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M 102.

Zrettag den 6. Mal 1910.

37. Jahrgang.

* fuldaer W Leitung«

2. Blatt.

Druck und Verlag der Znldaer Actlendruckerel in Znlda.

4- Die Erledigung des Wertzu- wachsfteuergeietzes

soll, wie der Seniorenkonvent am Mittwoch vereinbart hat, auf den Herbst verschoben werden.

Man wird diese Entscheidung bedauern müffen, weil gerade bei den Steuergesetzen im Interesse der be­troffenen Kreise auf eine rasche Verabschiedung Wert gelegt werden muß. Auf der anderen Seite ist zuzuge­ben, daß der Reichstag auf diese Weise mit Erfolg den' Vorwürfen entgegentreten kann, als ob die Bera- tung des wichtigen Gesetzes überstürzt worden sei. Man darf wohl annehmen, daß die Kommission die 2. Le­sung noch vor Pfingsten zu Ende führen wird. Dann werden die Kommissionsbeschlüsse der öffentlichen Kri­tik unterbreitet werden, die Kommission wird dann zweckmäßig im Herbst in einer dritten Lesung die Er­gebnisse dieser Kritik prüfen können. Daß die Rück­wirkung de§ Gesetzes auf den 10. April bleiben muß, halten wir für ziemlich selbstverständlich.

Von gewisser Seite versucht man den Anschein zu erwecken, als ob das Zustandekanimen des Gesetzes unwahrscheinlich sei Wir sehen darin nur ein Mit­tel, um das Urteil der Oeffentlichkeit zu beeinflußen. Die Vorlage muß verabschiedet wer de n zu­nächst mit Rücksicht darauf, daß es sich um die Aus­führung der im vor. Fahre beschlossenen Bestimmung handelt. Die Verabschiedung des Gesetzes ist auch des­halb nötig, damit der Grundbesitz von der Belastung mit dem zweiten Drittel Prozent des U m s a tz st e m- pels befreit werden kann — diese Befreiung ist nur so möglich, daß die Erträge der Wertzuwachs­steuer diese Stempeleinnahmen unnötig machen.

Es wird neuerdings der Gedanke vertreten, die Wertzuwachssteuer in der Form durchzuführen, haß durch Reichsgesetz die Gemeinden mit über 5 oder 10 000 Einwohnern gezwungen werden, eine Zuwachs­steuer etnzuführm und einen Teil der Erträge derselben an das Reich abzuführen. Es sollen also, in den klei­neren Gemeinden nicht nur die kommunalen Zuschläge fortfallen, sondern überhaupt keine Zuwachssteuern ein- geführt werden. Mit dieser Regelung können wir uns nicht befreunden, schon deswegen nicht, well dann der ländliche Grundbesitz dauernd mit dem Umsatz­stempel von Zweidrittelprozent belastet bleiben würde Daß aber die Wertzuwachssteuer eine viel ge­rechtere Belastung darstellt, als der Umsatzstempel, ist doch wohl keine Frage.

Die von der Kommission gefaßten Beschlüsse sind das Ergebnis sehr eingehender Beratungen. Die Kom­mission darf für sich in Anspruch nehmen, daß sie eifrig und mit Erfolg bemüht gewesen ist, alle gerechten Interessen der beteiligten Kreise zu berück­sichtigen. Die Vorschläge des Reichsschahamtes haben durchgreifende Veränderungen erfahren. Vor allem ist man dem fiskalischen Prinzip sehr energisch zu Leibe gegangen. Die Kommission hat sich, wie schon hervorgehoben wurde, bei ihren Arbeiten in erster Linie von dem Gmndsatz leiten lassen, daß nur der unver­bi e n t e Wertzuwachs besteuert werden soll. Das ist ja auch die Willensmeinung der Parteien gewesen, die im Vorjahre bei der Reichsfinanzreform grundsätz­lich die Einführung der Wertzuwachssteuer beschlossen haben. Der eigenen Arbeit des Grundbesitzers ist weit­gehende Berückfichttgung zutell geworden, und zwar in gleicher Weise zugunsten des ländlichen wie des städtischen Grundbesitzes. Auch die Interessen des Bau­gewerbes und des soliden Grundstückshandels haben besondere Berücksichtigung erfahren.

