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jM» 101. Erstes Blatt.
Fulda, Mittwoch den 4. Mai 1910.
37. Jahrgang.
Wegen des Feiertags Christi Himmelfahrt w rd die nöckfte Nummer der,Fuldaer Zeitung erst am Freitag ausgegeben.
Deutscher Reichstag.
Sitzung Dom 3. Mai 1910.
Zunächst wird das Zusatzabkommen zum Handelsvertrag mH Egypten in dritter Lesung debatteloS en* genor-rmm.
Es folgt hierauf die zweite Beratung eines Gesetzentwurfes zur Ausführung der revidierten Berner UebereinKrnst bett. Urheberschutz für Werke der Literatur und Kunst. Dazu liegt ein Antrag Erbprinz $u Hohenlohe^ (Reichs.) vor. nach welchem für die ausschließliche Befugnis zur öffentlichen Aufführung eines Bühnenwerkes oder Werkes der Tonkunst anstelle einer Frist von 30 Jahren eine solche von 50 Jahren tritt. Ein konservativer Antrag wünscht, daß beim Export von mechanischen Musikinstrumenten, die nach Staaten, in denen der Urheber keinen Schutz gegen mechanische Wiedergabe von Werken genießt, znm Zweck des Absatzes ausgeführt werden, die Lizenzvergütung zurückgezahlt wird.
Redner der nationalliberalen und der fortschritt- lichen Bolkspartei bitten um unveränderte Annahme der Regierungsvorlage. Regierungsseitig wird der Antrag für unannehmbar erklärt, worauf er zurückgezogen wird.
Nachdem Redner des Zentrums, der nationalliberalen und fortschrittlichen Bolkspartei gegen den Antrag Hohenlohe gesprochen haben, wird derselbe ab» gelehnt und das Gesetz in der Fassung der Kommission angenommen.
Das Haus geht darauf über zur zweiten Beratung d«S Gesetzentwurfes betr. die Zuständigkeit des ReichS- lerichteS.
Die Kommission hat u. a. die Bestimmung der ttegierung-vorlage gestrichen, wonach die gkeichlauten- >en Entscheidungen der Vorinstanzen (Difformitäts- prkazip) die Revision beim Reichsgericht unzulässig sein soll. Start dessen hat die Kommission eine Rrsokution angenommen, wonach der Reichskanster ersucht wird, die Mittel für einen wetteren Senatspräsidenten und sechs weiterer Reichsgerlchsräte in den Etat einzustellen, sobald sich ergibt, daß die vorhandenen Kräfte auf die Dauer nicht auSreichen. Ferner hat die Kommission die Revisionsfumme auf 4000 Mark erhöht.
Aba. Dr. Thaler (Ztr.): Ein Teil meiner politischen Freunde wirb der Vorlage nicht zustimmen, weil er der Meinung ist, daß die Borlage sich auf einer ganz falschen Bahn bewegt, um der Ueberbürdung des Reichsgerichtes adzuhelfen. Der Entwurf befürchtet von einer Vermehrung der Senate deS Rerchsgerichtes eine Gefährdung der Rechtseinheit. Die Rechtseinheii wird vielmehr zersplittert durch lleberlassung von weiteren RechtSstreittgketten zur definitiven Entscheidung aii die Oberlandesgerichle mit ihren 145 Senaten. Der Entwurf will nur Rrchter sparen, weil er Kosten sparen will. Das ist aber ein abwegiger Gedanke. Das Difformitäts-Prinzip des Entwurfes har ja nun die Kommission dankenswerterweise besettigt. Und auch bei den sogenannten kleinen Mitteln hak sie manches verbessert. Sie hat aber auch die Beschwerdesachen dem Reichsgericht entzogen, und da jene namentlich oft mit dem Armenrecht zusammenhängen, halten wir das nicht für richtig. Auch die Kommisfionsbeschlüsse bedeuten jedenfalls noch eine Verschlechterung der Recht'prechung.
Abg. Gystling (Fortschr. 83p.) erklärt, daß feine Freund« der Vorlage unter Ablehnung sämtlicher Ab» äuderungSanträge zustimmen.
