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M 98.

Sonntag tun so. Sprit 1910.

57. Jahrgang.

Waer W Zeitung «

3. Blatt.

vmck und Verlag btt Zulbatr Actltnbrucktrtl ln Z«lba.

$ Hohenzollern uuD Cumberland.

Es werden Vermutungen taut, daß eine Begeg­nung zwischen K a i s e r W i l h e l m und dem H e r­zog von Cumberland in Schwerin anläßlich der Taufe des Erbgroßherzogs von Mecklenburg, be8 Enkels deS Herzogs von Cumberland, in nächster Zen stattfinden werde. Der Herzog von Cumberland rst bekanntlich der Großvater des Täuflings, besten Tante die deutsche Kronprinzessin ist. Es wäre das die erste Begegnung zwischen dem Kaiser und dem Herzog, dessen Sohn Ernst August der Kaiser im September vorigen Jahres in München kennen lernte.

Öb die Begegming zustande kommt oder nicht, bleibe dahingestellt. (Man darf aber erwarten, daß tatsächlich eine Begegnung stattsinden wird.) DaS Wesentliche dabei ist, daß die Beziehungen zwischen "den beiden Häuscm sich tatsächlich freundlicher gestaltet haben oder, daß wenigstens die Gereiztheit der Stimmungen einer ruhigen Auffassung gewichen ist. Das Hauptverdienst, diesen Zustand gefördert zu haben, kommt dem greifen Kaiser Franz Joseph von Oesterreich zu, der seit Jahren bei allen Gelegen­heiten für die Versöhnung der beiden Geschlechter em-

Der greise Franz Joseph befand sich nicht immer In einet fe$r angenehmen 2ctge. (§t ift mit ganzem Herzen der Freund und treue Bundesgenosse unseres Kaisers, aber sehr viele Beziehungen verbinden ihn au*:- mit den Eumberländern- Er hat es bisher mit uir -"ähnlichem Takt zu verhindern gewußt, seine Un­parteilichkeit beiden Häusem gegenüber irgendwie ein­mal zu ändern. Trotzdem hat er nicht selten das Thema zur Sprache gebracht.

Die Hoffnung des Hauses Cumberland, den alten hannoverschen Königsthron wieder aufzurichten, muß, das wissen alle Beteiligten, so lange begraben sein, wie das deutsche Reich besteht Auch eine Aussöhnung wird daran nichts ändern. Was den Thron von Braunschweig anlangt, so steht bekanntlich Preu­ßen auf dem Standpunkt, daß er den Eumberländern wieder zurückgegeben werden soll, sowie sie auf die Be­dingungen eingehen,die allgemein bekannt sind. Bis­her hat sich der Herzog von Cumberland aus Prinzip gesträubt, unter den ihm gestellten Bedingungen zuzu­geben, daß einer seiner Söhne in Braunschweig zur Regierung gelange. Es ist nun interessant, daß be­sonders Kaiser Franz Joseph darauf hinwirkte, den ge­gebenen Verhältnissen Rechnung zu tragen und sich nichl Träumen hinzugeben, die nach menschlicher Vor­aussicht nicht so bald erfüllt werden dürsten. Es ist sicher, daß gerade die Thronfoigefrage in Braunschweig sehr oft der Gegenstand der Gespräche maßgebender österreichischer Persönlichkeiten mit Männern aus der Umgebung des Cumberländers war. Wie weit diese Anregungen des Kaisers Franz Joseph auf fruchtbaren Boden gefallen find, oder wie weit gar die Verwirklich­ung dieser Ideen gereist ist, das läßt sich jetzt noch nicht mit Bestimmtheit Voraussagen, da darüber unver­brüchliches Stillschweigen bewahrt wird. Bisher haben ja die Cumberlander aus alle diese Anregungen, die ihnen von der Oeffentlichkeit gemacht wurden, mit einem .Niemals!" geantwortet. Es ist wohl zu er­warten, daß auch jetzt noch der Herzog von Cumber­land sehr viele Beweggründe haben mag, die ihn hin­dern, aus einer Versöhnung mit dem deutschen Kaiser auch Konsequenzen politischen Charakters zu ziehen, die an und für sich mit der bloßen Versöhnung durch­aus noch nicht zusammenhängen müssen. Trotzdem wird man sich aber dem Gedanken nicht verschließen können, daß es etwas Anderes ist, ob Vorschläge poli­tischer Art, wie sie die Thronfolgerftage in Bcaun- schweig darstcllt, von der gleichsam gegnerischen Sette ausgehen, oder ob ein greiser Freund auf einem der mächtigsten Herrscherthrone, der die Erfahrungen eines langen Lebens für sich hat, in freundschaftlicher Art unverbindlich das Für und Wider erwägt. Diesem Zuspruch und diesem Ratschlag kann sich vielleicht auch ein sonst verschlossenes Ohr öffnen.

