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Samstag den 21. Mat 1910.

37. Jahrgang.

fuldaer

Leitung

2. Blatt.

Trn< e«M Verlag her gulbe« Actiendnukerei in Md«.

wsches-rrM-scharl.

[:] Knlda. 20. Mai 1910.

Die letzte der drei Wochen des Harrens auf eine Entscheidung über die Wahlrechts Vorlage, die die Verfassung mit ihrer Vorschrift der wiederholten Abstimmung nach 21 Tagen dem Lande auf erlegt, geht an diesem Samstag zu Ende, und bona wird hof­fentlich auch die schreckliche, ereignislose Zeit der poli­tischen Kanneaiesterei durch eine Periode d« Tat ab- gelöst werden. Die Entscheidung liegt bei den Natia- nalliberalen, da das Zentrum die Zustimnumg zu die­sen Herrenhausbeschlüssen verweigert.

In B a d e n hat die Zweite Kammer vor wenigen Tagen ein neues Vvlksschnlgesetz beschlossen. Die letzten Verhandlungen über diches Gesetz sind von allgemeinem Interesse, denn wohl noch nirgends hat sich das letzte Ziel des Großblocks so offenkundig ge­zeigt als bei dieser Gelegenheit. Das Zentrum hat gegen das Gesetz gestimmt, nachdem seine Anträge auf Beseitigung des Kultuckunpfparagraphen 114 mit sei­nem AuSnähmerecht gegen dir kirchlichen Korporatio­nen, Stiftungen und Ordenspersonen von dem Groß­block abgelehnt worden waren. Die badische Regierung hatte sich mit der Streichung dieses Kulturkampfpara- gratchen einverstanden erklärt- Daß die National­liberalen an der Ausnahmebestimmung sestgchal- ten haben, kann natürlich nicht besonders verwundern, denn diese Partei ist ja heute noch die eifrigste Freun- )in des Kulturkampfes. Die nationalliberalen Red­ler in der Kammer versuchten zwar den Charakter enes Paragraphen -als Ausnahmegesetz zu bestreiten; iber sogar die liberale „Kölnische Zeitung' hat zu- 1 leben müssen: „daß diese die kirchlichen Korporationen unter ein Ausnahmegesetz stellende Bestimmung aus her Kulturkainpfzeit stammt und schon damals den i Ltderspruch entschieden liberaler Manner herausgrsor- iert hat." Dagegen hat die Haltung der Sozial- i emokratre einigermaßen überrasch« müssen. Die Sozialdemokratie, die doch die Segnungen der Aus­nahmegesetze zur Genüge am eigenen Leibe erfahren hrt, hätte wahrhaftig — ganz abgesehen von ihren prinzipiellen Forderungen — allen Grund gehabt gegen die Ausnahmebestimmung des § 114 zu stim­men. Aber nein: sie hat geschlossen für dieBeibe - Haltung des § 114 gestimmt. Die Begründung dafür hat der Abg. Geck gegeben, indem er ausführt: Das Ziel der Sozialdemokratie sei die reine Staats­schule unter Ausschluß aller Privatschulen Der § 114 bedeute ein Mittel auf dem Wege zum svzlaldemokra- ftschen Endziel hinfichtlich der Schule, daher stimme er der Beibehaltung zu. Die Sozialdemokrabm Kolb und Frank bestätigten, daß ihr Ziel die ausschließliche staatliche Zwangs schule sei, daß man von weitergehen- fcen Anträgen gegen kirchliche Anstalten nur deshalb abgesehen habe, weil sich keine zwingende Notwendigkeit für den Augenblick ergeben habe. In fröhlicher Ein­mütigkeit stimmte darauf der gesamte Großblock für die Aufrechterhaltung des Kulturkampfparagraphen. Die hohe grundsätzliche Bedeutung der Verabschiedung des Bolksschulgesetz durch den Großblock wurde von dem sozialdemokratischen Führer Dr. Frank offen aner­kannt. Stolz wies er darauf hin, daß eS der G r o ß- bl ock sei, welcher das Schulgesetz fertig bringe und dadurch seine Fähigkeit zur Leistung positiver Arbeit b eise und Anerkennung von der Regierung verlangen dürfe. Ihm sekundierte der natronalliberale Fraktions­chef Oberschulrat Rebmann, der hervorhob, daß die Regierung mit der Fvrderrmg der Arbeit durch den Großblock wohl zufrieden sein Rinne; waS der Groß- block bis jetzt gemacht habe, zeige, daß die Nationallibe- r^en auf dem richtigen Wege seien, diesen würden sie a o weiter gehen. In der Tat, mit dem Bslksschul- 8csetz hat der Großblock sein Meisterstück gemacht. Offen und klar Legen vor aller Augen die Bestrebungen des Großblocks. Die Sozialdemokratie hat sich unter Führung ihrer revisionistischen Häuptlinge Frank und Kolb zur führenden Partei der Regierungsmehrheit entwickelt. Die Nationalliberalen aber freuen sich, mit ber Sozialdemokratie positive Arbeit auf dem Gebiete der Kulturfrage lechen zu dürfen. Sie der Weg wri- iergehen wird, kann nicht zweifelhaft sein, lieber bie Grenzen des badischen Landes hinaus verdient das