Daß dagegen die Kreise der T er rain sp eku- lanten mit den Beschlüssen der Kommission nicht zufrieden sind, ist selbstverständlich, denn gerade diese Kreise sollen durch die Steuer getroffen werden. Wä­ren s i e zufrieden, so würde das den Arbeiten der Kom­mission kein besonders günstiges Zeugnis ausstellen.

Die Regierung drängt darauf, daß neben der Zu­wachssteuer der Umsatzstemvel in Geltung bleibt. Das wird die Kommission wohl nicht akzep­tieren- Dagegen wird seitens des Zentrums geplant, die Erhebung der Abgabe von Zweidrittelprozent biZ zum 1. April 1914 bestehen zu lassen mit der Maß­gabe, daß das zweite Drittelprozent auf die Zuwachs­steuer anzucechnen ist.

Es ist eingewendet worden, daß die Beschlüsse der Kommission eine erhebliche Ve r m i n d e r u ng der von der Regierung geforderten E i n n a h m e n im Gefolge haben würden. Zunächst fft zu sagen, daß eine Halb­wegs sichere Schätzung zurzeit vollständig unmöglich

ist. Wir halten gerade mit Rücksicht darauf, daß die Zuwachssteuer noch wenig erprobt ist, dafür, daß im Anfang die Besttmmungen verhältnismäßig milde sein sollen; die Praxis wird ja bald zeigen, in wel­chen Punkten Änderungen und Verbesserungen notwen­dig und zweckmäßig sind. Die Hauptsache ist, daß nunmehr das P r i n z i p der We r t z u w a ch s st e u er in die Steuergesetzgebung des Reiches Aufnahme er­hält

Deutsches Reich.

* DaS Auftreten des rheinischen Ober­präsidenten im Herrenhause, wo er bekanntlich feinen Driltelungsantrag begründete, hat in der ,Frkf. Zig/ eine ungemein wohlwollende Be­sprechung erfahren; sie schrieb:

„(Stil feiner Kopf diel er Oberpräsident, der über eine nicht gewöhnliche, vornehme Rednerbegabung ver- sügl. Solche Talente sind bei uns selten geworden, und es sollte uns nicht wundern, wenn Freiherr v. Schorlemer nicht allzu lange mehr auf dem Posten emes Obe «Präsidenten in Koblenz bliebe."

Da läßt sich ja vieles zwischen den Zeilen lesen. Nach einem einfachen Ministerposten wird es Frhr. von Schorlemer kaum gelüsten. Wenn der feine Kopf mit den selten gewordenen Talenten Koblenz schon verlassen sollte, müßte er also eine höhere Stufe erklimmen. Herr v. Bethmann^ollweg ist von den Liberalen in der letzten Zett so schlecht behandelt, seine vorgebliche politische" Unterbilanz so geräuschvoll von ihnen offengelegt worden, daß sie wohl nach einem Nachfolger für ihn ausschauen könnten.

