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gebet gescheitert ist. Geheimrat Wiedfeldt erklärte, daß er den Mißerfolg seiner Bemühungen vorausgesehen habe. Zu einer Verständigung sei es jetzt zu spät, es hätte dazu kommen können, ehe beide Parteien von ihren Organisationen zu einer bestimmten Stellungnahme verpflichtet worden seien. Das Reichsamt des Innern werde sich durch das Scheitern seines Einigungsvecsuches nicht abschrecken lasten, diesen in einem späteren Stadium des Kampfes, hoffentlich mit besserem Erfolge zu wiederholen. Seiner Ansicht nach werde der Kampf ebenso heftig wie langanhaltend sein, da Arbeitnehmem wie Arbeitgebern große Mittel zur Verfügung ständen und ein Teil der Unternehmer sich überhaupt keinem Tarifverträge un- tertoerfen wolle. Die Negierung könne vorläufig den Ausbruch des Kamvfes nicht verhüten, doch werde sie alles tun, um ihn abzukurzen, da er das ganze Baugewerbe schädige.
Die Forderungen der Arbeitnehmer sind so dargestellt, daß eigentlich nur Ablehnung erwartet werden konnte. Man braucht nur auf eines hinzuweisen: auf die Forderung, daß die Gewerkschaften im Tarifvertrag den einseitigen Arbeitsnachweis der Unternehmer anerkennen sollten. Wer irgend etwas von diesen Dingen versteht, der müßte wissen, daß das eine ganz unmögliche Forderung ist. Einen Arbeitsnachweis, den die Arbeitgeber allein in Händen haben und mit dem sie also auch Maßregelungen aller Art durchführen können, können die Gewerkschaften nicht ausdrücklich anerkennen, Wenn die Arbeiter sich in einer Zwangslage befinden, werden sie natürlich einen solchen Arbeitsnachweis hinnehmen müssen, daß sie ihn aber noch ausdrücklich anerkennen sollen, kann man doch nicht verlangen. Die Gewerkschaften lehnen es ferner ab, daß die Tarifverträge zwischen den Zentralvorständen der Organisationen abgeschlossen werden sollen; Träger der Tarifverträge müßten wie bisher die örtlichen Organisationen fein, und die Zentralvorstände hätten sie nur zu überwachen. Ob dies begründet ist, kann der Außenstehende schwer beurteilen. Es gibt Tarifverträge, die zwischen den Zentralvorständen abgeschlossen sind und sich gut bewähren; doch mag es fein, daß die Verhältnisse im.Baugewerbe anders liegen. Dagegen wird man es begreifen, daß die Arbeiter Mindestlöhne fordern und sich auf K l a s s e n l ö h n e und auf Begriffe wie „tüchtiger" oder „geübter* Arbeiter nicht einlasten wollen, denn dies würde Willkürlichkeiten ermöglichen, und der Wert eines Tarifvertrags liegt doch gerade in der Sicherung gegen Willkür überhaupt und gegen Willkür bei der Lohnfestsetzung insbesondere. Eine tothere Forderung des Arbeitgeberbundes, die man den Gewerkschaften wahrhaftig nicht zumuten durste, betrifft die Akkordarbeit. Es ist natürlich nichts dagegen zu sagen, daß der Bund der Akkordarbeit ein größeres Gebiet eröffnen will, und die Gewerkschaften erklären ja auch, daß sie bereit seien, darüber zu verhandeln. Der Ar- bätgeberbunb verlangt aber, daß sich die Gewerkschaften jeder Einflußnahme auf die Akkordarbeit und die Akkordlöhne zu enthalten hätten, sodaß also die Gewerkschaften, wenn etwa Unternehmer durch 'Akkordlöhne, die „frei* vereinbart würden, den Tarif illu- sotisch machten, nichts dagegen tun und nicht einmal hineinredcn dürsten. Wie kann man von Gewerkschaften fordern, daß sie auf eine solche Bestimmung eingingen, die ihre Mitglieder unter Umständen der Willkür ausliefetn würden?