Abg. Dr. Heinze (natL) erklärt die Zustimmung 'einer Fraktion zu der Kommissionssaffung.
Abg. Heine (L>oj.) verlangt Vermehrung der Senate.
Slaatsjekretär Dr. Lisco erklärt, die verbündeten Regierungen würden der Erhöhung der Revistonssumme gern zustimmen.
Abg. Schultz (Reichsp.) erklärt die Zustimmung seiner Partei zu der Borlage, wie sie auS der Kom- nrisfion herausgekommen sei.
Abg, Setziw (Pole) lehnt die Vorlage ab.
Abg. Dr. Wagner ftons): Nach unserer Meinung bedeuten die Beschlüsse der Kommission eine bedeutende Verbesserung der Regiermrgsoorlage, sodaß meine Volttischen Freunde ihre Zustimmung der Vorlage nicht i erfaßen.
Abg. Dr. Lecker-Köln (Ztr.): Die Kommission hat bei ihre« Beschlüssen den mittleren Weg eingeschlagen, indem sie ans der einen Seite anstelle des avgelegnen DrssormilälSprinzips eine Erhöhung der RevifionS- summe deschtossen und aus der andere» Seite die Schaffung eines werteren Senat» angeregt hat. Ich bitte, den Kvnnnissto-nsbefchlüffen zuzustimmen.
Abg. Schmidt-Warburg (Ztr.) begründet noch einen Antrag, der di« Beschwerde gegen dir Entscheidungen der Oberlandergetichte in so «eit zulassen will, als e8 sich um die Versagung dis Armenrechts handelt.
Rach weiterer Debatte wird der Artckel angenommen.
Mittwoch: Fortsetzung und kleinere Vorlage«.
Preußischer Landtag, Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 3. Mai 1910.
Die dritte CtatSb-ratuna wird beim Etat des Ministeriums des Innern fortgesetzt.
Abg. Hirsch-Berlin (Soz.) sucht nachzuweifen, daß das Verbot öffentlicher Mai-Aufzüge ungesetzlich war. Die Regierung tue nur, waS ihr die reaktionären Par- leien vorfchretden.
Abg. ** Brandenstein (kons.) bedauert, daß die Regierung in ihrem Verhalten gegenüber den Demonstrationen geschwankt habe. Es habe sich doch uw eine sozialdemokratische Heerschau gehandelt. Da brauchte« di« Behörden doch nicht mit kleinlichen Berechnungen über den Platz, die Zahl der Teilnehmer usw. zu debattieren, da komme eS auf den Geist und den Zweck der Veranstaltung an. ES handelte fick in diesem Falle um verhetzende Veranstaltungen gegen die Staatsortmung. ES besteht die Auffassung, daß die Regierung das Fel- vor der Sozialdemokratie ge- räumt habe.
Minister des Innern v. Moltke: Die RechisbasiS, wie sie im Bereinsgesetz vorliegt, ist bei unferm Verhalten gegenüber den Demonstration« durchaus nicht verlasse« worden. Nach dem allgemeinen Landrecht hatte die Polizei das Recht, die nötigen Anstalten zur Aufrechlerhattung der öffentticheu Sicherheit zu treffen. Wird nach Berücksichtigung aller Umstände di« Genehmigung zu einer Veranstaltung heute erteilt, morgen versagt, so gewinnt das allerdings leicht den Anschein einer schwankenden Haltung. Hierbei sind die örttichen Berhälrnssse nicht zu vergessen, und es kann daher vorkommen, daß ein und dieselbe Behörde heute in der Lage ist, einen Anttag auf Genehmigung von öffent- lichen Versammlungen zu gestatten, morgen dagegen die Veranstaltung zu versagen. ES hat stch bei den Demonstrationen gezeigt, daß sie alle von einer einheitlichen Zentrale veranlaßt und geleitet worden find. Der Borwurf der Rechtsverletzung, der mir infolge meiner Anordnungen gemacht wurde, kltugt etwaS sonderbar ans dem Munde der Herren, die über die Gesetze hinweggehen and mit Stolz darauf bin- gewiesen habe», daß sic trotz der Gesetze das Recht auf die Äraße zu erzwingen imstande sind. Die Regierung wird und kann sich feist Recht auf di« Straße abtrotzen lasse», von wem es auch immer sei.
