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jva 116. Erstes Blatt.

xufba, Dienstaa den 24. Mai 1910.

37. Jairqani.

Ausland.

** Der deutsche Kaiser hat am Montag von London Abschied genommen und ist nach Berlin zurückgereist; dort wird er heute eintreffen. Das ,Reut. Bureau" hat auf seine an den Kaiser gerichteten Bitte, dem englischen Volk ein Ab. schiedswort zu sagen, folgende Antwort er- halten:

»Sie sind ermächtigt mitzuteilen, daß Se. Kaiser­liche Majestät die aufrichtigsten Sympathien, die ihm von der Stadt London und dem Publikum im allge» meinen in seiner tiefen Trauer bezeugt worden ist, herzlich zu würdigen weiß.

* Kostspielige französische Staatsbahnen. Minister Millerand, der von einer Besichtigung des verstaat­lichten Westeisenbahnnetzes zurückgekehrt ist, erklärte einem Berichterstatter, die unabweisbaren Verbesse­rungen des Netzes würden zehn Jahre hindurch a l l- jährlich 55 Milli onen erfordern.

♦ Ei» dänischer Miuisterrat beauftragte den Ministerpräsidenten, dem Könige sofort nach seiner Rückkehr aus London die D e m i s s i o n des gesamten Kabinetts zu überreichen.

* Die Regierungen von Peru und Ecuador haben den Vermittlungsoorschlag A i erikas und Brasiliens in ihrem Grenzstreit angenommen.

? Eine überaus tiefe Entrüstung dnrchzittert ganz Serbien. Die Zurückweisung des serbischen Kronprinz«» von dem durch Belgrad fahrenden Orient - Expreßznge, in welchem der türkische Thronfolger nach London zu den Beisetzungs- feierlichkeiten fuhr, hat doch die Riaffen stark erregt. Die Türkei sieht sich infolgedessen veranlaßt, einzu« lcnken. Man hat eine Art Sühnereise vorgesehen: der türkische Kronprinz Jusuf Jzzeddin wird auf der Rückreise von London nach Konstantinopel in Belgrad aussteigen und mehrere Tage Gast der königlichen Familie sein. Mit dieser »Huld* wird man dann die Serben wohl wieder beruhigen.

** Revolutionen der mittel- und südameri- kanifchen Republiken pflegen meist recht schnell zu Ende zu gehen Eine unrühmliche Ausnahme macht jetzt Nicaragua. Bor einem Jahre wurde dort der Präsident Zelaga durch eine Volkserhebung obge^etzi, Madriz wurde Präsident. Zelaga erhielt ober bedeutende Unterstützungen „interessierter" amerikanischer Geldleute und konnte so den Kampf geaen Madriz führen. Nun haben

ihrer religiösen Ueberzeugung verhöhnt und verspottet werden? Ist das die vielgerühmte sozialdemokratische Erziehungskunst?

♦ Nidda, 23. Mai 1910. Eine hier abgehaltene Vertrauensmännerversammlung der D e u t s ch s o - zialen und Christlichsozialen hat für die Reichstagswahl in Friedberg.Büdingen die Unterstützung des Kandidaten des Bundes der Landwirte beschlossen.

— Friedberg, 22. Mai 1910. Ein ober« hessischer Zentrumsparteitag fand heute im dichtgesüllten Saalbau statt. Erster Redner war der Reichstagsabg. Erzberger. Er stellte fest, daß an die Treue der Zentrumswähler in Fried­berg. Büdingen diefesmal besonders große An­forderungen gestellt würden. Der Block sei tot, wenn auch der Blockgeist noch nicht geschwunden sei. Jeder Staatsmann habe aus der Blockperiode den Schluß ziehen müssen, daß es eine Unmöglich, leit fei, auf die Dauer die größte Partei des Reiches auszuschalten, welche in denjenigen Zeiten hervor, ragend mitgearbeitet habe, die nach innen und außen erfolgreich gewesen seien, namentlich hinsichtlich der Sozialpolitik. Redner ging sodann auf die Wirtschaftspolitik über, die eine gesunde Heimatspolitik sein muffe und bekämpfte die neueste Kolonialpolitik Dernbnrgs. Nach einer Verteidigung der Haltung des Zentrums bei der Finanzreform empfahl er die Unterstützung des Kandidaten des Bundes der Landwirte bei der Reichstagsersatzwahl. Landtagsabg. v. Brent am- Offenbach forderte die Wähler aus geschloffen für diese Parole einzutreten.