Die nächste Zukunft wird es lehren, wie weit diese Anschauungen Berechtigung haben. Es ist nicht zu leugnen, daß eine Aussöhnung zwischen dem Kaiser und dem Herzog von Cumberland von allen Teilen auch im Interesse des Reiches auf das Freundlichste begrüßt werden wird- Selbst wenn sich daran irgend welche Folgen politischer Art nicht knüpfen soll­ten, wäre die Annäherung doch ein Ereignis von größ­ter politischer Wichtigkeit.

Deutsches Reich.

0 Der Kaiserbesuch in Elsaß-Lothringen hat eine Unmenge Federn in Bewegung gefetzt. Daß der Kaiser bei dieser Gelegenheit wenigstens hin und wieder auch auf die in letzter Zeit so sehr brennend gewordene Elsaß-Lothringische Verfaffungs- frage zu sprechen kommen würde, ist ja selbstver­ständlich. So riskiert denn auch ein Straßburger Blatt die Behauptung, der Kaiser habe wiederholt seine Sympathie für Elsaß-Lothringen zum Ausdruck gebracht und seine Freude darüber ausgesprochen, daß die Verfassungsfrage in Fluß komme. Er habe die Ansicht vertreten, daß das Land seine eigenen Geschäfte selber besorgen solle. Neber die Form der Verfassung habe sich der Kaiser dahin ausge­sprochen, daß von der Errichtung einer neuen Dynastie keine Rede sein könne; er, der Kaiser, werde Landesherr von Elsaß-Lothringen bleiben. DaS genannte Blatt fügt hinzu, man könne infolge­dessen wohl annehmen, daß der jetzige Statthalter von Elsaß-Lothringen auch in der neuen Verfassung beibehalten werden soll. — Die Elsäßer und Loth­ringer werden gut tun, diese Meldungen nicht zu überschätzen. Sie können geradeso gut Phantastereien sein, die nicht einmal große politische Kenntnisse voraussetzen würden.

0 Polizei gegen Abgeordnete. Die Geschäfts- ordnungskommission des Abgeordneienhauses ift be­kanntlich zu einem Beschlüsse gekommen, wonach der Präsident in Zukunft in der Lage sein wird, widerspenstige Abgeordnete auf die Dauer von 12 Tagen von der Teilnahme an den Parlaments- sitzungen ausznschließen und zu ihrer Entfernung polizeiliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Im Zen­trum soll sich ein scharfer Widerspruch gegen diese Bestimmung erhoben haben, sodaß er im Parlament wohl keine Mehrheit finden wird.

** Zur Frage der Schiffahrts-Abgaben heißt es, daß zwischen der preußischen u.id der sächsischen Regierung durch das Entgegenkom? men Preußens eine Einigung erzielt morden sei, die sich in der Hauptsache auf eine Ermäßigung gewisser für das Königreich Sachsen in Betracht kommender Gütertarife, auf die Staffelung der Schissahrts - Abgaben und auf den Ausbau der oberen Saale bezieht. Infolge dieser Zugeständ­nisse habe die sächsische Regierung sich bereit er- klärt, für den solcher Art abgeänderten Gesetz­entwurf im Bundesrate zu stimmen.

