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Erstes Blatt.

77.

Fulda, Mittwoch den 6. April 1910.

37. Jahrgang.

:: Die liberale Regierung in England

ist so ziemlich am Ende ihrer Herrlichkeit angelangt.

Tas Unterhaus hat sich in den letzten Tagen mit den Anträgen der Regierung auf Revision der Verfassung beschäftigt. Der erste der An­träge ist schon angenommen, die übrigen werden im Laufe der nächsten Wochen die Zustimmung des Un­terhauses finden. Aber noch sicherer wird chre Ver­werfung im Oberhaus sein, denn diesem nehmen sie nah^u alles und jedes Recht, an der Gesetzgebung mitzuwirken.

Nicht allein die Abänderung, sondern auch die Ablehnung von Finanzvorlagen im Ganzen soll den Lords untersagt sein. Noch weiter geht das Verlan­gen, daß das Vetorecht (Einspruchsrecht) der Lords gegenüber allen anderen Gesetzen nicht finan­zieller Natur eingeschränkt, das heißt aus einem ab­soluten in ein nur ausschiebendes Veto umgewandelt werden soll. Dies ist der Sinn der Bestimmung, die verlangt, daß ein Entwurf, den die Lords innerhalb einer Legislaturperiode dreimal abgelehnt haben, ohne ihre Zustimmung Gesetz wird. Um das Verfahren zu vereinfachen, wird die Parlamentsdauer von sieben auf fünf Jahre herabgesetzt. Um aber einer Regierung die Möglichkeit zu nehmen, Gesetze gegen Schluß einer Parlamentspeciode durchzubringen, zu einem.Zeit­punkt, in dem sie vermutlich die Mehrheit der Wähler nicht mehr aus ihrer Seite hat, ist die Vorsichtsmaß­regel eingefügt, daß die Gemeinen wenigstens zwei Jahre schon mit einer Vorlage besaßt sein müssen, die durch sie allein Gesetz werden soll.

Es ist klar, daß das Oberhaus diese Anträge a b- lehnen muß, wenn es sich nicht selbst aufgeben will Aber dazu hat es vorläufig noch keine Veranlassung. Und so bleibt Herrn Asquith denn nur der letzte Aus­weg, an den König zu appellieren, d. h. durch einen Pairsschub, also durch die Ernennung einer ge­nügenden Anzahl neuer Mitglieder eine reformfreund- kiche Mehrheit im Oberhause zu verlangen. Die Ant- w des Königs ist nicht zweifelhaft: er wird sagen, da,, in einer so wichtigen Frage nur ein klares Votum des englischen Volkes die Entscheidung geben dürfe, daß dieses Votum durch die Neuwalssen vom Januar nicht genügend klargestellt sei und daß das Volk des­halb von neuem befragt werden müsse. Herrn As- gvith bleibt dann nichts anderes übrig, als zu demis- fio. :ren, die Unionisten werden zur Regierung beru­fen werden und die Neuwahlen annehmen.

Eine andere Lösung der Krisis ist nach dem Ver­laus der Dinge nicht als möglich anzunehmen. Herr Asquith wird ihn sich gewiß ganz anders oorgestellt haben Er hasste, zunächst das von den Lords verwor­fene Budget glücklich unter Doch und Fach zu brin­gen, und durste glaubten, nach diesem ersten Erfolg mit gutem Mute an die größere Aufgabe sich heranwagen zu können. Die irischen Nation al isten haben einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Sie wol­len nicht eher an die Bewilligung des ihren Wünschen durchaus nicht entsprechenden Budgets herantreten, ehe sic nicht den Lohn dafür — die Abschaffung des Veto­rechts der Lords — tn der Tasche haben. Aber Herr Asquith sieht sich außer Stande, den Preis zu zahlen. Und so Ist es nicht ausgeschlossen, daß schon die Ableh­nung des Budgets — für den Fall, daß die Entschei­dung hierüber vor der Verwerfung der Verfaffungsceso- lutionen im Oberhause erfolgt — die Regierung jur Rücktritt zwingen wird.

Man darf füglich Zweifel hegen, ob die Entwick­lung der letzten Monate den Unionisten sonderlich an­genehm ist. Zunächst wird man auch tn den Kreisen der Opposition die Aussicht auf einen so baldigen neuen Wahlkamps nicht sehr rosig finden, denn die Kriegskaffen sind erschöpft. Auch die Aussicht, in aller Elle für das bereits begonnene Finanzjahr ein Budget aufstellen zu müssen, ist nicht angenehm, und man darf Herrn Balfour wohl zutrauen, daß ihm unter diesen Umständen die Erledigung des von der liberalen

Regierung vorgeschlagenen Budgets als das kleinere Uebel erscheinen würde. Dazu kommt noch, daß der Ausgang de» neuen Wahlkampfe» alles andere als gewiß ist.