Abg. Dr. Friedberg (ntL): Ich sympathiere mit den Veranstaltern dieser Versammlungen nicht, ober das Vereinsgesetz gestattet diese Versammlungen und wa? recht ist, muß recht bleiben.
Abg. Frhe. e. Zedlitz (ft): Die Behörde hatte die Pflicht, in chren Maßnahmen so weit zu gehen, wie dies gesetzlich nur immer gestattet ist, denn diese Ber- anftaUimgen sind nichts weiter wie eine Borübung zur modernen Revolution.
Abg. LrorS (Ztr.) bringt erneut die schon iu der zweiten Lesung behandelte Bensberger Bürgermeister- Angelegenheit zur Sprache und weist die damals vom R^ierungstisch aus gemachten Ausführungen, als auf falschen Voraussetzungen beruhend, zurück. Der kommissarisch «mannte Bürgermeister Klee befitze nicht das Vertrau« -er Bevölkerung.
Abg. Sturze (kons.) polemisiert gegen den Abg. Müller-Berlin wegen allerhand Wahlvorgänge in seiner Heimat.
Abg. Dr. Müller-Berlin (Vp.) erwidert, daß die Behauptungen des Vorredners durch das Gericht bereits erledigt seien und er sich daher wundern müsse, daß em Abgeordneter sich zu« Träger von Berket.mdungen mache.
Vizepräsident Dr. Streufe ruft den Redner wegen dieser Aeußerurrg zur Ordnung.
Abg. Dr. Liebknecht (Soz.): Der Minister betrachtet die russische Frage mtt einer Wurstigkeit, über di» da» Ausland erstaunt ist In der Fra« b«8 BereinSgefetzeS hat der Minister sich doppelrzüngig erwiesen.
Vizepräsident Dr. Krause ruft ben Abgeordneten wegen dieser Aeußeruug zur Ordnung.
Abg. Dr. Liebknecht (fortfahreud): Das Vereinsgesetz erlaubt die Umzüge, aber «ufere Minister wollen dies Gesetz nicht kennen.
Es folgt der Etat der KultuSverwalMng.
Abg. Kopsch (F. 8p.) kommt anf die Aeußermwen de» Abg. Heß (Zlr.) in der zweiten Lesung betr. den deutsche« Lehrer verein und bte Eimultanschulen zu spreche».
Aba. Dr. Heß (Ztr:): Ich Ms etwas erstaunt, daß Me Freisinnigen die Sache mit dem Lehrervereiu jetzt wieder auSgegrade» haben, nachdem doch Kollege Hoff eben erst im „Berliner Tageblatt" erklärt hat, ich sei für die Oeffentlichkeit erledigt. Aber vielleicht ver- wechsett Abg. Hoff, wie ihm daS öfter passierte, das ,B. T.' mit der Oeffentlichkeit. (Heick.) Die Waffen, die man hier gegen mich gebraucht hat, waren un- honorig. Die Kritik meines Verhallens in der liberalen Presse war reichlich massiv: aber daß mich der Stabt» anzeiger bet »Köln. Zig." zum cheinifchen ZentrumS- führer ernannte, war doch wenigstens ein Avancement. Wer leider wa?» nicht richtig; fo billig find bei uns bie Fützretrollrn nicht zu haben. (Heitt.) Ich habe neulich absolut nicht den deutsche« Lehrerverein in feiner Gesamtheit verdächtigt, sondern nur von gewissen Auswüchsen gesprochen. Ist eS denn etwas fe selbstverständlicher, daß sich der beuttae Lehrerverein in München einfach auf den Boden der Eimultanschule stellt, während die ganze Mehrheit dieses Hauses von dieser Schule mchtS wissen will? Es liegen Aeußerun- gen vor, daß die Simultanschule mtt mt Etappe sein soll auf dem Wege zur religionslose» Schule. Uns ist bie Volksschule ebenso heilig, rott Ihnen, und wir können daher nicht leichten HerzenS zusehen, wenn durch die Beschlüsse deS Lehrervereins das Fundament der Volksschule einfach über den Haufen geworfen werben soll. Der Redner wendet flch gegen die Htnetn- ziehung seiner Anrtseigenfchafr in die Polemik gegen ihn. Wenn Herr Kopsch ihn für die angeblichen Mißstände in seinem SchulausstchtSdezirk verantwortlich machen wolle, so zeige er damit, daß er von bet Schulaussicht leinen blassen Schimmer von Ahnung hat. <6eüL) Die „Preusi. Lehrerzeitung" sagte zu meiner Siebe, sie würde nur zum starken Wachstum des Vereins führen; hoffentlich verrechnet sie stch nicht. Von mir aus mag. ber Lehrerverem gedeihen; ich leugne nicht, daß er Verdienste um das hohe Niveau unterer Lehrerschaft hat. Andere Organisationen haben das aber auch. Nur gegen den Geist, der gewisse Kreise in dem 8erem beherrscht, macken wir Front, und wenn wir dabri mit der Linke» Fraktur reden müssen, da? kann un8 niemand verargen. Hetzerei, wie die Linke behauptet, ist daS gewiß nicht. (Beifall im Ztr.)
