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Z.^arzeller in Fulda. wochEazr: „Illustrierte Zonntagrzeitung"

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Lotationsdruckund Verlag der Fuldaer At- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

JV3 111.

Fulda, Mittwoch den 18. Mai 1910.

37. Jahrgang.

Der Hansabund.

Wie es in der nationalliberalen Partei kracht, so kracht es auch im Hansabunde.

Dieses angeblich wirtschaftliche Gebilde ist ja nichts anderers, als eine politische Organisation und zwar un liberal mit dem Hauptzweck der Wahlagitation. Die Geschäftsleitung des Hansabundes in Berlin handelte ehrlich, aber nicht diplomatisch, als sie zur preußischen Wahlrechts« frage eine Erklärung erließ, die ein Kompromiß ohne direkte Wahl und ohne anderweite Wahlkreis« einteilung entschieden ablehnte. Ehrlich war das insofern, als die Geschäftsleitung hiermit gerade dem Zw cke dienen wollte, zu dem der Bund im vorigen Sommer gegründet worden war: nämlich den Parteien, welche die Finanzreform geschaffen hatten, möglichst viele Wähler und Mandate abzu­jagen. Natürlich kann ein solcher Wahlseldzug nur mit Hilfe der gesamten Linken gegen die Rechte und das Zentrum durchgeführt werden; daher dür­fen der Hansabund und die Nationalliberalen sich nicht auf eine Wahlrechtsvorlage einlaffen, die von den Jungliberalen, den Fortschrittlern und den Sozialdemokraten bekämpft wird. Die Geschästs- keitung des Hansabundes handelte also folgerichtig und pflichtreu, als sie vor dem Bethmann-Schorle- merschen Köder warnte. Aber diplomatisch war das nicht, weil die Erklärung einerseits den politischen Charakter des Hansabundes zu früh und zu deutlich offenbar werden ließ, und weil die Erklärung andererseits keine Rücksicht nahm auf die zum Umfall e n tsch l o sse nen Nationalliberalen von Rheinland-Westfalen. Diese „Rücksichtslosig­keit" war um so verwegener, als sie gerade außer-; ordentlich mächtige und empfindliche Genossen traf, nämlich die Vertreter der schweren Industrie, die im Zentralverband deutscher Industrieller eine alte und starke eigene Organisation haben.

So hat denn der Berliner Hauptvorstand des Hansabundes alsbald einen kräftigen Widerspruch erlebt von seiner eigenen Niederrheinisch-Westfälischen Bezirksgruppe des Hansabundes; gezeichnet u. a. von Geheimrat F. Kirdorf. In dieser Gegener­klärung der Bezirksgruppe wird das Zustande­kommen. der Vorlage auf Grundlage der Herren- hausbeschlüffe als dringend erwünscht bezeichnet, und zwar mit der Begründurg, daß die Vergrößerung der Drittelungsbezirke weiten gewerblichen Kreisen die Möglichkeit wiedergebe, auch ihrerseits in ange- rnessener Zahl Vertreter in das Parlament zu

Da hat der junge Hansabunv seinen ersten Riß- Es wird nicht der letzte sein. Schon bei dem Ent­stehen dieser liberalen Gründung ist darauf hinge- viesen worden, daß der Hansabund die verschieden- »rtigsten Berufsstände und Interessengruppen um­fassen wolle: Die Schwerindustrie und die leichte Industrie, die Großbetriebe und die kleinen Betriebe, Die Produktion und den Handel, die Hochfchutzzölle und die Freihändler, die Brodherren und die An- gestellten, die Plutokratie und den Mittelstand — Das sollte alles unter einen Hut gebracht werden. So lange der frische Zorn über die überraschende Finanzresorm-Mehrheit noch loderte, ließ sich der Schein der Eintracht noch aufrechterhalten. Auch der Wahlfeldzug geg:n den konservativen Kandidaten in dem nordöstlichen Wahlkreise Oletzko-Lyck ging noch ohne Anstoß ab. Doch als nun die Regie­rung bei der Wahlreform den liberalen Groß­industriellen in Westfalen und Rheinland durch Herrn v. Schorlemer eine Extrawurst braten ließ, da wurde der Egoismus der Teile gegen die Kampf- poliiik des Gesamtbundes mobil gemacht. „Warum sollen wir nicht den Vorteil wahrnehmen, den uns die Vergrößerung der Drittelungsbezirke verspricht? Warum sollen wir, die man nicht f e Grund „Scharfmacher" genannt hat, vor der Demokratie