* Regensburg, 23. Mai 1910. Heute fand hier der erste bayerifcheBauerntag statt. Es war eine gewaltige Kundgebung der bayerischen Bauern­schaft, wie sie noch niemals auf bayerischem Boden erlebt worden war. Nach einer Mitteilung des Abg. Dr. Heim waren etwa 14000 Bauern aus ganz Bayern, sowie auch aus Oesterreich-Ungarn dem Ruse ihrer Führer gefolgt. Verschiedene Extra- züge brachten heute vormittag eine Menge von Be­suchern aus allen Himmelsrichtungen. Elwa 50 Land­tags- und Reichstagsabg. aus Bayern und aus ganz Deutschland sowie aus dem benachbarten Oesterreich waren erschienen. Die Versammlung sand unter freiem Himmel statt. Den Vorsitz führte Abg. Dr.Heim. Zweiter Präsident warFrhr. v. Aretin. GrafOppersdorfs überbrachte die Grüße des schlesischen, österreichischer Reichsratsabgeordneter Niedrist die Grüße des tirolischen Bauernvereins. Am bemerkens­wertesten war das Auftreten des bauernbündterischen Landtagsabg. Eisenberger, welcher, obwohl politischer Gegner der Zentrumspartei, die Not­wendigkeit eines Zusammenschlusses der Bauernschaft betonte, trotz all.r polllischen Gegensätze, im Interesse der gemeinsamen Standesinlereffen. Besonders müsse das geschehen, wenn es sich um Fragen der christlichen Weltanschauung handele. (Großer Beifall). Dr. Heim erklärte alsdann, daß der bayerische Bauernverein gern die Hand zu einem Zusammen­gehen mit dem Bauernbund biete. Reichstagsabg. Erzberger besprach die Notwendigkeit des Zu­sammenhaltens der Bauern namentlich gegenüber dem Hansabund und die Wichtigkeit der kommenden Reichstagswahlen. Dr. Heim verbreitete sich so­dann ebenfalls in häufig von großem Beifall unter­brochenen Reden über die Notwendigkeit eines immer engeren Zusammenschlusses des Bauernschaft, er­örterte wichtige Standesfragen, Dienstbotenorgani­sation usw. und mahnte zum Schluß, für die kommenden Reichstagswahlen sich zu rüsten.

anerkannt werden muß, es verstanden, diese Bedin­gung zu erfüllen. Der Verlauf der Berliner Haupt­versammlung hat den günstigen Eindruck noch ver­stärkt. Insbesondere der richtungsweisende Vortrag des Präsidenten, Großadmiral v. Koester/, verdient wegen seiner Sachlichkeit und Mäßigung bei aller gerechten Entschiedenheit in der Vertretung der Aufgaben des Vereins volle Anerkennung. Zwei Punkte aus seinen Ausführungen möchten wir her­vorheben, weil sie uns charakteristisch erscheinen zur Kennzeichnung des neuen Geistes, der die Tätigkeit des Flottenoereins leitet. Großadmiral v. Koester betonte mit aller Entschiedenheit die Fiedens- aufgabe, die unserer Flotte bestimmt ist, und bezüglich der Abrüstungsfrage äußerte er sich dahin:

