Kiltzaer W Zeitung
jÄä«. wochenbeilax«!„Illustrierte Sonnfagsjtitung"
Fulda, Samstag den 21. Mai 1910
Erstes Blatt
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monatsbellage: „Zuldaer Geschichtzblatter"
x’ Wann werden die Wahlrechtskämpfe z« Endetet«?
Der Hansabund gibt sich für unpolitisch aus. Seine Berliner Geschäftsleitung erläßt nun heute eine Erklärung gegen die aufsäffige rheinisch-weft. fälische Bezirksgruppe, in welcher eS heißt:
.Keine Wahlresorm kann die WahkrechtS- kämpfe beenden, welche nicht die direkte Wahl und eine angemessenere Einleitung der Wahlkreise oder eine Vermehrung der Zahl der Abgeordneten vor» wiegend gewerblicher Wahlkreise gewährt.*
Also der Gesichtspunkt der Beendigung der Wahlrechtskämpfe wird vom Hansabund in den Vordergrund gestellt. DaS ist aber doch reine Politik! Wenn der Hansabund eine unpolitische Vertretung von Interessen beftimnller Erwerbskreise wäre, so würde er sich nic^ in die parteipoliti« scheu Kämpfe mischen und vor deren AuSgang seine eigene Stellungnahme abhängig machen.
. Aber wie steht es denn mit der angeblichen Aussicht auf ein Ende der Wahlrechtskämpfe? Die rnderweite Einteilung der Wahlkreise oder die Neuschaffung von städtischen Mandaten werden bekannt» iilh in dem setzt schwebenden Gesetzentwurf überhaupt nicht berührt. Wenn in dieser Hinsicht Neuerun» gea erstrebt werden, so muß der Kampf um dieselben nach Erledigung dieses Gesetzentwurfs erst reht beginnen. Bon praktischer Bedeutung für di: Gegenwart ist also nur die andere Forderung des Hansabundes: „Die direkte Wahl.* Ob der S iwmzettel des Wählers den Namen des ge- winsäten Abgeordneten seschst enthält oder den Nnmcn des auf diesen Abgeordneten verpflichteten Wrhlmannes, soll dieser formale, äußerliche, technische Unterschied im Wahlverfahren von so wunder-
: entscheidender Bedeutung fein ?
Die Sozialdemokratie, die bekanntlich die türmische Vorlrnppe in den Wahlrechtskämpfen uldet, läßt sich mit dem Schaumkloß der direklen Wahl nicht abspeisen. Sie wird nicht eher Halt blasen lassen, bis ihr das ganze Reichstagswahlrecht für Preußen bewilligt ist. Wenn mau ihr das geheime und direkte Wahlrecht gibt, so wird sie ihre Agitation auf das gleiche Wahlrecht zuspitzen. Die Bekämpfung des plutokratischcn Moments, der sog. „Dreiklassenschmach*, hat sie nur aus leicht erkennbaren taktischen Gründen vorläufig etwas zurücktreten lassen.
Nun muß jeder ehrliche Beobachter zugestehen, daß in dieser Hinsicht das sog. schwarz-blaue Wahlrechtskompromiß der Sozialdemokratie weniger Zündstoff und eine geringere Begriffsfläche bot, als die Herrenhausfassung nach Annahme des Antrags Bethmamr-Schorlemer. Was die Konservativen und das Zentrum im Abgeordueteuhause beschlossen hatten, brachte nur Besserungen, Fortschritte gegen den bisherigen Zustand. Auch der plutokratische Charakter d's Wahlrechts wurde dort gemildert. Aber wenn n«n mit Hilfe der Mittelparteiler die Vergrößerung der Drittekungsbezirke durchgeht, so liegt eine wirkliche Verschlechterung des bisher geltenden Rechts vor; und die „Reform" wird dann tatsächlich ein Rückschritt bis hinter das Jahr 1893. Ein solcher Mißgriff wurde natürlich die Agitation. der Sozialdemokrat.e und auch die übrigen Anhänger des Reichstagswahlrechts neu beleben.
Es liegt sogar die Möglichkeit vor, daß infolge der vergrößerten Drittelungsbezirke die Sozialdemokraten rhr halbes Mandel Mandate im Abgeord- neteuhause ganz oder zum größten Teil verlieren. Ein solche Wirkung würde nichts anderes bedeuten, als en Strom von Petroleum in das Agrtationss euer.