Schon die Natur dieser Forderungen des Arbeit- geberblmdes läßt keinen Zweifel, daß es ihm um eine Tarifvereinbarung mit den Arbeitnehmern ernstlich nicht zu tun war. Noch klarer aber erhellt dieses wenn man die A r t u n d W e i s e d e s Vo r g eh e ns des Bundes betrachtet- Scho« im Jahre 1908 stellte der Bund ein einseitiges Vertragsmuster auf, von dem einzelne Bestimmungen als unabänderlich bezeichnet wurden Rur unter den größten Schwierigkeiten — es war das Verdienst des Geheimrats Wiedfeldt — gelang es damals, einen Tarif zu erreichen. Diesmal aber ging der Bund noch weiter. Zu den „Verhandlungen* mit den Arbeitnehmern sowohl wie in der Einigungskonferenz wurden die Vertreter der Arbeitgeber mit gebundener Marschroute ent= fanbt, über die wichtigsten Bestimmungen war ein Verhandeln unmöglich. Die Arbeitnehmer konnten nm annehmen ober ablehnen. Das ist natürlich kein Weg, auf dem man zu einer Tarifvereinbarung kom-
ist «S endlich gelungen, den deutschen Landstreicher Tockhorn, der im Sußgebiet (unter dem 29. Grad nördlicher Breite) längere Zeit gefangen gehalten war, zu befreien und nach Mogador zu bringen. — Amtlich wird dieser Meldung angefügt: Es muß dringend vor Reisen in den dem europäischen Handel nicht eröffneten Teilen Marokkos gewarnt werden. — Die Meldungen von der bevorstehenden Hungersnot in Südmarokko wird übertrieben. Die Ernte wird jetzt als normal geschildert.
men kann. Auf der außerordentlichen Hauptversammlung de? Arbeitgeberbundes hat dies einer der Delegierten offen anerfannt, indem er sagte: „Wir dürfen nicht einfach biftierenl Die Arbeiter sind auch Menschen und man kann es begreifen, wenn sie sich gegen diese Diktatur wenden.* In der Tat blieb den Arbeitnehmern unter diesen Umständen nur die Ablehnung übrig. Die Arbeitnehmer waren zu Verhandlungen bereit. Die Vertreter des Arbeitgeberbundes dagegen lehnten auch in der von der Regierung einberufenen Einigungskonferenz jedes Verhandeln ab, sie lehnten den Vorschlag ab, die Streitpunkte der Entscheidung durch drei Unparteiische zu überweisen, sie erklärten sich ablehnend, als Geheimrat Wiedfeldt fragte, ob seitens der Regierung neue Vorschläge gemacht werden sollten, und sie begründeten ihre Ablehnung damit, daß die Beschlüsse des Bundes unabänderlich seien.
Die Schuld an dem Nichtzustandekommen des Tarifvertrags hegt darum ausschließlich auf der Seite des Arbeitgeberbundes. Der Kampf ist nun eröffnet. Seine Bedeutung erschöpft sich nicht in dem Vorgehen gegen die ausgesperrten Bauarbeiter, sie reicht weiter. Der Hauptsitz der scharfen Richtung im Arbeitgeberbunde ist der Westen. Man weiß, daß die Unternehmer im Baugewerbe nicht auf eigene Faust und auf eigenes Risiko vorgehen. Sie werden geschoben und unterstützt von anderer mächtigerer Seite- Es gilt nicht allein, die Bauarbeiter zu treffen, sondern man will der Gewerks chaftssache überhaupt einen tödlichen Stoß versetzen, man will insbesondere auch dem Zwangsarbeitsnachweis der Unter nehmet die Wege bahnen Die Gewerkschaften wUen, was auf dem Spiele steht, und sie sind bereit, den Kampf bis zum Ende durchzuführen Die Achtung gebietende Opferwilligkeit der Gewerkschaftsmitglieder läßt erkennen, daß die Gewerkschaften die äußersten Anstrengungen machen werden, in dem ihnen aufgedrungenen Kampfe zu siegen. Und sie haben gute Hoffnung auf den Sieg, weil ihre Sache eine gute ist.
