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M 108.

Zreitag, den 13. Mai 1910.

57. Jahrgang.

* fuldaer W Zeitung

2. Blatt.

Drnck unb Verlag der Zuldaer Acttendruckere! in Zulda.

= Jnteresiante Dinge vom Hansa- bund

erzählte uns vor etwa 14 Tagen die „Kölnische VollS- geitung":

„In den Kreisen der Mitglieder deS Hansabundes besteht lebhafte Mißstimmung über die Art. rote die Bundesgelchäste geführt werden: eine Mißstimmung, die in sehr zahlreichen Fällen den Anlaß zum Austritte aus dem Bunde bildet. — Die Zahl derer, die tn der ersten Begeisterung eingelreten sind, aber nicht daran denken, ihren Beitrag auch für das Jahr 1910 zu zahlen, ist in den meisten Ortsgruppen sehr groß, in manchen so groß, daß diese Zweigvereine als tatsächlich wieder eingeschlafen zu betrachten sind. Die Mißstimmung ist der Geschäftsführung wohlbekannt und wird sich aller Voraussicht nach sehr bald in öffentlichen Versamm­lungen mit elementarer Gewalt Luft machen. Die Hauptursache dieses unerquicklichen Zustandes liegt in der Unfähig leit der Geschäftsführung. Weder der Direktor des Bundes, Oberbürgermeister a. D. Knobloch, noch der eigentliche und tatsächliche Ge­schäftsführer, der seit dem Juli oder August vorigen Jahres ad hoc beurlaubte königlich preußische Regie­rungsassessor Dr. Kleefeld, der Schwager des national­liberalen Reichstagsadg. Dr. Strefemann, hat bis zum Eintritte in die Leitung des Hansabundes mit den Dingen, um die es sich hier handelt, also mit wirt- schastlichen Fragen, mit Bereinsagitation, Veranstaltung von Vorträgen und Versammlungen, Verhandlungen mit politischen Parteien und wirtschaftlichen Verbänden, Vorbereitung von Wahlen ujro. jemals auch nur das geringste zu tun gehabt. Gleichwohl bezieht Herr Knob­loch jährlich 40 000 Mk., Herr Kleefeld (der erst wenig über 30 Jahre alt ist), 15000 Mk. Wenn die hierüber unterrichteten Bundesmitglieder mit einer solchen Verwendung der zu einem ansehnlichen Teile von Kleingewerbetreibenden und Handlungsgehilfen aufgebrachten Mitgliederbeiträge ntcht ganz einver­standen sind, so wird das niemanden wundernehmen. Mir und vielen anderen kommt es geradezu lächerlich vor, daß ein Verband, der „für Gewerbe, Handel und Industrie" geschaffen ist, seine Geschäftsführung nicht Angehörigen dieser Erwerbsstände oder wenigstens in wirtschaftlichen Dingen erfahrenen Männern, etwa früheren Syndici von Handelskammern und wirtschaft­lichen Verbänden, sondern den beiden Berwaltungs- juristen Knobloch und Kleefeld anvertraut. Der erste verfügt immerhin über eine gewisse Verwaltungspraxis und Erfahrung, das kann aber das Fehlende nicht ersetzen. Der völlige Mangel einer den großen und schwierigen Aufgaben des Bundes vermöge wirklicher Sachkenntnis gewachsenen Kraft macht sich sehr schmerz­lich fühlbar. Gleich mir haben schon mehrfach Mit­glieder des Direktoriums, des Gesamtausschusfes und der Ortsgruppenvorstände ihre lebhafte Unzu­friedenheit mit der Geschäftsführung offen zum Ausdruck-gebracht. Da es nichts geholfen hat, wäre es nur erwünscht, wenn die Uebelstände in der Oeffenl- lichkeit zur Sprache kämen, da der Hansabund ja Be­dürfnissen der Allgemeinheit dienen soll."

