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Erstes Blatt

Fulda, Montaa den 11. April 19'10.

Jv3 81.

37. Jahrqanf

zu hören holung r

nunfl, sodaß die Einschreiten keine Versammlung in 20000 Personen als Redner für

Ord- zum Die etwa hatte

bekleideten Spediteurwagen zehn Rednertribünen errichtet, vor denen sich von 12 Uhr ab die Wahl­rechtsdemonstranten versammelten. Daß auch hier alle Register gezogen, mit Schlagworten und Super- lativen viel gearbeitet und besonders gegen Konser­vative und Zentrum eifrig gewettert wurde, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung. Auf allen Tribünen herrschte der gleiche brutale Ton, wie man

Polizei unseres Wissens Veranlassung hatte. — Humboldthain wo

getragen hatten, mußte die Versammlung auf- gehoben werden. — In Mont Demarson (Dep. Landes) wurde der so.rialistiiche Kammerkandidat Cathala auf der Rückkehr von einer Wählerver- sammlung von Parteigegnern überfallen und durch Steinwürfe schwer verwundet. Ein anderer An­schlag wurde gegen den sozialistisch-radikalen Kandi­daten Loustalot verübt, indem auf der Straße, welche er nachts mit seinem Automobil passierte, eine Art Barrikade errichtet wurde. Das Automo­bil wurde schwer beschädigt, doch erlitten die In« saffen keinen Schaden. — Während einer Rede oes Ministerpräsidenten Briand bei einem Bankett in St. Chamond kam es draußen zu stürmischen regierungsfeindlichen Kundgebungen. Die Fensterscheiben des Bankrttsaales wurden ein­geworfen. Briand unterbrach seine Rede, zündete sich in aller Ruhe eine Zigarette an und wartete das Ende des Tumulies ab. Die Teilnehmer am Bankett spendeten Briand lauten Beifall. Die Tumultuanten wurden von der herdeigcrusenen Gendarmerie zurückgedrängt. Von der Polizei wurde ein Mann verhaftet, der ohne Eintrittskarte sich Einlaß verschaffen wollte. Bei dem Eindring, ling wurde ein Revolver gefunden. — Wenn das so weitergeht, dann kann man in der nächsten »seit noch allerlei erleben.

* Heber den Besuch des Königs von Serbien in Konstantinopel ist ein offizielles Com- muniqus ausgegeben worden in dem wie üblich konstatiert wird, daß der König wie der Sultan von dem gleichen Wunsche beseelt sind, nämlich die allgemeine Wohlfahrt der Türkei und Scr- biens unter dem wohltätigen Einfluß einer auf. richtig friedlichen, von den Gefühlen wechsel- seitiger Freundschaft durchgedrungenen Politik sich entwickeln zu fehen. — Der König von Serbien ist am SamStag an Bord der Jacht des Sultans

«nrnahme bet $».m=

Feiertage viertel- ftfckicherVerugsprerr ohne vrkngenohn und VesteLqeld in Fulda so­wie auswärts! 5vlM.

t^rantro. Redaktenr r «arlSchü te;

3 "'XÄ«. Woche«,ar-: „Illustrierte Sonntagrzewmg

wird, aus der Niederlage deS Zentrums Kapital zu schlagen und die Lösung der Reichsfinanzreform für das Resultat der Mombacher Wahl als Er­klärungsgrund heranzuziehen. Und doch ergeben sich für diesen Erfolg der sreisinnig-sozialvemokrati- schen Liste ganz andere Gründe. Zunächst han­delt es sich bei dem vor einigen Jahren nach Mainz eingemeindeten Mombach — und die gestrige Ersatz­wahl erstreckte sich lediglich auf diese Gemeinde — um eine industrielle und von der Sozialdemo­kratie stark durchseuchte Gemeinde, in der die Roten bei Reichstagswahlen schon seit einem Jahr­zehnt über die absolute M ehr he it verfügen. Bei der vorletzten Landtagswahl gelang es dem Zentrum nur dadurch die relative Mehrheit zu erhalten, daß die Nationalliberalen eine eigene Liste aufftellten und damit eine Zersplitterung der gegnerischen Stimmen herbeigefnhrt wurde. Die Zentrumsliste siegte damals mit 416 gegen 414 freisinnig-sozialisti­sche Stimmen, wodurch der Ausschlag im ganzen Wahlkreis für D> . Frenay gegeben war. Dieses Resultat, das einen recht knappen Sieg bedeutete, wurde auch nur dadurch erreicht, daß die National­liberalen nahezu geschlossen für den Zentrums­kandidaten eintraten.

