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M M- »amrEag den 21. Mal 19(0.

37. Jahrgang-

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W Zeitung •

5. Blatt.

vn>ck und Verlag der Kuldaer rletiendkuSere! hi KUda.

»$. Wieder ein „Arbeiterverrat" des Zentrums.

Wird em soziales Gesetz im Reichstage oder im Landtage verabschiedet, so kann man mit tödlicher Sicherheit Voraussagen, daß die sozickdemokratische Prcfle aus diesem Anlaffe einen neuen „Arbetterver- rat des Zentrums" feststellt — wenn es auch noch so schwer fältt. So geschieht es auch jetzt toieber beim Kaligesetz. Natürlich wird dabei der Fall ganz einseitig, ja direkt falsch dargestellt.

Beim Kaligesetz handelte es sich in erster Linie darum, die vorhandene Monopolstellung Deutschlands auf dem Weltkalimartte zu behaupten und zu befestigen. Im Jnlandr stritten bei diesem Gesetzeswerk die verschiedensten Interessen widerein­ander, und der Reichstag bezw. seine Kommission hatte die nicht leichte Aufgabe, die goldene Mittel­straß' zu finden. Sie ist gefunden, indem bckanntlich eine Kontingentierung der Produktion und des Absatzes emgeführt worden, dem Auslande gegen­über Minimalpreife festgesetzt wurden, die im Jnlande als Maximalpreise gelten sollen. Die gesetzliche Regelung der Anteilguoten der einzelnen Kaliwerke am Gesamtabsatz und die Preisnormterimg bieten zweifellos den Kaliindustriellen nicht unbedeu­tende Vorteile. Ts wird die drohende wilde Konkur­renz, die Berfchleuderung des Produkts an das Aus­land und damit der befürchtete Preisrückgang — und ebenso der Kurssturz der Kalipapiere — vechütet. Die Preise stnd zwar zunächst 10—15 Prozent herab­gesetzt worden, aber immechin wirb der Industrie eine gesunde und stetige Entwicklung gesichert-

Den Kalikonsumenten, vor allem der deut­schen Landwirtschaft, wird durch das Gesetz ebenfalls ein großer Dienst erwiesen. Die 10—15- prozentige Preisermäßigung kommt den Konsumenten zugute, die des weitern die Sicherheit haben, daß die Preise nicht willkürlich hinaufgeschraubt werden kön­nen. Auch die Rechte und Interessen der an der Kali­industrie beteiligten Gemeinden hat das Gesetz nach Möglichkeit berücksichtigt.

Der letzte beim Gesetz interessierte Faktor war die Arbeiterschaft. Auch für diese mußte gesorgt werden, um so mehr, als durch eine Eingabe aus den Kreisen der Kaliindustriellen an die Reichstagskom- miffion angedroht worden war, daß die Absicht be­stehe, sich an den Gehältern der Beamten und den Löh­nen der Arbeiter schadlos zu halten. Bei den betref­fenden Kommiffionsverhandlungen handelte es sich zu­nächst um einen sozialdemokratischen Antrag folgenden Wortlauts:

„Der Bundesrat ist verpflichtet, den Abschluß von Tarifverträgen zwischen den Arbeitern und den Werlbesitzern in der Kaliindustrie auf der Grund­lage eines Minimallohns und eines Maxinialarbeils- tages für die einzelnen Arbeitergruppen zu fördern. Bei Streitigkeiten über die Einführung, den Inhalt und die Auslegung der Tarifverträge entscheidet die Be- rusungskommission. (§ 34.) Diesbezügliche Anträge sind von den Beteiligten oder deren Beauftragten, innerhalb einer Ausschließungssrist von einem Monat bet der Berusungskommission einzureichen.