. ^nö ,nun b’c Freisinnigen und die Jun g- ltbcraketz — würden die sofort die Wahlrechts- aattation emstellen, wenn ein Gesetz mit direkter Wahl durchginge? Die Leiter vom Hansabunde wrffen noch bester, als wir, daß die ganze Wahlrechtsaktion vom Fürsten Bülow nur eingeteitet worden ist aus Drängen feiner netten liberalen Blockgenoffen, die sich neue Mandate für das Abgeordnetenhaus erobern und so den Konservativen die Vorherrschaft m Preußen entreißen wollten. Tas Wahlrecht ist nur Vorwand und Mittel zum Zweck; um die Wahl macht dreht sich das ganze Treiben mrd Ringen. Solange nicht die konserva- sive Parier geschwächt und die Zentrumspartei aus- geschal.et" ist, wird es mit den Wahlrechtskämpfen nicht zu Ende gehen.
Ter Hansabund gehört zu den eingeschworenen ÄKgnern der „schwarz-blauen Parteien". Er selbst wird die Fortsetzung der Wahlrechtskämpfe betreiben helfen, bis der Liberalismus mit Hilfe der Sorial- deuwlratie das Uebergewicht über Konservative und Zentrum errungen hak. Durch feine Worte vom künftigen Frieden werden sich nur ganz einfältige Leute täuschen laffen. Wir sehen den Weck der jüngsten Erklärung nur darin, -daß der p o l i t i s ch e Charakter des Hansabundes recht handgreiflich klargestellt tst.
+ Die Regierung und die Wahlrechtsreform.
In dem „Grenzboten* wird ein Artikel zum Wahlrechtskampfe ver.ffentlicht, in dem folgender Appell an den Minifterpräfidenten gerichtet wird:
„In der Wahlrechtsfrage hat er die Trümpfe in der Hand, die nicht nur das Prestige der preußischen Regierung, sondern auch das der Reichsregierung rote* derh erstell en können. Eine solche „Restauration" erscheint uns aber dringend geboten, wenn mir nicht aus Berstimmungen allmählich in eine Krisis hinübergleiten sollen. Herr von Bethmanu wird bei jedem Versuch, die Staatsautorität roiederaufzurichten, die tatkräftigste Unterstützung in der konservativen und liberalen Presse finden. Der Feind dieser Autorität ist im gegenwärtigen Augenblick aber nicht die Sozialdemokratie, sondern das Zentrum.*
Diese Auslassung erinnert an die verschiedent- lichen Vorwürfe, die vor den letzten Verhandlungen des Herrenhauses wn fxikonservativer und nationalliberaler Seite g-rgen die Regierung erhoben worden sind, daß sie durch ihren „Umfall' bei der Wahl
rechtsreform ihre Autorität auf das schwerste ge- schädigt habe usw. usw. Da verlohnt es sich, den „Umfall* der Regierung einmal einer näheren Beleuchtung zu unterziehen.
In welchen Punkten unterscheidet sich die gegenwärtige Fassung der Wahlrechtsvorlage (nach den HerrenhauSbeschlüffen) von der ursprünglichen Vorlage?
1. In dem Ersatz der öffentlichen durch die geheime Wahl;
2. in dem Ersatz der direkten durch die i n d i r e k t e Wahl;
3. in der Neueinführung der vergrößerten Drittelungsbezirke;
4. in der totalen Abschwächung der Maximierung.
Von diesen Aenderungen ist eine ohne das Zutun der Regierung in die Vorlage hineingekommen, nämlich die geheime Wahl. Wie aber steht es hier mit dem „Umfall* ? Man kann nicht sagen, daß bei den Verhandlungen über die Vorlage seitens der Regierung die öffentliche Wahl mit besonderem Nachdruck verteidigt worden sei. Wenn allerdings die geheime Wahl als „Handelsobjekt* bestimmt gewesen sein sollte, so hat sie glücklicherweise als solches keine Verwendung gesunden.