Der Mitarbeiter der „Kölnischen Voltkszeitung", her ihr diese Mitetilung machte, sprach seine Verwun- derung aus über die äußerst eigenartige Dopp el­fte l l u n g des RegierungsaffefforS Dr. Kleefeld. Er sagte: „Der Hansabund ist ztveifellos, wie dies sein Hauptbegründer, Geheimer Justizrat Dr. Rießer, in mehreren Reden sehr deutlich ausgesprochen hat, eine Kampforganisation, nämlich eine Organisation zum Kampfe gegen die „Agrarier" und gegen die Parteien, die gelegentlich der Reichsfinanzreform und sonst die sogenannte „agrarische" Auffassung vertreten oder un­terstützt haben. Die Regierung ist seit einer Reihe von Monaten infolge des Verhaltens der Liberalen auf die Unterstützung der „agrarischen" bezw. ausgesprochen landwirtschaftsfreundlichen Parteien angewiesen. An­gesichts dieser Sachlage ist es vollkommen unverständ­lich, daß ein Herr, der die Amtsstellung eines Regie- tungsassessors bekleidet, von der Regierung auf unbe­stimmte Zeit oder, so lange es ihm gefällt, b e u r- laubt wird, um die Geschäfte des Hansa­bundes zu führen. Wie kommt die Staatsregierung dazu, durch die dauernde ad Koe-Beurlaubung eines Regierungsbeamten die Tätigkelit eines „wittschastspo- littschen", also doch politischen Vereins zu fördern oder mindestens fördern zu wollen? Direktor Knobloch hat vor kurzem öffentlich erklärt, daß der Hansabund fortan „bei allen LSahlen feine Hand im Spiele haben" werde. Der Hansabund ist demnach ein Wahlag i- t a t i o n s v e r e i n. Er hat auch bei allen seit dem Sommer v. Js. erfolgten Reichstagsersahwahlen sehr ansehnliche Geldbeträge zugunsten der libera- len Kandidaten aufgewandt. Es gehört sich nicht, daß im Dienste eines solchen Vereins ein noch

hn Amte befindlicher Regierungsbeamter, zumal an leitender Stelle, mitwirkt."

Die demokratische „Berliner Volksztg." bemerkte zu dem Teil des Artikels, der die Geschäftsführung be8 Hansa-Bundes betrifft: „Diese Ausführungen ge­ben nur wieder, was tatsächlich in den Kreisen der Ge­werbetreibenden und Kaufleute inbezug auf die Ge- schäftsfiihmng des Hansa-Bundes und die dort geübte Geldverschwendung gesprochen wird"

Die am Orte der fttiheren Wirksamkeit des Ober- brirgermeisterS a. D., nämlich in Bromberg erschei­nende „Ostdeutsche Rundschau" hat die Ausführungen der „Köln. Volksztg." wiedergegeben und dazu be- mertt: „In Anbetracht der Quelle würden wir diese Ausführungen — so interessant sie auch sind — unbe­achtet lassen, wenn sie nicht von einem unverdächtigen Blatte, der Berliner demokratischen „Volksztg.", be­stätigt und auch von anderen Zeitungen übernommen worden wäre, ohne daß bisher vonseiten des Hansabundes, der doch sonst über einen sehr schnellen Dementier-Apparat verfügt, wider­sprochen worden ist." Nachdem nach dieser Be­merkung des Bromberger Blattes weitere acht Tage verflossen sind, stellen wir fest, daß der Dementier- Apparat des Hansabundes immer noch nicht gearbei­tet hat.

Der Regiemngsassessor Dr. Kleefeld hat dieser Tage seine Entlassung aus dem Staats­dienst e genommen. Er war demnach neun Monate als Staatsbeamter besoldeter Angestellter des Hansa­bundes.

Deutsches Reich.

