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Samstag »e» 14. mal 19(0.
57. Jahrgang.
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Zeitung«
5. Blatt.
Druck und Dtrlag der Fuldaer Actiendruckerel in Fnlda.
-4- Politische Psingstgevaukeu.
Von den Tagen ihrer Stiftung an ist die Kirche den heftigsten und feindseligsten Angriffen ausgesetzt gewesen.-
Gleich ihrem göttlichen Stifter war sie der Welt ein Aergernis, der Gegenstand unversöhnlichen Haffes und erbittertster Feindschaft. Auch in unseren Tagen sehen wir, wie ungläubige Wissenschaft und freie Moral auf der einen Sette, Liberalismus und Sozialdemokratie auf der anderen Seite alle Kräfte anspannen, um das Christentum und die katholische Religion zu vernichten, die einen auf dem Wege der geistigen Beeinflussung der Menschen, die anderen mit Hilfe politischer Maßnahmen gegen die organisierte Kirchengemeinschaft
Es ist bekannt, wie in Italien und besonders in Frankreich die kirchenfeindlichen Bestrebungen zu immer größerem politischen Einflüsse gelangen. Mit tiefer Trauer hat die ganze katholische Welt in bat letzten Tagen es erleben müssen, daß das katholische Frankreich sich nicht zu starker, einmütiger Verteidigung der Rechte der Kirche hat auftaffen können. Gewiß ist, daß in Deutschland die Kirchenfeinde noch nicht un Besitze solcher Macht sind wie ihre Gesinnungsgenossen in Frankreich. Aber ebenso gewiß ist, daß sie die größten Anstrengungen machen und machen werden, um ebensolche Macht zu gewinnen.
Zahllose Kräfte sind im Dienste der Bestrebungen tätig, die daraus abzielen, das gläubige Volk dem Christentum und der Religion zu entfremden. Der Kampf gegen die christliche Volks schule wird mit aller Energie geführt. Da die Zett noch nicht gekommen ist, um die Macht des Staates in den Dienst dieser Bestrebungen zu stellen, so geht das Bemühen dahin, die Volksmassen zu gewinnen. Systematisch wird da- hm gearbeitet, den Geist des Unglaubens in die Lehrerschaft hineinzutragen, damit diese ihn der Heranwachsenden Jugend überliefere. Wie groß diese Gefahr ist, ist in den letzten Kultusdebatten des preußischen Abgeordnetenhauses gezeigt worden.
Der Kampf gegen die christliche Volksschule ist der erste Vorstoß des neuen Kulturkampfs. Es ist gefordert worden, daß man die gegenwärtig zu Tage tretenden kirchenfeindlichen Bestrebungen nicht mit dem Namen jener historischen Bewegung bezeichnen solle, die in den 70er Jahren die katholische Kirche in Deutschland ihrer Rechte zu berauben suchte. Gewiß, vorderhand wird der Versuch, mit den Machtmitteln des Staates die Kirche zu unterdrücken, nicht wiederholt werden. Aber was wird wohl geschehen, wenn die kir- chenfeindlichen Bestrebungen, die das deutsche Volk der christlichen Religion zu entfremden suchen, soweit Macht erlangen, daß sie in der zur Gesetzgebung berufenen Volksvertretung über eine dauernde Mehrheit verfügen können? Wer zweifelt daran, daß bann in unserem Lande die gleichen Vorgänge sich wiederholen werden, die wir in Frankreich haben sehen müssen? Un- tcr der Parole Trennung von Kirche und Staat wird dann bei uns die gleiche Politik der Unterdrückung, Vergewaltigung und Beraubung verfolgt werden, wie sie in unserem westlichen Nachdarlande verfolgt worden ist.