Das Zentrum ist seiner ganzen Bergangercheit nach grundsätzlich für die Förderung der Tarifverträge. Den freiwilligen Abschluß von Tarifverträgen zwischen Unternehmern "tThb Arbeitern soll die Gesetzgebung nach Möglichkeit fördern. Aber etwas ganz anderes ist es, wenn man dem Bundesrat die Pflicht auflegt, von den Arbeitgebern Tarifverträge zu e r z w i n g e n, die einen Minünallohn und einen Höchstarbeitstag für die Anzeinen Arbeitergruppen enthalten Auf die Frage, welche Machtmittel dazu die Antragsteller dem Bundesrat geben wollten, und wie man zum Ziele kommen solle, gab der sozialdemokratische Antrag keine Antwort. Er hatte ja feinen Zweck erreicht, tuen» er für die Regieru-rg und die anderen Parteien eine Ver­legenheit war. Well also ein gangbarer Weg zum er­wünschten Ziele im Antrag nicht geboten war, wurden von allen bürgerlichen Parteien und seitens sämt­licher Zentrnmsredner große Bedenken gegen eine Ver­pflichtung des Bundesrats ausgesprochen. Dazu er­klärte der preußische Handelsminister, der Bundesrat werde das Gesetz, falls es mit dieser oder einer ähn­lichen Bestimmung belastet werde, ablehnen. Der Antrag wurde darauf von der Mehrheit der Kommis­sion abgelehnt.

Nun waren es zwei Zentrums abgeocdnete (Schiffer und Erzberger), die sofort auf einen andern Weg hinwiesen, um einen Minimallohn zu sichern.

Sie machten auf die angedrohten Lohnherab» e h u n g e n aufmerksam und erreichten es, daß ein Kompromißantrag v. Brockhausen eingebracht wurde, der vorschreiben wollte, daß die Löhne der einzelnen Arbeiterkategorlen nicht unter den Durchschnitt der Jahre 1907 bi» 1909 sinken dürften. Eventuell solle dem betreffenden Kaliwerk zur Strafe die Beteili- gnngsziffer um mindesten» 10 Prozent gekürzt werden. Der Antrag fand die einmütige Zustimmung der Kom­mission, also auch des gesamten Zentrums. Auch für einen Zusatz, nach welchem die Durchschnittslöhne so­fort eine Erhöhung von fünf Prozent erfahren sollten, stimmte das Zentrum geschlossen. Der Zusatzantrag fand jedoch aus dem Gmnde keine Mehrheit, weil die Vertreter der „Fortschrittlichen Volkspartei" sich ab­lehnend verhielten und Zentrum mit Sozialdemokraten in der Minderhett ließen.

Das Zentrum versuchte aber auch weiter, den Gedanken kollektiver Arbeitsverträge (Tarifverträge) zum Durchbruch zubringen in einer Form, die mehr Aussicht ouf Erfolg bot, indem es folgenden Antrag stellte:

Die Lohnschutzbestimmungen finden keine An­wendung aus diejenigen Kaliwerke, bei denen die Lohn- und Arbeitsbedingungen durch besondere Verträge ge­regelt sind. Diese Verträge müssen als für beide Teile bindend, sowohl die Zustimmung der betreffenden Werkbesitzer als auch der Mehrheit der beteiligten Ar­beiter erfahren haben."

Der Antrag fand einhellige Annahme. Ferner stimmte das Zentrum später im Plenum einem Zusotz- antrage Behrens (W- Vg.) zu, nach welchem die Ar­beiter in geheimer Abstimmung sich für die Tarif­verträge erflären müssen. Endlich verhalf das Zen­trum durch seine entschiedene mündliche Vertretung und obligatorische Zustiminung einem Koalitionsrecht- Schutz antrag zugunsten der Arbeiter zur An­nahme. Diese Vorschrift lautet:

„Die (kollektiven) Verträge dürfen keine Bestim­mungen enthalten, die das Vereinigungsrechl der Arbeiter verhindern oder verbieten.

Aus diesen tatsächlichen Darstellungen ergibt sich einmal, wie die Sozialdemokraten zu flunkern b el i c b e n, wenn es gilt, dem Zentrum etwas anzuhängen, sodann aber auch, wie leichtfertig sie es nehmen mit der Vertretung der Arbeiterinter­essen. Schnell wird ein gar nicht durchgearbeiteter Antrag, der recht radikal ist, hingeworfen, und dann kommt es den sozialdemokratischen Antragstellern eigentlich nur mehr darauf an, den, der auf die sach­lichen Bedenken gegen solche unfertigen Anträge hin­weist, als recht schlechten Menschen hinzustellen. Nein, die sozialdemokratischen Angriffe gegen das Zentrum wegen seiner Haltung in der Frage der Tarifverträge find unhaltbar. Erst das Zentrum hat die g o n g- bare Lösung dieser Frage herbeigeführt.

