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Fulda, Mittwoch den 11. Mat 1910

37. Jalirsian't

Erstes Blatt.

106

Preußischer Lauvtas

Abgeardnetenliaus.

Sitzung vom 10. Mai 1910.

Das Haus setzt die Beratung der Sekundärbahn- vorlagr fort.

Weitere Redner bringen Spesialwnnsche vor. U. a. tragen Wünsche vor Abg. Cahensletz (Ztr-) für Nassau, Abg. Bartling snatl.i sür Gießen und Wiesbaden, Abg. Dr. Lahmaan (nalt) für den Westerwald.

Unterstaatssekrelär Fleck sagt wohlwollende Prü­fung all der zahlreichen Wüniche durch die Regie- rung zu.

Die Vorlage geht an die Budge'.kommiffion.

Nach debaltelöser Erledigung einer Reihe von Pe­titionen ist die Tagesordnung erschöpft.

Nächste Sitzung Dienstag, den 24. Mai: Beamten- und Arbeilerwohuungsgesetz, Antrag Borg­mann betr. das preußische Preßgesetz, Antrag Hammer betr. Aushebung der tio.»munalumsatzsteuer.

Das neue Kaligesetz.

Nach langen und häufigen Beratungen hat die Kalikommission ihre Arbeiten zu Ende gebracht. Nun­mehr ist auch im Plenum des Reichstags das neue Kaligesetz angenommen und damjt eines der schwierig­sten wirtschaftlichen Probleme gelöst worden.

Freilich mußte der Regiemngsentwurf stch eine gründliche Umwandlung gefallen lassen. Die Ver­trieb s g e m ein s ch aft für Kalt fiel; - dieses Zwangssyndikat fand nirgends Anklang. Der Reichs­tag hat dann ein ganz neues Gesetz geschaffen. Das Zentrum hielt sich bei der Schaffung des Gesetzes vier Richtlinien vor Augen: 1. das Jnterefle der Allgemeinheit des deutschen Volkes und die Jn- tereffen der Kaliindustrie; 2. die Wünsche der Kon­sumenten; 3. die Forderungen der Arbeiter; 4. die Interessen der Gemeinden. Die vier Gesichtspunkte ziehen stch als Leiffaden durch das ganze Gesetz hin­durch und bilden seine Grundlage.

Deutschland hat nach menschlichem Wiffen und Können ein W e l t m o n o p o l in Kali; das haben die ersten Sachverständigen dargetan. Ein solcher Na­turschatz soll nicht vergeudet werden; er soll nicht zu billig abgegeben werden. Wir müssen unsere Baum­wolle, unser Kupfer und Eisen auch recht teuer be­zahlen. WaS wir durch höhere Kalipreise aus dem Ausland haben können, wächst unserem Volksvermögen zu- Nun hat aber die Kaliindusirie sich in ganz unge­sunde Verhältniffe eingelebt; die hohen Gewinne ein­zelner Werke haben zu einer fast nie dagewesenen Uebergründung geführt. Den gesamten Bedarf in Kali konnten 20—30 Werke decken, über 70 sind heute schon da. Um nicht die Großen übermächtig werden zu lasten, mußte an eine Festsetzung der Gesamtmenge des Absatzes gedacht werden. Das ist der erste Grund­pfeller des Gesetzes; die wilde Produktion hört auf; jedes Werk erhält nach seiner Leistungssähigkeit die angemessene Quote, so daß nur eine bestimmte Menge von Kali auf dm Markt kommt; dies sichert auch kleineren Werken die Existenz. Wer aber mehr för­dert, als er zuqewiesen erhielt, hat eine Abgabe von 10—17 Mark zu zahlen, je nach dem Prozentgehalt des Kali Dadurch wird gleichzeitig einer Verschleu­derung nach dem Auslande voraebeugt. Die In­dustrie kann stch nun ruhig und sachlich entwickeln und wird so gesunden