Die Führer solcher Politik sind auch bei uns schon vorhanden, es fehlen ihnen nur noch die Truppen, und diese zu gewinnen, das ist eben das Ziel der Bestrebungen, welche durch die religionslose Schule die Heranwachsende Generation in Feindschaft und Haß gegen Religion und Kirche erziehen wollen. Die Führer stehen in den Reihen deS Liberalismus und der Sozialdemokratie. Die Sozialdemokratie macht aus ihrem Haß gegen alle Religion kein Hehl, ihr Programmsatz : Religion ist Privatsache, dient nur zur Betörung der Massen. Der Liberalismus macht es ganz ähnlich. Auch er verwahrt sich dagegen, daß er kirchen- und religionsfeindlich sei. Aber in der Praxis beweist er das Gegenteil wir erinnern nur daran, wie er in den 70er Jahren mit lautem Juvel den Kulturkampf unterstützte, wie er heute noch mit aller Macht sich dagegen wehrt, daß die Reste der Kulturkampsbewegung beseitigt und der katholischen Kirche die gleichen Rechte wie der evangelischen Kirche ein geräumt werden.
Es wächst die Gefahr, daß die kirchenfeindlichen Bestrebungen in Deutschland an politischem Einfluß gewinnen, mit der Begründung jener Kampfgenossenschaft zwischen Liberalismus und Sozialdemokratie, die wir unter dem Namen des Großblocks allenthalben in die Erscheinung treten sehen. Es bedarf keiner beson
deren Ausführung, daß ein Katholik, der seine Kirche und seinen Glauben liebt, nicht unter der Fahne einer politischen Partei stehen darf, die die kirchenfeindlichen Bestrebungen unterstützt. Der Führer der rheinischen Nationalliberalen, Dr. Ham m, hat jüngst im Herrenhause sich darüber aufgehalten, daß sein alter Gärtner es abgelehnt habe, ihn zum Abgeordneten zu wählen mit der Begründung: „Man ist länger baut (tot) als lebendig." Herr Hamm führte den Vorfall an als Beweis dafür, daß das Zentrum die Politik mit der Religion verquicke. Das ist nicht wahr. Aber Tatsache ist, daß zu dem Programm des Zentrums der überzeugungstreue Katholik sich bekennen kann, während er sich zu dem Programm des Liberalismus nicht bekennen kann.
Leider liegt heute die Sache so, daß keine einzige politische Partei außer dem Zentrum für die Rechte und Interessen der Kirche in ihrem vollen Umfange eintritt. Tas Zentrum bildet in Wahrheit den einzigen starken Hortfür d i e Rechte der katholischen Kirche. Kann es da überraschen, wenn die große Mehrzahl der deutschen Katholiken sich zu dieser Partei bekennt? Heute trennen die wirtschaftlichen Interessen das Vofl nach den verschiedenen Klaffen und Berufen. Das Uebergewicht der wirtschaftlichen Fragen, das heute in unserem ganzen politischen Leben zu beklagen ist, kann nur ausgeglichen werden durch den Zwang zur Einheit, den die höherstehenden ideellen Interessen bewirken. In der Verteidigung der christlichen Grundlage des Staates und der Familie, der christlichen Schule, der Freiheit der Kirche und der Neligionsübung müssen wir auch weiterhin einig zusammen stehen. Gegenüber den trennenden Tendenzen der wirtschaftlichen Interessen müssen wir uns immer an die einigende Kraft unseres gemeinsamen Kampfes für die idealen Güter erinnern.
So finden wir auch den festen Boden für eine gerechte Vertretung unserer materiellen Güter.
Deutsches Reich.
c Die verstärkte Geschäftsordnungskommission des Reichstags hat ihren Bericht über die Beratung der Anträge auf Abänderung der Geschäftsordnung erstattet. Die Bestimmungen gehen dahin, daß aus Interpellationen der Reichskanzler spätestens am dritten Tage eine Erklärung abgeben soll. Gibt der Reichskanzler die gewünschte Erklärung nicht ab oder bemißt er die Frist zur Beantwortung auf mehr als 4 Wochen, so beschließt der Reichstag selbständig über den Tag der Besprechung. Bei der Besprechung von Interpellationen ist die Stellung von Anträgen unzulässig. Dagegen können bei der Besprechung von Interpellationen über die Tätigkeit des Reichskanzlers, für welche dieser dem Reichstage verfassungsrechtlich verantwortlich ist, Anträge gestellt werden, die dahin- gehen, daß der Reichstag sich über Die Billigung des Verhaltens des Reichskanzlers aussvrechen möge. Bei Regierungserklärungen, die außerhalb der Tagesordnung abgegeben werden, kann eine Diskussion über diese Erklärungen eröffnet werden.
