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Erstes Blatt

M 103.

Fulda, Samstag den 7. Mai 1910.

37. Jahrgang.

des

W. London, 7. Mai 1910. (Telegr.) Beim Ableben des Königs war von seinen Kindern nur die Königin von Norwegen nicht anwesend. Diese telegraphierte, daß sie sofort abreise. Ihre An» Fun ft dürfte am Sonntag erfolgen.

W. London, 7. Mai 1910. (Telegr.) Dem Vernehmen nach befand sich der König Eduard den ganten Abend über in schlafartigem Zustande. Nur zwischen 9 und 10 Uhr trat ein leichtes Erwachen ein. Darauf wurde der König be­wußtlos.

— Der Andrang der Besucher zum Schloß, welche sich zum Zeichen der Teilnahme einfrh reiben wollen, ist so lack, daß es nötig war, ein Tor, das Tor der Botschaft genannt, in der Buckingham Palafftraße zu öffnen und dort ein zweites Register für die Besucher mtszu- legen.*

Um 8 Uhr 47 Minuten abends wurde gemeldet: „Eine große Menschenmenge ist vor dem Buckingham- Palast versammelt und naf«e» die ernft-n Nachrichten des Abendbulletins mit Bestürzung entgegen. Das Bulletin wurde durch Sonderausgaben der Abendblät­ter sehr schnell in ganz London bekannt und rief über­all tiefe Trauer hervor. Als die Konigl. Standarte auf dem Palast bei Sonnenuntergang wie üblich nie­dergeholt wurde, entstand plötzlich eine Totenstille unter den Versammelten. Die Männer entblößten das Haupt, da man glaubte, die Katastrophe sei eingetreten, doch der richtige Sachverhalt wurde schnell bekannt und die Spannung der Menge ließ etwas nach. Minister Churchill wurde in den Palast berufen. — Alle M i t- glieder der König!. Familie wurden in den Buckingham-Palast berufen.*

Nur etwas über 9 Jahre hat König Eduard VII. auf Englands Thron gesessen, aber er hat es in dieser kurzen Wirksamkeit verstanden, sowohl seiner Persönlichkeit als auch der englischen Krone eine überraschend hohe Bedeutung zu verschaffen. Sein Tod reißt in das politische Gefüge der Gegenwart eine Lücke, durch die neue »Fragen« auf die Mensch­heit eindringen.

Eduard VII. bereitete der Welt eine gewaltige ^Überraschung, als nach seiner Thronbesteigung aus dem leichtlebigen Kronprinzen ein weitsichtiger, kühner, ch lauer und zäher Politiker wurde- der die aus­wärtige Politik seines Staates auf ein ganz anders Gleis brachte, und der auf dem hochpolitischen Schachbrett eine verblüffende Umwälzung herbei-

Preußischer Landtag»

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 6. Mai 1910.

ar . $ut £er Tagesordnung steht die Beratung Antrages der Geschäftsordnungskommtssion aus

Verschärfung der Geschäftsordnung.

Deutscher Reich.

** Berlin, 6. April 1910. Als erster der preußischen Minister ist der Landwirtschafts­munster v. Arnim in den Sommerurlaub ge­gangen Er begab sich nach Tirol. — DaS deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung Der Tuberkulose tagt am 11. Mai im Herren­hause in Berlin. — Der deutsche Flotten- verein hält seine Haupiversammlung in den Tagen vom 20.—25. Mai in Berlin ab. Am Sonntag, den 22. Mai, ist die eigentliche Haupt­versammlung.

Sönig M VII. f

W. London, 7. Mai 1910 (Telegr.) König Eduard ist 11 Uhr 45 Minuten nachts geftorben.

Inzwischen ist ein Antrag Roeren (Hk.) ein­gegangen, der die Bestimmung, daß der Präsident das Recht haben soll, einen Abgeordneten auf die Dauer von 6 beziehmtgsweise 12 Tagen auSzuweifen, beseitigt