Im Januar haben die Unionisten er verstanden, die Wahlparoe der Liberalm — den Kampf um das Veto — unwirksam zu machm, indem sie die Fragen der Tarifteform und der nationalen Verteidigung in den Vordergrund rückten. In einem neuen Wahlkampf aber wird dies kaum mehr möglich fein.

Deutscher Reich.

** Berlin, 5. April 1910. Prinz und Prin­zessin Eitel Friedrich sind von der egyptischen Hauptstadt Kairo über Alexandrien nach Jaffa, der Hafenstadt Palästinas, abgereist. — Dem Herrenhause ist der Entwurf eines Gesetzes betr. das HSferecht im Kreise Grafschaft Schaum­burg zugegangen.

)( Der Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg ist am Dienstag vormittag wieder in Berlin eingetroffen.

* DaS preußische Abgeordnetenhaus tritt am Donnerstag wieder zusammen, nimmt die wiederholte Abstimmung über die Wahlrechts- Borlage aber bekanntlich erst am Dienstag der nächsten Woche vor.

4- Der Kaiser und die Wahlrechtsreform. Gegen­über der Mitteilung des Abg. v. Dircksen, die wir gestern beleuchtet haben, läßt sich die „Frankfurter Ztg." auS Berlin melden: „Der Kaiser hält sich in der Wahlreformfrage durchaus zurück. Herr v. Bethmann Hollweg und die Staatsregierung waren bisher in ihren Entschließungen durch den Kaiser in keiner Weise behindert. Die Entschl'eßung, in welcher Form und von welcher Mehrheit die Regierung die Wahlreformvorlage annehmen will, liegt beim Staatsministerium und seinem Miuister- präsidenten." Herr v. Dircksen wird das vielleicht ebenso gut wiffen, aber die Sache ließ sich ja wirk­lich allzu schön ausbeuten.

)( Der Verband der Schul- und Bersuchs- schiffe bestehend aus den Linienschiffen „Kaiser Barbarossa", »Kurfürst Friedrich Wilhelm- und „Württemberg- und den Kreuzern „Friedrich Karl" und „München", ist unter Konteradmiral Lans zu einer 25 tägigen Uebungsreise aus Kiel ausgelaufen.

** Für eine Verbesserung der Wahlrechtsvorlage setzt der Sozialdemokrat Dr. Leo Arons fekte Hoffnung auf das — Herrenhaus. Er gibt in den ,Soz. Monatsheften' dem Herrenhaus fol­genden Rat, den er als „geradezu geboten" be­zeichnet : „Das Herrenhaus sollte die Vorlage in der ihr durch das Abgeordnetenhaus gegebenen Fassung an ne bineu und nur die indirekte Wahl durch die direkte nach der Regierungsvorlage er­setzen." Nach Ansicht von Dr. Arons müßte für das Herrenhaus u. a. folgender Grund ausschlag­gebend sein:

„Das indirekte Verfahren ist unter heutigen Ver­hältnissen mit der geheimen Abstimmung nicht verein­bar. Daß freilich die geheime Wahl durch das in­direkte Verfahren illusorisch wird, ist ja gerade der Hauptgrund dafür, daß es die Konservativen bei­behalten wollen. Aber sie haben dabei völlig die tech­nischen Schwierigkeiten übersehen, die sich der Bereini­gung von geheimer und indüelter Wahl gegenüber- stellen. Die geheime Wahl ist heutzutage ohne gedruckte Stimmzettel von vorgeschriebenem Formal undenkbar. Nun schwankt die Wahlmännerzahl von 200 in einigen schwach bevölkerten Kreisen mit einem Abgeordneten bis zu 18G0 in Ober- und Niederbarnim mit 3 Ab­geordneten; in den ländlichen Kreisen des Ostens, die meist 2 Abgeordnete wählen, gibt es meist zwischen 400 und 600 Wahlmänner. Bei einer mittleren An­zahl von 500 Wahl männern hätte also je&e Partei mindestens 400 verschiedene Stimmzettel Herstellen und verteilen zu lassen; hierbei ist zu berücksichtigen, daß bei der großen Zahl bis zum letzten Augenblick Ver­