----- Zwischen Konservativen und Liberalen in Ostelbier» wird es bei dar nächsten Reichstagswahlen zu einem heftigen Kampfe kommen. Stach dem Erfolge in dem Wahlkreise des verstorbenen konservativen Reichstagspräsidenten werden die Liberalen sich mit besonderem Eifer auf den Wahlkreis des konservativen Führers in Westpreußen stürzen. Herr vonO! deu- b u r g soll zur Strecke gebracht werden. Zu diesem Zwecke ist in Elbing und Marienburg der „Vaterländische Wahlverein" gegründet und eine eigene Zeitung an gekauft worden. Hinrer dieser Zeitung und hinter dem „Vaterländischen Wahlverein" stehen — die „Danz. Allg. Ztg " behauptet es — die Millionen des Großindustriellen Zies e Elbing. Dahinter steht auch der Evangelische Bund. Der gegenwärtige Provinzialvorsitzende ist Superintendent Bury in Elbing, und einer seiner Wortführer ist Professor Heidenhain in Marienburg, der auch im „Vaterländischen Wahlverein" eine Rolle spielt- Die Agitation dieses Vereins ist ganz nach dem Muster des Evang. Bundes zugeschnitten. Den Auftakt gab ein evangelischer Pastor bei der Grmldungsversam nlung. Der Evangelische Bund geht gegen Herrn von Oldenburg mit ganz besonderem Nachdruck ins Zeug. Denn Herr von Oldenburg hat im Januar d. I. auf den konservativen Parteitagen in Königsberg und Danzig das Wort gesprochen:
„Wir arbeiten mit Heiden, Juden und Thessalonichern zusammen, und kein Mensch tadelt eS; wenn wir aber einmal mit katbolischen Christen zusammensitzen, dann ist der Teufel los!"
Dieses Wort verzeiht ihm der Evangelische Bund nicht. Im Anschluß an eine Versammlung der Vertrauensmänner der Zentrumspartei des Wahlkreises Elbing-Marienburg ist in einem Zentrumsblatte, der „Schles. Volksztg", auch die Frage gestreift worden, ob es vielleicht angebracht sei, in diesem Wahlkreise die 4000 Zentrumsstimmen schon im ersten Wahlgange Herrn v. Oldenburg zuzuführen. Wir haben diese Frage nicht zu entscheiden. Nur muß man sich fragen, ob es Zweck hat, sich mit Leuten zu verbünden, die förmlich Selbstmord treiben durch Verhätschelung ihrer intimsten Feinde. Nach der Wahl Von Oletzko-Lyck konnte man in der konservativen Presse des Ostens Klagen darüber lesen, daß der Evangelische Bund benutzt worden sei, um als Vorspann für die national- liberale Partei zu dienen und nationalliberale Bargeschäfte zu fördern. Statt nun aber vom Evangel. Bund abzurücken, rühren jetzt schon wieder dieselben konservativen Blätter Pauken und Trompeten für den Evangelischen Bund. Weiter kann man in der Selbstverleugnung — um das unparlamentarische Wort Dummheit zu vermeiden — nicht leicht gehen.
Ausland.
* Die Erhöhung der französischen Tabaksteuer wird mit dem 15. Juni in Straft treten. Sie beträgt zwischen 40 und 50 Prozent der bisherigen, bereits unmäßig geschraubten Preise, ist also sehr bedeutend. Sämtliche Sorten mit alleiniger Ausnahme des gewöhnlichen Caporaltabaks werden im Preise erhöht. Am schärfsten werden die Tabake, Zigarretten und Zigarren ausländischer Herkunft zur Besteuerung herangezogen. Der Finanzminister hofft, aus diesem Aufschläge den Betrag von 18 Millionen Frank im Jahre zu erzielen.
Der Kampf im Baugewerbe.