„In Artikeln mannigfachster Art ist auch die Ab- rüflungsfrage besprochen worden; es macht mir aber den Eindruck, als ob die Begeisterung der Anhänger für diese rein ideelle Frage nachzulaffen im Begriff wäre, und daß man namentlich die praktische Nnmög- lichleit einer Einschränkung der Rüstungen mehr und mehr einzusehen beginnt. Solange Seebeuterecht und Blockade noch nicht abgeschafft stnd, wird man sich trotz aller möglichen Abkommen, Schiedsgerichlsvertrage und internationaler Kons renzen doch nicht in abso­lut er Sicherheit wiegen kö men, wie dies auch in den englischen Parlamentsdebatten klar und deutlich zum Ausdruck gebracht ist."

Man kann mit dieser Beurteilung sich wohl ein­verstanden erklären. Auch nach unsercr lieber« zeugnng kann eine internationale Konvention zur Einschränkung der Rüstungen nur das letzte Ziel, gewiffermaßen die Krone aller Verständigungs- und Friedensversicherungsbestrebungen sein.

* Zwei Antworten des Kaisers. Die.Rhein. Wests. Ztg/ hält die Fassung der Drahtant­worten des Kaisers auf die Ergebenheitskund- gedungen des Allgemeinen Deutschen Lehreroer­bandes in Straßburg und des Katholischen Lehrerverbandes des Deutschen Reiches neben­einander. Die Drahtung an die Bochumer Tagung lautete: „Se. Majestät lassen für die Glückwünsche herzlich danken." Trotz der knappen Stilisierung, so klagt die,Rhein.«Westf. Ztg.", hat in die Drahtung an die Bochumer noch das Wort „herzlich" Ausnahme gefunden. Der Allgemeine Deutsche Lehrerverband da- gegen muß sich mit einem schlichten Dank, ohne alle Herzlichkeit begnügen. Er lautete: „Se. Majestät lassen iür die Gelübde treuer Anhäng­lichkeit danken." Natürlich ist die letzte Depesche nicht im Sinne der .Nhein.-Westf. Ztg/ ausge­fallen.

)( Neue Wahlrechts-Demonstrationen haben die Sozialdemokraten am Sonntag in Köln und in Braunschweig veranstaltet. In Braun- schweig richteten sich die Demonstrationen gegen den Landgerichts-Direktor Roßmanu, der kürzlich die so erschreckend hohen Urteile gegen die Wahl- rechls-Demonstranten gefällt hatte. Dort wurden wiederum verichiedeneVerhastungen oorgenommen, während in Köln alles ruhig abging.

— Aus Nürnberg kommt wieder eine interessante Meldung. Der zweite Bürgermeister Jäger Hai bei Gelegenheit der Behandlung einer Schulsache in der Magistratssitzung vom 17. Mai geäußert:

„Es handelt sich doch bei dieser Sache um den katholischen Unterricht. Ich habe an der Sache keine Freude, weil ich den kalholischen Unterricht an der Handelsschule für überflüssig halte." \ Mit Recht sagt dazu die „Rümb. Volksztg.", von einem Bürgermeister der zweitgrößten Stadt Bayerns sollte man eine so abfällige Beurteilung des Reli­gionsunterrichts, der doch die Grundlage für jede Er­ziehung bildet, nicht erwarten. Es sehe fast aus, als ob man sich in den leitenden Kreisen schon auf die zukünftige Herrschaft der Sozialdemokratie einrichten wollte. Darauf deuten auch die in der letzten Zeit der Sozialdemokratie erwiesenen Freundschaftsdienste hin. So haben die städtischen Behörden dem sozial­demokratischen Sängerfest eine geradezu unge­wöhnliche Aufmerksamkeit erwiesen. Städtische Gebäude waren beflaggt, insbesondere die Bürgermei­sterei. Das im Verlag der Stadt erscheinende Amts­blatt widmete dem Feste einen lobenden Nachruf. So­gar dem Rathmtsorgan, dem „Fränkischen Kurier" fällt auf, daß das Amtsblatt, welches sonst nur über offizielle, patriotische Feste berichtet, dem sozialdemo­kratischen Sängertag einen Bericht widmete. Dazu kommt, daß die Art und Weise, in der sich die „Genos­sen" vor und während des Festzuges anläßlich des roten Sängerfestes aufgeführt haben, als schärfste Provokation gegen die Katholiken und als Verhöhnung des katholischen Gefühles darstellt. So schreibt die „Rürnb. Volksztg." in Nr. 110, daß drei „Genoffen" Bonbons segneten und unter die Kin­der verteilt haben, indem sie dabei sagten: „Gelt, ich bin halt a guter Pfarra", daß sie und die Umgebung einander zuriefen: „Ah, grüß Gott, Herr Hochwür­den!", daß sie die Firmung nachäfften, indem sie den Kindern Backenstreiche gaben und daß sie in hämischer Weise sich mit dem Kreuzzeichen bezeichneten. Das Nürnberger Zentnimsblatt schreibt dazu:

„Mit Recht fragen die Nürnberger Katholiken: „Wo war denn da die Polizei?" Sind wir schon so­weit im sozialdemokratischen Zukunfisstaat, daß wir Kaiholiken in einem kalholischen Lande vogelfrei sind? Oder hat die Polizei vor der Menge derartiger sozia­listischer Roheiten das Gefühl dafür verloren, wie ver­letzend solche Dinge auf jeden Halbwegs rechtlich denkenden kultivierten Menschen wirken müffen? Oder fürchtet man schon jetzt die zukünftigen Herren der Stadt? Uns ist es ein Rätsel, wie man solche Verhöhnung einer anderen Ueberzeugung hat dulden können. Tie moralische Verantwortung dafür trägt die sozialdemo­kratische Parteileitung Nürnberg. Denn es handelt sich nicht um neutrale Sängervereinigungen, sondern um e nen sozialistischen Fe'izug “

Eine nicht geringere Schuld aber trifft die Nürn­berger Stadtverwaltung, die solchen Roheiten untätig zusah. Wie lange soll denn im erleuchteten 20 Jahr­hundert noch der Unfug dauern, daß Christen wegen

Deutsches Reich.

(2 Tie letzte Entscheidung über die Wahlrechtsreform rückt heran. Und gleichzeitig wächst die Verwirrung im nationalliberalen Lager.

Während der ,Hannover'sche Courier' noch ein­mal alle Bedenken gegen die Annahme der Herren- hausdeschlüffe vorführt und deren Unvereinbarkeit mit den Magdeburger Forderungen darlegt, sucht in der .Magdeburger Zeitung' ent ungenannter Parteiführer diese nur als die „programmatische' Endsorderung", die auf dem Wege der „Abschlags­zahlungen" durchgeführt werden dürfe, zu erreichen, und in der gleichen Tendenz spricht sich eine Zu­schrift an die ,Nationalzig." aus. In Düffeldorf hat am Sonntag der Verein zur Wahrung der ge« meinfamen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen folgende Resolution gefaßt:

„Die 39. Hauptversammlung des Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen im Rheinland und in Westfalen be- Streitet entschieden, daß zwischen der Großindustrie und >en Industrien der Fertigerzeugnisse im Westen ein irgendwie erheblicher Me'inuugsunterschied über die Beschlüße besteht, die das preußische Herrenhaus in bezug auf die Wahlrechtsvorlage gefaßt hat. Die ge­samte Industrie des Westens erblickt in diesen Beschlüssen eine wesentliche Verbesserung und wünscht, wenn auch das Gesetz nicht allen Anforde­rungen entspricht, deren Annahme, damit die ge­werblichen Kreise dieses für den preußischen Staat so bedeutsamen Bezirkes von der Tätigkeit im Landtage Nicht ausgeschloffen werden und Beruhigung im Lande eintritt"

