Leitung
" fuldaer
strebungen ins Leben rufen will. Im Groß- Herzogtum würben 1436 schulpflichtige Krüppel sestgestellt, von denen nach ärztlichem Urteil etwa 93 Prozent durch geeignete Behandlung ganz oder teilweise erwerbsfähig gemacht und so 70 Prozent vollkommen geheilt werden könnten. Die vorhandenen Einrichtungen reichen aber nicht entfernt aus, auch nur einem nennenswerten Bruchteil von ihnen zu helfen. — Zur Der- Minderung der Kosten der Staatsverwaltung hat die hesiische Regierung verfügt, daß die Vertr^tungsauShilfe und die Reise- stekon auf's äußerste zu beschränken sind; Bau- zulagen und besondere Vergütungen werden künftig nicht mehr gewährt und die Uebertrag- barkeit der Kredite soll nur ausnahmsweise gestattet sein. Für nicht genügend begründete Ueberschreitungen der Kredite werden die an- weisenden Beamten haftbar gemacht.
* Posen, 8. Mai 1910. Wegen drei evangelisch e r K i n d e r ist eine katholische Schule in ein« Simultanschule umgewandelt worden. Das Dorf Bomschin (Provinz Posen), das fast durchweg von katholisch-polnischen Einwohnern bewohnt wird, besah eine katholische und eine evangelische Volksschule- Ta nun die mehrklassige katholische Schule überfüllt, die evangelische dagegen von nur drei Kindern besucht ivar, ordnete die Regierung einfach die Verschmelzung beider Schulen an und wandelte sie in eine Simultan- lchule um- Die hiesigen polnischen Zeitungen bemerken dazu, dah die Negiening jedenfalls im umgekehrten Falle die katholische Schule einfach aufheben, den katholischen Lehcer nach einem anderen Orte versehen und die drei katholischen Kinder der evangelischen Schule zuteilen würde, ohne sich darum zu kümmern, ob auch die Kinder katholischen Unterricht erhalten.
M (05.
vkiulaz, de» 10. Mal 1910.
»7. Jahrgang.
Deutsches Reich.
---- Vorbildung der Landtagsabgeordueten. Eine bemerkenswerte Zusammenstellung über die Vorbildung der Landtagsabgeordneten auf Grund der Statistik von 1908 lehrt, daß — auf Hundert gerechnet — von höheren Schulen besucht haben a. das Gymnasium: Kons. 75,49; Freikons. 77,96; Nat.-Lib. 71,87; Frs. Vp. uno Frs. Vgg. 61,11; Ztr. 80,77; Polen 93,33; Soziald. 57,14; Wilde 50,00; b. Realistische Anstalten: Kons. 7,28; Freikons. 11,86; Nat.- Lib. 20,31; Frs. Vp. und Frs. Vgg. 25,00; Ztr 2,88. Zeigt sich schon aus dieser Zusammenstellung ein Zurücktreten der realistisch Vorgebildeten in den Parteien, so verstärkt sich dieser Eindruck noch, wenn man die weitere Fachausbildung (Hochschulbildung) der Parteimitglieder nebeneinander hält. Allerdings weist keine Partei einen wirtlich bedeutenden Prozentsatz realistisch Vorgebildeter auf. Immerhin muß aber vor- läufig das Zentrum noch gegen die Freikonser- vativen und Vie liberalen Mittelparteien zurück- stehen. AuS diesen Feststellungen ergibt sich für vie Zentrumspartei die Mahnung, bei der Auswahl der Kandidaten noch mehr als bisher darauf zu achten, daß mehr Vertreter der realisti- scheu Bildung für das Zentrum ins Parlament einziehen, gewinnt sie doch in vielen Zweigen unseres öffentlichen Lebens immer größere Be- deutung.
(%) Darmstadt, 8. Mai 1910. Die Fürsorge für Krüppel findet in neuerer Zeit er- höhte Aufmerksamkeit und führte in Hessen zur Gründung eines Komitees, da- eine größere Vereinigung von Menschenfreunden für diese Br-
Ausland.