Aber wird nicht diese Knappheit im Angebot die Preise erhöhen? Diese Befürchtung ist ausgeräumt durch die Bestimmung der H ö ch st p r e i s e sür die Abnehmer. Die heutigen Preise sind um 15 Proz. herabgesetzt worden, was allein für die Landwirtschaft einen Vorteil von 202 Mill. Mark beträgt Die Aus­landspreise dürfen zudem nicht niedriger sein als diese Inlandspreise. Dec deutsche Bauer kann damit sehr zufrieden fein. Damit nun die süddeuffchen Land­wirte, welche von den bisher erschloffenen Kalistätten weit entfernt liegen, nicht zu hohe Frachten zu bezah­len haben, ist ein neuer Frachtenausgleich geschaffen und als neuen Ausgangspunkt für die Frachtungen Salzungen bestimmt worden, was für die süddeutschen Landwirte eine Verbilligung von 560 009 Mark be­deutet.

Wie aber steht es mit den Arbeitern im Kali­bergbau? Was erreicht wurde, ist auf die Znitiative und auf Anträge her Zentrumskommissionsmitglieder zurückzuführen- Das Zentrum war es, das darauf hinwies und unter Vorlage durchschlagenden Materials der Befürchtung Ausdruck verlieh, daß die Arbeiter­löhne nach Inkrafttreten des Gesetzes reduziert werden würden. Selbst die Regierung mußte sich den vorge- brachtm Argumenten beugen. Die Folge war der „Lohnschatzantrag" von Brockhausen, der einstimmig angenommen wurde. Das Zentrum brachte es durch einen Zusatzantrag, der ebenfalls einstimmige Annahme in der Kommission sand, fertig, dem vorher etwas übel mitgespielten Gedanken der Fördening der kol­lektiven Arbeitsverträge doch noch einigermaßen wie­der zu Ehren zu verhelfen. Zentrumsabgeordnete

Aba. Brandys (Pole): Gewiß sind große Miß­stände tn der Kaliindustrie vorhanden, aber der vor­geschlagene Weg zu ihrer Beseitigung scheint uns nicht gangbar. ®r bedeutet einen Präzedenzfall, der von unabsehbaren Konsequenzen auch für andere Industrien fein könnte. Er statuiert eine Staats-Allmacht und darum werden wir gegen das Gesetz stimmen.

Die Abgg. Kölle (wirtsch. Vg.) und Werner (Rsp.) erklären die Zustimmung ihrer Partei zu der Vorlage.

Abg. Ricklin (Els.) lehnt die Vorlage ab, da bte Interessen Slsaß-LothringenS nicht genügend gewahrt teien«bg. Gothein (Fortschr. Bp.) betont, daß die Vor­lage durch und durch verfehlt und daher unannehm­bar sei.

Hierauf wird § 1 angenommen. Die werteren §§ werden angenommen und ein § 4a eingeschoben, wo­nach Kalirohsalze nur von Kaliwerkbesitzern und Sonderfabriken, die beim Inkrafttreten des Gesetzes bestehen, hergestellt werden dürfen, letztere nur in dem­selben Umfang wie bisher.

Gegen die §§ 11—14, die von der Kürzung der Beteiligungsziffer, speziell im Falle einer Verkürzung der Löhne handeln, äußert

Abg. Dr. Weber schwere Bedenken.

Handelsminister Dr. Sybow: Bon der Schaffung eines Präzedenzfalles auch für andere Industrien kann keine Rede sein. Es handelt stch hier um eine Aus­nahmemaßregel, die hervorgernfen wurde durch die Erllärungen des Syndikats.

Abg. Dr. Rösicke (tonf.): Es handelt sich hier überhaupt nicht um eine sozialpolitische Maßnahme, sondern um einen Akt der Gerechtigkeit.

Nach weiterer Diskussion, wobei die Abgg. Hue (Soz.) und Gothein (Fortschr. Bp.) die Tätigkeit ihrer Parteien im Arbeiterinteresse ins hellste Licht zu fetzen suchen, werden die §§ 11—14 angenommen, ebenso die §§ 15—22.

