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Samstag, de» 2. April 1910.
• Tuldaer K Leitung *
2. Blatt.
f. Druck und vrrlag -er ßuldaer Actlendruckttt! t» Selbe. . (
ST. Jahrgang.
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dann nicht fehlen!
Berlin bat die „Ehre" gehabt, mehrere sogenannte „Kulturtage- in seinen Mauern tagen zu sehen. Sonderlich viel gelesen hat man darüber nicht, denn diese Kulturtage haben einen geradezu kläglichen Verlauf genommen. Tatsache ist, daß die große Masse des deutschen Volkes von der Art .Kultur-, die ihm die Freidenker bringen wollen, nicht sonderlich erbaut sind. In Frankreich oder Italien mögen diese unerfreulichen religiösen Bestrebungen wohl einige Anhänger gewinnen, in Deutschland aber nicht- Was können uns diese Leute übrigens für eine Kultur bringen? Der erste und größte Kulturträger war Christus, und was dieser der Menschheit an Kultur gebracht hat und durch seine Kirche der Nachwelt überliefert und erhalten wird, daran können diese Stümper nicht heranreichen. Was sie uns mit ihrer Kultur bringen wollen, ist im Gegenteil nichts anderes als Entfremdung des Volkes vom angestammten Glauben, und davon wollen wir nichts wissen.
Die Spannung zwischen den Nationalliberalen und K o n s e r va t i v e n nimmt eher zu als ab. Im Gegensatz zu den Parlamentsreden der Führer herrscht in der Presse -er beteiligten Parteien vielfach eine Stimmung, die an Schärfe kaum noch Überboten werden kann. Die Konservativen suchen den Na- tionallibrralen die Mandate, deren Ungütigkeitserklä- rung wahrscheinlich ist, abzutreiben und die Rationalliberalen suchen sich zu revanchieren, indem fio den Konservativen in dem ostpreuß. Wahlkreise Oletzko-Lhck- Johminisburg einen Kandidaten gegenüberstellen. Dabei ist der Wahlkreis eine alte konservative Hochburg, in dec im Jahre 1907 Reichstagspräsident Graf Udo Stolberg im ersten Wahl gang mit 20 343 gegen 833 freisinnige rind 630 sozialistisch» Stimmen gewählt wurde. Der Wahlkreis ist seit 1878 konservativ vertreten, die Nattonalliberalrn haben bisher nur einmal im Jahre 1893 eine Gegenkandidatur aufgestellt, die annähernd 3000 Stimmen auf sich vereinigte. Mm kann also in Olrtzko-Lhck irn besten Falle auf einen Achtungserfolg rechnen, hat aber dafür die Genugtuung, den Gegensatz zwischen rechts und links erweitert zu haben.
Frankreich steht inbezug auf soziale Gesetz- aedung nicht an der Spitze. Das ist verständlich. Man hat dort andere Sorgen, als das lWohl der Arbeiter. Die Entrechtung und Knebelung der Kirche, die Plünderung und Beraubung der Klöster, die gerichtliche Verfolgung von Geistlichen und Bischöfen nehmen die Jakobinerregierung so völlig in Anspruch, baß da für andere Arbeiten nicht mehr viel 3eit blieb. Run will man endlich daran gehen, auch für die Arbeiter etwa- zu tun Da das französische Volk, und-besonders die Besitzenden, bisher nicht gewohnt waren, ihre wohlge
füllte Börse für ihre minderbemittelten Mitmenschen zu öffnen, so erhebt sich gegenwärtig in einem großen Teile der Presse ein großer Lärm wegen der für diese soziale Gesetzgebung zu ^rhlenden Beiträge. Wir sinder Ansicht, daß Frankreich so reich ist, daß es sehr wohl etwas für die Arbeiterschaft tun kann. In der Kammer hat man sich dieser Tage auch eingehend un- terhalten über die Einstellung der Vorbestraften in daS Kolonialherr. Die Zahl der Vorbestraften vermehrt sich mit jedem Jlchre. Man sucht für die zunehmende Zahl der Bestrafung alle möglichen Ursachen, geht aber an der Hauptursache, der immer mehr um sich greifenden Religionslosigkeit, scheu vorbeit. So rächt sich die Unterdrückung der Kirche, dir der Jugend den Glauben an Gott lehrte, die ihr dm Unterschied zwi- schm Gut und Böse klar machte, die dm Gehorsam unter die Autorität predigte, bitter.
In Ungarn hat man sich über die Skandale im Abgeordnetmhause noch immer nicht beruhigt. In Budapest fand eine große Protestversammlung statt, worin eine Resolution zur Annahme gelangte, in der jene Vorgänge mißbilligt und der Regierung das Vertrauen ausgesprochen wird.
R u ß l a n d ist augenblicklich auf dem bestm Wege, Finnland vollständig zu ruisifizieren. Tie Vorschläge der sogenannten russisch-finnischen Kommission, die im Gegensatz zur beschworenen Verfassung Finnlands einen großen Teil der finnischen Angelegenheiten der Selbstbestimmung der Finnländer entziehen, sind vom Zaren mdgültig gutgrheitzen.