— „Paritätische" Schuleinrrchtungen kommen im Osten oftmals auf eine höchst eigenartige Weise zustande. Em bezeichnendes Beispiel hierfür wird der,Germ." aus Boruschin (Bezirk Po'en) gemel­det. In diesem fast nur katholischen Dorfe sind die katholische und die evangelische Schule zu einer „paritätischen" vereinigt worden. Die katholische mehrklassige Schule war stark überfüllt, während die evangelische Schule nur von 3 Mädchen be­sucht wurde. Hätte es sich hier nur um 3 katho­lische Kinder gehandelt, dann hätte die König!. Regierung ja wohl längst gewußt, was sie zu tun habe: die Schule wäre aufgelöst, der Lehrer verletzt und die drei katholischen Kinder der evan- gelischen Schule zugeteilt worden. Man hätte sich wahricheinlich auch recht wenig darum bekümmert, ob die der evangelischen Schule zugewiesenen Kin­der katholischen Religions-Unterricht erhielten oder nicht. Da es sich hier aber um 3 evangelische Kinder handelt, so ist das Verfahren ganz anders: Die katholische Schule wird (ob mit oder gegen Den Willen der Katholiken, muß dahingestellt bleiben) wegen 3 ihr zugeteiller evangelischer Kinder in eine „paritätische" Schule umgewandelt, an welcher natürlich auch ein evangelischer Lehrer angestellt wird. Großmütig werden dann über die neugegründete Schulorganilation folgende (scheinbar für die Katholiken recht günstige) Be­stimmungen getroffen: Der Hauptlehrer muß stets katholisch sein; von den Mitgliedern des Schul­vorstandes gehören zwei Drittel dem katholischen und ein Drittel dem evangelischen Bekenntnisse an. — Wo kommen Regierung und evangelische Gemeinden einer kleinen katholischen Minderheit in ähnlicher Weise entgegen, wie e8 in diesem Falle den Protestanten gegenüber geschehen ist.

d1 München, 4. Mai 1910. Als vor einigen Jahren die dis dahin ziemlich unbeachtet gebliebe­nen Wafferkräste des deutschen Alpengebiets die Aufmerksamkeit auf sich lenkten, ist unendlich viel darüber geredet und geschrieben worden, ob sich denn auch für derartige Mengen elektrischer Kraft die nötigen Abnehmer finden würden. Um ju der Frage des staatlichen oder privaten Aus­baues der Wasserkräfte Stellung zu nehmen, ver­anstaltete die Regierung eine Umfrage bei den yervorragendsteu Industriellen. Das Ergebnis war ld wenig erfreulich, daß die Wertschätzung der Wasserkräfte unwillkürlich sank. Anffallenderweise

äußert sich seitdem, allerdings weniger bei der Groß­industrie als vielmehr bei den Städten, den Ge­meinden, dem Gewerbe und der Landwirtschaft ein derartiger Hunger nach elektrischer Kraft, daß in ver­schiedenen Teilen Bayerns die Anlage auf Dampf­betrieb beruhender kkrastzentralen geplant wird. In Mittelfranken sind für die Gegend von Nürnberg und Fürth, in Oberfranken für die von Stockheim und in Oberbayern für die weitere Umgebung des Braunkohlenbergwerks Peissenberg solche Unterneh­mungen angebahnt Sie können als Vorläufer der großen. Wafferkrastanlagen gelten, bis zu deren Ausbau, wenigstens beim Walchensee, doch wohl noch em Jahrzehnt verstreichen wird. Nach über­einstimmenden Versprechungen des Ministers des Innern und des Verkehrsminifters wird eine Vor­lage über die Walchensee-Jsar-Anlage den Landtag noch in seiner jetzigen Session beschäftigen. Noch vorher aber toll die Frage der Ueberland- zentralen zur Besprechung kommen. Den An­laß dazu gibt ein auf dreißig Jahre lautender Kohlentieferungsvertrag, den die Rheinische Schuckert- Gesellschaft in Mannheim mit dem staatlichen Koh­lenbergwerk von Mttteldexbach in der Pfalz abge­schlossen hat. Die Gesellschaft will elektrische Kraft von Mittelbexbach aus in drei tzauvtfträngen und mit einer Spannung von 100000 Volt durch die ganze Pfalz leiten. Sie berechnet die Kosten auf 10 Millionen Mark und die Rente auf 8 Prozent.

Aus dem Nachbargebiere.

* Hettenhausen, 5. Mai 1910. Mit den Arbeiten für die elektrische Lichtanlage, welche der Müller Seuring hergestellt hat, soll in nächster Woche begonen werden» Die Kosten werden auf 5 bis 6000 Mark veranschlagt.

* Frielendorf, 3. Mai 1910. Ein Arbeiter fiel im hiesigen Brikettwerk auf einen Haufen glühender Asche und verbrannte sich schwer.