** Parität in Schlesien. Für die städttschc höhere Mädchenschule in Görlitz werden mehrere Ober­lehrer und Oberlehrerinnen gesucht- In der Aus­schreibung wird ausdrücklich erwähnt, daß nur evan­gelische Bewerber gewünscht werden. Dabei zählte man 1905 in Görlitz neben 83 700 Evange­lischen auch 11300 Katholiken. An den drei städti­schen höheren Knabenschulen sind selbstverständlich auch nur evangelische Oberlehrer angestellt. Die Stadt Görlitz ist übrigens nach der „Germania" nicht die einzige Stadt in Schlesien, die so geringe Rücksicht auf eine stacke katholische Minderheit zeigt Von einigen Städten, zum großen Tell sogar an Anstalten, an denen dem Staat das Anstellungsrecht zusteht, wird es sogar noch übertroffen. Hierzu folgende Beispiele:

1. Sri eg: 18800 Ev., 8600 Statt). Am König!. Gymnasium fSmIliche Oberlertehrer evangelisch. Än der Landwirtschastsschute ein Lehrer kath. 2. Bunz- lau: 12500 Ev., 2500 Kath.; am Gymnasium sämt­liche Oberlehrer evangelisch. 3. Freiburg: 6900 Ev., 2700 Kath.; Stadt. Oberrealfchule: sä all. Dberlehter evangelisch. 4. Goldberg: 7900 Ev., 900 Kalb.; Stadt. Progymnasium; sämtl. Oberlehrer evangelisch. 5. Grünberg: 18900 Ev., 2700 Kath.; städt. Real­gymnasium ; sämtl. Oberlehrer evangelisch. 6. Hirsch­berg: 1890) Ev, 44' 0 Kath.; Kgl. Gymnasium und städt. Oberrealschule; sämtliche Oberlehrer evartgelisch. 7. Sauet: 9500 Evang., 3800 Kath.; Kgl.Gymnasium; sämtl Oberlehrer evangelisch. 8. Laub an: 11900 Ev., 2700 Kath.; Kgl. Gymnasium; sämtl. Oberlehrer evangelisch. 9. Liegnitz: 4776V Ev., 11,8:0 Kath.; an allen Anstalten sämtl. Oberlehrer evangelisch. 10. Oels: 8700 Ev., 2200 Kath.; Kgl Gymnasium; sämtl. Oberlehrer evangelisch. 11. Reichenbach: 10 700 Ev., 5200 Kath.; Kgl. Progymnasium; sämtliche Ober­lehrer evangelisch. 12. Schweidnitz: 18500 Ev., 12000 Kath.; städt. Gymnasium als evangelisch be­zeichnet; sämtliche Oberlehrer evangelisch.

Dazu einige Beispiele von Orten mit überwiegend katholischer Bevölkerung:

1. Gleiwitz: 49700 Kath., 9700 Ev.; Kgl. kath. Gymnabum und städt. Oberrealfchule; 1 Direktor und 8 Oberlehrer sind evangelisch, davon 1 am kath. Gym­nasium. 2. Königshütle: 57100 Kath., 7900 Ev.; Kal. Gymnasium mit Realschule; 9 evangelische und 7"katholischeOberlehrer. 3. Kattowitz: 26 000Kath., 7000 Ev.; Kgl. Gymnasium und städt. Oberrealschule; 2 Direktoren und 16 Oberlehrer evangelisch, 11 Ober­lehrer katholisch. 4. Myslowitz: 13500 Kath., 1500 Ev.; städt. Gymnasium; 5 Oberlehrer evang., 4 kath. 5. Beuthen: 51 000 Kath., 6400 Ev.; Kgl. Gym­nasium und städt. kath. Oberrealschule; an letzterer 2 evangelische Oberlehrer. 6. Tarnoioitz: 10300 Kath., 2500 Ev.; Kgl. Realgymnasium; 5 evangelische, 3 kath. Oberlehrer.

