uldaer W Zeitung
Z.parzeller in Znlda. wochenbettag«: „illustrierte Sonntagzzeitung"
Fulda, Montae den 23, Mai 1910
37. Jahrqarn
Erstes Blatt
115.
Vrranlw. ttedakteurr Lar- Zchütter
erscheint tS-Nch mit Anrnahme der So.m- u»d§etertas«°viertel- jShrlichtRverngLpreir ohne Sringerwhn und SefteKgeidwMda sowie amroSrtrl.saNt.
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Ssiationrdruckund Verlag der Luldaer Ak- Uendruckerei in Znlda Zernsprecher Nr. 4.
#2 „Mehr Achtung vor -er eigenen Flagge!"
Gemeint ist die nationalliberale Partei- stagge. Den Mahnruf stößt nämlich die .Köln. Zeitung" aus, die den häuslichen Streit in ihrer geliebten nationalliberaien Partei wegen der Wahlrechtsfrage mit kühlen Umschlägen behandeln möchte.
Die Lage, in welche die nationalliberale Partei durch das Danaergeschcn! Bethmann-Schorlemer versetzt worden ist, muß doch schon recht kritisch geworden sein, wenn sogar die .Köln. Ztg." sich genötigt sieht, einen längeren Beweis anzutreten, daß besagte Partei nicht in der Gefahr stehe, „mit Anstand unterzugehen."
Die Wurzel des Uebels liegt nach dem rheinischen Blatt in der .Selbstironie". In keiner anderen Partei sei soviel Selbstironie zu finden, wie seit einiger Zeit in der nationalliberalrn Partei. Sonderbar, sehr sonderbar! Sonst war doch gerade diese Partei in der Selbstverherrlichung allen Wettbewerbern um mehreren Längen voraus. Sie pries sich selbst an als die Partei von Bildung und Besitz. Herr Basiermann bezeichnete noch 1908 seine Gefolgschaft als den .Kern des Blocks", und auch in nationalliberalen Blättern wurde dieser Ausdruck in der geschwollenen Form als .Krone des Blocks" wiedergegeben. Wohlgemerkt, diese Kern- und Kro.ienstellung wurde beansprucht zu einer Zeit, als der Block die Regierung innehatte. Wenn man nun vom Eigenlob bis zur .Selbstironie" hinabgesunken ist, so muß das doch wohl seine besonderen Gründe haben. Die liegen ja auch vor allen sehenden Augen offen da. Seit dem Krach des Bülow- blocks ist die nationaüiberale Partei in eine „Takiik" geraten, welche die Kritik von Draußen und den Galgenhumor im Innern geradezu herausfordert.
Das bischen Wahlrechtsfrage, so sucht die .Köln. Ztg." darzulegeu, könne den Bestand der Partei nicht gefährden:
„Angenommen, die preußische Landtagsfraktion in ihrer Mehrheit käme zur Ablehnung der Herren- hausbeschtüsie, so ist es ganz ausgeschlossen, daß die sür rin Ja geneigten Mitglieder der Nationalliberalen Partei ihr nun unmutig den Rücken kehren würden. So glänzend find doch die neuen Wahlrechtsbestimmungen nicht, daß ihre Ablehnung unbedingt al? Freveltat bezeichnet werden muß. Angenommen aber, die Fraktion käme zur Annahme, so halten wir es ebenfalls sür ganz ausgeschlossen, daß der linke Flügel die Nationalltberalen abbröckelt, denn daß mehrere triftige Gründe für die Annahme ins Gewicht fallen, läßt fich unter verständigen Leuten ebenfalls nicht leugnen."
Diese Ausführung geht von der Annahme aus, daß es sich um nichts weiter handele, als die einzelnen Gründe, die für und gegen die Herren- hausbeschlüffe sprechen, in ruhiger Sachlichkeit gegeneinander abzuwägen. Aber die Entscheidung greift viel tiefer und weiter. Es wurde entschieden über die Gesamthaltung der Partei, über ihre Front und ihre Bundrsgenossenschast bei den nächsten Wahlen.