änderungen in den Personen eintreten werden, so daß die mühevolle und kostspielige Arbeit bis zum letzten Lwgenblick nicht aufhört und an vom Druckort ent­fernten Plätzen trotzdem nicht immer zum Ziele führen wird. Sollte das indirekte Verfahren bei der geheimen Abstimmung wirklich einmal erprobt werden, so wird es an feinen technischen Schwierigkeiten noch viel gründlicher zuschanden werden, als die Terminswahl, die — wenigstens in den großen Wahlkreisen — durch die erstmalige Beteiligung der Sozialdemokratie an den Landtagswahlen binroeggefegt wurde; selbst die Fas­sung der neuen Vorlage im Abgeordnetenhaus will die Terminswahl nur in Orten bis zu 3000 Einwohnern und auch hier nur fakultativ zulassen. Das Herren­haus sollte sich hüten, eine neue technische Blamage deS preußischen Wahlsystems herbeiführen zu Helsen."

][ Zum Eisenbahnunglück bei Mülheim a. Rh. haben die rheinischen Abgeordneten der Zentrumsfraktion des Abgeordnetenhauses folgende Interpellation eingebracht:

Welche Maßnahmen gedenkt die König!. Staats­regierung zu treffen, um eine Wiederholung eines so beklagenswerten Eisenbahn-Unglücks, rote es sich am 30. März d. I. in der Nähe des neuerrichteten Bahn­hofs zu Mülheim (Rhein) ereignet hat, zu verhindern?

X Für die Reichstagsersatzwahl im Kreise Jauer-Bolkenhain-Landeshut hat das Zentum den Rechtsanwalt Dr. Herschel-Breslau aus­gestellt. Dr. Herschel, der im Anfang die Kan- didatur mit Rücksicht auf seine Krankheit abgelehnt hatte, hat sich doch noch zur Annahme entschlossen.

)( Auf ein äußerst bedenkliches Gerichts­urteil gegen die Preffe wird in der Literarischen Praxis" aufmerksam gemacht. Es handelt sich um die Verurteilung eines Redakteurs, weil er mitgeteilt hatte, daß ein livländischer Edelmann v. Sivers sich Greueltaten gegen russische Revo­lutionäre habe zuschulden kommen lassen. Der Landrat v. Sievers auf Römerhof in Livland strengte deshalb die Beleidigungsklage an. Das Amtsgericht Berlin-Mitte verurteilte den ver­antwortlichen Redakteur, die Berufung wurde vom Landgericht I Berlin verworfen mit folgender Begründung:

Wenn auch die Schreibroeise der Namen eine verschiedene sei, so hätten sich doch durch den Artikel, in welchem die Person des livländischen Ade­ligen nicht näher bezeichnet gewesen, alle Träger der Namen Sievers ober Sivers, die in Livland wohnen, verletzt suhlen können. Allerdings sei festgestellt, daß der Schreiber des Artikels nicht den Van brat, fonbern eine andere Person habe treffen wollen; der Redakteur habe sich aber sagen müssen, daß feine Aus­führungen auf den Landrat v. Ewers und andere An- gehöttge der Familien Sivers und Sievers bezogen werden konnten; es liege also Eventualvorsatz vor.

„Alles schon dagemesen", sagt Ben Akiba, aber t»aS doch noch nicht. Wenn also nächstens ein Redakteur von irgendeinem Müller oder Schulze behauptet, daß er sich eines Vergehens schuldig gemacht hat, dann wild er, weil ein „Evenluaiooriatz der Beleidigung" vorliegt, von sämtlichen Müttern und Schulzen des deutschen Reiches vor den Kadi geschleppt und verknackst werden können.

X Die Erlaubnis zu einer Versammlung unter freiem Himinel im Humboldham zu Berlin wurde der demokratischen Vereinigung vom Polizeipräsidenten von Jagow versagt, und zwar aus Gründen der öffentlichen Sicher­heit. Auf dem nur 17 700 qm umfassenden Rasenplatz, den der Berliner Magistrat zur Ver­fügung gestellt hatte, müßte nach der Meinung des Polizeipräsio.-nien bei einem Besuch von (0—600U0 Menschen ein lebensgefährliches Ge- dkänge entstehen. Zwei Drittel Quadratmeter Raum müsse für jeden Teilnehmer vorhanden sein. Bei einer etwa ausbrechenden Panik könn-

Im Mmschen zertreten werden und Bffchädigun- gen der gärtnerischen Anlagen entstehen. — Wir denken über die Wahlrechtsdemonstrationen wesent­lich anders, als Demokraten und Sozialdemo- kratm; man unterläßt sie lieber. Aber über eine derartige Begründung, wie sie hier der Berliner Polizeipräsident für das Verbot gibt, kann man nur de» Kopf schütteln. Bei Paraden usw. sieht meistens nicht jedem Teilnehmer ein Raum von zwei Drittel Quadratmeter zur Verfügung, im Gegenteil, eS herrscht meistens eine drangvoll fürchterliche Enge, aber noch kein Polizeipräsident hat sie wegen Gefährdung der öffentlichen Sicher­heit verboten.

