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Fulda, Montaa den 4. April 1910.
37. Jahrqanq.
□ Die MiMonierung der Kolonien.
Ein kürzlich erschienener Aufmf von hervorragm- der protestantischer Seit« über die Wichtigkeit der Missionen in den Kolonien Warf nicht ohne Besorgnis die Frage auf, ob das Christentum in seiner Stellung als Zukunftreligion aller Völker ungefährdet dastehe. Beantwortet wurde diese Frage nicht, aber fie bot den Ausgangspunkt für einen energischen Appell an die weitesten christlichen Kreise, sich mit Entschlossenheit der Mission in den Kolonien anzunehmen.
Die gegenwärtige Situation auf dem Gebiete der Missionierung unserer Kolonien gibt in der Tat zu Besorgnissen Anlaß. Wenn es so weiter geht, wie jetzt, dann lausen die christlichen Religionen Gefahr, die Bevölkerung unserer Kolonien zu verlieren Für die kolonisierenden Staaten bedeutet das außerdem noch, daß die Ueberführung dieser Völker auf den Boden der europäischen Kultur ausgeschlossen ist. Der Kolonialstaatssekretär D e r n bu r g versteht die Bedeutung des Christentums für die Kultur nicht, wie wiederholte Aussprachen darüber im Reichstage gezeigt haben, und die, die ihm in den Kolonien untergeben stnd, haben sich sehr schnell seiner Ansicht ange-- paßt- Als vor einiger Zeit eine katholische Miffions- schwester in Togo, um den fanatischen Anhängern des Fetischismus, der minderwertigsten Form der Götzen- dienevei, die Machtlosigkeit ihrer Götter zu zeigen, ein solches Götzenbild vor versammelter Masse umstieß, da blieb zwar die furchtbare Rache des umgestürzten „Gottes aus, nur das deutsche Gouvemement, dem diese Tat hinterbracht wurde, nahm ernstlich Anlaß, bei der Mission vorstellig zu werden, .daß die religiösen Gefühle Andersgläubiger nicht verletzt würden/
Herr Dernburg hat wiederholt das Lob der Missionen verkündet. Die Praxis aber lehrt, daß er unter den Aufgaben der Mission etwas ganz anderes versteht, als diese selbst, als die christliche Welt. Er beurteilt ihre Bedeutung, ihr Wesen von ganz anderem Gesichtspunkte aus. Seine Tätigkeit als großer „Verdiener" unter den Bankdirektoren, beeinflußt von dem Jdeengange des ehemaligen Amerikaners, ermöglicht ihm nur eine Beurteilung der Mission vom rein geschäftlichen Standpunkte aus: die Missionare sollen in die Kolonien gehen und dort tun, was die Kirche in allen Jahrhunderten, in allen Ländern, auch in Deutschland, besonders aber in den kulturell jüngeren Gegenden der Mark Brandenburg usw. usw. getan hat; die Missionare sollen die Bürölkerung zur Arbeit erziehen, sie wirtschaftlich heben und „Werten" machen, mit denen Dernburg arbeiten kann- Wenn die Missionare die Neger bei dieser Gelegenheit auch christlich machen, nun das „schadet ja nicht", aber besondere Bedeutung hat das nach Ansicht unserer Negierung nicht. Wäre sie nicht dieser Ansicht, dann würde das von christlicher Seite immer wieder, aber immer erfolglos, angefochtene Softem der Regke- rungsschulen in den Kolonien nicht möglich sein. Wie es damit aussieht, zeigte kürzlich noch eine Zuschrift an die „Germania", worin die Behauptung, vie R e l i g j o n sei für die deutschen Regierungsschu- len Nebensache, folgendermaßen mit Beweisen belegt wurde:
„ . . . Die Zulassung von Missionaren der einzelnen Konfessionen ist noch lange nicht ein« Bürgschaft dafür, daß in diesen Schulen die Religion die Stellung entnimmt, welche ihr gerade in diesen Län- oeru im Staatsinteresse zukon m m muß. In die Regierungsschulen drängen sich die Eingeborenen aus dem Grunde, weit ihnen dort mehr Aussicht geboten G, in Staatsdienste zu treten, als anderwärts. Jiehgton ist dort fakultativ; die Schüler finden keinen Reiz, mehr zu lernen, als für ihr« Zwecke unbedingt notwendig ist/
Kurz gesagt: der Besuch der Regierungsschulen ist für strebsame Schwarze nichts als ein Ge- schäft, und der Regierung kommt es in erster Linie darauf an, die Schwarzen zu einer gewissen Fertigkeit heranzuziehen, erst in zweiter Linie, sie auf den Bode« unserer Kultur zu stellen. Unsere
Kultur besteht doch nicht lediglich im Lesen und Schreiben. Ohne das Christentum gäbe es keine deutsch« Kultur und ohne das Christentum wird auch den Schwarzen nicht das Verständnis für die Kultur des Abendlandes aufgehen.