** In Belgien sind am 22. Mai 85 Abgeordnetensitze neu zu vergeben. Von den ansscheidenden Volksvertretern gehörten bisher 51 zur katholischen Fraktion. Es ist wohl nicht wahrscheinlich, daß die katholische Majorität diesmal gebrochen wird. Trotzdem gehen die Katholiken nicht ganz ohne Sorge zur Wahl. Nock vor Toresschluß der Kammer- sesfion haben sich zwei Zwischenfälle ereignet, die leicht üble Folgen für die Wahlergebnisse haben können. Ein radikaler Abgeordneter erhob gegen den Brüsseler katholischen Senator D u p r e l und ein sozialdemokratischer Abgeordneter gegen den Anttverpener katholi- schen Abg. C o r e m a n s, den Mannten Flamen- sührer, die schwere Anklage, sie hätten ihre politischen Mandate gegen Geldzuwendungen in den Dienst ptt- vatgeschäftlichec Unternehmungen gestellt- Das durch diese Anklagen hervorgerufene Aufsehen war um so größer und peinlicher, als die Anklänger mit Namen, Zahlen und Daten hervortraten und als die Erwide- nmgen der beiden angegriffenen Parlamentarier als klare Widerlegungen kaum angesehen werden konnten Infolgedessen haben die katholischen Abgeordneten die Absetzung Coremans von der Kandidatenliste veranlaßt. Die Liberalen werden nicht versäumen, diese Opferung des seit vierzig Jahren dem Abgeordnetenhause angehörigen Antwerpener Führers als eine Bestätigung des Vorwurfs des politischen Einflußscha- cherS maßlos auszufchlachten, nicht nur in Antwerpen selbst, sondern in allen Wahlkreisen des Landes. Das kann den Verlust des einen oder anderen Mandats für die katholische Partei zur Folge haben, jedoch ist die Gefahr ausgeschlossen, daß die Partei in die Minderheit gedrängt werde.
** Die Kämpfe an verschiedenen Orten Nordalbaniens zeigen, daß die Einnahme des Katschanikpasses durch die Truppen den erwünschten Erfolg nicht erzielt hat. Die Albanesen lassen sich, entsprechend ihrer Taktik, in keinen Kampf gegen eine entscheidende Ueber- macht ein. Um so schwerer wird aber die Aufgabe der Armee. Die Lage der in D j a k o w a eingeschlossenen türkischen Truppen soll verzweifelt sein. Vorläufig ist es unmöglich,-Verstärkungen zum Entsätze dieser Garnison hingelangen zu lassen. Konsulartüegramme aus Mitropitza melden, daß Djakowa in Flammen steht. Man rechnet damit, daß die Albanier diesen strategisch wichtige» Punkt einnehmen werden. Drei Kilometer von Mitrowitza entfernt erbeuteten die Albanesen einen
2. Blatt.
vrnck und Verlag der zuldaer Aktien drnckerel hi zulda.
derselben zu befreien oder vor ihr zu bewahren. Wann gerät denn wohl ein Arbeitgeber durch eine geforderte Lohnerhöhung tn eine solche necessita» (Notlage)? Gewiß verursachen die Zeiten des Streiks dem Arbeit- 8eher sorgenvolle Stunden und diese vielleicht auch HIaslose Nächte, sowie entgehenden Gewinn, dessen Entgang ihm schmerzlich, aber keineswegs Verhängnis- voll wird. Die oben angegebenen Autoren berücksichtigen bet der Behandlung der sittlichen Erlaubtheit bei Streiks an allererster Stelle die Tugend der Gerechtigkeit, die Tugend der christlichen Liebe erwähnen manche gar nicht, die anderen kaum mit einigen Worten. Der Grund liegt ohne Zweifel darin, daß sie eben die heutigen wirtschaftlichen Ber- hältnisse vor Augen haben. Sie offenbaren sich dadurch alS Kenner des heutigen wirtschaftlichen Kämpfer, tn welchem auf der einen Seit, die «apr- talkräftigrn stehen, die auch einen bedeutenden augenblicklich durch den Streik ihnen entgehenden Ge- winn bald wieder durch einen anderen vielleicht noch höheren Gewinn wettzumachen imstande sind, und denen die von den Streikenden verlangte Lohnerhöhung den Gewinn ja wohl einigermaßen schmälert, aber doch nicht ganz nimmt, während auf der anderen Seite die auf ihren Tagelohn angewiesenen Arbeiter stehe» . . . Sehr eingehend stellt Treitz die Aussichtslosigkeit des wirtschaftlichen Kampfe« gerate für die Arbeiter dar. Nach ihm soll der Staat dem Kampfe ein Ende machen. Alle diese Bemerkungen sind recht schön unv gut. Aber sollte Treitzwirklich ein solche- Maß von Optimismus besitzen, daß er von unseren heutigen Machthabern eine lediglich das allgemeine Belle des Staates und des Volkes berücksichtigende Beendigung des wirtschaftliche» Kampfes zn erdoffen wagte? Gesetzt indessen, er besitze tat- sächlich em solches Ausnahmemaß von Optimismus, würde ihn die» berechtigen, den anderen, die sich zu demselben nicht erschwingen, die aus seinem Optimismus sich ergebenen Verhaltungsmaßregeln al» von allen zu beobachtende Sittenvorschristen anszubürden?
