Einzelbild herunterladen
 

M 99.

Montag den 2. Mai 1910.

37. Jahrgang.

■ssa

Zeitung

« f ttldaer

2. Statt.

VruS und Verlag der Zuldaer Acttendruckerel in §«lda.

-V Theodore Roosevelt

wird In wenigen Tagen auch Berlin besuchen.

Als zuerst, so schreibt man uns aus Berlin, dre An­kündigung seines Besuches kmn, da war eine freudige Genugtuung nicht zu leugnen. Roosevelt ist zwelset- los eine der bedeutendsten Persönlichketten, die der neue Kontinent hervorgebracht hat, er hat ein Volk von 86 Millionen in schwierigen Verhältnissen geleitet und hat bei seinem Scherben aus dem höchsten Amte mehr Freunde und Bewunderer zumckgrlaffen als $einbe und Nörgler. Daß Herr Roosevelt seine Jagdfahrten in Afrika mit etwas viel Reklame zu um­geben wußte, haben wir mit der amerikanischen Eigen- art entschuldigen zu muffen geglaubt. Bedenklicher wurden die Mienen, als Herr Roosevelt in Rom einen Schritt tat, den auch sein bester Freund wo nicht an­ders denn als unflug bezeichnen kann. Mit der ame­rikanischen Eigenart allein konnte man das nicht mehr erklären- Im übrigen wollen wir anerkennen, daß sein Verhalten gegenüber dem Vatikan zwar eine Takt­losigkeit, nicht aber eine Feindseligkeit gegen die katholische Kirche bedeutete, deren Wirken er vielmehr mehr als einmal mit hohem Lobe anerkannt hat.

Herr Roosevelt wird in Berlin der G a st u n s e- r e s Kaisers sein, der ihm tm Königlichen Schlöffe Wohnung geboten hat. Man kann es wohl verstehen, daß Kaiser Wilhelm sich freut, diesen Mann persönlich kennen zu lernen, und man versteht es auch, daß er ihm Ehren erweism will, wie sie sonst nur regierenden Per­sönlichkeiten erwiesen werden. Daß das deutsche Voll sich einem enthusiastischen lleberschwang für Herrn Roosevelt hingeben sollte, dazu liegt keine Beranlas- srmg vor. Wir ehren in ihm eine bedeutende Persön­lichkeit, aber er ist nicht mehr der Mann, der das Ver­halten eines großen Landes uns gegenüber maßgebend bestimmen könnte. Herr Roosevelt ist zurzeit nichts anderes als ein Privatmann. Allerdings ist es sehr wohl möglich, daß er bald wieder die höchste Re­gierungsgewalt in seinem Heimattande erlangen wird, und man wird dies auch für uns beachten müssen. Aber es entspricht nicht dem republikanischen Empfinden des Amerikaners, in einem zukünftigen Präsidenten gleich­sam das Mitglied eines Herrscherhauses anzuerkennen, und es würde in Amerika wahrscheinlich nicht einmal günstig empfunden werden, wenn wir Herrn Roosevelt so aufnehmen wollten, wie es nur dem regierenden Prä­sidenten gebührt. Wenn Kaiser Wilhelm Wert darauf legt, Herrn Roosevelt die Ehren der kaiserlichen Gast- swundschaft zu erweisen, so wird er zweifellos mich daran denken, daß Herr Roosevelt in Amerika als der kommende Mann gilt, er wird sich sagen, daß es vorteilhaft sei, die Sympathien dieses Mannes für das deutsche Reich und das deutsche Voll zu stärken. In­soweit hat der Besuch Roosevelts in Berlin gewiß auch eine politische Bedeutung.

