M 80.
Samstag »an ». Jtprit 57. Jahrgang.
* Maser W Leitung
5. Blakt.
vruS anb Verlag der Fuldaer Actienbrullrrei in Fulda.
f Der Kulturkampf in Frankreich»
Vor hundertundfünfzehn Jahren schrieb Joseph de Maistre: „Zu allen Zeiten und in allen Ländern gab es unehrliche Menschen, aber nie sah man den organisierten Diebstahl; diese Erfindung blieb der ftanzösischen Republik Vorbehalten." Wenn Herr de Maistre heute wiederkäme, so würde er stch überzeugen müssen, daß die heutige französische Republik erblich belastet, daß sie noch genau so schlecht wie zu Zeiten Großmutters ist. Es wird in Frankreich gestöhlen, immer und überall! Diebstähle in Toulon, in Brest, in Rochefort, in Lorient, in Cherbourg, in Chatellerault, in Chalons; hier stiehlt man Mitrailleusen, dort Klöster und Kapellen, im Großen und int Kleinen wird gestohlen. Wer erinnert sich nicht des Panamakanals, der die Bestechlichkeit der Parlamentarier vor aller Welt bloßstellte — dann kam die Affäre der „großen Therese", der Prozeß Humbert und die 100 Millionen der Brüder Craw- ford, die nie existiert hatten — dann der Prozeß Steinheil mit all seinen Enthüllungen atts dem Privatleben derer, die berufen sind, das Geschick des fran- zöfischen Volkes zu leiten. Run kommt die Affäre Duez, ein neuer Betmg am ftanzösischen Volke.
In Paris sind, größtenteils durch Duez, 90 klösterliche Anstalten „liquidiert" worden, d. h. zu Spottpreisen denm in die Hände gespielt worden, die sich der besonderen Gunst der Regierung erfreuten. Herr Duez verfuhr in eigenartiger Weise. Zu seinen Beamten zählte er eine Persönlichkeit, deren Hauptaufgabe es war, Personen ausfindig zu machen, die mit ehemaligen Klosterleuten oder Stiftern verwandt waren und auf Grund dieser Verwandtschaft Eigentumsrechte geltend machen wollten. Meldeten sich solche, dann verhandelte Herr Duez durch seinen Mittelsmann mit ihnen und bedinge sich 50 Prozent und mehr als Provision. Einmal hat sich sogar ein Staatsanwalt gemeldet; dieser war für Duez aber ein zu gefährlicher Klient, deshalb wurde das Faktotum durch Herrn Duez beauftragt, schleunigst einen näheren Verwandten ausfindig zu machen; dies gelang selbstverständlich, und der Staatsanwalt war um seinen Anteil an der Liquidafton des Klosters geprellt. Mit einem anderen Objekt, wenn ich nicht irre, war es ein Redemptorfftenkloster, ging es wie folgt: Ein Architekt wurde zur Taxierung der Gebäulichkeiten bestellt, und als er die sehr schöne und künstlerisch werwolle Kapelle des Klosters schätzen sollte, erklärte er das Gebäude als zu keinem Zwäke brauchbar und laxierte es zu .... 1 Francs! Eine Kirche für 80 Pfennige! Die Kirche hat rund eine Million gekostet, die Blei
hinter dem Vorhang und sichte die beiden Darsteller an, ihr doch um Gottes willen keine Schande zu machen, sonder« etwas tiefer in den Geist ihrer Rollen einzudringen und vor allem nicht so steif und hölzern nebeneinander zu steh-n. Ein vernehmbares Rücken der Stühle verriet die Ungeduld des Publikums, Hulda trat von der Bühne herunter, um die Verse zu deklamieren, welche den Abschied Hektors von Andro- mache schildern.
