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Freitag de« 20. Mai (9(0.
57. Jahrgang.
* fuldaer W Zeitung «
2. Blatt.
Druck uwb Verlag der Zukdaer Sctlendruckere in Znlda.
Edith vürtners Liebe.
26] Roman von Fr. Lehne.
«Die größte Schonung und Ruhe, vor allem keine Aufregung — sie inuß aber doch eine große Aufregung gehabt haben?"
Fragend sah er das junge Mädchen an-
»Ja, Herr Doktor! Sie hatte eine große Aufregung — ohne unser Wissen, so daß wir sie nicht davor hatten bewahren können. Ist Gefahr vorhrmbcn?"
Angstvoll fragend ruhten ihre Augen auf dein Gesicht des Arztes, der die Achseln zuckte.
»Bei diesem Zustand immer! Also nochmals größte Vorsicht. Ich komme gegen Abend noch einmal mit vor", sagte er, ehe er ging.
11.
Es war um die Mittagsstunde, als Thankmar von seinem Gang zurückkehrte, das Herz voller Freude, da seine Bitte ein geneigtes Ohr gefunden hatte.
Mit sorgenvollem Gesicht trat ihm Edith entgegen, die Augen vom Weinen gerötet.
„Mit Mutter steht eS schlimm," berichtete sie mit leiser Stimme, „sie hat vorhin einen Anfall von noch Nicht dagewesener Heftigkeit gehabt. Sie hat schon ein paarmal nach dir gefragt. Vater ist eben wieder zum Arzt gegangen."
Der frohe Mut des Jünglings schwand.
Flüsternd erzählte Ichankmar von der günstigen Aufnahme, die seine Bitte gefunden.
„Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen," schloß tt, „wäre ich nur schon gestern dort gewesen!" ■ „Ja, wärest du," seufzte die Schwester. „Da wäre uns manches erspart geblieben! Doch nun komm zur Mutter!"
Auf den Fußspitzen gehend, betrat Thankinar daS Krankenzimmer.
. Er erschrak heftig über die Veränderung, die seit heute morgen in dem Aussehen seiner Mutter eingetre- u *?ar- ®ie tief in ihren Höhlen liegenbett Augen Hauten ihn unnatürlich groß an, und um den Mund
und die Nasenflügel lag ein Zug, der das Gesicht seltsam scharf und verfallen aussehen ließ.
Bang, von tiefer Sorge ersaßt, griff er nach der wachsbleichen Hand, die unruhig auf dem Deckbett umherglitt.
„Thankmar, mein Junge, wo warst du?" fragte Frau Bürkuer leise, und ein Strahl von Liebe brach aus ihren Augen beim Anblick des Sohnes, der so jugendftisch vor chr stand.
Er setzte sich vorsichtig auf den Rand des Bettes und streichelte zärtlich die Hand der Mutter. Mit erzwungen heiterer, sorgloser Stimme sagte er:
„Ich war wegen des Sootnersttpendiums — du weißt doch, von dem ich immer sprach — heim Ober- bürgermeister- Und denke dir, das ist mir ganz sicher. Nun kann ich mit frohem Mute in die Zukunft blicken, meine Wege find geebnet, und ich kann arbeiten, lernen!"
„Ist das auch wahr, mein Junge?"
Ungläubig schaute ihn die Mutter an, die das Gehörte gar nicht fassen konnte.
„So gewiß ich hier bei dir bin, Mütterchen", sagte er zuversichtlich, „kannst dich daraus verlassen! Ich habe nichts auszustchen, wenn ich das Stipendiuur bekomme! Ich kann Nachhilfestunden geben und werde mich um eine Famulusstelle bemühen."
„Und die Hälfte meines Gehalts soll er auch haben. Denke doch, wenn ich hundertzwanzig Mack monatlich verdienen werde, das kann ich doch gar nicht verbrauchen!" fiel Edith ein. •
„Ihr meine lieben Kinder! Run ist alles gut, da ich weiß, daß du studieren kannst, mein Junge!" erwiderte Frau Sürfnet mit einem glücklichen Ausdruck im Gesicht Edith ist ja die Stelle bei Thomas u. Wagner so gut wie sicher; in den nächsten Togen bekommt sie endgülttgen Bescheid. Nun kann ich ruhig von hinnen gehen —"
„Aber wie kannst du so sprechen, Mütterchen, das darfst du doch nicht! Nein, du sollst dich noch über deinen Herrn Doktorsohn freuen, und mein erster Pattent bist du! Paß auf, die paar Jahre vergeben
schnell; im 9äi ist die Zeit hin und bis dahin pflegst und ruhst du dich schön, nicht wahr?"
