3. peelet in n>-chmdruae<i „Illustrierte 8onntag;zeitung"
monakbcNogt! „Klldaer Geschichtsblätter"
Fulda, Montag den 25. April 1910,
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(Sehr richtig rechts). Bet der gegenwärtigen finanziellen Lage können wir wirklich dem Vorschlag, da r der Reichstag neue Ausgabe beschließt un> dann einfach die Regierung ausfordert, neue Steuern zu suchen, nicht zustimmen. Wer bestimmte Ausgaben will, der muß auch für bestimmte Deckungsmittel sorgen.
Abg. Pauly-Cochem (ßtr.): Die Finanzlage deS Reiches gebietet unS allerdings Sparsamkeit, aber daS darf unS nicht hindern, unseren Veteranen gegenüber unsere längst versäumte Pflicht der Dankbarkeit S erfüllen. Run sind ja verschiedene DeckungSvor- läge gemacht. Ich will hier doch betonen, daß man sich einer einseitigen Belastung einzelner ÄolkSkreife hüten muß. (Sehr richtig! im Zentrum) Meine Ansicht ist die, daß in dieser Sache der gute Wille viel tun kann. Wie die Konservativen sich freiwMg für den Fideikommißstempel erklärt haben, so sollte Handel und Industrie stch freiwillig zur Aufbringung der nötigen Mittel bereit erklären.
Abg. «enstabt (IM) hält den Weg, die nötigen Mittel durch eine Wehrsteuer aufzubringen, für gangbar.
Abg. SchSpstin (Sozi».): Den Einwand der Regierung, daß kein Geld da sei, haben wir doch stets gehört, wenn den Veteranen eine kleine Beihilfe gewährt werden sollte; aber, wenn es sich um HeereS- oder Marineforderungen handelt, dann ist Geld da. Die vorliegenden Anträge gehen unS bezüglich der Löbe nickt wett aenua.
Abg. Dr. Paafche (.ntlb.): Die Regierung hat ja zweifellos schon viel für die Veteranen getan, aber das genügt nicht. Ich muß leider sagen, daß der Reichs- schatzsekretär die Frage der Wehrsteuer nicht mit dem Ernst behaudett hat, die sie verdient. Jedenfalls hat die Wehrsteuer mehr Aussicht, durchgefühtt zu werden, als vielleicht der freistnnige Antrag auf Herabsetzung der Liebesgaben.
Reichsschatzsekretär Wermuth: Vorläufig, daS muß ich sagen, find die gemachten Vorschläge so unbestimmt, daß stch damit nichts ansangen läßt.
Abg. Baumann (Zentr.): Ich begreife nicht, daß die Verbündeten Regierungen den wiederholten Be- schlüflen deS Reichstage-, den Kriegsveteranen eine Beihilfe zu gewähren, so hartnäckig ablehnend gegen- überstehen. Diese Veteranen haben für Kaiser und Reich Blut und Leben eingesetzt und haben deshalb einen wohlbegründeten Anspruch auf einen Ehren sold. Man sollte doch meinen, daß bei einem Etat von drei Milliarden eine verhältnismäßig so geringe Summe aufzubringen wäre, um den Veteranen unsere Dankespflicht abznstatten. ES ist im Volke die Erregung darüber groß, daß so mancher bettelarme Kriegsveteran ohne jede Bechilfe bleibt. ES ist geradezu eine Schande, daß die Kriegsteilnehmer unter der Sparsamkeit leiden sollen. Den vorliegenden Anträgen stimmen wir zu.
Abg. Dr. Arndt (Rp.) führt aüS, e» handele sich nicht um eine Finanz-, sondern um eine Ehren krage. Regierung und Reichstag seien verpflichtet, ihre Ehrenschuld an die Veteranen abzutragen.
Abg. Werner (Resormp.) schließt sich dem Vorredner an.
Abg. Hilpert (bayr. Bauernbund) bedauert die ablehnende Haltung der Regierung.
Abg. Dr. Wiemer (Volksp.) führt aus, daß unbe- dingt Umschau nach den nötigen Mitteln gehalten werden müffe.
Da ein Antrag aus Kommissionsberatung nicht gestellt ist, wird sofort in die zweite Lesung eingetreten.
