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M 105. Erstes Blatt.
Fulda, Dienstaq den 10. Mai 1910.
37. Jahrqanq.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 9. Mai 1910.
Die Sitzung, der der großbritannische Botschafter in der Diplomatenloge beiwohnt, eröffnet
Vizepräsident Dr. Spahn: Die Trauer um den englischen Herrscher, von der auch unser Kaiserhaus betroffen ist, ist umso herber, als Bande deS Blutes unseren Kaiser mit dem Verblichenen eng verbinden. An dieser Trauer nimmt das gesamte deutsche Volk innigen und ivarmen Anteil. Die aufrichtige Teilnahme des Reichstages hat der Präsident dem Kaiser bereits zum Ausdruck gebracht, wofür der Kaiser seinen wärmsten Dank ausgesprochen hat.
Die Abgeordneten hatten sich bei diesen Worten von ihren Plätzen erhoben.
Hierauf werden mehrere Petitionen zum Etat der Regierung überwiesen.
Ferner wird der Gesetzentwurf betr. Diäten der Kommisstonsmitglieder zur Beratung der Reichsversicherung sordnun g in 3. Lesung debatteloS angenommen, desgleichen der Entwurf eines Konsulatsgebührengesetzes, sowie eines Kolonialbeamtengesetzes. Eine Resolution betreffend Unterstützung des deutschen Schillerbundes wird der Regierung zur Erwägnng überwiesen.
Es folgt hierauf die Beratung von Petitionen.
Eine Petition, Schritte zur Herbeiführung einer Arbeitslosenversicherung in die Wege zu leiten, wird der Regierung zur Erwägung überwiesen, desgleichen eine Petition um reichsgrsetzliche Regelung deS Apolheken- wesens. Eine Reihe von Petitionen betr. Entschädigung von Zündwarenarbeiter wird der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen. Die Beratung einer Petition betreffend die Dienstverhältniffe der Militärintendanten, welche eine eingehende Prüfung der Verhältnisse in der Militärverwaltung durch eine Kommission fordert, wird bis zum Herbst vertagt, nachdem mehrere Redner den Wunsch ausgesprochen haben, daß ein Vertreter des Kriegsministeriums bei der Beratung zugegen sein möchte. Eine Petition betr. Erbauung einer dritten Vogesenbahn wird der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen.
Dienstag: Antrag betr. Vertagung des Reichstages bis zum 8. November; Kaligesetz.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 9. Mai 1910.
Vor Eintritt in die Tagesordnung gibt Vizepräsident Dr. Porsch Kenntnis von einem Dauktelegramm des Kaisers für die ihm seitens des Abgeordnetenhauses anläßlich des Heimganges des englischen Königs bewiesene Anteilnahme.
DaS Haus setzte sodann die erste Beratung über die Kleinbahnvorlage fort.
Zahlreiche Redner bringen lokale Eisenbahnwünsche vor, u. a. beschwert sich
Abg. Schröder-Kassel (natl.) über die Nichlbe- rücksichtigung Hessens, insbesondere des Regierungsbezirks Kassel in der Vorlage. Die Bahnhoss- verhältnisse in Kassel sind unhaltbar.
Abg. Strombeck (Ztr.) dankt für die in der Vorlage enthaltende Nebenbahn Schwebda-Heiligenstadt und bringt Eichsfelder Wünsche vor.
Abg. Heckenroth (kons.) fordert eine direkte Linie von Köln nach Frankfurt a. M. über den Westerwald. Ferner verlangt er Aufschluß der Kreise Gelnhausen und Schlüchtern.
Abg. Drinnenberg (Ztr.) bittet um Ausbau der Borderrhönbahnen sowie Anlage einer direkten Linie von Meiningen über Hünfeld nach Schlitz.
Abg. Baumbach <k.) fordert eine Linie Wabern« Homberg-Ziegenhain.
Abg. v. Stockhausen (kons.): In der Vorlage kommen. 0,9 Klm. auf den Eisenbahndirektionsbezirk Kassel. iHört, hört!) Dadurch sind die Jntereffenten sehr enttäuscht worden. Das Projekt Großalmerode- Eichenberg sollte endlich ausgesührt werden.