* 400,000 Mark Steuer „gespart". Am 18. März hielt die „Lichtenberger Terrain-Aktien- Gesellschaft", die früher „Berlin-Lichtenberger Aktien-Geseklschast" hieß, ihre General-Versamm­lung ab. Auf eine Anfrage, weshalb diese Um­wandlung vorgenommen sei, erwiderte der Vor­sitzende, daß durch diese Umwandlung eine Er­sparnis an künftiger Zuwachssteuer von rund 400,000 Mark erzielt worden sei. — In den Kreisen der Terrain-Spekulanten wird man über diese offenherzige Mitteilung ihres Vorsitzenden, eines Herrn Landau, wenn wir nicht inen, nicht sehr erbaut sein. „So etwas tut man, aber sagt es doch nicht." Unser Reichs-Schatzsekretär aber und unsere Reichstags-Abgeordneten können, be­merkt dazu mit Recht die.Bodenreform", der wir die obige Mitteilung entnehmen, an diesem Bei­spiele, das eine verhältnismäßig kleine Terrain- Gesellschaft betrifft, sehen, wie „gearbeitet" wird, um der kommenden Reichs - Zuwachssteuer ein Schnippchen zu schlagen. Jeder Tag, an dem die Reichs-Zmvachssteuer noch hinauSgeschoben wird, bedeutet einen Verlust für die Reichskasse von Hunderttausenden.

(*) Wie die Wilden haben sich die Natio­nalliberalen in einer Versammlung des Bun­des der Landwirte zu Zeiskam aufgesührt. Der in Landau erscheinende „Rheinpsälzer" bringt einen Bericht, dem wir entnehmen:

Der Wahlkreisvorsitzende Helk aus Vollmersweiler, ber bei der letzten Nachwahl in Landau gegen dir Nationalliberalen kandidiert hat, wurde durch lärmende Zurufe anroefeitber Nationalliberalen, wie „Herunter mit ihm", „Werft ihn hinaus" ulro. unterbrochen nnb schließlich ganz tolgeschrieeu, sodaß die Versamm­lung auf eine halbe Stunde geschlossen wurde. Den nächsten Redner, Bollandt (Seligenstadt», suchten die Rationalliberalen durch Lieber zu übertönen. Schließlich bekamen sie baS Wort und schmähten dir Bünbler, bie es ruhig anhörien, statt die »Radaumacher an die frische Luft zu befördern.

* Die sächsische Ministerkrisis hat ihr Opfer gefordert. Der Finanzmmister Rüger tritt vom Amte zurück. Die Krise hatte eine ungewöhn­liche Ursache. Sie entstand bei einer Minister» beratuug über die Ordensverleihungen zu Königs Geburlslag.

* Dresden, 5. April 1910. Die Zweite Kam­mer bewilligte über 18 Millionen zur Ergän­zung des rollenden Eisenbahn-Material-.

* Gera, 5. April 1910. Erbprinz Heinrich XXVII. von Reuß, der schon feit längerer Zeit von seinem Vater, dem Fürsten Heinrich XIV. mit der Vertretung in der Regierung beauftragt war, hat heute als selbständiger Regent die Negierung im Fürstentume Reuß j. L. angetreten. — Heinrich XI V. hat bekanntlich im Jahre 1902 die Regentschaft für den geisteskranken Heinrich XXIV. in Reuß ä. L. übernommen, nach dessen

(n*anömarät

49] Roman von &. Freifrau von Schlippenbach-

Bald daraus tönte die herrliche Altstimme weich und voll durch den hohen Raum und selbst die luftige Jugend lauschte hingerissen. Prinz Ferdinand hatte sich so gesetzt, daß er die Sängerin sehen konnte, wie sie so schlank und vornehm daftand, das Haupt frei erhoben, mit der Leichtigkeit eines Vogels die Mttodie bald hinausjubelnd, bald dahinschmelzend.