Für die Aussichten des Kampfes ist es von entscheidender Bedeutung, wie weit die Arbeitgeber im Bmigewerbe sich solidarisch erklären werden. Viele Unternehmer sind. dem Kampfe wenig geneigt, zum Teil weil sie das Vorgehen des Bundes nicht billigen, zum Teil, weil sie Bedenken tragen, in einer Zeit auf- steigender Konjunktur ihre Betriebe stillzulegen. Zwar wird man versuchen, die Betriebe, die sich an der Aussperrung nicht beteiligen wollen, durch Boykottierung seitens der Lieferanten zum Anschluß zu zwingen. Aber es ist noch ungewiß, ob sich dieses Mittel wird durchführen lassen. Die Oeffenilichkeit steht auf Seiten der Gewerkschaften, und die Aussichten des Kampfes stehen für die Gewerkschaften nicht ungünstig.
[] Bor Der Schlacht.
Im deutschen Baugewerbe sieht es recht bedenklich aus. Die Vertreter der Arbeitgeberverbände .haben, als die Ausgleichsberatungen ohne Ergebnis verlaufen waren, wie schon telegraphisch gemeldet, beschlossen: Alle Bauarbeiter mit Aus- ,nähme derjenigen von Hamburg und vorläufig Berlin sind am 15. April auszusperren.
Damit ist die Entscheidung gefallen. Es wird zum Kampf kommen, in den beide Teile mit äußerster Entschlossenheit ziehen.
Die Kämpfe zwischen Arbeitgebern und Arbett- nehmern sind im allgemeinen als eine Angelegenheit der beteiligten Parteien auszufassen, an deren Verlauf die Allgemeinheit nur mittelbar interessiert und deren Entscheidung den Parteien zu überlassen ist. Gegenilber dem bevorstehenden Riefenkampfe im Baugewerbe aber kann die Allgemeinheit nicht in der Rolle des unbeteiligten Dritten verharren, dafür ist die wirtschaftliche und prinzipielle Bedeutung des Kampfes zu groß.
Von allem Anfang an muß beachtet werden, daß' dies ein Kamps sein wird, den der Arbeitgeberbund gewollt hat, den er entfesselt hat, um den Geweckschaften einen empfindlichen, wenn möglich einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Das tft der entscheidende Gesichtspunkt für die Beurteilung der ganzen Sache, es ist der Gesichtspunkt, unter dem sich die öffentliche Meinung, wenn sie gerecht sein will, zu dem Kampfe stellen muß.
Es sind folgende Tatsachen, die die Frage der Schuld an dieser entsetzlichen Katastrophe, die über unser gesamtes deutsches Wirtschaftsleben hereinzubrechen droht, klarstellen:
1. Die Arbeitgeber arbeiten seit Jahren auf einen Entscheidungskampf hin- Zu diesem Ende haben sie ducchgesetzt, daß an diesem 1 April in ganz Deutschland alle Tarifverträge ablaufen.
2. Sie haben für diese BerhanRungen für ganz Deutschland Forderungen aufgestellt, von denen sie wissen mußten, daß die Arbeiterschaft sie nie und nimmer annehmen kann.
3. Sie haben ferner am Freitag bei den Beratungen vor dem Regienmgsmt Dr. Wiedfeldt mit allen Mitteln die Erlangung eines Friedens unmöglich gemacht.
Bei der Beratung unter dem Vorsitze des Geheimrats Wiedfeldt konnte das unwidersprochen fesigesMt toerben. Es wurde da nachdrücklich betont, daß die Einigung nicht an den Forderungen der Arbeitnehmer, sondem an den Forderung« n der Arbeit-
Ausland.
* Englands neuester Dreadnought „Kolossus" ist in Greenock vom Stapel gelaufen, Er mißt 22,600 Tons, Hal also 4100 mehr als der ursprüngliche Dreadnought. Er ist 548 Fuß lang, 86 Fuß breit, und hat eine geplante Geschwindigkeit von 21 Knoten; er wurde in neun Monaten gebaut.