§ Sommer-Urlaub.

In den Tageszeitungen liest man jetzt häufig No­tizen, in denen die Geschäftsinhaber auf die Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit der Gewährung von Sommer- udmib an ihre Angestellten hingewiesen werden, "iese Beiträge werden von den großen Handlungsgehilfen- Verbänden mit der Bitte um Veröffentlichung in den Blatteßn versandt. Das ist nur dankbar zu begrüßen. Wohl hat in den letzten Jahren der Gedanke der Ur- kaubsgewährnng an Privatangestellte gewaltige ~'ort= schritte gemacht, aber noch immer nicht kann man sa­gen, daß er sich allgemein durchgesetzt habe. Nur zu ost wird der Urlaub als eine Art von Almosen, als eine Prämie für Wohlverhalten der Angestellten, kurz­um als eine einseitige Leistung des Chefs und folg­lich als Verlust für diesen angesehen. In Wirklichkeit aber ist die'e Meinung gnindfalsch- Unsere sozialpoli­tische Gesetzgebung und der ganze Geist, der unser Jahrhundert durchweht, sollte endlich den nackt man- chesterlichen Standpunkt hinweggesegt haben, daß der Arbeitgeber für sein Geld das ganze Leben des Ar­beitnehmers kauft.

Das wäre ein Raubbau, der schließlich beiden Ber- tmgschließenden sehr teuer zu stehen kommen könnte. Der Arbeitnehmer stellt gegen Entgelt seine Arbeitslei- stnng in den Dienst des Chefs, nicht aber auch seine Gesundheit, und mehr noch, er hat auch wohlbegrün­detes moralisches Anrecht auf Erholung, sie gehört zu den Menschenrechten, die nicht verhöckert werden kön­nen. Aber auch wenn wir Moral und Menschenrecht beiseite lassen, fehlt es uns nicht an beweiskräftigen

Gründen. Schon die einfache Feststellung: wer den Vorteil davon hat, begründet und rechffertigt die Ge­währung des Urlaubs. Es ist ein ganz einfaches Re- chenexempel, daß ein Angestellter, der ein paar Wochen im Jahre Zeit hat, auszuspannen und Körper und Geist zu kräftigen, nicht nur viel arbeitssreudiger, son­dern auch viel arbeitsfähiger sein wird als einer, der nie aus der Tretmühle des Alltagslebens herauskommt. Und diese vermehrte Arbeitsfreudigkeit und Leistungs­fähigkeit kommt naturgemäß dem Chef zugute. Er kann sie auf sein Haben buchen. Und wenn sie sich nicht aus Mack und Pfennige ausrechnen läßt,so ergibt sie den­noch einen gewichtigen Posten in der Bilanz, zwischen deren Zeilen man zu lesen verstehen muß. Es ist für den Einzelnen stets sehr unangenehm, seine Erholungs- bedürstigkeit mit ärzüicher Bescheinigung zu begrüben: Man ist im Geschäft nicht gerne krank aus sehr begreif­lichen Gründen. Somit drängt alles darauf hin daß der Uckanb auch wirtlich im ausreichenden Maße ge- wähck wird. In größeren Geschäften mit vielen An­gestellten läßt sich dies ohne weiteres ermöglichen. Ge­rade während des Sommers pflegt das Geschäft nicht so zu drängen wie zu anderen Jahreszeiten und dann lassen sich auch die Vertrewngen der Angestellten bei einigem guten Willen sehr wohl einrichten. In kleinen Geschäften mit wenigen Angestellten ist es natürlich schwieriger. Die kleinen Firmen sind es ja auch, die sich in der Regel in der Urlaubsfrage ablehnend ver­halten- Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Auch hier kann einer auf ein paar Wochen ganz gut entbehrt werden. Wie wäre es, wenn einer erkrankt? Dann müßte man sich doch auch auf einige Zeit ohne ihn behelfen. Die Schwierigkeit, die sich hier einstellen mag, wird aber durch den größeren Nutzen reichlich wieder aufgewogen. Naturgemäß hängt das Gedeihen kleinerer Geschäfte in hohem Maße von der Leistungs­fähigkeit der Einzelnen ab, hier ist alles auf die Indi­vidualität zugeschnitten. Und gerade deshalb liegt die Steigerung der Arbeitsfähigkeit im wohlverstande­nen Jntcreffe des Geschäfts. In solchen kleineren Fir­men trifft man ab und zu Chefs an, die jede Erörterung der Urlaubsfrage mit dem Hinweis auf ihre eigene Person abweisen! „Ich arbeite von srüh bis abends und habe mir schon seit Jahren keine freie Woche, kei­nen freien Tag gegönnt!" Das sind die, die sich für unentbehrlich halten und glauben, wenn sie nicht jede Stunde Himer dem Pulte ständen, würde das Geschäft zu Gmnde gehen. Möglich, daß dies auch zutrifft: sie haben ihr Geschäft dann aber schlecht eingerichtet. Ein Geschäft, das ganz und gar auf eine Person ein­gestellt ist und sofort zu Stillstand kommt, wenn, sein Oberhaupt einmal eine kurze Zeit nicht am Steuer steht, wird in jedem Falle schlecht organisiert sein. Sol­chen Chefs ist eben entgegen zu halten (freilich kann dies der Angestellte nicht selbst tun) daß sie gegen sich selbst, gegen ihre Familie und gegen ihren Geldbeutel wüten, wenn sie sich nicht die Freizeit gönnen, deren der menschliche Körper nun einmal bedarf.