Verschiedentlich wird die Vermutung ausgesprochen, baß Roosevelt sich als Träger einer besonderen p o- l i t i s ch e n Mission — mit der er allerdings sich selbst beauftragt haben würde — fühle. Man sagt, daß fein Ehrgeiz dahin gehe, den Ausgleich der deutsch-englischen Spannung herdeizufüh- ren. Wir wissen nicht, ob Herr Roosevelt wirklich die­sen Ehrgeiz besitzt, die Fähigkeit, eine derartige Auf­gabe zu lösen, wird er sich wohl Zutrauen. Von Ber­lin aus wird Herr Roosevelt nach England fahren. Möge er aus unserem Lande die sichere Gewißheit mii- nehmen, daß unseren Rüstungen zu Waffer und zu Lande keinerlei Angriffsabsicht innewohnt, möge er, wenn die Gelegenheit sich dazu bietet, unserem Vetter jenseits des Kmrals diese Ueberzeugung mitteilen-

Wenn ihm dies gelingt, so würde er sich in Wahr­heit ein Verdienst um den Weltfrieden,öeffen Propa­ganda er stets als feine besondere Aufgabe erklärt hat, erwerben können. Und auch unser Dank wird ihm da­für sicher fein.

Deutsches Reich.

s. Die Kali - Kommission des Reichstages Hal ihre Arbeiten in erster Lesung beendet. Ein Versuch des Zentrums, die Gewinnbeteili­gung der Arbeiter hier zum ersten Male in ein Gesetz hineinzubringen, scheiterte an dem Wider- derspruche der Regierung und der Mehrheit der Kommission.

> )( Ein wichtiger Verkehrs-Fortschritt. Dem

Reichstage ist der Entwurf eines Posttax-Ge­

setze- zugegangen. Der Entwurf umfaßt die Neuerung, daß künftig aus Wunsch der Absender EinlieserungS - Scheine über gewöhnliche Pakete von den Postanstalten erteilt werden. Für jede Bescheinigung ist allerdings eine Gebühr von 10 Pfg. in Aussicht genommen.

)( In Dentsch-Südwestafrlla ist der Bau bet Nord- Südbahn im Süden, bei Keetmanshoop von der Firma Lenz, im Norden von der Firma Bachstein und Koppel in Angriff genommen worden. Außerdem baut die Firma Koppri an dem Umbau des oberen Teiles der alten Staatsbahn („Eselsbahn") Karibib-Windhuk.

* Magdeburg, 30. April 1910. In der Erwägung, daß die Katholiken der weiten sächsischen Diaspora fast nie Gelegenheit haben, an einer der großen Katholiken­versammlungen teilzunehmen, ist die Einrichtung ge­troffen worden, daß alljährlich am Fest- Christi H i m m e l s ahr t in Magdeburg eine allgemeine K a- tholikenv er sammln ng gehalten wird. Meh­rere Tausend Katholllen, die zum Tell aus weit ent­fernten Orten herbeigeeilt sind, füllen dann jedesmal den großen Saal des „Hosjäger" am Adelheidring, um den Vorträgen berufener Redner zu lauschen, die man in den Vollsvereins-Versammlungen der kleinen Diasporageminden nicht haben kann. Es wird in der Regel ein politischer und ein religiöser Vortrag ge­halten. Den politischen Vortrag über „Die Schul­frage" halt diesmal ein Redner aus dem Abgeotdneten- hause. Für den apologetischen Vortrag hat Herr Dr. Meffert von der Zentralstelle des Vollsvereins in M-- Gladbach sein Erscheinen zugesagt. Der Vortrag be- handell die von dem Freidenker Drews aufgeworfene Frage: „Hat Christus gelebt?"

Aus dem Nachdargebieie.

