigung" auf dem Westerwald lesen wir im „Nass. B.^: Die hiesige Werbeversammlung vom 22. Mai der sog. „Deutschen Vereinigung", die bekanntlich die Haussarben des Grafen Hoens- broech führt, war recht spärlich besucht. ES waren im ganzen mit Ach und Krach 25 Männerchen zusammengetrommelt worden, zu deren Unterhaltung ein Engel aus Bonn und ein Oberlehrer aus Montabaur mit ihren unvermeidlichen Vereinigungsreden verschrieben worden waren. Ein eifriges Mitglied der „D. V." stand vor dem Versammlungslokal und lud wie ein Schaubudenbesitzer die Passanten mit unendlich gewinnender Miene zum Näherirelen ein: „Immer herein, meine Herrschaften!« Trotz dieser energischen Werbetätigkeit blieb es bei zwei Dutzend und Einem. Es ist erfreulich, aber auch leicht erklärlich, daß dieses schwindsüchtige gouverneinenlale Parteigewächs in ber kernigen Erde Nassaus keinen Nährboden findet.
vermischtes.
* Die Unwetter-Schäden am Oberrhein sind geradezu entsetzlich. Besonders sind bie Weinberge mitgenommen worden. Die Hoffnungen auf ein
Ich Mir
Tief zog er ben Hut und blieb vor ihr stehen.
Als sie aber Miene machte, weiterzugehen, sagte er flehenb:
„Fräulein Bürkner, bitte, nur ein Wort."
„Ich weiß nicht, Herr Walbow - "
„Dita, nur das eine — kannst bu — können Sie mir verzeihen?"
„Ich habe Ihnen boch nichts zu verzeihen," bemerkte sie kühl, „aber Sie entschulbigen, meine Zeit fft gemessen!"
„Ditele, wenn bu mich nit hörst, weiß Gott, ich mach' ne Dummheit!" sagte er erregt.
Wohl ober übel mußte sie seine Begleitung bulben, wenn sie nicht Aufsehen erregen wollte-
Unwillkürlich batte sich bas „Du" auf feine Lippen gestohlen, unb sie verwies cs ihm auch nicht; vielleicht fiel es ihr gar nicht auf.
„Ich mußte dich sprechen! Lange schon hab' ich bancch gettachiet. Ach. Dietele, keinen Tag bin ich glücklich gewesen, seit ich dich nit mehr hatte! Sicher weißt» schon, baß ich meine Verlobung gelöst hab'. Ich hielt'S nit mehr aus! Siehst bu, ba war mir, als könnt' ich erst wieder frei atmen, weil ich ba meine Selbstachtung wieder gefunden hab'. Ach Ditele, ich muß halt von Sinnen gewesen sein, daß ich — daß ich -"
Er seufzte tief auf unb schaute in ihr schönes, bleiches Gesicht, das so seltsam unbewegt war. Er suchte nach Worten, um zu vollenden, was er sagen wollte.
„Du hast von dem Mißerfolg meines Schauspiels gelesen? Wie hattest bu recht gehabt! Unb ich bin dir bös gewesen, weil bu mir bie Wahrheit gesagt hast. Ich hab nit hören wollen —"
„Ich habe aber auch von dem Erfolg gelesen, den Sie im letzten Konzert errungen haben. Unb es hat mich gefreut —"
„Wirklich?" Er faßte nach ihrer Hand, die sie ihm jedoch entzog. „Wittlich, hast dich gefreut? Ach, Möbele, wie hast bu mir stets gefehlt! Ich hab' mich nach bir gesehnt wie ber Verschmachtende nach einem Trunk Wasser! Sei mir boch wieder gut!"
Thankrnar war nun ab gereift.
Traurig kam Edith vom Bahnhof zurück, während ihr Vater gleich von dort nach dem Geschäft gegangen war. Sie hatte in der Stadt noch etwas zu besorgen.
Als sie in eine der Hauptstraßen einbog, begegnete ihr Martha Hildebrandt mit ihrer Mutter- Wie Edith bemerkte, trugen beide nicht einmal Trauettleidung, und ein bitteres Gefühl beschlich sie. Es war das erste Mal fett dem Tode der Mutter, daß sie die Verwandten traf.
Mit höflichem Gruß neigte sie gegen die Tante den Kopf; aber beide wandten sich auffällig zur Sette und dankten nicht.
„Auch gut," dachte Edith. „Ich bin damit einverstanden, daß wir uns nicht mehr kennen — desto besser!'
Ruhig schritt sie weiter, und das so auffallend schöne Mädchen in der Trauerkleidung war ein Gegenstmid vieler bewundernden Blicke.
Staunt fünf Minuten mochten nach ihrer Begegnung mit ben Verwandten verflossen fein, als Lucian Waldow deS Weges dahettarn
Edith bemerfte, wie sich bei ihrem Anblick eine dunkle Blutwelle über sein Gesicht ergoß, und auch sie fühlte ihr Herz heftig klopfen
Edith Büttners Liebe
<2j Noman von Fr. Lehne.
