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Moniag den 25. Mak (9(0.

37. Nrhrgang.

* Tuldaer W Zeitung •

X. Blatt.

Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerel i« FrUda.

Preußischer Landtag»

Herrenhaus.

Sitzung vom 20. Mai 1910.

Vor Eintritt in di« Tagesordnung gibt Präsident Mhr. v. Manteuffel Kenntnis von einem Dankschreiben des Kaisers für die ihm anläßlich des Heimgangs des Königs Eduard ausgesprochene Teilnahme. Hieran ehrt das Hans das Andenken des verstorbenen Mit­gliedes Dr. Leo v. Savigny durch Erheben von den Sitzen. _

Zunächst steht auf der Tagesordnung d,e

Schlutzabstimmung über die Wahlrechtsvorlage.

Die Abstimmung ist auf Antrag von Hertz berg namentlich; sie ergibt die Annahme der Vorlage mit 127 gegen 82 Stimmen.

Ber der ersten Abstimmung betrug die Mehrheit 140 gegen 96 Stimmen. Eine Anzahl Mitglieder, die das erste Mal gefehlt hatte, nahm diesmal an der Ab­stimmung teil, während eine viel größere Anzahl bei der ersten Abstimmung anwesender Mikglreder diesmal fehlte, u. a. Fürst vou Lichnowsky und Prinz zu Schönaich-Carolalb ferner die Oberbürgermeister Wall­raf (Köln) und Ortmann (Koblenz), auch der frühere 'stölner Oberbürgermeister Becker fehlte. Bollzählich ,>aren dagegen die nationalliberalen rheinischen Groß- .ttdustriellen erschienen unter Führung des Oder­präsidenten v. Schorlemer.

Gegen die Vorlage stimmten e. a. Herzog v. Aren- Lerg, Kirschner, Gras v. Oppersdorff, Fürst Radziwill, der Führer der konservativen Reichslagsfraktion Frei­herr v. Richrhosen. Dafür stimmte u. a. der Ober­bürgermeister von Frankfurt Aoickes.

Die Wahlrechtsvorlage geht nunmehr an das Ab­geordnetenhaus zurück.

Ein Geletzenlwurf über die Reinigung öffentlicher Wege wird in die Kommunalkommisfion zur fchrifllichen Beratung zurückverwiesen und ein Gesetzentwurf betr. das Höferecht im Kreise Grafschast Schäum­st u r g m einmaliger Schtußberatung angenommen.

Unverändert angenommen wird auch die Gesetzes­novelle betr. die Bezirkseisenbahnräte und den Landes­eisenbahnrat.

Es folgt die Petition des Hagener Feuerdestattungs- vereins um Zulaffuug der Feuerbestattung in Preußen.

Prof. Dr. Norchers-Aachen begründet die Petition und hebt u. a. hervor, daß religiöse Bedenken gegen die Feuerbestattung nicht geltend gemacht werden könnten, da die Vorgänge bei der Feuerbestattung doch die gleichen seien rote bei der Erbst estattuug.

Prof. Dr. Loening-Halle: Die Zahl der Feuer­bestattungen steigt vou Jahr zu Jahr und die Be­wegung zugunsten derselben wird sich nicht aufhakten lassen. In zwölf Staaken ist die Feuerbestattung be­reits eiugesührt und ich sehe nicht em, warum wir in Preußen nachhinken sollen. Die Kirche kann gegen die Feueickiestaltung nichts einweudeu, denn weder im alten noch im neuen Testament steht ein Wort, das die Feuerbestattung verbietet.

Staatsminister a. D. v. Köller spricht sich gegen die Feuerbestattung aus, weil sie der Volksseele wider­spreche. Wenn die Feuerbestattung allgemein eiugesührt werben solle, dann müsse der Preis ein v:el niedrigerer werden. Für Berlin sei z. B. berechnet worden, daß bei Massenverbrennungen sich der Preis pro Leiche auf drei Mark stelle. Das sei ja nicht viel, aber nun be­denke man, welchen Eindruck eS auf die Hinterbliebenen machen müsse, wenn sämtliche Leichen einer Woche eingelammelt werden, um dann an einem Tage zu­sammen dem Feuer überantwortet zu werden. Wo bliebe da die menschliche Würde?