* Tie Reife des Königs Ferdinand nach Konstantinopel hat nicht lange nachgewwkt: Türkische Soldaten wurden zwischen Bunar und Karabulak von einer bulgarischen Grenzwache beschossen. Ein Mann wurde verwundet. Das Feuergefecht dauerte zwei L-trmden, bis Offiziere das Feuer zum Schweigen brachten.
* 651 jüdische Familien mit gegen 2700 Mitgliedern wurden aus Kiew in Rußland ausgewiesen.
i Der Kampf um die Minenrechte iu Marokko nimmt in der Presse aller Länder seinen Fortgang. Jetzt wird berichtet: „Die immer wieder in der Presse verbreiteten Gerüchte über die Landung einer deutschen Gesellschaft am Riff, die den Zweck habe, Minen auszubeuten, sind erfunden. Wenn überhaupt, so kann nur eine holländische Gesellschaft in Frage kommen, die vielleicht versucht, Minenansprüche in dortiger Gegend geltend zu machens!* — Den Bemühungen des deutschen Vizekonsuls v. Maur in Mogador
M 81.
m»nl«9 den U- April WO.
, 57. Jahrgang.
2. Biart.
Druck und Verlag der zuldaer »etlendrnckerel tu fsulda.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 9. April 1910.
«Ts-,. Eit« 2efu.ua der Etat« der Bauverwaltung n,ur® in unwerÄet Debatte zu En°e geführt Dabei wurden 'ür die Erweiterung des! tz-chutzhafens bei Hameln 50000 Mk. bewM'gt. Auch stellte man auf Antrag des Abg. Grasen Spee (Ztr.) den von der Budgetkornrnffsion gestrichenen Posten für Umbau« arbeiten im Abgeordnetenhaufe wieder in den Etat em.
Alsdann wurde der Gesetzentwurf betr. die Ber- meidung von Doppelbesteuerung bei Heranziehung zu direkten Kommunalsteuern in verschiedenen Bundes- staaien in erster Lesung angenommen.
ES folgte die erste Lesung des Gesetzentwurfes Über die Vcrpfl chiung zum Besuche ländltcher Fortbildungsschulen in der Provinz Echtesten.
Während Abg. v. Piittwitz (tonf.) die Zustimmung zur Vorlage auf die Regelung der Verhältnisse in der Provinz Schlesien beschränkte, trat Abg. Geißler (Ztr.) auch prinzipiell für die Vorlage ein. Er beklagte im übrigen, daß der Wille der kleineren Landwirte im Kreisansschuß gegenüber dem Willen des Landrates zu wenig zur Geltung komme. Bezüglich der Lehrgegenstände namentlich inbezug auf den Religionsunterricht hielt er Kommifsionsberatnng für nötig. — Im wetteren Verlauf der Debatte kündigte
Landwirtschastsminister v. Arnim an, daß das Gesetz über das ländliche Fortbildungsschul- wefen im Sinne des vorliegenden Entwurfes in Kürze für die Provinzen Eachien, Pommern, Westfalen u. Rheinprovinz eingebracht werden würde.
Die Vorlage wurde darauf an die Gemeinde- kommifsion verwiesen.
Montag: Eifenbahnetat.
Aus dem Nachbargebieie.