** Die rechtliche Seite der Bauarbeiter-Aussperrung. Unter dieser Ueberschrist gaben wir in 9tr. 103 anszüglich die rechtlichen Erörterungen wieder, die ein angesehener Jurist, der Archivar des Verbandes deutscher Gewerbe- und Kansmannsgerichie, der Rechtsanwalt am Reichskammergerichr Dr. Bau m in einer Berliner Zeitung veröffentlicht hatte, Die Darlegungen des Verfassers gipfeln darin, daß die Arbeitgeber, die der jüngst erfolgten Aussperrung innerlich widerstrebe»», der Aussperrung nicht Folge zu leisten brauchen, ohne zu befürchten, daß sie durch Jnkursjetzung der von ihnen zur Sicherung ihrer Vertragstreue hinterlegten Depotwechsel oder durch Materialiensperre der Bau Materiallieferanten in rechtlich unanfechtbarer Weise betroffen werden könnten. Der Verfasser glaubt weiterhin, daß der Anschluß an die Aussperrung den Arbeitgebern trotz der in den Bauverträgen enthaltenen sogen. Aussperrungsklauseln abzuraten sei, da diese Klauseln seiner Auffassung nach unwirksam seien. — Der deutsche Arbeitgeberbund für das Baugewerbe läßt hiergegen eine Darlegung des Berliner Rechtsanwalts Dr. Wrzeszinski verbreiten, die die Bamn'schen Ausführungen als mit der Rechtslage nicht in Einklang stehend erklärt. Wir geben auch ans dieser Darlegung das Wesentliche wieder, ohne uns selbst in die Debatte über die Gründe und Gegengründe einzulassen. Die Streitfrage zu lösen, ist nicht unsere Sache. Dr. Wrzeszinski behauptet, in dem Baum scheu Aufsatz sei die Rechtssprechung des Reichsgerichts nur bis zum 51. Bande verfolgt, obwohl zur Zeit bereits der 72- Band im Erscheinen begriffen ist und die nicht berücksichtigten 20 Bände für die behandelten Fragen bedeutsame Entscheidungen aufweisen. So habe das Reichsgericht (Bd. 54 S. 259, 260) noch besondes betont, daß die durch die Gewerbeordnung gewährleistete Aussperrung keineswegs gegen die guten Sitten verstoße. Demzufolge sei auch die Verabredung einer Aussperrung unter den Arbeitgebern rechtlich zulässig. Wie v. Landmann, der hervorragende Kommentator der Gewerbeordnung, ausführt (Anm. 3 o zu § 153) sei es auch statthaft, die getroffene Abrede durch Vereinbarung von Konventionalstrafen zu stützender von Baum angeführte § 344 des Bürgert. Gesetzbuchs stehe dem nicht entgegen, da nur die ein an wirksames Versprechen sichernde Konventionalstrafe ungültig sei, die Wirksamkeit der Aussperrungsabrede aber
nicht dadurch berührt werde, daß der Rücktritt von der Abrede durch das Gesetz »erstattet wird. Auch die Ansicht Baums, daß die Verhängung der Materialsperre durch die Lieferanten der Baumaterialien „rechtlich bedenklich" und eine dahinzielende Einwirkung der Arbeitgeber auf die Materialienhändler eine unstatthafte Verrufserklärung fei, erscheine als unzutreffend. In drei wichtigen Entscheidungen (Bd. 64 S. 61, 62; Bd. 66 S. 383, 384; Deutsche Jur. Ztg. 1908 S. 250) sei das Reichsgericht zu dem Ergebnis gelangt, daß die Einwirkung auf andere Personenkreise und die Bemühung, in diesen Bundesgenossen für den wirtschaftlichen Kamps zu werben, weder unzulässig sei, noch gegen die guten Sitten verstoße, wenn nur persönliche Anfeindungen und Verdächtigungen vermieden würden und nicht den angerufenen Personen der Sachverhalt unwahr geschildert würde. Wenn der Verfasser meine, daß die Aussperrungsklauseln deshalb unwirksam seien, weil der einzelne Unternehmer haft der Gewerbeordnung seine Verpflichtung dem Arbeitgeberverbande gegenüber durch Austritt beseitigen könnte, so sei dem entgegenzuhalten, daß das Recht nirgends den unerträglichen Zwang auferlegt, in zwar rechtlich zulässiger, moralisch aber mindestens anfechtbarer Weise sich eingegangenen Verpflichtungen zu entziehen. Die Vertragstreue des bei dem Arbeitgeberverbande ausharren- den Arbeitgebers könne daher nicht als ein dem Bauherrn gegenüber zum Schadenersatz verpflichtender Vorsatz erachtet werden.