Er redete zärtlich auf sie ein, mit Mühe seine Tränen zurückhaltend.
Mit beglückten! Lächeln schloß Frau Bürknec die Augen; sie horte es ja so gern, wenn ihr großer Junge sprach!
Sie war sc selig, daß er sein Ziel erreichen konnte. Nun hatte sie keinen Wunsch mehr — sie fühlte, ihre Zeit war abgelaufen, das arme Herz wollte nicht mehr!
Der Arzt kam.
Er sah, daß seine Kunst hier zu Ende war. Durch eine Kamphereinsvritzung regte er die Herztätigkeit wieder etwas an
* Aber es war doch nur für eine kurze Frist, und er bereitete Herrn Bruckner auf das Unvermeidliche vor.
In tiefiter Erschütterung nahm dieser die niederschmetternde Kunde entgegen, und die Kinder konnten es nicht fassen, daß sie die geliebte Mutter nun doch verlieren sollten?
Sanft schlief Frau Bückner gegen Abend für immer ein-
Ihre Familie wich in den letzten Stunden nicht mehr von ihrem Lager und in den Augen der sterbenden Frau lag so viel Liebe unb Trauer, daß alle tief ergriffen waren.---
# Aus Edith ruhte die ganze Last der Besorgungen. Sie nahm dem gebrochenen Vater ab, was sie nur konnte.
Sie mußte sich betäuben und sich zwingen, daß ul er den Schmerz um den Tod der geliebten Mutter nicht der Groll gegen die Verwandten wuchs.
^Ja, Thankmar. nur Hildebrandts tragen die Schuld, daß uns die Mutter genommen ist," sagte Edich zu ihrem Bruer. „Sie haben sie in den Tod getrieben. Der Onkel mit seiner Brutalität! Er wußte doch — er mußte wissen, wie schonungsbedürftig sie war. O, das könnte ich ihm ins Gesicht schleudcmk Ob er eS wagen wird, hierherzukommen? Ich mag niemanden von ihnen sehen! Ich Haffe sie! Flehend könnten sie hier zu meinen Füßen liegen, ich würde kalten Blutes über sie Hinwegschreiten!"
△' Frankreich nach den Wahlen.
„Es hat sich nichts geänbert", so verkündete die französische Regierungspresse nach den Wahlen. Wirklich nicht? Schon die amtliche Wahlstatisttk muß für die Radikalen einen Verlust von 21 Sitzen buchen, also von beinahe 10 Prozent. Andere Blätter, die durchaus nicht in dem Verdacht der Regierungsfeindlichkett stehen, rechnen noch ganz andere Dinge heraus. Der „Temps" berechnet für die Rechtsparteien 167 Sitze, ebenso der „Petit Pansien". Das würde für die R a- dikalen einen Verlust von 44 Stimmen bedeuten- Davon hat sich die Opposition der Linken, der Geeinigt^ Sozialismus, 19 ungeeignet, die Opposition der Rechten 10 Sitze. 1 Sitz ist an die unabhängigen Sozialisten, 14 sind an die Linksrepublikaner gefallen.
Die bisherige Regierungsmehrheit setzte sich aus Radikalen bezw. Radikalsozialisten, unabhängigen <öo= zialisten und Linksrepublikanern zusammen. Die R e- gierungsparteien haben in ihrer Gesamtheit also 29 Mandate verloren. Von den sechs neuen Sitzen find der Regierungsmehrhett noch vier zugefallen, zwei Resultate sind noch unbekannt. Ein Verlust von 44 Mandaten für den Kern der Regierungsmehrheit, von 29 Mandaten für die Mehrheit Überhaupt, ist das nichts?