Meisterstück der badischen Großblocks ernsteste Beach­tung.

Man nennt die Wingstwoche die Kongreßwoche. In chr waren die verschiedensten Vereine und Verbände zur Beratung versammelt, aus denen wir als wich­tigste Tagungen die bet katholischen Lehrer in Bo­chum und ber katholischen Lehrerinnen in Koblenz hervorheben. Mit freudiger Genugtuung kann aus dem Verlauf beider Veranstaltungen geschlossen werden, daß in beiden Gruppen unserer Zugenderzieher der katholische Geist lebendig und rege ist. Das ist in ber Gegenwart, tu welcher die Schulfrage die brennende ft, doppelt erfreulich. Das katholische Deutschland bringt den in den beiden Verbänden zusammenge- schlssftnen Lehrer» und Lehrerinnen volles Verträum entgegen.

Theod« der Große, der ehemalige amerikanische Präsident RosftNolt, ist am Samstag mittag von Ber­lin abgefahren, „an Siegen und an Ehren reich". Die überaus neugierige Bevölkerung von Groß-Berlin hat chm maßlos zugejubelt und die Univcrfilät den Titel des Ehrendoktors mit auf den Weg gegeben. In Lon­don wird er vom Kaiser bei Gelegenheit der Beffetz- »rrgsseierlichkeit«, Abschied nehmen.

Der Wetterwirckel Europas, der Balkan, dielet »ach wie vor eine gut ausgestattet- Sammlung von potitifchen Problemen, und fast scheint es, als trüge jeder Tag dazu bei, die Verwirrung zu steigern. So­eben hat der tückische Kronprinz den „Kollegen" vo» Serbien, Alex-mder, aufs ärgste brüÄiert, indem er ver­hinderte, daß ineser mit seinem Gefolge Platz in dem OWNieppreß zur Reffe »ach London erhielt; prompt haben sich batasf Grenzunrvh« eingestellt. Die TLckei hckt den Sdtfst-nd in Albanien, de« die ungebär- bigen Söhne dieses Gebirgslandes gegen dir Stvrer- einzieher der Tückei führen, zwar nicht niedergeschla­gen, aber als die Kreter durch ihre Proklamation des Anschluss^ an Griechenland das türkische Zufmumen- gchörigkeiiSbewußtsein wieder aufflackern liefern, da waren die Albanier bereit, anstatt gegen die türkischen Truppen gegen Griechenland zu Felde zu ziehen. Die Tückei macht von diesem Anerbieten natürlich keinen Gebrauch, weil sie keine Verwendung dafür hat; aber sie nimmt diese Rückenstärkung gegenüber den so sehr zweideutigen Schutzwachim Kretas gern wahr. Eine „Lösung" der Kreta-Angelegenheit hat sie freilich damit noch immer nicht durchsetzen können, mid das wird ihr auch kaum jemals gelingen.