) ( Das Staatsschuldbuch ist eine Einrichtung, die jedem Staatsbürger die Uebernahme einer seinen Mit­teln entsprechende festverzinsliche im Kurse nicht schwankende weil nicht verkäufliche Staatsschuld er­möglicht. Für den Staat ist diese Einrichtung sehr angenehm, weil er diese Gelder nicht extra aufzuneh­men braucht, somit keine Provision für die Aufnahme zu zahlen hat. Für den Gläubiger des Staates ver­bindet sich damit die Annehmlichkeit absolut fester Höhe der Zinsen und natürlich absolute Sicherheit, so wie sie ein Staatspapier gewährt. Unter diesen Umstän­den ist das Staatsschuldbuch in den letzten Jahren immer mehr benutzt worden. Währmd Ende März 1909 2 237 489 250 Mk. eingetragen waren, betrug die Buchschuldsumme Ende März 1910 2 460 236 650 Mk., also fast 2y2 Milliarden Mark und 27,9 v. H. der ge­samten eintragungsfähigen Staatsschuld. 6015 neue Konten wurden angelegt, die Gesamtzahl der offenen Konten beträgt jetzt 49662- Von diesen Konten lau­ten: 39,5 v. H. über Kapitalbeträge bis 4000 Mk., 21,8 v H. über 4000 bis 10 000, 25,8 v. H. über 10000 bis 50 000 und 12,9 v. H. über Beträge von mehr als 50 000 Mark. Diese Ziffern zeigen, daß die Anlage im Staatsschuldbuch gerade von kleine­ren Kapitalisten in erfreulichem Umfange be­müht wird.

* Freiheit, die sie meinen. Wie es mit der freien Entschließung bei der Begehung der Maifeier be­stellt ist, tonn man in der Leipziger Volkszeitung lesen. Dort ist das Muster oon ausgegebenen Maifeier- Kontrollkarten abgedruckt, die „vor dem Ein­gang der 12 Versammlungslokale den Maifeier-De­monstranten eingehändigt, gleich auszufüllen und zur Fesfftellung der Besucherzahl sofort zurückzugeben sind-" Die Karten habm folgenden Text: „Maifeier Leipzig 1910. Teilnehmer an den Versammlungen: Name und Vorname: Beruf? Gewerkschaft? Wo politisch organisiert? Diese Karte ist sogleich auszu­füllen und beim Verlassen des Saales am Ausgange abzugebcn. Das Mai-Komitee." An der Karte ist noch ein Kupon angefügt, auf dem es heißt: „Ter Kupon ist vor der Abgabe der Karte abzutrennen und als Ausweis gegenüber der Gewerkschaft auf- zubewahrm."

Ausland.

** Mulay Hafid hat zwar die Verträge unterschrie­ben, wodurch er die französische Kriegsschuld über­nimmt und sie durch eine Anleihe deckt. Aber die fran­zösischen Geldleiher wissen noch lange nicht, ob sie je einen Heller aus Marotta herausschlagen, solange Mu­lay Hasid herrscht. Gegm die Ausführung der Be­

stimmungen über die Anleihegarantten macht der Sul­tan dm lebhastestm Widerstand geltend. Besonders seine Ratgeber fühlen sich benachteiligt durch die Kon­trollorganisation der Anleiheaarantien, die alle Miß­bräuche verhindert und bannt jenen Höflingen eine ergiebige Einnahmequelle verstopft. In der Umgeb­ung des GroßwesirS und des Finanzministers erklärt man ganz offen, daß Mulay Hafid der in dm An- leihebedingungm festgelegten Kontrollorganisation die Kraft der Träghett mtgegensetzen werde. Nmerdings wird aus'Fez gemeldet, daß der Sultan den Zoll­inspektor Driß Bm Djelloun in Fez zurückhalte, um der Kontrolle der für dm Dienst der Anleihe besttmm- ten Einnahmen Schwierigkeiten zu bereiten. — In­folge dieser Haltung des Sultans ist in Frankreich und in England der Wind für ihn gänzlich umgeschla- gen. Das Londoner Sensationsblatt „Daily Mail" weiß aus der marokkanifchen Hauptstadt zu berichten: Sowohl die dortigen Eingeborenen als auch die Euro­päer sind der Ueberzeugung, die Herrschaft des Sul­tans Mulay Hafid werde keine zwei Monate mehr dauern. Die revolfierenden Stämme kämpstm gegen die Truppen des Sultans sieben Stundm von der Hauptstadt Fez entfernt. Vor einigen Tagen gab der Sultan den Befehl, die Köpfe mehrerer Rebellen und einige Gefangene nach Fez zu schicken. Drei Köpfe auf Speeren und elf Gefangene wurden gebracht. Die Bevölkerung erkannte aber tn dm Gefangenen Sol­daten des Sultans, und man ist nun der Ansicht, daß die zur Unkenntlichkeit üerftümmelten Köpfe gleich­falls Unschuldigen angehören.