Bemerkenswert ist, daß dec Staat, so lange er einen Zuschuß gibt, darauf besteht, daß an der Städti­schen katholischen Oberrealschule in Beuthen immer einige evangelisch; Oberlehrer angestellt werden. Diese Regel scheint umgekehrt nicht zu gelten. Vielmehr sind die Katholiken sogar in den Städten mit über­wiegend katholischer Bevölkerung bei der Stellenbe- sehung benachteiligt. In den Städten mit über­wiegend protestantischer Bevölkerung sind sie so gut wie ausgeschlossen Recht lehrreich und interessant sind die Verhältnisse in R a t i b o r. Die Stadt zählt 39 000 Einwohner, darunter 34 000 Katholiken und nur 5000 Andersgläubige. Am Orte befinbet sich ein Kgl. evangelisches Gymnasium mit 361 katho­lischen und 120 andersgläubigen Schülern; Direktor und 13 Oberlehrer sind evangelisch, 5 Oberlehrer ka­tholisch. Das städtische simultane Realgymna­sium zählt 126 katholische, 63 evangelische und 4 jü­dische Schüler, Direktor und 4 Oberlehrer sind evan­gelisch und 4 Oberlehrer katholisch. An dieser simul­tanen Anstalt kommen also auf einen evangelischen Lehrer 12,6 evangelische Schüler, dagegen auf einen katholischen Lehrer 31,5 katholische Schüler. Am 1. Oktober 1909 übernahm ein katholischer Oberlehrer die Kreisschulinspektion in Neiße, an seine Stelle trat nicht teroa ein Katholik, sondern ein Protestant — Es ist überall dasselbe Bild im Osten wie im Westen, ganz besonders aber im Osten. Nnd da soll man nicht von einem System der Imparität reden dürfen?

Ausland.

* Eine weitverzweigte Verschwörung will die sranzöstsche Behörde im Norden von 9( n a m ent­deckt haben. Sendlinge des nach China geflüchteten anamitischen Prinzen Kuong-De sollten einen allge­meinen Ausstand anstiften, um nach Niedermetzelung ober Austreibung der Franzosen diesen Prätendenten auf den Thron zu setzen. Durch einen wohlorgani­sierten Schmuggel sei es gelungen, zahlreiche An­hänger von Kuong-De mit Massen auszurüsten.

♦* lieber Deutschlands soziale Arbeit hat bei einem Frühstück, welches die Tarifresormliga den von ihrer Reise nach Deutschland zurückgekehrlen Arbettern gab, Balfour gescgt, Deutschland habe etivas von England zu lernen, aber England habe ganz gewiß noch mehr von Deutschland zu lernen. Die Deutichen hätten in stetiger zusam­menhängender Arbeit mit seltener Geschicklichkeit und großer Sachkunde und Beharrlichkeit erfolg­reich große soziale Ziele in den Industriezentren wie in dem flachen Londe verfolgt. Er hoffe, daß die Parteien Englands imstande fein würden, die gigantischen Pläne sozialer Reformen mit demselben Geiste und Ernste zu behandeln, welche die deutsche Politik kennzeichne.

* Das vielumstrittene englische Finanz­gesetz ist jetzt auch im Oberbaus von den Lords in allen drei Lesungen angenommen worden. Danach wurden die beiden Häuser des Parlaments bis zmn 26. Mai »erlagt.

** Bei der Beratung der türkischen Budgets konnte der Finanzminister zum erstenmal mit leiten, daß der Etat einen Neberschuß von zwei Mill. Pfund ausweise, da alle Einnahmen, insbesondere die Zölle, eine Steigerung aufwiesen. Tie Regierung sei über eine vierprozentige Zollerhöhung in Unterhandlung emgetreten. Doch werde sie sich keine Schutzzoll­politik zu eigen machen, weil diese mit den Verhält­nissen des mdustriearmen Landes nicht vereinbar sei.

** Die Türkei sucht deutsche Ingenieure. Das türkische Ministerium der öffentlichen Arbeiten hat be­kannt gegeben, daß es deutsche Ingenieure in Dienst nehmen will, die besonders im Wege- und Brücken­

bau erfahren find und eine mindestens 15jährige prak­tische Tätigkeit aufweisen können. Verlangt wird bie Kenntnis der französischen Sprache und beabsichtigt ist, ihnen drei Jahre lang mehrere Vilajets zur Beauf­sichtigung zu übertragen. Das Gehalt soll 18 000 Franken jährlich betragen. Außerdem ist Ersatz bet Hinreisekosten, ein Betrag von 1500 Franken für di« Ausrüstung und eine Entschädigung von 20 Franken täglich für Dienstreisen vorgesehen. Die Bewerbungen sind mit Lebenslauf und Zeugnissen zum Anfang nächsten Monats beim Reichsamt des Innern in Ber­lin einzureichen

r Zum Warenschmuggel auf der rufftfdjcn Kaiserjacht wird jetzt gemeldet, daß im Gebäude der kaiserlichen Schloßverwaltung große Vorräl« eingeschmuggelter Waren gefunden wmzden. Am Donnerstag und Freitag nahm die politische Polizei in Petersburg Massenhaussuchungen vor.