Seit dem Krach vom vorigen Sommer hat fich tie nationalliberale Reichstagsfraktion mit einem hörbaren Ruck nach links geworfen; sie war in der Tonart sowohl wie in der Sache mit der Fortschrittepartei und mit der Sozialdemokratie in eine Linie gerückt. Im Reichstage war das zu Tage getreten, was in den Landtagen von <aben und Sachfen vorbereitet war: der Groß block. Die nationalliberale Fraktion im preußischen Abgeordnetenhause machte bisher diese Taktik mit; sie verweigere die Teilnahme am Präsidium, ärgerte die Konfeivattven, wo sie nur konnte, und unterstützte die Obstrnkttone- und Rebellionsversuche der Sozial- bemoftaten tm Abgeordnetenhause. Aus dieser Kampflust gegen Rechte, Zentrum und Regierung gingen auch die berühmten Beschlüsse des national- liberalen Prenßentages hervor, der unbedingt die direkte Wahl und die Vermehrung der Wahlkreise zum Nachteil der Konservativen verlangt. Wenn
# Prof. Dr. Drews („Christus-
mythe") und feine Erklärungen.
In der Frankfurter sozialdemokratischen .Volksstimme" (Nr. 104) erläßt Drews zur Verschleierung seines wiffenschaftlichen Bankrotts folgende Erklärung:
„Anläßlich meiner Vorträge über die „Chrtstus- my he" gehen von gegnerischer Seite öfters tendenziös gefärbte Berichte an die Presse, nach denen ich in der Diskussion wissenschaftlich „vernichtet" fei, wie anläßlich des Darmstädter Vortrages durch Professor Gunkel, oder dadurch, daß ich meine Christusmythe „preisgegeben" habe anläßlich des Jenaer Vortrages. Der Haupteinwand meiner Gegner ist, ich sei nicht genug Fachmann und verstehe nicht hebräisch und persisch. Dann lucht man mir vom Spezialistenstandpunkt aus einige Fehler nachzuweisen und daraushin den wissen- schalllichen Ernst abzusprechen, ohne auf den eigentlichen Kern der Frage, um den es sich handelt, emzu- gehen. Je persönlicher die Angriffe auf meine Christusmythe werden, desto objektiver muß ich darauf Hinweisen, daß ich als Philosoph das Recht beanspruche, als solcher an die Jesussrage heranzutreten und zur Begrün: ung die Arbeiten der Theologie auf bielem Gebiete zu benutzen. Ich bitte meine Gegner, sich weniger mit meiner Person und meinem sogenannten Dilettantismus zu beschäftigen, als sachlich meine Einwände gegen den historischen Jesus zu widerlegen."
Drews hat wohlgetan, die sozialdemokratische Presse zu dieser Veröffentlichung auszuwählen — denn nur bei dem urteilsunfähigen Publikum dieser Presse kann er hoffen, Eindruck zu machen.
Wenn Drews den Vorwurf des Dilettantismus zu- zurückweisen wollte, durfte er ihn nicht schon wieder in dieser seiner Erklärung bestätigen. Dilettantismus, und nichts anderes ist es, wenn er sagt, er wolle als Philosoph an die Jesussrage herantreten. Was soll denn das heißen? Die Jesussrage ist doch eine emi- nent geschichtliche Frage, und es geht daher nicht
nvorgefaßten philosophischen Systemen an gerichtliche Tatsachen heranzutreten, um sie entsprechend der mitgebrachten Theorie znrechtzu—schneiden. Behandlung der Geschichte mit dem - Hackbeil ist doch keine Geschichtsschreibung.