* Zwei persische Revolutionäre wurden in Täbris, als sie sich ihrer Verhaftung entziehen wolltm, trotz ihrer Berufung auf mffischen Schutz erschossen, wobei gleichzeitig ein Polizist und eine Frau getötet wur­den. Die russische Garnison verblieb passiv und die Stadtbeoölkemng ruhig.

Aus dem Nachbargebleie.

* Vacha, 11. Mai 1910. Um dm Gemeinden des Großherzogtums die Aufforstung von Oed­ländereien weitechin zu erleichtem, sind die Groß­herzoglichen Forswerwaltungen angewiesen worden, das erforderliche Pflanzenmaterial an die Gemeinden zu einem mäßigen Preise abzugebm. Bei dem Bedarf größerer Pflanzenmengen müssen die Forswerwaltun­gen rechtzeitig benachrichtigt ro&ben, damit sie tn bet Lage find, die Pflanzen heranzuziel,m.

* Sontra, Kr. Eschwege, 11. Mai 1910. In ver­gangener Nacht würbe in bie hiesige Sparkasse ein Einbruch verübt, wobei dem Dieb 3000 Mark in die Hände fielen. Der aus Eisenach herbeigeholte Polizeihund stellte als Täter einen Korbmacher.

* Ufingen, 12. Mai 1910. In Arnsbach fiel bie 76jährige Witwe Katharina Hofmann beim Wasser­holen in den Brunnen und ertrank.

* Bürgel, 10. Mai 1910. Das „Offenbacher Abendblatt" bringt in feiner Samstagsimmmer die schreckliche Mär, daß die hiesige katholische Kirche 56 000 Mark geerbt habe, wovon dm Verwandten nur einige kleine Brocken zuflössen. Ueberschrieben ist der Artikel mit dem Stichwort: „Der gute Magen der Kirche." Wir müssen aber leider dem „Abendblatt" den Vorwurf machen, daß es stark geflunkert hat. Denn nur etwa 15—16 000 Mark sind bet Kirche zngesal- lm und zwar nicht in barem Geld, sondern an Lie­genschaften. Wäre bet famose Korrespondent des „Abendblattes" am Himmelfahrtstage in der Kirche gewefm, dann hätte er von der Kanzel hören können, wie es mit dieser Erbschaft, bie nächstens noch nach Millionen zählt, sich verhält. Mr möchtm aber dem „Abendblatt", das sich so sehr über den guten Magen der Kirche und über die „tote Hand" ereifert, folgende Geschichte erzählen: Vor wenigen Jahren hat ein übergeschnappter bayerischer Leutnant, Kullmann mit Namm, dem Sozialistenführer Bebel testa- mentartsch 400000 Mark — also nahezu eine halbe Million — vermacht. Bebel hat davon groß­mütig 20000 Mk. an bie sozialdemokratische Partei- kaffe abgegeben — aber 380 000 Mk. hat dieser groß­mütige „Proletarier" fiir sich behalten. Nie hat man davon gehört, daß Bebel arme Arbeiter unterstützt oder daß er dieses gesamte Geld an die armen Arbeiter ver­teilt hätte — nein, das hat er eingesackt, sich in der Schweiz eine seine Billa gebaut usw. Jedenfalls kann man ruhig sagen, die sozialdemokratische Pattei und besonders ihre „Führer" haben einen ganz vorzüglichen

Maqm, in dm schon sehr viel hineingegangen ist und immer noch hineingeht. Also mit den 56000 Mk. ist es nichts.

* Worms, 11. Mai 1910. Der Kreistag stellte als WohnungSinspektorin Fräulein Dr. Kähne an.

vermischtes.

* Em Steuerzettel über — einen Pfennig ging kürz­lich einem Bürger in M.-G l a d b a ch zu. Das in­haltschwere Papier wurde von einem Beamten bet stäbttschm Steuerkasse eigens in feine im Stadtteile Eicken gelegene Wohnung gebracht. Da der Beamte aber nicht ermächtigt war, bie Steuer gleich mit einzu­ziehen, so mußte ber Bürgersmann sich selbst zur Steu- erkaffe nach dem Rathaus begeben, wo ihm nach Zahl­ung des Pfennigs eine von zwei Beamten unterschrie­bene Quittung überreicht wurde Dann konnte der brave Bürget vergnügten Sinnes wieder Helmgehen, und St. Bürokratius hatte einen neuen, herrlichen Sieg davongetragen.