Rottraut und Hartwig blieben allein. Sie hörte wie er schneller atmete, als sie so an seiner Brust lag' unwillkürlich zog er sie nahe an sich heran und wie von einem stäckerrn Willen als dem eigenen bezwungene» schlang sie die schönen Arme fest um seinen HM. Er erschauerte bei dieser Berührung, sein schönes Haupt beugte sich über sie und, Auge in Auge versenkt, blieben sie stehen, während der Vorhang sich teilte und die vielen Zuschauer regungslos auf das vollendete herrliche Bild blickten. Alle bedauerten, als dieser Genuß zu End« war, und es wurde so be^ geistert um eine Wiederholung gebeten, daß man dem Wunsche genügen mußte. Diesmal lag in dem Ausdruck beider eine Veränderung: des Mannes Antlitz sagte „Mein tft das Weib in meinen Armen —" in den Zügen deS Mädchens lag die schrankenlose Sin. gebung des Weibes, das hier seiner Liebe bewußt ist
Al» der Vorhang sank, blieben Rottraut und Hart- wig eine Weile wie gebannt stehen. Wie durch einen jäh aufzuckenden Blick war beiden dle Erkenntnis ae- kommen, daß st« stch liebten - daß dieses au, Sturm und Kampf geborene Gefühl sie wir ein süßer glück- sckiger Zwang beherrschte, dem sie sich willenlos fug.
Setne Arm« lösten sich von ihrer Gestalt, Rot, kaut taumelte und lehnte stch an eine der Kulissen- fie sah totenblaß aus und ihre Lippen zuckten. S ^eren, H""-, Gräfin Hedwig,
Wille» und Edith - man sprach durcheinander von der Auffühnmg, und alle meinte» im letzten Augen- blick sei da» rechte Verständnis str da» Bild oekom- men. Prinz Ferdinand bildete de« Mittelpunkt der Gesellschaft; alle bemühten sich, dm hohm East .u e^m. Wie ihn das langwellte! Er war. «S ja ver- möge seiner hohen Stellung gewöhnt, aber et verlangte nach etwa» anderem — „nach dem Besten in der Wett', da» er «ur damals empfangen, al» seine Frau
^efcranbmarät
62] Roman von G. Freiftau von Schlippenbach
WaS war nur mit ihr — sie erkannte sich kaum wieder — ein neues Gefühl hatte sich ihrer bemächtigt, über das fie sich nicht klar wurde. 3a, sie wollte vor demselben fiichen — sich an dir Brust des edlen Man» neS retten, der sie ohne Dorurteüe, um ihrer selbst willen liebte!
In Tiesenhall waren am Abend des Geburtstages die Nachbarn versammelt^ denen sich noch viele Gäste aus der Htadt eingefunden hatten. Der Freiherr und sein Lottchen empfingen alle mit herzlicher Freundlichkeit. Auch Prinz Ferdinand war gekommen; ein ungewöhnlicher Ernst lag aus seinen Zügen, die wohl- gepflegte Hand strich oft in nervöser Erregung den langen, grauen Schnurrbart. Was würden ihm die nächsten Stunden bringen? Würde sich sein Herzenswunsch erfüllen und das schöne geliebte Mädchen ihm die gehoffte Antwort geben? Borläuftg waren die bet den lebenden Bildern Mitwickenden unsichtbar. Gegen sieben Uhr begab sich die Geftllschast in den Saal, in dem die Bühne hrrgerichtet war. Der Vorhang trllte sich, um Fräulein Hulda zu zeige», die einen schwung- vollen Prolog hielt, in welchem sie dem Freiherr» alles wünschtt, was ein Menschenherz nur ersehnen kann- Die verheirateten Kinder des Ehepaares waren ebenfalls zugegen, und das erste Bild zeigte eine allerliebste Rokokogruppe en miniature, die von de» Enkel» ausgefühck wurde.
Das zwelle Blld — Undine und Ritter Huldbrand in der Fischerhütte — fand noch größeren Beifall. Willis sah entzückend aus mit dem gelösten blonden Haar und de» großen Märchenaugen, wie sie freundlich zu dem Erwählten ihres Herzen» niederfah, -L£1L Hellmuth darstellte. Kühleborn, durch Major ^ntz-wiedergegeben, de: Fischer und sein Weib, vervollständigten da? BLd. In mehr oder minder ge- mngener Ausführung folgten dann die übrigen Bil- 7” ~mnun sollte das letzte kommen. Eine auffallend l«nge Pause entstand vor demselben. Unter den Zu- ^"Ern machte sich eine gewisse Erregung bemeckbar, «an flüsterte miteinander, der Ram« RottrautS und partwigs wurden zusammen genannt.