* Goldene Regeln für die Handwerker.
Die .Gewerbe - Zeitung für Elsaß und Lothringen" stellt eine Reihe von Grundsätzen zusammen, deren Beobachtung für den Handwerker von allergrößtem Nutzen ist. Diese Regeln können als Seit« sähe für wertvolle Vorträge in unseren Vereinen dienen und auch ihre aufmerksame Lesung wird den Beteiligten sicher förderlich sein. Darum feien sie mit einigen Veränderungen hier wiedergegeben.
1. Außer deinem Handwerk lerne vor allem das Schreiben, Rechnen und Zeichnen.
2. Es ist eine überaus traurige Sache, wenn ein Geschäftsmann nicht einmal die Dinge richtig zu schreiben weiß, die zu feinem Handwerk gehören.
3. Wenn du nicht rechnen kannst, so ist es ein sehr seltener Zufall, wenn du doch auf einen grünen Zweig kommst.
4. Wenn du nicht zeichnen kannst, wirst du auch keine Zeichnung richtig verstehen. Dann bist du von anderen abhängig und passest nicht in die heutige Zeit. Das Zeichnen ist ein Hilfsmittel für jede Kunstindustrie, ein Paß für alle Gewerbe. Es bat für die Kulturentwicklung der Völker die gleiche Bedeutung wie das Schreiben. Der Handwerker, der gewerbliches Zeichnen beherrscht, ist imstande, nach schriftlichen Anweisungen zu arbeiten, neue Erfindungen sich zunutze zu machen, von einem Geschäftszweige zu einem verwandten überzugehen.
5. Gehe mit der Zeit, mit dem Fortschritt: höhere Geschicklichkeit, kunstvollere Produktion. Das ist die Zauberformel, um der Gefahr, welche dem Gewerbe von feiten der Maschine droht, zu begegnen. Nur Kunst und Lehre bringt Gunst und Ehre.
6. Suche die Gesellschaft derjenigen auf, die mehr können als du.
7. Arbeite als Meister selber fleißig mit, sei früh und spät auf deinem Posten, überwache deine Gesellen und Lehrlinge und laß andere für dich die Früh« und Dämmerschoppen trinken. Das Handwerk hat einen goldenen Boden, aber mit Schweiß roi.b er rein gehalten.
8. Zahle bar und halte auf Barzahlung. Schulden sind Sorgen. Suche niemals Hilfe bei einem Wucherer. Unterschreibe nicht leicht einen Wechsel; es bedeutet das für manchen den Anfang vom Ende. Sei vorsichtig in der Annahme von Kunden. Wenige, die ordentlich und bald zahlen, sind besser als viele, die es nicht tun.
9. Führe genau deine Bücher! Merke dir alles .schwarz auf -reiß" und trachte, jeden Tag mehr einzunehmen, als auszugeben. Das ist die Summe des ganzen wohlgeordneten Geschästslebens. Ohne Buchführung Unordnung, Verluste und Ruin.
10. Wer einer guten Lebensversicherung beitritt, bewahrt die ©einigen vor mancherlei Sorgen. Br-
Edith Suttners Liebe.
22] Roman von Fr. Lehne.
Und Edith konnte er von seinen Sorgen auch nicht viel sagen; sie hätte ihm auch nicht helfen können!
Da waren nun die häufigen Einladungen von Hildebrandts, die ihn so auffallend bevorzugten und ihren Reichtum so offensichtig zur Schau trugen, gekommen. Er folgte ihnen, und es ging immer hoch hW in der Familie.