* Marburg, 4 Mai 1910. Durch die Geistes g e- genwart eines Lokomotivführers ist gestern morgen ein Unglück verhütet worden. In das Geleise auf dem ein Zug nach Frankfurt bereit stand, fuhr der um i/oS Uhr hier aus Trevsa ankommende Zug ein, was im letzten Moment der Lokomotivführer dieses Zuges bemerkte Es gelang ihm, auf zirka 10 Meter vor dem Frankfurter Zug den Zug von Treysa zum Halten zu bringen.

* Frankfurt a. M , 3. Mai 1910. Der 43jährige Arbeiter K. Wolf aus der Gelnhäusergasse wurde gestern vormittag auf der Kaiserstraße plötzlich blind. Paffanten nahmen sich seiner an und führten ihn zu einem Augenarzt, der grünen Star feststellte. Im Krankenhause wurde eine sofortige Operation vorgenommen.

* Aus Hessen, 3. Mai 1910. Zur Hebung des Kleinwinzerstandes in der Provinz Starkenburg hat der landwirtschaftliche Ausschuß dieser Provinz für 1910 eine Prämiierung von Weinbergs­anlagen des vorderen Odenwaldes und der Enklave Wimpfen beschlossen. Es sind aber nur Weinbergs­besitzer zugelassen, die ihre Rebanlagen vorwiegend eI6ft bearbeiten.

* Mainz, 4. Mai 1910 Der Verbandskassierer des hiesigen Hafenarbetter-Verbandes. Anion Vlasdeck, der dem Verband 1000 Mk. unterschlug und sich jetzt vor Gericht verantworten sollte, hat sich heute morgen ers ch 0 s sen.

* Wiesbaden, 4. Mai 1910. Die Handels­kammer beschloß in ihrer heutigen Vollversammlung einstimmig den korporativen Beitritt zum Hansa- ü u n d. Vorgestern mittag ging in feierlicher Weise die Eröffnung bet Walderholungsstätte für Frauen vor sich» Die Abteilung ist dicht neben der Männerabteilung unterhalb des Chausseehauses gele­gen. Für das neue Heim sind bereits 14 Mitglieder der Wiesbadener Ortskrankenkasse angemeldet

* Aus Rheinhessen, 5. Mai 1910. Ein neuer R eb schädlin g,der Rhombenspanner, ist in vielen rheinhessischen Gemarkungen aufgetreten. Dieser Schädling macht sich in erster Linie über den Kern der auslreibenden Augen her. Er hat eine Länge von 4 Zentimetern.

* Heiligenftadt, 2. Mai 1910. Die Provinzial- Denkmäler-Kommission bewilligte zur Instandsetzung der Deckenmalereien in der Kirche zu Sieme­rode (Kreis Heiligenftadt) 350 Mark. Die Gesamt­

kosten betragen 1100 Mark. Ferner wurden zur Instandsetzung der Burgruine Normannstein bei Treffurt weitere 500 Mark bewilligt.

* Vom Eichsfelde, 4. Mai 1910. Auf dem Bahn­hofe Leinefelde verunglückte geitern beim R an- gieren eines Güterzuges der Rangiermeister Michael Wendeborst. Er wurde förmlich zerquetscht.

vermischtes.

*♦ Rundschreiben des Vereins Deutscher Zeitungs­verleger gegen die Schmutz- und Schwindelanzeigen» Vor einigen Tagen har der Vorstand des Vereins Deutscher Zeitungsverleger, Sitz Hannover, ein Rund­schreiben an alle Mitglieder des Vereins verschickt, in dem er gegen die Veröffentlichung von unreellen und unsittlichen Anzeigen in der Presse ent­schieden Stellung nimmt ®er Verein empfiehlt seinen Mitgliedern — und diese Bitte sei hiermit auch an die Blätter gerichtet, die dein Verein noch nicht angehören — sämtliche Anzeigen, die als unreell ober unsittlich ohne weiteres erkennbar sind, von der Veröffenllichung auszuschließen. Besonders wendet sich das Rundschrei­ben gegen die Aufnahme der sog. Vlutstockungsanzei» gen. Es Fann zwar nicht als die Aufgabe der Zei­tungsverleger angesehen werden, dem Publikum die Prüfung abzunehinen, ob ein zweifelhaftes Angebot auch vorliegt ober nicht — das Publikum muß in die­ser Beziehung selbst eine gewisse Kritik üben —, aber jeder Zeitungsverleger, dem sein Ansehen und sein gu­ter Ruf sowie der der deutschen Presse am Herze« liegt, wird doch alles tun, was in seinen Kräften steht, um derartige Angebote von dem Lefeckreise seines Blattes fernzuhalten.

