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Maer W Zeitung

Monatrbeüage: „Klldaer GeschichtsbMer"

Fulda, Frettag den 13. Mai 1910

37. Jahrgang.

Erstes Blatt.

108,

>n öS^Srotestanten 250 Katholiken. Die „Hfcil- ZeitüW" berichtet nun:

neben

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li$8ieewt Me d* spaltige petitzeUe *et deren Bannt 15 psg. BeflantenbiepefltitOe 25 pfg., btt wieder» Holungen wird eutspr.

Babatt gewährt.

leteHotibr»«** Verlag der Lulöaer Av tienvruckerei in Zulda Lernsprecher Hr. t

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Verantw. rrebakteitrr «arlZchütter

I.parzeLer in Znlda. wochendeitag«! .Illustrierte Somitag^eltung"

Deutsches Reich.

** Berlin, 12. Mai 1910. Dem Kardinal und Erzbischof von Köln, Dr. Antonius Fischer, wurde, wie der „Reichanz." bekannt

len anzunehmen, um den Wahlkreis gegen die Sozial­demokratie zu verteidigen. — Er h<ü also den Wink nicht verstanden, und so wird man ihn wohl oder Übel wieder aufstellen müffen, obgleich er heute, nach der bedenklichen Linksschwenkung der Partei, eigentlich nicht mehr so recht hineinpabt und mehr tmb mehr Kandidat de« Bunde« der Landwirte geworden ist.

-j- Der nationalliberale Reichstags- und LandtagSabg. Merkel ist auS der sächsischen nationalliberalen Landtagsfraktion ausgetreten und zu der Fortschrittliche« Volkspartei übergegangen. Wie daS ,B. T." meldet, soll eine Anzahl anderer Abgeordneter der Fraktion gleichfalls mit deren „Rechtsstellung" unzufrieden sein. Der Vorfall ist sehr charakteristisch für die Situation der nationalliberalen Partei.

# Die sozialdemokratische HosgSngerei feiert in Baden weitere Triumphe. An einem parlamentari­schen Abend deS Ministers deS Innern v. Bodmann beteiligten sich auch die Sozialdemokraten zum erstenmale vollzählig. Prinz Max, der Präsident der Ersten Kammer, unterhielt sich eingehend nut sozialdemokratischen Abgeordneten. — Im Lande des GroßblockS ist daS doch gar nicht so verwunder­lich, wie er die Preffe darstellt.

§ Die Reichstagsersatzwahl in Friedberg-BMngm.

Nachdem eine Einigung zwischen Rational­liberalen und Bauernbündlern über eine gemeinsame Kandidatur bekanntlich daran gescheitert ist, daß die ersteren jeden Kandidaten zurückweisen, der nicht der nationalliberalen Reichsfraktion bei­treten will, haben beide Parteien nunmehr besondere Kandidaten ausgestellt.

Da die Nationalliberalen, obgleich Graf Oriola lange Jahre hindurch das Mandat inne hatte, gegenüber den Bauernbündlern und dem Bund der Landwirte an Anhängerschaft im Kreise weit zurück­stehen, glauben sie dennoch das Anrecht auf eine rein nationalliberale gemeinsame Kandidatur zu haben. Diese Hartnäckigkeit wird aller Voraussicht nach für die Nationallibcralen den Verlust des Mandates bringen; denn auch die Unterstützung, welche der nationalliberale Straßburger Professor von dem Freisinn im ersten Wahlgang erhält, wird nicht auSreichen, um ihn in die Stichwahl mit den Sozialdemokraten zu bringen. Vielmehr hat der Kandidat des Bundes der Landwirte, Rechtsanwalt von Heimholt die größte Aussicht, mit dem Sozialdemokraten Busold in die Stichwahl zu kommen, zumal der Bund im Wahlkreise über eine engge- fügte Organisation verfügt und sich die Landwirte wohl schwerlich für einen Straßburger Professor begeistern werden.