Die Oppositionspatteien zählen jetzt 241 Stimmen gegen 354 der Regierungsparteien. Das Zünglein in der Wage bilden die 88 Stimmen der Linksrepublikaner, und die werden in ihrer verstärkten Macht schon dafür sorgen, daß das radckal-sozialistische Bäumchen nicht in den Himmel wächst.
Was die Stellung und den Erfolg der Katholiken in diesem Wahlkampfe angeht, so kann man vielleicht das im unmittelbaren Anschluß an die Wahlen gegebene Urteil etwas mildern. Es sind doch Erfolge erzielt worden, allerdings nur solche, die mittels der Stimmenstattstik eckannt werden können. Bei etwa 24 Kandidaturen der Katholiken handelt es sich um nur 50—250 Stimmen, die die Niederlage in einen Sieg hätten wandeln können. Das will ein heißes Ringen bedeuten, wenn es sich um 10 000 bis 15 000 Wähler handelt.
Begreiflicherweise beschäftigt sich die französisch« Presse sehr lebhaft mit dem Perlust der radikalen Partei und es gibt sehr viele, die ihn auf die Tätigkeit des verflossenen Herrn Clemeneeau ziiruckflihren wollen, der viel versprochen, aber wenig gehalten habe. Herrn Briand aber müsse man zueckennen, daß er nach Lage der Dinge alles getan habe, was er tun konnte. Wir finden, daß Herr Briand sein Pech nicht minder selbst verschuldet, namentlich in bezug auf die Wahlreform, bet er sich entzogen hat- Nach einer Ausstellung des Ministeriums des Innern haben sich schon von den neugewählten deputierten allein 272 unbedingt für die Listenwahl und für die Verhältniswahl ausgesprochen unb 88 Abgeordnete haben ecklärt, daß sie im Prinzip Anhänger einer Wahlreform sinb. Diese Ziffern allein beweisen, baß Herr Briand der radckalen Partei dadurch schadete, daß er die Wahl- reforin nicht machte, ober doch wenigstens nicht versuchte, sie in die Wege zu letten.
Aber Briand Hai wohl'auch gewußt, warum er die Verhältniswahl nicht vorgeschlagen hat; es wäre dies vielleicht mtt dem Ruin der radikalen Partei gleichbedeutend gewesen, wie die obigen Andeutungm übet die katholischen Wahlniederlagen zeigen. Eine Listenwahl müßte nach dem Ergebnis der Stimmenzahlberechnung der Rechten eine Verstärkung von 40 Mandaten bringen, die Sozialisten blieben sich gleich, eS mußte also dec Radikalismus die Vorteile der Rechten begleichen. Und trotzdem wird sich der aalglatte Herr Briand an die Wahlreform wagen müssen, deren Prangen er nicht entschlüpfen dürfte.
Außer der Wahlreform weift das radikale Programm noch eine große Fülle von Forderungen auf. So forderte ein Runderlaß des Ministerpräsidenten sämtliche Präfetten auf, ihm eine genaue Zusammenstellung der Meinungen einzusenden, die die Gewählten in ihren Glaubensbekenntnissen unb Programmen über fofgenbe Fragen ausgedrückt haben: 1) Wahlreform, 2) Umgestaltung der Verwaltungs- und Rechtspflege, 3) Steuer- und Staatshaushaltsreform, 4) gemeinsamer Arbeitsvertrag, bürgerliches Besihrecht der Geweck- schaften und Arbeiterkredit, 5) Gesetze zur Verteidigung der Welttichkeit. Wenn man bedenkt, daß zu diesem Programm noch die progressive Einkommensteuer — oder beruht vielleicht eine Berliner Meldung auf Wahrheit, wonach eine neue Milliardenan
leihe ausgenommen und die Einkommensteuer zurückgestellt ist? — Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, obligatorisches Arbeiterschiedsgericht und Beteiligung der Arbeiter und Angestellten am Reingewinn der Aktiengesellschaften kommen soll, dann wird man zugcken müssen, daß sich die Herren Radikalen etwas viel vorgenommen haben, und man braucht kein Prophet zu sein, um schon heute ecklären zu können, daß sie von all den vielen sozialen Plänen auch nicht einen einzigen werden verwirklichen können. Ist doch die mit knapper Not noch kurz vor Schluß der letzten Kammer angenommene Arbetterrentenversicherung dadurch in Frage gestellt, daß bis fetzt niemand weiß, woher die Mittel für diese Versicherung genommen werden sollen.