Der Antrag Basiermann (nall.) auf Gewährung eines EhrenfoldS für die Inhaber deS eisernen Kreuzes wird abgelehnt, ebenso ein inzwischen eingegangener Antrag Bebel (Soz.), die Beihilfe auf 150 Mark zu erhöhen.
Die Gesetzentwürfe werden darauf an g e u o mm en; nach einem Antrag Baumann (Zentr.) sollen sie am 1. Mai 1910 in Kraft treten.
Abgelebnt wird sowohl die nationalliberale Reso- Intion auf Einführung einer Wehrsteuer (gegen Konservative und Nationalltberale), wie auch die freisinnige Resolutton auf Abänderung der Branntweinsteuer.
DaS Solonialbeamtengesetz geht debattelos an die Budgettommtffion, ebenso ein Nachttag zum Reichshaushaltsetat für 1910.
Damit ist die Tagesordnung erschöpft.
Montag: Petttionen und kleinere Vorlagen.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 23. April 1910.
Auf der Tagesordnung stehen die Initiativanträge betreffend
Gewährung von Beihilfen an die Kriegsteilnehmer.
Es liegen Gesetzanträgeder Abg. Liebermann von Sonnenberg (wirtsch. Bgg.l, Liebert (Rp.), Baffer- ff'^dn (natl') und Ablaß (Bp.) vor. Sie verlangen, daß Personen des Unteroffiziers- und MannschaftS- standes, welche am Kriege von 1870 oder an früheren Feldzügen teilgenommen haben, Beihilfe« in Höhe von 120 Mark jährlich erhalten sollen, wenn sie dauernd unterstützungsbedürftig oder über 60 Jahre alt sind und ein Einkommen unter 600 Mark ober nach Liebermann von Sonnenberg 900 Mark haben. Die Anträge Bassermann und Siebert beantragen zur Ausbringung der erforderlichen Mittel die Einführung einer Wehr- Jteuer, der Antrag Ablaß eine Aenderung des Branntweinsteuergesetzes dahin, daß die aus den Bestimmungen über die Verbrauchsabgabe und das Kontingent sich ergebenden Vorteile für die Branntweinbrenner (Liebesgabe) vermindert und die Einnahme an das Reich abgesührt wttd. Außerdem beantragt der Abg. Basiermann, daß den Inhabern des eisernen Kreuzes ein Ehrensold gewährt werde.
. Abg- v. Liebert (Rp.) empfiehlt zur Beschaffung
Mittel die Wehrsteuer. Sie ist gerecht und t«cht zu tragen. In anderen Ländern hat man mit thr gute Erfahrungen gemacht.
. Abg. Bindewald (wirtsch. Vgg.): Die Ausbringung der Mittel bietet keine Schwierigkeit, nachdem sich der MNchStag in der Mehrheit grundsätzlich für die Einführung einer Wehrsteuer entschieden hat. Wir schla- gen die Minimalgrenze von 900 Mark vor, weil 600 Mark für viele Gegenden, namentlich für die Industrie« gegenden, zu wenig sind. Die Herren vom Freisinn haben wohl selbst nicht geglaubt, daß ihr Antrag an- genommen werde. (Ohol und Widerspruch b. d. Fr.s) Ich möchte die Herren bitten, den Antrag zurückzuziehen Machen der Frs.), damit ein einheitliches patriotisches iBotmn zustande kommt.
Abg. SchSnaich-Carolath snatl.): Der Grund, weshalb die Regierung den im vorigen Jahre vom Reichstag bereis angenommene« Gesetzentwurf nicht genehmigt hat, beruhte darauf, daß für die Deckung nicht gesorgt war. Es heißt aber jetzt im Interesse der Kriegsteilnehmer keine Zett mehr zu verliere« und wir würden uns freuen, wenn bald mit * der Regierung eine Verständigung zustande käme.
Abg. Wieland (Volksp.): Die Wehrsteuer ist nicht durchführbar. Ihr Ergebnis würde mager fein. Daher empfehlen wir unseren Vorschlag. Ich meine, daß der Gedanke, einen Teil der Branntweinliebesgabe dieser nationalen Aufgabe zu widmen, auch den Herren von der Rechten und dem Zentrum sympathisch fein sollte.