Im Schlußwort betont Prof. Biederlack, um einer falschen Auslegung seiner Absichten vorzubeugen, er wolle mit seinen Ausführungen keineswegs die StreikpraxtS fördern. Er schließe sich selbstverständlich rückhaltlos den Moraltheologen, die vor dem Streik warnen, an. Seine Absicht war, .falschen und unhaltbaren Auffassungen, welche notwendig Gewiffensverwirrung herbeiführen, entgegenzutreten". „63 handelt sich um die Wahrheit. Denn nur der Wahrheit, nicht aber der Uebettreibung oder Cntstellrmg, wurde die Verheißung zuteil, daß sie uns frei mache."
Streik und Moral.
Der unglückselige Kampf, der nunmehr schon seit Jahren zwischen chrisllichen Gewerkschaften und Fachabteilungen zum größten Schaden für eine einheitliche christliche Arbeiterbewegung bei uns tobt, hat eine ihrer hauptsächlichsten Ursachen in der verschiedenen Auffassung von „Streik und Moral", der sittlichen Erlaubtheit der ArbriterauSstände.
Die Ansichten der Vertreter der Fachabteilungen hat vornehmlich der Generalsekretär der katholischen Arbeitervereine der Diözese Trier, I. Treitz, in seiner Broschüre: „Der mobeme Gewerkschastsgedanke vom Standpunkt der Vernunft und Moral" (Trier 1909) ntedergrlegt. Mit den hier entwickelten Ge- dankengängen bezw. mit der Frage der sittlichen Erlaubtheit der Arbeiterausstände befaßt sich tn der Innsbrucker „Zeitschrift für katholische Theologie" (1910, S. 286—306) der al» Sozialpolitiker weit anerkannte Jesuitenpater Prof. I. Biederlack. Bet der außerordentlichen Wichtigkeit der hier in Rede stehenden Frage glauben wir der Sache zu dienen, wenn wir die Ergebnisse der Untersuchungen Prof. Biederlacks unfern Lesern zur Kenntnis bringen.
Herrn Treitz' Gedankengänge über den Zusammenhang von Streik und Moral glaubt Prof. Biederlack „mit kurzen und klaren und zugleich umfassenden Worten so ausdrücken zu können":
Der Streik trägt. . . den Ebarakter von Vergewaltigung de» Arbeitgebers an sich. Er darf von den Arbeitern dann allerdings zur Anwendung gelangen, wenn sie von ihren Arbeitgebern Unrecht leiden. Oder, war das gleiche ist, zur Erreichung und Sicherung gerechter Arbeitsbedingungen darf allerdings der Streik stattfinden; handelt e» sich aber nur um Besserung der schon gesicherten gerechten Arbeitsbedingungen, dann ist der Streik als unerlaubt und ungerechtes Kampfmittel anzusehen.