Noch einen Punü wesst das Programm Briands auf. Schon kurz nach den Wahlen wußte der Pariser Korrespondmt der „Poss. Ztg." zu berichten: „Auch die bedenkenfreisten Demagogen, denen jedes Mittel recht ist, von dem sie sich einen Nutzen für ihre Bewerbung versprechen, haben diesmal die Pfaffenfrefferei ganz unterlassen. Herr Briand hat eine gute Witterung gehabt, als er die Losung ausgab: „Beschwichtigung! Bersöhnung! Friede!" Das ist in der Tat die Stimmung des französischen Volkes."
Allerdings sst der Grund, den die „Boss. Zig." zunächst hierfür gibt, die Gleichgiltigkeit des französischen Volkes gegen den Kultuckamps, nicht der richttge, oder wenigstens nicht allein der Gmnd zu dieser Politik Klarer wird die Lage durch einen Bericht desselben Blattes vom 12. Mai geschildert:
„In seiner Rede von Psrigneux hat er (Briand) das Schlagwort ansgegeben: „Beschwichtigung und Versöhnung." In St. Chamond hat er das Schlagwort entwickelt und erläutert. Der Riß zwischen den Söhnen desselben Vaterlandes soll geheilt werden. Kirchlich gesinnte Franzosen und Freidenker sollen einander in gegenfeüiger Duldung die Hand reichen und sich nach ihren eigenen Bedürfnissen in der gemeinsamen republikanischen Freiheit ungehindert ausleben, Achtung der Staatsgesetze und der Rechte des Nachbars immer vorausgesetzt. Es ist nicht zu leugnen, daß das allgemeine Stimmrecht diese Schlagworte angenommen Und nach ihrer Weisung gewählt hat. Herr Briand scheint nun den Ehrgeiz zu haben, Tatsachen zu fchaffeu, in denen die Leitgedanken seiner Reden von Periguex und Saint-Chnmond sich überraschend verkörpern sollen. Er träumt den Kulturkampf zu beend en und die Katholiken zu versöhnen, indem er mit Bem Vatikan die abgebrochenen Beziehungen zunächst halbamtlich, in der Folge aber wohl auch amtlich wieder anknüpst und einen modus vivendi vereinbart, der zwar die Trennung des Staates von der Kirche voll zu Recht bestehen läßt, jedoch den Katholiken die Freiheit ihrer MaubenSübnng, namentlich der äußeren Zeremonien des Kultus «Umzüge, Glockenläuten, Be- stimmnnge» Über die Priestertracht n. bergt.) gewährleistet und ihnen vor allem das Zugeständnis macht, daß die Republik den Papst als eine Macht anerkennt, mit der sie ans dem Fuße der Gleichheit diplomatisch Zrkehrt. Diese Absicht hat Herr Briand öffenUich noch nicht ausgesprochen. Dazu ist er zu vorsichtig. Er be» reitet die öffentliche Meinung zuerst auf die Wendung seiner Politik vor. Die Blätter, die sich bei ihm ihre Eingebung hÄen, haben bereits recht bezeichnende Artikel veröffentlicht, die den Zweck verfolgen, für eine Annäherung an den Papst Stimmung zu machen. Daß eine Politik der Bersöhnung, die mit der Wiederaufnahme der Beziehungen zum Papst beginnen würde, um der Himmel weiß wo zu enden, Herrn Briand auf der Stelle 150 Stimmen der „Republikaner der Linken", der „Liberalen" und der „Pro- gressisten" gewinnen würde, ist nicht zweiselhesst. Aber wie viel Stimmen der Radikalen und Radikakfozialisten würde sie ihm entfremden? Das ist die Frage. Auf sie die Antwort zu finden, wird Herrn Briands erste Sorge fein. Erst wenn er die Festigkeit des Bodens sorgfältig geprüft haben wird, den er zn betreten gedenkt, wird er den Fuß zum ersten Schritt ansetzen. Dann kann die Aera der lieber» raschungen beginnen, die fteilich keine vollständigen Ueberraschungen für jene fein werden, die Herrn Briand wirklich kennen nnb feine Entwicklungen aus der Nähe beobachtet haben."