* Auf ber Kirmes inGrotchenrath wurde beim Streit zwischen jungen Burschen der Müllergeselle Hen­nes von acht Burschen überfallen und erstochen. Alle acht wurden verhaftet.

* Ein unangenehmes Zusammentreffen hat Erz­herzog Joseph Ferdinand Salvator von Oesterreich- Toskana btt Salzburg Im Automobilwagen mit zwei Schotterfuhrleuten gehabt; er war ihnen zwar rücksichtsvoll ausgewichen und hatte auch sein Auto­mobil angehalten, als er sah, daß ihre Pferde scheuten. Trotzdem beschimpften die Fuhrleute den ihnen unbe­kannten Pttnzen. Ein Fuhrmann ist bereits verhafttt worden; gegen den anderen wurde ein Haftbefehl er­lassen.

* Eine Meuterei brach unter der Besatzung des itt Cherbourg eingetroffenen großen französischen Dreimasters „Babln Chevaye" aus. Der zweite Offi­zier wurde durch mehrere Messetttiche verletzt. Ein« Abteilung von Marmesoldaten ging zur Herstellung ber Ordnung an Bord. Der Anstifter ber Meuterei wurde ausgeschifst und ins Gefängnis gebracht.

* Einen neuen Apparat für drahtlose Telegraphie hat ber österreichische Oberleutnant Franz Rudda kou- ftruiert, der sich durch seine außerordentliche Leichtig­keit auszeichnet. Die vorgenommenen Versuche haben ein sehr gutes Resultat ergeben.

* Durch eine Feuersbrunst wurden in der Ge­meinde F e l s ö-N e s z t e bei Zayugrocz bei starkem Sturme neunzehn Wohnhäuser samt den Nebengebäu­den eingeäschert. Vier Personen sind in den Flam­men umgekommen

* Der Deutsche Kriegerverband in den Vereinigten Staaten hat mit dem Dampfer „Pennsylvania" eine Reise nach Deutschland angetreten.

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Literarisches

Die im Verlage von E. ©liefet in Frankfurt a. M. erschttnende „Auswärts-Bücherei" bringt als neueste Veröffentlichung ein Heftchen übet „Kometen und Meteore", in dem Karl Voigt aus Offenbach in aemeinverständlicher Weise alles sagt, was jedermann über die genannte Materie wissen sollte. Ins­besondere geht der Verfasser auf die jetzt so viel er­örterte Frage der Möglichkeit des Zusammenstoßes eines Kometen mit der Erde ein. Leider wärmt der Verfasset auch die Fabel von den durch Papst Calixtus angeordneten Gebeten gegen die Kometen­gefahr wieder auf. Zahlreiche Abbildungen er­läutern den Text. Das Büchlein umfaßt 31 Seiten und kostet 15 Pfg.

Reklamen- und Anzeigenteil.

So verging nun für Edith cm Tag wie der andere.

Löilh Büttners Liebe.

21] Roman von Fr. Lehne.

„Mr hätten Dienstag doch vielleicht hingehen kön­nen," meinte Frau Büttner überlegend, „wir sind doch bie nächsten Verwandten. Ich hätte mein Schwarz- feldenes anziehen können und du dein Weißes — das ist noch ganz hübsch!"

„Lasse dir bie Absage nicht leid fein. Lina", sagte herauf Herr Büttner. „Wir wollen uns bei Hilde­brandts nicht nur geduldet sehen! Du weißt, btt de­nen tut das Aeußere alles. Je mehr Geld man hat, desto angesehener ist man dort! Wie es hier auS- sieht —" et schlug auf seine Brust — „ist denen ganz gleich!"

„Hast recht, Vater, elende Mammonsdlener sind sie dort in ber Gesellschaft alle! Mir tut es nur leid, daß Waldow sich auch als solcher entpuppt hat! Schade, ich hielt ihn für einen anständigen Kerl," sagte Thank- irar.

Erschreckt blickte ihn Edith an; aber beruhigend nickte er ihr zu.