Der alte Hildebrandt verstand so herrliche Bowlen zu brauen; Waldow trank mehr, als ihm gut war — und m einer solchen animierten Stimmung war er bann wohl Mariha Hildebrandts Bräutigam geworden.
So mußte es wohl gewesen sein — anders nicht, dachte er jetzt, und nun hieß es, sich drein finden, so gut es ging.
Und er bedurfte eines gewissen Wohllebens, wenn seine Kunst gedeihen sollte.
Schließlich war es auch ein ganz angenehmes Gefühl, beruhigt schlafen zu können, ohne mit Sorgen an den kommenden Tag zu denken! —--
9.
Zu ihrem Erstaunen las Edith eines Abends in der Zeitung, daß demnächst — also noch vor Schluß der Saison — im Stadttheater ein Schauspiel, betitelt „Charlotte Krondorf", seine Uraufführung erleben würde, und daß der Verfasser desselben der beliebte Konzertmeister der städtischen Kapelle. Lucian Wal- boto sei, der nun auch auf dem Felde des Dramas Lorbeeren zu pflücken gedächte, die ihm schon in so reichem Maße in feinem Berufe beschicken seien.
^Ifo nun war es so weit!
• to™r ia schnell gegangen! Aber er hatte ja jepl ohne Sorgen schaffen können, da war e8 freilich kein Wunder!
, trug das Zeitungsblatt zu Thankmar, der in seinem Zimmer saß und eifrig arbeitete; denn er stand im schriftlichen Examen. Den lateinischen Aussatz hatte er smon hinter sich.
Bei ihrem Eintritt blickte er auf.
„Was gibt's denn, Schwesterchen?"
Sie reichte ihm die Zeitung.
„Da lies," sagte sie und bezeichnete ihm den Artikel, den sie soeben gelesen.
Thankmar überflog die Worte, bann lachte er.
„Warum lachst du, Thankmar?" fragte sie erstaunt.
„Nun, ich meine, es ist unmöglich, daß er was Gescheites zustande gebracht hat! Es ist sicher nur Protektion, daß das Ding überhaupt einstudiert wird, weil er eben Waldow ist —"
„Traust du ihm das nicht zu?"
„Nee", sagte Thankmar trocken und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. „Nee, das liegt auf einem ganz anderen Gebiete; dazu gehört mehr, wenn man ein Schauspiel, ein gutes, schreiben will, als Violinsvie- len und ein paar hübscher blauer Augen. Paß mal auf, Dtta, wir erleben da den schönsten Theaterskandal." —
„Denkst du?"
„So sicher ich hier vor dir sitze! Ich will's zwar dem schönen Lucian nicht wünschen, daß er durchraffelt — wer weiß, ob mir jenes Schicksal nicht auch beschieden ist! — aber ein kleiner, heilsamer Dämpfer könnte seine Künstlereitelkeit nicht schaden; denn eitel lind sehr von sich eingenommen ist er doch, das kannst du nun mal nicht bestreiten!"
„Tue ich auch nicht; ich war niemals blind gegen seine Fehler!"
„Gestern traf ich ihn übrigens. Er schloß sich mir ohne weiteres ein Stück des Weges an und erkundigte ftcb sehr eingehend nach allen Mitgliedern der Bürkner- schen Familie. Du, weißt du, Tita, wie 'n glücklicher Bräutigam sah er nicht aus!"
„Warum sollte er nicht? Ueberhaupt interessiert wich das gar nicht," sagte sie ruhig „Nun will ich dich aber nicht länger stören. Wärest du nur erst fertig, armer Junge, mußt dich so plagen!"
Zärtlich strich sie über seinen Kopf.
„Das ist das wenigste - ohne Fleiß kein Preis!"
„Aber bann, Thankmar — dann?" Bang klang ihre Frage.
Ein Schatten flog über des Bruders hübsches Gesicht.
„Erinnere mich jetzt nicht daran. Ich brauche alle meine Kräfte zum Examen. Darum will ich keine anderen Sorgen haben, Tita, hörst du? Ich will und darf es nicht! Wenn du das gelegentlich Muttern beibringen möchtest, wäre ich dir sehr dankbar! Ihr Gejammer macht mich wirklich noch ganz nervös."