katzbuckeln und die angebotene Hand der Regierung zurückstoßen 1*

Wie scharf die Gegensätze und wie hoch die Er­bitterung ist, ersieht man aus der ,P o st', die heute dem „Bund der Industriellen' wegen seines Wider­spruches gegen den Zentralverband der schweren Industrie vorwirft, er vermöge nicht „von dem Asphaltliberalismus der Srresemann und Konsorten sich freizumachen', der Bund der Industriellen ver­trete nicht die Jntereffen der Industrie, sondern „die polstischen Interessen des sozial-liberalen Flügels der nationalliberalen Partei" usw. Schließ, lich wird gedroht, die Sache könne für die Ent­wickelung und Konsolidierung des Hansabundes leicht verhängnisvoll werden.

Nach unserer Ansicht hätte auch ohne die Wahl- rechts frage ein Krach im Hansabunde eintreten müffen. Aber vielleicht wäre es möglich gewesen, die Krisis hinauszuschieben bis nach den Reichs­tagswahlen des zweitnächsten Winters, nämlich bis zu der neuen Beratung über den Zolltarif und die Handelsverträge. Bei dieser Gelegenheit hätte spätestens der Gegensatz zwischen den Schutzzöllnern und den Freihändlern im Hansabund seine Spreng­kraft geltend machen müssen. Wenn sich nun schon vorher die Verschiedenheit der Interessen, der An­sichten und der taktischen Neigungen zugleich im Hansabunde und in der nationalliberalen Partei geltend machen, so ist uns das auch recht.

Der Gärungs- und Klärungsprozeß zieht das Zentrum gar nicht und die Konservativen nur wenig in Mitleidenschaft; desto stärker trifft er die gegnerische Hetz- und Großblockgesell- fchast, die bis vor kurzem noch in Spott und Hohn über die „Schwarzblauen' sich nicht genug antun konnte.

Deutscher Reich.

** Berlin, 17. Mai 1910. Der Kaiser machte heute nachmittag dem Reichskanzler einen Besuch und nahm den Tee bei ihm ein. — Die von einer Anzahl deutscher Reichstagsabgeord- nelen unterzeichnete Protestresolution gegen das zur Aushebung der Autonomie Finnlands bestimmte Gesetz, die man der Reichstkuma zuschickte, wurde, wie die .Deutsche. Tagesztg/ mitteilt, von dem Präsidium ad acta gelegt. — Kaiser Wilhelm hat dem Expräsidenten Roosevelt vor dessen Ab­reise auS Berlin ein Abschiedsgeschenk überreichen lassen. Es besteht in einem Exemplar des PrvchlwrrktS Sttnfer unb bie Knust—, ba8 vor einigen Zahlen hergestellt wurde. Auf das Titelblatt des Bandes hat der Kaiser eine Wid­mung eingetragen.

— Die natioualliberale Bekehrung zum ge­heimen indirekten Wahlrecht schreitet mit Siebenmeilenstieseln fort. Täglich entdecken wenigstens, roie die „Köln. VolkSztg." schreibt, die rheinisch-westfälischen Nationalliberalen neue Vorzüge an der Wahlrechtsvorlage, wie sie durch das Herrenhaus gestaltet worden ist. Wie Hai doch die „Köln. Ztg." über die „Karrikatur eines geheime» Wahlrechts", als die sie die geheime Urwahl schilderte, gespottet und gehöhnt! Und heute (in Nr. 538) druckt sie ohne jede Bemerkung an leitender Stelle eine Auslassung der „Natlib. Korr." für die Rheinprovinz ab, die gleich mit den Worten anhebt: „Wir erwarten von der partiell geheimen Wahl nicht die ungünstigsten Folgen, die von den strengen Anhängern der völlig geheimen und direkten Wahl in so düstern Farben an die Wand gemalt werden." Und weiter macht sie sich alles zu eigen, was von Zentrumsseite gegen die liberalen Kritiker der

geheimen Urwahl neben öffentlicher Abstimmung der Wahlmänner vorgebracht worden ist. Da liest man Sätze wie die folgenden:

Wir sind keinesfalls Gegner der direkten Wahl, aber warum soll man von den Wahlmännern nicht verlangen können, ihre Zugehörigkeit zu dieser oder jener Partei offen zum Ausdruck zu bringen? Für die Wahlmänner kommt eS auf hervorragende politische Befähigung nicht an, denn fte sind im wesentlichen nur die Mandatare ihrer Wähler, die doch sicher ein nicht unbegründetes Jntereffe daran haben, eine Kontrolle auszuüben. Der Fall steht gar nicht vereinzelt da, daß, wie in Köln zum Beispiel, Wahlmänner, die sich von den Liberalen hatten aufstellen und wählen lassen, nachher ihre Stimme für den Zentrumskandidaten ab­gaben. Unter diesen Umständen haben aber gerade auch die politischen Parteien ein Recht auf Kontrolle. Für die Masse der Wähler ist mit der geheimen Urwahl die Gefahr eines wirtschaftlichen und sozialen Terrorismus beseitigt, der bei der öffentlichen Abge­ordnetenwahl durch die Wahlmänner überhaupt keine Rolle spielen kann, wenn man wirtschaftlich und sozial unabhängige Parteimänner aufstellt.

Diese Bekehrung hat allein der Antrag Schorlemer bewirkt, der den Nationalliberalen günstigere Wahlausstchten bietet.

Am Donnerstag kommender Woche will die nationalliberale Fraktion des Abge­ordnetenhauses eine Sitzung abhalten, um sich über ihre Stellungnahme zur Wahlrechts­vorlage endgültig schlüssig zu machen. Dann wirds allerdings Zeit, denn am Tage darauf werden die Wahlrechtsverhandlungen im Abgeordnetenhause wieder ausgenommen.

(*; Die Aussichten der Wahlrechtsvorlage erörtert in der ,Nat.-Ztg/ der ehemalige nationalliberale Abg. Prof. M e t g e r. Da er natürlich nichts sicheres sagen kann, erübrigt es sich, auf seine Betrachtungen näher einzugehen. Hervorgehoben sei nur, daß er für den Fall des Auseinandergehens des „schwarz­blauen Blocks' an die Möglichkeit denkt, für die Nationalliberalen noch die Vermehrung der Diandate und „Erleichterungen in Bezug auf die Aufstellung der Wahlmänner' herauszuschlagen und fortfährt:

Ohne direkte Wahl würde man für das Gesetz nur dann stimmen können, wenn man die Aussicht hätte, den schwarz-blauen Block zu sprengen und die hochgehenden Wogen der Erregung zu beruhigen.

Also nicht so sehr auf den Inhalt des Ge­setzes als auf die Sprennung des „schwarz-blauen" Blocks kommt es den Herren Nationalliberalen an. Wenn sie die erreichen, wollen sie gern auf eine wichtige Wahlrechrsforderung verzichten! Das ist Nationallibsrale sachliche Politik!

)( Tie demokratische Bereinigung hat Pfingsten in Köln ihren „Parteitag" abgehalten, ,u dem 156 Delegierte anwesend waren. Man )at bisher 7916 Parteigenossen in Deutschland zusammengefunden. Zu einem Mandat langts oum. Dr. Breitscheid- Berlin, dem man vor- rotrff, feine Partei werde mit dem Gelde eng­lischer Demokralen ausgepäppelt, hielt eine große Rede. Zunächst bekamen die Freisinnigen ihren Rüffel für ihre Teilnahme an der Blockpolitik. Dann protestierte er dagegen, daß die freisinnige Presse seine Partei zu einer Hilfsgruppe des Freisinns machen wolle. Der Hansabund könne nicht als eine Organisation angesehen werden, die in demokratischem Sinne gegen Junkertum und großinduflriellen Feudalis i.u§ zu Felde ziehen werde. „Der Hansabund vertritt die Jntereffen gewisser Unternehmer gegen agrarische Interessen."

Ausland.