nun die Junglideralen die Ablehnung der Herren- hausbeschlüffe fordern, so finden sie eine formal- rechtliche Stütze in dem noch gellenden Partei- tagsbeschlnffe. Die materielle Berechtigung ihrer Forderung leite» sie her au8 dem bisherigen allgemeinen Willensentschluß, den künftigen Wahlkampf mit Hilfe der ganzen Linken gegen die .schwarzblaue Reaktion" zu führen. Wenn jedoch nunmehr mit Hilfe von National- lrberalen die Wahlrechtsvorlage in der gegenwärtigen verschlechterten Gestalt zu Stande gebracht wird, so werden Fortschrtttler und Sozialdemokraten die Wahlhilfe verweigern, der Nationalliberalismus muß mit veränderter Front kämpfen und ist wieder auf die Hilfe der Regierung angewiesen und aus die Gunst derselben Konservativen, aus deren Schwächung doch die ganze„Wahlrechtsreform" ab- gesehen war.
Die Sache liegt also doch nicht so einfach, wie die „Köln. Ztg." glauben machen will. Die „eigene Flagge" leidet nicht bloß unter der Selbstironie, sondern unter sehr gefährlichen Wirbelwinden.
Deutsches Reich.
** Berlin, 22. Mai 1910. Der Parteitag der deutschen Sozialdemokratie findet, wie der ,VorwärtS" mitteilt, vom 18. bis 24. September in Magdeburg statt.
* Der ReichStagSsommer. In dieser Woche nehmen die beiden sommerlichen Parlamentskommisfio- nen — für die Reichsversicherungsnooelle und die Reform deS Strafprozesies — ihre Sitzungen aus, die zunächst bis zum 15. Juli fortgesetzt werden sollen. Borsitzender der Kommission für die Straf» prozeßreform ist der Zentrumsabg. Wellstein, für die Versicherungsnovelle der Reichsparteiler Schultz.
ns Der deutsche Flotten«ereiu trat am Sonntag in Berlin zu seiner Hauptversammlung zusammen. Der Jahresbericht freut sich über die wiederhergestellte Einigkeit, es haben ober doch, wohl nickt bloß in'olge der Wirren, zahlreiche Mitglieder den Verein verlassen. 41 Ortsgruppen sind eingegangen und auch die Zahl der Vertrauensmänner; hat sich um 37 vermindert, und ebenso ist die Zahl der Em- zelmitglieder herabgegangen. Dafür hat man abec verschiedene größere Organisationen als körperliche Mitglieder in den Verein getrieben, sicher zu einem großen Teile „Mitglieder", die von den Bestrebungen deS Vereins nichts wissen wollen, und hat dadurch erreicht, daß man seine 1 Million Mitglieder behalten hat. Wieviel davon als körperschaftliche Mitglieder sind, weiß man hier ebenso wenig wie beim Hansabunde, der bekanntlich auch den weitaus größten Teil seiner Mitglieder durch Heranziehung sogenannter körperschaftlicher Mitglieder erzielt hat, und zwar meistens gegen den Willen der Beteiligten. Der Flottenverein hat Verbindungen mit dem Luftflottenverein, den man wohl als einen unbequemen Konkurrenten betrachtet hat, angebahnt. Das Vereinsorgan hat 345000 Auflage. Das wird wohl die Zahl der wirklichen Vereinsmitglieder fein. Wie üblich, wurde wieder eifrig mit Werbekarten, Reklamedarstellungen, Bilderbogen der bekannten übertriebenen Art, Schüler- und Lehr.rfahrten an die Wasserkante usw. usw. gewirtschaftet k — Eine größere Bedeutung kommt der diesjährigen Tagung nicht zu
* Das konfessionelle Friedenszeichen nennt die „Köln. Ztg." (Nr. 547) das Kreuz in Anknüpfung an das kaiserliche Handschreiben, das die Stiftung eines Bronzekreuzes durch den Kaiser für das Kloster Beuron begleitete. Wir freuen uns, daß das liberale Blatt hier der Auffassung des Kaisers völlig beipstichtet, die in den schönen Worten enthalten ist: „Mit der Wahl meines Geschenkes hoffe ich Ihnen eine besondere Freude zu machen. Ist es doch das
jenige Sinnbild, zu dem beide Konfessionen mit gleicher Verehrung emporblicken, und von dem für die ganze Menschheit ein unermeßlicher Segen- ström ausgegangen ist." Die „Köln. Ztg." bemerk dazu noch:
Es ist dankenswert, wenn von solcher Stelle von Zett zu Zett an das gemeinsame konfessionelle Friedenszeichen erinnert wird, denn man gewinnt leider zu oft den Eindruck, als ob man sich feiner nicht immer erinnere.