Bei § 23, dem sog. Schmidlmann - Paragraphen, verstand man sich zu einer Milderung insofern, als bei her rückwirkenden Kraft der Abgabe auf das Ueber- kontingent auf die effektiven Lieferungen Schmidtmanns in den amerikanifchen Verträgen Rücksicht genommen wurde. Mit dieser Veränderung wurde dann der Schmidtmann-Paragraph angenommen, ebenso der Rest des Gesetzes.

Auf Vorschlag der Abgg. Spahn und Heim (Ztr.) beschließt das Haus, die dritte Lesung des Gesetzes sofort vorzunehmen und den Entwurf en bloe ohne Diskussion anzunehmen.

Der Prüfideut erb.ttet und erhält die Ermächtigung, die nächste Sitzung und ihre Tagesordnung selbst­ständig festzufetzen

Abg. Dr. Hieber (natl.) spricht dein Präsidenten für seine wohlwollende, unparteiische Führung der Ge­schäfte den Dank des Hanfes ans

Präsident Gras v. Schwerin-Löwitz dankt dem Bu­reau und den Abgeordneten in warmen Worten für die Unterstützung und Arbeitsleistung.

Der Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg verliest hierauf die kaiserliche Verordnung, dury welche der Reichstag bis zum 8. November vertagt wird und übergibt sie dem Präsidenten. Darauf bringt Graf Schwerin-Löwitz ein dreimaliges Hoch auf den Kaiser aus, in das bte Abgeordneten ein« stimmen. Die Sozialdemokraten haben während dessen den Saal verlassen. — Schluß 10 Uhr.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 10. Mai 1910.

Zunächst wird ein Antrag der verbündeten Negie­rungen betr. die Vertagung des Reichstages bis zum 8. November debattelos angenommen.

Es folgt hierauf die zweite Beratung des Gesetz­entwurfs betr. den

Absatz von Kalisalzen.

Es liegen zu dem Gesetz in der KommifsionSfaffung eine Anzahl Anträge vor, sämtlich gestellt von der Rechten, dem Zentrum, den Nationalliberalen, zum Teil auch von den Sozialdemokraten unterzeichnet. Die Anträge lassen die Kommisstonsbeschlüffe unverändert und betreffen um Nebenfragen.

Beim 8 1, der bestimmt, daß Kalisalze von Kali­werkbesitzer« nur nach Maßgabe der Bestimmungen dieses Gesetzes verkauft werden dürfen, erfolgt eine all­gemeine Aussprache.