Währmd ü> Mittelamerika der Bürgerkrieg m R i- caragua weiter tobt und neuerdings wieder eine Wendung zugunsten des früheren Präsident« Estrada zu nehmen scheint, während eine andere mittelamerika- mschc Republik, Costarika, wie auch die uordwrst- liche Grmzrepubtik von Südamerika, Columbien, von entsetzlich«! Erdbcken heimgesucht werben, droht zwischen Ecuador und Peru ein Krieg auszu­brechen, der wahrscheinlich auch das südlich von Peru gelegene Bolivien und die große Republik Chile in Mitleidenschaft ziehen würde Der Gmnd zu der Spannung Misch« dm Republik« ist in Gvmzstrei- ttgkeiten zu suchen. Es handelt sich um Terrains, die von alters her durch ihren Reichtum an Gummiwaldun- gen bekannt sind, bie aber tief im Innern liegen, wohin bisher Weiße nur selten gedrungen sind. Ecuador macht nun Ansprüche auf diese WÄdrr. Ecuador und Pern habm ans Grund einer Verabredung den König1 von Spanien zum Schiedsrichter gewählt. Eine Ent­scheidung ist jedoch noch nicht gefallen. Die kriegeri­schen Rüstungen herben einen groß« Umfang angenom­men, die beiderseitigen Gesandten sind von der Be- völkerung der Hauptstädte belästigt worben, und auch sonst liegen zcchlreiche Symptome vor, die auf einen Krieg hindeutm. Aber es wird auch Dort nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird, zumal die Dewa.7- nung beider Völker herzlich schlecht und ber Bestand der Kriegskasse noch viel schlechter ist.

Aus China, dem „Reiche bet Witte", dem volk­reichen großen Ostreiche Asiens, kvmmm andauernd Meldungen, bie hon dem Heran brech en einer neuen Zeit erzählen. Allenthalben wird wieder der Krieg gegen die Fremden, womit besonders die allerdings immer wieder mit nngtaublicher Arroganz austretenden Mis­sionare der verschiedenen amerikanischen Sektm gemeint

find, gepredigt. Die revolutionären Bewegung« in den'Provinzen Kiangsu, Chekiang und Hunan habm die Zentralregierung in Peking sehr beunruhigt, und die von dieser dabei an dm Tag gelegte Schwache imb Unentschlossenheit haben wiederum bie revolutionären Elementt im ganzen Reich ermutigt In Dunau wird durch bie „Gesellschaft ber roten Lampe" unter btm Motto „Folgt ber Dynastie und tötet bie Fremden!" di- Revolution ganz offen vorbereitet- In Chekiang haben die SoffS maßen Schulen zerstört, weil sie glau­ben, daß deren allgemeine Einführung zu der fchweren Besteuerung Veranlassung gegebm hat. In Hupeh sieht man infolge schlechten Wetters einer Hungersnot entgegen, die die vorhandenen Zündstoffe unzweifelhaft zur ^ploflon bringen würde. An Wetterzeichen eines großen Gewitters fehlt es also keineswegs.

* -Her Mittelstark in den Parla- mevten.

Am Reichstage lag wieder eine große Zahl vo» Anträgm vor, die sich mit der Hebung des Hand­werks befaßten. Man gewinnt unbedingt ben Ein­druck, daß bw Parteien heute weit mehr Interesse unb Verstänbnis den Forderungen des Handwerks entge­genbringen, als dieses früher der Fall war. Das gilt weinger vom Zentmm und de» rechtsstehenden Par­tei«, die von jeher eine gesunde Mittelstandspolitik ge- trieben habm unb dieses auch heute wieder durch zahl­reiche Anträge bewiesen, als von ben andern bürgerli­chen Parteien. Das Charakteristische ber diesjährigen Bemtungen liegt demnach darin, daß alle Partei«, natürlich abgesehen von der „liebften gneunbin" des Mittelstandes, der Sozialdemokratie, ben Anwalt des .Handwerks abgaben, afieibingS je nach ihrem politi- schm Programm in anderer Form und in verschiede­nem Maße.