! Die in dem Verein mit dem langen Namen zu- sammengejchlosseneu nationalliberalen Industriellen geben hier der Partei einen Wink, der an Dmtlich« reit nichts zu wünschen übrig läßt. Zn derselben Stunde aber hat der Provinzialvorstand der nationalliberaleu Partei in der Provinz Han­nover zusammen mit dem nationallibrraien Ab- Seordneten der Provinz eine Entschließung gefaßt, aß die Vorlage in der vom Herrenhause be» fchloffeneu Fassung unannehmbar sei. Die Be­gründung dieser Entschließung gab der Abg. Arning tn einer öffentlichen Versammlung kund, wo er aussührte:

i „Die Nationalliberalen würden keinen Vorteil von dem Gesetz haben, und man dürfe dieser Vorlage auch nicht mit geometrischen Rechenkünsten gegenübertreten, sondern es handele sich darum, dem Volke fein Recht zu geben, damit Ruhe m das Land komme. Wenn die Nationalliberalen für das Gesetz stimmten, so würden sie nur dem Zentrum helfen, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, aber im eigenen Lager würden sie keine Ruhe Haden. Man dürfe die Sache auch nicht nur vom preußischen Standpunkt ansehen. In Süddeutschland werde eS nicht möglich Jein, die Parteifreunde bei der Fahne zu halte», wenn iie Landtagssraktion der Wahlrechtsvorlage in der jetzigen Gestalt zustimme. Man zerbreche damit auch die Brücke zu den Linksliberalen und mache die Wiederherstellung des alten Blocks gänzlich unmöglich. Werde aber das Gesetz von den National­liberalen abgelebnt, so sei weit eher die Möglichkeit gegeben, eine baldige neue Aenderung des Wahlrechts in Preußen herbeizuführen.

Ter Redner empfahl dann die Absendung einer von der Versammlung angenommenen Resolution an die nationalliberale Landtagsfraktion; die die Erwartung cuisspricht, daß die nationalliberale Fratlio« niemals einem Wahlrecht zustimmen wird, das nicht die direkte und geheime Waht ge­währleistet. Ein Abweichen von diesem Standpunkt würde für die Partei geradezu verhängnisvoll werden.

Von freikonservativer Seite werden noch in letzter Stunde die Versuche fortgesetzt, die National­liberalen für die Herrenhausdeschlüffe zu gewinnen. Die ,Post" rühmt die vom Herrenhause beschlossenen „wertvollen Verbesserungen" und mahnt dringend: \ „Hiernach erscheint es kaum zweifelhaft, daß, wenn das Abgeordnetenhaus sich von sachlichen Gründen zu einer Entschließung letten läßt, es auf die von Regie­rung und dem Herrenhause ihm gebotene Brücke der "Verständigung treten wird. Mait darf dies um so mehr erwarten, als außerdem die wichtigsten Gründe allgemein politischer Natur für ein positives Ergebnis der Wahlrechlskampagne entscheidend in die Wagschale fallen und eine Verabschiedung der Wahlrechtsvorlage nur auf Grundlage der vom Herrenbause und der Regierung beschlossenen Fassung des Gefetzentwnrses erfolgen kann."

Ter ,Reichsbote" dagegen scheint nicht mehr da­mit zu rechnen, daß die Nationalliberalen den Herreuhausbeschlüssen beitreten und erwartet, daß mangels einer Mehrheit für diese Beschlüffe die Vorlage von der Regierung zurückgezogen werde.

Tte Regierung muß wiffen, tvas sie tut. Wir holet« keine Veranlassung, uns darüber den Kops zu zerbrechen.

** Die Nordlandsreffe des Kaisers. Es sind nun­mehr die Dispositionen für die Nordlandsreise des Kaisers in diesem Jahre getroffen worden. Der Mo­narch wird noch Beendigitng der Kieler Woche ttfto. Anfang Juli zur Nordlandfahrt aufbrechen und wird am 31. Juli zurückerwartet.

