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109. Erstes Blatt.
Fulda, Samstag den 14. Mai 1910.
37. Jahrgang.
Wegen deS hl. Pfingstfestes wird die nüchste Nummer der,Fuldaer Zeitung' erst am DienStag ausgegeben.
t Weltkultur und Welttirche.
Drei Tage vor Pfingsten hielt Theodor Roosevelt in der Berliner Universität einen Vortrag über die Weltkulturbewegung. Wir unterschreiben nicht jeden seiner Gedanken, aber er sprach manche chöne und manche nützliche Wahrheit auZ. Dahin rechnen wir namentlich seine Bemerkungen über den weltumspannenden, kosmopolitischen, universellen Charakter der Kultur. „Jetzt", so führte er aus, .ist die gesamte Welt so eng miteinander verbunden, wie nie zuvor. Ob gern oder ungern, heute muß jeder Mensch, der in der Welt der Gedanken oder auf dem Gebiete der Taten eine führende Stellung einnimmt, über die Grenzen seines engeren Vaterlandes hinausblicken. Zum Guten und zum Schlimmen sind die Völker der Menschheit enger denn je zuvor miteinander verbunden."
Das ist richtig, die Kultur setzt über die nationalen Grenzgräben und über die staatlichen Kreidestriche sich hinweg. Die Kultur ist katholisch im weiteren Sinne dieses Wortes, das bekanntlich die Ausdehnung auf das Ganze (nämlich den ganzen Erdball) bedeutet.
Diese Tatsache rückt bte wichtige Zeit- und Streitfrage in den Vordergrund: Soll nicht der Glaube ebenso international und universell sein, wie die Wissenschaft? Muß nicht die Kirche, wenn sie die richtige Organisation für das religiös-sittliche Leben der Menschen sein will, ebenfalls einen weltumspannenden katholischen Charakter haben?
Am Pfingstfest, dem Geburtstag der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche, bejahen wir diese Frage mit besonderer Sicherheit und Hoffnungsfreudigkeit. Die Epistel vom Pfingst- wunder erzählt uns mit drastischer Anschaulichkeit, wie all die verschiedensprachigen Völkerscharen, die in Jerusalem zusammengeströmt waren, die erste öffentliche Predigt des ersten Papstes verstanden, als ob er in ihrer eigenen Muttersprache geredet hätte. Keine Sprachgrenze sollte dem Evangelium vom Kreuze den Weg verschränken. Ter Geist, der vom Himmel gesandt war, sollte nicht das eine oder das andere Land, sondern das Angesicht der ganzen Erde erneuern. „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker." Und zu dem universellen, internationalen Lehramt ein ebensolches Hirtenamt: „Und lehrt sie alles behalten, was ich euch gesagt habe." Zu den Judenchristen gesellten sich die ioenchristen aus allen erreichbaren Ländern, und .e Apostelfürsten begaben sich vom hl. Lande der Erlösung in jene Stadt, die damals den Mittelpunkt der weltlichen Ordnung und Kultur war und für alle Zeiten der Mittelpunkt des religiös- sittlichen Kulturlebens sein sollte: nach Rom, der Wellhauptstadt.
Durch den katholischen Charakter der Kirche wurde auch der gesamten Kultur die weltumfassende Tendenz gesichert. Im Mittelalter fehlte es durchaus nicht an der guten Absicht, die Kultur über die gesamte bewohnte E^de auszuspannen, als vielmehr an den Hilfsmitteln zu diesem Zweck. Tie Kreuzzüge z. B. waren ein rührend schöner, nur le der technisch mangelhafter Versuch einet Kultur- Pi opagauda, und die Helden der katholischen Welt- misfion, die zum Ausgang des Mittelalters in In- oien, China und Japan so gewaltige Eroberun en machten, haben nicht auf die Erfindungen des Dampfes und der Eleltriziiät gewartet.
Als die Glaubensspaltung zur Bildung von Seasonal- und Territorial-Kirchen führte, war das ein Rückschritt, auch vom Gesichtspunkte der ivelt- licheu Kultur aus. Die protestantischen Religions- gemeinschaslen haben auch die Eierschalen der territorialen Beschränktheit allmählich in der Praxis ab
zustreifen gesucht, indem sie sich, zum Teil mit sehr großen Mitteln, aus die Missionstätigkett in der wetten, weiten Welt warfen.