Es hat eine Zeit gegeben, bemerkt dazu die „Köln. Volksztg.", da der herrschende Liberalismus tie Kruzifixe auS den Schulen beseitigen wollte und insbesondere aus den Simultanschulen tatsächlich vielfach beseitigt hat mit der Begründung, daß das Kruzifix das — religiöse Empfinden der protestantischen Schüler verletze. Mit dem Schulkulturkampf in Frankreich, der das Bild des Gekreuzigten nicht nur aus den Schulen, sondern auch aus den Herzen der Kinder zu reißen sucht, hat der deutsche Liberalismus ja auch gar häufig geliebäugelt und ihn sür Deutschland zur Nachahmung empfohlen. In der liberalen Pfalz hat man ja sogar jüngst einem Katholiken verbieten wollen, auf seinem Grund und Boden ein Steinkreuz zu errichten, mit einer angesichts der Worte des Kaisers doppelt seltsam anmutenden Begründung, die das Kreuz als ein Aecgernis für die Protestanten hinstellt. Um so mehr verdient die Aeußerung der „Köln. Ztg." festgehalten zu werden. Nicht als ob wir an eine durchgreifende Besserung des Liberalismus im ganzen glauben; aber wenn man auf liberaler Seite sich im Kampfeseifer wieder einmal zu weit vorwagen wird, dann werden mir an das Wort von dem konfessionellen Friedenszeichen denken und den liberalen Kampfhähnen ins Gedächtnis rufen, wie ihr liberales Organ in Köln am 19. Mai 1910 sehr mit Recht den Wunsch zu erkennen gegeben hat, man möchte sich feiner öfter erinnern.
Ausland.
% Die Neuwahlen in Belgien haben am Sonntag stattgefunden. Wenn sich ein endgültiges Resultat bei dem in Belgien üblichen Proporz- Wahlsystem auch noch nicht feststellen läßt, so kann doch gesagt werden, daß trotz der unangenehmen Zwischenfälle der allerletzten Zeit im katholischen Lager die bisherige Mehrheit keinen bedeutenden Abbruch erlitten hat. Der Wahltag verlies ohne bedeutende Zwischenfälle.
* Für die neue südafrikanische Union hat Louis Botha, bisher Premierminister der Trans- val - Kolonie und früherer Buren - General, den Auftrag, das erste Ministerium zu bilden, angenommen.
** Das radikale dänische Ministerium Zahle hat durch die soeben beendeten Wahlen eine Niederlage erlitten. Die Anzahl der Mandate der verbündeten Radikalen und Sozialdemokraten blieb dieselbe wie die im ausgelösten Bolkething, nämlich 20 Radikale und 24 Sozialdemokraten. Ihre Hoffnung, die Mehrheit zu erobern, hat sich nicht erfüllt. Die Konservativen haben infolge ihrer Allianz mit der gemäßigten Linken acht Sitze verloren, die Mandatszahl der gemäßigten Linken ist hierdurch von 49 auf 57 gestiegen, während die Rechte sich mit 13 Plätzen im neuen Folkslhing begnügen muß. Hiernach verfügen jetzt die vereinigten Gruppen der gemäßigten Linken über genau die Hälfte der 114
Folksthingfitze. Das Ministerium Zahle wird demnächst zurücktreten.
2lus Uirche und Schule.