Unterdessen stand Hulda in heller Verzweiflung
und dauernden Bestand versprechen? Wahrlich nicht. Dem Gesetz in der bisherigen Kompromißfassung wirft die Agitation von links vor, daß es nicht genug Fortschritte bringe; aber sie muß wenigstens anerkennen, daß das Gesetz gewisse Fortschritte bringe und keinen Rückschritt hinter da» geltend« Recht. Aber rvmn nun die Bezirks. Drittelung beseitigt wird, so liegt ein arger Rückschritt vor, eine bedeutende Ver- schlechterung. Das wirkt doch wie Oel in das Feuer der Unzufriedenheit und der Agitation. Die aufreizende Wirkung wird noch gesteigert werden, wenn infolge dieser plutokratischen Ver- schlechterung das halbe Dutzend Sozialdemokraten ans dem Abgeordnetenhause verschwinden wird. Dann roitb es heißen: „Seht, die Bourgeois haben die sog. Wahlreform so in das Gegenteil verkehrt, daß die zahlreichste Partei in Preußen jetzt gar nicht mehr im Landtage vertreten sein kann. Nieder mit dem noch schlechter als schlecht gemachten Wahlrecht, usw." Wer wirklich eine Beschwichtigung der Leidenschaften wünscht, darf um keinen Preis einen solchen Rückschritt herbeiführen.
Lieber gar keine Reformen, als w eitere Verschlechterung des mangelhaften Wahlrechts! Das Herrenhaus müßte zum blinden Handlanger von blockpolitischen Quertreibern sich erniedrigen, wenn es die bewährte Bezirks-Drittelung preisgäbe.
X Eine neue Blockara?
Es stellt sich immer deutlicher heraus, daß ge- - wisse Elemente die Wahlrechtsfrage benutzen wollen, um in Preußen den ^rund zu erntr neuen Blockära zu legen. S,e setzen alle Macht und alle Lift daran, das Zentrum wieder auszu- schallen und die nationallrberale Parier zum entscheidenden Faktor zu machen. So soll den Kon- fervativem die Möglichkeit einer Mehrheitsbildung mit dem Zentrum abgeschnitten werden; die Kon- servativen sollen ausschließlich auf die Gnade der Nationalliberalen angewiesen sein. Dem Libero- lismus soll die Vorherrschaft gesichert, die Konservativen abhängig und daS Zentrum ohnmächtig gemacht werden.
DaS Mittel zu dem bezeichneten Zweck ist die Beseitigung der Drittelung in den Urwahlbezirken. Ei» vielbemerkter Arttkel „von besonderer Seite" in der,Schles. Volksztg/ hatte es dieser Tage zur rechtzeitigen Warnung offen ausgesprochen, daß das Zentrum die Bezirks-Drittelung nicht preisgeben, sondern lieber die ganze Vorlage scheitern lassen werde. Bei der Bezirks« drittelung wird bekanntlich jeder Abstimmungsdezirk, wie eS sich gehört, als Wahlkörper behandelt. Die Gesamtsteuersumme dieses Wahlkörpers wird in drei Teile geteilt und die sich ergebenden drei Gruppm der Steuerzahler werden aus die drei Klaffen verteilt. In Bezirken mit nur ärmerer Bevölkerung kann also jemand durch diese Bezirksdrillelung in die zweite und erfteKlasfe kommen, der in reicheren Bezirke» tn die dritte Klasse geriete. Darnach wird der Uebermacht des Geldsacks wirksam vorgebeugt. Anders bei der Gemeindedrittelung, die die Liberalen anstreben. Hier wird durch die ganze Gemeinde gedrittelt und die Wähler mit höheren Steuerbeträgen würden es in der ganzen Gemeinde den übrigen Wählern unmöglich machen, zur Gellung zu kommen. Wähler erster Klaffe würde es nur in den wohlhabenden Bezirken geben, die anderen hätten überhaupt keine Wähler erster Klaffe. So würde die Beseitigung der Bezirks-Drittelung einen Rückschritt bedeuten, der sich mit dem Sinn und Zweck der Reform durchaus nicht vereinigen ließe.