Erregt unterbrach Edith da den Bruder. „Und das sprichst du aus, Thankmar, du?
will annehmen, daß du nur im Scherz redest!
kann das nur einmal passieren! Für mich ist Lucian Waldow abgetan — daß er mir bas hat antun können — ich kann es nicht vergessen unb mag er es zehntausendmal bereuen!”
„Warum auf einmal so verzagt, Diielchen?" Selbst weich geworden, drängte er die Tränen zurück. „Ich fernte ja mein tapferes Schwesterlein gar nicht wieder! In den großen Ferien bin ich so viele Wochen wieder hier; paß nur auf, wie schnell die Zeit vergehen, wird.”
So tröstete er sie in liebreicher Weise, während es ihm selbst schwer fiel, von der geliebten Schwester zu gehen, die wie ein tapferer Kamerad alles mit ihm ge= tragen hatte — seine Schnlsorgen, feine Wünsche, seine hoch fliegenden Pläne und Hoffnungen.
Aber er mußte ins Leben hinaus, um es zu etwas zu bringen
Unb bann sollte sie sich nicht mehr um das tägliche Brot quälen! Dann sollte sie es gut haben! Reichlich wollte er vergelten, was sie an ihm getan!
»DaS tut er schon, Dita, verlaß bich drauf, daS tut er," entgegnete der Bruder ernst. „Denke ja nicht, daß ich sein Anwalt fein will; das liegt mir fern, denn auch ich verdamme seine Handlungsweise vollständig! Du mußt aber vergessen und vergeben können! Mir tut er trotz allem leib, er hängt so an dir, jedes Wort sprach davon. Unb wenn man die damaligen Um« stünde berücksichtigt — wohl war ihm sicher nicht In seiner Haut —"
„Ach, Thankmar, es hat doch gar keinen Zweck, alte Wunden wieder aufzureißenl Ich habe Tage und Nächte hinter mir, von denen ich lieber nicht reden will Unaussprechlich habe ich gelitten, als er mich aufge« geben, denn er war meines Lebens Sonne! Doch daS liegt nun hinter mir; das Schwerste habe ich über- wunden — ein reißen ist leichter, als wieder auf» bauen-”
Ihre Stimme klang bei diesen letzten Worten wie von einem tiefen Weh durchbebt.
„Armes Schwesterlein", sagte Thankmar mitleidig.
r.n."286!111 nicht angefangen hättest, Thankmar, über meine Lippen wäre fein Wort gekommen! Ich gessen finden^”" 8trhett ^on Befriedigung unb Ver- ba8lre,r*? "berwältigte es sie — schluchzend barg sie das Gesicht an des Bruders Brust.
Thankmar, daß du nun fort mußt! Ich sprechen kann""^E" me$C/ bem ich mich mal auS-
Seine Augen führten eine leidenschaftlich beredte Sprache, als sie in heißer Bitte bie ihren suchten.
Doch sie schüttelte ernst ben blonden Kopf.
„Das kann ich nicht, dazu war alles zu schwer für mich. Das muß jetzt vorbei fein!”
„Edith, so lasse mir doch wenigstens Hofftiung! Ich kann sonst nit hierblciben, wenn ich dich so fremd zu mir sehe. Du treibft mich aus meiner Stellung! Ich will nit in dich drängen, ich will geduldig warten und um dich dienen — nur lasse mich hoffen! Glaub'S mir doch, ich bin schon ein anderer geworden Wenn du in mein Herz sehen könntest, wie es voller Reue ist — ach, Mädele — alles will ich ja für dich tun —"
„SHein, Lucian, ich kann Ihnen keine Hoffnung geben, ich will es auch nicht. Jetzt müssen wir uns trennen; man beobachtet uns schon. Adieu!"
Ihre Stimme Hang aber doch merkwürdig gepreßt, und sie konnte ihn nicht ansehen.
Sie eilte davon.
Mit verzehrenden Blicken starrte er der schlanke» Gestalt nach, und ein tiefer Seufzer hob feine Brust
Mit allen Fasern seiner Seele hing er an dem blonden, süßen Mädel — unb wie sehr, bas hatte er erst bann so recht gemerkt, als er sich in törichter Verblendung von ihr losgesagt und eine andere um des Geldes willen vorgezogen.
Manchmal war es ihm, als fühle er noch Ediths Lippen auf seinem Munde, und bann überkam ihn die Sehnsucht nach ihr, daß er hätte zu ihr eilen mögen, sich vor ihr niebenverfen unb flehen: „Sei wieder mein!"
Aber das waren ja alles so törichte Gedanken. Wie verwundert würde sie ihn angeschaut haben!
O, er kannte ja den stolzen, trotzigen Zug um den roten Mund, der ihm heute mehr als je aufgefallen war. Vergebens hatte er das warme, innige Aufleuchten in den dunklen, ausdrucksvollen Augen gesucht, das ihn ftühcr so oft beglückt hatte-
All jene füße, zarte Heimlichkeit der jungen Liebe sollte nun für immer vorbei fein.
(Fortsetzung folgt.)