Je mehr der universale Charakter aller Kulturbestrebungen zu Tage tritt, desto unverständlicher und unberechtigter werden die Vorwürfe, die man gegen die katholische Kirche gerade deshalb erhebt, weil fie eine katholische, über die nationalen und politisch«! Grenzen hinaus den ganzen Erdball umspannende Organisation darstellt. Das Schelten über den „Ultramontanismus" und der gesamte stampf gegen Rom" wurzeln in der Erbitterung, daß es ein Frevel gegen die .nationalen" Pflichten und eine Gefahr für die bestehende Ordnung sei, wenn die Bürger in ihrem religiösm Leben sich einer internationalen Organisation anschließen, die sie als die von Christus begründete und vom hl. Geiste geleitete Volkskirche erkennen. In Wirklichkeit schadet die religiöS-sittliche Nniversalität den politisch-nationalen Einzelbildungen durchaus nicht, sondern gibt ihnen vielmehr Anregungen und Befruchtung, um sie vor der Verknöcherung in Eng- Herzigkeit, Eigensinn, Eigennutz und Tyrannei zu bewahren.
Der Katholizismus aus dem kirchlichen Gebiete ist das Vorbild und der Bahnbrecher für den Katholizismus, den weltumspannenden Charakter der gesamten Kultur. Weltkirch^ und Weltkultur gehören zusammen, und so ist wirklich der Katholizismus das Prinzip des Fortschritts, der .Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" aller Menschen im richtigen Sinne dieser, von der Revolution mißbrauchten Parole christlichen Ursprungs. Wir aber sind zu Pfingsten besonders stolz darauf, daß wir der alten heiligen Weltkirche angehören, und wir wissen, daß wir der wahren Weltkultur um so bessere Dienste leisten, je bessere Katholiken wir sind.
Das ist der Geist, der das Angesicht der Erde erneuern soll.
Deutsches Reich.
+ Eine neue Suanzreform?
Das .Berliner Tageblatt' hat sich das Verdienst erworben, der erschütterten Mitwelt die grausliche Kunde zu übermitteln, daß in kürzester Frist eine neueReichsfinanzresorm nötig sein werde, um das Fiasko der letzten Steuern auszugleichen. Wir lesen nämlich <Nr. 237):
„Wie eine hiesige Korrespondenz aus dem Büro des Hansabundes erfährt, beschäftigt sich der Bund gegenwärtig mit der Behandlung der Frage der E r b a n f a l l st e u e r. Es soll ein Gesetzentwurf ausgearbeitet werd.n, der in gleicher Weise den Interessen der verschiedenen Erwerbskreise in Handel, Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft gerecht wird und der Regierung wie dem Reichstag zugehen soll." Weiter heißt e8 in der Meldung: „Eine Erkundigung an anderer Stelle hatte das Ergebnis, daß die Regierung diesem Projekt um so freundlicher gegenüberstehe, als sich betrüblicherweise das von vielen Seiten prophezeite Fiasko der Reichsfinanzreform nicht mehr länger verheimlichen lassen werde. Es ist deshalb in eingcweihten Kreisen kein Geheimnis mehr, daß man wohl schon nach den Ferien mit neuen Reformvorschlägen an das Plenum herantreten müsse. Und daß dabei die Erbaufallstener wieder auf'» Tapet kommt, steht mit Sicherheit zu erwarten; in irgend einer Form wird sie dann wohl angenommen werden."
An diesen Mitteilungen dürste zweifellos das eine frei erfunden sein, daß von irgend einer Regierungsstelle das .Fiasko der Reichsfinanzreform" zugegeben und eine neue Steuer Vorlage für den Herbst in Aussicht gestellt worden sei — wenn nicht etwa das Projekt der Wehrsteuer gemeint war, das aber als „Verbesserung der letzten Finanzreform" nicht wohl angesehen werden kann. Von einem
Fiasko der Finanzreform kann schon deshalb nicht gesprochen werden, well sich bis heute die Wirkungen der neuen Steuern noch gar nicht übersehen lassen. Das aber wird man wohl als richtig annehmen dürfen,daß die Erbansallsteuer in dem bevorstehenden Wahlkampf um die Reichstagssitze eine große Rolle spielen soll. So meint es auch der „Vorwärts" (Nr. HO), der im Anschluß an jene Korrespondenz ausführt:
„Es ist noch nicht recht zu übersehen, ob es sich dabei um Abmachungen zwischen der Regierung und dem Hansabund handelt. Der Hausabund verlangt die Erbanfallsteuer in der Hauptsache natürlich nur aus wahltaklischen Gründen, und der ^Regierung wird es nicht unangenehm sein, wenn eine Interessenvertretung die Einführung einer solchen Steuer direkt fordert. Der Reichstag nimmt im nächsten Jahre fern Ende, und es wäre der Regierung zweifellos sehr angenehm, wenn die Frage der Besteuerung der Erbschaften, die im Wahlkampfe keine geringe Rolle spielen würde, bis dahin eine den bürgerlichen Parteien günstige Lösung gesunden hätte. Deshalb ist es wahrscheinlich, daß sich der Reichstag am Ende der Legislaturperiode doch noch mit der Erbschaftssteuer zu befassen hat."