Nun finden wir in der freikonfervativen ,Postt einen Artikel über „die Aussichten der Wahlreform", der allem Anschein nach von dem Ränkeschmiedemeister Oktavio v. Zedlitz-Neukirch herrührt. Dieser freikonservative „Macher" empfiehlt nun erst recht die Beseitigung der Bezirks-Drittelung. Er läßt ganz deutlich erkennen, rote erwünscht es ihm wäre, wenn das Zentrum beiseite gedrängt und das Wahlgesetz nach dem nativ« al liberal en Diktat gemacht würde. Er schreibt wörllich:
„Wenn di« Zentrumspreffe dirsrS Haus (das Herrenhaus) damit zu schrecken sucht, daß bei einer den sreikonservativen und nationalliberalen Anregnngen entsprechender Aenderung der Drittelung in den Ur« Wahlbezirken das Zentrum das Gesetz scheitern lassen werde, so ist das nichts als eine leere Drohung; denn wenn die Beschlüsse des Abgeordnetenhauses so abgeändert werden, daß die Freikonservatwen ihnen »ustnnmen und die Nationallweralen sich damit ab- sinden können, kann die Wahtresorm auch ohne das Zentrum zustande kommen. Es roäie zwar im Interesse bet Sache unerwünscht, wenn daS Zentrum beiseite stehen bliebe, aber im Interesse der Herstellung eines dauernd befriedigenden Zustande» doch noch lange nicht so bedenklich, als wenn beide Mittelparteien ober auch nur die Nationalliberalen in der Opposition verblieben."
t Die nationalliberale Fraktion ist halb so stark wie das Zentrum. Aber die große Zenlrumspartei halten die Blockkünstler für entbehrlich, die kleinere nationalliberale Partei dagegen für die unentbehrliche, ausschlaggebende Macht! Die parteipolitischen Hmtergrdanten und Nebenzwecke liegen klar zu Tage. !Die Wahlrechtsfragen werden nicht sachlich behandelt, sondern sollen ein Hilfsmittel sein, zur Liberalisierung Preußens.
। Die Nnsachlichkeit ist mtt Händen zu greife» in der Bemerkung von dem „dauernd befriedigende» Zustand*. Würde eine sog. Wahlreform »ach dem mcktelparteitlchen Rezepte zur Beruhigung führe»
bedachung allein 70 000 Francs. DaS Kloster wurde zu einem Spottpreise verkauft; die Kirch« für etwa 20000 Francs und einem Industriellen zu einem Preise von 10 000 Francs jährlich vermietet!
Recht bezeichnend tst übrigen? auch der Schacher mit dem „Rechte" Chartreuse zu fabrizieren. Die weltberühmte Likörfabttk Cufenier im Verein mit dem Liquidator Lecoutuner hat hierbei eine wenig rühmliche Rolle gespielt. Einen bösen Streich haben ihnen aber die Engländer gespielt, indem die englischen Gerichte die auS Frankreich kommende Chattreuse als Nachahmungen erklärten und nur den von den nach Spanien ausgewandetten Katthäusern hergestellten Chattreuse als echte Macke gelten lassen. Einstweilen hatten mit ihren Hintermännern die Liquidatoren über Vi Million Flaschen „Chattreuse" fabrizie- ren lassen, deren Herstellungswert etwas mehr als ein Francs pro Flasche beträgt, in der Hoffnung, ste zu dem Preise der Original-Chartreuse »erlaufen zu können.
Auf dem Lande geht es oft recht drastisch zu. Die Kirchen sind bekannllich Gemeinde-Eigentum geworden. Der Gemeinderat, der vielfach cm3 Sozialisten besteht, sucht nun nach Gründen, die Kirche für baufällig zu erklären, und er findet sie schnell. Drei Tage Frist genügen, und dann wird die Kirche mit Dynamit vernichtet. In einem Orte, 40 Kilometer von Paris entfernt, bot der Pfarrer 25 000 Francs, um die notwendigen Reparaturen ausführen zu lassen; bere Gemeinderat lehnte die Annahme der Summe ab, und am dritten Tage nach der Befchlußfasiung wurden die Mauern der Kirche gesprengt, das Kirchenmobilar öffenllich versteigert. Abends tanzte die betrunkene Dorfjugend, mit den Gewändern der Chorknaben angetan, auf der Dorfftraße ober prügelte sich in der Dorffchenke! All diese Einzelheiten gaben dem Mit- gliede der Akademie G. Barrtzs zu einem fulminanten Protest in der Kammer Anlaß, worauf der Minister mit wenigen Phrasen die Taffachen . . . leugnete.