Nachdem die Kammer das Resultat der Mom­bacher Wahl für ungiltig erklärt hatte, weit eine größere Anzahl von Nichthesien gewählt, hätte man erwarten dürfen, daß die nationalliberale Wahl- hilse auch bei der Nachwahl dem Zentrum zu­teil würde. Diese Erwartung war um so berechtigter, als man noch vor wenigen Wochen bei der Mainzer Ersatzwahl für den zurückgetrctenen NationaUiberalen Dr. Pagenstecher die Wahlmänner des Zentrums bis auf den letzten Mann für den Nalionallibera'en Bach eingetreten sind und auch die politische Situation in Hessen den Nationalliberalen ihren Platz nicht an der Seite des Freisinns, sondern des Zentrums anwies. Wenn man bedenkt, daß Zentrum und Nationalliberale im heißen Kampfe gegen Freisinn und Sozialdemokraten im Landtag in letzter Zeit alle größeren Vorlagen durchgekämpft haben, so ist es um so unverständlicher,daß der hessische Nationai- liberalismus, der sich in der schärfsten Abwehr gegen den Freisinn befindet und erst vor wenigen Wochen ein rheinheisisches Mandat an diesen verloren hat, mit der Wahl eines Anhängers und, wie vielfach vermutet wird, eines Platzhalters des Pfarrers Korell, feine eigenen politischen Geschäfte zu be­sorgen wähnt. Bei der gestrigen Wahl in Mombach hielten sich nämlich die nationatliberale Parteileitung Hessens und derjenigen von Mainz völlig neutral; man schaute mit Behagen ruhig zu, wie die Partei­freunde für den Freisinn eintraten, mit Aus- nähme von wenigen liberalen Landwirten, die sich denn doch noch der Tatsache erinnerten, daß sie den Bock zum Gärtner machen, wenn sie die Wahrung landwirtschaftlicher Interessen dem Freisinn und der Sozialdemokratie anvertranen. So stellt sich denn der Erfolg des Freisinns, der im klebrigen in der Gemeinde Mombach selbst nur einen ganz ge­ringen Anhang besitzt, als neue Frucht der Zer- fahrenheit und Disziplinlosigkeit des Nationalliberalismus dar; es sind dies Faktoren, mit der man nicht nur in Hessen, sondern bekanntlich im ganzen Reich seit Jahrzehnten zu rechnen hat.

Das Zentrum wird aus der gestrigen Nieder­lage die Lehre ziehen, daß es noch mehr als seither sich auf die eigene Kraft verlassen und zu einem weiteren Ausbau seiner Organfiation schreiten muß, wenn es bei den nächsten Wahlen nicht noch weitere Niederlagen erleiden soll. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß bei der Entscheidung des. gestrigen Tages wieder die konfessionelle Hetze mit­gespielt hat, die ja bekanntlich neuerdings zum ständigen Repertoire des Freisinns gehört, wenn er gegen das Zentrum in den Kampf zu netzen hat. Was Müller-Meiningen und die übrigen Alten sungen, das zwitschern dann getreulich die Jungen und gerade Rheinhessen bildet seit Jahrzehnten für eine konfessionelle Hetze einen geeigneten Boden.