3m Abgeordnete»Hause hatte man für Frei­tag einen sogenannten großen Tag erwartet. Zur Beratung stand der Antrag der Geschäftsordnungs- kommijsion betr. Verschärfung der Geschäfts­ordnung. Veranlaßt war die Verschärfung durch das unwürdige Benehmen der Sozialdemokratie in letzter Zeit. Die Verhandlungen nahmen aber ab­solut nicht den spannenden, stürmischen Verlauf, den man zu erwarten berechtigt war. Gleich zu Anfang der Sitzung kam es zu einer etwas komischen Szene. Herr Borgmann, der wieder den roten Schlips umgebunden hatte, stieg zur Tribüne, um von dort aus im Brusttöne tiefster kleberzeugung in den Saal hineinzurufen, daß die Sozialdemokraten die Aenderung der Geschäftsordnung nicht provoziert hätten und sich daher auch an den Verhandlungen nicht beteiligen würden. Sie hätten aber absolut nichts gegen eine Verschärfung der Bestimmungen über die Ordnung dieses Hauses, wenn die Mehr­heitsparteien es im Interesse der Erziehung ihrer eigenen Mitglieder für erforderlich hielten. Das Haus quittierte diesen unfreiwilligen Witz des Sozialdemokraten mit einem herzerfrischenden Lachen, dann erhielt der kons. Abg. v. Dithfurth das Wort. Herr v. Dithfurth vermochte infolge seines schwachen Organs, die Debatte nicht zu beleben. Er

gesehen hatte, mußte "einmal eine kleine Aenderung eintreten. So wurde der Besuch Potsdams aufge- geben. Sofort hieß es, König Eduard sei erkrankt. Das Wolff'sche Telegraphen-Büro beeilte sich, dem­gegenüber am 12. Februar 1909, zu verbreiten, die Be­hauptung, daß er einen Berliner Arzt zur Konsul­tation zugezogen habe, sei irreführend; zu einem sol­chen Vorgehen habe keinerlei Anlaß Vorgelegen; ledig­lich auf Anregung einer hochgestellten Dame der Ber­liner Gesellschaft habe er einen Berliner Arzt gespro­chen in Gegenwart seines Leibarztes; die Mitteilung, daß er den Rat jenes Arztes eingeholt und befolgt habe, sei ebenso falsch, wie daß er auf Anraten des Berliner Arztes die Fahri nach Potsdam und andere geplante Unternehmungen unterlassen habe. Diese offiziöse Ableugnung war eine fromme Lüge. Tat­sächlich hatte der König, wie man heute nicht mehr zu verhehlen braucht, bei einer gesellschaftlichen Ver­anstaltung einen bedrohlichen Erstickungsanfall gehabt, weshalb ein Arzt zugezogen werden mußte, der sich demnächst zu einem operativen Eingriff bereit machte, ober nicht in die Sage kam, ihn auszuführen. Vor einigen Wochen, Anfang März, als der König bei der Durchreise nach Biarritz einige Tage in Paris »erbrachte und abends die Theater besuchte, mußte er gleichfalls wegen eines jähen Schwindelanfalls das Theater vor der Vor­stellung verlassen. In Biarritz erkältete er sich bald nach seiner Ankunft, erholte sich jedoch anscheinend vollständig und führte nach der Rückkehr nach England wieder ein sehr tätiges Beben. Immerhin war er be­reits vorige Woche wieder ziemlich stark erkältet, und seine Aerzie empfahlen ihm eine Luftveränderung, die er durch einen Aufenthalt im Schloß S a n d r i n g- h a m zu erlangen hoffte. Dort scheint er sich zwischen Samstag und Montag noch stärker erkältet zu haben. Das chronische Leiden trat in ein akutes Sta­dium und hat jetzt so überraschend schnell zum Tode geführt. ' •

Die letzten der Todesmeldung vorhergehenden Nach­richten besagten: „Der Erzbischof von Canterbury richtete an alle Bischöfe Englands und Wales eine Botschaft, in der Gebete für den König in feiner chweren Krankheit angeordnet werden. Eine 'große Menschenmenge sammelte sich vor den Gittern des Schloßhofes an. Auch der Erzbischof von Canter­bury langte im Schlosse an und sprach dm Prinzen von ■ Wales unmittelbar nach der Ausgabe des Bulletins.

jührte. Von unmittelbaren und offensichtlichen Einmischungen in die innere Politik Englands hielt er sich zunächst zurück. Aber die auffallenden Er­folge der königlichen Initiative und Rührigkeit auf dem Gebiete der auswärtigen Politik genügte schon, um drüben und hüben die Ansicht auszu­räumen, als ob die englische Krone nur ein schmückender Knopf auf dem Staatsgebäude sei und gegenüber dem »regierenden* Parlament nix to seggen habe.