Man braucht danach gar nicht anzimehmen, daß Herr Briand auf dem Weg nach Kanossa ist. Den wird er wohl nicht mehr beschreiten; so langlebig pflegen ranzösische Ministerien nicht zu fein. Aber jedenfalls muß man daraus schließen, daß Herr Briand ein Realpolitiker ist, der eine Weltmacht wie die katholische Kirche wieder für die französische Negierung zu gern i n n e n sucht, der ernüehi, daß er deshalb mittels ferner Kirchenpolitik ersuchen muß, Unterstützung
bei den mehr rechts st e he nden Parteien zu finden.
Vockäufig bleibt die Lage noch unBar. Es ist zunächst der Zusammentritt der Kammer abzuwarten, bis ein endgültiges Urteil gefällt werden kann.
Ausland.
* Die Wahlexzesse in Ungarn nehmen böse Formen an. In Bota wurde von Agitatoren der Regierung das Wahllokal des oppositionellen Grafen Battbyany angezündet, um die dort befindlichen Wählerlisten zu vernichten. In Dees wurden Batthyanys Wähler durch Petarden aus- einandergejagt.
** Die französischen Eisenbahner drohen schon wieder mit Streik. Da einer der Staats- bahn-Direktoren es ablehnte, eine Abordnung des Eisenbahner-Syndikates zu empfangen, welche mit ihm über die Wohnungsgeldfrage verhandeln wollte, nahm das Exekutiv«Komitee des Eisenbahn - Syndikates einen Beschluß. Antrag an, in welchem mit dem Streik gedroht wird, falls die Leiter der Staatsbahnen bei der Weigerung, mit dem Syndikat in Unterhandlungen einzutreten, beharren sollten. — Dazu wird nachträglich er- Härt, daß die Abordnung des Syndikates nur deshalb nicht empfangen worden sei, weil die Bitte um Gewährung einer Unterredung erst nach der Ankunft der Abordnung an die Direktion gelangt sei.
* Die ausländischen Proteste gegen Finnlands Vergewaltigung verschwinden im Papierkord. Der Dumapräsident beschloß, die zahlreichen aus dem Auslande einlaufenden Proteste gegen die Finnlandvorlage weder zu veröffentlichen noch im Plenum verlesen zu lassen.
? Ein neues Beispiel der Willkür in der russischen Verwaltung ist das Schicksal der Turkestanrevisiou. Soeben hat das Kabinett entschieden, daß die Ergebnisse der vom Grafen Pahlen vorgenommenen Revision des Turke st angebietes, die schreiende Mißstände in der dortigen Verwaltung aufgedeckt hat, den Archiven einzuverleiben sind. Dadurch wird bewirkt, daß die Bedeutung der ganzen Revision gleich Null ist. Es wird weiter gestohlen werden. Ter Potizeimeister von Turkestan hat recht behalten, der beim Beginn der Revision den Eingeborenen erklärte: „Ihr müßt dem revidierenden Senator feine Klagen einreichen, er kommt und wird bald gehen, ich aber bleibe und werde jedem Kläger nachher das Fell über die Ohren ziehen!"
♦ Tie Albanesen geben nach. Zwischen den von ihrer Geist! chkeit beeinflußten Arnauten und Torgut Schesket Pascha ist mit Zustimmung des Kriegsministers vereinbart worden, daß die Bevöckerung nicht durch Truppen entwaffnet werden soll. Die albanischen Notabeln haben die Verpflichtung übernommen, die Waffen durch die Ortsvorsteher abnehmen und an Torgut Schesket Pascha ausliefern zu lassen. Die Regierung hat versprochen, die Waffen dem Volke wieder auszufolgen, fobald ein dringender Anlaß dazu vorläge. Dreiunddreißig Führer Dec Aufständischen sind bisher festgenommen und m Beriffovitsch vor das Kriegsgericht gestellt worden.