(♦) Frankfurt a. M.-Süd, 30. April 1910. Er­freulich hat sich in letzter Zeit der Verkehr auf dem Südbahnhof seit dem Anschluß des Bahnhofs an das städtische Straßenbahnnetz gehoben, rote man täglich zu beobachten Gelegenheit hat. Immerhin aber dürste die Benutzung des Südbahnhofes nach Lage der ganzen Verhältnisse noch weit stärker fein. Der Südbahnhof ist durch zwei Straßenbahn- Linien mit allen Teilen der Stadt in engste Verbin­dung gebracht und den Reisenden ist daher von allen Richtungen her bequeme und reichliche Fahr­gelegenheit geboten. Vom Südbahnhofe aus sind alle Teile der Stadt, mit alleiniger Ausnahme des Westens, schneller zu erreichen, als vom Hauptbahn­hofe aus. Dazu kommt, daß auf dem Südbahnhofe nicht nur alle Personen- und Eilzüge anhalten, sondern auch noch Schnell« und v-Züge. Also auch nach dieser Richtung hin ist sehr viel für die reisende Bevölkerung geboten. Sodann kommt noch beson­ders in Betracht, daß die Fahrkarten für die Strecken Frankfurt- Bebra und Frankfurt- Aschaffenburg dort fast sämtlich billiger sind als im Hauptbahnhofe, da die vom Reisenden zu durch­fahrende Strecke kürzer ist. 10 Pfennige Straßen­bahngeld hat man sowohl nach dem Haupt- als nach dem Südbahnhofe zu bezahlen; fährt man aber vom Südbahnhofe ab, so kann man am Fahrgeld Ersparnisse machen und kommt genau so schnell an das Ziel, als wenn man den Zug am Hauptbahn­hofe besteigt. Diese Tatsache dürfte vielfach noch unbekannt sein.

* Gemünden, 30. April 1910. Die Grabun­gen an vorgeschichtlichen Hügelgräbern bei Seysriedsburg, haben u. a. auch einen hoch- interessantenFrauenschmuckoomEndedersogenannten Hallstattzeit (etwa 700—550 v. Ehr.) zu Tage gefördert.

* Kassel, 1. Mai 1910. Dem Oberlandes- gerichts-Präsident v. Hassel wurde der Charakter als Wirk!. Geh. Ober-Juftizrat mit dem Range der Räte 1. Klaffe und den Rechtsanwälten und Notaren Landgrebe in Kassel und Eberhard in Hanau der Charakter als Justizrat verliehen.

* Göttingen, 1. Mai 1910. Aus Bonn wird gemeldet, daß der ordentliche Professor der Physiologie in Göttingen, Dr. Max Verwarn, den Ruf als Nachfolger Eduard Pstügers ange­nommen hat: er wird das Bonner Lehramt nach Schluß der Pfingstserien antrelen.

* Gifhorn, 1. Mai 1910. Durch Groß- feuer sind 8 Hinterhäuser, Scheunen, Stallun­gen rc. vernichtet. Eine Menge Inventar ist mit­verbrannt.

* Rieder-Saulheim, 1. Mai 1910. Eine junge Frau, die beim Holzsägen den Sägeknopf gegen die Brust drückte, erlitt so schwere Verletzun- gen, daß das Brustbein auf operativem Wege entfernt werden mußte.

* Darmstadt, 29. April 1910 Die verstorbene Ma­thilde Stegmayer hat der Stabt 16 000 Mk. ver­macht, deren Zinsen dem städtischen Krankenhause zur Unterstützung bebürfttger Kranker nach ihrer Entlas­sung oder deren Hinterbliebene zugute kommen sollen.

* Mainz, 28. April 1910. Der Buchhalter der Deutsch-Amerikanischen Petroleum-Gesellschaft ist we­gen Unterschlagung von 5000 Mack verhaftet worben.

* Wiesbaden, 28. April 1910. Wie die Rheinische Volkszeitung mltteift, ist die Preußenkaffe mit dem Studium der Akten über den bekannten Rhein- gauerWinzerkrachzu Ende gckommen und hat u. a. festgestellt, daß das Unglück mitverschuldet wor­den sei durch die allzu große Vertrauensseligkeit der Winzer neben einer höchst mangelhaften Geschäftsfüh­rung, für die Neuwied und seine Beamten verantwort­lich zu machen, seien.