Augenblicklich steht England vor einer inner­politischen Krisis von außergewöhnlicher Schärfe und Tragweite. Die Klugheit und das Ansehen des Königs Eduard wurde von dem englischen Volke als eine Gewähr für den möglichst ruhigen und gedeihlichen Ausgang der Versassungssrage und der ganzen ParteistreitS hoch geschätzt. Es ist also wohl zu verstehen, daß gerade int gegenwärtigen Augenblick die schwere Erkrankung des 69 jährigen Monarchen in seinem Reiche die lebhafteste Sorge und Unruhe erregte und sein Tod geradezu Schrecken verbreitet.

Abg. Biereck (freit.): Die Auffassung, daß es sich nur um vorübergehende Ausschreitungen und vorüber- gehenve Fälle von Ausschreitungen gehandelt habe, teile ich nicht. Wir werden im Gegenteil auch in Zu­kunft mit ähnlichen Störungen rechnen müssen. Meine Partei ist der Ansicht, daß es mit Hilfe der gegen­wärtigen Geschäftsordnung nicht möglich ist, die Ord­nung deS Hauses aufrecht $u erhalten. Line ent­sprechende Ergänzung, die auf eine Ausschließung au Zeit hinausläuft, wird daher nicht zu umgehen fein.

Abg. Träger (Volksp.): Das Volk, das den Abge­ordneten gewählt hat, kann verlangen, daß der jeweilige Vertreter an den Verhandlungen teilnimmt. Bus diesem Gesichtspunkte heraus muß ich dem Hause das Recht absprechen, irgend einen Vertreter von den Sitzungen auszuichließen.

Abg. v. Jazdzewski (Sßole): Wir leben in einem Staate, der mit den andere» Staaten nicht ve glichen werden kann. Da wir in Preußen Ausnahmebe­stimmungen haben, so ist auch die Opposition unter Umständen ein dringendes Gebot. Wenn nun bei solcher Sachlage ein Abgeordneter die Grenzen des Zulässigen § Überschreitet, dann darf man ihn nicht gleich aus der Sitzung hinausweiseu.

Es folgt die Abstimmung: Der Antrag Roeren, der die Bestimmung gestrichen wissen will, wonach der Präsident zur Ausschließung eines Mit­gliedes bis zu 12 Tagen schreiten kann, wird ange­nommen. Der Präsident hat somit nur das Recht, einen Abgeordneten im Falle ungebührlichen Benehmens von der betreffenden Sitzung auszuschließen, und den Sitzungssaal räumen zu lassen, nm die Ausschließung zu bewerkstelligen. In dieser Fassung gelangt der Kommissionsautrag zur Annahme.

Samstag: Wohnungsgeldzuschuß und Kleinbahn­vorlagen.

nach dem Antrag da- hm erweitert, daß der Präsident im Falle grober Ber- Ordnung den Abgeordneten für den Rest TaL E'^ng ausschließen kamt. Auch

hro “«h b^. Präsidenten das Haus ohne Besprechung den Abgeordneten aus dem Sitzungssaale und von den Tribunen ausweisen, usw. bis zur Dauer Lchung-'t7ie ? ^°'^^'°^ b.s !ur L a E v?n 12

smtfrä>4f -: $ie sozialdemokratischen

S1bie Mehrhe-tspartrien nidjt hindern, die Geschäftsordnung nach ihrem Be- heben zu verschärfen, wenn sie es im Interesse der Erziehung ihrer eigenen Mitglieder für nStroenbia halten (Gelächter rechts). W.r aber halten eS für unter unlerer 3ürbe, uns an der DiskvNinn artigen Antrages zu beteiligen, der geg«, das Reichs strasbuch und gegen die Verfassung verstößt