Im Zentrumslager wird in einigen Tagen die Entscheidung darüber fallen, ob man eine eigene Kandidatur aufstellen oder aber direkt im ersten Wahlgang für den Kandidaten des Bundes der Landwirte eintreten soll. Im letzteren Falle ist es ausgeschlosien, daß der nationalliberale Kandidat in die Stichwahl kommt. Nachdem die National­liberalen noch vor wenigen Wochen bei der Mom- bacher Landtagswahl den Zentrumskandidaten Dr. Frenay schnöde im Stich gelaffen und der freisinnig sozialistischen Wahlmännerliste zum Sieg verhalfen haben, können sie ernstlich nicht verlangen, daß das Zentrum in Friedberg-Büdingen ihnen aus der Patsche Hilst. Die Zentrumswähler bedanken sich dafür, stets nur der gebende Teil zu fein, bei allen Gelegenheiten nationalliberalen Kandidaturen Vor­spanndienste zu leisten um dann später, wenn sie Gegendienste von jener Seite beanspruchen, mit Spott und Hohn im Stiche gelaffen werden.

Da bei einer Stichwahl zwischen Sozialdemokratie und Bund der Landwirte der Freisinn natürlich sür die erstere eintritt und bei dem starken Gegensatz zwischen Liberalen und Bauernbündlern viele nationalliberale Wähler sich voraussichtlich bei der Stichwahl der Stimme enthalten werden, so wird die Friedberger Wahl wohl mit dem Sieg dcr Sozialdemokratie enden. Die Nationalliberalen Haden dann sich diesen Ausgang selbst zuzuschre-.ben. "

*♦ Roosevelt in der Berliner UnlvsrM.

Am gestrigen Donnerstag sand in der Aula der Berliner Universität die Promovierung Roosevelts zum Ehrendoktor der philosophischen Fakultät statt. Der Feier wohnten das Kaiserpaar und die anderen Fürstlichkeiten, außerdem der Reichskanzler, der Kultusminister, der amerikanische Botschafter und andere hervorragende Persönlichkeiten mit dem Senat, dem Lehrkörper der Universität und der Studentenschaft bei. Roosevelt sprach nach der Be­grüßung im wesentlichen frei mit ein wenig belegter Stimme in englischer Sprache. Sein Thema war die Weltkulturbewegung. Er versteht darunter die Fortwirkung der Kultur eines Landes und Volkes auf andere Länder und Völker der Erde und geht dabei von der Betrachtung aus, daß in den Ansangsstadien der menschlichen Entwicklung jeder Fortschrttt, der gemacht wurde, örtlich eng begrenzt war und blieb, während im Mittelalter und mehr noch in der Neuzeit jeder geistige und materielle Fortschrttt über sein Entstehungsgebiet hinaus die Kuttur anderer Länder und Völker vor­wärts brachte. So sind wir jetzt schließlich zu einer Wellkuttur gelangt, deren Einfluß bi? hinein in die fernsten Erdenwinkel zu spüren ist.

In seinen Einleitungsworten gedachte Roosevelt der eigenartigen Gefühle eines Mannes, der von einer noch im Werden begriffenen Nation in ein Land mit unvordenklicher Vergangenheit kommt, das mit seiner alten Geschichte dennoch voll stolzen Vertrauens in die Zukunft blickt und in der Gegenwart die über- schäumende Kraft froher Jugend zeigt. Roosevelt warf sodann einen flüchtigen Blick auf die wechselvolle äußere Geschichte des Jahrtausends, das vergangen ist, seit das römische Westreich tatsächlich ein deutsches Kaiserreich wurde, bis das Haus der Hohenzollern emporstieg, daS endlich Deutschland in die vorderste Front der Völker der Menschhett einrücken sah. „In dieses Land einer ruhmvollen Ver- gangrnhett und glänzenden Gegenwart, in dieses Land großer Erinnerungen und starker Hoffnungen komme ich als Angehöriger eines jungen Volkes, daS mit jeder

„Ersswollte der Bürgermeister-Stellvertreter „im Namen deS Gesetzes" die Aufrichtung verhindern, dann verlangte eine Petition mtt 70 Unterschriften von dem Bezirksamt die Entfernung. Aber Feldkreuze auf Privateigentum bedürfen keiner Genehmigung. Jetzt erscheint der protestantische Pfarrer Kon­rad in der Wohnung des KreuzsttfterS und wünscht, um des konfessionellen Friedens willen, wegen der Mehrhett der protestantischen Bevölkerung (860 gegen 250) di« Entfernung des Kreuzes durch den Stifter selbst. Würde das Kreuz nicht freiwillig entfernt, so wird, so droht man, ein Beschluß gefaßt, daß den Katholiken bei Beerdigungen nicht mehr geläutet wird. Notabene: Mit den Gernrinde- glocken, zu denen die Katholiken 1859 alle beigefteuert haben. Man sieht hier aufs neue, wie sehr die Pro­testanten im „ultramontanen" Bayern verfolgt werden."