Der Kulturkampf in Frankreich ist gut vorbereitet, eine ganze Generation von Volksschullehrern arbeitet für die Revolution und gegen die allzu schwachen Vertreter der Ordnungsprinzipien. Schon mit dem Abc nimmt das Kind das Gift des Gotets- und Rellgionshasses m sich auf. Was überhaupt auf dein Gebiete der Schule gesündigt wurde, ist unermeßlich. Die Vertreibung der Sckmlbrüder und der sonsttgen kehrenden Ordensgemeinschasten rächt sich gräßlich genug. Eine Untersuchung bat gezeigt, daß die Zahl der schulpflichtigen Kinder etwa 4 415 000 beträgt und daß nur 3 600 000 die Schule besuchen. Also nahezu 800 000 Kinder, welche nie eine Schule betreten. Geradezu erschreckend sind die Versäumniszahlen. Im Jahre 1907—08 waren mehr als 107 000 Kinder weniger als 80 Tage tn der Schule, 68 000 waren an 100 Tagen nicht erschienen und 112000 versäumten ein halbes Jahr lang die Schule. Die Folgen bleiben natürlich auch nicht aus. Während in Deutschland auf 1000 Einwohner kaum 4 des Lesens und Schreibens Unkundige kommen, zählt man in Frankreich schon auf hundert Einwohner 4 Analphabeten-
Gegen diese Ungeheuerlichkeiten anzukämpfen vermöchte nur ein Klerus, wie ihn Deutschland zur Zeit des Kultuckampfes besaß, Priester voll Glaubenseifer und Opfermut, ausgerüstet niit Wissenschaft und polittschem Verständnis. Daran fehlt es in Frankreich leider. Nicht als ob der vorhandene Klerus sich feiner Aufgabe nicht bewußt würde. Aber es herrscht ein berartig furchtbarer Mangel an Geistlichen, ble Lücken, die durch Krankheit und Tod in den einzelnen Diözesen entstanden sind, sind so groß, daß ost Geistliche an einem Tage drei und mehr Pfarreien versehen müssen. Und diese Kris« wird wohl dauernd fein, da der Zuwachs an Seminaristen durchaus gering ist. Mit schuld an diesen Verhältnissen tst bet Umstand, daß die Geistlichen infolge bet Trennung ihre Eigenschaft als mittelbare Beamte veckoren haben mehr aber noch, daß die Geistlichen unter der neuen Ordnung kein Auskommen mehr finden.
Damit kommt man auf den springenden Punkt im französischen Kulturkampf, die G l e i ch g ü l t t g k e i t weiter „noch katholischer" Kreis« b«. züglich der kirchlich-politischm Zuständr. Vor einigen
lebte Daß Rottraut ihn nie mtt jener schwärmerischen Liebe, wie dir Verklärte ste ihm entgegen gebracht, lieben konnte, das fühlte er nur zu deutlich, aber schon ihre Freundschaft war ihm ein köstlich«, Kleinod — mtt der Zeit würde ste sich vettiefen, wenn er fie mit Jener zacken Rücksicht umgab, die eto Frauenherz gewinnt.
Unter den (Singelabenen fehlten auch die Nachbarn aus Dedenweiß nicht. Finster beobachtete Dietrich Hellmuth von Stahkbach und di« reizende Willis deren gegenseitige Neigung heute allen sichtbar erschien. Er war tnneckich entrüstet, daß Hellmuch, der Sohn seines unglücklichen Freundes, so entzückt von der Tochter des Mannes war, der an dem Selbstmorde Stahlbachs die Schuld trug. Der Entschluß, hier schnell einzugreifen und Hellmuth die Augen zu öff- nen, reifte in seinem Herzen, er wollte nicht länger säumen. Auch aus persönlichem Haß war er Günther Erich feindlich gesinnt, den» dieser hatte ihn «inst mit beißender Satire lächerlich gemacht; so etwas vergab Freiherr Dietrich nicht leicht.
Graf Pfelleck und Rottraut schienen einander nicht mehr zu kennen, nachdem sie da» griechische Gewand mit dem Gesellschaftskleid« vertauscht hatten; etwas wie Schm hielt sie einander fern. Hartwig überließ das Tanzen den jüngeren Leuten, kabel beobachtete er Elsa, die von dem jungen Lord mehr denn je ausgezeichnet wurde.