„Sic meint es doch so gut mit dir und sorat sich!'
„Das weiß ich alles, aber vorläufig kann es mir durchaus nichts nützen- Uebrigens habe ich sie im Verdacht, daß sie sich mit dem Gedanken trägt, bei passender Gelegenheit Onkel Hildebrandt um Hilfe für meine Studienzeit anzugehen. Sie soll das aber lassen! Denn ehe der das tut, beißt er sich lieber den kleinen Finger ab. Ich kenne ihn — “
„Zu mir hat Mutter seit langem nichts mehr davon gesagt," meinte Edith, „sicher denkst du dir das nur. Wir wollen abwarten. Wenn wir nur erst drei Wochen weiter wären, Thankmar."
* ♦
*
Sie waren drei Wochen weiter.
Thankmar hatte sein Examen mit „gut" bestanden und war außerdem auf Grund seiner vorzüglichen schriftlichen Arbeiten vom „Mündlichen" dispensiert worden.
Große Freude herrschte bei Bürkners darüber, und voller Stolz blickten sie mif ihren Abiturienten, der in Frack und weißer Binde so männlich aussah.
„Na, Thankmar da wären wir nun so weit!"
Lächelnd legte Edith dem Bruder die Hande auf die Schultern.
Er breitete die Anne weit ans.
„Frei! Gottlob, dass ich der Schule endlich den Rücken kehren kann und den Pennäler abgestreift habe!"
„Aber nun, mein Junge? Ach Gott —" fing Frau Bürkner an.
Thankmar umfaßte zärtlich die Mutter, Die er um Kopfeslänge überragte, und streichelte gerührt den grauen Scheitel und das sorgenvoll blickende Gesicht.
„Nicht, Mütterchen, jetzt nicht," wehrte er. „Heute • will ich mitt' nur freuen! An all das andere will ich erst morgen denken Heute wird feste gebummelt! Ratz wird kommen und mich abholen, wenn die ganze Kiste vorbei ist!"
Arn Nachmittag, als Frau Bürkner allein war, führte sie den Gedanken aus, den sie längst schon im stillen gehegt-
Sie zog ein besseres Kleid an, setzte den Hut auf und machte sich auf den Weg zu Hildebrandts.
Sie traf die Verwandten zu Hause an, noch mit Kaffeetrinken beschäftigt.
„Na, Lina, was wachste denn immer noch? Schön, daß du mal kommst!"
Mit diesen Worten empfing sie ihr Bruder.
„Danke, es geht so, nur immer das Herz —"
Sie atmete schwer, der Weg hatte sie doch angestrengt.
„Leg ab und trinke noch ein Täßchen Kaffee mit uns; es ist noch welcher da."
Die Schwägerin nahm ihr den Mantel ab, nötigte sie zum Sitzen und reichte ihr Kaffee und Kuchen.
„Wie geht's denn bei euch, Auguste? Ich habe euch lange nicht gesehen; die Zeit geht so schnell hin!"
„Ach. bei uns ist immer viel los, es hört gar nicht auf. Alle Tage was anderes. Das Brautpaar wird soviel eingeladen. Dann die Konzerte. Wenn Lucian fpielt, müssen wir doch immer hin. Und er spielt jetzt so schön. Er hat eine alte, kostbare Geige von uns als Verlobungsgeschenk bekommen. Sie war sehr teuer: aber Marihchen wollte es doch nun mal."
„Das glaube ich," sagte Frau Bürkner schüchtern-
Die Art ihrer Verwandten imponierte ihr sehr, da sie zu kurzsichtig war, das Protzentum dahinter zu bemerken.
„Ws ist denn Marthchen?" fragte sie.
„Marihchen zieht sich eben an; sie hat Besorgungen zu machen und will sich dann mit Lucian im Cafö Schreyer treffen. Morgen sind sie wieder eingeladen. Sie hat sich ein schönes, rosaseidenes Kleid machen lassen. Immer in ein und demselben kann sie doch nicht gehen; sonst denken die Leute, sie hat nichts an« deres-" (Fortsetzung folgt.)