Noch enger schränkt „Der Arbeiter" (Organ deS Verbandes katholischer Arbeitervereine „Sitz Berlin" 1910, Nr. 8) dasStretkrecht ein, wenn er den Streik nur erlaubt, wenn
„1. eine ganz offenbare Verletzung unveräußerlicher Rechte vorliegt, welche die Arbeitspflicht selbst bedingen und auf Seiten der Berechtigten zugleich mit sittlichen Pflichten verbunden find, deren Wahrung oder Preisgabe nicht dem Ermeffen überlassen ist, wenn 2. die zuständige Autorität ihre Hilfe versagt, 3. kein anderer Mittel der Abhilfe offen steht, 4. kein größere» Gut verletzt wird und 5. Aussicht auf Erfolg vorhanden ist. Bl^eWünsche wirtschaftlicher Art rechtfertigen dagegen nie den wirtschaftlichen Machtkampf und die Unterbrechung der Erfüllung der durch das Naturgesetz und das göttliche Gebot begründeten Arbeitspflichten."
Diese Meinung, so legt Biedeüack näher dar, sicht Ilm Widerspruch mit der Ansicht sämtlicher Moralisten, „in deren Werke ich Einsicht nehmen konnte und die über unsere Frage sich aus- fprechen", so von Lehmkuhl, Vermeersch. Roldi», Clemens Marc, Willem», ©opfert, FerrereS, Berardi. Sie behaupten das Gegenteil von dem, was Treitz beweisen möchte. Pros. Biederlack betont, die Beweisführung des Herrn Treitz leide an einem zweifachen Fehler: „Er vernachlässigt ... die elementare Unterscheidung zwischen N e ch t S pflichten und Liebe» pflichten und dann dehnt er auch die unter diesen Umständen obliegenden Liebespflichten ganz ungebührlich aus." Ist cs nun eine Verletzung einer Recht» Pflicht, eine Verletzung der Gerechtigkeit, wenn durch eine gemeinsam» Arbeitsniederlegung der Arbeitgeber in eine Notlage gerät, da et feine Maschinen und sonstigen Arbeitswerkzeuge unbenutzt lassen muß und ihm dadurch vielleicht sogar bedeutender Gewinn entgeht? Treitz vertritt offenbar diese Meinung und Biederlack hält sie für fatfch. -Durch die Gerechtigkeit sind die Arbeiter nur bi» gu m Ablauf des A rb eit s v ert ra g s verpflichtet; zur Fortsetzung der Arbeit über diesen Termin hinaus oder zur Erneuerung deS Arbeitsvertrag» verpflichtet sie der Vertrag nicht. Eine Rechts- pflicht könne aber nicht daraus konstruiert werden. Herr Treitz lege nicht nur der Pflicht, den Arbeitgeber, der durch den Streik in große Verlegenheit komme, durch die Fortsetzung der Arbeit vor dem Gewinnverlust zu schützen, den Charakter einer Rechtspflicht bei; er dehne auch die etwa bestehende Liebespflicht dick zu weit auS. Darüber läßt sich Prof. B i e derlack folgendermaßen aus:
Gewiß besteht die Pflicht, dem Nächste», welcher sich in äußerster Not befindet, beizuftehen, um ihn au»
großen Munitionstransport, wobei sie 3 Offiziere töteten und etwa 100 Gefangene machten. Die Rebellen aus dem Lumagebiet ziehen gegen Priz- r e n d vor, wo Verstärkung der Garnison verlangt wurde. Der Kommandierende Torgut Pascha rückte daraufhin gegen den Engpaß vonTschernaljewo vor, der die Stadt Prizrend von der türkischen Armee trennt. Dort kam es zu einem heftigen Kampfe mit den Aufständischen, der für die Türken einen günstigen Verlauf nahm, worauf vier türkische Bataillone die gefährdete Stadt besetzten- — Zu den Schwierigkeiten mit den Albanesen gesellen sich neuerdings starke Unstimmigkeiten in der Leitung des Expeditionskorps selbst. Die jüngeren Offiziere verlangen daS energischste Vorgehen gegen die Albanesen, währmd die älteren Offiziere und die Generäle für Mäßigung sind Infolge dieses diszeplinlosen Zankes hat bereits General Hadi Pascha seinen Abschied eingereicht, der Generalissimus Mahrn udSchewketPascha reifte deshalb so rasch wie möglich nach Saloniki, um die Ordnung im Offizierkorps herzustellen und die zwischen einzelnen Generälen entstandenen Konflikte beizulegen.