* Infolge Kohlengasvergiftung sind auf dem Gute Augustenhof bei Neumünster 16 polnische Arbei­ter und Arbeiterinnen schwer erkrankt. Die Leute hat­ten vor dem Schlafengehen den Ofen angeheizt und geschlossen. Eine Arbeiterin liegt hoffnungslos dar­nieder

* Ein deutscher Panzerkreuzer stieß im Großen Belt mit einem dänischen Schoner zusammen. Der Panzeckreuzer soll die Schuld an dem Unglück tragen, das einen Schaden von mehreren tausend Kronen ver­ursachte.

* Ein Gold-Acker. Der Acker eines LandmannS in Friedland in Mecklenburg ist als goldhaltig festgestellt worden, in einem Kilogramm der Erde sind 0,3 Gramm Gold gefunden worden. Es werden Un­tersuchungen dahin angestellt, ob der Goldgehalt von sicher Mächtigkeit ist, daß ein systematischer Abbau corgenommen werden kann.

* Ein reicher Bettler starb dieser Tage in Augs­burg in der Person des 67 Jahre alten ehemaligen Zimmermanns Johann Mayr, einer stadtbekannten Persönlichkeit. Mahr, der sich den Anschein eines ganz armen Mannes zu geben wußte, ftfftete nur mit Ab­fallen und Nahrungsresten, die er von gutmütigen Leu­ten bettelte, sein Leben Als man nun das Zimmer des Vesstorbenen durchsuchte, fand man in einem Kof­fer unter altern Gerümpel 80 000 Mark versteckt, etwa 7000 Mack in Gold, 15 000 Mark in ausländischen Banknoten, der Rest in Obligationen, von denen er für ungefähr 30 000 Mark vor seinem Hinscheiden im Ofen verbrannt hatte. Da die Nummern aber noch vorhanden find, kann der Wert ersetzt werden. Der kostbare Fund wurde gerichtlich beschlagnahmt. Da Mayr nicht verheiratet war und auch sonst keine nähe­ren Verwandten besitzt, dürfte der Staat bei dieser Ge- chichte ein gutes Geschäft machen.

* Die amerikanischen Eisenbahnen zahlen im Jahre 1910 5155 Millionen Mark Löhne Diese Summe be­deutet einen Rekord. Die bisherige höchste Lohnsumme betrug 4504 Millionen Mark.

Reklamen- und Anzeigenteil.

Edith Büttners Liebe.

15] Roman von Fr. Lehne.

Schließlich mußte Frau Bsirkncr das Bett hüten, und der Arzt wurde geholt.

Edith hatte jetzt schwere Tage und Nächte; in un­ermüdlicher Sorgfalt war sie ständig um die Mutter bemüht. Sie hatte dann auch die Freude, daß ihre heimlichen Besorgnisse unbegründet waren. Die Mut­ter erholte sich wieder, und beruhigt konnte das junge Mädchen nachmittags seinen Verpflichtungen nach­gehen.

Sudan Waldow war sehr lieb zu Edtth, wenn er sie sah, und sie war glücklich über seine zarte Sorgfalt, so baß sie ihm im stillen Abbitte tat, einmal seinet­wegen trübe Gedanken gehabt zu haben- Seine offe­nen blauen Augen und sein Mund, der so viele und innige Liebesworte für sie hatte, konnten doch nicht lügen I

Mehr als je suchte sie ihm zu begegnen, und sie wich ihm nicht aus; es war, als wolle sie sich an ihn klammern, als lebe sie nur noch in ihm und durch ihn Und er war förmlich berauscht von ihrer Art, wenn durch all ihre Zurückhaltung doch dis Liebe hindurch- bmch.