Wir halten es nicht für wahrscheinlich, daß sich der Reichstag vor dem Ende der Legislaturperiode noch einmal mit der Erbschaftssteuer zu beschäftigen haben werde. Die Erfahrungen des letzten Jahres sollten da doch schrecken. Wenn aber erwartet werden sollte, daß dann die Erbanfallsteuer eine zugkräftige Wahlparole für die Regierung bilden werde, so sehen wir dem mit größter Gemütsruhe entgegen.
Der Forderung der Besteuerung des Gatten- und Kindeserbes stellen wir entgegen die Forderung der Besteuerung des Spekulationsgewinnes, auf die Parole Erbanfallsteuer antworten wir mit der Parole Kotierungssteuer.
Welche Parole bei dm Massen der Wähler größeren Anklang finden rvird, das können wir in Ruhe abwarten.
** Berlin, 13. Mai 1910. Der Kaiser nahm Donnerstag im Schlosse zu Berlin die Vorträge des Chefs des Militärkabinetts Frhrn. v. Lyncker und des Chefs des General- stabsder Armee o. Moltke entgegen. — Zur Kaiserreise nach England wird berichtet, daß der Kreuzer „Königsberg" der „Hohen- zollern" als Begleitkreuzer beigegeben werden soll. — Der Minister der öffentlichen Arbeiten v. B"eitenbach hat eine Urlaubsreise nach Harzburg angetreten, während der Minister für Land wirt schuft v. Arn im aus Tirol zurückgekehrlfist. — Die deutschen Landesversicherungsan. stallen traten in Berlin zu einer Vollversammlung zusammen, um zu dem Entwurf einer Reichsversicherungsordnung Stellung zu nehmen. Die Versammlung genehmigte die Beschlüsse der Elfer ommission und beschloß, unverzüglich dem Reichstag Abänderungsvorschläge zu unterbreiten.
+ Der neue Bischof von Paderborn, Dr. Schulte, wird heute im Menen Palais in Potsdam vom Kaiser empfanden werden und darauf an der Kaiser!. Frühstücks-Tafel teilnehmen. Auch bei dem Reichskanzler, dem Kultusminister und dem Minister des Innern wird Bischof Schulte in diesen Tagen seine Antritts - Besuche machen. Bei dem Kultusminister Freiherrn v. Trott zn Solz hat Bischof Schulte gestern gemeinsam mit dem Präsidenten Roosevelt eine Einladung zur Mittagstafel angenommen.
)( Roosevelt und die Reichshauptstadt. Nachdem der Expräsident Roosevelt Die deutschen Soldaten, die deutschen Diplomaten, Fürstlich-
keilen und Gelehrten kennen gelernt hat, widmete er sich am Freitag den Berliner Repräsentanten der SÄbstverwaltung. In Begleitung des Oberbürgermeisters Kirschner stattete er den kommunalen Anstalten Berlins einen Besuch ab. Vor allem wurde das Krankenhaus und die Irrenanstalt besichtigt. Am Mittag fand ein Diner in der amerikanischen Botschaft statt, an dem u. a. Graf Zeppelin teilnahm.