Aus -em Nachbargebiete.
* Witzenhausen, 9. Mai 1910. Der Stadt ist gestattet worden, ihre noch aus hessischen Zeiten stammende Abgabe auf Bier mit 1,40 SHart für den Hektoliter bis zum 1. Oktober 1915 zu erheben, wodurch der Stadt jährlich 4900 Mark Einkünfte entstehen Dann ermäßigt sich die Abgabe auf 65 Pfennig für den Hektoliter, sodaß die Stadt 2500 Mark jährlich verliert.
* Kassel, 9 Mai 1910- Eine Petition um Versetzung der Stadt Kassel in die Ortsklasse B ist dem Bundesrate sowie dem Herrenhause und dem Abgeordnetenhause vom Bezirksverein Kassel des Preußischen Beamtenvereins zugegangen.
* (Erfurt, 9. Mai 1910. Die Strafkammer verurteilte den Volksschuflehrer Jäger aus Gillersdorf (Schwarzburg-Sondershausen), der aus der von ihm verwalteten Schulsparkasse nach und nach 1300 Mk. entwendet hatte, zu sechs Monaten Gefängnis. Die Mutter Jägers hatte sich seinerzeit auS Gram daS Leben genommen.
* Mainz, 9. Mai 1910. Das Reichsgericht hat die von dem Mörder Selzer beantragte Revision bei öom Schwurgericht übet ihn ausgesprochenen Todesurteils verwerfen, H idem es das Vorhandensein eines Formfthlers, wie es die Verteidigung angenommen batte, nicht anerkannte. Selzer wird also seine blutige Tat, der bekanntlich der Lehrer Kruger zum Opfer fiel, mit dem Tode büßen.
* Som Westerwald, 8. Mai 1910. Die Un. sallftelle deS „Zeppelin 2* am WeberSberg bei Weilburg hatte Taufende von Neugierigen aus dem Westerwald herbeigelockt. Der Andenken. Schwindel oder Unfug, ganz gleich rote man's meint, zeigte die seltensten Blüten. Jeder Fetzen der Gummi-Leinroand wurde wie ein Heiligtum gesammelt, Aluminium-Teile fanden reißen« den Absatz. Ich suhr mit einem Mittagszuge zurück; mir gegenüber, so schreibt man der .Rhein. Volks« zig/, saß ein besser gekleideter Herr, der aul seiner Rocktasche ein langes Aluminium-Rohr hervorzog. „Da haben Sie aber ein kostbares Andenken." „W-ll's meinen,“ antwortete der Herr, „hat mich auch 10 Mark zu besorgen gekostet." „Wer hat Ihnen denn die Gefälligkeit getan, der Platz mar doch abgesperrt.“ „Na, ein Soldat ließ sich erweichen.“ „Ach, wie schön," ließ sich eine Dame desselben Abteils vernehmen, „ich konnte leider keinen Teil deS BallonS bekommen, aber ich habe ein Andenken. Sehen Sie (dabei riß sie aus einem Handiäschchen einen Astflumpf hervor), ich habe einen Teil deS BaumeS, woran der Zeppelin hängen blieb.“ „Kostete Sie daS Andenken auch etwas,“ fragte ich leise. „Ach, eS kostet ja 3 Mark, aber eS ist mir zur Erinnerung mehr wert," war die Antwort. Die Andenken- Sammelwut unserer Zeit ist sürwahr ein krankhaftes Symptom der behenden Klasse. Ein alter, Mftiger Bauersmann, dem ich die Geschichte erzählte, sagte sinnend: „Jo, de Welt werd immer verreckter.“ Wie recht hat der Mana!
Edith vürkners Liebe.
18] Roman von Fr. Lehne.
„Gott, ich trage e» Lucian ja durchaus nicht nach, dieses Weine Techtelmechtel mit dir. Ein anderer hätte e» auch so gemacht l Und die Künstler werden ja so diel umschwärmt, da nehme« sie e» schließlich nicht so genau —*
„Martha, ich frage dich, ob Wasdow da» gesagt hat?"
Da» schöne .blonde Mädchen war fast außer sich, und drohend flammten seine Augen.
Hochmütig erstaunt musterte Martha die Sustne, die schneebleich mit wogender Brust vor ihr stand.