Nach weiterer unerheblicher Debatte wird die Pe- iition der Regierung als Material überwiesen.

Freitag, 27. Mai: Etat.

4- Die Entscheidung des Herrenhauses über die Wahlrechtsvorlage am Samstag hat keine Ueberraschuny gebracht. Eine Debatte konnte nach der Geschäftsordnung nicht stattfinden und Aöänderungs- anträge durften nicht gestellt werden. Es handelte sich also nur nm die wiederholte Abstimmung. Von den 320 Mitgliedern der Ersten Kanimer waren 209 an­wesend, von benen 127 dm vor drei Wochen gtfüfften Beschlüssen ihre Zustimmung erteilten, währmd 82 sich dagegen aussvrachen. Das Mehrheitsverhältnis — damals 140 gegen 94 Stimmen — ist also ziemlich unvereindett geblieben.

Die Vorlage geht nun an das Abgeord- n e t e n h a u s zurück, das am 27- d. M von neuem sich mit ihr beschäftigen wird. Die neue Beratung im Abgeordnetenhause erfolgt in den Formen der dr.. -i Lesung, sodasi also eine allgemeine Erörterung tote eine allgemeine Einzeldebatte über die Bestimmungen des Gesetzes stattzufmden hat, bei welcher Abünde-

rungSanIräge zulässig sind. Da das Her­renhaus den Entwurf abgeänbed hat, so ist auch eine neue Verweisung an die Kommission zulässig. Ob eine solche Verweisung stattflnden wird, ist bei dem dev- zeittgen Stande der Dinge unmöglich zu sagen. Man kann auch dafür halten, daß sie einen besonderen Zweä nicht mehr haben wird. Die Einzelfragen sind ge­nügend gefiärt, und die Abänderungen, die von der Mehrheit für notwendig gehalten werden sollten, kön­nen ebensogut in der Plenarverhandlung borgenommen werden.

Bottäustg allerdings kann man von einer „Mehr­heit" nicht sprechen. Das Kompromiß zwischen Zen­trum und Konservativen hatte nur für die Zeit Gel­tung, bis das Herrenhaus Stellung neunten würde. Für die Herrenhausbeschlüsse ist bis heute eine Mehr­heit nicht vorhanden. Weder die Konserva­tiven noch die Rattonalliberalen haben eine Entschei­dung getroffen, und es ist zur Stunde auch noch abso­lut nicht zu übersehen, wie die Entscheidung dieser Patteien fallen wird. Die Konsewativen sind dabei in der günsttaeren Lage, weil sie jederzeit auf der Grundlage der früheren Beschlüsse des Abgeordneten­hauses eine Mehrheit haben können. Die National- liberalen aber befinden sich bekanntlich in einer bedenklichen Unwissenheit darüber, welche Stellung­nahme fflr sie die einträglichere sein wird. Auf der einen Seite winkt ihnen die Hoffnung, ihren Mandats- besitz sichern und vermehren zu können, auf der anderen Seite fürchten sie eine ungünstige Rückwirkung auf die allgemeine politische Lage ihrer Padei. Ihre Taktik geht zurzeit dahin, erst die Stellungnahme der übrigen Patteien abzuwarten — man kann nicht wchl sagen, daß dies von einer besonderen Festigkeit unb Sicherheit der Ueberzeugung zeuge.

Die Stellungnahme des Zentrums ist unver- änbcri; die Herrenhausbeschlüsse sind für uns un- annehmbar. Der „Reichsbote" meint zwar:

„Wir glauben aber immer noch, daß wenn bie Nattonalliberaleu die Herrenhausbeschlüsse ablehnend das Zentrum dafür stimmen wird, denn die Vergröße­rung der Stimmbezirke wird schon deshalb für das Zentrum mcht die gefürchtete Wirkung haben, weil ja bie mit geheimer Wahl — und diele verlangt ja auch das Zentrum — gewählten Wahlmänner doch nicht gewählt werden, daß sie hernach machen können, was sie wollen, sondern sie werden für die in bestimmte Aussicht genommenen Abgeordneten gewählt, denen sie ihre Stimme geben sollen. Wir glauben deshalb, daß die Wirkung der Anträge v. Schorlemer keineswegs so sicher ist, rote man auf beiden Seiten annimmt."