Zum Teil handelte es sich um die alten Forde­rungen des Handwecks. Man muß anedctuien, daß die ReichSregie rang hierzu im allgemeinen einen weit entgegenfontmenben Standpunkt einnahm. Ausgehend von der Betonung der Bedeutung eines lei­stungsfähigen, selbständig« Mittelstandes für den Be­stand des Staates und der Pflicht des Staates, für die Erhaltung desselben tätig zu sein, ging der Staats­sekretär des Innern auf die einzelnen Wünsche näher ein. In dm Fragen Fabrik und Handwerk, Heranziehung der Industrie zu ben Kosten der LehrlingSansbildnug unb Abänderung des H 100 q machte der Staatssekretär zwar eine Reihe von Sebent en geltend, erklärte sich aber bereit, die drei Fragen noch einmal eingehend zu »rufen. Die Prü­fungen sind bereits eingeleitet — z. B. soll in der Frage Fabrik und Handweck eine Kommission in das Reichsamt des Innern zur Besprechung einberufen werden — sodaß eine baldige LSfuug zu erwarten steht- Bezüglich des Gesetzes über die Sicherung der Baufor­derungen verwies bet Staatssekretär darauf, daß die Inkraftsetzung des zweiten Teiles des Gesetzes ben Bundesstaaten überlassen sei. Was das Detail­reisen und das Wandergewerbe angebt wird an einem Gesetzentwurf gearbeitet, wonach nach dem Anträge Bayerns die Zulassung der Härterer bezw. die Erteilung des Wandergewerbescheins von dem Nachweise des Bedürfnisses abhängig gemacht werden soll. In der Frage t«r Tarifverträge handelte es sich vor allem darum, ob den Zwangsinnungen ge­stattet sein soll, Tarifverträge abzusckiließm. Der Staatssekretär stellte sich hier auf den Standpunkt des preußischen Ministers für Handel und Gewerbe. Dieser geht dahin, daß auch den Zwangsinnungen im Gegen­sätze zu früher der Abschluß von Tarifverträgen zu ge-; statten sei, vorausgesetzt, daß nicht damit zugleich eine Preisbindung der Waren, die an sich nicht zum Wesen des Tarifvertrages gehört, bezweckt wird. Wohl am meisten Rücksichtnahme zeigte die Regierung bei den Wünschen über die Vergebung öffentlicher Arbeiten und Lieferungen. Hier hat sie dem Handwerk das größte Wohlwollen gezeigt, indem sie vor allem Wert auf die Vergebung ihrer Arbeiten und Lieferungen an Handweckervereinigungen legt. Man kann sagen, an dem Reichsamte des Innern — das gilt auch von den andern Reichsämterri — liegt

es nicht, wenn der Erfolg auf diesem Gebiete noch kett» befriedigender ift

Die 8 andtage haben für das Handwerk eine noch größere Bedeutung als der Reichstag, weil der Schwerpunkt ber Mittelstemdspolttik nicht im Reiche, sondern bei ben Bunbrsstaaten liegt Auch hier finden wir sowohl bei ben Parteim wie bei ben einzeln« Bunbesregierungen wachsendes Verständnis unb In­teresse für das Handwerk