Die drei übrigen Aenderungen aber sind unter Mitwirkung z. T. aus der Initiative der Regierung hieraus vorgenommen worden. Das gilt vor allem von der Einführung der Drittelungsbezirke und der Abschwächung d. h. fast vollständigen Beseitigung der Maximierung. Hier ist die Regierung wirklich „umgefallen*, und zwar auf den Wunsch und im Interesse der Parteien, die am meisten über den „Unfall* bet der geheimen Wahl geschimpft haben. Heute hört man' bezeichnenderweise nicht viel mehr von dem „Unfall*, heute wird es der Regierung zum höchsten Verdienst angerechnet, daß sie ihre Vorlage so vollkommen preisgegeben hat. Ja, es wird sogar das Ansinnen gestellt, die Regierung solle „im Interesse der Aufrechterhaltung der Autorität* gegenüber den Parteien, die in der Frage der Drittelung und der Maximierung die Regierungsvorlage verteidigen, den schärfsten Widerstand entfalten.
Da ist es an der Zeit, daß wir unsererseits den bedauerlichen und viel bedeutungsvolleren Umfall der Regierung in d er Plutokratisierung des Wahlrechts mit aller Schärfe kennzeichnen.
Als einen der wichtigsten Zwecke der Reform bezeichnete die Begründung der Vorlage die Ab- Milderung der plntokratischen Wirkungen des geltenden Wahlrechts, diesem Zwecke sollten dienen die Maximierung und die Drittelung nach Urwahlbezirken, deren wohltätige Wirkung in der Begründung ausdrücklich anerkannt wird. Was aber geschieht? Die totale Abschwächung der Maximierung und die Beseitigung der Urwahlbezirks- britlelung werden nicht eine Abmilderung, sondern eine Verstärkung des plntokratischen Charakters des Wahlrechts bewirken. Und da verlangt man von uns, daß wir einer solchen in ihr Gegenteil verkehrten „Reform" z u st i m m e n sollen?
Wir halten an den Grundlagen der Regierungsvorlage fest und sehen uns in bie Sage versetzt, sie gegen die Regierung selbst zu verteidigen. Wenn die Gefahr besteht, daß die Regierung durch ihre Haltung bei der Wahlrechtsreform an ihrer Autorität Einbuße erleidet, so kann sie ihr nur dadurch begegnen, daß sie sich auf die Grundlagen ihrer ei g en en Vorlage zurückbesinnt, anstatt diese im Dienste der Mandatspolitik bestimmter Parteien preiszugeben.
Deutscher Reich.
*2 Berlin, 20. Mai 1910. Gras Wedel, der Statthalter von Elsaß-Lothringen, ist in Berlin eingetroffen. — Anfangs Juni wird der Staatssekretär Dr. Delbrück nach Straßburg fahren, um dort mit der reichsländischen Regierung über die Versassungsfrage zu konferieren. Man hofft, daß die Einreihung der Reichslande unter die vollberechtigten Bundesstaaten nunmehr endgiltig. erfolgen wird. — Im Justizministerium findet am nächsten Montag eine Konferenz statt, in welcher die Vorschläge des Gch. Rates Professor Dr. Zitelrnann zur Reform des Rechts- st u diu ms erörtert werden sollen.
* Erläuterungen zum Bürgerlichen Gesetzbuch Wie der „Tag* erfährt, hat sich eine Reihe von Mitgliedern des Reichsgerichrs zu einer Erläuterung des Bürgerlichen Gesetzbuches vereinigt. Das Werk soll im Manuskript nahezu vorliegen und bereits nach den diesjährigen Girichtsfcrien als abgeschlossenes Ganzes erscheinen. Nachdem wir bald eine 10- ährige Praxis des Bürgerlichen Gesetzbuches hinter uns haben, steht zu erwarten, daß die Bearbeitung durch die Reichsgerichtsräte die Kristallisation der in diesem Zeitraum fortgebildeten Rechtssätze des bürgerlichen Gesetzbuches barbieten wird.
2 Der Entwurf zu einer neuen Turn» Vorschrift für das Heer ist soeben durch den Kaiser genehmigt worden. Der Entwurf enthält folgende Neuerungen von allgemeinem Interesse: Einführung von Spielen und leichtathletischen Hebungen, Bestimmungen über freiwillige Betei- igung an Hebungen in dienstfreier Zeit, Einteilung in zwei Turnklassen und Einschränkung der Geräteübungen.
**, Abg. Erzberger und die Novemberkrisis. In einer größeren Anzahl Berliner und auswärtiger Blätter war dieser Tage das Erscheinen einer Sensationsschrift des Reichstagsabg.
,rger über die Nooemberkrisis von 1908 angekündigt worden. Wie der .Mecklenburger Warte' von zuständiger Seite mitgeteilt wird, ist allerdings eine solche Schrift zu erwarten, doch sei nicht der Abg. Erzberger ihr Verfasser.