** Die Meldungen über Unruhen in China jagen ich neuerdings förmlich. So wird jetzt aus Peking berichtet: Unter den Einwohnern der Provinzen K t a n g f u, Tschekiang unb Hunan sinb erneut Unruhen ausgebrochen, die sich gegen die Behörden richten unb auf Mangel an Nahrungsmitteln zurückzu- führen find- Die Bewegungen stehen unter einander offenbar in keinem Zusammenhänge unb sind nicht sehr heftig, sie haben jedoch die Zentralregierung in große Unruhe versetzt. — Eine weitere Meldung besagt: Die Gerüchte von der Zerstörung der deutschen Missions- ftation in Queaechow in der Provinz Hunan find der Pekinger Zentralregierung bisher noch nicht bestätigt worben. Die Zentralregierung hat aber ben Gouverneur von Hunan angewiesen, über bie Wahrheit ber Gerüchte Ermittelungen anzustellen und gegebenenfalls Schutzmaßregeln zugunsten ber beutschen Missionare zu treffen. — Danach sieht es überall im Innern nicht zum besten aus Offenbar kann bas chinesische Volk bie großen Portionen mobenier Kultur, bie man
seiner jahrtausenbe alten eigenen Kultur so plöhlft zwangsweise aufoftroieren will, nicht schnell genug bet bauen.
♦♦ Die Anarchisten in den süimmerckanischen Repu blifcn haben eine bedrohliche Gewalt erlangt. E scheint ihnen gelingen zu sollen, bie ganze Jahrhundert feier in Argentinien zu stören. So wirb telegraphiert daß der Presse verboten ist, etwa? übet bie Unruhen ii ber argentinischen Hauptstadt zu berichten. Den gan zen Sonntag spielten sich auf ben Straßen wilde Sze neu ab, wobei zwei Sfubenten getötet unb mehrere Per fönen verletzt würben. Die Behörden scheinen nich ernsthaft gegen die Studenten, die den Abwehrkamp gegen bie Anarchisten führen, vorzugeben. Uebermäßi. günstig wirb banach ber Eindruck also nicht sein, bei bie Vertreter ber Großmächte, bie zu dieser Feier ge kommen find, nach Hause nehmen werden.
Aus dem Rachbargebiete.
* Hanau, 19. Mai 1910. Der Sohn eine hiesigen Bijouteriefadrikanten, ein junger Student ließ kürzlich im Garten seines Vaters eine Katz durch seine zwei Hunde zerfleischen. Leute die Augenzeugen diHes unerhörten Vorgangs waren erstatteten Anzeige.
* Philippsthal, 17. Mai 1910. Ein hier be fchäftigter Schachthauer aus einem Ort in der Näh von Salzungen stahl einem mit ihm zusammer wohnenden Kollegen einen Fünszigmarkschein. De Schein fand sich, fein säuberlich zusammengefaltet auf dem Grunde feiner — Schnupftabaksdose
* Friedberg, 19. Mai 1910. Das Mitglied de! Großherzoglichen Ortsgerichts in Dorheim, der Land wirt Fritzel ist verschiedener Delikte wegen auf Ver anlaffung der Staatsanwattschaft in Gießen seine! Amtes enthoben worden. Die Vorkommniff werden die Gerichte beschäftigen.