Abg. ». Diifurih (Ions.): Es handelt sich hier keineswegs um em Ausnahmegesetz gegen die So-iap demolratie, sondern um ein Gesetz, das alle Barteln in gleicher Weise treffen kann Und da U d-m Präsidenten zur Verfügung stehenden Machtmittel mda ausreichen, um einen ruhigen Gang der Verhandlung?» zu garantieren und die Wurde des Hauses »u wahren io muß diese Lücke eben ausgefüllt werden.' Es ^geht nicht langer an, daß Abgeordnete ihren Gegnern oder den Regierungsvertretern Beleidigungen an den Kovi werfen oder demonstrativ ihre Mißachtung der Tribüne des Hauses bekunden. Bon den 32 Ordnungsrufen btt hier im Hause in dieser Session erteilt worden sind' entfallen allem 29 auf die Sozialdemokraten' Dies widerwärtige Gedahren der Sozialdemo-' traten, diese Provokation lassen wir uns nicht länger gefallen. (Zustimmung rechts, Gelächter b. d. Soz., ledh. Rufe rechts: Ruhe!) Diese Herren veran- ftaUen Straßentundgebungen, und wenn die Polizei mit dm verführten Massen zusammmgeräl, läßt sich ferner von ihnen auf der Straße sehen. (Lebh. Zu. ftimmung.) Sie sind nur auf Ihre persönliche Sicher­heit bedacht. Sie riskieren nur Tapferkeit, wo Sie nichts riStieren, gegen ein wehrloses Haus und einen wehrlosen Präsidenten. (Lebh. Zustimmung, Lachm b. d. Soz.) Die Beschimpfung dieses Hauses als eines Irrenhauses, als eine Trödel- und Schacherbude muß endlich aufhörm! (Lebh. Beifall rechts, Pfui-Rufe b. b- Soz.; Ruse rechts: Ruhe! Die wetteren Ausführun­gen des Redners gehen fast völlig in der wachsenden Unruhe des Hauses und den zahlreichen Zwischenrufen verloren. Als er den Sozialdemokraten vorwirft, sie verletzten die Regeln des Anstandes, erklärt Präsident v. «röcher unter großer Heiterkeit, der Redner dürfe keinem MUgliede des Hauses Verletzung des Auslandes vorwerfen. Abg. Hoffmann (Soz.) ruft: Sonst werden Sie hinausgeschmissen. Große Heitk.)

In der hohen Politik ist allerdings im Augenblicke die Lage nicht mehr so gespannt, wie den vorhergegangenen Jahren der Regierung des Königs Eduard. Wenigstens zweimal hat der eu­ropäische Friede auf des Messers Schneide gestan­den, infolge des englisch-französischen Marokkover­trages und im Anschluß an die förmliche Ein­verleibung Bosniens und der Herzegowina an die habsburgische Monarchie.

An der ersten von diesen Beunruhigungen Euro­pas war König Eduard allerdings in der hervor­ragendsten Wetse beteiligt. Der ganze Marokko­handel mit der Algeciras-Konserenz und dem sonstigen Zubehör war eine Frucht der Bündnispolitlk, in die König Eduard nach ihrem Bruch mit der splendid Isolation (der glänzenden Vereinzelung Englands) sein Staatsschiff mit vollem Dampf hin- Anfteuerte. Die unermüdliche Bündnismacherei hat uns Deutschen schwere Ssrsen gemacht, da sie tat­sächlich auf eine Einkreisung deS ortttfchßp Reiches hinausging. Dem König Eduard sind auch Vorwürfe genug gemacht worden wegen seines Auftretens als Hecht im europäischen Karpfenteich. Um ihm kein Unrecht zu tun, müssen wir unS be­wußt bleiben, daß er berufsmäßig englische Po­litik trieb und nicht mit unfern Instinkten und Interessen, sondern mit den Trieben und Vorteilen seines Weltreiches zu rechnen hatte.

Den schlimmsten Vorwurf, den man ihm gemacht hat, war der, daß er die Festlandsmächte in einen Krieg gegeneinander hineintreiben wolle, um für England als den lachenden Dritten die Vor­teile einzubeimsen, namentlich gegenüber dem unbe­quemen Wettbewerber Deutschland. Ob König Eduard bewußter Maßen auf ein so tückisches Ziel hingearbeitet hat, mag dahingestellt bleiben. Jeden­falls hat er in der zweiten großen Krifis, als der russische Minister Iswolsky einen gemeinsamen An­griff auf Oesterreich-Ungarn in Gang bringen wollte, eine dankenswerte Zurückhaltung bewahrt. DaS Zünglein an der Wage bildete damals fteilich die französische Regierung, die kluger Weise ab­lehnte, die russischen Kastanien aus dem Feuer zu holen. Doch muß man anerkennen, daß von eng­lischer Seite damals kein ernster, erkennbarer Ver­such gemacht worden ist, in Paris zu Gunsten Js- wolsly's einzuwirken. Es hat den Anschein, daß König Eduard rechtzeitig die Aussichtslosigkeit einer ernsten Kraftprobe zwischen den beiden festländische» Mächtegruppen erkannt und sich demgemäß auf die Friedensseite geschlagen hat.