Ziehen wir uns eine Eingeborenenbevölkerung heran, die religiös nicht auf dem Standpunkte der abendländischen Kultur steht, dann werden wir niemals endgiltig Herren des Landes sein. England steht daS heute in Indien, wo die Brahmanen und Buddhisten eines Tages den geschäftskundigen Engländer zum Tempel hinausjagen werden; cs steht eS ferner in Egypten, wo es des Islams niemals wird Herr werden können. Und wir werden es eines Tages ebenso sicher in blutigen Aufständen kennen lernen müssen, wenn wir nicht dafür sorgen, daß die Missionen durch Verbreitung des christlichen Glaubens die richtige Grundlage für unsere Kultur schaffen.
Deutsches Keich.
f Pastor Friedrich v. Bodelschwingh ist am Samstag in Bielefeld im 79. Jahre ge st o r- b en.
Mit ihm ist ein außerordenüich erfolgreicher Sozialpolitiker, ein origineller Kopf, ein von warmherziger Liebe für die Aermsten der Armen erglühter edler Menschenfteund dahingegangen
Fast aus dem Nichts heraus hat Friedrich v. Bodelschwingh gewaltige Musterinstitute für die Elenden, Siechen und im Kampfe des Lebens Untergegangenen geschaffen, noch im Sterben beschäftigte sich der unermüdliche Greis mit dem Los der Gewohnheitsverbrecher und jener Elemente, für die er seine auf allen Richtungen hin vorbildlichen Arbeiterkolonien geschaffen. Die Anstalt Bethel zur Aufnahme Epileptischer aus den Provinzen Rheinland und Wesffalen kann allein 3800 Krank aufnehmen, er hat S a r e p t a mit Kirche erbaut, einen Ort von fast 100 Gebäuden für alle Zweige der inneren Mission. Die großartig angelegte Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf mit ihren vielen Filialen machte den Rainen Friedrich von Bodel- fchwiiighs als eines bahnbreckenden Reformers auf dem so schwierigen Gebiete der Vagabundage ungemein populär.
Friedrich v. Bodelschwingh wurde am 6. März 1831 als Sohn des bekannten Ministers in Haus Mark bei Mecklenburg (Westfalen) geboren 1858 wurde er evangelischer Pfarrer an der deutschen Gemeinde zu Paris und 1864 zu Dellwig bei Unna (Wesffalen), von wo aus er die Kriege bon 1866 und 1870/71 als Felddivisionspfarrer mitmachte. Seit 1872 stand er in seiner so segensreichen Wirksamkeit in Bielefeld. 1905 trat er vom Pfarramt zurück; Kaiser Wilhelm verlieh ihm damals den Roten Adlerorden zweiter Kasse mit dem Stern. Die rechts- und statts- wissenschastliche Fakultät der Universität Münster ernannte ihn wegen seiner hervorragenden sozialen'Ver- bteufte zum Ehrendoktor.
Eine Reihe von Jahren bis 1908 hat Friedrich v. Bodelschwingh auch dem Abgeordnetenhause angehört. Die Reden, die er im Abgeordnetenhause hielt, erregten durch ihren altväterischen und drastischen Ton gewöhnlich große Heiterkeit, gewannen aber doch zugleich durch ihre warme Eindringlichkeit den Bodel- schwingh'schen Ideen manche Anhänger und mehr als ein Appell, den Bodelschwingh an seine „lieben Brüder" richtete —- wie er die Abgeordneten nannte — wurde erhört.
Bodelschwinghs soziale Werktätigkeit fordert Achtung und ernsthafte Würdigung.
t Berlin, 3 April 1910. lieber die gegen- festigen Anwendungen der Arbeitsversicherungen zwischen Deutschland und Italien haben im Reichsamt des Innern wiedeimn Verhandlungen siallgefunden. — Die „Nvrdd. Allg.