* Eine chinesische Militannission unter Führung des Prinzen Tsaitau, die die Vereinigten Staaten und Europa zu bereisen gedenkt, ist in Washington eingctroffen. Der Prinz, in dessen Begleitung sich zehn Offiziere befinden, wird am 5. Mai nach England fahren.

Aus Kirche und Schule.

* Rom, 28. April 1910. Die „Tribuna" will wissen, in den Kreisen des Vatikans heiße es, der Papst wolle im Jahre 1912 das Oekumenische Konzil, das im Jahre 1870 vertagt wurde, wieder eröffnen

Aus dem Nachbargebiele.

* V-m Kreuzberg, 28. April 1910. Gestern Nacht herrschte Schneesall. Die Spitzen der Rhönberge find in Weiß gehüllt. Die Schneehöhe auf dem Kreuzberg betrug heute früh 2 Zentimeter.

* Frankfurt a. M., 29. April 1910. In einem hiesigen großen Ware nhaus an der Zeil ist man bedeutenden Unterschlagungen auf die Spur gekommen. Am Samstag verschwanden zwei Kas­siererinnen, die mittags die Kolleginnen aller Kassen ivährend der Mittagsstunde adlösten. Seit vielen Monaten sollen die beiden Hilfskassiererinnen bann Beträge, bie sich tageweise bis auf 60 Mark beliefen, unterschlagen unb durch raffinierte Buchsälschungen verdeckt haben.

* Offenbach a. M., 28. April 1910. In einer hiesigen Lederfabrik gerieten zwei Sattler in Streit. Dabei warf der eine die Schere nach seinem Kollegen und traf letzteren so un­glücklich in den Unterleib, daß seine sofortige Uebersührung ins Krankenhaus erfolgen mußte. An seinem Aufkommen wird gezweifelt.

* Gemünden, 28. April 1910. Die lieber- müügkeit des Hammelburger Zügle ging heut« soweit, daß es zweimal versuchte, aus den Schienen zu springen. Zwischen Seewiese und Molfsmünster und bei Schönau ist dem Fränk. Volksbl. zufolge ein Räderpaar der Lokomotive entgleist. Nach ein­stündiger Verfpälung konnte das Zügle die Fahrt fortsetzen. Schuld dieser Unfälle dürfte in dem Rückwärtsfahren der Lokomotive zu suchen sein. Die Leute der Strecke Gemünden - Hammelburg fürchten, sich dem Zügle noch anzuverlrauen und ziehen es vor, per Achse die paar Kilometer noch zurückzulegen. Es ist wirklich höchste Zeit, daß das Bähnle bald umgebaut wird.

* Weida, 27. April 1910. Gestern scheuten in der Nähe der Osterburg die Pferde des dem Fleischermeister Haupt gehörigen Wagens. Dieser stürzte um, und die Insassen wurden herausge« schleudert. Der bejahrte Knecht Leibhold erlitt so schwere Verletzungen, baß er ft ar b. Auch ber Be­sitzer mürbe schwer verletzt.

* Eschwege, 26. April 1910. Ein Teil ber Hülle des Ballons Delitzsch ist vorgestern an dem westlichen Abhange bes Trimderg von einem Ein­wohner von Reichensachsen aufgefunden worden. Das 35 Pfund schwere Stück ist alsbalb nach Bitterfeld geschickt worben.

* Gießen, 29. April 1910. Daß bet verstorbene Reichslagsabg. Graf Oriola mit zu ben reichsten Leuten Deutschlands gehörte, dürfte wohl allgemein

Edith Büttners Liebe.

11] Roman von Fr. Lehne.

„Ach,Liebster, wenn ich ganz offen sein soll, eS will mir gar nicht so recht in ben Sinn, daß du schrift­stellerst !"