Staatssekretär Wermuth: Ich muß die Auffassung zurückweifen, als ob die Regierung für die Kriegsteilnehmer kein warmes Herz hätte. Deutschland steht mtt feiner Fürsorge für sie unter allen europäischen Staaten an der Spitze. Deutschland hat bereits l‘/i Milliarden für die Kriegsteilnehmer aufgewandt. Das Reich hat jetzt lwch jährlich 60 Millionen für sie aufzubringen und es läßt stch berechnen, daß die Gesamtaufwendung schließlich 2000 Millionen Mark überschreiten wird, also das Doppelte dessen, was ursprünglich für diesen Seck in Aussicht genommen worden war. Die Durch- rung der Anträge würde schätzungsweise 20 bis 23 Millionen erfordern. Wir besitze« aber augenblicklich keine Mittel hierfür. Für die Gewährung Der Unterstützungen legen Sie uns einen fertig ausgearbeiteten Gesetzentwurf vor, aber für die Beschaffung der Mittel beschränken Sie fich auf die Anregung, der Reichskanzler möge eine Wehrsteuer ausarbeiten lassen. DaS Wort „W ehrst euer* ist meiner Ansicht nach ein Wort ohne bestimmten Inhalt. Nu« ein paar Fragen: Soll die Wehrsteuer als Kopfsteuer erhoben werden? Nach welchem Maßstabe soll sie bemessen werben? Wie will man über bie Schwierigkeiten der Erhebungen bei einer stark fluktuierenden Bevölkerung hinwegkommen? Wie soll die Steuer überhaupt veranlagt werden? Wenn wir nur irgend eines der verschiedene« Wehrsteuersysteme vorschlage« wollten — ich bin überzeugt, wir würden hier dem lebhafteste« Widerspruch begegnen. Von dem Antrag auf Abschaffung bet Liebesgaben habe ich ben Eindruck, baß der Antrag nur ben Zweck haben kann, alte unb scharfe Gegensätze in btefem Haufe zu neuem Leden zu erwecken
Preußischer Landtag»
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 23. April 1910.
Die zweite Beratung des Ku linsetats wird beim Kapttel Elernentarschulwesen fortgesetzt.
Abg. Dr. Heß (Z.) wünscht Erhöhung der Reisekostenentschädigung an Elementarlehrer unb Lehrerinnen für bie Teilnahme an amtlichen KreiSfchulkonferenzen.
Abg. Dr. v. Jazbzewstt (Pole) bekämpft bie Ost- markenzulage, welche bei der Widerruflichkeit korrumpierend wirke.
Ministerialdirektor Dr. Schwartzkopff weist die Anschauung zurück, daß der Ostmarkenfond ein KormmptionsfondS sei.
Die Ostmarkenzulagen werben bewilligt.
Die Abgg. Bolger (ft), Dr. Schepp (Bp.), Hecken» roth (t), Frhr. v. Zedlitz (ft.). Hoff (Bp.) unb Geisler (Ztr.) wünschen eine Erhöhung bet Pension für Lehrpersonen. Letzterer betont die Notwendigkeit, daß allen pensionierten Lehrer« eine Pension von mindestens 1000—1200 Mark jährlich gewährt werde«.
Regierungskommiffar Altmaun erklärt, daß die Regierung den vor 1886 pensionierten Lehrern das größte Interesse entgegenbringt. Sie habe schon früher betont, daß bie Ruhegehälter mancher Lehrer zu nied- a feien und habe daher in umfangreichem Maße Bei- fe gewährt, fo im letzte« Jahre an rund 2500 Pensionäre Beihülfen von 291 Mark pro Kopf. Die von dem Vorredner bezeichnete Minimalsumme würde heute daher wohl in de« meisten Fällen schon erreicht.
Abg. Ernst sBp.) fordert eine Erhöhung der Unterstützung von Relikte« von Lehrer«, die vor dem 1. April 1900 verstorben ober in ben Ruhestand getreten seien.