Abg. Dr. Heim (Ztr.): Die Klage, unter der wir tu leiden haben, ist, daß das Sali an das Ausland billiger verkauft wird als an das Inland. Das ist umso bedauerlicher, als Deutschland das Land ist, das allein Kali hervorbringt. Man hat nun nach einem Mittel gesucht, um dem Zustand der Verschleuderung inS Ausland ein Ende zu machen. Der Plan einer Verstaatlichung der Kalibergwerke scheint undurchführ­bar schon wegen der Höhe der Kosten. Es würden hierzu mindestens 800 Millionen Mark erforderlich sein. Die Kommission hat nun vorgeschlagen, den Absatz ins Ausland zu kontingentieren unter gleichzeitiger Festsetzung von Minimalpreisen sür das Ausland und von Maximalpreisen für das Inland. Wir halten diese Lösung für eine durchaus befriedigende. Die Kontingentierung hat den Zweck, daß sie nicht direkt dazu zwingt, ein Syndikat zu bilden. Die Vorlage bringt vor allem einen hervorragenden Schutz für die gegenwärtigen Besitzer von Kaliwerken. Wenn sie, wie gesagt, die Interessen der Kaliwerksbesitzer schützt, so war es selbstverständlich, daß sie auf der an­dern Sette auch die Interessen der Übrigen Leute wahrt, die mit der Kaltindustrie zu tun haben, so z. B. die Arbeiter und Verkäufer. Wäre es nach den In­tentionen der Kaliwerksbesitzer gegangen, so wäre ein Gesetz zustande gekommen zur Sicherung ihrer Dtvr- denden. Diese Diviveudengesetzgebung aber ist nicht gemacht worden, sondern ein Gesetz, bas dafür sorgt, daß einer rücksichtslosen Ausbeulung der Konsu­menten und bet Arbeitet ein Riegel vor­geschoben wird. Wir haben bestimmte Preiie in das Gesetz hineingeschrieben, und zwar für Inland und Ausland, für Landwirtschaft und Industrie. Wenn man in der Lage war, Kainit für 89 Pfg. nach dem Auslande zu liefern, so wird die Kaliindustrie wohl auch in der Lage sein, für 1.24 Mark an die deutschen Verbrauchet zu liefern. Zu begrüßen ist ferner, daß in Zukunft nicht mehr die Werksproben allein, sondern auch die Analysen bet Untersuchnngsstationen maß­geb enb sein sollen, beim die Werksproben waren nicht immer richtig und es wurde nicht selten minderwertige Ware geliefert. Einer etwaigen Reduktion der Löhne der Kaliarbeiter ist dadurch ein Riegel vorgeschoben, daß eine Reduktion der Löhne mit einer entsprechenden Verkürzung der Beteiligungsziffer des Werkes bestraft werden soll. Der Gesetzentwurf, wie er jetzt vorliegt, wahrt nicht nur die Interessen der Werksbesitzet, son­der» auch die des Handels, der Abnehmer und der Arbeiter. (Beifall im Zentrum.)

Abg. Tove (Fortschr. Bp.): Zahlreiche Bestim­mungen des Gesetzes geben zu Bedenken Veranlassung, so daß wir dem Besetz unsere Zustimmung versagen müssen.

Preuß. Handelsminister Stzdow: Das Kali ist ein Naturmouopol Deutschlands und wir wollen dafür sorgen, daß die deutsche Volkswirtschaft auch den Hauptvorteil davon hat. Die uns beschäftigende Vor­lage weicht ja in verschiedenen Punkten von der Re­gierungsvorlage ad, aber sie verfolgt doch dieselben Ziele, wenn auch auf anderen Wegen. Es liegt darum für die Regierung keine Veranlassung vor, sich gegen die Kommissionsbeschlüsse ablehnend zn verhalten.

Die Abg. v. Brockhansen (kons.), Dr. Bärwinkel (nl.i und Emmel (Soz.) erklären, daß ihre Parteien dem Ent­wurf in der Kommissionssassung zustimmen.

Abg. Studbeudorf (Rp.) äußert schwere Bedenken gegen das Gesetz, insbesondere gegen die darin vor­gesehene Verquickung der Malerte mit Arbeiterfragen.

regten die Schadloshaltung solcher Arbeiter und Be- amten an, die infolge von Quotenübertragung von einem Werk auf andere beschäftigungslos werden wür­den. Ihrem Bemühen wurde bei der Mehrheit und auch bei der Regierung Erfolg. Es kam zu einem Kompromißantrag der meisten Parteien, der bestimmt, daß der die Beteiligungsziffer übertragende Kaliwetks- befitzer den Arbeitern und Beamten den entstehenden Einnahmeausfall gegen den bisherigen Lohn bis zur Dauer von 26 Wochen zu ersetzen hat. Auch für die Gemeinden ist gesorgt, indem ein Werk durch die Uebertragung von Quoten nicht mehr still gelegt wer­den kann. Die Gemeinde ist zu hören, bevor die Hälfte der Quote auf ein anderes Werk übertragen wird.

So kann sich das neue Gesetz sehen lassen, es stellt den Ausgleich aller Interessen dar Die Jndusttie hat eine sichere Zukunft, muß aber allerdings von ihrem Gewinn runb 10 Mill. Mark an die Land­wirtschaft und Arbeiter abgeben und das kann sie b er­tragen. Mit diesem Gesetz hat der Staat gleichzeitig das Prinzip der schrankenlosen Produftion aufgegeben.