Dienstag - Fortsetzung.
4- Auf dem Wege zum Grotzblock?
Die Blockidee des Fürsten Bülow ist keineswegs rot. Politiker von der Sinnesart des Frhrn. v. Zedlitz und des Leiters der „Tägl Rundschau" ersehen heute noch ihre beste Aufgabe darin, für die Wiederaufrichtung des Bülowblocks im Reiche den „Kartells" in Preußen den Boden zu bereiten. Und man wird Herrn v. Bethmann-Hollweg gewiß kein Unrecht tun, wenn man Bei ihm mitunter den leisen Wunsch voraussetzt, daß die schöne Zeit, da er der Nachfolger des Grafen Posadowsky wurde, doch bald wreder- kchren möchte.
Wir möchten annehmen, daß all die Verehrer des Blockgedankens die n e u e st e Entwicklung der politischen Verhältniffe im deutschen Reiche nicht mit besonderer Befriedigung betrachten. Denn diese Entwicklung weist Momente auf, die ebenso wie die Blockpolitik zwar das Ziel hat, das Zentrum matt zu setzen, im übrigen aber den größten Gegensatz zu der Vülowschen Blockpolitik darstel- ren.
So schon wurde die Sache bei der Wahlrechtsreform eingefädelt, das Herrenhaus und die Regiemng erwiesen sich so überaus gefällig gegenüber den Wünschen der Nattonalliberalen, daß die Hoffnungen der Anttzentrums-Politiker aufs herrlichste erfüllt schienen — da geschieht das Unbegreifliche, daß die Rationalliberalen zögern, die erwiesene Huld anzunehmen. Wie ist da) nur zu erklären? Die „Münch. Reuest. Rachr." führen in einer Betrachtung der innerpolitischen Lage, wie sie nach der Annahme der Wahlcechtsvorlage im Herrenhaus entstanden ist, u. a. mis:
„Die Entscheidung liegt bei den 75 Nation al - Itberolen. Gewiß mag für diese die Verlockung sehr groß sein: Nicht nur, daß sie die Regierung tief verpflichten, die Wahlreform mit der neuen Drittelnng verbürgt ihnen einen beträchtlichen MandatS- gewinn bei den Wahlen, vornehmlich auf Kosten des Zentrums im Westen, vielleicht auch einige Sitze im Osten. Aber in der anderen Schale der Wage liegt ne drückende Vera ntwortung für eine mangelhafte 'pd unzulängliche Reform, der Druck der „Jungen" nach links, die Trennung von den Fortschrittlern, die wohl auch die Reichstagswahlen
beeinflussen würde. Es wird uns glaubhaft berichtet, daß die Führer der preußischen Landtagsfraktion einer Zustimmung geneigt sind, daß aber die Führer der RAchstagsfraktion davor warnen."
Diese Beurteilung dürste manches Zutreffende enthalten. Die Haltung der Nattonalliberalen gegenüber der Wahlrechtsvorlage ist in der Tat nur verständlich im Lichte der gesamten Linksentivicklung dieser Partei. Die Herren wehren sich zwar immer mit großer Energie gegen diefen Vorwurf, aber sie vermögen nicht, einen anderen plausibelen Grund für ihr eigenartiges Verhalten zu nennen
Wie anders als aus der Rücksichtnahme auf die weiter linksstehenden Parteien ist es zu erklären, wenn die Nationalliberalm im Abgeordnetenhause sich jetzt schon zu mehreren Malen ganz ostentativ auf die Seite der Sozialdemokraten und Freisinnigen gestellt haben, in Fragen, wo es sich um prinzipielle Entscheidungen gar nicht handelte, deren Entscheidung vielmehr zum Teil aus dem Gedanken einer Gcmeinbürgschaft der bürgerlichen Parteien heraus zu fällen war Es ist klar, daß dieses Verhalten der Rationalliberalen die Konservativen aufs ärgste erbittert hat. Dazu kommt die offene Frontstellung der Nationalliberalen gegen die Konservativen in den Wahlkämpfen. Auch in konservativen Kreisen verhehlt man stch nicht, daß die Wahlabstchtm der Nationalliberalen dahin gehen, ihrm Mandatsbesitz aus Ko st en der Konservativen zu vermehren. Dazu ist natürlich die Hilfe der weiter linksstehenden Parteien notwendig, und ebenso ist Wert darauf zu legen, daß keine freundschaftlichen Beziehungen in der parlamentarischen Tätigkeit die Schärfen des Wahlkampfes abmildern kön- nen.