Der „Reichsvote" scheint da die Motive unserer Stellungnahme gründlich zu verkennen. Zunächst kann man es ja obwatten, ob die neue Drittelunq uns so viele Mandate entreißen wird, tote in nationalliberalen unb freikonservativen Kreisen geglaubt wird. Wir 'timmen gegen die von dem Herrenhause vorgenomme­nen Aendemngm deshalb, weil wir eine Reform des Wahlrechts hauptsächlich auf der Grundlage einer A b- milberung feiner plutokratischen Ten­denz erstreben und unter keiner Bedingung die Hand dazu bieten wollen, anstatt einer Abmilderung eine Verschärfung dieser plutokratischen Tendenz herbeizu- ühren.

Deutsches Reich.

X Aus dem Tabakarbeiter UnterstützungSfonds, der nächstens bekannttich wieder aufgesüllt werden soll, erhalten auch solche Reservisten Unterstützung, die vor ihrer Mtlitärdienstzeit immer als Tabakarbeiter tätig gewesen sind und nun nicht gleich wieder ■ Irbeit in ihrem Berufe finden.

s. Mit der Wirkung der höheren Mödchenschul- reform hat man sich in der Finanzkomm ission des Herrenhauses bei Beratung drs Kultusetats beschäftigt. Es wurden von städtischen Vertretern Beschwerden darüber laut, daß die Regierung an die Etats für die neuen Mädchenschulen zu hohe Anforderungen stelle. Es wurden dabet auch Zweifel geäußert, ob die neue „Frauenschule" sich bewähren werde. Nach einer SDtitttilung der Re­gierung hat die Neuregelung der Schulunterhaltung eine Ersparnis an Staatszufchüssen von 2,45 Mill. Mark gebracht.

4- Professor Dr. Planck ist, wie gemelbet, am Freitag in Göttingen gestorben. Planck war geboren am 24. Juni 1824 in Göttingen und seit 1889 ordentlicher Honorarprofessor in der juristischen Fakultät der Universität Göttingen. Das

Hauptverdienst des Verstorbenen war seine Mit- ardeit an dem Entwurf eines Bürgerlichen Gesetzbuches für das Deutsch« Reich, das chm den Ehrenamen des Vaters unseres Bürgerlichen Gesetzbuchs eingetragen hat. Am politischen Leben hat er zuerst 1852 bis 1855 als Mitglied der hannoverschen zweiten Ständekammer teilgenommen. Er war 1859 einer der Mitbegründer des Deutschen Nationalvereins, wurde 1867 Mitglied des preußi­schen Abgeordnetenhauses, legte das Mandat aber wegen Augenlttdens schon im folgenden Jahre nie», ber; 1867 bis 1873 war er Mitglied des Reichs­tages. Die Stiftungen Plancks verdienen umsomehr Anerkennung, als er feit 36 Jahren völlig erblin­det war.

* Zweierlei Maß! In Halberstadt hatte sich ein Installateur wegen tätlicher Beleidi­gung der Tochter des Ersten Staats­anwalts vor Gericht zu verantworten. Der rohe Beleidiger wurde zu neun Monaten Gefäng- nis verurteilt. Recht so. Wer die Ehre eines Mädchens antastet, verdient harte Strafe. In der Urteilsbegründung soll es nach dem ,Sten- daler Altmäikett aber u. a. wie folgt heißen:

Es handelt sich im vorliegenden Falle nicht um ein Mädchen der niederen Stände, deren Ehr­gefühl nicht so stark entwickelt sei, sondern nm eine Dame aus bester Familie. Durch ihre Erziehung und gesellschaftliche Stellung habe sie ein höheres Ehr­gefühl, das durch die tätliche Beleidigung des Ange­klagten auf das schwerste verletzt wurde.