Jm Preußischen Landtage ließen die Parteien durch Ujce Redner alle alten und neuen Wünsche beS Handwerks zur Besprechung bringen. Ein warmer Ton ging durch die Debatten, ben man früher so allgemein kaum getonnt hatte. Der preußische Mi­nister für Handel und Gewerbe ging aus die von dm einzelnen Rednem angeregten Fragen in bei Sitzung vom 7. März in ausführlicher Weise ein Bei ber Vergebung öffentlich er Arbeiten und Lieferung« konnte der Mnister mit einigen Zahlen bienen. Die Militärverwaltung hat 1903 an 70 In­nungen unb 38 Genossenschaften Lieferungen im Ge­samtwerte von 1% Millionen Mk. übertragen. Dazu kamen noch Vergebung« ber Militärverwaltung an Handweber mit 680 000 Mk., das sind 12 Prozent beS Gesamtwertes der Lieferungen, ben sie überhaupt zu vergeb« hat. Die Reichspost- und Telegrapherwer- waltung überträgt in wachsendem Maße Arbeiten an Handweckervereinigungen, ebenso das Ministerium der offmüich« Arbeiten. Dabei tarn auch der bekannte Bericht des preußischen Kriegsministers zur Sprache, Worin er darauf hinweist, daß die Leistungen der Hand- toerfer»ereinigimgen nicht immer voll befriedigt hätten, dafe auch der Wettbewerb ber Bereinigungen, solche Arffttäge zu ertaneen, oft zu gering wäre Man kann dem Mnister nm beistimmm, wenn er dies« Witzstand ans bett BerhciliMeu heraus als erklärlich bezeichnet- Das Handwerk darf sein Können einerseits nicht über­schätzen, anderseits muß es sich für bie Ueberucchme sol­cher Arbeiten xck einrichten. Erfteulich ist, boß der Minister es als unzulässig erfswtt, daß bei beit Sub­missionen bie Gefängnisverwalinngrn ntrt ihren Arbeiten mitkonkurrieren. Ebenso äußerte er sich bezüAich der Heranziehung der Sachverständi­gen bei ber Abschätzung ber Arbeiten in zustimmen­dem Sinne.

Zn der Frage Fabrik und Handweck stellte er eine baldige Lösung in Aussicht und verteidigte den Erlaß, wonach bei Eintragung eines Betriebs in das Handels­register bie Handelskammer einzuhol« unb es gemein­sam mit ihrem Anträge dem Richter vorzulegen. Reben den groß« Mcisterkursen sollen auch die kleinen geför­dert werd«. Zwecks Ausbildung von Handwerke« als Fachlehrer an Fortbildungsschulen sollen Kurse zur pädagogischen Ausbildung der Handwerker auch in Zukunft gepflegt werden. Ausführlich wurde die Durchführung der neuen Bäckereiverord­nung besprochen, da Klagen Vorlagen über zu rigo­roses Vorgehen der Polizei. Der Minister betonte, daß es ihm fern liege, die Verordnung nun rücksichts­los zur Durchführung zu bringen. Es wärm Dispense auf zwei, auf vier, ja in 43 Fällen auf 10 bis 20 Jahre erteilt worben. Für bie sofortige- Inkraftsetzung beS zweiten Teiles des Gesetzes über die Sicherung der Bauforderungen glaubte sich der Minister nicht aussprechen zu können, sondern er hielt es für notwen­dig, zuerst Erfahrungen mit dem ersten Teile zu sam­meln. Wenn dieser aber nicht genüge,- bann schrecke er nicht davor zurück, auch ben zweiten Teil einzn- führen-

Im übrigen aber vertrat er erfreulicherweise dm Standpunkt, daß es nicht Aufgabe der Behörde wäre, von den Handwerkervertretungen sozusagen einen ein­gehenden Nachweis zu verlangen, welche Leute im Baugewerbe unzulässig seien, sondern daß die Behör- dm sich auf Gmnd ihrer eigenen Erfahrung« darum zu kümmern und auch in den Akten mal rückwärts nach- zublättem hätten, wo Schädigungen von Bauhandwer­kern durch unztwcrläffige — auch moralisch unzuver­lässige Unternehmer stattgefundm hättm. Von der Auf­hebung des § 100q versprach sich der Minister keine Vorteile für das Handwerk. Allerdings ist in dieser Frage das Handwerk selbst noch, geteilt Ferner ver­teidigte der Minister gegenüber der Sozialdemokratie seinen Erlaß vom Jahre 1909, in dem den Inn u n-

Unpolitische SeiHäuft

<N.) Berlin, 19. Mai 1910.