Für die Angestellten kann diese Torheit kein Grund sein, sie mitzumachen. Kein Chef kann verhindert werden, über feine eigene Person zu verfügen, wie er will, aber jeder sollte soviel Billigkeitsgesühl haben, daß er die nötige Erholungszeit nicht auch seinen An­gestellten verweigert, deren Arbeitskraft und Gesund­heit ihr einziges Vermögen bilden, daß sie sich erhalten müssen, um un Lebenskampf zu bestehen.

Deutsches Deich

** Zur Wahlrechtsvorlasse. Dr. Julins Bachem wendet sich im „Tag" ironisch gegen die 'Politiker, die der Meinung sind, die Rational- liberalen lärmten durch ihren Umfall, durch ihr Eintreten für b;e Wahlrechtäporlaae, den ,, schwarzblauen Block" sprengen. Er erklärt:

„Ein „blauschwarzer Block" befteht nicht; aber eine gelegentliche Verständigung zwischen Kons.rvaliv.n und Zentrum wird, wenn die Gcmiu- famteit der Anschauungen oder der Jniei essen es e>- heischen. auch in Zukunft erfolgen, möge die preu­ßische Wadli echlssrage erledigt werden, roe sie wolle."

Dazu bemerkt das „Beck. Tagebl." mit star­ker Boshastigkeit an die Adresse der charakter- starken Liberalen: „Es ist jedem, der sehen will, ganz klar, daß die Dinge diesen Gang nehmen werden Di? Rationalliberalen — oder ein Teil von ihnen — werden bei der Abstimmung über

die Wahlrechtsvorlage um fall en und in charakterloser Liebedienerei mit den Konservativen für die Vorlage stimmen und hinterher werden die Konservativen ihnen kaltlächelnd einen Tritt geben und sich wieder mit dem Zentrum ver­bünden. Das würden die UmsallSpolitiker aus Rheinland-Westfalen und anderen Gegenden sich selber sagen können, wenn ihre politische Einsicht nicht ebenso schwach wäre wie ihr Charakter." Daß ein liberales Blatt also über die National­liberalen urteilt, ist nicht ohne Humor. — In dem erwähnten Artikel des »Tag" schreibt Dr. I. Bachem über Wahlkreisgeometrie und Wahlvorlage das Folgende:

»Einer dieser (sachlichen) Gesichtspunkte ist bie voraussichtlich ober sicher bet Annahme der vom Serrenhause beschlossenen Vergrößerung der rtttelungsbezirke für die großen Städte ein- tretende Wirkung. Ich denke hier weniger daran, daß die Beseitigung der seit 20 Jahren in Geltung stehen­den Drtttelung in den Urwahlbezirken den National- liberalen wahrscheinlich einige großstädtische Wahlkreise auf Kosten des Zentrums zuschuflern wird. Ich habe zunächst die Wahlkorruption durch Wahlkreis- geometrische Künste tat Auge, welche mit der Vergrößerung der Dckttelungsbezirke alsbald einsetzen wird. Wer in den siebziger oder achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Mitglied der Wahlprusungs- kommission des Abgeordnetenhauses war, weiß, welche Rolle die Wahlbezirksgeometrie damals namentlich m den städtischen Wahlbezirken des Westens gespielt hat. Den Wahlprotesten lagen regelmäßig Karten ta farbiger Ausführung bei, welche daS Walten der Wahlgeometer veranschaulichten. Die Wahlen in Düsseldorf und Kre­feld haben seinerzeit wegen wahrhaft lssyrbienoLr Künsteleien kassiert werden müssen. Ich sehe noch den Bezirk 16 der Stadt Krefeld vor mir, der st» wie em Wurm, der nicht sterben kann, lang und dünn durch die halbe Stadt zog, um die zur Mehrheit not­wendige Zahl von liberalen Wählern hier und dort emzufangen. Da dieser Bezirk und eine Anzahl anderer der Bestimmung, daß jeder Wahlbezirk em möglichst zusammenhängendes und abgerundetes Ganzes bilden müsse, geradezu ins Gesicht schlugen, wurde die ganze Einteilung hinfällig. Bei den Neuwahlen wurde auch fofort die Probe aufs Exempel gemacht: an stelle der bisherigen nationalliberalen Abgeordneten traten in Düsseldorf und Kreseld Mitglieder des Zentrums, die sich bis heule behauptet haben Bei der Dritlelung in den Urwahlbezirken find wahlgeomelrische Künste nahezu ausgeschlossen; bie jetzt vom Herrenhause be­icht offene Vergröberung der Drrttelungsbeznke schafft die Möglichkeit und die Versuchung, nut diesem ver­werflichen Mittel zu arbeiten."

* München, 19. Mai 1910. Da» Märchen von der ultramontanen Herrschaft in Bay er n zerpflückt das letzte Heft der „Allgem- Rundschau tr trefflicher Weise, wenn dock der Herausgeber, He« Dr. Kausen, schreibt: Das Zentrum und der sog. „Ultra- montanismus" sind heute trotz der absoluten Kammer­mehrheit so wenig „herrschend" in Bayern, daß de> Liberalismus, wenn er mit Hilfe der Sozialdemokra­tie morgen ans Ruder tarne, selbst bei hochgespannten Ansprüchen in den leitenden Staats- und Verwal­tungsstellen, von den Hochstellen ganz abgesehen, nut sehr geringe Personaländerungen anzustreben brauchte. Die bayerische Bürokratie ist bis auf diesen Tag vom Geiste des Liberalismus bitrdjr- tränkt, und leider nur zu oft täuscht man sich auch in Zentrumskreisen über sporadisch auftretende Wand­lungen der äußeren Verkehrsfvrmcn in Fallen, wo nur die Krallen vorsichtig cinaezogen sind, um je nach Zeit und Umständen sofort wieder hervorgekehck zu wer­den. Mit wohlberechnckem Vorbedacht schlägt bet Liberalismus auch schon bei der kleinsten Scheinkvn- tcfsion an das Zentrum ohrbetäubenden Lärm, um jede ernsthaft ins Gewicht fallende Minderung der immer noch bestens konserviecken liberalen „Person a- l i en* durch Einschüchterung der maßgebenden Stellen zu verbindent. In Bauern wäre es zurzeit noch ganz undenkbar, daß ein namhafter Zentrumsparlamenta­rier in eine seinen Fähigkeiten entsprechende leitende hohe Staatsstellung berufen würde, wie es soeben wie­der in Württemberg dem nationalliberalen Reichs­tags- und Lanotaasabgeordncken Prof. Dr. Hiebe r, einem ausgesprochenen Kultuckämvfer, widerfahren ist, der von der Regierung zum Direktor des durch die Volksschulreform geschaffenen evangelischen Ober- 'chulrates ernannt wurde. In den verschiedensten Bun­desstaaten, auch in Preußen, sind oftmals prononziecke Führer der nationalliberalen Partei, nicht selten aus den Bänken des Landtages heraus, als Minister oder

Edith Biirtners Liebe.

£7] Roman von Fr. Lehne.

Martha hatte einige Worte des Beileids geschrieben und sich entschuldigt, daß sie wegen Krankheit nicht kommen könne.