Hartwig war zu vorgerückter Stund« vom Grafen­borst weggefahren, um seine Mutter abzuholen, wie er sich einzureden suchte, den wahren Grund vor sich ver­bergend. Hätte ihm jemand gefügt: „Du sehnst Dich, Rottraut zu sehen", er hätte es geleugnet — und den­noch war es der Fall

Seit sie in seinem Arm gelegen, trieb ihn eine fieberhafte Rastlosigkeit umher; das Herz war ihm so weh, und er ärgerte sich über dieses Gefiihl, dessen er sich schämte. Tas war wohl für fenfimentale Back­fische, aber nicht für einen verständigen Manu wie er.

Ganz leise schritt er jetzt über den weichen Teppich n dem Boudoir der jungen Schlossherrin und blieb n der Tür zum Saal stehen, um den Gesang nicht zu tören. Eben begann Rottraut ein neues Lied und edes Wort desselben, von der meisterhaften Aussprache »er SHmfileriii getragen, drang bis zu ihm:. —

„Mir zog baS Glück vorüber Mit seiner vollen Fracht, Lch sah sie weithin schinimem, -*• ie märchenhafte Pracht

«ufrmann wollte halten, S’T" klopfte schwer, ^chon ftraft’ ich aus die Hand« Da war die Stelle leer.

Ich sah ihn in der Ferne Umlagen wie der Wind- Nun sitze ich am Wege ' Und weine mich fast blind"

Rottraut fang das Lied so, daß es bie Zuhörer mächtig ergriff, ein so packendes, leidenschaftliches Ge­fühl pulsierte in demselben. Kein Mensch wagte zu sprechen: Rottraut selbst war jetzt tief bewegt, be­herrschte fich aber unb rief scherzend.

„Nun, Peter Iwanowitsch, weinen Sir schon. Sic sehen ga.cz schwermütig aus?"

„Mir sind wirklich die Tranen nahe, Duschenka" versicherte das dicke Männchen. „Sic fingen jetzt noch viel schöner, als früher. Er liegt noch mehr Seele in Jfr.'iu Vortrag."

In diesem Augenblick tritt Graf Pseileck näher unb begrüßt die Anwesenden; vor der jungen Hausfrau verneigt er sich noch liefet als sonst.

Der T« wird serviert, es bilden sich einzelne Gmv- pen; Sie Jugend eilt in den Garten hinuntec und man hört ihr Jubeln von dem Platz, auf bem sich Schaukel unb Rundlauf befinden- Elsa von Pfeileck ist auf drei Tage zu Willis gekommen unb ber junge Abrrstone „flirtet' mit ihr. Rottraut hat bet ß-ini= liehen Braut Hartwigs eine labelnbe Bemerkung zü- z-fiüstert, es ist ihr peinlich, daß Hartwig glauben könnte, sie begünstige Roberts Annäherung an Elsa — eben wieder ist ihr der scharfe Bi'ck ausgefallen mit dem Pfeileck seiner K m-fine folgt, als sie mit ihrem unzertrennlichen Begleiter den Saal verlaßt Rot- traut möchte mit Hartwig sprechen und ihm iU ber stehen geben, dass sie Elsas Betragen nicht billigt und fie nicht wilder einlaben will, solange Loeb Äbersione auf der Pscllburg wellt. Auch das offenkundige SS* unb Willis an einander

fmdeu flößt chr Unruhe ein; )ie möchte am liebsten ben alteren Vetter bitten, Stahlbach dos traurige Ver haltmS zu entfallen, das Schuld an feine» SEmoed wat. Vielleicht ist es noch nichkzu spät wenn er sich zuruckzievt - vielleicht liebt ihre Schw--' flet Den jungen Mann noch nicht?

.. ^r^tuud zugleich sürch-

üt, freiet sich schon heute abend. Gräfin Hedwig und der Prlnz spielen eine Partie Bezique, und Ämoifoff

itnS k;- cn c warmes!

Nk-ilÄ^ -U b-n ^randa hinaus; sie wünscht, Graf Pseileck möge ihr folgen und fadj erzittert sie

als er neben sie tritt Es ist eine jener stillen, milden Herbstnächte, die einen träumerischen Zauber in fich schließen; man hört das Rascheln der dürren Blätter, vom See her klagt eine Rohrdommel; der Himmel ist voller Sterne, die ein fahles Zwitticht werfen. Leuchtende Sternschnuppen durchqueren das tiefe Blau to.e feurige Schlangen.