♦ Seiferts (Rhön), 9. April 1910. Einen umfang- reichen Holzdiebstahl in König!. Preuß. Staatswaldungen hat man hier entdeckt. Bei vorgenommenen Haussuchungen hat man an verschiedenen Stellen gestohlenes Holz (meist Stämme zum Bauen) gefunden. Schon monatelang sollen die Diebstähle aus« geführt worden sein. '
— Kreuzberg i. b. Rh., 8. April 1910. Um Touristen, die auf ihren Rhönwanderungen den Kreuzberg besuchen wollen, vor Unannehmlichkeiten betreffs Nachtquartier zu bewahren, werden die größeren Wallsahrtstage bekannt gegeben. Als solche sind zu nennen: Das Fest Kreuz-Auffindung (3. Mai), der Pfingst- dienstag (17. Mai), dasSt. Antoniusfest (IZ.Juni), Johanni (24. Juni), Peter und Paul (29. Juni), Kiliani (8. Juli), Portiunkula (7. Aug.), Kreuz- erhöhung (14. Sept,), Franziskus (4. Oft.) — Größere Prozessionen werden erwartet: am 17./18.Aug. von Karlstadt; am 21./22. Aug. von Würzburg; am 27728. Aug. von Ochsenfurt; am 28./L9.August vonEierdorf, am 4.Sept. vonArstein. Touristen, die auf St acht quartiere rechnen, sind darum für den Besuch des Kreuzberges die genannten Tage besonders der 21./22. August nicht zu empfehlen, während andererseits gerade diese Tage viel des Erbaulichen und Interessanten bieten. Die sonstige Verpflegung der Touristen, wird durch die Anwesenheit der Wallfahrer nicht beeinträchtigt.
* tzersseld, 9. April 1910. Durch den Fortfall des Fteif chstellers vom 1. Aprll ab erleidet die Stadt in ihren Einnahmen einen Ausfall von etwa 28000 Mark. Um denselben auszu gleichen, sollen von jetzt ab für die Benutzung des städtischen Schlachlhauses Benutzungsgebühren erhoben werden; erstere sind ziemlich bedeutend. — Die hier bestehende Biersteuer-Ordnung hat insofern eine 'Änderung erfahren, daß die Abgaben für Bier 56,6 Pfg. auf 65 Psg. pro Hektoliter erhöht wurden.
* Vom Westerwald, 9. April 1910. Die in der letzten Zeit aufgetauchten Gerüchte, die AuS- sührung des Planes der Nistertal- Sperre drohe zu scheitern wegen der beabsichtigten Errichtung von Elektrizitätswerken in Höhn und (Sarben und wegen der voraussichtlich nicht erfolgenden Genehmigung zur Enteignung der beiden Dörfer Heimborn und Ehrlich, bi« der Sperr« weichen müssen, sind falsch und grundlos. Die enbgfilfigen Pläne zur Errichtung der Sperre werden in aller Kürze den Behörden emgereicht werden. Der Baler des Planes, der Kaufmann Ganser von Altenkirchen, der die Vorarbeiten ein« leitete und Stimmung für das Werk machte, ist kürzlich gestorben.
* Triebes (Reuß), 9. April. Um den S p a r - sinn zu fördern, beschloß der Gemeinderat aus Anregung des Sparkasfenausschuffes, jedem zu Ostern in die Schule eintreienben Kinde ein Sparkassenbuch mit 1 Mark Einlage zu fdienten.
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^etiranbmarät
53] Roman von G. Freifrau von Schlippenbach.
Sie atmete tief und schwer, der Prinz faßte ih~e Hand und sagte erfreut: „So darf ich hoffen? Sie wollten wirklich — wirklich —*
Er konnte nicht weiter sprechen, eine Veränderung ging mit seinem Gesicht vor, alle Freude, alles Glück, alle Hoffnung wichen aus demselben. Rottraut hatte schwermütig den Kopf geschüttelt. . „Ich kann Ihre Werbung nicht annehmen*, preßte sie hervor.
Der Prinz gab ihre Hand frei und legte die feine einen Augenblick auf feine Stirn, dann sprach er langsam: „Es ist begreiflich, ich, ein alter Mann und Sie in der Blüte Ihrer Jugend und Schönheit. Vergeben Sie mir. daß ich gcglmtbt, es könne im Herbste noch einmal Lenz werden."
Er wollte gehen, aber Rottraut hielt ihn mit einer flehenden Geberde zurück.