Lucian Waldow hatte Edith bie Hand gedrückt und in herzlicher Weise zu ihr gesprochen; sie hatte aber an ihm vorbei gesehen, und bedrückt durch ihre Abweisung war er zu Thankmar getreten.

Edith mar eine zu offene und heißblütige Natur, als daß sie ihre Empfindungen lange hätte verbergen können. Ihr Temperament ging allzu leicht mit ihr durch- Ihre gesunde, fräftige Natur war allen Halb­heiten und Gezwungenheiten abhold; deshalb heu­chelte sie auch den Verwandten keine große Liebens- würdigkeit vor; sie fühlte genau, baß fortan jede Ge­meinschaft mit Hildebrandts aufgehöck hatte; man stand sich innerlich zu fremd gegenüber.

Es war doch recht traurig zu Hause. Das Essen schmeckte den Dreien, dir um den Tisch herumsaßen, gar nicht — die Mutter fehlte ihnen zu sehr.

Wenn auch Edith und Thankmar sich manchmal nicht so recht mit ihr verstanden hatten und häufig anderer Ansicht gewesen waren, als sie, die alles von einem kleinlicheren, beschränkteren Standpunkt be­trachtete, als ihre geistig glücklicher veranlagten Kin­der, so hatte sie doch ein Herz voller Liebe und Güte gehabt und alle sorglich in ihre Mutterliebe gehüllt. Das mußten sie nun entbehren!

Thankmar meinte es gar nicht aushalten zu können, yj "längte ihn fort, damit er sich in angestrengter Ar­beit über den Verlust der Mutter, der wie ein schwe- bender Schatten in den Anfang seines neuen Lebens gefallen war, hinweg trösten konnte.

Eines abends las Edith in der Zeitung die Mit- teilung, daß Anfang nächster Woche die Erstauffüh- rnng des Waldowschen Schauspieles „Charlotte Kron­dorf" stattfinden würd-

Sie schob dem Bruder die Zeitung hin.

„Hast Du gelesen, Thankmar?"

„Nein, das habe ich wirklich übersehen. Also kann ich es ja noch erleben, wie der schöne Lucian durch- rasseln wird! Ra, da hat er an Martha keine gnädige Herrin!"

„Das ist auch meine Ansicht. Wie konnte er nur auf jenen Einfall kommen!" entgegnete Edith. „Aber er würde mir trotz allem leid tun. Ich wünsche nie­mandem etwas Böses, weil ich nicht weiß, ob mir nicht ein noch größeres Unheil vor der Tür liegt."

„Ra, wir werden ja sehen Abwarten^und Tee trinken! Am liebsten sähe ich mir ja die Sache an; aber wegen unseres outen Mütterchens kann ich das nicht!" meinte Thankmar.

12.

Thankmar hatte mit seiner Prophezeihung recht ge­habt.

Das Schauspiel war vom Publikum glatt abge­lehnt worden, wenn auch die zahlreichen Freunde des Verfassers ihr Möglichstes getan hatten, das Stück zu halten.

Sämtliche Kckttken waren sich einig über den Un­weck des Schauspiels; sie bedauecken das Mißgeschick des sonst so talentvollen, liebenswürdigen Künstlers und gaben ihm den guten Rat, künftig keine Versuche mehr zu machen, auch noch Lorbeeren im Drama pflü­cken zu wollen.

Lucian Waldow war tief unglückliich.

Unwillkürlich mußte er an Ediths Worte denken, aus benen er bamals zu seinem Acrger Zweifck an seiner Befähigung gehört hatte.

Wie richtig war ihr Urteil gewesen!

Seine ©raut dagegen hatte ihn bewundert, ange­feuert, und n rr, um sich keine Blöße vor ihr zu geben, batte er das Schauspiel schließlich vollendet, trotzdem er längst keine Lust mehr dazu gehabt. Deim die an­fängliche Begeisterung war bald verflogen.

Aber Martha hatte ihm keine Ruhe gelassen, er mußte seine Arbeit vollenden

Und am Abend der Erstaufführung thronte sie in höchster Eleganz mit ihren Eltern in einer Proze- niumsloge, die Wangen vor Aufregung Hertz und rot.

Und nun mußte sie das erleben.

Weinend vor Ingrimm und Zorn ging sie nach Hause.