„Ah, meinst, ich hab' halt nit das Zeug dazu?"

„Fang doch nicht wieder so an, wie damals im Cafö Schreyer, Lucian. Du sollst nicht so empfindlich sein!"

„Du hast eben kein Interesse für meine Angelegen­heiten. „Das hab' ich schon lange gemerkt — und das soll ntid) nun anspornen?"

„Wenn du mir nur sagen wolltest, was der In­halt des Schauspiels ift! So weiß ich doch gar nichts —"

„Ach, du mit deinen neunzehn Fahren verstehst doch nix davon! Und überhaupt, laß uns ntt mehr davon sprechen! Tie Zukunft wird hoffentlich lehren, daß ich doch mehr kann, als mein Hrrzele mir zutraut!"

Lueian Waldow war ein gutherziger Mensch, aber sehr eitel und sehr von sich eingenommen. Das tag Wohl größtenteils daran, daß er so gefeiert und ver­wöhnt wurde.

Nun aber tarnen von dem Mädchen, das er liebte, Zweifel und ein leises Bedenken, und das konnte er nicht vertragen, und von Edith am allerwenigsten — die sollte zu ihm emporsehen — gerade von ihr wollte er das, denn er hatte ein leises, sich selbst natürlich kaum eingestandenes Gefühl von ihrer geistigen Ueber- legenhett.

Mit großer Liebenswürdigkeit wurden Bückners von den Verwandten begrüßt.

Die elegant eingerichtete Zimmerflucht erstrahlte hell km Lichte der elektrischen Lampen. Die Türen vom Salon zum Speisezimmer waren wett geöffnet und Lehen den Blick frei auf eine reich gedeckte Tafel.

„Es ist euch doch recht", sagt: Frau Hildebrandt, „wir haben Herrn und Frau Arburg mit gebeten; ihr fcnnt sie doch —•

„Aber natürlich, das könnt ihr doch halten, wie chr wollt," meinte Frau Bürkner schüchtem. „Und ihr habt euch doch Umstände gemacht; wenn wir das ge­wußt hätten —"

„Was denkst du, Lina, keine Idee," erwiderte die Schwägerin, „wir haben doch gar nichts Beson­deres."

Martha nahm natürlich Lucian sofort in Be­schlag.

Er mußte ihr in der Tat schönes Klavier bewun­dern; sie zeigte ihm ihre Noten und lachte und plau­derte mit ihm-

Edtth faß da mit fest zusammengepreßten Lippen-

O, sie und Thankmar, sie beide wußten, was das hier alles zu bedeuten hatte! Hildebrandts wollten den Abstand, der zwischen ihnen und ihren Verwandten lag, recht deutlich machen. Und Martha hatte das veranlaßt, lediglich, um Lueian zu imponieren — wei­ter war es nichts!

Leise drückte Edith dem Bruder die Hand.

Er verstand.

„Protzen!" flüsterte ec ihr zu.

Arburgs kamen auch bald, und man ging zu Tische.

Thankmar ließ sich trotz aller rebellischen Gedanken die Delikatessen vorzüglich schmecken und aß mit dem gesunden Appetit seiner achtzehn Jahre, während Edith sich nur mit Mühe zwang, etwas zu genießen Die Kehle war ihr wie zugeschnürt, wenn sie Martha beobachtete, bie sich als Tischherrn selbstredend Lucian erkoren hatte und ihn vollständig für sich in Anspruch nahm.

Frau Bürkner war sehr schüchtem und wagte kaum, von den bargebotenen Speisen zu nehmen, so daß es wiederholter Nötigungen seitens ihrer Schwägerin be­durfte.

Ihr imponierte der so offensichtlich zur Schau ge­tragene Reichtum des Bruders außerordentlich, und ein bitteres Gefühl beschlich sie bei dem Gedanken, daß sie sich so kümmerlich durchschlagen mußten.

Wäre nur ihr Mann ein wenig lebenskundiger ge­wesen!"