Abg. Schepp (fortschr. Vp.) bespricht Mißstände bei Verleihung von Konzessionen für bie Apotheker.
Mittwoch - Fortsetzung.
z Au' die sozialdemokraLischs« Mühle»
ist neues Wasser geleitet worden, und zwar von ber Regierung und dem Herrenhause. Die plutokratifche Verschlechterung durch den Antrag Bethmann- Schorlemer ist für die Agitation der Linker, ein sog. gefundenes Fressen.
Bisher mußten die Schreier stch begnügen mit der Behauptung, die Vortage sei durchaus ungenügend. Sie konnten nicht leugnen, daß der Vorlage einige Fortschritte gegenüber dem gellenden Wahlrecht bringe, wie die geheimen Stimmabgaben Hi den Urwahlen, die Maximierung, die Erhöhung des fingierten Steuersatzes für die Nichtzensiten. Natürlich wurde in Wort und Schrsst die Bedeutung dieser Fortschritte auf das äußerste herunter- gerissen, und die gehäuften Schmähworte ballen ja auch weithin Erfolg bei den weniger einsichtigen Pfaffen. Aber ei blieb doch die unbequeme Tat- ache bestehen, daß das Gesetz in der Fassung des Abgeordnetenhauses wirkliche Verbesserungen und Fortschritte enthielt und in keinem Punkte den be»
stehende» Zustand verschlechterte.. Dai hat sich nuÄ mit einem Schlage geändert. Jetzt braucht t* demokratische Agitation den Vorwurf der ReaktioU und bei Rücktritt! nicht erst künstlich zu konstruiere» und in umständlichen Schlußfolgerungen plansid» zu «lachen, sonder« der Rückschritt um 18 JahrL die Verschlechterung bei bisher geltenden Wahlrecht» liegt handgreiflich vor. Durch be« Antrag Beth» mann-Schorlemer ist bie Vezirkidrittelung beseitig die bet Erlaß ber preußische« Steuerreform vor 18 Jahre« als Ausgleich zum Schutze der wenig« bemuteltm Wähler vereinbart war und sich nach dem Zeugnis der Regierung in der BegrÜndnnß ihrer Vorlage vortrefflich bewährt hatte. Dah«! kann jetzt der „Vorwärts* schreiben, statt der vev- sprochene» organischen Fortentwicklung hätte ma» eine.infame Rückentwicklung- beschlossen. Di! Rückentwicklung läßt sich leider nicht bestreiten.
Da! „Geschimpfe" nimmt die konservativ« „Kreuzztg." auf bie leichte Achsel. Sie meint, da* durch würden sich die bürgerliche« Parteien in ihrem Urteil schwerlich beeinfluss« lassen, ma» wüßte jq, daß die Sozialdemokratie stet» nur nach tattisch« Gesichtspunkten handle. Nun, das Zentrum hat während der vergangene» Monate klar genug er», wiesen, daß ei sich aus dem Wolkenbruch von. Schimpkworten nicht! macht; ma» stellt ihm bie Wahrheit entgegen und wartet mit ruhigem Gewissen den Zusammenbruch der Entstellungen und Uebettreibnngen ab. Doch nunmehr liegt die Sach« etwa! anders. Der Borwurf bei Rückschritt! und der Verschlechterung ist tatsächlich begründet. Dtt Schimpsworte habe« eine gewisse Wahrheit m sich, einen berechtigten Kern. Ei find nicht lautet klatschende und verlaufende Regentropfen mehr, fouder« es ist Hagel dabei. Und die Hagelkörner zerschlagen manches, was des Schutzes wert wäre.