)( Die RrichSverfichmnig wdnung wird bekanntlich im Reichstage m diesem Sommer von einer besonders dafür eingesetzten Kommission vorberaten werden. Diese Kommisfion wird am 27. Mai ihre Arbeiten aufnehmen. Es heißt, die Kommission wolle zunächst sechs Wochen tagen und wöchentlich vier biS fünf Sitzungen zu durchschnittlich sechs Stunden abhalten; es stehen ihr also 30 Sitzungen zur Verfügung. Die Zeit vom 8. Juli bis Mitte August soll sitzungsfrei bleiben. Daß die Kommission in 30 Sitzungen nicht 1800 Paragraphen erledigen kann ist klar. Sie will auch zunächst nur die Frage der Kosten der neuen Organisation beraten und zu diesem Zweck den Plan, den die Regierung zurzeit für zwei preußische Provinzen aufstellt, einer Diskussion unterbreiten. Dieser Plan mit einer genauen Kostenberechnung wird der Kommission am 27. Mai vorliegen. Es ist wo l anzunehmen, daß die Vorlage in der Frage der Versicherungsämter, gegen die sich überall ein Widerspruch bemerkbar gemacht hat, eine Aenderung erfahren wird, zumal die Kosten für diese in der jetzigen Form nutzlosen Aemter auf nicht weniger als 25 Mill. Mark jährlich geschätzt werden.
+ Zur Steuereinschähung der landwirtschaftlichen Bodenwerte. Dem Abgeordnetenhause ist der schon bekannte Antrag Engelbrecht in folgender Form zugegangen: „Die Staatsregierung zu ersuchen, zur Erleichterung der Steuereinschätzung der landwirtschaftlichen Bodenwerte nunmehr nach Klärung der Kostenfrage in größerem Umfange für einzelne Provinzen die Verbreitung der verschiedenen Bonitäts« klaffen des Kulturlandes in Meßtischblätter. eintragen zu lassen".
** Der Vertretertag der Windthorstbunde Deutschlands wird in Den Tagen vom 25.-27, Juni in Bochum abgehalten werden.
+ Weil er die Marseillaise in einem Hotel in Mülhausen hatte spielen lassen und dadurch den Unmut der deutschen Gäste hervorgerufen hatte, war der Schweizer Wegelin, wie erinnerlich, vor einem halben Jahre ausgewiesen worden. Diese Maßregelung ist jetzt zurückgenommen worden. Die Angelegenheit hatte auch außerhalb des Landes viel Aufsehen erregt.
Die Schulvorlage in der badischen Kammer.
# Karlsruhe, 13. Mai 1910. Um die Schulvorlage noch vor den Pfingstserien zum Abschluß zu bringen, mußte die Zweite Kammer gestern zwei Sitzungen abhalten. Der Rede des Zentrumsabgeordneten Fehrenbach, über die bereits telegraphisch berichtet wurde, trat zunächst der Sozialdemokrat Kolb entgegen. Natürlich sprach er sich für den bekannten Kulturkampf- Paragraphen aus. Der Paragraph stellt ein Ausnahmegesetz dar, da andere als kirchliche Körperschaften nicht eines Gesetzes zur Errichtllng solcher Anstalten bedürfen, sondern nur der Genehmigung der Regierung. Bisher konnte man noch einige Achtung vor der Prinzipienfestigkett Der roten Hofgänger haben, aber nun ist auch diese flöten gegangen. Obwohl sie behaupten, gegen jedes Ausnahmegesetz zu sein, stimmen sie doch munter dafür, wenn sie ihren Haß gegen Die Kirche stöhnen können. Wie Kolb trat auch der Sprecher der Nationalliberalen, Oberschulrat
"tt ftfeiern einst und jetzt.
Von Franz Wichmann.
(Nachdruck verboten.)
Wenn die Natur zum Grünen und Blühen wieder erwacht ist, da spüren wir überall den Geist eines jungen, neu sich regenden Lebens. WaS Ostern verkündete, ist nun geworden, aus der auferstandenen Hoffnung die vollendete Herrlichkeit. Christus hat der Seele, die Sonne der Erde den Frühling gebracht. Ein doppeltes Freudenfest also und das heiterste der Kirche. Wie die Juden um diese Zeit ihr Emiedank- fest feiern, so will sie für die Ernte danken, die ihr an Licht und Verheißung geworden. Bis ins 5. Jahrhundert tat sir das mit Kommunion und Gebeten 50 Tage lang von Ostern ab.