Stets hatte sie vermieden, sein Ziomier zu betreten, wenn sie wußte, daß er zu Hause war. Aber als die Mutter krank im Bette lag, kam es doch ab und zu vor, daß sie kleine Obliegenheiten zu erfüllen hatte: ihm frisches Wasser oder die Lampe hineinzuschaffen. Mtt einem freundlichen Won begrüßte er sie bann, und wen» sie eilig wieder hinanshufchte, hielt er sie nicht — und sie dmikte eS ihm im Stillen.

Einige Wochen nach dem ersten Konzert war ein prachtvoller Blumenkorb für ihn abgegeben worden Etwas mitleidig lächelnd betrachtete ihn Edith. Von wem kam wohl diese kostbare Gabe? Vielleicht gar von Martha? Sie sollte sich nur keine Mühe um ihn geben — ihr Werben hatte doch keine» Zweck!

Lucian Waldow war vor einer Weile ausgegangen, ‘Die sie gehört hatte; so,war es mit möglich, die Blu­

men unbemerkt in sein Zimmer zu stellen. Bei seiner Rückkehr würde er dann davon überrascht werden.

Sie öffnete die Tür und betrat seine Stube Die war vom Mondlicht erhellt, das in einer breiten Licht­welle durch das Fenster flutete. Vorsichtig setzte sie den Blumenkorb auf den Tisch und ordnete noch an den Blumen.

Da fühlte sie sich fest umschlungen. Sie wollte einen Schrei des Erschreckens ausstoßen; aber ihr Mund wurde ihr von einem Kuß verschlossen.

„Modele, geliebtes," flüsterte es in ihr Ohr. „Eben hab' ich an Dich gedacht!"

„Lucian, wie hast Tn mich erschreckt! Bitte, laß mich — ich glaubte. Du seiest auSgegangm — hi«, diese Blumen find für Dich abgegeben worden."

Sie befreite sich aus feinen Armen und bittend schauten ihn ihre wunderschönen Augen an.

„Lucian, ich kann nickt wiederkommen — nein —" Er strich über ihr heißes Gesicht.

„Mein liebes Mädele, sei nit bös, daß ich Dich gor so erschreckt hab'!"

Er hotte tief Atem; dann griff er aufs Geratewohl in die Blumen und brach eine Rose, die er an ihrer Bluse befestigte. Er preßte seine Lippen auf ihre Hände. „Mein süßes Modele."

Sie eilte hinaus- Draußen lehnte sie die Stirn an die kühle Scheibe des Vorplatzfensters. Sie war wie betäubt — und doch durchrann sie ein Glücksge^ fühl ohnegleichen, wenn sie an ihn dachte!

Kaum zehn Minuten später kam Martha Hilde­brandt.

„Ich wokktr sehen, wie es Tante geht. Ich habe eine Taube mitgebracht; wir haben zu Mittag welche' gegessen", sagte sie.

Ihre» prüfenden Augen entging die Rose an Ediths Kkid nicht Wie kam diese dazu? Die Kusine er­schien ihr übechaupt heute so verändert. Ihre Augen leuchteten; auf den Wangen lag rosige Glut, und wie betmftcher Jubel klang es aus ihrer Stimme.

„3$ danke Dir schön, Martha! Mutter ist jetzt nachmittiqch immer mif. Vorhin erst hat sie sich wieder adeat Wenn Du sie begrüßen willst —?"

Lange aber verweilte Martha nicht bet der Tante.

Sie wollte nicht stören und müsse auch gleich wie­der gehen, da sie zum Abend eine Einladung habe.

Aber von wem Edith die Rose hatte, mußte sie wissen, und sie fragte auch ganz ungeniert danach.