---- DammerSbach, 22. Mai 1910. Heute nachmittag vollzog der Hochw. Herr Protonotar Dr. Ar en ho Id aus Fulda die Einweihung der neu errichteten Waldkapelle, zu der sich die Gemeinde in feierlicher Prozession begeben hatte. Die Kapelle war mit Girlanden, Fahnen und Blumen reich geschmückt. Der Herr Protonotar leitete den Weiheakt mit einer Ansprache ein. Ausgehend von dem Festgeheimnis der hhl. Dreisaitig« teit zeigte er zunächst, daß alle Ehre, welche wir 'Maria erweisen, der allerheiligsten Dreifaltigkeit selbst gilt. Er gab sodann seiner Freude Ausdruck, oaß die Gemeinde Dammersbach durch die Erbauung der Kapelle wieder ein so schönes Denkmal ihres lebendigen Glaubens errichtet habe. Den Maurern und Zimmerleuten, sowie allen, die ohne einen irdischen Lohn bei dem Werke so eifrig mitgeholfen, sprach er feine Anerkennung und dm innigsten Dank aus. Znm Schluß ermahnte er die Dammersbacher, das neue Heiligtum zu lieben. Rach der Anrede sand die Einweihung statt. Unter den frohen Klängen des Te Deum kehrte die Prozession zur Kirche zurück, wo der Hochwürdigste Herr durch Erteilung des sakramentalen Segens die schöne Feier beschloß. — Möge das so idyllisch im Wiesengrund am Waldesrand liegende Kapellchen nicht nur den Mitgliedern unserer Gemeinde, sondern auch manchen Prlgern von Fulda eine traute Gnadenstätte werden!
Lokaler.
Fulda, den 23. Mai 1910.
A Eine öffentliche Volksversammlung
hatte der Vorstand des Ortskartells der christlichen Gewerkschaften für Sonntag nachmittag in das Gesellen- hauS einberufen mit der Tagesordnung „Die Riesenaussperrung im deutschen Baugewerbe und ihre Lehren". Nach Eröffnung der Versammlung durch den Vorsitzenden Herrn Stahl führte der erste Referent, Herr Scherer- Offenbach über den heute tobenden Kampf im Baugewerbe aus: Es steht die Frage im Vordergrund, ob c3 nötig und gerecht war, daß der Arbeitgeberbund zu dieser schärfsten aller wirtschaftlichen Maßregeln, der Aussperrung griff, was bestimmt zu verneinen ist. Vor allem die Frage, wer ist schuld an diesem Kampfe, der im gesamten deutschen Wirtschaftsleben nachzittert? Nicht die Arbeiterschaft; denn sie wünschte nur, auf der Basis der bisherigen Arbeitsvcriräge mit nur einigen geringen Abänderungen das künftige Vertragsformular festzulegen. Daß sie an den Tarifverträgen festhält, ist doch nur der Ausfluß ihers Wesens; da ja jede Organisation das Bestreben Hat, sich möglichst durch ein derartiges Instrument zu sichern. Der Tarifgedanke hat im Bauhandwerk bisher wohl die meisten Fortschritte gemacht; es war dies hier leichter, well sich im Baugewerbe nicht die uirgeheure Kapitalmacht angesammelt hat, wie in anderen Gewerben. Im Baugewerbe sind in allen Bezickcn Tarife abgeschlossen. Seit 1908 sind fast sämtliche Abschlüsse auf einen Termin verlegt. Vier Monate vor Ablauf der Vertrüge muß über die Erneuerung beraten werden. So geschah dies auch im Dezenrber 1909, da die Verträge am 1. bezw. 15. April d. I. ablaufen. Bei diesen Verhandlungen im Dezember 1909 verlangten die Bauhandwerker nichts unnrögliches, keine Lohnerhöhung, keine Arbeitszeitverkürzung. Anders die Arbeitgeber. Sie verlangten zunächst die z en t r a l e F e ft l e g u n g der Arbeitsbedingungen für ganz Deutschland. Es ist gewiß gut, wenn einzelne allgemeine Punkte für das ganze Wirtschaftsgebiet festgelegt
fert-M.-Gladbach. Die wenige Tage Mtvor (19. April) vom Monistenbund eingerufene Versammlung, in welcher Drews aufgetreten war, hatte getagt unter dem Vorsitze des jüdischen Amtsrichters Dosenheirner- Ludwigshascn. Man begreift die ileberraschung, als Herr Dr. Meffert die Frage aufwarf eingangs seiner Rede, ob dem betreffenden Vorsitzenden wohl bekannt gewesen fei, daß Drews — Antisemit sei!