Man wird nicht fehl gehen in der Annahme, daß das Verhalten der Nattonalliberalen im Abgeordnetenhaufe wesmtlich durch die Erwägung bestimmt wird, daß keine freundschaftlichen Beziehungen mehr zu den Konservativen bestehen dürfen. Da die Nattonalliberalen aus eigener Kraft nicht viele Mandate erringen können, so sind sie auf die Hilfe anderer Parteien angewiesen und da sie nun offensichtlich auf die Hüse von rechts keinen Wert mehr legen, — man vergleiche auch Friedberg-Büdingen —, so müssen sie die Hilfe von links erwarten. Damit aber begeben sie sich zugleich in die Abhängigkeit von links Wie das geschieht, hat sich ja in Baden gezeigt. Der badische Sozialdemokrat Kolb hat vor einigen Tagen in den sozialistischen Monatsheften einen Artikel veröffentlicht, in welchem sehr interessante Bemerkungen über die badische Großblockpolitik enthalten sind. Er sagt u. a.:
„Mit dem Faktum, daß der Liberalismus ohne die Sozialdemokratie seine Rolle ausgefpiekt hätte, haben sich die nationalliberalen Führer wie auch das Gros ihrer Wähler adgefunden." An einer anderen Stelle stellt er fest: „Der Liberalismus befindet stch tu allen deutschen Bundesstaaten im großen und ganzen in derselben Situation wie in Baden, d. h., er kann von sich aus einen richtunggebenden Einfluß auf die Gesamtpokitik nicht mehr ausüben. Auch in Baden war das Zentrum mit feinen konservativen Anhängseln nahe daran, die parlamentarische Mehrheit zu gewinnen. In dieser Lage, in der alles für ihn auf dem Spiele stand, hat der Liberalismus den Weg zur Verständigung mit der Sozialdemokratie gefunden."
Ist es ungerechtfertigt zu prophezeihen, daß auf dem Wege, auf welchem die Rationalliberalen heute wandeln, sie im ganzen Reiche dorthin müssen, wohin sie in Badm gekommen find, zu dem Großblock und zu der Abhängigkeitvon der Sozia l- d e m o k r a t i e? Es scheint, daß Friedrich Naumann mit seiner Zukunstshoffnung von dem Block von Bebel bis Bassermann doch recht behalten wird, und zwar vielleicht in kürzerer Frist, als er selbst es erwartet hat.
Deutsches Reich.
** Berlin, 9. Mai 1910. Der Krieg-Minister v. Heeringen hat sich heute mittag in Begleitung des Direktors des Zentraldepartements im Kriegsministerium, Generalleutnants v. Wachs, zur Ent- böHung der Moltkebüste in der Walhalla nach Regensburg begeben. — D er zweite preußische Richtrrtag wird in den Tagen nach Pfingsten in Berlin zusammentreten. Er wird sich beschäftigen mtt der Ausbildung und Anstellung der Staatsanwälte und Richter in Preußen, mit der Frage ber Fortbildungslehrgänge für Richter und Staatsanwälte, mit der Abschaffung der Gerichtsferien und die gesetzliche Regelung des Urlaubs für Richter und Staatsanwälle. — Heute starb hier Staats- hiV-7 et ?• Hofmann, der von 1872 bis »87 nacheinander hessischer Ministerpräsident, preu- «taatsminifter ohne Portefeuille, preußischer uuö Staatssekretär der Regierung von Elsap-Lothringen gewesen ist.