„Morgen erfahre« e« ihre Eltern, daß unsere Verlobung gelöst ist", dachte er. „ES war ein sehr leicht geschürzte» Band — es wird den lieben, alten Onkel Han« schmerze«, ich weiß e». Shin, hoffentlich ecksssrt Aberstoue stch bald —'
Am Ende des Tiefenhaller» Haufe» befand sich der SBintetgarten, ein schöner Raum. In dem ein magi- sch« Halbdunkel, durch rotverhangene Lamp«» hervorgerufen, herrschte. Mehrere von hohen Palmen und Blattpflanzen verdeckte Bänke boten kühl« Ruhe- Plätzchen, e» konnten sehr gut mehrere Personen zugleich dock sein, ohne daß sie sich bemerften. Ein« Art Muschelgrotte im Hintergründe war fast ganz tu Zwielicht gehüllt, ein Springbrunnen plätschert« daneben, und eine Samctpottier« dämpft« den Außenlärm, nur die Musik klang leffe tn einzelnen, abgerissenen Tönen herüber.
Jahren hat eine von katholischer Seite angestellte Untersuchung ergeben, daß kaum ein Fünftel der Bevölkerung noch zur Kirche geht. Mit dieser Lauheit in kirchlichen Dingen hängen die für die Katholiken ungünstigen Wahlen zusammen, diese Lauheil ist auch die Ursache der materiellen Rot der Diener der Kirche. Vielerorts müssen sich die Pfarrer mit 600 bis 700 Mack, die Vikare mit noch weniger Jahres- gehalt begnügen. Selbst wohlhabende Leute, di« sich als Träger des katholischen Gedankens ausspickeu, zahlen zu dem „Kultuspfennig" ganz» 20 Franks al? Jahresbeitrag!
Wie sich die Dinge in Frankreich «och entwickeln werden, kann man noch nicht überseh. Sind doch hervorragende Kenner Frankreichs der Meinung, daß der Kulturkampf noch nicht seinen Höhepunkt erreicht hab«, daß es also noch schlimmer kommen wird und muß, um die Franzosen, die sich Noch katholisch nennen, aus dem jahrhundecllangm dünkelhaften Traumzustand aufzurütteln, und zu be- wicken, daß die „allerchristlichste Nation" sich wiedei auf sich selbst besinnt.
Deutsches Reich,
— Martin Biedermann. Der vielgenannte polnische Güterhändker Mackin Biedermann ist bekanntlich in Konkurs geraten- Wir haben es hier mit einer Person zu tun, die weit mehr ist als ein Güteragent, Güterhändler. Biedemmnn hat es in der Gegend zwischen Weichsel und Warthe zu dem Range einer zeitgeschichllichen Persönlichkeit gebracht. Die Bedeutung Biedermanns beruht darin, daß er, soweit ein einzelner Mensch dazu überhaupt imstande ist, die ganze preußische Bodenpolitik von polnischer Seite aus in Schach gehalten hat. Die Polen nennen ihn ihre königliche Anstedelungskommijsion. Ein Jahrzehnt und länger galt Marttn Biedermann als dec Wundermann, der alles weiß und alles kann. Man vergegenwärtige stch nur einmal, was es heißt, als Spekulant ohne eigenes Vermögen aus deutschen Händen 100 000 Hektar Ländereien zu erwerben und sie dann in polnische Hände zu überführen! Wer dem Geheimnis solcher Erfolge nachspück, wird bald entdecken, daß Biedermann aus einem Holz geschnitzt ist, aus dem auch sonst die erfolgreichen Männer gearbeitet werden- Der Beckiner Nationalökonom Professor Ludwig Bernhard, einer der besten Kenner der wirtschaftlichen Verhältnisse in der Ostmark, bezeichnet Biedermann als einen „Mann, der den Polen mehr Grund und Boden erobert hat als irgmd eine polnisch« Bank, und der unserer Ansiede lungS-Konimisston mehr Schwierigkeiten gemacht hat als irgend ein anderer". Die Idee der Ansiedelung» kommission sollte doch sein, in erster Linie aus polnischem Besitz die Ländereien in deutsche Hand zu über« führen. Die