König Eduard ist am 9. November 1841 geboren, stand also bereits an der Schwelle des Greisenalters. Seit dem 22. Januar 1901 trug er die britijche Krone. Vermählt war er seit dem 10. März 1863 mit der am 1. Dez. 1844 geborenen Königin Alexandra, der Tochter des verstorbenen Königs Christian IX. von Dänemark.

König ist jetzt der am 3. Juni 1865 geborene bisherige Kronprinz Georg, Prinz von Wales.

Abg. Roeren (Ztr.): Wenn man sich die Aus­lassungen der Sozialdemokratie und einen Teil der freisinnigen Preffe anfieht, sollte man beinahe glauben, daß es sich um eine Knebelung der freien Meinungs- Sicherung handele, und vor allem wird die Sache fo hingestelll, als ständen biefe Beschlüsse im schroffsten Widerspruch mit den Bestimmungen der Geschäfts­ordnungen aller Kulturländer. Demgegenüber steht fest, daß dieselben Bestimmungen, ja vielfach noch schärfere, in den Parlamenten fast aller größeren Sulturftaaicu bestehen. In Frankreich zum Beispiel können Mitglieder bis zu 30 Tagen ausgeschlossen werden, sogar Hast ist dort vorgesehen. In England ist es ähnlich, desgleichen in Amerika. Was die ver- faflungsrechttichen Bedenken anlangt, so handelt es sich nicht darum, einen Abgeordneten in der Ausübung seines Mandats zu hindern. Wenn der Präsident von seinem Recht Gebrauch zu machen gezwungen ist, einen Abgeordneten von der Sitzung auszuschließen, dann geschieht das, um die Möglichkeit einer ordnungsmäßi­gen Fortführung der Verhandlung herbeizuführen. Um eine geregelte Geschäftsordnung zu ermöglichen, werden wir für die Kommisstonsbeschlüsse stimmen, mit Aus­nahme jenes Satzes, daß der Präsident in der Sage fein soll, Mitglieder auf längere Zeit auszuschließen. Wir meinen, man sollte es dabei bewenden lassen, die Fortsetzung der Verhandlungen zu ermöglichen und den Betreffenden nur für den Rest der Sitzung aus- schließen. AuS diesen Gründe» habe ich meinen Ab- änöerungSantrag gestellt.

Abg. Bosch (natL): Wir können nicht die opti­mistische Auffassung hegen, daß durch eine Verschärfung der Geschäftsordnung neue Auftritte, wie wir sie hier swU haben, hinlangehalien werden. Uebrigens ver­stößt eine deräittgr gegen die Verfassung.

Es sitzen ja auch noch andere perfen $?«¥■ die nicht Mitglieder dieses Hauses sind, zum Beispiel die vor­tragenden Räte. Hat nun etwa der Präsident das Recht, falls diese die Ordnung gröblich stören würbe», fie aus diesem Hause zu weisen? Rein, er bat es nicht! Der Betreffende würde ihm sagen: „Ich sitze hier als Diener des Königs und werde einem Ausweisungs­befehl nicht Folge geben". Genau kann jedes Mit­glied dieses Hauses sagen: „Ich sitze hier nicht au Grund der Geschäftsordnung, sondern auf Grund der Verfassung."

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 6. Mai 1910,

Auf der Tagesordnung steht zunächst die zwette Betratung des Gesetzentwurfs betr. die Ausgabe von Kleinakiieu in den Konsularbezirken und dem Schutz­gebiete Kiauischou.

Die Kommission hat den Gesetzentwurf, wonach für Konsulatsgerichtsbezirke nnd für Kiautschou Aktien tm Werte von 200 bis 1000 Mark ausgegeben werden dürfen, mit der Maßgabe angenommen, daß eine Zu- laffung dieser Aktien zum Börsenhandel nur mit Ge­nehmigung des Bundesrates erfolgen darf.

Alle Paragraphen des Gesetzentwurfes wurden ab» gelehnt. Damit ist das Gesetz definitiv gescheitert. Dagegen stimmten Konservative, Soz>aldemokraten und rin Teil des Zentrums. Für den anderen Teil des Zentrums halle Abg. Nacken sich für die Zulassung im Interesse der deutschen Kaufleute in Dftaften aus­gesprochen.