Nachdem der friedliche Klang btt Osterglocken verhallt ist, mibrennt in England wieder der Verfassungskampf. Am Dimstag ist die englische Volksvertretung in die Behandlung der Hauptaufgabe eingetre- tm: in den Kampf gegen die gesetzgeberische Ueber- macht der Lords. Vor dicht besetztem Hause brachte Premierminister Asqutth den Antrag ein, daß das Haus sich sofort als Kommission konstituiere, um die Beziehungen zwischen dm beiden Häusem des Parla- mmts und die Frage der Dauer des Parlammts zu erwägen. Dazu gehören die drei bereits bekanntm Resolutionen, die die Unzuständigkeit der Lords in allm Finanzftagm gesetzlich festlegcn, ihr Einspruchsrecht gegmüber Vorlagen anderer Art auf eine zwei- malige Ablehnung innerhalb der Dauer desselben Parlaments beschränkm und dadurch die gesetzgeberische Suprematie des Untechauses sichem werdm. Ein An- trag der Arbeiterpartei geht noch weiter und verlangt gänzliche Abschaffung des Oberhauses. Da das Oberhaus aber nicht gewillt ist, sich so ohne weiteres abmurksen zu lassen, und auch der Führer der Opposition, Balfour, erklärte, er toerbe in jedem Stadium der Verhandlungm den Vorfchlägen der Regierung die denkbar schärfste Opposttiou machen, so wird es noch zu recht hitzigm Kämpsm kon men.
Fürstenfahrten gab es in der letzten Zett viele. König Peter von Serbien hatte endlich die Gnade, beim Zarm vorgelassm zu werden, nach- denr er fett seiner Thronbesteigung antichambriert hatte Die Trinksprüche verkündeten eine serbisch-rus- fische Verbrüderung, ober die Herren Serben, die mit begeistrrtm Wünschm ihrm Peter begleiteten, sind von dem Verlauf des Besuchs am Zarmhof nicht fo be- fn'edigt, ,wie einige der Regierung nahestehende Belgrader Blätter glauben zu machen versuchm. Im Gegenteil behaupten verschiedene Zcikrmgm, die Aufnahme des serbischen Königs in Petersburg sei offenkunkdig weniger herzlich und viel zurückhaltender gewesen als die des bulgarischen Königs. Die Wendung im Toast des Zaren, Serbien könne hinsichtlich der moralischen Unterstützung, wie in der Vergangenheit, auf Rußland rechnen, wird geradezu als Ironie betrachtet— Schmerz, laß nach! Da hat König Ferdinandoon Bulgarien mtt seinem Besuch beim Sultan anscheinend mchr Erfolg gehabt- Er hat seinen HandelLverrtag in der Tasche und dazu eine »Vertiefung der türkisch- bulgarischen Beziehungen", wie es im CommuniquS heißt- Wenn nun noch der Sultan in Sofia (und Belgrad) gewesen ist, so ist auf dem Balkan — sollte man meinen — über allen Wipfeln Ruh. So lange es dauert! . .
auch dann, wenn dieser versagt, oder sich durch di Lage der Verhältnisse oder durch Befehl von oben g( zwangen sieht, zurückzustehen. . . . Das Zentrur nimmt Bastion um Bastion und weiß sich alle Errunger schäften deS modernen Staates zu nutze, ja zu eigen > macken. ...
Mirabeau verurteilt trotzdem den Kulturkampf de 70er Jahre, indem er feststellt, daß damals „Kanzle und Volk" „sich in der Kampfesatt vergriffen", toben „man den politischen Kampfplatz verließ und bet Feldzug gegen die Kirche selbst begann". Mirabea wirst den Konservativen vor, daß sie dm Liberalismus im Kampfe gegen die katholische Kirche im Stiche ge lassen hätten, „gerade um jenes Protestantismus willen, dessen große polittsche Ideen von jenen (den Liberalen) al? Programm übernommen worden waren" Dann schreibt der Verfasser weiter:
Und damit hatten die Ultramontanen ihre erste Etappe erreicht. Sie können den Lorbeer deS Sieges an ihre Fahnen hegten. Der Angriff auf Rom war abgeschlagen. Wer heute ruhig die Stürme jener Tage beschaut, der wird gegen das Zentrum zwar keine Sympathie hegen, aber er darf ihm die Bewunderung nicht versagen. Es hat alles über sich ergeben lassen und wankte nicht. Es blieb stark und zielbewußt. Es war das fest verankerte Leuchtschiff für das katholische Volk. Es bewies Mut und Kaltblütigkeit. Und nachdem der Sturm sich gelegt, der Sieg gewonnen, ging es daran fein Reich auszubauen. Die Ultramontanen waren regierungsfähig geworden (?!) und nützten jede Gelegenheit, ihre Macht zu erweitern. Und je stärker sie wurden, um so schwächer die anderen. . . . Das Zentrum ist auf fo breiter unb vielverzweigter Grundlage aufgebaut, daß es dieser holden Einseitigkeit eines ohnenslolzen, pietistischen, parlikularisti« fchen Egoismus ein feinsinniges Verständnis entgegen« bringen tallfh wie der Dorfpfarrer im Schlosse rote in der Aütte seines ärmste» Pfa-rto'.des gleich wohl ge- Ittten ist. Nein, bekämpfen muß man das Zentrum aber die deutsche Geschichte späterer Jahrzehnte wird von dieser Partei nicht ohne Bewunderung sprechen. Es ist neben unserer Kultur und dem deutschen Heere und den beiden Genies der Epoche, Bismarck und Wagner, ganz zweifellos das Größte, was diese hervo r gebracht hat wenn auch das wenigst Erfreuliche.