Wahlrechtskundgebnuge«.

verordneten Cohn sowie den bekannten Zehngebote- Hoffmann. Die Zuhörer waren überaus belfalls- lustig. Besonders freigebig waren sie mit Pfuirufen. Der Redner brauchte nur das Wort Junker oder P affen in den Mund zu nehmen, und sogleich er­tönten von allen Seiten entrüstete Pfiffs. Herr Cohn erging sich in allerhand dunklen Andeutungen: „Wenn es uns nicht gelingt, durch Versammlungen und Demonstrationen der Regierung unfern Willen auszuzwingen, dann werden andere Mittel kommen, die dem organisierten Bürgertum und dem organi­sierten Arbcitersiand zur Verfügung stehen; sie werden im rechten Moment angewendet werden und unter dem Schritt der Arbeiterbataillone wird den Herren in der Prinz-Albrecht-Straße das Ohr dröhnen". (Zurufe: Wird ihnen angst und bange werden.) Das greifbare Resultat aller drei Ver­sammlungen war eine einstimmig angenommene Resolution, in der das Gelöbnis ausgesprochen wird, den „Kampf gegen die Entrechtung des preußischen Volkes mit aller Energie sortzusetzen und nicht eher zu ruhen, bis auch in Preußen die volle Gieichberechlignng aller Staatsbürger errungen

ihn auf sozialdemokratischen Versammlungen gewohnt ist. Es wäre verfehlt, alle Besucher als Sozial­demokratenanzusprechen. Tausende von ihnen mögen Neugierige gewesen fein; außerdem setzte sich der dritte Teil der Besucher aus Frauen und Mädchen sowie jungen Leuten zusammen, teilen die Wahl­rechtsvorlage ziemlich „schnuppe* ist. Von 31» Uhr ab zogen die Tausenden wieder nach allen Richtungen auseinander und zwar in größter Ruhe und

Anhand.

** Der Wahlkampf in Frankreich, von dem man bisher wenig oder gar nichts gehört hat, hat gleich mit Blutvergießen augetangen. In einer Wahl- Versammlung in Angers/wo der radikaleRechis- anwalt Dr. Barot vor 4000 Wählern seine Zu­kunftsversprechungen abzab, hat es blutige Köp:e gegeben, als einem politischen Gegner das Wort verweigert wurde Der Gegenkandidat schritt auf Barot zu und gab ihm eine Ohrfeige, worauf sich zwischen beiden eine regelrechte Keilerei entw ckelte, in deren Verlauf beide in das Orchester des Zirkus relen. Da die beiden Kampshäbne Wunden davon-

Auch aus der Provinz werden eine Reihe Wahlrechtsdemonstrationen gemeldet. In Hanau, Wiesbaden und Magdeburg wurden nach den Versammlungen unter freiem Himmel durch die Straßen Demoustrationszüge veranstaltet, die ohne Störung verliefen. Zu großen Diassenanfgeboten von Wahirechtsverbessern kam es in den rheinischen Industriezentren. In Köln und Bochum sollen je 10000 Teilnehmer, in Elberfeld sogar 25 000 sich eingesunden haben, nm den sozialdemokratischen Agitatoren zu lauschen. Auch in Dortmund, M.-Gladbach, Recklinghausen und Mül­heim (Ruhr) sprachen sozialistische Parteigrößen. In Leipzig hatten es sich die sächsischen Genossen n^mcn lQffen' eine Sympathiekundgebung Jur die Wahlrechtsbestrebungen der Sozialdemokratie m Preußen zu veranstalten. In Bremen demon­strierten etwa 8000 Permnen in großem tsuae für das allgemeine Wahlrecht zur B^einische>? Bürger­schaft. — Auffällig ist überall die Z u r n ck h a l t u n g der Polizei argen die Demonstranten, aber auch die Ruhe und Ordnung, mit der sich die Bewegung absvielte. ö

gewesen sein mögen, die Demokraten den früheren Abg. v. Gerlach und für die Genossen den Stabt-