** Tie nächsten ReichstaMvahlm. Dem Dresdener Mitarbeiter Per ,Kölit. Ztg/ wird als sicher mitge- teilk, daß die nächsten Reichstagswahlen im Ja tut ar 1912 statlfindcu.

+ Ter Deutsche Flotlenvereiit hat am Sonntag in Berlin seine 10. Hauptversammlung in fried- li ’ cr Rahe adgehalken. Wenn man sich erinnert, mit welcher nur: higen Spannung vor 2 und 3 Iahten die Tagung des Flottenoereins erwartet winde, welche Stürme die Verhandlungen felbst durck/obtcn, so kann matt den eingetretenen Wandel der Dinge nur n:it aufrichtiger Freude begrüßen. Etn ctitrießlsches Wirken ist für einen Verein von der allgemein uatioua'cr Tendenz, wie sie der Floit. uoetein vnfolgen will, nur unter der Bedin­gung wögbch, daß er peinlich alles vermeidet, was einen Zwist in den Reihen der aus den oer-. schiednen politischen, konfefsionellett und lands- maon-hostljcheik L gern sich rekrutierenden Freunde des Ftvtlengedonicns hiu.intragen könnte. Unter feine neuen Leitung hat der Flotlcnverein, wie

sich die bereinigten Staaten natürlich der „Jute- reffen ihrer Staatsangehörigen" angenommen und zwei Kanonenboote nach Bluefielvs gesandt, daS von Ausständigen besetzt war und die Truppen des Präsidenten Madriz bombardieren wollten. Madriz kümmerte sich wenig um den Einspruch der Amerikaner und ließ sein gut b.« mannles Kanonenboot „Venus" gegen die Rebellen, die auch den Hasen durch das Kanonenboot „Omolepe" unsicher machten, anlaufen, wobei die „Omolepe" sank und 100 Mann ertranken. Indessen hat Madriz jedoch auf dem Lande eine Schlappe erlitten, indem seine Truppen in der Nähe von Bluefields bei Name von dem Rebellen- general Mena umzingelt wurden. Wie unü wann dies Kriegsspiel endet, ist nicht abzusrhen.

I Im Hexenkessel Balkan

brodelt es an allen Ecken. Die Lage ist infolge der Kretafrage allmählig gefahrdrohend ge­worden, und man kann sagen, einzig infolge der unklaren Haltung der Kretaschutzmächte.

Die Kretas, die reinsten politischen Kinder, wirt­schaften aus ihrer Insel, als ob sie über eine Armee von Millionen und über Geld von Milliarden zu verfügen hätten. Und dabei sind es die ärmsten Schlucker. Die Türkei braucht nur einen starken Griff zu tun, um alle Freiheitvhrasen des Helden Venisalos und feiner Genoffen verstummen zu machen. Aber an diesem entscheidenden Handeln wird die Türkei durch die Mächte gehindert. Das Volk in den türkischen Provinzen, selbst die eben noch aufsässigen Albanesen, fordern gegen Griechenland und Kreta geführt zu werden, die tür­kischen Diplomaten verhandeln in London und Paris, eine türkische Note nach der andern geht an die europäischen Kabinette und verlangt eine endgültige Regelung der Frage.

Ja, wenn die Mächte nur wüßten wie! Sie haben früher Griechenland unter der Hand die kühn­sten Versprechungen gemacht, die Behandlung der Kretaangelegenhett erfolgte bisher stets unter dem Gesichtswinkel eines baldigen Anschlusses an Griechen­land — nun hat aber die jungtürkische Erhebung keck alle Kreise der Mächte gestört — und auf dcc andern Seite wurde stets formell der Türkei gegen­über die loyale, rechtliche Maske aufbehalten. Jetzt sitzt man in den Nesseln. Es scheint aber, daß die Mächte die unbequemen griechischen Ver­sprechungen verleugnen werden und dem kräftigeren Faktor, der „jungen Türkei" zum Recht verhalfen möchten. Es ist schon die Idee eines Fürsten­tums Kreta unter türkischer Oberhoheit in die Debatte geworfen; also etwas ähnliches wie die Stellung von SamoS. Ein Fürst Venisalos wäre dann das Ende. Oder auch nicht?