♦ Ems, 29. April 1910- Hier wird ein Volks- bad gebaut, dessen Errichtung der Verein „Volksbad" betrieben hat. Die städtischen Körperschaften sollen ge­beten werden, die Kosten für die an Kinder der Volks­schulen verabfolgten Bäder auf die Stadt zu über­nehmen.

* Steiningen, 30. April 1910. Ein Aufsehen er­regender Prozeß wurde in den letzten Tagen vor dem Landgericht Meiningen verhandelt. Es handelt sich um die Entmündigung der Gattin des Nmtsgerichts- rates Burchardi in Suhl (Thüringen). Frau Bur- chardi ist nach 2jähriger glücklicher und mit 2 Kindern gesegneter Ehe auf Betreiben ihres Gatten entmündigt und der Sorge für ihre Kinder enthoben worden. Um deren Wiedererlangung und um die Aushebung ihrer Entmündigung kämpft sie nunmehr seit 4 Jahren. Ihre Entmündigung wurde übrigens von ihrem Gatten selbst ausgesprochen. Seine Frau hat ihn auf seine Veran­lassung 1906 verlassen und seit dieser Zeit in Leipzig und Halle philosophische und medizinische Studien getrieben, auch schöngeistige Vorträge gehalten, um zu beweisen, daß sie zu Unrecht entmündigt worden ist, und in der Tat geht auch die Ansicht derer, die mit Frau Burchardi in persönlichen Verkehr standen, dahin, daß dieser Beweis geglückt ist, und daß für das un­glückliche Verhältnis der beiden Eheleute bestimmte weibliche Einflüsse im Hause Burchardi verantwortlich zu machen sind. Auch m diesem Prozeß stehen sich die Gutachten dec Psychiater über die Zurechnungs­fähigkeit der Frau Burchardi kraß gegenüber. Die Ur- teilsveckündigung ist bis zum 9 Mai ausgesetzt wor­den

vermischtes.

♦ Ein Zcppelin-Denkmal wollen die Erbpächter des Dorfes Zeppelin bei Bützow dem Grafen Zep­pelin errichten. Das Dorf fft der Ursprungsort der Familie des Grafen.

* Sachte! Wilburg Wright hat mit Hinblick auf den dem französischen Aviatiker Paulhan gelungenen 300 Kilometer-Flug London-Manchester die Zuversicht ausgesprochen, daß die Zeit nicht mehr fern fein werde, da man mit einem Aeroplan von genügender Größe den Atlantischen Ozean überquert! Das heißt dm Mund sehr voll nehmen.

* Eine Zollstrafe von mehreren Millionen Kronen haben die österreichischen Behörden über die amerika­nische Firma Ahrenfeld in Karlsbad auf An­zeige eines früheren Prokuristen der Firma verhängt. Die Firma hat deshalb ihre Porzellanfabrik in Rohlau verkauft.

* Eine Dreistigkeit sonder Gleichen hat ein Taschen­dieb auf einem Polizeirevier im Südwesten Ber­lins gezeigt. Auf frischer Tat eckappi, war der Gau­ner von einem Kriminalbeamten vernommen worden. Während nun der Beamte dir Angabe des Verhaf­teten zu Protokoll brachte, verstand es der geschickte Dieb, diesem aus der Seitentasche einen Siegelring,

ein Familienerbstück, unbemeckt zu mtwenden. Erst einige Zeit nach der Vernehmung wurde der Beamte gewahr, daß er selbst dem dreisten Gauner zum Opfer gefallen war.

* Eine köstliche Geschichte erzählen Berliner Blät­ter- In Gadebusch in Mecklenburg wollte man zur Feier der Gebuck des Thronfolgers auch die üblichen 101 Kanonenschläge abfeuern. Gesagt, getan! Eine alte Kanone wurde hervorgeholt, böllerte lustig darauf los, beim 93. Schuß aber war das Pulver alle. Kein Kömchen war in der ganzen Stadt zu finden. ®c holte man den Stadtmuflkus auf den Marktplatz uni mit feiner großen Pauke mußte er die 101 Kanonen­schläge vollzählig machen!