Das ist, bemerkt dazu ganz richtig, das ,Reich', eine geradezu fast unglaubliche Ur­teilsbegründung; denn sie stellt ein Alt ntat auf die Ehre der Tochter von reichlich zwei Drittel unseres Volkes dar. Eine Differenzie- ung der Frauenehre erscheint uns als einer Herabsetzung der Frauenehre überhaupt. Auch die Tochter einer Waschfrau hat genau die gleiche Ehre wie die Tochter eines Ersten Staats- anwalts, und Frauenehre ist im Bauernhaus genau so hoch geachtet wie im Salon. Das sollten schließlich auch preußische Richter wissen.

Aus dem Rachbargebiete.

* Vacha, 19. Mai 1910. Durch den Stegen bei dem genügen Gewitter war der Eisenbahndamm bei Tiefenort derart unterspült worden,daß der 6,15 Uhr abends aus der Richtung Vacha kommende Personenzug auf freier Strecke halten muffte.

* Gießen, 21. Mai 1910. Die Fertigstellung der ersten hessischen Dreimark-Stücke, die chon 1909 in Aussicht genommen war, wird Anfang Juni in der Berliner SHünje erfolgen. Die Har­te llung der Stücke hat sich deswegen so hinansge- zogen, well ein neues Münzbild des Groffherzogs angefertigt werden sollte.

♦ Frankfurt a. M., 21. Mai 1910. In der Roten Kreuzgasse fiel der vier Jahre alle Knabe des Gastwirts Franz in einen Zuber mit heißem Wasser und erlitt schwere Brandwunden, an denen er nach kurzer Zeit starb.

* Offenbach, 22. Mai 1910. Durch das Lesen von Detektiv-Romanen und ähnlicher Schundliteratur ist dahier ein 1'jähriges Lehr - mädchen einer Putzmacherin zur Erpresserin und Diebin geworden. Bereits im April d. I. and die GeschäflS-Jnhaberin einen Zettel in der Ladenkaffe, der eine als Erpreffung aufzusaffende Drohung enthielt. Auch wurden mehrere kleinere Geldbeträge vermißt. Vorgestern lag in der Kaffe ein Bries, worin stand, wenn die Inhaberin des Geschäfles nicht bis zum 21. Mai 20 Mark vor dem Ladenfenster niederlege, überlebe sie den Sonntag nicht. Der Brief trug als Unterschrift drei Totenköpfe. Die von dem Funde benach­richtigte Kriminal-Polizei ließ einen Brief an der lezeichneten Stelle niederlegen und überwachte das Fenster. Es gelang ihr auch heute früh, dos Lehrmädchen auf frischer Tat zu ertappen. Nach anfänglichem Leugnen (es halte den Brief bereits tm Strumpfe versteckt) gestand es, sowohl den

Brief geschrieben als auch die Gelddiebstähle im April begangen zu haben. Als Grund gab es an, es habe sich einen neuen Hut kaufen wollen.

* Wiesbaden, 22. Mai 1910. Durch Nach­gießen von Petroleum in das Feuer geriet die Wohnung der Arbeiter-Familie Meck in der Gold- gasse Nr. 9 in Brand; 2 Kinder und die Ehe­frau erlitten schwere Brandwunden; ein Kind ist bereits gestorben. In den letzten acht Wochen sind durch die gleiche Unvor­sichtigkeit dahier 5 Kinder verbrannt. — Vom Blitzschlag tödlich getroffen wurde der In­haber der Marmor-Fabrik Oesterling, der Kauf­mann Betz.

Literarischer.

Oberammergau, von Prälat Jos. Schröder. Ver­lag C. v. Lama's Nachfolger, München. 1910. 8». 168 Sellen. 1.50 Mark.