Die Herren unterhielten sich sehr lebhaft über Po­litik, über die allgemeine Weltlage. Thankmar amü­sierte sich köstlich über die Ansichten des Onkels und dessen Freundes. Wenn sein Vater einmal eine Be­merkung dazwischenwarf, die das Gegenteil ber Aeuße- rungen der beiden anderen bedeutete, sah ihn Herr Hildebrandt förmlich mitleidig an, ehe er ihm wider­sprach. Was hatte so ein Bücherwurm für eine Ahnung vom wirklichen Leben — wie konnte der über­haupt mitreben!

„Böotier!" dachte ber Jüngling, der den Vater ob seiner Bildung, seines Wissens, seiner Güte hoch ver­ehret und ihm manche Anregung verdankte.

Die Mutter war ja eine seelensgute Frau, aber ohne große, geistige Ausbildung, außerdem durch ihre dürftige Lage immer etwas gedrückt und den Verwand­ten besonders gegenüber fast wie um Entschuldigung bittend, daß sie überhauvt da war, denn bei Hilde­brandts wurde alles nach dem Gelbe beurteilt-

Thankmar ärgerte sich innerlich darüber; er hielt immer sehr ans „Rückgrat" und ließ sich auch in der Schule nicht unterfangen Mochte sein Nachbar auch der Sohn eines sehr hochstehenden und schwer reichen Mannes fein, der sogar einen Onkel im Ministerium hatte und um den so manche in der Klasse herumschar­wenzelten — ihm war das gleich!

Nach Tisch: ftiracb, man der wirklich guten Pfir­sichbowle zu, und die Stimmung wurde allmählich sehr lebhaft.

Herr Hildebrandt reichte seinem Neffen die ge- süllte Zigarrenkiste

„Willstenich auch mal eine versuchen? Die Sorte haste noch nich gekriegt, solche mit der Leibbinde hier — nimm nur, ich gebe sie dir gern," nötigte er.

In bescheidener, aber fester Weise lehnte Thank­mar ab.

„Ich rauche überhaupt nicht und will mich gar nicht erst an den Genuß gewöhnen, dann merkt man die Entbehrung gar nicht," meinte er.

„Hab'» recht, junger Herr, hab'n recht, der reine Philosoph," lachte Herr Arburg in seiner lauten, lär­menden Weise „Sie sind ja der — na, wie hieß doch der Kerl in seiner Tonne? — na, 's is schließlich ganz schnuppe — sagen Sie mal, was wollen Sie eigentlich werden? Sie machen dock wohl Ostern Ihr Examen?"

Herr Hlldebrandt horchte bei dieser Frage auf, und lauernd funkelten seine Augen hinter ben Brillenglä­sern. Was der Neffe wohl antworten würde?

Dieser zögerte gar nicht mit ber Antwort.

„Ich mochte etwas recht Schönes werden — Arzt."

„Ei, ei, junger Freund, so kühn? Das kostet doch ’ne ganze Stange Gold?"

„Das weiß ick, und trotzdem hoffe ich es zu er­möglichen."

„Und wie das, mein lieber Thankmar?" fragte der Onkel saust.

Kurz sagte der Jüngling nun dasselbe, was et bereits zu Martha gesagt. Ec hatte feine Veranlassung, mit feinem Vorsatz hinter dem Berge zu halten, trotz­dem seine Mutter ihn zu Hause gebeten, lieber zu schweigen, damit „der Onkel nicht zanke".

„Da sieht man den jugendlichen Unverstand und Leichtsinn, der nicht rechnet, außer mit seinen soge­nannte« Idealen", sagte er Und sich dann an Herrn Bürkner wendend, fragte er: „Und wie stellst du dich zu ber Sache, Schwager? Du haft doch da auch ein Wörtchen mitzureden!"

.Ich habe meinem Sohn gesagt, daß meine Mit­tel ihm ein Studium, welches es auch sei, nimmer­mehr ermöglichen können - Er weiß also, daß er von mir auf nichts zu rechnen hat", erwiderte Herr Bürk­ner mhig „Ich habe Thankmar alles vorgestellt, will ihn aber zu keinem Berufe zwingen, für den er nicht Neigung verspürt. Kann er in dem, was er sich voc- genommen hat, nicht durchkommen, so sind seine Kennt­nisse doch nicht verloren und ermöglichen ihm jeden an­deren Berus."

(Fortsetzung folgt.)