«L Werde« die Konservativen fest bleiben?

Wenn man eine Grube gräbt, so weiß man nicht sicher voraus, wer hinein fallen wird. Das er­fahren jetzt die Nationalliberalen.

Der Antrag Bethmann-Schorlemer zum Wahsi- rechtsgesctz war in erster Linie gegen das Zen­trum gerichtet und auf das Wohl der National- liberalen bedacht. Es gab denn auch sofort kluge Leute genug, bis tief in die Linksparteien hinein, die da prophezeiten, das Zentrum werde durch die Ergebnisse im Herrenhaufe in fürchterliche Schwierigkeiten geraten. Wer sich an die Tatsachen hält, die bis heule in die Erscheinung getreten sind, wird inzwischen erkannt haben, daß sich gerade das Zentrum sehr wohl und munter befindet und von Zweifel, Sorge oder Zwiespalt nicht das geringste spüren läßt.

Vielfach wurde auch gesagt, die konservative Parteileitung gerade in eine schwierige Lage. Aller­dings liegen bei den Konservativen die Verhältnisse nicht so einfach und zweifelsfrei, wie beim Zentrum. Es waren da bedenkliche Einflüsse von außen und innere Stimmungsdifferenzen zu überwinden. Die bisherige Entwicklung läßt jedoch bereits erkennen, daß die konservative Partei auch in ihrem leichten beeinflußbaren Elemente stch mit Klarheit und Ent­schiedenheit roieber auf sich selbst besinnt und zu einem demütigenden Gang durch das kaudinische Joch der voreilig triumphierenden Mittel Parteien feine Lust hat.

In einer schweren innern Krisis befindet sich da­gegen andauernd die Partei, der von dem Minister­präsidenten und seinem Gehilfen von Schorlemer, sowie von der Mehrheit des Herrenhauses Ehre und Vorteil zugeschanzt werden sollte. Die National- liberalen wissen nicht, was sie machen sollen. Nach rechts hin zieht diese Partei der doppelte Wunsch, sowohl den „schwarzblauen Block' zu sprengen als auch den Wahlprofit zu realisieren, bet aus der Erweiterung der Drittelungsbezirke zu holen wä e. Nach links hin aber wird die Partei von der jungliberalen Strömung gerissen, und der Jungliberalismus ist ein Machtfaltor geworben, den man nicht brüskieren darf, ohne den Zusammen- bruch der ganzen nationalliberalen Partei zu riskieren.

Die jungen Elemente auf dem linken Flügel haben zunächst einen großen Vorteil, daß sie sich auf einen regelrechten Parteibeschluß berufen können. In Magdeburg ist in aller Form festgelegt, daß die natio- nalliberale Partei unbedingt die geheime und zugleich direkte Wahl fordern soll. Das jetzt schwebende Gesetz bietet nun (freilich durch das Verdienst des Zentrums) die geheime Wahl, aber nicht die direkte. Die Jung­liberalen können mit Fug verlangen, daß man den alten Parteitagsbeschluß respektier^.

Edith Büttners Liebe.

19] Roman von Fr. Lehne.

Sie schauerte in sich zusammen, als sie an die Mi­nuten dachte, in denen ihr stolz und thre Liebe einen so tödlichen Streich empfangen

„Unb dann, Thanlmar, noch solche Beleidigungen onhören zu muffen —*

„Was sür Beleidigungen? Hat Martha es ge­wagt —"

„Später davon, später —'

Edith eilte die Treppen hinab, und fast gierig at­mete sie die falle Winterluft ein. Cs war sehr nebelig, und man konnte kaum einige Schritte vor sich sehen. Sie hatte sich etwas verspätet und strebte schnell vor­wärts.

Da schien es, als ob jemand sie verfolge —, immer waren gleichmäßige Schritte hinter ihr. Es wurde ihr unheimlich hier in dieser wenig belebten Gegend.

Schließlich ging sie aus die andere Seite, die Schritte folgten ihr nach.