, ,T y® Reichstag besteht die Absicht, bereits am yeutlgen Montag dm BeratungSjtoff zu erledigen und stch dann bis zum Herbst gu »erlagen. Zu diesem mußte die zweite und dritte Lesung des Kali- gejetzes an einem Tage — natürlich in zwei Sitzungen — erledigt werden. — Die für die nächste Woche geplante Reise der Budgetkommission des Reichstages in das westliche Industriegebiet ist bis zum Herbst verschoben. Es heißt, daß der Reichstag am 8. November wieder zusammentreten werde. Bestimmt ist dieser Termin natürlich nicht.
c- Die Wahlprüfungökommissüm des Abgeordneten- Hauses hat die Wahl des Abg. F ü r b r i n g e r (ntl) (Aurich, Norden, Emden) für ungültig erklärt weil Verstoße gegen das Wahlreglement vorgekommen sind. In einem Wahlbezirk wurden die Stimmen aller Wahlmanncr für ungültig erklärt. An der absolutm Mehrheit fehlte deshalb dem Kandidaten nach Abzug der unaülttgcn Stimmen gerade eine Stimme
** Ein freidenkerischer Kulturträger. Dr. Meffert von der Zentralstelle des Volksvereins in M.-Glad- bach hatte auf einer Versammlung in Kelkheim gegen die Freidenker gesprochen und wurde
deshalb im „Freien Wort", einem freidenkerischen Organ, scharf angegriffen. Der als Herold der „Kulturmenschen" bekannte Professor Dr. Ludwig Gurlitt (Steglitz) hat sich an diesem Artikel des „Freien Wortes" derart begeistert, daß er einen geradezu tollen Schmähbrief an Dr. Meffert loslicß, dem wir folgende charakteriftische Stellen entnehmen:
Sie ereifern sich über die Freidenker. Ganz recht! Man füllte nicht sagen Freidenker, sondern einfach — Denker. Ein katholischer Geistlicher hat über solche Dinge kein Urteil, denn sein Denken steht unter Kuratel. Sie müssen sich wie ein Schulbub vom Papst vorschreiben lassen, welche Bücher sie (sic!) lesen dürfen, welche nicht, welche sie (sie!) zu verabscheuen haben, welche zu loben . . . Wenn freie Männer sprechen, sollten Sie schweigen. Sie ahnen gar nicht, wie rückständig Ihr sog. „O'aube“ ist. Aber mir ist ganz recht, daß sich die katholische Kirche .jetzt mehr und mehr dekrouvricrt. Das gibt uns herrlichen Anlaß, sie vor die Kritik zu nehmen. Noch haben Sie die stumpfen Massen hinter sich, aber es beginnt allerorten zu tagen, und das verheißt uns fchöne Tage, wie sie einst Luther berbeisührle. Jeder Schritt weiter weg von Rom ist ein Fortschritt. Erst wenn wir Deutsche das verhaßte Rom ganz los fein werden, dann dürfen wir auf eine echt deutsche Kultur hoffen. Das verstehen Sie natürlich nicht; wie sollte ein Mensch, der in Pfaffenzucht aufgewachfen ist, solche Gedanken fassen können!? Sie meinen, die ganze europäische Kultur werde Rom und der römischen Kirche verdankt: Ich halte die katholische Kirche für das schwerste Unglück, das die Menschheit betroffen hat. Lesen Sie Das schwarze Schuldbuch, Konto Klerus, Debet und Kredit (Berlin, Alfred Metzner, Verlag für Bolksausklärung. Preis 1 Mark.)! Lesen Sie es, wenn es Ihnen Ihre höhere Geistlichkeit zu lesen erlaubt! Ich sehe meine nächste Aufgabe darin, gegen die Uebergriffe der katholischen Kirche und — der protestantischen zu kämpfen, denn mir ist alles Pfaffentum im Grunde der Seele verhaßt, weil es gegen Vernunft und Kultur ist.