c Berlin, 10. April 1910. Ter Schauplatz der ersten der drei von den vereinigten Demokraten und Sozialdemokraten abgehaltenen Wahlrechtsoersamm­lungen unter freiem Himmel war der Friedrichs- Hain. Obwohl die Versammlung sehr unter der Ungunst der Witterung, es wechselten Schneegestöber mit Hagelschauer und Sonnenschein ab, zu leiden hatte, strömten die Massen bereits mehrere Stunden vor der Versammlung in Trupps von 60 bis 100 Mann dem Platze zu. Etwa 10—12000 Menschen mögen versammelt gewesen fein. Die Leiter der Versammlung hatten aber offenbar einen weit größeren Andrang erwartet, es blieben noch weite Flächen des Platzes unausgefüllt, und es malte sich auch auf den Mienen der Versammlungsleiter «an, offensichtlich lebhafte Enttäuschung. Als das Trom­petensignal verklungen war, wetterten von drei mit roten Tüchern beschlagenen Tribünen herab die Redner, u. a. Bernstein, Breüjcheid und Frau Re- gina Deutsch in die Menge hinein. Trotz des Am- bietens aller Stimmittel gelang es den Rednern aber nicht, sich überall bemerkbar zu machen- Schuld daran trug wohl zunächst der unbegrenüe Raum, dann auch der heftige Wind und die laute Unterhaltung in der Versammlung. Was man da zu hören bekam, war nichts weiter als eine Wieder- h°lung der zu ungezählten Malen gehörten abge- droschenen Phrasen, rote man sie von sozialdemo- trat,scher Seite gewohnt ist. Ganz unverhohlen drang durch alle Reden das Triumpfgesühl über

allgewaltigen Herrn v. Jagow einen Erfolg n. rungen ru haben Die Redner feierten diesen Er- olg als einen Sieg der Arbeiterschaft in ibr^m Kampf um das Recht auf die Straße und ver- sicherten unter lebhaftem Beifall der den Tribünen Nahestehenden, daß sich die Arbeiterschaft Ls niemals werde nehmen lassen. — Am leb, Hastesten ging es wohl im Parke von Trev- tow her, wo etwa 80000 Personen gemefen fein mögen. Auf dem weiten Platz waren tn rot"

** Der Bolksverein für das katho­lisch r Deutschland

haste auf gestern abend zu einer für unsere Stadt ebenso neuen wie interessanten Veranstaltung einge­laden. Den Frauen war zum ersten Mal Ge- legenheü geboten, in ihrer Allgemeinheit an der Be­handlung von Fragen des öffentlichen Lebens teilzu- nchnien. Es bedeutete dies gleichsam den Eintriü unserer Frauenwelt in das Getriebe der Oeffentlichkeit, allerdings in einem gemessenen Maße und auf einem Gebiet, das schon seit Jahrzehnten den Frauen er­öffnet ist und von Frauen mit Erfolg bebaut wird, auf dem Gebiete des sozialen Lebens. Eine recht stattliche Anzahl Frauen aller Stände war dem Rufe des Volksvereins gefolgt. Es besitzt danach also die Frauenwelt Fuldas ein weitgehendes Interesse für das soziale Wirken des Volksvereins, und wer die ge- fpannte Aufmerksamkeit auf allen Gesichtern sah, muß zugestehcn, daß auch das Verständnis für das Leben unseres Volkes, für die neuen großen Fragen auf dem Gebiete der Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau recht groß ist. Aber auch die Männerwelt war sehr stark vertreten. Der Hochwürdigste Herr Bischof, der Herr Protonotar Dr. Arenhold, viele Geistliche und mehrere Patres des Franziskaneckoiwents waren an­wesend-

Nachdem die Versammlung von dem Geschäfts­führer des Volksvereins für Fulda, Herrn Schöpf, mit dem katholischen Gruße eröffnet worden war, wurde zum Leiter der Veranstaltung Herr Richard Schmitt sen. gewählt. Er begrüßte die Versammlung und nachdem er einleitend auf dir Wichtigkeit des festen Zusammenstehens unseres katholischen Volks­teiles, wozu auch die Frauen gehören, auf die Not­wendigkeit, im Nahmen des katholischen Volksvereins den Zusammenschluß zu finden, hingewiesen, erteilte er dem

nach dem Berge Athos, auf dem sich die well- bekannten Klöster der griechischen Mönche be­finden, abgererst.