„Graf Pfeileck", begann Roitraut in ziemlich hef­tigem Tone, „Sie sollten nicht länger mit der Veröf­fentlichung Ihrer Verlobung zögern."

„Ich weiss, weshalb Sie das sagen", unterbrach er sie.

„Es ist mir höchst peinlich, daß Sie glauben könn­ten, ich biete die Hand zu einer Annäherung Aber- stones an Jlue Braut", fuhr sie erregt fort. „Der Lord ist mein Gast, er ist zu mir und Willis wie ein Bruder — ich kann ihn nicht fortschicken l An Ihnen ist es also, einzugreisen und mit Elsa zu sprechen, nm dir Sache Var zu legen."

„Das werde ich auch tun", versetzte Hartwig fest.

„Ich habe Ihnen heute schon gesagt, daß dieses Kind weit entfernt ist, zu mir zu paffen. Sie sagten, ber Mann sei ein Schwächling, der nicht für seine Uebcrzcugung eintritt — nun wohl, Ich will diesen Borwurf nicht verdienen."

Eine Prächtige Sternschnuppe schoss über ihren Häuptera hernieder, beide schauten zugleich empor, dann trafen sich die Äugen in dem Zwielicht der Nacht'

„Es heisst, ein Wunsch, den man hegt, während ein Siern fällt, gehe in Erfüllung", sagte Hartwig „ich will doch einmal prüfen, ob es zutrifst. Darf ich es Ihnen nachher sagen?"

Eine heiße Leidenschaft ziltette durch seine Worte- Rottraut suhlte, wie sie davon umflulet wurde des­halb begann sie hastig zu sprechen. Es gab ja noch ein Thema, das berührt weiden mußte und dessen Inhalt fie namenlos quälte.

„Haben Sie Hellmuth Stahlbach davor gewarnt, sein Herz an eine der Töchter Günther Erichs zu ver­lieren?" fragte sie plötzlich. „Weiß er etwas über den Tod seines unglücklichen Vaters?"

7llS Gras Pseileck schwieg, rief sie heftig: „Erspa­ren Sie es mir doch, ihm die Auaen zu öffnen. Ver­

anlassen Sie ihn, dass et fortgeht, ehe es zu spät wird und — und meine Schwester ihn liebt."

„Wenn Stahlbach alles weiss, mag er felbft ent­scheiden", gab Pfeileck zurück. „Ich habe bisher ge­zögert, weil — nun, well es mit sehr schwer wird, dem guten Jungen Schmerz zu bereiten; er ist mein Mündel und ich bin ihm von Herzen gut Aber auch wenn er erfährt, baß — dass Günther Erich —"

„Seines Vaters böser Dämon war, — das zögern Sie zu sagen", fiel Rottraut ein —, „wenn er cs er­fährt, wird er fich mit Abscheu von Willis wenden, von meiner reinen, unschuldigen Schwester! Ach, mein Gott, alles will ich sttbst ertragen, nur meines Lieblings Herz darf nicht gebrochen werden. Ich kenne Willis, sie ist eine Natur, welche unter einer Enttäuschung namenlos leidet, fie würde iuneckich kranken und dahinwelken, wenn fie liebt und zurückge­stoßen wird."

Die letzten Worte kamen schluchzend hervor, Not­traut fenfie das Haupt auf die Hände und Hartwig hörte sie weinen.

Em unsägliches Mitleid packte ihn. Was hätte er darum gegeben, fie an sein Herz ziehen zu dürfen und ihr zu sagen, daß er fie grenzenlos liebe, mit einer Liebe, die unter heißem Kampf geboren, fich empor­gerungen, und nun strahlend und gewaltig daftand, wie eine Opferfianune auf dem Altar feines stacken Männerherzens. Was ihn seit lange gequält, daS war ihm heute var geworden, er, das Oberhaupt deS Geschlechtes, der Sohn dessen, ber burch die Pfeilburg so schweres Leid erfuhr, er sah in Rottraut, der Toch­ter des Geächteten, das Weib, das er einzig vor allen ersehnte und begehrte, dem jeder Puls in ihm ent- gegenschlug.

„Sie weinen", sagte er weich und leise, „Sie die Kalte, Stolze — und ich — ich darf Ihre Tränen sehen?"

Sie {prang auf und wich vor seiner Annäherung zurück. „<so gehen Sie doch!" rief fie heftig, „lassen Sie mich doch allein, eS ist lakllos, länger zu bleiben!'

(Fortsetzung folgt.)