„Mein Himmel, wie aufgeregt du bist, Edith! Es ist doch lediglich deine Schuld, wen» du dich trügerischen Hoffnungen auf meinen Verlobten hingegeben hast.'
Sie wiegte bebauemb den Kopf hin und her.
„ES war übrigen» sehr unvorsichtig von dir, Kind. Man wirst sich einem Manne, von dem man geheiratet fein will, nicht so an den Hals!"
Das war ihr letzter, stärkster Trumpf! Nun schickte sie sich an, zu gehen
„Matthä
Edith preßte die Hand auf den Mund; sie durste ja nicht schreie», damit die alte Frau da drinnen nicht aufgeregt würde — e» wäre deren Tod gewesen!
Mit bebender Stimme sagte sie:
„Was fällt dir ein, du — du Bettelprinzeß!" zischte mir gesagt! Du lügst, Matthäi Du lügst ganz erbärmlich! Soll ich ihn trogen — Auge in Auge mit dir?"
„Was fällt dir ein, du — du Betetlpttnzeß!" zischte die andere. „Wage es meindtoegen! Dann bringst »u auch dein Verhältnis mit ihm an den Tag!"
Unb boshaft kicherte sie in sich hinein- richtete sich Edith zu ihrer ganzen schlanken Große empor.
,, «Ich hätte mich dessen nicht zu schämen, darauf rönme ich er schon ankommen lasten. Aber nein, ich
will dir diese Demütigung ersparen," sagte sie mit unendlicher Verachtung. „Er nmß schon beschämend und drückend genug für dich sein, nur —" sie vollendete aber nicht, was sie hatte sage» wollen: nur um deS Geldes willen geheiratet zu werden----
ES war, als lege sich ihr eine Hand auf ben Mund; sie wollte nicht unfein werben unb nm ben Geliebten, der ihr doch verloren war, feilschen.
„Nun?" Herausfordernd sah Martha sie an. „Warum vollendest du nicht? AuS deinem Munde kau» ich alles hören —"
„Doch lieber nichts Nur ei»8 will ich dir noch sagen: daß ich dir das niemals vergessen werde!" sagte Edith leidenschaftlich. „Die Gelegenheit wird schon noch kommen. Trage nur den Kopf noch so hoch, eS ist noch nicht aller Tage Abend!"
„Nur zu!" Spöttisch lachte Mattha da auf, und noch lange klang es Edith in den Ohren, dieses höhnische, tttumphierende Gelächter, mit dem die andere ihr junges, sonniges Glück vernichtet hatte.
* * ♦
Edith hatte den Abendbrottisch zu besorge»; es sollte ftüher gegessen werden, da sie heute abend zur Stunde mußte.
Eine unsägliche Pein bereitete eS ihr, die Mutter immerwährend von Marthas Verlobung sprechen zu hören.
Sie konnte es schließlich nicht mehr ertragen. Sie ging in dar Schlafzimmer, und mit elementarer Gewalt brach jetzt ihre Erregung hervor. Ein wildes Schluchzen rrschüttette ihren Körper Sie kniete vor ihrem Bett und biß in die Kissen, um nicht laut aufzuschreien in ihrem Schmerz und tiefllerletzten Stolz- In diesem Augenblicke fühlte sie einen grenzenlosen Haß auf Matthä, die ihr ba3 zugefügt.
AV ihre großen, guten Eigenschaften waren in diesem einen Gefühl untergegangen.
Und Sudanl Wie hatte er ihr das antun können! Wenn er sie wenigstens darauf vorbereitet, ihr gesagt hätte, auS uns beiden kann nichts werden! Aber dä- ,u war er tu feige gewesen! Wie sie ihn verachtde!
Ihre Hände ballten sich unwillkürlich, unb um ben lieblichen Mund grub sich ein Hatter Zug.
Wie schwer das alles war — still mußte sie es mm tragen, mußte sich beherrschen, damit niemand ahnte, was sie in sich niederzukämpfen hatte!
Sie hötte den Vater nach Hanse kommen, ebenso gleich darauf den Bruder
Schnell kühlte sie die brennenden Augen unb ordnete ihr Haar, ehe sie ins Wohnzimmer trat.