* Dr. Cook endlich gesunden. Der berühmte „Nord­polentdecker" Cook ist nun endlich nach langen Mühen „entdeckt" worden. Der frühere Kontrolleur des Staa­tes New-Jerfeh, Hancock, hat das Verdienst, den Ort, wohin sich Cook nach seiner mühevollen „Nordland­reise" zurückgezogen hatte, um allen Ovationen zu ent­gehen, zu entdecken und eine Photographie dieser Stätte und von Cook selber mitzubringen. Sie ist in der „New-Park Sun" veröffentlicht. Nach dem Be­richte Haneocks befindet sich Dr. Cook mit seiner Gat­tin in einem kleinen Dorfe Chilacolas, an der Chile­seite der Anden. Hancock reiste mit einer größeren Gesellschaft in Südamerika umher, wo er plötzlich vor einem kleinen Häuschen einen Mann sah, in dem er auf der Stelle den ihm seit längerer Zeit gut bekannten Dr- Cook erkannte. Er begrüßte ihn mit dm Worten: „Guten Tag, Mr. Cook!", woraufhin der Nordpol­fahrer tat, als ob er Mr. Hancock nie gesehen hätte und erSärte, er wisse nicht, von wem gesprochen werde. Diese Ausflüchte halfen ihn aber nicht viel, denn in­zwischen wurde er von einigen Mitgliedern der Reise­gesellschaft „geknipst". Die nun veröffentlichte Photo- graphie beweist ganz deutlich, daß der Einsiedler nie­mand anders als Mr. Cook war. Die Reisegesellschaft erkundigte sich bei dem Ehepaar, bei dem Dr. Cool mit seiner Gattin Wohnung genommen hatte, über das Leben der beiden Personen Die Wirtsleute erzählten ihnen daraufhin, daß sie ihren Einwohner für einen Flüchtling ober vielleicht gar für einen Verbrecher hal­ten, da er es ängstlich vermeidet, mit irgend jemandem zu sprechen.

Reklamen- tntb Anzeigenteil.

TerkasftetattnNC Inrch dieses Plakat keim Ui cL

Fabrikant I Aarnat Jacobj, Darmstadt.

Ein Paket Quaker Oats liefert mehr Portionen und schmack­haftere Nahrung als ein Paket anderer Haferprodukte.

Die GCte des verwendeten Getreides und die sorgfältige Vermahlung bürgen für die unerreichte Qualität von Quaker Oats.

Pfei I d re i ec k-5eifen

Edith Büdners Liebe.

[12] Roman von Fr. Lehne.

„Du machst e» dir sehr bequem, Schwager, das muß ich jagen," bemerkte da Herr Hildebrandt, und sein Ton war förmlich getränkt von Hohn. „Doch du mußt es ja wissen! Meiner Ansicht nach wäre es aber das richtigste, dein Herr Sohn tarnte irgend 'was Prak­tisches, wo er auch schnell was verdient! Das ist ver­nünftiger, als sich auf solche unsicheren Experimente einzulassen, wie ihr sie vochabt. Geld zu verdienen, sowie verstehen, es zusammenzuhalten und zu vermeh­re«, das ist die Hauptsache. Was nützt einem alle Ge- lehrsamkeit, wmn man nischt zu beißen hat? Ntch die Bohne nutzt einem das! Gar nischt ist der Krempel wert, wenn's hier fehlt —"

Dabei machte er die Gebärde des Geldzählens, und zustimmmd nickte ihm Freund Arburg zu, der augen­scheinlich dieselbe Meinung hatte.

Thankmar sah, wie weh seinem Vater die rohen Worte taten, noch dazu in Gegenwart der Fremden gesprochen, und ehe dieser Zeit fand, etwas zu er- tolbem, brachte et das Gespräch auf ein anderes Thema.