Auf dieses Schriftstück, aus dem man klar ersieht, welche Verwüstungen der Kirchenhaß in dem Denken von Leuten anrichtet, die sich sonst zu den Gebildeten zu zählen pflegen, ist die gebührende Antwort nicht ausgeblieben. Wir entnehmen ihr folgende Stellen:
«... Sie, Herr Professor, schlagen statt des Titels „Freidenker" einfach „Denker" vor. Mein Vorschlag geht dahin, vielmehr „Denkfreie" zu sagen. Das entspricht nämlich ganz und gar der Wirklichkeit; denn in den Schriften, Reden und Briefen der Freidenker — ich nehme den Ihrigen gar nicht aus — glänzt das Denken durch vollständige Abwesenheit. Ueber Ihren Kirchenhab will ich mich nicht weiter auslassen. Wenn Sie aber meinen, Luther zum Paten für Ihre Freidenkerei gebrauchen zu können, fo muß ich das als historifchen Unfug bezeichnen und glaube Ihnen sagen zu dürfen, daß, wenn Luther Ihnen persönlich begegnete, das Tintenfaß Ihnen sicher wäre. Wenn Sie meinen, ich als „Pfaffe" nerftünbe Ihre Gedanken nicht, so muß ich Ihren Irrtum in etwa korrigieren. Das könnte nur daher kommen, nicht etwa, weit Ihre Gedanken so hoch und erhaben, sondern so niedrig und unwissenschaftlich sind. All' Ihr Haß und Poltern und Schimpfen, all' Ihr Odium Papae ändern nun einmal nichts an der geschichtlichen Tatsache, daß die europäische Kultur der katholischen Kirche zu verdanken ist, weil eben diese die germanischen Völker zur Arbeit und damit zu Kulturvölkern erzogen hat. Und nun machen Sie mich aufmerksam auf das Pamphlet „Das schwarze Schuldbuch" von Dr. Hutten. Schämen Sie sich! Sie entblöden sich wirklich nicht, öffentlich einzugestehen, daß Sie als akademisch gebildeter Mann aus einer solchen Schmier- und Sudelküche Ihre geistige Nahrung ziehen? Hätten Sie doch das nicht verraten! Sie blamieren ja den ganzen Stand der Gymnasial- und Mittelschullehrer, zu denen Stt m. W. einmal gehört haben. Der Verfasser hat wohl daran getan, unter einem Pseudonym sich zu verbergen; denn was er geleistet hat, gehört in der Tat zum höheren Blöbsinnchmb ist ein Dokument seiner fabelhaften Unwissenheit in der Kirchengeschichte."
X Der Mangel au Zehnmarkstücke» macht sich namentlch bei Lohnzahlungen sehr unangenehm fühlbar, da alle Beträge unter 20 Mark bei dem Fehlen der Kronenstücke in Silber ausgezahlt werden müssen, das bekanntlich auch nicht in hinreichenden Mengen vorhanden ist. Das Heine Papiergeld ist überaus unbeliebt und hat bei der Verwendung in Lohn- , buten seine Bedenken, da diese Papier-Geldstücke beim Oeffnen der Lohndüte nur zu oft durchgeriffen werden. Unter diesen Umständen ist das Verlangen nach Vermeidung der Zehnmarkstücke schärfer hervor- getretcn. Der allgemeine Fabrikantenverein hat sich mit einer ausführlich begründeten Eingabe an den Reichskanzler gewandt und verlangt, daß die Ausprägung von Zehnmarkstücken erheblich verstärkt und die Reichsbank angewiesen werde, der Industrie die für ihre Lohnzahlungen notwendigen Kronen zur Verfügung zu stellen. Daraufhin ist seitens des Reichskanzlers folgender Bescheid ein» getroffen:
„Dem Allgemeinen Fabiikantenverein erwidere ich auf die Eingabe ergeben}!, daß im Laufe der letzten Monate ein Betrag von zehn Millionen Kronen in Prägung gegeben worben ist. Nach Beendigung dieser Ausmünzung werbe ich behufs an gemeßener Besriebi- gung bes Kronenbedarfs weitere Prägungen ins Auge fassen."