Abg Schmedding (Z.) begrüßt eS, daß die Regierung in Westfalen einen Kursus zur Ausbildung von Lehrern im Handfertigkeitsunterricht eingerichtet habe. Die Zahl der Freunde dieses Unterrichtes nehme immer mehr zu. Wichttg sei es, daß de« Lehrer« möglichst billige Gelegenheit zur Ausdlldung in diesem Zweige geboten werde.
Abg. v. Schenckendorff (ntl.) und Abg. Dr. Schepp (Vp.) schließen fich dem Vorredner an.
Ein Regierungskommiffar erwidert, daß fich die Regierung die Förderung dieses Unterrichtszweiges angelegen fein lassen werde.
Auf eine Frage deS Abg. Rewoldt (ft) erklärt
Kultusminister von Trott zu Solz, daß der 100« jährige Todestag der Königin Luise in allen Schulen gefeiert werden folle.
Abg. Dr. v. Savigny (Ztr.) bittet ben Minister, ben Gesetzentwurf betr. Regelung des Taubstummenunterrichtes noch in dieser Session vo^unehmen.
Kultusminister v. Trott zu Solz sagt dies zu.
ES folgt daS Kapttel „Kultus und Unterricht gemeinfa m*.
Abg. Gruft (Bp.) wünscht Unterstützung für eine zweite katholische Kirche in Schneidemühl.
Ministerialdirektor v. Ehappui» sagt Hilfe für das nächste Jahr zu.
Abg. Runze (Bp.) wünscht Loslösung der Schule von der Kirche. Die Lehrer könnten, wie daS beispielsweise in Berlin der Fall sei, in ausgezeichneter Weise den Religionsunterricht erteilen. Die Freiheit bet Wissenschaft werbe vielfach durch die Kirche unterbunden. Weiter bitte er, die kirchlichliberalen Elemente nicht hinter die ttrchlich-postttven zurückzusetzen.
Abg. Hoffman« (Soz.) verlangt, daß die Geistlichen von den Kirchengemeinden besoldet würde« unb nicht vom Staate. Die Ausführungen bes BorrebnerS haben mir großartig gefallen. Wenn ich noch einmal ung wäre und hätte meinen Religionslehrer zu wählen, bann würde die Wahl unzweifelhaft auf Herrn Pastor Runze falle«. Ich bin sicher, daß ich bann auf meine Rechnung kommen würbe. (Schallende Heiterkeit hn ganzen Hause.)
ZumKapitel „Univ erst täten unb Charitee- krankenhaus Berlin" legt
Berichterstatter Dr. v. Saviguh (Ztr.) u. a. bie Grünbe bat, die gegen die Errichtung einer Universität Frankfurt a. M. sprechen.
Ein Kommisfionsantrag fordert zur besseren Ausgestattung der philosophischen Fakultät an der Universität Münster die Einstellung bedeutenderer Mittel in ben nächsten Etat.
Abg. Graf Clairo« d'Hauffonville (kons.) führt aus, ber Abg. Heß hat uns dieser Tage wenig Erbau
liches über bie zunehmende Entchristlichung unter einem Teile der Lehrerschaft gesprochen. Diese Entchristlichung kann nicht Wunder nehmen, weil sich auf ben Unb versitäten Lehrer beftnben, bie bie Religion unb Sittlichkeit angreifen. Vor mir liegt beispielsweise ein Werk beS Professor Seeck von der Universität Münster, worin er zu bemessen sucht, daß Kultur und Chrisien- tum etwas grundverschiedenes seien unb daß diejenigen Völker, die sich zum Christentum bekennen, auf ber ab» schüffige« Bahn wandelten. Redner verlieft mehrere Stelle« aus dem Buch, u. a. eine solche, an ber sich bet Verfasset über Joseph, Maria und ben heiligen Geist in einer Weise äußert, baß Zentrum unb Konfer. vative ihren Unwillen in lebhaften Pfuirufen Ausdruck geben. Das Werk führt ben Titel Geschichte bes Un .et- ganges der antike« Welt. Zmn Schluß fordert 91 einer für bie Universität Münster eine evangelisch-theologisch« unb eine medizinische Fakultät unb unterstützt die Anregung des Zentrums, einen Lehrstuhl für Genoss!«- schastsrvesen zu schaffen.