)(Eine stenographische „Friedens-Konferenz" ist zum 8. Juni nach Berlin einberufen worden; sie wird unter dem Vorsitze des Geheimrates Dr. Matthias aus dem preußischen Kultusministerium, eines früheren Gymnasial-Direktors aus Düsseldorf, stehen. Die Konferenz wird von Vertretern der Bundesstaaten, sowie von Oesterreich und der Schweiz beschickt werden. Man will auf dieser Konferenz den Beratungsstoff für eine große Tagung vorbereiten, auf der dann die Frage der Vereinigung der beiden Hauptsysteme Gabelsberger und Stolze-Schrey erörtert werden soll.
* Die Masuren in Westfalen haben, wie der ,Ostew berichtet, vor einigen Tagen auf einer Delegiertenversammlung in Bulmke bei Gelsenkirchen folgende Entschließung gefaßt:
Die Delegiertenversammlung nimmt mit Entrüstung davon Kenntnis, daß bei der Volkszählung in Westdeutschland die Masuren in einer Rubrik mit den Polen aufgeführt werden. Die Delegiertenversamm- luug fordert schnell Aenderung dieses Zustandes, weil 1. die Masuren durchaus königstreu sind, 2. gern und freudig ihre Pflichten als Bürger des Deutschen Reiches erfüllen und 3. nicht, rote die Polen, politische Organisationen gründen.
Gott ich danke dir, daß ich nicht bin, wie diese Polen da. Fehlt nur noch, daß die Herren in Bulmke heroorheben, daß sie nicht, wie die Polen, katholisch, sondern gute evangelische Christen sind. Üebrigens sieht die ganze „Ent- schließung« darnach aus, als hätten Drahtzieher hinter den Kulissen dabei mitgewirkt.
<? Darmstadt, 19. Mai 1910. Der Beschluß der Vertrauensmänner der Zentrumspartei des Reichstagswahlkreises Friedberg-Bübingen, bereits im ersten Wahlgang für ben Sanbibaten bes Bundes der Landwirte, Rechtsanwalt von Helm- Holt einzutreten, war vorauszusehen. Maßgebend lür den Beschluß war vor allem die Tatsache, daß der von Nationalliberalen und Freisinnigen gemeinsam aufgestellte Kandidatur des Professor van (Sal« ter keine reinnationalliberale, sondern eine ausgesprochen linkslib erale ist, bie bei der feind- seligen Haltung des Linksliberalismus cegenüber dem Zenlrum auf unsere Unterstützung nicht rechnen kann. Hätte die Zentrumspartei einer gemäßigten nationalliberalen Kandidatur gegenüber gestanden, so hätte der Entschluß ein anderer sein können; man hätte zum Mindesten im ersten Wahlgang mit der Ausstellung einer eigenen Kandidatur bie Entschließung für die Stichwahl zurückstellen können. Aller' Voraussieht nach wird es nun zu einer Stichwahl zwischen dem Sozialdemokraten Bu- sold und Herrn von Helmholt kommen. Ob in diesem Falle der Sieg des Bundes der Landwirte erreicht wird, wird davon adhängen, ob die National- liberalen patriotisch genug sein werden, gegen den Kandidaten der Umsturzpartei zu stimmen. Daß der Freisinn bei einer solchen Stichwahl in bas rote Lager begeistert einziehen wird, steht außer Zweifel. Mitentschei end für den Beschluß der Zentrumspartei, dem nationalliberalen Kandidaten keine Heeressolge zu leisten, war auch der Vorgang bei der letzten Mombacher Landtagswahl, wo die Nationalliberalen dem Zentrum eine Niederlage bereitet haben; es liegt auf der Hand, daß dieser Vorgang jüngsten Datums noch nicht vergessen ist.
Ausland.
** Internationales Schiedsgericht. Aus Newyork wird gemeldet: Staatssekretär Knox hat an die FriedenLkonserenz in Lake Mohonk ein Schreiben gerichtet, worin er mitteilt, daß die Antworten der Mächte auf den Vorschlag eines ständigen internationalen Schiedsgerichts im Haag so günstig lauteten, daß die Errichtung unmittelbar bevor st e h e.