Die Sache hat leider Bedenken insofern, als die Zehnmarkstücke sich überaus stark abnutzen, sodaß bas Reich große Metallverlnste infolge Verschleißens hat. Jedenfalls würde auch die Vermehrung der größeren Silbermünzen schon zum teil die Klagen zum Schweigen bringen können
— Exzellenz Hamm und der Reichskanzler. „Wir haben ja jetzt schon einaltesWeibalsReichs- kanzler". Zu dieser dem Herrenhansmitgliede. Kronsyndikus und nattonalliberalen Führer, WM. Geh. Rat Hamm zugeschriebenen Aeußerung hat Herr Hamm selbst bis jetzt noch immer geschwiegen; er hatte wahrscheinlich keine Zeit für solche Kleinigkeiten Dagegen hat bekanntlich die Dürener liberale ,Ruhr-Zeitung" stch zu der Sache geäußert, zwar viele Worte gemacht, aber den behaupteten Aus- spmch selbst nicht abgeleugnet. Da darf man es keinem Menschen Übel nehmen, wenn er den Schluß zieht, daß Exzellenz Hamm den Aus sp ruch wirkst ch getan hat. Da? liberale Blatt hat ihn mit
„der Stunde der Fidelitas" entschuldigt. Sollte die „Ruhr-Ztg." nicht wissen, daß auch in Düren das Sprichwort gilt: In vino veritas! Der Wein löst die Herzen!? Das ist der nationalliberale Dank an den Reichskanzler, daß er bei seiner Umschwenkung in der Wahlrechtsfrage gerade denen zu Liebe arbeitete, die ihn in dieser Weise „einschätzen".
* Aus einer kleine« Refidenz erzählt die ,Frkft. Ztg/: Am 1. Februar 1907 fand in Meiningen der alljährlich übliche © of ball statt, zu dem auch die in Meiningen ansässigen Rechtsanwälte einge« laden wurden, unter diesen Rechtsanwalt Groetz« ner, der nebenbei Oberleutnant der bayerischen Landwehrkavallerie war. Da er zu jener Zeit sehr beschäftigt war, übersah er es, dem Hosmarschall mitzuteilen, daß er verhindert sei, der Einladung Folge zu leisten. Er mußte verreisen und erkrankte unterwegs schwer, so daß eine ihm nachgesandte Anfrage des Hofmarschalls, ob er die Einladung erhalten habe,’ nicht sogleich beantwortet wurde. Nach Meiningen zurückgekehrt, war der verfolgte Hofballfähige nach Erledigung der dringendsten Berufsgeschäfte eben im Begriffe, einen Entshul« digungsbrief an den Hofmarschall zu schreiben, als er von dem bayerischen Bezirkskommando in Kisfingen den Befehl erhielt, sich wegen des unentschuldigten Wegbleibens vom Hofball zu verantworten. Der Herr Hofmarschall und das Justiz« m i n i st e r i u m in Meiningen hatten sich inzwischen nämlich an das bayerische Bezirkskommando gewandt. Groetzner legte diesem den Sachverhalt dar, entschuldigte sich bei dem Hofmarschall und erhielt schließlich eine Rüge vom Bezirkskommando. Mau sollte meinen, daß damit diese kleinliche Geschichte abgetan gewesen wäre. Aber so einfach verlaufen die Dinge in der Welt des Zopfes und des Bureau- kratisstmus nicht. Groetzner wurde im Sommer 1907 zu einer achtwöchigen Beförderungsübung eingezogen; der Kommandeur des Truppenteiles sagt« ihm am Schluß der Hebung persönlich, daß er sich die Qualifikation zum Rittmeister erworben habe. Im November teilte ihm das Bezirkskommando mit, daß ihm „wegen seines ungeeigneten Verhaltens gegenüber Einladungen zu den Hoffestlichkeiten die Beförderung sfähigkeit abgesprochen" werde; der Brigadekommandeur Frhr v. Hirsch« berg erklärte ihn sogar deshalb als „nicht mehr geeignet für die gegenwärtige Stellung" und die übrigen Vorgesetzten stimm« ten diesem merkwürdigen Urteil zu. AlL nim G. aufgefordert wurde, um seinen Abschied