Es folgt hierauf die zweite Beratung eines Ent­wurfes über das Konsulatsgebührengesetz. Ein Antrag Behrens (wirtsch. Vgg.), wonach Beglaubigung der Unterschriften von Zeugnissen kaufmännischer und tech­nischer Angestellten, von Gesellen, Gehilfen und Ar­beitern gebührenfrei sein fallen, und ein Antrag Everltng (ntlb.), der Gebührenfreiheit für den Be- glaudigungsoermerk auf Tabakrechnungen vorsteht, werden angenommen, ebenso die Vorlage in zweiter Lesung, nach Ablehnung einer Reihe von Abänderungs- anuägen.

Hierauf wird da- Ausführungsgesetz zur revi­dierten Berner llebereinkunst belr. den Schutz von Werken der Literatur und Kunst in dritter Lesung auf Antrag Bebel (Soz.) en bloc angenommen.

Hieran schließt sich die dritte Beratung der Vor­lage zur Estiksssüns drS BelwLgxprLiS.

Ein Antrag Schmidt-Warburg (Ztr.) verlMßf, daß gegen die Entscheidungen des Oberlandesgerichts eine Beschwerde nur insoweit zulässig ist, als es sich um die Versagung deS Armenrechtes handelt.

Abg. Heine (Soz.): Wir lehnen die ganze Vorlage ab, wenn der Antrag Schmidt-Warburg abgelehnt wird.

Ueber den Antrag wird namentlich abgestimmt. Dafür stimmen 115, dagegen 125 Abgeordnete. Der Artikel, wonach in der Berufungsinstanz sich die Ge­bührensätze für die Gerichtskoften um ein Viertel in der Revisionsinstanz auf das Doppelte erhöhen, wird mit 122 gegen 121 Stimme» aufrechlerhalten, ebenso der Artikel, wonach sich die Rechtsanwaltsgebühren um drei Zehntel bezw. fünf Zehntel erhöhen, mit 134 gegen 113 Stimmen. Hierauf wird das Gesetz tm ganzen angenommen.

Das Gesetz betr. Aenderung der Rechisanwaltord- nnng wird gleichfalls angenommen.

Es folgt die zweite Lesung deS Solonialbeamten- gefetzes.

Die Kommission hatte dazu einen Paragraphen über die Anwendung der Vorschriften der Strafprozeß- Ordnung betr. das Wiederaufnahmeverfahren ungezogen.

Auf Widerspruch deS Staatssekretärs Delbrück wurde diese Materie jedoch lediglich durch eine Reso­lution erledigt, und das Gesetz in die Regierungsfasfunq angenommen.

I" der zweiten Lesung wurde zum Schluß der. Antrag auf Bewilligung von Diäten an die Mitglieder der R eich sversich eru ngs g esetz. Kommission angenommen, nachdem Minister Delbrück für die Ber- bunbeten Regierungen festgestellt halle, daß aus ihrer diesmaligen Einwilligung keine Schlüsse auf ihre Stellring in künftigen Fällen gezogen werden dürsten

Montag: Petitionen und dritte Lesungen.

W. London, 7. Mai 1910. (Telegr.) Ein amtliches Bulletin von gestern abend 11 Uhr 50 Minuten meldet, daß der König um II Uhr 45 Minuten sanft verschieden ist in Gegenwart der Königin, des Prinzen und der Prinzessin von Wales, der Prinzeß-Royal Luise und des Herzogs von Fife, der Prinzessin Vik­toria, sowie der Prinzessin Luise Herzogin von Argyll.

Die Bürger des britischen Weltreiches sind plötzlich in tiefe Trauer gestürzt. Ihr König ist ganz unerwartet schnell vom Tode dahingerafft worden. In ehrlicher Teilnahme reicht an seiner Bahre das deutsche Volk den englischen Vettern die Hand.

Am Himmelsahrtstage ging aus London die Nachricht in die Welt hinaus, daß der König in ernster Weise erkrankt sei. Die amtlichen Meldungen sprachen von einem heftigen Bronchialkatarrh und erklärten, da? Be­finden des Königs gebe „zu einiger Besorg­nis" Anlaß. Ein gestern abend 61/« Uhr aus­gegebenes offizielles Bulletin lautet: „Der Ge­sundheitszustand des Königs hat sich im Lause des Tages verschlimmert. Die Lage ist kritisch." In gedrückter Stimmung sah man jen- seits des Kanals den nächsten Bulletins entgegen und das Fühlen und Denken in der ganzen politischen Welt wurde beherrscht von der Er­krankung des englischen Königs.

König Edüärb H im LSrMti Jahre Berlin be­sucht. In den Festlichkeiten, die damals ter Hss üsr-