** Der'Aufstand der Albanesen ist Gegenstand einer Interpellation in der türkischen Kammer ge­wesen. Die Regierung wird antworten. Neue Ge­fechte haben nicht stattgefunden. Der Ministerrak hat verfügt, daß nun mit Unterstützung der Truppen­macht die nötigen Reformen in Oberalbanie in kürzester Frist mit aller Energie durchgeführt werden. — Die Notabeln und Ulemas suchen jetzt in Al­banien zu vermitteln. Sie fanden die Rebellen- führer zur Unterwerfung bereit, nur baten diese um Aufschub der militärischen Operationen, bis sie eine definitive Antwort erteilen könnten. Die Behörden bewilligten den Aufschub unter dem Vorbehalt, daß die Rädelsführer b e ft r a f t würden.

Deutsches Reich.

♦ ♦ Berlin, 10. April 1910. Das Staats­ministerium trat am Samstag zu einer Sitzung zusammen.

* Zur Versicherung der Privaiaugestellte». Das Reichsamt des Innern hatte zum Samstag eine Konferenz einberufen, zu der die Vertreter der freien Vereinigung für die soziale Versicherung der Privat- angefteuten, des Hauptausschusses und des Verbandes Hirsch-Dunckerscher Gewerkvereine Einladungen er­hallen haben. Das Reichsamt selbst war dabei durch die Geh. Oberregierungsräte Dr. Beckmann und Koch vertreten, die gleich zu Beginn erklärten, daß die Regierung den Gesetzentwurf über die Pensionsversichernng der Privatangestellten aus der Grundlage der zweiten amtlichen Denlschrijt aus­arbeitete; es könne deshalb nicht über den Ausbau der Invalidenversicherung innerhalb der Reichs­versicherungsordnung, sondern nur über die Pensions Versicherung in Gestalt einerSonderversicherung beraten werden. Die Debatte drehte sich zum über­wiegenden Teile um verschieden Einzelheiten der .Sonderversicherung.

• * Der Entwurf der Reichswertzuwachssteuer wird, 'roie die ,Deutsche Tageszeitung' aus zuverlässiger iOuelle erfährt, dem Reichstage in den nächsten Tagen zugehen. Es wird unbedingt notwendig fein, daß der Reichstag den Entwurf baldmöglichst, jeden- falls^noch vor feiner Vertagung erledigt.

)( Eine gesetzliche Regelung des Prefferechkes ver­langt der Verband deutscher Journallsten- und Schriftsteller-Vereine in einer an den Reichstag ge­richteten Petition. Es wird darin Bezug ge­kommen auf die Strafprozessordnung, das Straf­gesetzbuch und das Preßgesetz. — Unseres Erachtens wäre es wichtiger gewesen, wenn der Vorort des Verbandes an Stelle dieser nutz- und wirkungslosen Lamentation einen tatkräftigen Eingriff für den Kollegen Nowack, der noch immer — sert Dezember — in Zeugniszwangshast sitzt, beliebt hätte.

e. Das preußische Beamten-Reisekostengeseh ist in der Abgeordnetenhaus-Kommission in erster Lesung durchberaten worden. Bei ß 8 ist die Erstattung auch der Auslagen für Zu- und Abgänge, wenn sie höher als die bestimmungsmäßigen sind, festgesetzt worden. Ter Beginn des Inkrafttretens des Ge­setzes wurde auf den 1. Oktober festgesetzt. Die Kommission beschäftigte sich eingehend mit der Frage derFreifahrtkarten und Freifahrtfcheine, die an Eisenbahnbeamte ansgegeben werden. Eine Statistik hierüber soll bis zur zweiten Beratung des Gesetzes in der Kommission vorgelegt werden.