Es ist gewiß einbeklagenswerteSZeichen, wenn die Intoleranz so weit geht, daß man einem Ka­tholiken verwehren will, auf seinem eigenen Grund und Boden ein Kruzifix zu errichten. Man sollte doch glauben, das Zeichen der Erlösung muffe den Pro­testanten ebenso heilig sein, wie den Katholiken. Man kann er darum nur als Ausfluß borniertester Intole­ranz bezeichnen, wenn in dieser Weise der Errichtung eines Feldkreuzcs Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden. Und daß man den Katholiken das Läuten bei den Beerdigungen mit den Glocken verwehren will, zu deren Anschaffung sie selbst beig-tragen haben, setzt dem Ganzen die Krone auf. Was sagm die profes­sionellen Toleranzwächter der liberalen Preffe zu die­sem wirklich unglaublichen Falle von Intoleranz?

)( In der Reichspartei vollzieht sich seit einiger Zeit eine sehr amüsante Abmurxung aller der Abgeord­neten, die nicht mehr recht in die heuttge freikonservativ- nattonalliberale Freundschaft paffen. Neulich wurde dem fteikonservativen Abg V a r e n h o r st, der in Han­nover gewählt ist nahegelegt, zurückzutreten, da er da­für nicht der geeignete Mann fei. Dort wurde der Freiherr v. Zedlitz als fteikonservativer Kandidat in Aussicht gestellt. Varenborst hat aber beim Bunde der Landwirte so starken Rückhalt gefunden, daß er kühn diesem Absageversuche trotzen könnte. Kaum tft dieser Vorgang in Vecgeffenheit geraten, da taucht schon wie­der ein ähnliches Experiment auf Durch die Zeitun­gen ging die Notiz, der freikonservattve Abg. Bauer­meister in Delitz sch-Bitterfeld wolle nicht mehr kan­didieren. Herr Bauermerster läßt nun, und daS ist das Amüsante an der Sache, direkt durch die offizielle Parteikorrespondenz diese Rücktrittsabsichtm dementie­ren. Er sei im Gegenteil unter allen Umständen bereit, eine Kandidatur auch für die nächsten Reichstagswah­