^ebrandmaräL
47jRoman von G. Freifrau von Schlippenbach-
Erst spät am Abend in einer Tanzpause näherte sich Hartwig Rottraut. Sie saß allein in einem der tiefen Erker, die sich im Ballsaal befanden, als er auf sie zutrat.
Beide waren befangen; ein jeder dachte an die geheime Verlobung, aber sie rührten nicht daran, sondern sprachen von gleichgültigen Dingen, wie es die Menschen stets tun, wenn sie sich scheuen, ihr Denken und Fühlen zu verraten.
Hartwig lehnte am Fenster und sprach sehr ruhig, obgleich alle seine Pulse wild hämmerten beim Anblick derjenigen, die er zu hassen geglaubt, für die er aber ein immer stärker werdendes Gefühl schrankenloser Verehrung empfand. Wie schön war sie in dieser Stellung, dm Kopf zu ihm erhobm, aufmerksam lauschend, den Mund durch einen freundlichen Ausdruck verschönt. Run war er ja verlobt, nun mußte sie doch um Elsas und deren Eltem willen gegen ihn anders auftreten.
„@raf Pfeileck", sagte fie zu ihm, nachdem sie eine Weile geplaudert, „ich mt'.ß Sie in einer elgentumti» chen Angelegenheit sprechen Wollen Sie morgen auf die Weilburg kommen?"
„WaS ist geschehen?" fragte er teilnehmend. „Sie sagen das so emft, so feierlich! Kann ich Ihnen irgendwie bienen? Sie wissen, ich tue es herzlich gern!"
.Sie sollen über einen wichtigen Punkt entscheiden", antwortete sie. „Das Haus ist aber so voller Gäste — jch — ich möchte gern, daß wir ungestört bleiben, deshalb — meine ich — wäre es vielleicht besser, wenn wir uns irgendwo im Walde treffen — etwa tn der Nähe von Birkenrode — was meinen Sie dazu?"
»Ich stehe ganz zu Ihren Diensten", sagte Hartwig verbindlich-
Der Tanz begann von neuem — Rottraut wurde ihrem Tänzer geholt — vorher hatte jedoch Gras .Pfeilsck seinen Namen neben einige Nummern ihrer
Ballkarte notiert. Er wunderte sich, daß diese srei- geblleben waren und ahnte nicht, daß Rottraut sie ihm aufbewahrt Seit sie ihn mit Elsa verlobt wußte war der Zwang teilweise von ihr gewichen den sie sonst stets in seiner Gesellschaft empfand; sie'gab sich weniger kalt und zurückhaltend. A-hnlich erging es auch Hartwig — zum erften Male verkehrten sie frei und natürlich miteinander.
Es fiel allgemein auf, wie angelegentlich sich der junge, mglische Aristokrat mit der Tochter des Tie- fmhallers beschäftigte und wie gern sie feine Aufmerksamkeiten entgegennahm. Beim Nachhausesahren machte die Mutter Elsa darauf aufmerksam und erschrak nicht wenig, als diese, in Tränen ausbrechend heftig versicherte: Hartwig habe nichts dagegen daß sie sich den Hof machen lasse. Er habe es w cf,enr0 getan und Rottraut dazu erwählt.
^Du bist wirklich noch ein ganzes ^inb", fabelte fein" r°U' 'Uni> mit Sinbem man nachsichtig
16. Kapitel-
Seit ihrer Heimkehr war Rottraut oft auf bem Ka= hengut gewesen. Dort lebte den Sommer über bie Wrtwe eme8 Hauptmannes von Pfeileck, die sie frf.nn früher in der Stadt kennen gelernt und für die sie e ne warme Freundschaft empfand. Sie war die ein» *0e' baS f°nit verschlossene, schöne Mäd-
chen wirklich hingezogen fühlte, und vor der die Maske to<$er NE-mt ihr eigentliches
Es war den beiden Frauen ganz eiaen
Seim ersten Zusammensein gefielen sie einander nicht- die Freifrau hatte, wie die meisten Pfellecks ein Vorurteil gegen die Tochter Gunther Erichs der eine bäsi- Uche Rolle im Leben ihres Bruders gezielt „bem er d-n blutjungen Offizier zu leichffinnigen Stiern ve" lelt-t-. Jn emer Nacht hatte Günther Erich im Ha- jarb eine bedeutende Summe von Richard Stoltina-
-7 d°- unglückliche Opfer, das er <mf dem
Gewissen hatte - gewonnen Die schmachvolle Kassa- tton war d« Folge de- Umgänge» mit dem schon damals berüchtigten „wilden Pfeileck', mit dem kein
Zig.« schreibt: Einige deutsche und ausländische Blätter veröffentlichten eine Unterredung, die der Reichskanzler mit dem Korrespondenten der Ruskoje Storno in Rom gehabt haben soll. Das Interview ist nicht authentisch. Der Reichskanzler hat während seines italienischen Aufenthalts keinen Preßvertreter zu einer politischen Unterredung empfangen.