-f- Die „Einigkeit" der Nationalliberalen. Auf dem Parteitage der brandenburgischen Natio- na’liberalen hat der Abg. Schisser ausgesührt, die nationalliberale Landtags-Fraktion sei in der Wahlrechtsfrage völlig einig. Alle anderen Ver­mutungen seien falsch. Als frivol muffe man be- zeichnen, daß sogar Parteisreunde Uneinigkeit an die Wand malten. — Wenn sogar „Parteifreunde" Uneinigkeit an die Wand malen, kann es woh mit der „Einigkeit" nicht allzuweit her sein.

** Homburg v. d. H., 10. April 1910. Der Kaiser unternahm heute nachmittag eine Fahrt im Slutontübil über Königstein, Esch, Weilburg, Braun­fels und zurück über Usingen. Heute vormittag hatte der Hof an dem Gottesdienste in der Erlöser­kirche teitgenommeu.

# Karlsruhe, 9. April 1910. Abweichend von dem Mehrheitsbefchluß der Zweiten Kammer, die sich für die S imultanisierung von drei ton« feffioneßen Lehrerseminaren ausgesprochen hatte, erklärte heute die erste Kammer in ihrer Sitzung, daß sie zwar grundsätzlich eine weitere simultane Mi­schung des Lehrerpersonals an sämtlichen Lehrersemi­naren unseres Landes wünsche, dagegen aus praktischen Gründen am konfessionellen Charakter der 3 Seminare n Karlsruhe, Ettlingen und Meersburg sesthalte, da ür eine Aenderung keinerlei Bedürfnis beim Publi- mn vorliege. Bei der Abstimmung ergab sich die einstimmige Annahme dieses Beschlusses. — Die Justizkommission der Zweiten Kammer lehnte die allgemeine Einfühning des Frauenstimmrechts bei den Gemeindewahlen ab. Die Forderung, nach der in sämtlichen Gemeinden des Landes Frauen lin die Kommissionen für Armen-, Unterrichts- und Gesundheitswesen gewählt werden sollen, nicht nur können, wurde angenommen. Daß es im Großherzogtum Baden, besonders in der süddeutschen Handelsmetropole Mannhe.m immer röter wird — ein witziger Kopf hat unlängst gemeint, man sollte die badischen Landesfarben gelb-rot-gelb nur ruhig in rol-gelb-rot umwandeln! — dürste sehr deutlich die Tatsache beweisen, daß am diesjährigen 1. Mai, dem roten „Weltfeiertag", zum erstenmal ein sozialdemokratischer Demonstrationszug und im An­schluß hieran eine Versammlung unter freiem Him­mel stattfinden wird. Nächstes Jahr werden wohl auch noch die roten Fahnen gestattet, deren Mit- führung Heuer nicht erlaubt ist.

Eine Ersatzwahl in Hessen.

§ Mainz, 10. April 1910. Die gestern im Vorort Mombach infolge der Ungiltigkeitserklärung der Wahl des Zentrumsabgeordneten Dr. Frenay vorgenommene Ersatzwahl zum hessischen Landtag Hal mit dem Sieg der freisinnig-sozial- demokratischen Wahlmänner geendet. Da die Mombacher Wahlmaimer bei der Wahl deS Abgeordneten für den Wahlkreis Bkombach-Jngel- heim den Ausschlag geben, so wird an Stelle des seitherigen um den Wahlkreis hochverdienten Zen­trumsvertreters Dr. Frenay der freifinnige Arzt Dr. Wolf in Gensenheim demnächst zumAbgeord- neten gewählt werden und das Zentrum somit einen Wahlkreis verlieren, den e» über 12 Jahre besessen hat.

i Dieser Ausgang ist recht unerfreulich sowohl im ^Hinblick auf den Verlust, den die hessische Sammer« 'fraktion in der Person Dr. Frenay, erleidet, als jauch in allgemein politischer Hinsicht, da von Seiten Her Gegner zweifellos der Versuch gemacht werden