** Die Kretafrage hat sich wieder sehr kritisch gestaltet. Die Auffassung der offiziellen türkischen Kreise über die weitere Entwickelung der Kretasrage gebt dahin, daß bie Trükei unbebingt durch eine Aktion auf bie Entschließungen der Schutzmächte einwirkeu müsse. Hierfür sei eine Flottendemonstration vor Kanea mit einer etwaigen Ausschiffung von Truppen geplant. Die Türkei wolle dadurch die Schutzmächte zu einem energischen Einschreiten zwingen. Die Gefahr eines Krieges mit Griechenland bestehe indessen nicht, solange sich die griechische Regierung von Provokationen sernhalte. Die Botschafter der Kretaschutz, möchte traten am Donnerstag abend in Konstantinopel zu einer Beratung zusammen; es wurde beschlossen, der Pforte eine Note zu überreichen, in der erklärt wird, daß der E i d der kretischen Deputierten als nichtig betrachtet werde.
* Friede in Südamerika ? Den Bemühungen des amerikanischen Staatssekretärs Knox soll es gelungen sein, den Ausbruch eines Krieges zwischen Peru und Ecuador im letzten Augenblicke zu verhindern. Die beteiligten Staaten haben eine sJtote unterzeichnet, in der die Zurückziehung der Truppen versprochen und die Schlichtung der Streitfrage einem Schiedsgericht übertragen wird. Es wird gemeldet, Knox habe es verstanden, Argentinien und Brasilien zu gemeinsamem Vorgehen gegen die kriegslustigen, kleineren südamerikanischen Staaten zu veranlassen, und ihnen die Rolle eines Friedensrichters in Südamerika zugeschoben. Es würde sicherlich sehr zu begrüßen sein, wenn auf diesem Wege etwas ruhigere Zustände in Südamerika geschaffen werden könnten. Wahrscheinlich aber wird die Rolle des Friedensrichters sehr bald von den Vereinigten Staaten übernommen werden, deren planmäßiges Bestreben ja dahingeht, die Ober- Herrschaft über ganz Amerika zu gewinnen.
20. Hessischer S ädtetag.
) Fulda, 21. Mai 1910.
Den Abschluß bes gestrigen Tages machte ein Festmahl
im großen Saale ber Orangerie, bas die ansehnliche Zahl von 115 Teilnehmern zu verzeichnen hatte. Wo immer Deutsche sich zu froher Feier vereinigen, so galt auch hier ber erste Trinkipruch unserem Kaiser. Oberbürgermeister Dr. G c b e s ch u s - Hanau feierte den allverehrlen Landesherrn in begeisterten Worten. Bürgermeister Strauß-Hersselb sprach bem Oberbürgermeister Dr. Antoni, dem Magistrat und der Bürgerschaft bei Stadt Fulda innigsten Dank aus für die liebenswürdige Aufnahme, weiche bie Stadt Fulda, bie Geburtsstätte des Hessischen Städtetages, diesem bereitet habe. Das Hoch des Redners galt der Stadt Fulda. Oberbürgermeister Dr. Antoni antwortete, daß Fulda dem 20. Städtetag herzlich gern Aufnahme gewährt habe und er hoffe, auch den 30. Hessischen Städietag in Fulda begrüßen zu können. Der Oberbürgermeister verband mit seiner Hoffnung den Wunsch, daß der Städtetag wie bisher, so auch in der Folge sich der schönen Aufgaben stets bewußt bleiben möge, die er sich gesetzt habe. In das aus den Städtetag ausgebrachte Hoch stimmte die Tafelrunde fieubig ein. Oberbürgermeister Troje» Marburg gedachte der Gäste, zunächst des Regierungspräsidenten. „Der kommunale Himmel*» so hob Redner hervor, „ist das Wohlwollen der königlichen Staatsregierung*. Sodann widmete er seinen Trinkspruch den Vertretern des Nassauischen Städtetages, dem Oberbürgermeister Lübke-Homburg und Bürgermeister Steinhardt-Hachenburg, sowie Landgerichtsrat Kleim-Marburg. Der Regierungspräsident Gras Bernstorfs kleidete feinen Dank für die ihm vom Vorredner gewidmeten Worte in eine herzliche Anerkennung des Verlaufs ber gestrigen 93er» Handlungen, bie bei ihm einen angenehmen, dankenswerten Eindruck hinterlassen hätten. Zum Ausdruck seines Dankes trank der Regierungspräsident auf das Wohl des Vorstandes des