(Nachdruck verboten.)

Das war nichts! Nein gar nichts! So ein Schwindelmeyer, dieser Komet! Statt Halley wollen wir ihn lieber Halunke nenn«, weil er die Menschheit schnöde betrog« hat-

So und ähnlich polterten heute müde Leute, die i.- der Kvmetennacht auf WcktÄ-Abeuteuer ausgegangen, waren. Ich habe behaglich geschmunzelt, denn erstens hatte ich vortrefflich ausgeschlafen, und zweitens war ich durch den fanden Kometen zum guten Propheten ne macht worden.

Oer wir wollen dem Kometen kein Unrecht t H-Ä -r selbst uns etwas versprochen? Hat et sich o heischig gemacht, mit fernem Bahuschwcif die irbifä. Porzellankammer auszufegen? Oder hat er uns mit der Blausäure gedroht? Oder hat er uns wenigstens elektrische Spannungen und etwas Nordlicht in Aus­sicht gestellt? Nich8 von alledem. Er ist unschuldig an der windigen Rellmne, die mit ihm unb für ihn gemocht mord« ist. Irdische Professor« haben ohn: Auftrag unb Wunderbinge vorerzählt von de« Schwel'. der 40 bis 50 Millionen Kilometer lang sein unb un geaalte Kräfte entwickeln sollte.. Währenb bet Komet still uns frieblich feinen vargeschr-ebenen Dauermarsch durch das Weltall absolviert, haben sich auf der „intel­lektuellen" Erde freiwillige Marktschreier aufgetan, die ihn au priesen wie ein neues Buch von Frenssen oder ein neues Stück von Hauptmann. „Der Himmel be­hüte mich vor meinen Freunden", kann ber Komet seufz«. Eine allzu scharfe Reklame wird schartig. Der gute alte Haarstern hat enttäuscht, weil man zu viel von ihm prophezeit hatte.

Rach den bisherig« Nachrichten will ein Sternen­gucker irgendwo eine leuchtende Wolke gesehen haben; ein anderer hat in einer Wolkenlücke sogar eine Stern­schnuppe (schreibe und sage: eine!) gesehen. Für solche Herrlichkeiten braucht mau wirklich keine Ko­metennacht abzuwarteu. Irgend etwas außerordent­liches ist nicht beobachtet worden. Die elektrischen Apparate haben gar keine Unruhe gezeigt. Wo sich die ausgehende Sonne entschleiert hatte, vermocht« die vesten^Fernrohre von dem Kern des Komet«, der vor der L mnenscheibe vorüberainn. nicht die Svur au

entdecken- Daraus ergibt sich die Schlußfolgerung, daß der feste Sern des Kometen sehr klein sein muß oder daß er überhaupt keinen Kem hat, der nicht die Son­nenstrahl« durchließe. Da drängt sich demi die Ver- rnirttrng aus, daß es mit dem vielbeschrimen Schweif auch nicht s« riesig bestellt sei, wie man uns vorerzählt hatte. Di« nächsten Tage werden darüber Klarheit schaffen, da wir ja nunmehr das Weltwunder abends nach Sonnenuntergang am nordwestlichen Himmel in Mutze betrachten können.

Die Gelehrten sagen, dieser selbe Halleysche Komet lauft schon seit mehreren tausend Jahren seinen ge­wohnt« Weg und sei regednäßig viermal in drei Jahr­hunderten der Erde nahe gckvmmen. Run, wenn ber ritt Herr so häufig schon ein „Sonnenbad" genommen hat, bei dem er eilten Teil seines Bestandes in schweif- arti-oe» Gasmisströnmv gen von sich gibt, fo wird er M allmählich zusammen geschrumpft sein. Alles al- "t. auch die Sterne; wir Mensch« machen es schnell, *'e ~’erne langsam, aber sicher.