Für die ganze Welt steht dieses Jahr das sonst so stille Dörflern Oberammergau wieder im Vorder­grund und aus allen Ländern werden Tausende dorthin zusammenströmen, um bie berühmten Passions- spikle zu sehen Der Pfarrer des Ortes veröffent­licht zmn zweiten Mal seinen vortrefflichen Führer, der Allen die größten Dienste leisten wird, die an dm Passionsvorstellungen teilnehmen wollen. Alles Notwendige und Dienliche für die Reise und Unter« fünft, Geschichte und Geographie des DörflemS und feiner Umgegend, die Passionsdarstellung, -musik, -Vorbereitungen u. bergt werben eingehend besprochen. Ausführlich werben auch bie einzelnen Bilder ber Passionsspiele behandelt unb mit vielen, sehr gut gelungenen photographischen Ausnahmen von 1900 illustriert. Dadurch hat bas Büchlein auch sehr viel Interessantes für Diejmigm, benen es nicht gegeben ist, selbst bie Spiele mitansehen zu können. N. SL

Kirchenjahrs-Büchlein für Jung unb Alt. Von Geistl. Rat Anton Hauser. Die hl. Osterz eit.. Augsburg. Michael Seitz. 45 S. 100 Stück 5 Mark.

In k trzen unb einfachen Worten werden hier für bie Fastenzeit unb alle Festtage ber hl. Oster­zell recht einbringliche Gebanken geboten, bie be« sonbers ben Kindern das Verständnis dieses Teiles des Kirchenjahres erleichtern und die jungen Herzen in diese großen Geheimnisse entführen können. Es wäre ein gutes Werk, wenn Eltern oder Geistliche den Kleinen bi ses Heftchen in bie Hände geben und sie so aus recht nützliche Wesse in ber Kirche beschäftigen mürben. — Von bemfelben Verfasser sind in gleichem Verlage erschienen: Oelberg. Grab und Auferstehung. Drei Gebets- tundenvor dem Aüerheiligsten für die Karwoche. 57 S. (100 Stück 6 Alk.) und bie Zeremonien am hl. Karfreitag (12. Auflage), 46 S. 5 Pfg. pro Stück. Beibe Heftchen werben Kinber unb Er­wachsene recht dienlich sein und bie Andacht ber Seelen fördern; sie sollten jedem Famllienmitglied in die Hand Gegeben roerben.

........... . . .............s

Handel nud Industrie.

* Berlin, 21. Mai 1910. Trotz der anhaltend unbefriebigennen Berichte vom heimischen unb inter­nationalen Kohlemnarft behielt bie Börse bie feste Haltung bei. In ben Vordergrund traten Montan- werte, worunter die früher bevorzugten Elektrizitäts­werte zu leiden hatten. Montanwerte stellten sich höher und konnten bie erzielten Besserungen behaup­ten. Matte Haltung zeigten Schantungbahnaktien. An ben übrigen Marktgebieten überwogen leichte Besserungen, Schiffahrtsattien gerieten später in leigenbe Bewegung. Tägliches Gelb 31/» Prozent. Privatbiskont 31/« Prozent.

durch diese«

Fabrikant I

*n»urt Jacobi,

Pfei Idreieck-Se i fe n

kenntlich. Der malad t.

Edith Büttners Liebe.

28] Roman von Fr. Lehne.

Dieses Wort flog im Nu durch den ganzen Saal. Er worbe jubelnd irmbrängt; die Leute aus den erstm Rtihm tarnen auf ihn zu unb drückten ihm die Hände; Damen lösten Blumen von ihren Kleibern und warfen sie ihm zu. So war er wohl noch nie geehrt worden — feine Augen feuchteten sich vor innerer Rührung.

Ja, hier war er ein Ganzer! Das fühlte er! Hier konnte er es mit ben Größten aufnehmen.

Nun wollte er nicht wieder von dem Wege abwei­chen, der fo klar vor ihm lag.

Wenn Edith das erlebt hätte — wie hätte sie sich gefreut, fein goldenes Modele!— Zu ihr flogen in diesem Augenblick feine Gedanken voller Liebe und Sehnsucht, da seine Braut sich grollmd zurückgezogen $ielt, beleidigt, verletzt durch fein Mißgeschick!

♦ *

Ms er nach Hause kam, lag ein Brief von Matthä da, der mit der letzten Poft gekommen war.