Die ursprünglichste Art der Pfingstfeier ging unmittelbar auf die Tradition der ch r i st l i ch e n K i r - ch e zurück. Ihren Geburtstag sollte das Fest ja darsteücn, der Erinnerung geweiht sein an den Tag, da die Jünger, oon Sturm und Flammen der Liebe ergriffen, zum erstenmal die neue Heilslehre von Zion hinaustrugen unter die Menschheit, da Petrus, vom Geiste erfüllt, mit der Macht des Wortes 3000 Personen bekehrte und so die erste christliche Gemeinde gründete. Den heiligen Geist, der solche Wunder getoirft, mußte sich eine naivere Zeit noch sinnfällig verkörpern. So war es bis ins Mittelalter hinein ein allgemein üblicher Brauch, daß man während des Hochamts eine weiße Taube von der Decke der Kirche herabflattern ließ. Auch die Feuerzungen des Geistes mußten in sichtbare Erscheinung treten. Darum warf man vielfach von der Orgel und Elnpore brennendes Werg und rote Rosenblätter herab, eine Sitte, die sich am längsten in Italien erhielt, wo man Pfingsten früher geradezu als Pasque rosate, als Rosen-Ostern, bezeichnete.
In diese auf die kirchliche Enfftehung des Festes zuruckgehenden Zeremonien mischten sich aber bald allerlei uralten heidnischen Frühlingsseiern entnom- jnere Volks gebrauche, die das Christentum Milcht abzuwehren und höchstens wie beim Weihnachts
und Osterfeste seinen Zwecken entsprechend auszuge- ftalten vermochte. So wollte man vor allem seiner Freude über den nunmehr in voller Lieblichkeit entfalteten Frühling Ausdruck geben. Türen und Fen- ster wurden deshalb seit den frühesten Zeiten des Mittelalters mit grünen Zweigen geschmückt, aus den Straßen sammelten mit Laub und Gras bekleidete Knaben Kuchen und Eier ein, welch letztere, wie an Ostern, als Symbole der zeugenden Lebenskraft galten. Zugleich zog auch der sogenannte, als Waldteufel ausstaffierte Pfingstwecker durch den Ort. Von der fröhlichen Jugend begleitet, pflanzte er nach dem Gottesdienste auf dem zum Tanze bestimmten Platze einen Baum, meistens eine Birke auf, wünschte den Jungsrauen treue Liebhaber, den Männern schwere Getreidekörner und den SBeibem Zwillinge, wobei er mit munterem Trommelschlag seine derben Späffe begleitete.
Das Wecken und das der Jahreszeit entsprechende Frühaufstehen spielte überhaupt bei vielen Psingstge- bräuchen eine Rolle. Wer die lachende Psingstsonne verschlief, der galt die Festtage hindurch als „Vfingst- tümmtt". Diese Bezeichuun at sich in einigen oberbayerischen Gegenden bis heute erhalten, indessen mit veränderter Bedeutung. Jetzt versteht man dort eine mit Männerkleidern angetane Strohpuppe darunter, die übermütige Burschen auf dem Dache einer spröden Jungfrau befestigen, an der sie sich rächen wollen, ein Brauch, den unsere prosaischen Gerichte heute als groben Unfug und Hausfriedensbruch bestrafen. In Norddeutschland belegte man Mädchen und Burschen, die beim Austreiben des Viehs zur Weide ober Tränke zu spät kamen, mit den Namen: .Pfingstfoß" und „Psingstbrut", während die zuerst Aufgestandenen „Taustreicher" oder .Pfingstmocke" hießen. Gern verband man auch größere, ftöhliche Aufzüge mit dem Feste, an die sich allerlei Wettspiele, wie zum Beispiel im Halberstädtischen ein Wettrennen der Mädchen, schlossen. Wo, wie im Schwäbischen, Pferderennen veranstaltet wurden, ward der den ausgesteckten Kranz erringende Sieger zum Maikönig erHärt. In Augsburg führte man einen in Schilfrohr und Baumzweige eingehüllten Wasservogel durch die Stadt, gewöhnlich
aber waren es reich geschmückte Ochsen, dir zum Ausdruck der Freude über den neuen Jahressegen in Ackerbau und Viehzucht den Umzug mitmachen mußten. Diese bekränzten Pfingstochsen sind heute in vielen Gegenden das einzige Ueberbleibsel der alten, den Frühling verherrlichenden Pfingstritte. Wollte man um Pfingsten ein Mädchen besonders ehren, so pflanzte man ihm in der Nacht vor dem Feste einen Baum vor das Fenster, was meistens ihr Liebster besorgte. Wo aber der sittliche Lebenswandel einer Schönen Bedenken erregte, da wurde ihr statt dessen übelberüchtigter Häksel vor die Schwelle gestreut. Da bei den Volkslustbarkeiten auch ein guter Teil nicht fehlen durste, so war es das ganze Mittelalter hindurch üblich, daß der Edelherr feine Hörigen zum Pfingstbier lud. Auf einem freien Platze, wo man um den auf- gepflanzten Baum tanzte, wurde es ausgrschenkt, und wie bei den heutigen Kirchweihen kam es dabei oft zu blutigen Raufereien.