Herm Direktor Dr. Brmms-M.-Gladbach das Wort . zu einem Vortrage über die „moderne Frauenfrage". Die Frauenfrage ist, so führte der Redner nach einigen einleitenden Bemerkungen aus, nicht die letzte und unbedeutendste unter der gro­ßen Zahl der sozialen Fragen. Ausgabe des Volks­vereins ist es, auch diese Frage z» behandeln. Früher war man immer mit dem Rezept bei der Hand: die Frau gehört rnS Haus, der Mann muß hin­aus ins feindliche Leben. Heute aber ist es apch viel­fach Sache der Frau, dem Erwerbsleben nachzugehen. Das kommt daher, daß das Familienleben einen gro­ßen Teil seiner früheren Aufgaben oecloren hat. Da- durch ist das Familienleben in gewissen Richtungen wenigstens inhaltlos geworden. Früher hat die Frau ausschließlich in der Familie sich arbeitend betätigt^— im Dienste des häuslichen Herdes geschafft. In ölten Zeiten fiel der Frau die Arbeit auf dem Felde zu, während der Mann der gefährlichen Arbeit oblag, der Tätigkeit für den Haushalt durch die Jagd; im Mittelalter surrte unter den Händen der Frau das Spinnrad, sauste der Webstuhl. Heute ist die ge- werbliche Produktion aus der Fami­lie h e r a u s in den Großbetrieb verlegt worden. Die Fabriken liefern uns schon eine Menge von Nah­rungsmitteln, das Eingemachte z- B., sogar der Haus­putz wird teilweise von Fremden, nicht mehr von der Frau und den Töchtern besorgt So ist dec Frau ein Arbeitsfeld nach dem andern in der Familie ent­schwunden. Das hat feine Wirksamkeit ausgeübt zu­nächst in den besser situierten Familien, wo die Frauen zu Damen wurden, die vielfach in manchen Jahren nicht recht wissen, wie sie eigentlich ihr Leben zubrin­gen sollen. Dieselbe Entwickelung ist aber auch zutage getreten in den Familien des Mittelstandes und der Arbeiter. Auch dort sind die erwerbstätigen Funk- twnen innerhalb der Familie immer mehr zurückge­gangen. So ist dem Weibe der alte Boden ihrer wirt­schaftlichen Tättgkeit entzogen. Was der Familie da- ourch an Einkommen verloren gegangen ist, hat der Mann im allgemeinen keineswegs durch fein Einkorn- E" «seht. Neben seiner Tätigkeit kann die Erwerbs- atigkeit der Frau doch nicht entbehrt werden. Der Umstand, daß sie im Winter immer eine stärkere ist als im Sommer, sagt uns, daß die Arbeit der Männer immer mehr Saisonarbeit wird, im landwirtschast- hajen Betriebe wie in manchen gewerblichen. Die Folge ist, daß wenn diese Saisonarbeit aussetzt, die yrau mit in das außerhäusliche Erwerbsleben her­eingezogen wird. In vielen Zweigen reicht auch der Lohn des Mannes nicht aus, die Arbeit der Frau muß hinzutreten. So hat sich bis in die höheren Schichten hinein das Bedürfnis nach Ersatz für die frühere häusliche Erwerbstätigkeit geltend ge­macht- Die Frau brauchte die neue 'Arbeit nicht zu suchen, die Arbeit suchte f i e Die Frauenarbeit war und ist billiger und williger als die männliche Arbeit, sie war für viele Zweige auch geschickter, z. B. für manche Arbeiten der Weberei und Spinnerei. Zuerst wurde so die Frau die Konkurrentin des Mannes in ber Industrie, bann auch in anderen Zweigen. Sie ist heute eingerückt in die kaufmännische Tätigkeit, sie ist Kontoristin, Beamtin an der Post und an der Bahn, und drängt sich heute auch in die höheren Be­rufe hinein. Die Entwickelung ist so weit vorange­schritten, daß die Frau vielfach mehr beschäftigt und gesuchter ist, als die männliche Arbeitskraft. Rach der

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