** Der Albanesen-Aufstand hat schneller, als, man vermutete, sein Ende gefunden. Es mag dazu die Bedrohung der Türkei von außen infolge der Krelasrage, vor allem aber die Anwesenheit des türkischen Kriegsministers Mahmud Schesket Pascha im Ausstands - Gebiete die Veranlassung sein. Die Albanesen liefern, während sich noch die gesamten Operations - Truppen in Albanien befinden, die Waffen an ihre Stammesführer ab, die sie an die Türken weitergeben. Seit einigen Tagen machen sich bulgarische Banden an der Nordgrenze Albaniens bemerkbar.

Je? Die Wahlen in Belgien.

Nach amtlicher Mitteilung beträgt das nunmehr festgestellte Gefamtresultat 49 Katholiken, 23 Liberale und 13 Sozialisten. Die Sozialisten gewinnen einen Sitz im Kreis Nivelles von den Katholiken. Im übrigen bleibt das Verhältnis der Parteien dasselbe.

Die katholisch-konservative Mehrheit hat sich also behauptet. Nur ein Sitz ist an die Sozialdemokraten verloren gegangen. Kein Systemwechfel, wahrscheinlich auch kein Personen­wechsel in der Regierung.

Es bleibt beim alten, und das alte ist in diesem Falle schon recht hoch bei Jahren. Die katholisch, konservatwe Partei hat bekanntlich schon im vorigen Jahre ihr silbernes Regieruvgsjubiläum gefeiert. Jetzt ist sie bereits 26 Jahre am Ruder und hat abermals vom allgemeinen Stimmrecht eine Ver­längerung ihrer Vollmacht erhalten. Es wird wohl kaum ein konstitutionelles Land geben, das über ein Vierteljahrhundert hinaus trotz allem Wandel der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältniffe und trotz der Abänderung des Wahl­rechts in einem fort dieselbe Mehrheit ge« wählt hat.

Wir verkennen durchaus nicht, daß die regierende Partei in Belgien ihre Schwächen hat und vor beträchtlichen Fehlern nicht bewahrt geblieben ist. Aber schon die Tatsache allein, daß sie in 13 Wahl­kämpfen — dort wird alle zwei Jahre die Hälfte der Kammer erneuert — gegenüber allen Listen und Kniffen des Liberalismus und der Sozialdemo­kratie ihre Mehrheit behauptet hat, beweist doch, daß sie verstanden hat, den wesentlichen Bedürf­nissen des Staates und des Volkes zu genügen Tas ging nicht immer leicht und glatt, aber es ging, und gegenüber den feindlichen Kritikern uni den freundlichen Mahnern können die ministeriellen und parlamentarischen Geschäftsführer mit Fug agen: „Unsere Politik muß doch recht gut den beigt» chen Verhältnissen angepaßt gewesen sein; denn sonst )ätte sie nicht nahezu ein Menschenalter hindurch ich vor den Wählern behaupten können!"

Allerdings schienen seit der Jahrhundertwende ich Alterskrankheiten bemerkbar zu machen. Die einstige Zweidrittelmehrheit verringert sich nach und nach. Bei den SVobku von 1908 blieb mir noch em Ucberschuß von 8 Alumnen in der zweiten Kammer. Wenn nun diesmal noch ein Mandat verloren gegangen ist, so bleiben nur 6 Stimmen Ueberfrtiuft. Aber mau muß beachten, daß im