* Die Nachrichten für Handel und Industrie, die im Reichsamt des Innern zusammengestellt werden, erscheinen vom 1. d. Mts. ab im Postzeitnngsweg. Mit Ausnahme deS Bestell- gelbes, das jährlich 96 Pfg. beträgt, sind mit dem Bezüge Kosten nicht verbunden, insbesondere ist kein Abonnementspreis zu entrichten.
+ Die Frage des Beitritts der Innungen zu den Arbeitgeberverbänden hat in den letzten Jahren die Öeffentlichkeit vielfach beschäftigt. Nachdem im Sommer v. I. der Handwerks- und Gewerbekammertag sich für die Zulassung des Beitritts ausgesprochen hat, hat jetzt Handels- minister Sydom den Erlast seines Vorgängers vom Jahre 1903, der den Innungen den Beitritt zu den Arbeitgeberverbänden verbietet, auf- gehoben.
V Eine Ehrengabe für die Berliner Schutz- Mannschaft war bekanntlich neulich von dem Landeshauptmann der Provinz Brandenburg vorgeschlagen worden. Dieser Vorschlag hat jetzt doch nicht die Billigung des Ministeriums des Innern gesunden, es hat die Genehmigung zur Annahme des Geschenkes nicht erteilt.
* Neber eine seltsame Kabineitskrifis in Sachsen läßt sich die ,Tägl. Rundschau' aus Dresden melden: Bei einer Beratung der sämtliche» Minister über d-e ans Anlaß des Königsgcbnrtstagcs zu verleihenden Ordensauszeichnungen ocueten die Minister in einen Streit, in dessen Verlaus der Finanmiinister Rucger die Sitzung ostentativ verließ.
][ Paul Singer, der Prasivcut der sozialdemokratischen Partelage, hat sich am Samstag einer schwierigen Augenoperation unter; ehen müssen.
$ Weitere Kronprinzenbriefe an de» Grasen Hoch- berg werden durch den Rewyorker Barnesprozeß bekannt. Sie fteßen dem Charakter des Thronfolgers das beste Zeugnis aus. Unter dem 10. Dezember 1906 schreibt Kronprinz Wilhelm: „Dein Vater zeigte mir in Rostock cm von Deiner eigenen Hond ausgefertigtes Tokumcut, worin Tu Dein Ehrenwort gibst. Deinen adligen Namen in dem Augenblick abzule.zen, in dem Du die Dame Deiner Wahl heiratest. Da ist kein Ausweichen möglich, Du mußt Deinen Warnen aufgeben. Erfülle Dein Verspreche» und folge Deinem alten Freunde!" Ein zweiter Brief lautet: „Du weißt, wie ich über di- ganze Angelegenheit traurig bin. Seit langer Zeit hatte ich gehofft, daß Tu sie (die bürgerliche Braut) vergessen würdest, aber Deine Motive sind ein- ivnrfsfrci und gereichen Dir zur Eine. Und dennoch hättest Tu es nicht tun sollen. Du hast nun so ziemlich alle Brücken hinter Dir abgebrochen, aber Du weißt, komme, was kommen mag, wir, Heldors und ich, werden immer für Dich dieselben bleiben. Tie Ehrenwortgejchichte muß jedoch bedingungslos in Ordnung gebracht werden. Jch labe in diesem Jahre 19 Hirsche, 35 Böcke und 3 Gemsen geschossen. Au revo r! Dein Cäsar."
* Kassel, 3. April 1910. Die der ,Frankst. ,'sigck entnommene Meldung betr. die Amtssuspension eines polnischen Gerichtsassessors (vergl. Nr. 73) ist, wie uns von unterrichteler Seite mitgeleill wird, in ihren Schlußfolgerungen irrig. Hakatistiiche Beweggründe sind für oas Vorgehen der Behörde nicht maßgebend gewesen.