Die Angst vor dem Kometen wird nun wohl ous- 'oriwmt fein. Aber Mr St«er der Wahrheit muh fest- bestellt werden, daß die Angst sich durchaus nicht auf -ie ländlich« Gegenden und die sogen, „rückständigen" O etzölkenmgstelle beschnankt, sondern auch auf Dem rotzftädtisch« Asphalt und in den „aufgeklärten" reife» ihre Opfer gesund« hat Ich habe hier zu Lande manche gefunden, die mit gespannten Nerv« unb fpinnghaftem Her,schlag dem Durchgang der Erbt burch beu Kometenschweif entgegensohen- Auch die for­mierte Lustigkeit in der kritischen Nacht war vielfach nur ein Deckmantel für ine innere Unruhe. Ein „alldeut­sches" Blatt verflieg sich gestern in einem schwülstigen Kometenartäkl zu bei Behauptung, die «manischen Bölkei sähen bei Ankunft mit Angstgebetm entgegen, die germanischen Völker aber in edlem Wiffensdmnge auf improvisiert« Sternwarten. Ein pharisäischer Unsinn! An der Beobachtung haben sich alle Kultur- nattonen beteiligt, und was die Aengstlichkeit an geht, so hat die z. B. in Nordamerika stch sehr stark bemerklich gemacht, und dort ist die Bwvlkernng in der großm Mehrzahl von germamscher Abkrmst nnd von pro­testantischer ReliMon. Uebrigms weiß man ja längst, daß der Aberglauben nirgends besser blüht (unb auch nirgends besser ausgebeutet wird), als in Berlin-

3m übrigen kann es nicht schaden, wem» wir allzu­mal uns wieder an das elfte Gebot erinnern: Laß dich nicht verblüffen! „Immer mit der Ruhe!" Wir

leben im Zeitalter der Reklame. Es gibt eine Masse von Leuten und eine Menge von Zeitungen, die das M—ündcheu viel weiter aufreißen, als nötig ist. Da werden übertriebene Vorstellungen und Erwartungen geweckt. Mmi macht sich Sorg« und Aengsten wegen uv gelegter Eier.

Du lieber Hnv^uel, wir habe« doch auf Erden schon Sorgen genug in rrifeiem eigenen Revier. Unsere und ber Angehörigen Gesundheit, die Erziehung der Kin­der, die Bemssarbeil und das tägliche Brot, Wettbe­werb, Aussperrunoen Streiks usw. — sind das nicht Svrgenquellen oon überreichlicher Ergiebigkeit? Für ben Mann kommen noch all' die Ausgaben hinzu, die er im öffentlichen Leben zu lösen hat, und die find oft recht dornig. Wer bei alledem noch ruhige Vierten, einen klaren Kopf und eint feste Hand bewahren will, bei batf nicht die Finger in Dinge stecken, die ihn nichts angehen. Er tut das feurige und überläßt das andere dem, der alles lenkt. Die Vorsehung im Himmel hat die Weiten geschaffen und ihnen ihren Beruf angewie­sen; sie wacht über die Ausführung des Weltmpro- grammS bis zu dem jüngsten Tage der Liquidation, Auflösung und Abrechnimg. Der Christ, der den Heilsplan GotteS auf Erden näher betrachtet hat, wird eg bei ruhiger Uebcrtegimg für ausgeschlossen halten, daß der allweffe Schöpfer und liebevolle Erlöser durch dien abeeiritul Wandelstern vorzeitig die Entwicklung der Menschheit urit.rbrechm lasse.