zu „bitten", ergriff et Beschwerde, die, da der Herzog von Meiningen sich für ihn beim Prinzregentev verwandte, den Erfolg hatte, daß er in feinet Stellung belassen wurde; er sollte aber nochmals eine achtwöchige Befördernngsübung ablegen. Obwohl seine dienstliche Qualifikation garnicht weht fraglich war, erklärte sich G. zu einer zweiten Hebung bereit. Im Jahr 1909 sollte er einrücken. Da et krank ivar, legte er dem Bezirkskommando zwei ärztliche Zeugnisse vor, von denen das eine von dem höchsten amtlichen Arzt Meiningens ausgestellt war. Das Bezirkskommando zweifelte jedoch diest Zeugnisse an und verlangte, daß G. sich von einem Militärarzt untersuchen lasse. Nun tat G. das, was er schon längst hätte tun sollen: er schrieb dem Bezirkskommando, er pfeife auf den Rittmeister und bitte um seinen Abschied; auf die Erlaubnis zum Tragen der Uniform verzichte er nach der ihm zuteil gewordenen Behandlung. Eine klägliche kleinstaatliche Geschichte, über die man nicht viel Worte verlieren sollte, wird vielleicht mancher Leser ausrusen. Aber was gestern G. zugestoßen ist, kann morgen jedem andern widerfahren, der das Glück haben sollte, Reserveoffizier zu sein. Die Fälle stehen nicht vereinzell, in denen die militärischen Behörden in das Privatleben der Offiziere des Beurlaubtenstandes einzudringen und es zu kontrollieren suchen. Dagegen muß entschieden Verwahrung eingelegt werden.
* Kastengeist in der Marine. Einen eigenartigen Erlaß hat nach der „Franks. Ztg." der Chef der Ostseestation, Admiral von Vrittwitz und Gaffron, kürz- lich zur Kenntnis der Marin e-J n g e n i e ur- und Zahlmeister-Aspiranten gebracht. Den betreffenden Chargen wird nämlich nahegelegt, im Kielet Sladttheater die feuern Plätze im Orchester-Fauteuil nicht mehr zu benutzen, weil es unpassend sei, daß fi« neben den Offizieren und ihren Damen säßen. Eigenartig berührt dabei der Umstand, daß die Seekadetten, die doch auch Ossiziersaspiranien find, mit einer solchen Zumutung nicht bedacht werden.
* Höchst (Main), 8. Mai 1910. Die Zentrumspartei des Wahlkreises Höchst-Homburg« Usingen hielt heute hier ihre Generalversammlung ab, die reich besucht war. Als Parteichef wurde einstimmig gewählt Hr. Hänlein (Hochheim) an Stelle des Herrn Dr. Lender (Griesheim), der eine Wiederwahl abgelehnt hatte. Nach Erledigung des geschäftlichen Teiles hielt Abg. Granowski eine mit lebhaften Beifall aufgcnommem Rede über die Tätigkeit des Zentrums im Reichstag und im Landtage. Einmütig dankte die Versammlung der Zentrumsfraktion beider Häuser sür ihre Tätigkeit unter ausdrücklicher Billigung der Haltung in der WahlrechlSvorlage. Eine ent- sprechende Resolution ging an die Zentrums- fraklion des Landtags ab.
# Karlsruhe, 9 Mai 1910. Mit dem Budget sind die badischen Kammern nahezu fertig; man steht jetzt vor Arbeiten, bei denen der Großblockkitt schwere Proben zu bestehen haben wird: die neue Gemetndeverordnung und dir Novelle zum Elementarunterrichtsgesetz, auf kurz „das Schulgesetz" Benannt Letzteres ist bekanntlich in zweiter Lesung In der Kommission fertig und soll demnächst das Plenum beschäftigen Es wird wesentliche Steuerungen bringen für Lehrer und Schule. Die Einreihung in den Gehaltstarif der Beamten bringt es allerdings nicht, obwohl sich Lehrer und Abgeordnete alle erdenkliche Mühe gegeben haben, diese Haupt- forbenmg der Lehrer in dem gedachten Sinne zu