* Oberaula, 18. Mai 1910. Wie in de» Städten des Kreises Ziegenhain und in verschiedener größeren Ortschaften sind auch die hiesigen Bücke» und Backwaren-Händler infolge Polizei Verordnung von jetzt ab verpflichtet, in ihrer Derkanftstrllen Preisverzeichnisse ihrer Waren an zubringen. Auch ist eine Wage mit geaichten Ge wichten jum Nachwiegen der Waren aufzustellen
* Neustadt (M.-W.-B.), 18. Mai 1910. Daneue Steuerjahr bringt den hiesigen Steuerzahler» erhöhte Gemeindesteuer-Zuschläge. Während bis- her stets nur 100% erhoben wurden, kommen jetzt 125% Zuschläge zur Erhebung. Dieses Mehr von 2 »% wird einen Steuer betrag von annähernd 3000 Mark einbringrn, sodaß die Steuerzahler für dieses Jahr reckt lief in ihren Säckel greifen müssen. Die Ursache dieser Steuererhähung liegt nach der„Oberhess. Ztg/ nicht allein in dem Ausfall der Verbrauchs-Abgabe von Fleisch, die bisher zirka 1200 Mark pro Jahr einbrachte, und in den hohen Kreissteuern von 50 %, sondern aus anderen Gebieten. Die Stadt hat dÄ Gaswerk zn 41,000 Mark gekauft, welches aber unrentabel ist, daher einen Zuschuß der Stadt verlangt. Die Zahl der Abnehmer beträgt nur 55, weil der Preis des Gases zu teuer ist. Auch der erhoffte Anschluß der Essenbahn an die Gasanstalt scheint auszufallen, sodaß die Stadt eine teure Beleuchtung für viele Jahre sich angelegt hat, was besonders für die Straßenbeleuchtung zu- trifft. Die Unt.rhattung des Zuchtviehes, welche die Stadt in eigene Regie übernommen hat, er» ordert säst das Doppelte wie bisher. Die Erbauung der Zuchtvieh-Anstalt kostet mehr als 10,000 Mark, wozu noch die Haltung eines Zuchtviehwärters kommt. Eine Gegenleistung bet Biehhakter an Zuchtgeld wird nicht gegeben. Die Schulden der Stadt haben sich in den ' etzten 3 Jahren von 93,600 Mark auf 293,400 Mark erhöht, sodaß wir im Schulbenmachen mit den großen Städten gleichen Schritt gehalen, ja re wohl übertroffen haben.
* Kassel, 18. Mai 1910. Eine Warnung erläßt ber Polizeipräsident: Unter dem Namen „Hae- makolabe" wirb mit großer Reklame ein kakaoartiges Pulver in ben Handel gebracht, dem besondere ge-
Ihr Gesicht trug einen harten, unerbittlichen Ausdruck, unb in ihren Augen lag ein unheimliches Glühen.
„Edith, geht dein Temperament wieder einmal mtt dir durch?" entgegnete Thankmar mit sanftem Vorwurf. „Was für Gedanken! Dir sind sicher nicht nach dem Sinne unserer guten Mutter!"
„Habe ich denn Unrecht, Thankmar? Mütterchen war wieder ganz wohl, bis sie den unheilvollen Entschluß faßte, zu Hildebrandts zu gehen, llnb ba —'
„Ja, ja, bu hast recht, aber —"
„Kem Aber, Thankmar!" unterbrach ihn Edith. „Ich bin so voller Groll, ich mag sie nicht sehen, wenn sie kommen! Vater hat ja geschrieben; rufe mich lieber nicht!"
Unb Eoith ließ sich wirklich nicht sehen, als Hildebrandt mit feiner Fnm zum Kondolieren kam.
Er bedauerte den Tod ber Schwester sehr. Es fei ja vorauszusehen gewesen, baß eS bei ihrem Zustande mal ganz schnell kommen würde, meinte er-
Aber bei diesen Worten traf ihn em so beredter Blick ans Thankmars Augen,daß er doch vorzog, zu schweigen, denn er fühlte sich nicht ganz frei von Schuld.
Nach dem Fortgehen der Schwester damals hatte ihm feine Frau Vorwürfe gemacht, daß er so heftig geworden war Er hätte in aller Ruhe „nein* sagen können, denn passiere ettoas, ba Lina sich nicht ausregen dürfe, bekämen sie dir Schuld, hatte sie gesagt.
Als bann bie kurze Mitteilung Karl Vürkners vom Tode feiner Fran emgetraffen war, kam Herr Hildebrandt sich doch reckt schuldbeladen vor, unb keine Enffchulbigung, baß seine Schwester leibend unb ein plötzliches Ende vorauszusehen gewesen sei, konnte das leise Ragen in seinem Innern zur Ruhe bringen.
Er taufte einen wundervollen Kranz unb nahm natürlich mit Lucian Waldow an ber Beerdigung teil. Frau Hildebrandt war mit wortreichem Trost unb Hilfeanbieten am Begräbnistage um Edith bemüht; aber in deren Wesen lag eine so eisige Abwehr, fast Verachtung, daß sie ihr Bemühen bald aufgab und nachher zu Hause tüchtig über das „hochnäsige Ding", die Edith, Herzog unb ihrem Herzen Luft machte.
(Fortsetzung folgt)