Auf des Vaters verwunderte Frage, wie er das meine, antwortete er:

»Na, ich glaube doch nicht, daß er unsere holde Kusine aus Liebe heiratet. Fällt ihm gar nicht ein! Die goldenen Dukaten haben es ihm angetan! Na, meinetwegen, mich soll es nicht kümmern: wie man sich bettet, so schläft man! Können wir nun bald essen? Ich hab' Hunger. Was gidt'S denn eigentlich?"

„Fleischklößchen und Blumenkohl. Einen Augen­blick mußt du noch watten. Ich will erft die Bttso- lttten braten. Unterdessen könntest du gleich den Tisch decken, Thankmar," sagte Edith und eilte hinaus-

Und her Bruder tat ihr den Gefallen, obglttch eS sich so gar nicht mit seiner Primanerwürbe vereinbarte. Aber heute machte er dem Schwellerlein zuliebe eine Ausnahme, der gute Junge

Unermüdlich war sie fleißig und tätig. Sie hatte die Absicht, Buchhalterin zu werden, da die Rachhilfe- und fflabierftunben auf die Dauer doch keine genü­gende Einnahmequelle für sie bildeten. Darum lernte sie fleißig Schreibmaschine, Stenographie, Buchführung und besuchte weiter die Abendkurse.

Wenn Thankmar Ostern die Schule verlassen würde, gab es zu Hause doch nicht mehr so viel zu tun, und sie konnte vnffuchen, eine Stelle anzunehmen. Mittags und abends war sie ja zu Hause und konnte so die schwächliche Mutter genügend unterstützen.

Die Arbeit half ihr über manches hinweg. Still kämpfte sie ihre Liebe zu Lucian nieder, und chr Stolz half chr am meisten, wenn die Erinnerung doch manch­mal zu übermächtig wurde. Manche Rächte hatte sie durchweint und durchjammett; nun war es still in ihr geworden — aber cs war, als ob etwas in chr zer- brochm fei---

Einige Male hatte sie Lucian Waldow in der Stadt getroffen.

Er ging jetzt sehr elegant gekleidet und trug einen modernen Wintermantel nach dem neuesten Schnitt, wie sie mtt einem bitteren Lächeln feststellte.

Sie fürchtete, er würde sie anreden; deshalb fetzte sie ihre kälteste, hochmüttgste Miene auf, wenn sie In schnellem Weiterschreiten auf feinen Gruß dankte.

Wehmütig sah er chr dann nach, wie sie in der ihr eigenen, stolzen Haltung weiter ging — dieser Trotz sah chr so ähnlich! Sie wollte sich gar nicht ver­stellen und Gleichgültigkeit heucheln, ba chr Herz noch voller Erbitterung war.

Und er liebte Edith mehr denn je, nun sie ihm un­erreichbar Ivar; er hatte fein „lieb's Möbele" nicht vergessen, und feine Braut war nicht dazu angetan, ihm die Verlorene'zu ersetzen; aber ihre Sticheleien inbezug auf Edith wies er besonders energisch zurück. Daran durfte nicht gerühtt werden.

Die Eltern Matthas verwöhnten ihn sehr. Sttne freie Zeit mußte er natürlich bei ihnen zubringen. Die kostbare alte Violine, die sie chm damals gezeigt, war das Verlobungsgeschenk gewesen. In keinem Konzett fehlte die Famflie Hildebrandt. Er ärgerte sich manch­mal darüber, wie selbstbewußt und bereu8forbemb und

meistens sehr spät sie Platz nahmen, ihm freundlich zu­winkten und ssch dann umsahen, ob es auch jeder be­merkt, auf welch freundschaftlichem Fuße sie mit dem gefeierten Künstter standen.

Denn gefriert wurde Sudan sehr; er spielte auch wunderbar. Und so ergreifend hatte er wohl noch nie gespielt, wie an jenem Abend, als er sein »goldenes Modele" mit seinen scharfen Augen in einer Saalecke entdeckt hatte — da spielte er nur für die Geliebte.

Edith hatte es sich nicht versagen können, einmal ins Konzett zu gehen, und ihn zu hören, der sich mit seinen Zauberklängen einst in ihr Herz gespielt.