** Der Besuch des serbischen Kronprinzeu Alexan­der in London aus Anlaß der Beerdigung des Kö­nigs Eduard VII. droht eine politische Komplikation

herbetzuführen. Als am Samstag der Orientexpreß, der jede Woche nur einmal fährt, durch die Hauptstadt Belgrad kam, wollte Kronprinz Alexander ihn zu seiner Reise nach London benutzen. Er hatte auch schon sein und seines Gefolges Gepäck zur Bahn schaffen laffen; als man bann aber am Zuge aukam, wurde erklärt, der Zug sei darauf nicht eingerichtet und könne ihn nicht mitnehmen. In dem Zuge befand sich der türkische Thronfolger Jussuff Jzztedin, der auch nach London fuhr. Man nimmt in Serbien an, daß dieser mit der Bahngesellschast ein Abkommen dahin getroffen habe, wonach Alexander von Serbien nicht in dem Zug auf­genommen wurde. Die Sache wird wohl zu diplomati­schen Auseinandersetzungen Anlaß geben- Alexander begnügte sich einstweilen mit einem gewöhnlichen Schnellzuge .

In Albanien haben in den letzten Tagen Kämpfe nicht stattgefunden. Jedoch vollziehen sich umfangreiche Truppenbewegungen, die auf einen Angriff auf die Albanesen, die sich im Drenitzatal zusammengezogen haben, hindeuten. Es handelt sich dabei um die Unterwerfung des Ljumagebiets und Ipeks. Inzwischen bemüht sich der Kriegsminister, der im Aufstandsgebiet weilt, mit Unterstützung der Geistlichkeit die fried­liche Unterwerfung herbeizusühren. In den unter­worfenen Gebieten beginnt ein reger Kasernen bau, da die Regierung beabsichtigt, starke Garnisonen nach Albanien zu verlegen.

* Die Lösung der Kretafrage macht den beteiligten Mächten doch einige Beschwerde, zumal die Kretaer absolut nicht geneigt sind, nach der Flöte der Mächte zu tanzen. Zu der Nationalversammlung haben die muhammedanischen Abgeordneten trotz der War­nung der europäischen Konsule an die Kreter immer noch keinen Einlaß gesunden, weil sie sich weigem den Eid auf den Namen des Königs der Hellenen zu leisten. Die türkische Regierung, die sich anfangs mit der Beschwichtigungsnote der Mächte zufrieden zu geben schien, hat unter dem Druck der allge­meinen Aufregung in der muhammedanischen Welt, erneut Vorstellungen erhoben. Man ist am goldnen Horn eifrig daran, die Armee möglichst auf Kriegs- fuß zu sitzen und die Flotte, die nach dem Aegäischen Meere auslaufen soll, auszurüsten. Es erscheint nicht ausgeschlossen/ daß beim ersten Kanonenschuß an der griechischen Grenze die Albanesen sich sofort nnt-rwerfen und gegen Griechenland marschieren.

Kongresse.

X Der katholische deutsche Lehrcrverband hält fernen Verbandstag gegenwärtig in B o chum ab. Die Tagung nahm am Montag ihren Anfang mit einer Vertretewersammlung des Wests. Provinzial­vereins, in der es zu einer angeregten Debatte kam über einen Antrag Münster, beim katholischen Leh­rerverband den Antrag zu stellen, an maßgebender Stelle die Aufhebung des Privilegs der Lehrer, der einjährigen Dienstpflicht auf Staatskosten zu genügen, zu erwirken. Man war im Verein geteilter Ansicht, ob die Aufhebung des Privilegs zweckmäßig sei. Schließlich fand der Antrag Annahme, desgleichen ein weiterer Antrag Münster, dahin zu wicken, daß den Lehrern der Berechtigungsschein für den einjährig- reiwilligen Dienst auf Grund der Aufnahmeprüfung in das Lehrerseminar erteilt werde.

Nachmittags tagte die erste Vertret erber« ammlung unter dem Vorsitze des Herrn Brück (Bochum). Vertreten waren 78 Delegierte aus allen Teilen Deutschlands, außerdem Vertreter katholischer Lehrervereine aus Oesterreich, Holland, Belgien, Luxemburg. Aus England war eine Vertretung wegen bes Todes des Königs nicht erschienen- Einige ge­schäftliche Sachen wurden rasch erledigt. Ein Antrag Mülheim a. d. Ruhr auf dringende Empfehlung der Schutzvereine für die schulentlaffene männliche.

Edith Büttners Liebe.

24] Roman von Fr. Lehne.