Natürlich war Martha Hildebrandts Verlobung mit Waldow daS erste gewesen, was Frau Bürkner ben An gekommenen berichtet hatte.
Prüfend, mit tiefem Mitteib, sah Tankmar auf bie Schwester unb brückte ihr teilnehmend die Hand, daß ihr die Tränen in die Augen traten.
Für Edith wurde eS Zeit, zn gehen Thankmar folgte ihr auf den Vorplatz hinaus.
„Tut es sehr weh, Schwesterchen?" fragte er.
Sie nickte mit fest zusammengepreßten Lippen; sprechen konnte sie nicht, sonst wäre sie in Tränen ausgebrochen.
„Gräme dich nicht, Dita, er ist keiner Träne, keines Gedanken» wett! Der Kerl ist em Waschlappen! Und unsere holde Kusine ist sein bester Lohn," sagte Thankmar hatt. „Schluck s ’runter, Dita — eS ist noch nicht daS Schlimmste"
Da brach es aus ihr heraus.
„Immer wir — immer wir! Und er war doch mein ganzes Glück! Run nimmt sie mir das auch noch, wo sie schon alles haben, Geld und Gut! Und wir müssen immer dabei stehen und verzichten! Sie wußte es, Thankmar — sie wußte es —"
Ein ttockenes Schluchzen erschüttette ihren Körper- —
Mitleidig streichelte der Bruder ihren blonden Kopf.
„Und vor ein paar Tagen erst, da war ec da — und war so lieb zu mir — und so eigen — jetzt weiß ich's — da Hai er Abschied genommen —"
„Sei stack, Dita, vergiß ihn!"
„Als ob das so leicht wäre — so von heute auf morgen — das sagst du! Du weißt ja nicht — kannst e» nicht wissen, was er mir war —"
„Er ist deiner Liebe gar nicht wett!"
„Ich wußte ja, daß er viele Fehler hatte, aber ich liebte ihn. Ach, Thankmar, er sagte mir, baß er brückende Schulden hatte. Tamm war er in letzter Zett immer so verstimmt, und da hat ihn Mattha sich eingefangen, well fie schon lange ein Auge auf ihn geworfen hatte! Du hättest nur sehen sollen, wie triumphierend sie vor mir stand! Sie will alles für sich haben, was ihr gefällt; ob andere bereits ein Recht darauf haben, sst ihr gleich. Wie oft hatte sie ihm schon geschrieben unb ihm Blumen geschickt — Lucian hat e» mir ja gesagt!"
Die Worte überstürzten sich fast von ihren Lippen; ste sprach hastig, abgerissen — es war ihr eine Wohltat, sich auSsprechen zu können.
„Ich werbe bich begleiten," sagte Thankmar, aU sie bereit zum Gehen war.
„Nein, nein, Thankmar," wehrte sie, „bu hast genug zu arbeiten. Du mußt mich ja schon abholen! O, wie ich Mattha hasse!" brach es leidenschaftlich von ihren Lippen. „Ich könnte ihr bas Schlimmste antun unb wünschen — ich hätte kein Erbarmen mit ihr! Ach, wenn ich ihr bas heimzahlen könnte — mit Wonne würbe ich es tun —"
Ihr liebliches Gestcht war ganz verändert; sie hatte bie feinen Brauen feit zusammengezogen und aus ihren Augen brach ein Strahl des Hasses, daß der Bruder sie erschrocken ansah unb mahnenb sagte:
„Ebith .besinne bich auf bich selbst! Du mußt groß sein! Du weißt doch: nicht mttzuhaffen, mitzulieben bin ich da —"
Da lachte sie bitter auf.
„Bleibe mir mit deiner klassischen Weisheit fern! Wenn du so ins Innerste getroffen wärst, wie ich, dann dächtest du ebenso! Und wenn man arm ist, Thank» mar, dann empfindet man alles doppelt schwer; da wird man bitter. Ich habe doch auch ein Recht auf Glück. Und Lucian war meine ganze Seligkeit! Hätte er mir doch nur ein Wort gesagt, daß ich nicht so ganz unvorbereitet gewesen wäre!"
1 (Fortsetzung folgt.)