Einen Augenblick zögerte Edith mtt der Antwort; dann aber sagte sie ruhig:

„Die Rose? Die hab' ich von Herrn Waldow!"

„Ah — er schenkt Mr Blumen?"

„Ab und zu! Er hat heute einen Korb voll Rosen bekommen — von wem, weiß ich nicht- Es lag keine Karte dabei. Da kam es ihm auf eine mehr oder weniger nicht an", entgegnete Edith mit leichtem Lä­cheln, die strahlenden Augen fest auf die Kusine gehef­tet. „Er bekommt ja so viele Blumen und noch mehr Briefe. Es vergeht wohl kein Tag — er amüsiert sich köstlich darüber!"

Diese kleine Bosheit gönnte sie sich. Martha biß sich auf die Lippen, als sie das hörte Das faß!

„So, er amüfiert sich darüber? Dann gibt er Dir die Briefe wohl auch zu lefen?"

„Nein, das tut er nicht. Dazu Ist er viel zu dis­kret. Aber zuweilen erfreut er mich mit den Blu­men, die er bckommt."

„Sag mal, Edith, Du scheinst sehr — nun, sehr befreundet mit Waldow zu sein! Zwar, eine günstigere Gelegenhett, als sie sich Euch hier bietet, kann es wohl kaum geben."

Hohnvoll schürzte Martha die Lippen.

„Wie meinst Du das? Ich verstehe Dich nicht —" Edich war ganz bleich geworden.

„ „Nun, ich finde ihn, gelind« gesagt, etwas merk­würdig, Euren Verkehr! Gott ja, eine gewisse Ver­traulichkeit bleibt ja wohl nicht aus, wenn man an junge Herren Zimmer vermietet! Sie nehmen sich leicht Heine Freiheiten heraus, die sie einer Dame gegenüber nicht wagen."

Martha spmch langsam und geringschätzig, merklich das Wort „Dame" betonend.

Das war Revanche, und da? saß auch- Denn mit merklichem Beben in der Stimme entgegnete Edith:

„Herr Waldow hat es nie an der schuldigen Rück­sicht gegen mich fehlen lassen. Ich habe ihm auch nie Veranlassung dazu gegeben."

Martha zog die Mundwinkel etwas hemb und zuckte die Achseln.

Und in dieser einen Gebärde lag so viel Unglau­ben und Nichtachtung, daß die leicht erregbare Edith alle Vorsicht und Klugheit vergaß.

„Ja, Martha, daß Du es nur weißt: wir beide, Lucian Waldow und ich, sind uns gut! Wir sind heimMlmiteinander verlobt!" sagte sie triumphierend.

Martha atmete tief auf. Das !var doch eine über­raschende Mitteilung.

Dann bemerkte sie in möglichst nachlässigem, gleich­gültigem Tone:

Ed'th!"^che ^^rraschnng! Meinen Glückwunsch,

Sie stand auf und zog die Handschuhe an.

Edith hätte sich strafen mögen wegen ihrer Unvor­sichtigkeit.

Nun aber war das Wort heraus und nicht mehr ungeschehen zu machen! Mochte sie die Folgen tra­gen! Denn in diesem Augenblicke, das fühlte sie ge­nau, hotte sie sich die Kusine zu einer unversöhnlichen Feindin gemacht

Marthas Augen sprühten förmlich vor Wut.---

Daß sich Waldow über ihre Blumensendungen amü» sterte, glaubte sie nicht; sie hieft eS für eine miS der Lust gegriffene Aeußemng oder Behauptung Ediths. Daß diese sich aber als heimliche Braut Waldows be­trachtete, mochte vielleicht nicht ganz unbegründet fein. ---Diese Stunde, die chre Hoffnungen vernich­tete, wollte str der Kusine schon gedenken — sie hätte vor Wut meinen können!---

Auch Edith hatte sich erhoben.

„Dcmke, Martha, aber noch sind wir nicht so weit," meinte sie ruhig. „Du willst geben? Dann, bitte, grüße zu Jpaufe und nochmals besten Dank!"

(Fortsetzung folgt).,