„Richt so, mein Prinz*, bat sie weich. „Wir dürfen uns so nicht trennen! Sagen Sie mir, daß Sie mir nicht zürnen — es würde mich sonst tief unglücklich machen! Erhalten Sie mir Ihre Freundschaft, Ihr Wohlwollen —*
Sie hatte die Hand auf seinen Arm gelegt, und Tränen flössen über ihr schönes Gesicht. Da zog er ihre kleine, weiße Hanb an seine Lippen.
„Gott segne Sie — leben Sie wohl!*
Me Portiere fiel hinter ihr zu, Rotfraui war allein — sie glaubte es wenigstens, bis ein leises Geräusch sie aufschauen ließ. AuS der Muschelgrotte trat Hartwigs hohe Gestalt, er blieb zögernd einige Schritte entfernt stehen.
.Verzeihen Sie*, sagte er, „ich bin unfreiwillig Zeuge Ihrer Unterhaltung gewesen, cS war mir unmöglich, den Wintergarten zu verlassen.*
Rottraut war noch so erregt, daß sie zitterte, erst nachdem sie sich gewaltsam gefaßt, sprach sie:
„Sie haben gehört, was mir der Prinz in her Reiften, zartesten Weise gesagt! Aber Sie begreifen
es gewiß nicht, daß Günther Erichs Tochter — die Gebrandrnackte — dennoch „nein* sagte!*
Hartwig wollte etwas entgegnen, doch Rottraut fuhr fort: „Es schmerzte mich, den Mwm zu enttäuschen, der mir das Beste bietet, was et besitzt, feinen Namen und sein Herz. Ich wünschte, es wäre mir erspiirt gebfieben."
„Sie hätten ihm ja auch durch mich die Antwort schicken können!* versetzte Hartwig „Der Aufschub berechtigte ihn, zu hoffen.*
Der tadelnde Ton reizte sie
„Darüber habe ich doch wohl allein zu bestimmen, Herr Graf, oder ist es Sache des Familienoberhauptes daß er den postillon d'amour spielt? Ich denke, er hat genug damit zu tim, die schwarzen Schaft deS Geschlechts in Zucht und Ordnung zu halten! *
„Ja*, antwortete Hartwig, aufs äußerste gereizt, „besonders wenn sie uns Schande machen, wie es der „wilde Pftileck* getan.*
Kaum gesprochen, reute chn das häßliche Wort und er hätte es gern zurückgcnommen. Einen Augenblick schwankte Rottraut, wie von einem schweren Schlage getroffen, sie war sehr bleich geworden und wieder trat der harte Zug hervor, während es wie Abscheu in ihren äugen blitzte.
-Ich räume Ihnen das Feld*, sagte sie — wir kämpfen mit ungleichen Waffen — Sie kennen" die Stelle, wo ich verwundbar bin, — nur finde ick es unedel, diesen Vorteil auszunützen.*
Sie ging zum Eingang des Wintergartens aber noch ehe sie ihn erreichte, öffnete sich die Tür und Willis stürzte in einem Zustand höchster Erregung ber- ein gefolgt von Stahlbach, der ihre Stimmung zu teilen schien. a 3
Nottraut!' rief sie leidensckrnstlich und warf sich bi die Arme bet Schwester — „ist es wahr was der Freiherr Dietrich sagte? O, Gott, ich kann eS nicht glauben — es wäre zu schrecklich'*
d-nn, mein Liebling? Beruhige Dich doch* bÄ Rottrmlt ganz erschreckt, das blonde Köpfchen an sich ziehend.