Abg. Dr. Rewoldt (freit.) fordert, daß die kleinen Universitäten nicht zu Gunsten Berlins brnachteilgt werden.
Wg. Eickhoff (fortschr. Bp.): Für Berlin geschicht von Staatswegen weniger als für die andere« Universitäten. Die Bibliotheksgebühren mißbilligen wir. Ein Lchrstuhl für Genossenschaftswesen ist nicht notwendig. Notwendig ist ber Ausbau der Universität Münster. k
Abg. Funck (nall.) spricht fich für bie Errichtung einer Universität in Frankfurt a. M. aus.
Montag: Fortsetzung.
X Offiziöses über die Wahlrechtsreform.
Vor acht Tage» legte die offiziöse ,Nordd. Mg. Atg/ die Ultimatum-Rede des Ministerpräsidenten in der Herrenhaus-Kommission dahin aus, daß die »einseitige Parteikonstellation*, d. h. die posfitive Mehrheit aus den Konservativen und dem' Zentrum nicht genüge. Heute klingt es an derselben Stelle deS offiziösen Blattes ganz anders.
Die StaatSregierung, so wirb da beredt ausgeführt, habe sich stets nur von dem sachlich en Interesse leiten lassen, baS barin bestehe, die Reform in einer befriedigenden und bauerfähigen Gestalt zu verwirklichen. SS sei „nicht verständlich", wie man in ben Erklärungen des Ministerpräsidenten Abneigung ober Vorliebe für einzelne Parteien hat erblicken könne«; Herr von Bechmann-Hollweg habe die Frage in keinem Stadium als Parteisrage behandelt.
Wie eine verschleierte Selbstberichtigung nimmt es sich aus, wenn die ,Nordd. Allg. Ztg/ sortsährt:
„Es ist auch nicht richtig, daß, wie noch ganz neuerdings in einer sonst zukreffenben Betrachtung behauptet worben ist, der Ministerpräsident bei seinem Vorgehen im Herrenhause die Mehrheitsverhältniffe im Abgeordnetenhause oder lediglich deren Aenderung im Auge gehabt hatte. Vielmehr war und ist es auf eine ihm sachlich unb als zweckmäßig notroenbtg er» schemenbe Aenderung bet Wahlrechtsvorlage selbst gerichtet.
Sollte das nun ein Versuch sein, die verfahrene Karre wieder auf den rechten Weg zu bringen? Falls das überhaupt noch möglich ist, bedarf eS dazu gewiß kräftigerer Mittel als solcher offiziöse» Stilübungen.
Der erwähnte vorwöchige offiziöse Ausfall gegen die „einseitige Parteikonstellation* ging über die diplomatische Sprache des Ministerpräsidenten hinaus. Lästerer war vorsichtig genug gewesen, die Beteiligung der Mtttelparteien zwar als sehr wünschenswert, aber nicht als unbedingt notwendig ßtt bezeichnen. Er wollte stch und sein Werk nicht in ene ausgesprochene Abhängigkeit von den National- iberalen bringen, die s. Z. dem Fürsten Bülow bei der Reichsfinanzreform so verhängnisvoll geworden. Aber wenn man dem Ministerpräsidenten so viel vernünftige Taktik zutraute, so mußte man sich um so mehr darüber verwundern, daß die in seiner Nachbarschaft er« cheinende oberoffiziöse „Nordd. Allg. Ztg." sich beeilte, seiner Rede eine parteipolitische Ausdeutung zu
Edith Büttners Liebe.
7] Roman von Fr. Lehne.
Für Edith empfand er viel Shmpathie; das frische anspruchslose Mädchen gefiel dem SJlann, bessern einfachen Sinn die Putzsucht und Eitelleit der eigenen Tochter nicht so recht zusagte, aber dagegen anzukämpfen war er ohnmächttg, umsomehr, da seine-Frau Martha blind vergötterte und fich von ihr vollständig beherrschen ließ.
Auch den Neffen hatte er gern gehabt; aber nun kam die Mißgunst, daß dieser kaum Achtzehnjährige Ostern schon sein Abittirium haben sollte, während Kurt erst das Einjährige bekam.