Ausland.
* Bethmann-Hollweg und San Giuliano.
Die angekündigte Zusammenkunft des deutschen Reichskanzlers mit dem neuen italienischen Minister des Auswärtigen, San Giuliano, hat am Samstag in Florenz stattgesunden. Dadurch wird der Jtalienreise deS Reichskanzlers die politische Bedeutung verliehen, die sie bisher nicht in vollem Umfange besaß, da bekanntlich beim Eintreffen des Herrn v. Bethmann in Rom kein Ministerium im Amte war. Auch der Vorgänger und Freund des Ministers San Giuliano, Tittoni, ist auS Rom in Florenz eingetroffen. Halbamtlich wird durch die römische Agenzia Stesani folgende Mitteilung über die Zusammenkunft der beiden Staatsmänner verbreitet:
Heute (Samstag) vormittag bat eine Unterredung Zwischen dem deutschen Reichskanzler v. Belhmann- Hollweg und dem Minister des Auswärtigen Marchese di San Giuliano stattgesunden. Aus der Begegnung der beiden Staatsmänner ergibt sich noch einmal ihre völlige Uebereinftimmung, gegründet auf den Dreibund und auf die schon in den Unterredungen des Reichskanzlers mit den bisherigen italienischen Ministern sestgestellte Gleichheit der Anschauungen.
** Mehrere lausend französische Eisenbahn- angestellte nahmen in einer Versammlung zu Paris einen Beschlußantrag an, in dem mit dem Gesamtausstand gedroht wird, falls ihre Forderungen nicht bewilligt werden. Die Hauptforderung ist ein Tagesmindestlohn von fünf, Francs. Noch Schluß der Versammlung veranstalteten etwa 800 Teilnehmer am St. Lazare- Bahnhof lärmende Kundgebungen,wobei es zu heftigen Zusammenstößen mit Schutzleuten kam.
** Gegen die dänischen Exminister Christensen und Berg ist ein Prozeßverfahren eröffnet worden. Sie sind angeklagt, durch die im Amte bewiesene Nachlässigkeit und den Mangel an Umsicht ver«. schuldet zu haben, daß es dem Exjustizmiuister Alberti möglich war, jahrelang seine Millionenbetrügereien fortzusetzen. Die Eröffnung der Verhandlung fand bei überfüllten Zuschauertribünen statt.
** Expräsident Roosevelt ist am SamStag an Bord des Dampfers „Prinz Heinrich" in Neapel eingetroffen und vom Präfekten im Warnen der italienischen Negierung sowie vom Botschafter der Vereinigten Staaten begrüßt worden.
** König Peter von Serbien ist auf der Durchreise nach Konstantinopel in Philippopel vom König der Bulgaren begrüßt worden. Die Monarchen unterhielten sich zehn Minuten lang. Jn Konstantinopel traf der König von Serbien am Samstag vormittag ein und wurde am Bahnhof vom Sultan, dem Thronfolger und den Ministern empfangen.
** Die Auflösung der griechischen Militärliga, die jetzt ein Jahr hindurch die tatsächlich« Herrschaft Griechenlands in Händen gehabt hat, hat offenbar nur zeitweise Bedeutung. Wenn auch die Mitglieder des Verbandes, von ihrem feierlich gegebenen Ehrenwort entbunden werden, so läßt doch das darüber abgefaßte Protokoll und die dazu erlassene Erklärung kaum Zweifel, daß es der Liga nötigenfalls jeden Augenblick möglich jein wird, sich wieder zu konstituieren. Die Verhältnisfe sind auch nach allgemeiner Auf- asiung noch nicht so „konsolidiert", daß nicht eines Tages die Ligasührer eS „angemessen" inden könnten, die frühere Organisation wieder-
ehrenhafter Mensch oeckehrie. Richard ging nach Amerika, worüber seiner alten Mutter fast das Herz brach; die Schwester, bie mit dem Hauptmann Kunz von Pfeileck feit einigen Jahren verheiratet war, vermochte es nicht, sie zu trösten: ihres Sohnes Schicksal war der Nagel zum Sarge der alten Frau, die bald darauf starb.