Bei diesen schonungslosen Worten traten in Frau Büttners Augen Tränen, die sie jedoch heldenhaft un­terdrückte. Sie hoffte ja, den Bruder zu erweichen. Leise sagte sie:

„Wir haben ernst und eingehend mit Thankmar darüber gesprochen und haben ihm alles vorgestellt. Aber er glaubt doch, mit einer, wenn auch nur kleinen Unterstützung auskommen zu können. Und da — da dachte ich — daß Du, lieber Bruder, — ihm unter die Arme greifen würdest — Dir ist eS doch ein Leich­tes —'

Nun war es heraus, und ängstlich sah sie zu dem Bruder auf, der bei ihren letzten Worten vor ihr stehen geblieben war, beide Hände auf den Tisch gestützt und sich zu ihr neigend.

„So, weißt Du denn das so genau? Mir ein Leichtes? Natürlich, als ob ich das Geld auf der Straße gefunden hätte! Aus einer kleinen Unterstütz­ung wird eine große und Dann hat man den sauberen Neffen ganz auf dem Halse! Er wird wohl wissen, warum er Dich hergeschickt hall'

„Thankmar weiß nichts davon, daß ich hier bin! Ach, Bruder, willst Du denn nicht? Du verdienst Dir einen Gotteslohn!'

„Püh — Gotteslohn! Auch so 'ne schöne Redens­art! Nicht ’nen Pfennig kriegt er, und damit basta!'

„Ich bitte Dich, Otto, sei barmherzig! Erleichtere meinem Sohn seine Sage", flehte sie, „wir wollen eS ja nicht geschenkt haben. Wenn er erst verdient, wird er Dir alles zurückzahlen.'

„Wohl am Nimmermehrstage? Das kennen wir! Nee, das gibt's nicht! Eines will ich Mr noch sagen, Lina, schicke mir den Burschen, den Thankmar, mal per, damit ich ihm dir großen Rosinen auS dem Kopf treibe! Studieren will er — hat keinen Pfennig Geld dazu — man muß wirklich lachen —', er stieß ein kurzes, trockenes, höhnisches Gelächter auS. „Und wer hat ihm das dumme Zeug in den Kopf gefetzt?

Ihr! Ihr allein seid schuld! Warum schickt Ihr Euren Jungen auf das Gymnasium? Das war gar nicht nötig! Wie ich neunzehn Jahre alt war, verdiente ich fchon Geld!'

„Wir haben doch kein Schulgeld zu zahlen brau­chen, und Thankmar lernte so gut —"

„Ach, papperlappap — alles Unsinn! Als ob man in praktischen Berufen nicht auch kluge Leute gebrauchen könnte! Wenn er sich nicht aufs Studieren erpicht hätte, da wäre man auch kein Unmensch! Als er fein Einjähriges hatte, konntet Ihr ihn von der Schule nehmen und in eine ordentliche Lehre bringen; da hätte ich Euch gern mit Rat und Tat zur Seite gestanden, da Dein lieber Mann doch nun mal so Wenig davon versteht. Schon um Deinetwillen hätte 'ch getan, Lina. Aber hier solchen Unsinn noch unterstützen sollen, das wäre ja notorische Verrückt­beit !'

m ha"e sich so ereifert, daß er ganz blaurot im Gesicht geworden war.

„Otto rege Dich doch nicht so auf", bat da seine

™ lasse es Dir doch nicht auf zwan­

zig Mack im Monat ankommen."

Er lachte höhnisch auf.

„ ,'^ich »en roten Pfennig, sage ich nochmals! Ans Prinzip nicht Dre Leute sollen nicht zu hoch hinaus wollen mcht über ihre Verhältnisse Also nich 'nen roten Pfennig!'

»Bruder, ist das Dein letztes Wott?'

„Mein letztes Wott und keins weiter!'

Und zur Bekräftigung schlug er mit der Hand zweimal auf den Tisch. v

Frau Büttner brach in Tränen aus-

„Wenn ich nun damals auch so gesprochen als Du die fflnfjeljntaufenb Mack haben wolltest?' Da konntest Du schön bitten, daß ich Dir aus der Ver­legenheit helfen sollte! Und ich hab's auch gern getan und von da an ging eS Dir gut! Aber freilich, das vergißt sich, und wie —'

„WaS?' schtte er sie da an. An jene Zeit wurde er nicht gern erinnert. „Was? Habe ich Dir das Geld nicht zurückgezahlt bei Heller und Pfennig? «So­

gar mit fünf Prozent l Ueberall hätte ich das Geld mit dreiundeinhalb kriegen können! Und das hältst Du mir jetzt vor? Da sieht man, was für eine Ge­sellschaft Ihr seid. Und wo ist denn jetzt das Geld, he? Das könnt Ihr ja Euren Thankmar berftubieren lassen! Vielleicht wird er gar gleich Professor! Gebt's ihm doch! Wozu braucht Ihr mich denn? Aber na­türlich ist nischt mehr da — durchgebracht habt Ihr alles — pleite seid Ihr!'