Unsere lebhafte Phant^ffle geht ost mit der bedäch­tig« Vernunft durch. Wir haften uns natürlich sür sehr groß und ttug, ober wir haben doch noch diel kind­liches und auch kindisches an unS. Die Einbildungs­kraft gleicht der roten Abendsonne. Sie zaubert Farben auf die Dinge, die sie am klaren Mittag nicht habm, und ste wirst auch Schatten von einer ungeheuren Länge, wie sie der Größe der Dinge gar nicht entspre­chen- Die Einbildungskraft kann nicht Matz halten. Gerat« wir in die Hoffnungsstimmung, jo soll das Füllhorn des Glücks sogleich ganz über uns entleert werd«, und sehm wir ein dunkles Wölkch«, so mal« wir uns alsbald das größte Unhell und das schreck­lichste Verderb« an die Wand.

Es geht aber gar nicht so überschwenglich zu in dieser Welt. Die Natur arbeitet in der Regel mit starken Verwässerung«. Bis das erhoffte Glück bei einem eintrifft, fft es gewöhnlich schon so abgeblaßt und eingeschmmpst, daß du nicht mehr recht befriedigt bist. Aber warum hast du djch so unvorsichtig über­

schwenglichen Hoffnungen hingegrbeu? Wer bescheiden im Hoffen geblieben ist, wird befriedigt und glückselig bei der Veschemng sein. Enttäuschungen find die Fol­gen von Selbsttäuschungen. Erfreulicher Weise gibt es auch Enttäuschungen im Gebiete der Kümmernisse. Wir übertreiben auch in unseren Sorgen und Befürch- hmgen; wir zittern und zagen vor Gespenstern. Wenn dann die gefürchtete Stunde herankommt, so merken wir nach und nach, daß die Sache doch nicht gar so schlimm verläuft, wie mir es uns gedacht hatten. Was wir für einen herannahenden Weltuntergang oder Lebensbankerott gehakt« hab«, entpuppt sich schließ­lich als ein Zwischenfall, dm man leidlich ertragen unb bald überwind« kann.

Der Leichtsinn ist gewiß keine Tugend, aber die Schwermut auch nicht. Der Leichtfinn läuft auf Roll­schuh« und kommt oft zu Falle. Die Schwermut bin­det sich Bleiklumpen an die Beine und kommt über­haupt nicht vorwärts. Der sanguinische Mindhunv soll nicht unser Ideal sein, und die melancholische Kröte erst recht nicht. „Bange mach« gilt nicht", heißt die Spielregel- Der Mensch soll auch nicht sein eigener Bangemacher fän. Wer immer schwarz sieht unb den Kopf stets voll Sorgen, das Herz stets voll Angst hat, der kommt im Wettlauf nicht mit. —

Als wir seinerzeit von dem „Zusammenstoß" am Himmel sprach«, hob« wir besonders hervor, daß unsere gute Mutter Erde ein vortreffliches Schutzwams an hat, nämlich die dicke Lufthülle, die unsere Planeten rings umgibt und alle feindlichen Kugeln auffängt. Der Mensch kann sich auch ein solches Schutzttams zu­legen; wenn auch nicht für seinen Körper, doch für seine Secke Es ist das gute Gewissen. Wenn er sich in das Bewußtsein hüll« kann, daß er das feurige getan, fo gut er es vermocht, — dann fft er gefeit unb gesichert. Dann kann ihm kein Teufel etwas anhaben; bann hat er nur mit ben Fügungen des gütigen Gottes zu rechn«, und die werben ihm nicht zum Verderben, fonbern zum Heile gereichen.

Der Komet ist früher vielfach als eine Zucht­rute bezeichnet worb«, bie Gott am Himmel ausge- ftretB habe. Er hat aber nur äußerliche Aehnlichkelt mit einer Zuchtrute. Ich möchte lieber sagen, er sei ein Rufzeichen am Himmel, das uns mahnen soll, im Erbengetriebe nicht auf das Höhere zu ver­gessen.