Lucian mußte noch mit herauskommen, trotzdem er nicht in dec Stimmung dazu war, sonder» sich an der Gartenpforte verabschieden wollte.

Sie fühlte sich blamiert, lächerlich gemacht vor ihren Bckannten, gegen die sie sich mit dem Schauspiel ihres Verlobten so hervorgetan. Alle Leute würden nun mit Fingern auf sie zeigen! Das alles schleuderte sie Lucian ins Gesicht, der Empfindungen nicht achtend, bie ihn erfüllen mußten. Sie, nur sie kam in Betracht — sie unb ihre gekränkte Eigenliebe. Sie buchte nicht baran, baß ihm nach seinem kläglichen Fiasko ein Wort beS Trostes nötiger gewesen wäre, als ihre törichten Vorwürfe.

Eine Weile ließ Lucian bie Flut ihrer Vorwürfe still über sich ergehen. Er fühlte sich zu matt unb ab­gespannt von all' ben Auflegungen unb Enttäuschun­gen, als baß er Lust zu einer Auseinandersetzung ge­habt hätte.

Als aber feine zukünftigen Schwiegereltern auch noch anfingen, „daß er ms doch vorher hätte wissen müssen", griff er nach seinem Hut.

„Ich habe uit mehr Lust, Deine Vorwürfe noch länger anzuhören, Martha! Deshalb gehe ich jetzt und hoffe. Dick morgen abend nach dem Konzert in besserer Laune anzutreffen! Mich geht die Sache doch noch etwas mehr an, als Dich. Gute Nacht!"

Ohne ihr die Hand zu geben, ging er fort unb legte sich auch sogleich zu Beit.

Er versuchte an nichts mehr zu beulen, — unb bei seiner Veranlagung war er auch in ber glücklichen Lage, bald einziifchlasen.

Am anberen Tage nahm er keine Zeitung zur Hanb. Er wollte sich bie Kritiken ersparen, um sich die Stimmung für den Abend nicht zu verderben, an dem er ein schwieriges Violinkonzert von Vieuckemps zu spielen hatte-

Er ubie fleißig, dachte gar nicht an seme Braut unb gab sich hem Zauber hin, ben bie Musik auf ihn ausübte. Für ben Augenblick hatte er alles Mißge­schick vergessen, unb leichten Herzens ging er, als es Zeit bazu war, mit seiner geliebten Violine beni Kon­zerthause entgegen.

Heute sah er sich einem noch viel zahlreicheren Publikum gegenüber, als gewöhnlich.

Alle schienen wohl sehen zu wollen, was für ein Gesicht er nach bem gestrigen Abenb machen würbe. Er lächelte etwas über bie liebe Neugierbe vor ihm; man starrte ihn so eigen an — richtig sezierend: wie es wohl in ihm aussehen möge.

Merkwürdigerweise erschien Martha mit ihren Eltern nicht; ihre gewohnten Plätze blieben leer. Auch gut — vielleicht sogar besser — dann wurde ihm we­nigstens durch ihren Anblick die Laune nicht ver­dorben !

Er fing an zu spielen; er hatte feine ganze Fas­sung und Kraft zusammengenommen. Und er spielte so, wie wohl noch nie.

Ms er geendet, wurde er mit Beifall überschüttet, so daß er sich zu einer Zugabe entschließen mußte.

Er ließ die glänzenden Augen über das Publikum hinwegschweifen bis in die femfte Ecke des Saales — gleichsam als suche er da etwas — einen goldlockigen Mäbchenkopf mit märchendunklen Augen — dann setzte er den Bogen von neuem an und spielte ein Adagio, so weich und süß und klagend, daß noch lange, nachdem er geendet, atemlose Stille herrschte. Dann aber brach ein Sturm des Beifalls aus. Das Publikum klatschte, rief Bravo und wollte sich gar nicht beruhigen, bis et noch einmal anfing zu spielen.

Er war heute in einer königlichen Geberlaune; stolz stand er in feiner männlichen Schönheit da, als er aufgehört-

Der Beifall wollte keine Ende nehmen.

Da lächelte er fein freundliches, gutes Lächeln, das ihn fo unwiderstehlich machte. Er nickte gemütlich nnd sagte in seiner impulsiven Art:

„Ich wollt halt gut machen, was ich gestern abend verbrochen."

(Fortsetzung folgt.)