der großen Nationen des mittleren und westlich«» Europa« blutsvrrwandt und doch wieder von jeder verschieden ist, welche- von jeder viel ererbt oder w worben hat, aber doch jede Erbschaft und jede Erwer­bung in «twasNeue» undFremdes verändert und entwickelt. Der deutsch« Anteil an unserem Blut ist aroß. Wir haben von Ihnen nicht nur eine« großen Teil de« BluteS, dar durch unser« Adern rinnt, ent­nommen, sondern auch einen großen Teil der Gedanken­welt, und dank der vorausschauenden Weisheit deS gegenwärtigen Kaiser« ist das innige und freundschast« liche Verhältnis zwischen beiden Ländern jetzt in jeder Beziehung enger, als eS je zuvor war". Sodann ging der Redner auf fehl eigentliche- Thema, die »Welt­kultur-Bewegung" über. Der Gedankengang seiner Ausführungen war etwa folgender: Die ersten Kulturen, von denen wir unzweideutige Zeugnifle be­sitzen, entstanden in Mesopotamien und im Niltal etwa vor sechs« oder achttausend Jahren. Mit dem Zu­sammenbruch dieser alten Kulturen rückten die Völker in den Vordergrund, mit denen unsere eigene Kultur- gesck'-bte gewiffermatzen beginnt, die Juden, di« ®rieu,en und die Römer. Diese Kultur war verhütt- msmäßig schnellen Aenderungen unterworsen und ging nach verhältnismäßig kurzer Zett unter. Bor etwaS über vierhundert Jahren wurde die unterbrochene Be­wegung in der Richtung auf eine Weltlultur von neuem ausgenommen, alS die Erfindung der Buchdruckerkunst und die Reihe von kühnen Seeabenteuern, welche in der Entdeckung Amerikas gipfelten, ihre volle Wirkung auf daS materielle und intellektuelle Leben auSzuübeu begannen. Seitdem haben, Jahrhundert für Jahr­hundert, die Aenderungen an Schnelligkeit und Kompli- ziettheit zugenommen und in dieser doppellen Hinsicht tm letzten Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht. Heute übt die europäische Kulturart so ziemlich aus die gesamte Welt eine mehr oder minder Heft Wirkung au«. Jetzt ist die gesamte Welt so eng miteinander verbunden wie nie zuvor. Ob gern oder un­gern, heute muß jeder Mensch, der in der Welt der Gedanken oder auf dem Gebiete deS Handelns eine führende Stellung einnimmt, über die Grenzen seine- engeren Vaterlandes hinau'sblicken. Zum Guten und zum Schlimmen find die Völker der Menschheit enger denn je zuvor miteinander verbun­den. Eine der Hauptgefahren der Kultur ist stet- ihre Tendenz gewesen, einen Verlust an männlichen Kampfeigenfchaften, an Kampflust herbeizuführen. All­mählich verweigerten die Bürger den Heeresdienst oder sie wurden untauglich. In unseren modernen Zeiten ist das gerade Gegenteil der Fall. Heute ist im wesent­lichen jede Armee eine solche aus Landeskindern und der Söldner fast ganz verschwunden. Ein starker Gegensatz ist in den Beziehungen zwischen Reichtum und Politik zu finden. In den klassi­schen Zeiten, als sich die Kultur ihrem Höhepuntt näherte, wurde die Politik ein anerkanntes Mittel zur Erwerbung großer Reichtümer. Heute würde «8 buch­stäblich einen Weltskandal geben, wenn einer daS tun wollte, was ein römischer Prokonsul als mäßig be­trachtet haben würde und was sogar in der englischen Kolonialverwaltung vor anderthalb Jahrhunderten nicht als ungewöhnlich gegolten haben würde. Im Ganzen find die großen Staatsmänner der letzten Generationen entweder Männer von geringen Mitteln oder, wenn sie reich waren, solche Männer gewesen, deren Reichtum durch ihre Teilnahme am öffentlichen Leben eher vermindert als vermehrt worden ist. Ich persönlich glaube nicht, daß unsere Kultur untergeheu wtt.d Aber wir bedürfen der hausbackenen, alltäglichen Tugenden. Wenn der Durchschnittsmann nicht arbeiten will, wenn er in sich den Willen und die Kraft hat, ein guter Gatte und Vater zu sein, wenn die Durch« schnittsftau nicht eine gute Hausfrau ist, eine gute Mutter vieler gesunder Kinder, dann wird der Staat untergeben, gleichgiltig wie glänzend seine künstlerische Entwicklung oder seine materielle Leistung ist. Diese Kulturbewegung, deren Pulsschlag jetzt in jedem Win­kel der Erde gefühlt wird, sollte die Völker der Erde zusammenbringen. Aber der gute Bürger muß zuerst ein guter Bürger seines eigenen Landes sein, ehe er mit Vorteil em Bürger der ganzen Wett roerben kann. Ich wünsche Ihnen Gutes. Ich glaube an Sie und Ihre Zukunft. Ich bewundere die außer­ordentliche Größe und Mannigfaltigkeit Ihrer Er­rungenschaften auf so weiten und so vielen Gebiete«; und meine Verwunderung und meine Anteilnahme find um so größer, weil ich so fest an die Einrichtungen und an das Volk meines eigenen Vaterlandes glaube.