In den Städten suchte man sich zu Pfingsten anders zu amüsieren als auf dem Lande- Da die Bürger früherer Zeiten die Freude der jetzigen Menschheit an der Natur kaum kannten, dagegen auf ihre Wehrhaftigkeit stolz waren, so liebte man es, diese an dem Feste zum Ausdruck zu bringen. Stach dem Gottesdienste marschierte man, unter dem Klange von Hörnern und Trompeten, mit der Armbrust ober Donnerbüchse bewaffnet, in festlichem Aufzug durch die Straßen hinaus zur Pfingftwiese, einem grünen Anger, wo nach der Scheibe oder dem an der Stange schwebenden Adler geschossen wurde. Diese Pfingstwiesen bildeten den Ursprung unserer jetzigen Schützenfeste, sie hatten sich aber schon im 16. Jahrhundert in richtige Volksfeste verwandelt, zu denen von weit und breit Verkäufer, Seiltänzer, Gaukler und Bettler herbei- strömten. In den Universitätsstädten führten sie fast regelmäßig zu schlimmen Prügeleien zwischen Studenten und Handwerksburschen, die ost zahlreiche Opfer forberten, unb als die Bewaffnung der Bürger mit der Einrichtung stehender Heere ihre Bedeutung verlor, erfolgte der mannigfachen Mißstände wegen überall die landesherrliche Aufhebung der Pfingstwiesen.
Von eigentlichen originellen Psingstbräuchen kann heutzutage nur noch teilweise auf dem Land« die Rede fein. Besonders in Bayern und Tirol haben sich solche vielfach erhalten. Dahin gebürt das sogenannte Pfingstreitm in den Dörfern an der Isar. Die vor dem Feste zusammenttetenden Burschen losen hierbei den „Pfingstl" unter sich aus. Am Pfingstmontag hat dieser einen buntgezierten Schimmel zu besteigen, den einer der Burschen am Zügel führt. Das ist nötig, da der Reiter von der Welt nichts sieht. Er trägt nämlich die nach oben spitz zulaufende Pfingst- kappe, eine riesige, aus Binsen geflochtene Kopsbe- occkung, die die Dorffchonen mit Feldblumenkränzen und Pfingstrosen geschmückt haben, und diese Haube hat einen solchen Umfang, daß sie bis zu den Füßen hinabreicht. Indessen darf der Psingstlreiter noch ftoh fein um den Schutz, denn vor den Häusern stehen überall die Mädchen mit Kübeln bereit, um den Vorüberkommenden mit Wasser zu überschütten. Von zahlreichen Reitern umgeben wird der „Pfingstl" von Hof zu Hof geführt, überall werden ein paar Verse gesprochen und vier mit Körben versehene Burschen, die den Zug beschließen, sammeln zugleich die von den Bauern gespendeten Eier und Kücheln ein. Ein fünfter sammelt das etwa gegebene Geld, das der durchnäßte Reiter zum Trost für die erduldete Fopperei erhält. Was man sonst gesammelt, wird geteilt, die Kuchen verzehrt man unb bie Eier wandern in die Küche des Witts, her daraus leckere Eierspeisen herzuitcllen hat- Diest läßt man sich schmecken, wenn abends frohe Tanzmusil den eigenartigen Brauch beschließt.
Für den Städter bedeutet Pfingsten in der Gegenwatt recht eigentlich das Fest des Wanderns, mehr noch als Ostern, denn dem beliebten Osterspaziergang spielt ja sehr oft das Wetter übel mit, unb bie Natur ist meistens auch noch nicht in ihrer ganzen Pracht erschlossen. Da bie Lust am Wanbern und Reisen bei keinem anderen Volke so ausgeprägt ist, wie beim naturfrohen Germanen, so wirb wohl das Pfingstfest in Deutschland auch am innigsten unb fröhlichsten gefeiert. Wer bas ganze Jahr hindurch nur schwer von Haus unb Geschäft abkommen kann, heute