Der berechtigte Vorwurf des plutokratsschen Rückschritts wirkt auch in solchen Kreisen, die bisher bet Sozialdemokratie und der Fortschrittspartei fern standen.
Ei ist richtig, daß die Sozialdemokratie nach taktischen Gesichtspunkten handeltz genauer getagt: nach a gitatorischen, propagandistische« Gesichtspunkten. Deshalb soll man ihnen keine« Wind in die taktisch«: Segel und kein Wasser aus die agitatorischen Mühle» leiten.
Ali Zweck der ganze» Wahlrechtsaktion galt doch allseitig eine gewisse Beruhigung und di« Begründung des Beharrungszustaude!. Ist dieser Zweck auch noch mit dem verschlechtert« Geich z» erreichen? Wir glauben es nicht, und wahrscheinlich werden auch die einsichtigen Politiker aus der Rechten die WirkungSMigkeit des rückschrittlichen Gesetzes bezweifeln.
Ei ist gesagt worden, die Sozialdemokratie verdanke ihre Mandate im Aimcordnetenhause sämtlich oder doch zum größt« Teste der Dritteluna in de» Urwohldezirke». Wenn das richtig ist, so kann dir Beseitigung dieser Drittelung dazu führen, daß in der nächste» Wahlperiode dal Abgeordnetenhaus von der sozialdemokratis Herr Fraktion befreit ist. Wäre das rin Erfolg? Der Geschästsganz innerhalb bei Hauses würde aUerbtngi sehr erleichtert. Aber die Bewegung im Volke würde bedeutend verschlimmert werden. Die Agitator« von links könnten dann in das Land hinausrufen: „Scht ihr, wie arg sie das Wahlrecht verschlechtert haben? Dai büchen Verttetung, das büher noch die stärkste Partei imLande stch erringen kSnnte,ift infolge des Antrages Bethmarm-Schorlemer durch die brutale Macht der große» Geldbeutel aus der sog. Volk!« Vertretung hmauSgedrängt worden.* Usw.
Kurz: bie letzte» Dinge würden schlimmer sei», ali bte erste». Die Beunruhigung würde biS in du Kreise der noch ftaaiitreuen Arbeiter und weit m be» Mittelstand hinein sich auidehnen. Gat keine Abänderung des Wahlrechts erscheint uni das kleinere liebel im Vergleich zu ber Verschlechterung, bie man uni jetzt zumutet.
Edith Mrkners Liebe.
14] Roman von Fr. Lehne.
„DaS ist wahr, Mütterchen, das Esse» war großartig Ra, ich habe tüchtig zugelangt! Der Stoff, bie Bowle, war tadrilos, da hat sich Onkel nicht lumpe« lassen/
„Hat mein Bruder nicht einen klein« Schwips?* lächelte Edith. „Es scheint mir so, weil er so viel rtbti.“
„Was Du denkst l Ich nehme mich sehr in acht und trinke nur wie das liebe Vieh, das genau weiß, wann es genug hat! Ich brauche bloß an unsere letzte Kneipe zu denken — den furchtbaren Kater habe ich noch nicht vergessen, den mir die ein gebracht hatte — brrr — das war auch eine elende kaufet« — jedes einzelne Härchen tat mir da weh — gebrannt' Kind scheut vai Feuer —'
Er gähnte und sah nach der Uhr.
„Nun aber marsch zu Bett! Ei ist schon zwei vorbei — gute Nacht allerseits!"
„Gute Nacht, Thankniar, schlafe gut! Morgen früh brauche tdj Dich ja nicht zu weck«, da kannst Du aurschlafen — zum Glück sind Feri«*, meinte Edith.