Staatsmittel der Kommission brachte« ungeahnte Gelder ins Land. Da hatten mit einmal die deutschen Besitzer, die stch sonst so gern mit ihrem Patriotismus brüsten, Blut geleckt. Jetzt wollten mb einmal sie dem Staate ihr Land verkaufen, und st» waren gar nicht so fentimental bei ihren Angeboten! „Und bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt", wurde das Leitmotiv ihrer Öffertbrtefe Etwa so:; Wenn Du, der König von Preußen, unser Dominium nicht haben willst, dann bekommt eS hellt der Matti» Biedermann, der spiritas rector der Bank von Drweski und Langner und Vormund der polnischer Verbandsbank l Ja, dieser gute Herr hat uns schon ein Angebot gemacht, daS notariell feftliegt, aber Sie, Herr Präsident der königlichen Ansiedelungskommis, sion, können dieses gefährdete Stück deutscher Erd« noch retten, wenn Sie sich innerhalb vier Woche« freundlichst entscheide» möchten! Allerdings müßt« Sie dann 30 000 Mk. mehr bezahlen ,unter dem tot» Herr Biedermann nicht, wenn er, der ganz tn da» Gut verliebt ist, vom Vertrage zurücktrete» soll uf»v usw. DaS ist die Geschichte von dem berühmten „Bio- dermann-Paragraphen", der so lautet:;
Wenn ein Dritter (also der Staat) zug «lassen ev maßen bi» zum 16. Mär, tn den Stauf etntrttt, soll derselbe 80000 Mark mehr zahlen. Diese» Gewinn aber soll zwischen bet Firma DrweSki unk
Hierher fühtte Prinz Ferdinand gegen Schluß des Fester diejenige, die ihm heute Antwort aus sein» Frage geben wollt«. Er hatte ihr de» Arm gereich^ die Sametportte« hebend, bat er fa, einzutreten, dams folgte er ihr. Sie waren scheinbar allein, wer dch Springbrunnen murmelte leise, web die Blumen le den lauschend die Köpfchen. s
„Sie wissen, wa» mich herführt", Begann M Prinz mtt bewegter Stimme. „Ctaf Pfelleck hat von meinen Wünschen iw Kenntnis gesetzt, gnädig« Fräulein."
Rottraut neigte bejahend da» Haupt, und dg' Pttnz fuhr fort: i
„Daß ich Ihnen die Leidenschaft Jüngerer Fahr» nicht bteten kann, werden Sie verstehen; aber btt Lieb« des reifen Manne» gehört Ihnen, ich bringe fa Ihnen voll und ganz entgegen. E» ist mir eine Eh«, Ihnen meinen Namen, meinen Reichtum, die Stet lung zu geben, die niemand würdiger zu empfanget tst, als Sie."
„Ich, die Tochter Tüncher Eckch», bat Kind bei »wilden Pfelleck"! rief Rottraut. ,
„Mr ist da, alle» bekannt. Ich bitte Sie, nicht dlwon zu sprechen", versetzte der Prinz. „Glaube? Sie, das könnte meine Wahl beeinflussen, könnt» Ihnen tn meinen Augen etwa» von der Hochachtung tauben, di« ich für Ei, hege?"
Di« Stimme de» Sprecher» klang so bewegt, daß Rottraut ihr Herz pochen fühlt«, und ein unendlich mitleidige» Gefühl wallte tn ihr empor. Sie mußtt chm Schmerz bereite«, die rittecktche Hand zurückweisen ,bie sich nach ihr ausstreckte. Einig« Augen«) blicke sand ste bie passenden Worte nicht, endlich rangen sie stch schwer über chre Lippen und, die Händ, in einander gefaltet, wie fie e» meist in Momenteck höchster Spannung tat, antwortete ste: (
Mein Prinz, tote soll ich Ihnen ausdrücken, waß Sie mir durch Ihre «bien Worte geben? Sie löse«' mit milber Hand da» Brandmal oo» meiner Stin^ das ich dort fühlte! Sie wische« ben Staub von meinem Wappen — Sie ehren meinen Name«, tnbem St» ihn nicht zu schlecht halte«, stch mtt dem Ihrigen pt vereinen! O, bitfer Moment nimmt mir bie Serge»« last von meiner Seele, ble mich »tederdrückt. Er giH mir Freiheit und Ruhe wieder!" -‘ ‘i ^Fortsetzung ftf-^T