Mit ihren Verwandten kamen Bürkners so gut wie gar nicht mehr zusammen.

Süll hatten sie das Wechnachtsfest für sich verlebt; die sonst übliche Einladung zum zweiten Festtag war diesmal auch ausgeblieben. Hildebrandts hatten mal wieder eine Gesellschaft zu geben, in die die einfachen Verwandten nicht paßten.

Sudan Waldow arbeitete fleißig an seinem Schau­spiel.

Matthä drängte ihn, es endlich fertig zu stellen. Sie war maßlos ehrgeizig; die Ehren, die dem Ver­lobten zuteil wurden .machten sie stolzer, als ihn. Sie sah ihn in Gedanken schon umjubelt vom Beifall des Publikums, das den Dichter rief. Und sie, feine Braut, saß stolz und glücklich in der Soge.

Martha wollte die Frau eines berühmten Künstlers fein. Ihr Haus sollte eines der beliebtesten und an­gesehensten der Stadt werden, man sollte sich danach drängen, dort empfangen zu werden.

Sie malte sich ihre Zukunft wunderschön aus; ihr Verlobter war manchmal erschreckt von dem brennen­den Ehrgeiz feiner Braut, bie gefeiert, berounbert fein wollte — jeder Schmeichelei war sie zugänglich!

Jetzt sah er ein, wie recht Edith Büttner in bet Beurteilung ihrer Kusine gelobt hatte, wenn sie ihm manchmal von ihr erzählte; nun begriff er auch Mar­thas Abneigung gegen Edith, aus ber sie ihm gegen­über gar kein Hchl machte.

Nein, dieses blühend schöne Mädchen konnte Martha nicht neben sich haben; sie wüte vollständig von Edith in den Schatten gestellt worden, was sie nie hätte er­

tragen können, daher das Gefühl des Haffes, das sie gegen bie Kusine beseelte.

Lucian Waldow ließ sich gern etwas gehen; er war ziemlich phlegmatisch und liebte seine Ruhe und Be­quemlichkeit, und das war etwas, was Martha ihm ab­zugewöhnen suchte.

Steife Besuche und Gesellschaften langweilten ihn; er suchte sie zu vermelden, wo er nur konnte, während das gerade Matthas Element war. Außerdem wollte sie auch mit ihrem Vettobten prunken.

Manchmal war es schon deshalb zu lebhaften AuS- elnandettetzungen zwischen dem Brautpaar gekommen, wobei die Mutter natürlich zu ihrer Tochter hielt, wäh­rend der alte Hlldebrandt auf der Seite seines zukünf­tigen Schwiegersohnes war, ber zu seiner großen Freude außerordentlich gut Skat spielen konnte.

Lucian war der Komödie manchmal herzlich über­drüssig, und mit Sehnsucht gedachte er der schlichte» Abende bei Bürkners, die doch so anregend gewesen waren.

Er sehnte sich zuweilen unbeschreiblich nach Edith in ihrer herzerquickenden Natürlichkeit und nach Thank­mar, ber immer so lustig und guter Laune war und dem er manches zu banken hatte, trotzdem er sovick Jahre mehr zählte, als der Primaner.

Es war doch nicht so leicht — und Geld und Glück liegen selten beieinander.

Ihm graute beinahe, wenn er an seine Hochzeit dachte, bie im Mai stattfinden sollte.

Für feinen Treubruch an Edith war er schon schwer genug gestraft durch den Zwiespalt, in dem er sich be­fand. Seiner offenen, sonst jeder Verstellung abholde» Natur war es nicht leicht, die Rolle des zärtliche» Liebhabers zu spielen; manchmal erfaßte ihn sogar ei» förmlicher Ekel vor seiner Braut.

Im Anfang war es wohl rin leichtes, glückliches Gefühl gewefm, frei von allen Schulden zu fein.

Er hatte gar nicht mehr ein noch aus gewußt, do er nicht im mindesten zu rechnen verstand. Die Mah- nunge« des Schneiders waren ihm unerträglich ge­worden; manches andere war noch dazu gekommen, und zuletzt hatte man ihm gar mtt dem Gerichtsvoll­zieher gedroht. Alles war aus ihn eingestürmt! (F. f.)