Herr Tosenheimer beeilte sich, Herrn Pros. Dr. Drews brieflich zu interpellieren, „was es mit seinem Antisemitismus für eine Bewandtnis habe", und erhielt dann eine von ihm in der Mannheimer Presse veröffentlichte Antwort Drews', worin dieser erklärte, „nicht das geringste mit dem vulgären Antisemitismus der Volksstimmung und der Politik zu tun" zu haben. Er habe sogar unter Juden von jeher seine liebsten und treuesten Freunde gezählt, wohl „bekämpfe*ich das Christentum, sofern es s e m i t i s ch, d. h. theistisch, d. h. religiös unzulänglich ist, aber ich bekämpfe es aus religiösen Gründen und aus rassenhaften Gründen nur insofern, als es sich in der römischen Kirche zur Todscindin des germanischen Wesens ausgewachsen hat", und am Anfänge dieser seiner Erklärung heißt es:
„In meinem Werke „Die Religion als Selbst- b:wußtfein Gottes (1906) habe ich die Religion als nach dem Vorgang von Gobineau, Lagarde, Dries- manns und andern zur Rasse in Beziehung gesetzt und fie als den Wesensausdrnck einesBolkes, einer Rasse zu verstehen gesucht. Dabei stellte fick mir heraus, daß der Theismus mit seiner Annahme eines über die Wett thronenden und diese von außen her despotisch regierenden Gottes (!!) die Grundkategorie der semitischen (im weitesten S nne des Wortes), hingegen der Pantheismus mit seiner Behauptung eines der Welt selbst innewohnenden und fie von innen her bestimmenden Gottes die Grundkategorie der arischen religiösen Denkweise bildet. Unter diesem Gesichtspunkte erschien mir der Kampf des Theismus mit dem Pantheismus als ein Rassen- kampf, das Christentum ... als eine Verquickung des semitischen mir dem arischen Rassengeisie und die Gegnerschaft gegen das Christentum als eine fortgesetzte Auflehnung des arischen gegen den ihm gewaltsam von außen aufgedrängten Geist einer ihm wesenssremdeu Denkweise."
Was heißt überhaupt Dilettantismus? Der zeigt sich im Abschreiben und Ausschreiben von Büchcm, deren Inhalt nach Richtigkeit oder Unrichtigkeit wegen mangelnder Kenntnisse man nicht beurteilen kann. Und dieser Dilettantismus zeigt sich in Drews' „Chri- stusmhthe" auf jeder Seite ganz erschreckend deutlich.
Der Beweis hierfür führt uns gleich zu Drews Bchauptung, man wäre- auf den „Kem der Sache" nicht eingegangen.
ist denn für ihn der Kern der Sache? Die angebliche Existenz eines vorchristlichen Jesus. Woher hat er die Kenntnis hiervon? Aus dem Buche des amerikanischen Mathematikprofeffors W. I Smith „Der vorchristliche Jesus".