Dann führte sie die Mutter ini Schlafzimmer, suchte danach ihr bescheidenes Lager auf und schlummerte bald mit dem Gedanken an den Geliebten ein.
' 6.
' Wie sie gesagt, kam Martha in der NachmittagS»
,stunde des nächsten Tages zu Bürkneri.
Sie wußte genau, daß sie um diese Zett bte Tante allem antraf; bei Onkel war hn Geschäft, und Edith gab Unterricht. Das war ihr sehr recht; so konnte sie von ber redseligen Frau, bie sich hochgeehrt fühlte dslrch den Besuch bet verwöhnten, eleganten Richie, über Wrckdow erfahren, soviel sie wollte.
Sir hatte noch ein kleines Paket mit verschieden« Delikatessen mttgcbcacht. wodurch sie die Tante sehr 'erfreute-
Beide faß« auf dem Sofa, und durch geschickte Fraget: Satte Martha «blich das Thema .Waldow* Erreicht.
Der junge Künstler stamme aus Süddcutschlmrd, erzählte Frau Bürkner; sein« Mutter wohne in Rent» fingen, sein Vater sei schon vor sechs Jahren gestorben er sei Postfckretär gewesm. Am achtzehnten Dezember würde Walbow fünfundzwanzig Jahre, habe er kürzlich erzählt Gern würde sie Matthchen einmal fein Zimmer gezeigt haben, meinte Frau Bürkner weiter es fti sehr gemütlich; thrr besten Möbel ständen darin' bi« rotbralm« Plüschmöbek, wenn sich Matthchen noch eiitment könne — aber er wäre heute zu Hanse ge= blieben. SB« tue er meiftas, wem, er am Abend als Schift zu spiel« habe
„So? Bie ist ihm eigentlich der Abend gestern bekomm«? Hat er etwas gesagt, ob eS ihm ein bisch« bei ns! gefall« bot?*
Anscheinend gleichgültig stMe Martha diese Fragen; doch lag ein gespannter Ausdruck in ihrem Gesicht.
„Wir haß« ihn heute noch gar nicht gesehen. Ob ich ihn mal 'rübechoke?* bemerkte Frau Bückter auch schs« «fiehend und nach ber Tür gehend
.Aber Tantchen, willst Du Dich bemühen! Da würbe «J^lkb benfen, ich sei um ihn gekommen, da» doch nicht’ Lasse e» lieber*, wehrte Martza
„I bewahre Matthchen, wie kann er! Ich faße 4m bloß, daß Du da bist, ob er Dich mal begrüßen
Al! si« allein im Zimmer war, eilte Martha schnell an b« Spiegel und sch, daß alles noch fn bester Orb. nung an Er war, sch, daß daS zartgrmte Schneider- kleid wirSich eine vorzügliche Figur machte
Freudig ebnete sie auf.
Sollte sie ihn doch wiedersch«, den sie so lange schon heinckich verehrte! Und bm sie, seit sie ihn per- lönlrch kannte, auch für sich begehrte! Denn sie liebte ihn, das wurde ihr klar, als sie hochklopfenden Senat! jetzt feine Stimme auf dem Vorplatz hörte.
Schnell nahm sie eine möglichst nachlässige, gleichgültige Stellung ein und blickte anscheinend hrtereffttrt auf bie Straße.
.Welch unverhoffte Freude, gnädiges Fräulein Sie hier « schm!' rief er au», als et ins Zimmer trat.
Sic streckte ihm ihre weiße, sogjMig gepflegte Hand «tgegm, die reich mit kostbaren Ring« geschmückt war.
„Gut« Tag, Herr Waldow! Ich wollte mal seh«, wie Tante Bürkner der gestrige Abend bekommen ist, ob es nicht zu viel für sie war! Arburgs find immer so laut! Wegen der Herzbeklemmung«, an denen Tante leidet, bin ich doch etwas besorgt um fie. Sind Sie denn nachmittag zu Hause, Herr Waldow? Ich denke. Sie machen den übliche» Stadtbummel?*
„Heutt nit! Ich muß mich halt würdig auf den Abmd vorberetten, barnU ich nit stecke» bleib'!* jagte er luftig
„Das kann Ihnen doch nie passieren; wer so sicher ist und so wunderbar zu Herze» gehend spielt! Heute abend bin ich auch im Konzert. Ich kann He Zett kaum erwarten; immer möchte ich vasttzen nni Sftnen zuhören *
Und schmachtend blickte fir fbn cur
Obwohl Marthas Organ nicht besonders angenehm war — sie hatte eine harte, laute Stimme — Hangen diese Worte wie Musik in seinen Ohren. Cs war nun einmal seine schwache Seite, daß et Schmeichelei« so sehr zugänglich war.