Dies der Hauptgedankengang der R^o eveltschen Rede. Es ist manche Wahrheit darin enthalten, manche Einzelheit aber, die er vortrug — wir kön­nen sie nicht alle wiedergeben — ist recht anfechtbar.' Sonderbar muten z. B. Wendungen an über die „untern Grade der Tierähnlichkeit" des Menschen, über die »schroffe Intoleranz und unft ichtbare Ver­flachung der theologischen Systeme der Vergangen­heit", über die »bigotten Kirchenlehrer des Mittel­alters" usw. Wenig Zustimmung wird R. gesunden haben, als er weiter versicherte, daß heute die Poli­tik nicht mehr zur Erwerbung großer Reichtümer benützt würde. Sollte Herr Roosevelt noch nichts von Gamdetta gehört haben, der als Advokat bettel- arm war und bei seinem Tode an 20 Millionen hinterließ, die ihm di« Politik „etng; -gen* hatte? Und von den Panamiten Clemenceau, Reinach, Cornelius Herz, Arton und deren Spießgesellen? Oder, um jemeits des »großen Teichs" zu bleiben, von der unerreicht dastehenden politischen Korrup­tion, die Jahrzehnte hindurch namentlich in New- Aork herrschte und auch jetzt noch bei Wahlen sich breit macht?

Roosevelt erntete für seinen Vortrag stürmischen studentischen Beifall mit Trampeln und Hände- klatschen. Der Dekan der philosophischen Fakultät betonte die geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Studien Roosevelts, in denen die Fakultät den Willen zur Wahrheit mit dem Doktvrtitel ehre. Tie Ovationen für den Kaiser und Roosevelt setzten sich darauf fort.

Am Abend fand beim Reichskanzler ein Festmahl zu Ehren Roosevelts statt. Anwesend waren fast alle Staatssekretäre und Minister, der amerikaniche Botschafter, der Reichstagspräsident, Großadmiral v. Köster, Gras Zeppelin. Trinksprüche wurden nicht gewechselt. Kurz nach V* 10 be­gab sich die Gesellschaft nach den oberen Räumen, wohin der Reichskanzler zu Ehren des Gastes un­gefähr 80 Einladungen hatte ergehen lassen; u. a. an die Vizepräsidenten des Reichstages, des Herren­hauses sowie des Abgeordnetenhauses, ferner Ober­bürgermeister Dr. Adickes-Frankfurt a. Di. sowie hervorragender Männer der Wissenfchaften undKünste, der Hochfinanz, der Großindustrie und des Handels.

0 Zur Wahlrechtsvorlage.

Frhr. v. Zedlitz hat im .Tag" wieder einmal - der wievielte ist es wohl? - einen Artikel über die Wahlrechtsreform veröffentlicht. In feiner sach­lichen Würdigung kann man sich dem Urteile der »Kreuzztg." anschließen, die meint:

„Die Anschauungen des Frhr«. v. Zedlitz — auch in der Wahlrechtsvorlage pflegen so wenig stabil zu sein, daß man gut tut, auf sie feinen besonderen Wert zu legen."

Leider wird dem alten Ränkeschmied ht vielen Kreisen sehr große Bedeutung beigemeffen. Aller­dings nicht immer dort, wo er Einfluß Haden möchte. Im Herrenhause Haden seine Bemühungen ja großen Erfolg gehabt, aber im Abgeordnetenhause will eS zu seinem größten Schmerze anscheinend ihm dies­mal nicht mehr glücken. Nicht einmal der Rippen­stoß für die Nationalliberalen:

„Es wäre eine geradezu beleidigend« Unterstellung, den Nationalliberalen einen so absoluten Mangel an volitischem Verständnis zuzutrauen, daß sie di« von be:i Herrenhaus ihnen gebotene günstige Lage unge­nutzt vorübergehen lassen könnten. Sie würden sich ja dadurch für die Regierung wie für bi« Parteien au« der Reihe derjenigen politischen Richtung, auf die man für eine positiv« Politik rechnen kann, selbst ganz ausschalten. Nicht am wenigsten für meine Freunde, denen sie in erster Linie die günstige Wendung der Dinge im Herrenhause verdanken."

weckt ein dankbares Echo. Auf der anderen E ite tritt bei den Konservativen in steigendem Maße eile Erbitterung gegen die National- l beraten in die Erscheinung. Deren Verhalten ist allerdings auch wenig danach, nun auf der r chten Seite Zuneigung wecken zu können. Die » Lag!. Rundschau" ist über diese Entwicklung na* t rlich sehr unglücklich und jammert bereits:

„Konservative und Zentrum sind dabei, ein Kom­promiß zwischen den Kompromissen zu schlie­ßen, etwas, das halb den Beschlüflen des Herrenhauses, halb den dadurch modifizierten Beschlüffen der schwarz- t lauen Mehrheit im Abgeordnetenhaus entsprechen soll. Man kann ahnen, was dabei heranskommen muß. Das Zentrum will auf keinen Fall sich mit den Herren« hausdeschlüffen befreunden. Die Nationalliberalen können aber wohl auf keinen Fall weniger annehmen, als diese Beschlüffe ihnen zugestehen. Offenbar aber will man auch gar nicht mehr ernsthaft versuchen, sie zu gewinnen. In konservativen Lager, so kann man heute lesen, wünscht man „vor allem kein Zu­sammengehen mit den Nationalliberalen". Offenbar geht der konservative Kurs nach wie vor ganz im Sinne Herrn v. HeydedrandS: daS aber be­deutet «in agrarisch-klerikales Bündnis. Heißt es doch, daß für die nächsten Reichstagswahlen bereits feste Abmachungen zwischen agrarischen Konservativen und Zentrum geschloffen worden seien."

Wir können diesmal Herrn Rippler beruhigen: er hat nur — allerdings schwer — geträumt. Wie es mit der Wahlrechtsvorlage gehen wird, wird erst dann zur Entscheidung kommen, bezw. sich über­sehen laffen, wenn das Abgeordnetenhaus wieder versammelt sein wird. , Bis dahin ist alles müssige Kombination. Der Berliner Kor­respondent der „Frkf. Ztg." dürfte die Lage im all­gemeinen richtig zeichnen, wenn er seinem Blatte heute schreibt:

Was jetzt fast täglich in der Presse über die Aus- sichten der Wahlrechtsvorlage im Abgeordnetenhause und über die voraussichtliche Haltung der Fraktionen geschrieben wird, heute z. B. auch Über ein sich an­bahnendes neues Kompromiß zwischen Konser- valiven und Zentrum, das läßt alles deutlich die Unsicherheit und Ungewißheit erkennen, in der sich vichi etwa nur die Oeffenllichkett und die Zeitungen, sondern auch die Parteien und Fraktionen selbst über ihre eigene Haltung und über den Ausgang der ganzen L-ache befinden. In hohem Grade wahrscheinlich ist es, daß das Zentrum, daS wohl fühlt, daß die Herren hausbeschlüffe sich gegen feine Partei gerichtet haben, aus allgemeinen politisch iaktffchen Gründeu.- diese Beschlüsse verwerfen wird. Welche Stellung aber die Nationalliberalen nehmen werden, wird man nicht eher erfahren, bis die Fraktion über die neue Lage beraten und sich schlüssig gemacht hat. Und ähnliches gilt von den Konservativen. Es entspricht der Politik und dem Charakter des Herrn v. Heydebrand, daß er sich gegen die Henenhausdeschlüffe, die ihm seine Politik durch­kreuzt haben, sträubt und daß er sowohl der einzel­nen Bestimmung über die Drittelung wegen, sondern aus allgemeinen politischen Gründen sich nicht von einer Mehrheitsbildung mit dem Zentrum trennen und mit den Nationalliberalen Geschäfte machen will. Man darf ja nicht vergessen, daß es der Herr v. Heydebrand ist, der vor noch nicht einem Jahre im Reichstag den Block gesprengt und zusammen mit dem Zentrum der Regierung feinen Willen ausgezwungen hat, uns man darf auch nicht außer Betracht taffen, daß im Herbst nächsten Jahres Reichstagswahlen be­vorstehen, bei denen Konservative und Zentrum, namenttlch in der schlesischen Heimat des Herrn von Heydebrand, stark aufeinander angewiesen sind, Es ist also wohl zu glauben, daß dieser konservative Führer sich bemüht, die einfache Zustimmung zu den Herrenbausbeschlüssen, durch die das Zentrum ausgeschaltet würde, zu verhüten. Ob ihm aber die Fraktion des Abgeordnetenhauses auch darin folgen wird, folgen gegen den Rat sehr angesehener konservativer Männer, das ist heute noch nicht zu sagen und das wird Herr v. Heydebrand selbst erst wissen, wenn die Fraktion sich schlüssig gemacht hat.