Hessischen Städtetages. Oberbürgermeister Hübte«Homburg sprach in humorvollen Ausführungen auf die Referenten des Städtetagcs, Oberbürgermeister Dr. Gebe« schu s-Hanau feierte den durch Krankheit leider an ber Teilnahme verhinderten Vorsitzenden deS Städtetages, Oberbürgermeister Müller-Kassel und den Schriftführer Stadtrat Bödicker. Bürgermeister Schmidt-Gelnhausen ließ die Damen hochleben. Ein hübscher musikalischer Blumenstrauß, dargeboten von der Artilleriekapelle, kürzte das vortreffliche Mahl und gemeinschaftliche Lieder belebten die Fi- delitas. Nicht nur in der Stadtverwaltung, sondern auch auf einem Städtetag muß man „aktuell* fein. Darum fehlte auch beim Festmahl ein humorvolles Lied auf den Halleytchen Kometen, ber ja im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht, nicht. Das Lied blieb wohl deshalb ungesungen, weil der Komet bis jctzl unter Ausschluß ber Oeffent- lichkeit erschienen ist. Heute vormittag 8*/< Uhr fand unter bem Vorsitz des Oberbürgermeisters Dr. Gebe schus-Hanau im roten Saale ber Orangerie die
Fortsetzung der Verhandlungen
statt. Vor Eintritt in die Tagesordnung wurde auf Vorschlag des Bürgermeisters Strauß- Hers- selb beschlossen, die Wahl der Kommission für das Auskunftsbüro dem Vorstände des Städtetages zu überlassen. Dem Vorstande verbleibt auch bie Wahl einer Friedhofskommission, welche Material sammeln und vorbereiten soll über das Rechtsverhältnis zwischen den politischen und ben Kirchen« gemeinben bezüglich der Friedhöfe.
Der erste Gegenstand der heutigen Tagesordnung betraf die Stellungnahme zu den Beschlüssen des Kommunallandtages über die eventuelle. Erhöhung des Beitrages zur Ruhegehaltskasse und zur Witwen« und Waisenkasse. Referent war anstelle bes verhinberten Stadtver« orbneten Beckmann-Kassel Stad!verordneten- Vorsteher Losch- Helmarshausen, Korreferent Bürgermeister M ü l l e r - Allendors. Stadtverordnetenvorsteher Losch verlas das ausführliche Referat des Stadtverordneten Beckmann, das zunächst einen Ucberblick über die bisherige Entwickelung und die finanzielle Lage der beiden Kassen gibt. An die Stelle des Umlageverfahrens sind die festen Beiträge, bie jetzt mindestens 2 Proz. betragen, gewählt worden. Der Referent empfiehlt im Interesse des Fortbestandes und einer gedeihlichen Weiterentwicke- lung der beiden Kasten eine Erhöhung der Beiträge bei der Ruhegehaltskaste von 2 aus 8 Proz. und bei der Witwen- und Waisenkasse von 2 auf 4 Proz. Der Korreferent Bürgermeister Müller schlägt vor, die Beiträge nur nach Bedarf zu erhöhen. Beide Referate wurden debattelos zur Kenntnis genommen. Auf Vorschlag des Oberbürgermeisters Gebeschus- Hanau soll aus den Mitgliedern der Kassen eire Abständige Kommission gebildet werden mit dein Auftrage, die Jntcressen des Stäbtetages in der demnächst vom Landesdirektor nach Kassel ein« zuberufenden Versammlung der städtischen und der Kassenbeamten wahrzunehmen.
lieber städtische Bodenpolitik erstattete Stadtlandmesser Groll-Hersfeld ein mit lebhaftem Beifall aufgenommenes Referat. Nach seinen Darlegungen hat eine zielbewußte Bodenpolitik den Hauptzweck, einer ungesunden Steigerung ber Bodenpreise entgegenjuarbeiten. Aufgabe einer einichtigen Verwaltung muß es fein, ein Wertkataster oroie Bücher und Karten zu beschaffen, die iber Größe, Lage und Eigentümer eines Grund- tückes Auskunft geben. Im Interesse einer Stadtverwaltung liegt es auch, sich eine Abschrift des Flurbuchs befdjaffen und für deren Fortführung Sorge zu tragen. Durchbrüche sollten nur in den allerdringlichsten Fällen vorgesehen werden, damit große 'Auslagen dem Stadtsäckel möglichst erspart bleiben. Bei Aufstellung des Bebauungsplans muß die Verwaltung darauf bedacht sein, die landschaftlichen