Anfänglich wollte er ihn gar nicht lesen, um sich die weihevolle Stimmung nicht zu verderben; aber die Neugierde, zu wissen, was sie ihm wohl zu schreibm hatte, überwog doch, so daß er den Bries schließlich öffnete.

Beim Lesen furchte sich seine Stirn, und er biß sich heftig auf die Lippen.

„Watte, mein Püppchen, toenn Du denkst, baff Du mich tyrannisieren kannst, bist Du hall im Irrtum. Noch hast Du mich nit fest" murmelte er.

In kurzen kalten Watten teilte ihm Martha mit, baff sie nach den Kritiken, die heute in der Mittags- und Abendzeitung gestanden, nicht den Mut habe, in ba4 Konzert zu kommen, um sich nicht einer nochma­ligen Blamage auszufetzen Er solle sich daher nicht wundern, toenn er sie nicht sehe; aufferdem fei sie bon den Aufregungen viel zu angegriffen. Er möge pe deshalb entschuldigen unb werde ihr sicher ihr Fem- bleiben nicht verdenken können.

„Rein, wirklich nicht", dachte er ingrimmig.

Früh am anderen Morgen ging er zu Hilde­brandts.

Martha, die ihn hatte kommen sehen, triumphiette. Sie wollte sich anfangs gar nicht sehm lassen, denn sie fühlte sich doch immer als bie Beleidigte. Aber sie besann sich doch anders — sie mochte den Begrüffnngs- kuff des Geliebten nicht entbehren und kain deshalb ins Wohnzimmer.

Bei seinem Anblick stutzte sie unb tat, als wollte sie nicht eintreten.

„Äh, Du bist es, Lucian? So früh vermutete ick Dich noch nicht!"

Kalt sah er sie an.

„Ich wollte Dir nur danken für Deine liebenswür­digen Zeilen von gestern abend. Nun weiß ich halt, weshalb Du nit hn Konzert warst!"

„Nein, ich traute mich nicht", sagte sie ttotzig; „bie Leute hatten ja mit Fingern auf mich gezeigt"

„Und ich? An mich dachtest Du wohl ntt, der ich doch schon wieder dem Publllum gegenüber stehen mußte? D«S fick Dir nicht ein, mir Trost unb Sicher­heit durch Deinen Anblick zu geben?"

Sie zuckte die Achseln-

„Du bist's gewohnt! Aber ich, die ich so viel von Deinem Stück gesprochen und Reklame gemacht habe! Glaubst Du, mir wäre das angenehm gewesen? Förm­lich Spießruten hätte ich ja lausen müssen, nachdem mein Bräutigam so zerpflückt wurde von den Kritiken. Du hast sie doch gelesen unb weißt —'

„Netti", unterbrach er sie trocken, „noch nit!"

„Wie, Du hast die Kritiken noch nicht gelesen? Du hattest wohl Furcht?" fragte sie verwundert unb entrüstet zugleich.

Sie stand auf und nahm von dem Schreibtisch einige Zeitungen, die sie vor ihn auf den Tisch warf.

„Hier find sie; toenn Du Lust hast, kannst Du sie gleich lesen."

Er faltete die Blätter ohne eine Spur von Er­regung auseinander, unb Matthä beobachtete ihn scharf.

„Auch noch rot angestttchenl Ich danke Dir für diese Aufmerksamkeit!" sagte er fpöttisch. ,9hm wohl.

dann will ich Dir den Gefallen tun und gleich lesen, obwohl ich jene Kritiken erst heute abend mit den Be­richten über gestern lesen wollte, 's wär' halt ein Ab­machen gewesen!"

Er las die Rezensionen aufmerksam durch; dann legte er die Zeitungen wieder zusammen und sagte ge­mütlich:

„Es ist hatt und bitter, das zu lesen; aber noch härter ist's, daff die Leut' halt recht haben. Im üb­rigen hab' ich die Aufführung des Schauspiels sofott zurückgezogen- Es ist nun einmal geschehen, ein zweites Mal macht man halt solche Dummheiten nit wieder!"

„Dummheiten nennst Du das? Nur Dummheiten nennst Du, was Deinem ganzen künstlerischen Renom­mee geschadet hat?"