Die ganze Situation ist gerade dadurch so über­aus üettDorren, daß innerhalb der beiden neben dem 8entrum in Betracht kommenden Parteien gespaltene Meinungen herrschen. Die Konservativen wiffen nicht, was geschehen wird und was sie tun sollen, und in der nationalliberalen Partei scheiden sich sogar deutlich zwei auseinanderfallende Gruppen die Jasager ustd die Neinsager.

Der Ministerpräsident, der sag. Letter der Re­gierung, der die ganze Verwirrung angerichtet hat, weiß am wenigsten, was noch werden wird.

gibt, der Rote Adlerorden 1. Klaffe verliehen. Die Auszeichnung war bereits gleich nach der Einweihung der Kirche auf der Dormition ge­meldet worden. — Die Roh-Solleinnahme des Reiches an Zöllen hat im April 1910 531/* Millionen Mark betragen, mithin gegen den April 1909, In dem sie sich auf 58V» Mill. Mark belief, um 5 Mill. Mark abgenommen. — Die elsaß-lothringische Verfassung soll im Reichsamt der Innern in Arbeit fern und der Vollendung entgegengehen. Noch in dteftm Monat werde, so heißt es, Staatssekretär Dr. Delbrück in die Reichslande gehen, um die Ver- hältniffe zu studieren. Hoffen wir'S!

)( Bon dem Zweck der Roofevelt-Rundreise durch Europa ist wieder viel die Rede. Ein Vor­kämpfer der Friedensbewegung will wissen, Roose­velt verhandele im Einvernehmen mit der Regie­rung der Bereinigten Staaten von Nordamerika mit den europäischen Mächten über die Schaffung eines internationalen Friedensgericht». Hofes im Haag. Deutschland und Oesterreich. Ungarn hätten bereits zugesagt, England habe noch Bedenken, die aber nicht unüberwindlich feien. — Näheres bleibt abzuwarten. Möglich wäre dar schon, unerreichbar ist diese? Ziel ja nicht mehr. Jedenfalls ist es leichter zu ereichen, als die seine^eit von England angeregte Abrüstung,

)( Bon selten der Lehrer wird gegen den Kulturträgerparagraphen der preußischen Wahlrechtsreform Sturm gelaufen. Wie eine Aachener Lehrervereinigung, so nahm jetzt auch der Kölner Lehrerverband zu der Be­stimmung der WahlrechtSvorlage, nach der nur Rektoren nicht aber die Lehrer zu den Kultur­trägern gezählt werden, eine Entschließung an, in der eS heißt:

„Der Kölner Lehrerverband verlangt im Hinblick auf di« Verhandlungen der Wahlrechtsvorlage im Herrenhaus, daß der Volksschullehrerstand, der mehr als 90 Prozent des Volkes die Kultur übermittelt, in seiner Gesamtheit alS Kulturträger angesehen wird."

= Woher bezieht der deutsche Bauernbund seine Mittel? Mit dieser Frage beschäfttgt sich der Mg. Dr. Hahn in einer Versammlung des Bundes bet Land­wirte in Stendal. Dr Hahn wies darauf hin, daß man nicht erfahren könne, woher der Bauernbund seine ungeheuren Mittel zur Agitation herbezieht, obwohl die Führer dieses Bundes wiederholt darum befragt worden sind. »Aus Mitgliedsbeitragen ist es ganz unmöglich, diese Summe zusammenzubringen. DaS wissen wtt im Bund der Landwirte am besten, wo wir bei all« Sparsamkeit an Beanttengehältem usw. und trotzdem der Vorstand dem Bunde d« Landwirte sehr wenig Kosten macht, uns sehr dazu halten müs­sen, die nötigen Mittel zusammenzubringen. Daß reiche Bauern dem Bauernbünde die Gelder überwei­sen, ist ganz ausgeschlossen oder haben Sie vielleicht solche 8eute hier in der Altmack? (Zuruf: „Nee so ne Ochsen haben wir hier'nicht!" Große Heiterkeit.) Man hat lauten hören, daß es drei bis vier Du­tzend reiche Leute sind, die immer Wied« daS Geld in '*■ Kasse des Bauernbundes legen."

— i « kaum glaubliche Meldung bringt die ..Pfälzer Zeitung" au3 Kerzenheim in der Pfalz. Dort ließ vor einigen Wochen ein Katholik auf seinem Acker ein- «Feldkreuz errichten. Kerzenheim zählt