Was brauchten eigenüich diese „Hungerleider" Hren Jungen auf das Gymnasium za schicken? Eine gute Bürgerschule zu besuchen, wäre für Thankmar viel richtiger gewesen, dann ein Handwerk oder einen sonst prattischen Beruf ergriffen, um möglichst schnell Geld zu verdienen, was die Hauptsache war. So trug sich der Junge wohl gar mit dem Gedanken, zu studieren. Und er der Onkel war dazu ausersehen, die Kosten zu bestreiten? Na, damit sollten sie ihm nur kommeni Er hatte schon darauf gewartet — da kämen sie gerade an die richtige Adresse!
Das ungefähr waren Hildebrandts Gedanken, die Thankmar so ziemlich erraten hatte!
Nur mühsam wurde der verwandsschastliche Ber- kchr auftecht echälten. An den Festtagen bekamen Büttners große Einladungen; zu den Geburtstagen gratulierte man stch, unb zuweilen besuchten sich die Kusinen, bis auch das aufgehört batte.
Edith blieb sehr wenig freie Zett. Außerdem kam eine instinktive Abneigung gegen die Kusine hinzu, die auf Gegenseitigkeit beruhte.
Für Edith war Marthas heute auffallende Liebens- Würdigkeit fast bedrückend, weil sie einen versteckten Arund dahinter vermutete. ,
Und mtt dieser Annahme hatte sie auch nicht Un- N6t!---
S.
Edith Bürkner hatte fick heute besonders beeilt, rechtzeittg nach Hause zu kommen. Schnell wurde gleich in der Küche zu Abend gegessen und dann be- sorgte sie den Teettsch.
Aus die gestickte Serviette stellte sie eine mit Blumen gefüllte Vase sowie einen Teller mit Kuchen um den sie Taffen gruppierte.
Dann nahm sie noch einmal das Staubtuch zur Hand und wischte dmnit über die Möbel. Die Kusine sollte nicht Ursache haben, sich über die geringste Kleinigkeit aufzuhalten
EdichS stiller Wunsch war, daß Lucian Waldow heute nicht vottame, damtt Martha chn nicht sah.
ES hatte acht Uhr geschlagen, al» die Erwartete erschien.
Edith war ihr beim Ablegen des Mantels und deS Hutes behilflich, unb Martha ordnete danach noch lange an ihrer Frisur.
„Wie bübsch und gemütlich!" rief sie, als sie tn das Wohnzimmer trat
»Guten Abend, Tantchen!" Liebenswürdig reichte sie ber Angeredeten die ringgeschmückte Hand.
„Ich freue mich, daß Du einmal den Weg zu unS gefunden hast, liebe Martha', sagte Frau Bürkner ausstehend und die Nichte begrüßend. Wie geht'« zu Hause?"
„Danke, ganz gut Ich soll vielmals grüßen! Und Dir, Tante, wie geht eS Dir? Mir scheint, D« siehst ein wenig angegriffen aus!"
-Na, es geht immer so Wetter; ich muß mich recht in acht nehmen; mein Herz macht mir manchmal zu schaffen; Doch willst Du nicht Platz nehmen Marth- chen?? Onkel läßt stch eittschuldigen; er hilft FranzeS drüben bet den Büchern — schon gestern abend! Aber warum setzest Du Dich nicht aufs Sofa? Das ist doch bequemer. Komm, Marthchen!"
Martha Hlldebrandt folgte der Aufforderung und ließ dabei ihre Augen im Zimmer umherschweifen
Sie mußte fich gestehen, daß eS trotz aller Einfach- Helt schr gemütlid) war. Der Kachelofen verbreitete eine behagliche Wärme; die sauber geputzte Lampe warf einen lichten Schein auf den mit einem weißen
Tuch bedeckten Tisch; vor den Fenstern hingen blütenweiße Vitragen und Gardinen, und blühende Topfgewächse standen aus den Fensterbrettern. Die Hauptzierde des Zimmers war ein Klavier, auf dem Marthas scharfe Augen eine Photographie Lucian Waldows entdeckten.
Edith kam mit dem Tee herein.