Was follte er sich hier ereifern und sagen, daß eS noch höhere Ideale im menschlichen Leben gibt, als Geldvetdienen! Am liebst»« hätte er ja geantwortet und ihnen feine Verachifmg geäußert — aber Klugheit hieß ihn hier um der Eltern willen schweigen.

Durch eine geschickte Wendung zog « Lucian in» Gespräch, der sich bis dahin ausschließlich den Damm gewidmet hatte.

Der junge Künstler war sehr vergnügt und bracht« mit feinen drolligen Einfallen aller zum Lachen; er wat ganz in seinem Element, und die reichlich genos- seue Pfttfichbowle tat ein übriges.

„Ich bin hmt so ftohgelaunt," rief er auS, daß ich > ganze Welt umarmen könnte!"

„Ra, dann machm Sie doch bei mit den Anfang, Derr Kapellmeister," lachte Arburg mit seinem breiten, Dröhnenden Sachen. „Rich? Oder vielleicht bei WÜS«

Altan? DaS wolln Sie ooch nich? Die jungen Mä­dels wärm Jhnm wohl lieber? Verdenken kann ich es Ihnen nich — ich machte es ebenso! Na, Prost, Herr Kapellmeister, wollen uns wieder vertragen!"

Und et hielt Waldow das gefüllte Glas entgegen.

„Hat denn Ihre gute Laune einen besonderen Grund?" fragte Martha, mit kokettem Lächeln zu Wal­dow emporschauend.

„Hat sie — jawohl!"

„Nun — und?"

„Ich hab halt so fleißig an meinem Schauspiel gearbeitet, daß ich beinahe mit dem zweiten Akt zu Ende bin!"

„Ein Schauspiel, Herr Waldow? Sie dichten auch noch? O, dar ist ja furchtbar intereffant!"

Wie ein Kind klatschte Martha in die Hände-

Sie setzte sich ganz nahe zu ihm, sah ihn btttmd an und sagte:

„Erzählen, erzählen! O, wie bin ich gespannt! Sie sind wirilich zu bewundern! Wovon handelt denn Ihr Schauspiel?"

Er mußte nun berichten, und ihm schmeichelte das Interesse, daS Martha ihm so augenfällig entgegen­brachte; bal war doch etwas anderes, als Ediths dumme, Üeinliche Bedenken!

Edith Bürkner tat das Benehmen des geliebten Manner weh; sie kannte ihn kaum wieder. Hier sprach er so offen aus, wovon er ihr nur leise, ge­heimnisvoll« Andeutungm gemacht!

Und Martha saß neben ihm und starrte ihn an, al» wolle sie ihn mit dm Augen verschlingen.

Er sah auch bildhübsch auS — der Smoking stand seiner etwa« behäbigen, stattlichen Figur sehr gut, und da» kleine, dunlle Schnurrbärtchen über dem hübschen Mund hatte et noch kecker al» sonst aufgedreht, wäh­ren die dunkelblauen, glänzenden Augen nur so von Lebenslust lachtm und sprühtm.

Leise und unbemerkt stand Edith da auf und ging durch einige Räume, bi» sie in da» nur schwach er­hellt« Wohnzimmer der Frau Hildebrandt kam, da» mit altväterlichem Hausrat cm gefüllt war

Sie mußte ein paar Minuten allein W, um sich

zu sammeln; sie war gar so traurig heute; es war ihr, als ob über die Sonne ihres Lebens ein dichter Schleier gezogen sei, der all ihr strahlend Glück ver­dunkelte.

In trübes ©innen verloren, stand sie am Fenster und blickte in den Hofraum hinab.

Plötzlich fühlte sie sich umfaßt.

Erschreckt wandte sie sich um und sah in Lucians lächelndes Gesicht-

„Hier steckst du, mein goldenes Herze? Hier muß ich dich finben, so allein und verlassen? Recht so, da kann ich mir die Küsse holen, die du mir noch schuldest!"

„Aber, Lucian!" wehrte sie erschrocken.

Er achtete jedoch nicht darauf, fonbern küßte sie stürmisch auf den Mund.