Willis neigte sich zu ihrem Ohr und flüsterte: „Er sagte, daß unser Vater der Schandfleck der Familie gewesen sei, er habe im Zuchthause gesessen und Hellmuth — ich meine Herr von Mahlbach, möge nur nicht vergessen, wie sein Vater durch Selbstmord geendet — durch Günther Erichs Schuld.*
Hartwig war inzwischen auch näher getreten und sprach leise mit Hellmuth. Rotkraut streichelte das blonde Haar ihrer Schwester, es fiel ihr unendlich schwer, Willis mitzuteilen, was ihr bisher Geheimnis gewesen. Also sollte auch das unschuldige Kind gleich ihr leiden und den Glauben an das verlieren, was jedem Menschen das Höchste bleiben müßte: „die Liebe und Verehrung für den Vater!*
„Du antwortest nicht', hauchte das junge Mädchen. „So ist es also wahr? O, es ist schrecklich, schrecklich!*
Sie brach in leidenschaftliches Meinen aus. Stahlbach und Hartwig wollten den Wintergarten verlassen ,ein Ruf aus Rottrauts Munde hielt sie jedoch zurück.
„Gras Pfeileck, wohin wollen Sie?* fragte sie voll banger Ahnung.
„Rechenschaft fordern von dem, der Ihre Schwester beleidigte', antwortete Hartwig. „Das Familienoberhaupt ift her Schirmherr der Bedrängten, her Beschützer der Schwachen, er kennt seine Pflicht.*
Und festen Schritte? verschwand Graf Pfeileck, gefolgt von Hellmuth Stahlbach---
Während sich dieser Auftritt im Tiesenhaller Wintergarten absvielte, war das Dorf Pftilbiirg in großer Aufregung. In der dritten Morgenstunde erwachte Zacharias von einem Geräusch in seinem Laden, und als er sich angekleidet hinschfich, fand er denselben erbrochen. Der Dieb mußte entflohen sein, denn noch brannte das Lichtstümpfchen und die Tür stand offen. Der alte Händler rief laut um Hilft; alsbald erschienen die Hausgenossen und Nachbarn, und man besah sich den ungerichteten Schaden. Wohlweislich behielt der vorsichtige Me sein Geld nicht im Laden
sondem in einem eifernen Kasten unter seinem Bett herftefi; nur die Schublade war erbrochen, in welcher sich die Tageskasse befand, sonst schien alles unberührt, und schon wollte Zacharias sich trösten, als er plötzlich aufschrie: „Meine Brieftasche, wo ist meine Brieftasche?'
Er rannte im Laden umher, durchsuchte seine Kleider und seine Kammer und geberdete sich immer erregter. „Mußte ich sie auch gestem zum Unglück in der Schublade verschließen, wo ich sie sonst immer bei mir trage!* jmnmette er. „Mein Gott mein Gott — was würde der Freiherr sagen, wenn er das wüßte! Hat er doch dem alten Krämer mehr bertrrut als fonft einem Menschen auf her ganzen Welt!*
„Was sprecht Ihr da?* fragte eine Nachbarin. „Seid Ihr vor Schreck irre geworden?*
„Laßt mich allein, laßt mich allein!* jammerte der Alte, indem er alle hinaustrieb. Dann setzte er sich auf den Schemel und wiegte sich hin und her, wobei er leise stöhnte und vor sich hermurmelte.
„ES wftd her Anton Zacher gewesen sein* — flüsterte er — „her Kerl ist gestem abend zu mir gekommen und hat Geld bedangt Als ich ihm keins gab, wurde er böse und drohte mir. Ach! hätte ich nur die Brieftasche mit dem Papier gerettet! Ich habe ja doch geschworen, eS zu hüten, wie den Augapfel in meinem Kopf.*
Durch die Stille her Nacht klingelten die Glöckchen des mssischen Dreigespanns, das die Bewohner der Pfeilburg heimführte. Lady Deepmoore, Edith und Fürst Amossoff saßen in einem anderen Wagen, der vomnfuhr. Die beiden Schwestern fühlten das Bedürfnis allem zn sein und hatten deshalb daS halb offene Gesähtt oorgezogen. Rottraut hatte zärtlich dm Arm um Willis gelegt, sie sprachen leise mit einander. Hellmuth und Hartwig hatten sie nicht mehr gesehen, auch her Freiherr Dietrich war plötzlich ander Gesellschaft verschwunden-
Wie furchtbar schwer fiel es her älteren Schwester, ihrem Liebling die Wahrheit zu geftehenl
(Fortsetzung folgt)