Martha lachte nervös auf, als sie das sagte.

„Meinst", fragte er da in seltsamem Tone und sah sie mit den strahlenden blauen Augen an.

Dabei fiel ihm auf, tote unvorteilhaft und fast häß­lich Matthä in der Morgenbeleuchtung erschien, der Teint so fahl trotz des Puders, ber auf ihrem Gesicht lag.

Da kam ihm der Gedanke an Edith, dir gerade des Morgens immer fo rosig und frisch, wie zum Anbeißen aussah.

Wie hatte er nur ein fo kurzsichtiger, blöder Tor fein können! Aber schließlich, wenn einem das Messer so eklig an der Kehle sitzt, wie ihm damals, da ergreift man tvohl blindlings die rettende Hand — besonders, wenn sie einem so sehr entgegenkommend geboten wurde, tote ihm in diesem Falle. Der bittere Rachge- schnuÄk kommt bann allerdings später!

„Du biß so sonderbar heute, Lucian — gar nicht, als ob Dich das trifft, was hier geschtteben steht."

Verwundett sah Matthä ihren Verlobten an unb beutelt nochmals nachdrücklich auf die Zeitungen-

„Nein, das trifft mich nit mehr", entgegnete er ruhig — „seit gestern abend nicht mehr", fügte er in Gedanken hinzu: er fagte aber weiter nichts, da Mar­tha nicht fragte, wie das Konzert gestern verlaufen war, ttotzdem sic wußte, baff er eine große Aufgabe zu lösen gehabt hatte.

Seine große Ruhe tu dieser Angelegenheit, bi« 'sie

so statt erregt hatte, machte Matth sehr nervös; sie vermochte sich kaum mehr zu beherrschen.

„Ich begreife Dich einfach nicht, Lucian! Ich würde mich zu Tode schämen, wenn ich so etwas von mir lesen müßte! Mich geht's doch ebenso dick mtz wie Dich!" rief sie aufgebracht. „Du hättest nur hören sollen, was ich in den Pausen habe anhörst müssen — so recht aus dem Hinterhalt, mit Stiche­leim, auf die man nichts erwidern kann! Man HAK sich nach den Ankündigungen und Erzählungen doch mehr versprochen und so Weller! Unb dann bieje höh­nischen, triumphierenden Gesichtern! Man famt sich kaum wieder mit Dir schm lassen!" schloß sie mit einem schrillen Auflachen, jede Vorsicht vergessend.

Da wurde Lucian gang bleich; ein entschlossener kalter Ausdruck trat in fein Gesicht.

Anfänglich hatte er mit entern amüsierten Lächeln zugehört; aber das war ihm doch zu viel!

Er stand auf.

„Das sollst Du auch nit mehr, Martha, das will ich Dir ersparen! Du sollst nit mehr nötig haben. Dich meiner zu schämen. Ich gebe Dick frei!"

Er zog ben glatten goldenen Reif vom Finger unb legte ihn auf ben Tisch.

Stan vor Schreckm stand Martha da.

Das hatte sie doch nicht gewollt!

Sie war keines Wortes mächtig.

_ Ihre Eltem, die bisher schweigend dem Wottge- plänkel der Verlobten gelauscht, suchten jetzt zu ver­mitteln.

Matthcken habe es doch nicht so gemeint — sie fei fo schrecklich nervös, das müsse man auch bedenken. — Doch kurz schnitt Waldow jedes Wott ab. Seine Ge­duld war zu Ende.

Er sei auch nervös, sagte er, und Martha habe so- ebm btwiesm, daß fle nicht zur Frau eines Künsüers tauge; eine solche müsse ihren Mann trösten, auf» heilem, ihm treulich zur Sette stehen, wenn ihm etwas mißlungen fei, sie dürfe ihm aber keine Vorwürfe machen unb ihn in seinem Ehrgefühl nicht kränken- Denn Martha jetzt schon so rücksichtslos sek, wie würde da ihre Ehe später berianfen! Er fche kein Glück «Hr darin (Fortsetzung fbTgfj