Da blieb sie stehen, um den unwillkommenen Ver­folger an sich vorüber zu lassen — und erkannte in ihm Lucian Waldow! Alles Blut strömte ihr bei seinem Anblick zu Herzen.

Er blieb vor ihr stehen.

Sie sah ihn kalt an und ging weiter.

„Edith, Ditele - so warte doch!'

Sie hörte nicht auf ihn. Da faßte et ihre Hand. Aber unwillig entzog sie sie ihm.

„Ditele, ich möchte dir was sagen — Ihm war sehr unbehaglich zumute; denn an Ediths Ver­halten hatte er soeben gesehen, daß sie schon um seinen Treubruch wußte

Da hielt sie ihre Schritte an und sah ihm starr ins Gesicht.

wohl, daß du ein wortbrüchiger Gesell bist, der feine silia hospitalis nur als angenehmen Zeitver­treib betrachtet und stch im geheimen eine reiche Braut oeangelt hat! Das wolltest du mir doch sagen, nicht wahr? We du siehst, weiß ich alles!'

Voller Hohn klangen ihre Worte und fielen ver­nichtend wie Keulenschläge auf ihn nieder.

Schuldbewußt senkte er den Kops und zerrte an feinem hübschen Bärtchen-

„Ditele, so lasse dir doch erklären — ich —"

„Wit haben uns nichts mehr zu sagen,' schnitt sie ihm das Wort ab, „denn die Tatsache kannst du doch nicht ableugnen, daß du Martha Hildebrandts Bräu­tigam geworden bist, wie sie mir vor kaum mehr als einer Stunde triumphierend versichert hat. Es ist doch so? Nun kannst du ja dein Schausviel in Ruhe schrei­ben und dir-einen neuen Wintermantel laufen! Geld genug bekommst du ja jetzt!"

Edith war so voller Erbitterung und Groll, so auf­gewühlt im Innersten, daß sie ihre Worte nicht wägte. „Eine Frage noch, Lucian — haft du zu Martha ge­sagt, ich — ich hätte mich dir an den Hais gewor­fen?'

Halb erstickt klang ihre Stimme. t

„Wie kommst du daraus? Nein —"

„Martha hat so gesagt, — wenigstens mutzte ich das ihren Worten entnehmen —'*

„Nein, Ditele, bei Gott nicht!" beteuerte er, „Allerdings hat Martha versucht, mich auszuforschen; ich habe aber geschwiegen. Sie hat demnach gelogen, und ich werde sie zur Rede stellen.'

Seine Stimme bebte in ehrlichem Unwillen.

Durchdringend sah sie ihn an.

„Lasse es lieber; es hat doch keinen Zweck. Ich glaube dir auch so, und ich danke dir mich daftir, daß du mich wenigstens nicht in den Schmutz gezogen hast! Nun gehe, Lucian, gehe zu deiner Braut; sie erwartet dich gewiß längst. Ich bin Überhaupt ver­wundert, dich hier zu sehen.'

„Ich weiß doch, daß du heut' zur Stunde mußt! Ich hab' dich erwartet, um dir eben zu sagen, daß ich nit mehr ein noch aus wußte und in meiner Verzweif­lung nach der Hand griff, dir. mir so bereitwillig ge­boten wurde. Ach, Ditele, was hab' ich gelitten —'

„Spare jedes Wort, du kannst dich nicht entschul­digen. Gehe —*

„Nit eher, als bis du mir verziehen hast! Wenn du mich nur anhören wolltest! Meine Kunst litt schon

unter all den Sorgen — noch einmal — verzeihe mir —*

Traurig schüttelte sie den Kopf und übersah seine bittend ausgestreckte Hand-

„Wenn ich dich weniger geliebt hätte, dann viel­leicht — so aber nicht! Ich kann nicht! Du mußt ja wissen, was du tatest! Glück kann ich dir nicht wünschen, wie das wohl sonst üblich ist.--Ich

habe dich sehr lieb gehabt, Lucian —' ihre Stimme brach fast — „aber das muß nun vorüber sein! Du hast mir mehr genommen, als du ahnst — meine ganze unbefangene Lebensfreude ist dahin —*

Ihre Worte schnitten ihm ins Herz.