Durch d.ie „Familientante" erfuhr Rottraut von dieser Schuld ihres Vaters, und die Sehnsucht, auch hier gut zu machen, stieg in ihr auf, deshalb faßte sie sich ein Herz, und fuhr direkt zu der Witwe des Hauptmannes Nach einer offenen Aussprache gewannen sich die beiden Frauen lieb und befreundeten sich auf das innigste. Wie ein stiller Fckcdenshafen erschien der jungen Herrin der Pfeilburg die kleine, saubere Wohnung der in bescheidenen Verhältnissen Lebenden; von nun an besuchte sie ost Frau Elise von Pfelleck uns schickte ihr Wild, Früchte ober Blumen: lauter Dinge, die in einem Stadthaushalt stets erwünscht sind, besonders wenn die Mittel zum Ankauf derselben fehlen.
„Lassen Sie mich doch versuchen, gut zu machen, was Ihnen und den Ihrigen durch die Pfellburg Ucbles geschah", so sprach Rottraut in ihrer freundlichen, berzgewinnenden Art, die sich nicht oft und auch dann nur solchen Menschen zeigte, die ihrem Herzen nahe standen
Die vier Kinder ihrer neuen Freundin — denn das war ihr Elfie mit der Zeit geworden — hingen mit schwärmerischer Liebe an Rottraut, und manchen Sonn- und Feiertag holte das Dreigespann sie nach der Pfeilburg ab. wo sie herrlich« Stunden verbrachten Der älteste Sohn der Hauptmannswitwe hatte daS Gymnasium beendet und wünschte auf die Bergakademie in Freiberg zu gehen, wo schon ein Pfelleck studiert hatte, der nun eine gute Stelle in Frankfurt am Main bekleidete. Aber es fehlte an den Mitteln zu diesem sehr kostspieligen Studium. Da btt Rot- traut in zartfühlender Weise um die Erlaubnis, einen Teil der Kosten tragen zu dürfen, und so wurde es möglich, daß sich Wendt zum Hütteningenieur ausbildete. Die fehlende Summe erhielt er aus einer Stiftung der Familie; dafür sorgte Hattwig, als der Jüng
ling ihm von der großherzigen Hilfe erzählte, die ihm von Rottraut zuteil geworden war.
„Ueberall", dachte Graf Pfeileck, „überall und immer muß ich von neuem Hocbachtting vor ihr fühlen. Ja, sie ist wahrhaft edel, ein Weib, das unendlich erhaben ist! Es hat lange gedauert, bis mein Starrsinn das einsah; nun ist er besiegt, und ich möchte ihr abbitten — von ganzem Herzen möchte ich ihr abbitten!"
Rottraut saß am Tage nach dem Ball auf der Veranda des Hauses, welches Frau Elise bewohnte- Die Zeit für die Zusammenkunft mit dem Grafen war noch nicht gekommen. Deshalb war Rottraut zuerst hier- her geeilt. Sie war, um jedes Aufsehen zu vermeiden, zu Fuß gegangen; das wichtige Dokument, in einer Brieftasche wohl verwahrt, ttug sie bei sich. Sie hatte dasselbe eingesteckt mit bem Entschluß, sich ber Entscheidung unterwerfen zu wollen, die Hattwig tieft ftn würde. Es erfüllte sie fast mit Freude, sich bann ihm unterzuordnen.
Die beiden jüngsten Kinder Elisens, ein kleines, niedliches Mädchen von vier und ein Knabe von sieben Jahren, waren hocherfreut, Tante Trautchen zu Schoß, während ihr Brüderchen das blonde Köpfchen an die Schulter des jungen Mädchens lehnte und ihr sagte, daß er sie schrecklich lieb habe. Wendt, der angehende Hüttenkandidat, und sein jüngerer Bruder Eduard vervollständigten die Gruppe, und alle lachten und plauderten so lebhaft, daß niemand die hohe Män- nergestalt bemerkte,die aus dem Walde trat und langsam auf das Haus zuschritt. Erst als sie ganz nahe war, rief der kleine Moritz: „Hurra, da kommt Onkel Hartwig! Da kommt Onkel Hartwig!"
Der Graf trat grüßend näher! Rottraut war von den vier Aennchen ihrer kleinen Freunde so umstrickt, daß sie lachend rief:' „Jch kann Ihnen nicht einmal die Hand geben, Herr Graf! Die Kletten erlauben es nicht!"
Gleich nach Hartwigs Ankunft erschien die Hausfrau mit der Magd, welche den Kaffee brachte Frau Elise begrüßte freundlich ihren Gast und bat ihn, eine Tasse Kaffee mit ihnen zu trinken.
(Fortsetzung folgt.)