„Thankmar wird Dir gleich „guten Abend" sagen, Martha", bemerkte sie, „und dann möchte ich Dir vielmals für das Jackett danken Ich weiß aber nicht recht, ob ich es tragen kann, es ist viel zu elegant für mich "
„Ach, Unsinn, wenn es Dir paßt, warum nicht? Ich hab's Dir gern gegeben. Du tatest mir gestern in Deinem dünnen Kleide leid, und ich habe in diesem Jahre einen Mantel und ein Kostüm bekommen. Du kannst auch mein grünes Tuchkleid vom vorigen Jahre haben; es ist noch ganz gut Ich habe es nicht viel getragen, da es mir reichlich knapp war; in den nächsten Tagen werde ich es Dir schicken. Die Heinen Aenderungen, die nötig find, könnt Ihr selbst besorgen."
„DaS ist zuviel, Marthchen, das können wir gar nicht annehmen", sagte Frau Büttner, innettich hoch erfreut, während Edith kaum einige DankeSwotte zu stammeln vermochte-
Sie wollte nichts — nein — sie wollte nichts!
Martha hörte aber gar nicht darauf; sie sprach eifrig mtt der Tante, die stch in überschwänglichen DankeSäußerungen erging, tvas Edith förmlich web tat und bedrückte.
Erleichtert atmete sie auf, als Thankmar ins Zimmer trat, Martha zu begrüßen.
„Na, Lady — so ist ja wohl Dein Kneipname — flehst Du, wie gut mein Gedächtnis ist, trotzdem wir unS fo lange nicht gesehen haben! Du bist ja ordentlich noch gewachsen! Und ein Bärtchen bekommst Du auch schon —* Martha lachte, olB fle ba8 sagte. „Bist wohl immer fleißig beim Lernen? Na, übermorgen gibttS ja Ferien."
„Die Ruhe vor dem Sturm. Nachher heißt'« tüchtig 'ran, wenn man sein Examen bestehen will, Martha! — Ja Dtta, eine Taffe Tee trinke ich gern mtt.
wenn eS bie Damen gestatten —* das mit leichter Verneigung zu Martha hin.
„Aber natüttichl Und zu mir aufs Sofa darfst Du Dich auch setzend
Sie rückte ein wenig Beifette, daß er Platz bekam.
Man plauderte von diesem und jenem, bis Martha fragte:
„Nun, Lady, was möchtest Tu eigentlich werden? Diese Frage tritt doch immer näher an Dich heran'
Aengsttich sah Frau Büttner von ihrem Strick- sirumpf auf, was Thankmar wohl antworten würde.
„Ich möchte Arzt werden, Martha/
„Studieren willst Du — und Medizin?" lautete beten erstaunte Frage. „Das ist doch das teuerste Studium?"
„DaS weiß ich, liebe Kusine, aber trotzdem hoffe ich es zu ermöglichen. Ich habe feit Untersekunda bis jetzt Stunden gegeben; das meiste von dem dadurch verdienten Gelbe liegt auf der Spattaffe. Dann hoffe ich einige Stipendien zu bekommen, vielleicht auch eine Famulusstelle — Du weißt, „wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg" — ich schaue mit gutem" Mute in dir Zukunft!'
„Ernst VrunS, Du weißt doch, von dem reichen Bruns der Sohn, hat aufhören muffen, weil es zu teuer wurde', warf Martha ein-
„Ja, liebe Martha, der hatte auch nichts weiter als den Fechtboden, die Ecleurkneipe und den Bummel im Sinn! Der war schon ein uralte« Semester geworden und hatte noch nicht mal das erste Examen gemacht. Hörsaal, Anatomie ufw kannte er wohl nur vom Hörensagen; da kann ich eS seinem alten Herm schließlich nicht verdenken, wenn ihm der Geduldsfaden endlich riß! So hoch versteigt sich mein Ehrgeiz übrigen« nicht, Korpsstudent zu werden! Ich will nicht bummeln, ich will arbeiten, damit ich es zu etwas bringe! Keineswegs veichehle ich mir, daß harte, entbehrungsreiche Jahre vor mtt liegen; aber ich hoffe, sie zu überstehen — der liebe Gott vettäßt keine» Deutsche»!" ~ ~
Wocksetzung folgt.)