„Du mein lieb's Modele —'

Weiter brachte er nichts hervor. In seinen sonst immer so fröhlich blickenden Augen funkelten Tränen. Er fühlte genau, was für eine erbärmliche Rolle er spielte, und er schämte sich dessen.

Aber er fand doch nickt dieKraft, sich von Edith zu trennen; es war sicher das letzte mal, daß et sie allein vor stch sah.

„Was willst du noch, Lucian? So gehe doch — zwischen uns ist doch nun für immer alles zu Ende!"

Sie stampfte leicht mit dem Fuße auf; sie gab sich ihm gegenüber gar keine Mühe zu verhehlen, wie tief gekränkt fie war.

.Edith, Mädele, willst mir nit wenigstens die Hand geben?" flehte er.

„Nein," sagte sie hart, wandte sich um und ging weitet. Traurig blickte er der schlanken Gestalt nach.

Ihm war, als ginge da der bessere Teil seines Lebens von ihm!

Tief ausseufzend, eine verstohlene Träne aus dem Auge wischend, begab er sich nach der elektrischen Bahn, die ihn zu seiner Braut führte, mit der er gegen seines Herzens Glück ein sorgenloses Leben in Reichtum und Glanz eingetauscht hatte

War das aber wohl des Opfers wert?

8.

„Die Verlobung ihrer einzigen Tochter' Martha mit Herrn Lucian Waldow, erstem Konzertmeister der

städtischen Kapelle, beehren sich hierdurch regebenst an- zv-zeigen

C., Dezember 19 . •

Otto Hildebrandt u. Frau, Auguste, geb. Hofmann.

Meine Verlobung mit Fräulein Martha Hilde­brandt, der einzigen Tochter des Herrn Rentiers Otto Hildebrandt und seiner Frau Gemahlin Auguste, geb. Hofmann, beehrt stch hierdurch ergebenst anzuzeigen

E., Dezember 19 . •

Lucian, Waldow, Konzertmeister."

Mit der ersten Post war die Verlobungsanzeige gekommen, und mit fest zusammenycpceßten Lippen imb brennenden Augen starrte Edith auf die paar Worte.

Verächtlich warf Thankniar dir große, auf Büt­tenpapier gedruckte, in modernstem Format gehaltene Anzeige auf den Tisch.

„Nender Wisch!" murmelte er, trank hastig seinen Kaffee ans, griff nach den Büchern und eilte davon, unterwegs auf der Treppe nock schnell sein Frühstücks­brötchen essend — es war höchste Zeit

Lucian Waldow scheute sich aber jetzt doch, Edith noch einmal unter die Augen zu treten.

Als er sie nachmittags hatte weggehen sehen, suchte er Frau Bürkner auf. bezahlte seine Miete, auch gleich die für den nächsten Monat, da er doch noch nicht ge­kündigt hatte, und verabschiedete stch bann, indem er zugleich viele Gruße an alle Familienmitglieder auf- tntg Die Zeit, die er hier gewohnt, würde seine schönste Erinnerung bilden, sagte ec. Er wäre gern noch geblieben, wenn es nicht der Wunsch feiner Schwiegereltern und seiner Braut gewesen sei, ihn in der Nähe zu wissen-

„Freilich, freilich, das läßt sich denken! Nein, Herr Waldow, ich habe mich noch gar nicht ordentlich von der Ucbcrraschung erholt," sagte Frau Bürkner. „Nein, so was! Nun werden wir gar noch miteinander ver­wandt! Nicht wahr, Hildebrandt's sind nett? Da hätten Sie eigentlich uns Ihr Glück zu verdanken, Herr Waldow," lachte sie, nicht wissend, welche Pein sie dem jungen Manne mit ihren Worten verursachte.

(Fortsetzung folgt.).