Edith, in ihrer herben Aufrichtigkeit, hatte niemals solche Worte für ihn gehabt; aber in ihr« vor Ergriffenheit feuchsschimmernden Augen lag bann ihr 8«nzeS Empfinden. Vielleicht verstand er daS nicht so, waS ihm diese strahs«dm Sterne sagten!--
Nachdem Martha noch eine Weile geplaudert, sprang sie auf.
„Jcht muß ich gehen; es ist höchste Zeü, da ich noch Toilette zum Konzert machen muß! Also, Herr Waldow, ich habe Ihr Versprechen, daß Sie un8 recht bald einmal besuchen. Die Ettern würden sich sehr, sehr freuen. Papa besonders hat Sic in sein Herz geschlossen; ich glaube, Sie könnt« alle! bei ihm er reich«! Wir dürfen Sie also demnächst bei uns erwart«, ja? Aber mtch Dori hatten! Auf Wiedersehen. Herr Waldow!*
Sie drückte ihm zum Mschied bedeutungsvoll die Hand und lächelte khn an.
Frau Bürkner begleitete sie hinaus.
„Aber, liebstes Tautchm, bemühe Dich doch nicht, ich finde mich schon allein zurecht! Grüße alle und sage Edith, wie schr ich bedauere, fie nicht gettoffe« zu hoben!'
„Eine liebenswürdige Dame, Ihr Fräulein Richte*, öemcckte der junge Künstler-
,3a, sie ist sehr nett*, beftätigle Frau Bückner, „sie i# allerdings verwöhnt. Kein Wander — mein 3ruber ist sehr reich, da kann er ihr schon jeden Wunsch erfüll«. Wie das Geschick eS manchmal fügt — dem einen gibt es alles, dem ander« nichts*, feufzie sie.
„Ja, ja, das liebe Geld*, klagte auch der junge Künstler, „schön ist's, wenn man*» hat! Na, Mutter Bürkner, darum lassen wir. aber noch lange nit den •Qobf hängen, toernt’» auch manchmal a bifferl knapp ist! Die Hatiptsach' ist, daß man gesund ist.*
Gutmütig klopfte er Frau Bückner auf die Schulter, che er in sein Zimmer ging--
Edith war nicht im Konzert gewesen, trotzdem sie von Lucian eine Eintrittskarte dazu bekommen hatte. Schwer« Herzens hatte fie daraus verzichtet, al! fie sah, daß die Mutter sich gar nicht recht wohl fühlte, wenn ihr diese mich zum Gehen zuredete.
Sttll hatte sie die weiße Wollbluse, mit der sie sich hafte schmücken wollen, weggelegt und stch daran gemacht, Wäsche auSzubessetn unb Strümpfe ju stopfen.
I» Gedanken war sie bei dem Geliebt«, sah ihn ans dem Podium stehen und hörte ihn spielen — alle Leute klatschten ihm dann Beifall — voran natürlich Martha Hildebrandt.
Leise seufzte Edith da auf.
Am andere» Tage machte ihr Sudan Vorwürfe, daß sie nicht im Konzert gewesen war. Er wollte nicht ein sehen, daß sie selbst am meisten darunter gelitten, nachdem sie stch so sehr darauf gefreut hatte.
Sie habe wohl gar kein Interesse mehr für ihn und feine Kunst, meinte er, so daß das sonst so stacke Mädch« in Trän« ausbrach.
Aber meinen konnte er fie nicht sehen.
Tröstend nahm er sie In die Anne und wischte ihr die Trän« von de» Wangen- Melleicht eckarmte er auch sein Unrecht, als er selbst bemerkke, wie blaß und verfall« Ediths Mutter aussah. (Forts, f)