Vergebens suchte Frau Hildebrandt ihren Mann, der mit beiden Händen in der Luft herumgestikuliette und dem die Stimme überzuschnappen drohte, zu be= ruhigen.

Frau Bückner erhob sich: sie konnte sich kaum noch aufrecht erhalten, so hümmette vor Aufregung das arme, kranke Herz.

Mit zitternden Händen band sie die Hutbänder zu.

„Ich will Dir nichts Schlechtes wünschen trotz Deiner Hätte", sagte sie mit schluchzender Stimme, „aber hoffentlich kommt einmal der Tag, der Dir gei­gen wird, wie unrecht Du uns getan hast. Wir haben nichts durchgebracht und verschwendet; das Brot, das wir essen, ist sauer verdient! Und ebensowenig wie Du dafür kannst, daß es Dir gut geht, können wir dafür, daß wir kein Glück haben! Wir sind auch in unseren bescheidenen Verhältnissen zufrieden; Du aber hast ganz vergessen, wie —'

„Nu höre aber auf, sonst —' unterbrach er sie, vollendete ober nicht, was er sagen wollte, da seine Frau ihm einen wamenden Blick zmvarf.

Er brummte noch einige undeutliche Worte vor sich hin.

Frau Bürkner wankte zur Tür. Ihr Bruder drehte sich nicht einmal nach seiner Schwester um, son­dern trommelte an den Fensterscheiben herum.

Sollte man da nicht außer sich sein, wenn man so etwas hörte — nichts zu beißen habe» und bann noch an Stubieren benten!

Melleicht lag aber der Grund zu seinem Groll noch tiefer! *

Denn er trug in seiner Tasche einen Brief von dem Direttor des Instituts zur Vorbereitung auf das Ein- jährig-Freiwilligen-Examen, worin ihm mitgcjeilt

wurde, daß es ratsam sei, wenn fein Kurt vom Examen zutticktreien würde, da er keine Aussicht habe, die Prü­fung zu bestehen.

Da soll doch gleich! Einmal war Kurt schon durch­gefallen und nun noch einmal! Und da sollte man nicht die gute Laune und Geduld verlieren?

10.

„Mütterchen, Du bist so still und siehst so bleich aus! Fühlst Du Dich nicht wohl?" fragte Edith be­sorgt die Mutter, die am Abend schweigsam, vor sich hinstarrend, am Ofen faß. Während des Abendessens war ihr das nicht so aufgefallen; aber jetzt merkte sie das veränderte Wesen der Mutter, die sonst von einer gewissen Redseligkeit war-

„Mi, Mütterchen, unser Thankmar will heute bum­meln. Ich glaube, der kommt vor morgen früh nicht heim! Aber was hast Du nur. Du weinst ja? Du sollst Dich doch nicht aufregen!'

Angstvoll blickte das junge Mädchen auf die Mut- ter, ans deren Augen Träne um Träne rann.

„Komm einmal her, Kind," sagte sie mit zittern­der Stimme; „setze Dich zu mir, ganz dicht — so, und nun sieh mich an —'

Edith war befiembet von der Mutter Art unb Weise, bie sie sich gar nicht erklären konnte.

Sie kniete vor ihr nieber, die Arme um der Mut­ter Hüsten geschlungen, und schlug die schönen Augen boll zu ihr auf

„Also, was gibt es, Mütterchen?"

„Edith, sag — hast Du Herrn Waldow, MatthaS Bräutigam, gern gehabt?'

Bei dieser unvermuteten Frage errötete das iunae Mädchen tief.

„Mutter, wie kommst Du darauf?"

„Warum antwottest Du mir nicht? So ist es also wahr?'

Stolz toarf Edith ben Kopf zurück.

„Ja, Mutter, es ist wahr! Ich kann nicht lügen, ■öä) war ihm gut — boch das ist nun vorbei! Aber woher weißt Du es? Wie kommst Du daraus?'

„Also auch das noch", murmelte Frau Büttner.

(Fortsetzung folgt.)