„Mein süßestes Lieb — mein Ditele —" flüsterte er dazwischen.

Sie bekam Angst und entwandt sich seinen Armen.

„Wie unvorsichtig, Lucian, wenn jemand käme! Was würde man da von mir denken, da ich noch nicht deine Braut bin —*

„Aber du wirst es doch bald sein! Mädele, ich hab' dich ja so unsinnig Heb!* flüsterte er leiden­schaftlich. „Ja, schau mich nur ntt so verschüchtert an mit deinen süßen Guckerln! Aber blaß schaust aus hmft abend ,so blaß! Glaubst, ich hab' dich ntt be­obachtet und hab' ntt gesehen, daß du aufftanbeft unb cm8 bem Zimmer gingest? Die nächste Gelegenheit hab' ich benutzt, dir nachzufolgen — Mcidele, süße»-"

Er hiell sie wieber fest im Arm, unb ba vergaß sie auch alle Vorsicht — sie schlang ble Arme um seinen HaÜ unb barg ihr blondes Köpfchen an seiner breiten Brust.

„Ach, Sudan, ich bin so traurig,' flüsterte sie.

„Aber warum? Ich bin ja bei dir," sagte er weich und zärtlich Dem holden Mädchen in seinem Arm gehörte ja sein ganzes Herz.

„Ich weiß selbst nicht, Lucian — schilt mich kindisch — sag', hast du mich auch wirklich lieb?"

Er küßte sie auf die dunklen Augensterne, die fie fragtnb zu ihm emporhob.

„Mußt nit fragen — weißt s doch, wie sehr! Wenn ich auch mal mit Fräulein Martha scherze und lache — brauchst dich nit darum zu grämen. Eine Künstler­frau darf nit eifersüchtig sein! Glaubst, ich weiß nit, was in deinem Herzchen vergeht?" Gutmütig lächelte er. „Nun, sei wieder vergnügt und lache; ich höre dich doch so gern lachen!"

„Jetzt mußt du gehen, Lucian", drängte sie ihn sanft von sich; „es fällt sonst auf; du wirst sicher schon vermißt. Ich komme auch gleich nach."

Sie stellte sich vor den Spiegel, an ihrem Haar ordnend und lächelte ihn an — sie war berückend in diesem Augenblick.

Er wollte auf sie zueilen; doch zur rechtm Zeit noch hielt er inne; denn er hatte leise, vorsichtige Schritte gehört, unb gleich darauf betrat auch Martha daS Zimmer.

„Hier finde ich dich, Edith," rief sie. „Ah, und da ist auch Herr Waldow?"

Lauernd gingen ihre Augen von einem zum an« Dem; die Kusine schien ihr verwirrt, befangen, doch der Junge Künstler war ganz harmlos.

„In der Tat, hier bin ich, meine Gnädigste, und fteue mich sehr, daß Sie kommen. Ihr Fräulein Kusine lassen wir noch einen Augenblick hier; sie klagt über heftiges Kopfweh, als ich sie soeben, zu meiner Ueberraschung, hier traf. Ich muß Ihnen halt be­kennen, daß ich auf eigene Faust eine kleine Orientie­rungsreise unternommen hatte; die Neugierde plagt« mich sehr! Und was haben mein« Augen dabei ent­deckt? Das entzückendste Boudoir der Welt!"

Lächelnd unb siegesbewußt sah er sie dabei an.

„Wie, Sie haben mein Boudoir gesehen? Aber wir ist das möglich?"

„Wenn man mit Absicht die Türe offen läßt und mich darin erwartet, ist es wohl nicht zu umgehen," dachte Sudan; laut aber sagte er: „Meine Füße ha­ben nit gewagt, jener Heiligtum zu Betreten, so ver­lockend eS mir auch erschien."

„Ah, Sie hätten Interesse bafür?"

Er legte bie Hand aufs Herz

„Gnädigste fragen noch?"

(Fortsetzung folgt)