Woher wissen Smith und DrewS, daß es eine vorchristliche Geheimsekte gegeben, welche einen Kult- gott Jesus verehrt habe? Nicht ans einer v o r christlichen Urkunde, sondern aus einer Schrift des Epi- phanins aus dem Ende des 4. Jahrhunderts nach Christus, wo von einer Sekte der Nazaräer gesprochen wird. Mit dieser einen Notiz, die um drei Jahrhunderte den erzählten Dingen fernliegt, will Drews die Zeugnisse der Evangelien und Apostelbriese und der ganzen urchristlichen Literatur über "ben Hausen werfen 1 Hei, wie würde er schreien, wenn die von ihm so gehaßten Theologen die Existenz Ehrffii mit einem einzigen Zeugnis ans dem Ende des 4. Jahrhundert» beweisen wollten!
Klassisch gerade ist die Buchstabenspiele- rei, die Drews treibt, um dem Orte Nazareth die Existenz abzusprcchen, und den Ort als mißverstandene Abteilung aus dem Sektennamen Razaraer abzuleiten! Er nimmt die Buchstaben N Z R und meint, die könne man auch Nozer lesen, und Nozer heiße der Wächter, und das wäre ein Name jenes vorgeschichtlichen Jesu-Kultgottes. Wabrlich eine treffliche Methode Was würde Drews sagen, wenn wir aus seinem Namen die Buchstaben D r w s herausrissen und fie zu einem „Derwisch" zusammensehten? dabei ließe sich dann noch ein ganzer Berg gelehrter Brocken als Bluff für die Leser anbringen.
Einen geradezu, gräßlichen Fall von Dilettantismus muß fich Drews von Weinel-Jena (Ist das libe
rale Jesnsbild widerlegt? Tübingen 1910, S. 12) Vorhalten lassen. Aus der Ketzergeschichte von Hilgenfeld führt Drews den Hhmnus der Naassener-Sekte an, in welcher der Name Jesus vorkommt, und erklärt das als einen Beweis für einen vor christlichen Jesuskult. Hätte er eine Seite weitergelesen, dann hätte er bei demselben Hilgenfeld erfahren, daß jene Raaffener, von welchen der Hymnus stammt, das — Johannes-Evangelium benutzt haben.
Weiter: kühn und keck behauptet Drews, der Apostel Paulus sei kein Zeuge für Christi Existenz, denn aus seinen Briesen erfahre man sehr wenig über Christi Leben. Sehr richtig, wenn man die Angaben des Paulus mißt an den — Evangelien. Allein, was der angehende Theologiestudent lernt, daß die Briefe Pauli Gelegenheitsbriefe seien, geschrieben an — Christengemeinden, weiß der Hochschullehrer Drews noch nicht. Und wer wird als vernünftiger Mensch fordern, daß Paulus in jedem seiner Briefe gleich einen ganzen Abriß der Lebensgeschichte Jesu hätte geben sollen? Im übrigen teilt Paulus — von seiner Bekehrung als solcker ganz abgesehen — so viel aus dem Leben Jesu mit, daß es vollständig ausreicht, um Drews' „Christusmythe" barunter zu begraben. So kennt Paulus, um nur eines herauszuheben, „Brüder des Herrn" (1. Kor. 9, 5). Das sollte genügen für die geschichtliche Existenz des „Hauptbm- ders"! Doch nein, Drews meint (S. 125), das wäre die Bezeichnung für Gemeindeangehörige. In diesem Falle sagt Paulus „Bruder i n Christo".
Und dann die Auferstehung Christi, wo Paulus Sion 500 Brüdern redet, von denen einige noch leben. Großartig schreibt Drews (S. 124): „Es ist möglich, daß die Betreffenden etwas gesehen haben." Das glauben wir auch; aber auch, daß dieses Etwas, was sie gesehen haben, sie zur Ueberzengung von der Tatsache der Auferstehung gebracht halt
Nun noch ein anderes. In Mannheim hatten Protestanten und Katholiken am gleichen Tage (24. April) ihre Antidrews-Versammlungen. Bei den ersteren sprachen die Universitätsprofessoren Dr. I. Weiß und Dr. Grützmacher. bei den Wem Dr. Mes-