Die tiefe Bewundeung, die hier dem Zentrum bar« gebracht wird, ist fr* dieses um so e h r e n b e r, als sie von einem scharfen, grundsätzlichen Gegner deS Zentrums ousgeht, der nicht davor zurückschreckt, die Sozialdemokratie dm Liberalen als durchaus bfinb» nisfähig anzuprcisen.
Deutsches Reich-
# 40 Mandate Verlust! Als man im Blockzeitalter in ben Wahlkampf zog, da rechnete ein national- liberales Blatt aus, daß das Zentrum irn bestm Falle noch 76 Mandate erlangen könne; alle Sitzen feien gefährdet. Der erste Wahlgang brachte indes 92 Zen- trumsfiege und eine Vermehrung der Stimmen um nahezu y2 Million; die Stichwahl fügte noch 14 Mandate hinzu. Das Zentmm war stärker als je früher. Irn liberalen Lager hat man bekanntlich auch jetzt wieder Berechnungm angestellt, nach denen das Zentmm mindestens 40 Mandate verlieren muffe. Das phantasievolle „Bett. Tagebl." begann den Reigen, die „Franks. Ztg." folgte, und nun hat sich auch die „Sttaßburger Poft" angeschloflm:
„Wir unterschätzen die schwerwiegenden und grunb« sätzlich bedeutsamen Bedenken nicht, die zum mindesten in nationalliberalen Kreisen regen ein, sei eS auch nur gelegentliches, taktisches Zuiammengehen mit der Sozialdemokratie gegen das Zentrum in den Stichwahlen bestehen. Diese Bedenken könnten nur überwunden werden, wenn ein Abkommen aus gegenseitige Unterstützung — unter ausdrücklicher Feststellung der grundsätzlichen Gegnerschaft — zustande käme, das auch der bürgerlichen Linken ganz erhebliche Vorteile sicherte, und mit derselben Ehrlichkeit aus beiden Seiten innegehalten würde wie in Baden. Trotzdem wird es schwer halten, die Bedenken aut nationalliberaler Seite zu überwinden. In Elsoß-Loth, ringen freilich würde ein solches tattisches Stichwahl, abkommen kaum Schroierigkeitcn Haden und zweifellos gute Aussichten bieten, umsomehr, als die Sozial.
wochen-Rundschau.
[•] gulba, 1. April 1910.
beS Evang. Bundes ihm da? nicht verzeihen. Ob sie sich auch durch andersgeartete Erwägungen nicht E? “ lallen? Der Pariser Temps nennt den Besuch ^Realpolitik im nationalen Interesse. Für sie (Wil- helm II. und feinen Beratern) bedeutet der Katholizis- Der katholische Missionar in deutschen Diensten, daS Der kakcholische Missionar in deutschen Diensten, das ft der Zweck. Gute Beziehungen zum Vatikan, daS ist las Mittel." — Freilich ist der Katholizismus ein großer Faktor. Und wer ibn in rechter Weise- sich nutzbar macht, treibt oernünftige Politik. Die Katholiken sind gerne bereit, am Wohl» des Vaterlandes mitzuarbeiten. Allerdings ist uns mit einem bloßen HSflichkettsakt nicht gedient. Wir wollen als voll- wettige Staatsbürger behandelt werden! Tgten! Nicht blsß Visitenkarten! Eine gerechte Politik ist eins Politik, die sich immer glänzend bewährt Sollte Herr von Bechmann diese Wege wandeln — an uns wird's
Im Nordosten Afrikas stehen möglicherweise schwere Verwickelungen bevor. Südlich von Aegypten liegt bort im Innern A b c s s i n i e n, das sich seit längerer Zeit der tatkräftigen und verständigm Herrschaft deS Negus Menelik erfreute. Jetzt ist Menelik nach langem Krankenlager, von dem aus er bereits die hatten Kämpfe um seine Nachfolgerschaft sah, gestorben. Der Versuch feiner Frau Taitu, sich der Gewalt zu bemächttgen, ist fehlgeschlagen, der Sohn Meneliks, Lidj Jeaffu, ist zum Herrscher berufen worden. Von feiner Befähigung wird cs abhängen, ob dieses mächtige Reich, das sich aus zwei einander kaum übermäßig freundlich gegenüberftebenben großen Stämmen, den Tigres im Norden und dem Schoas im Süden, zu- sammensetzt, der Eroberungssucht der Europäer verfallen wird ober nicht.
In ben Vereinigt. Staaten hat die Streik- lust durch die Vorgänge in Philadelphia einen starken Dämpfer erhalten. Dort haben die stteikenden Str- ßenbmhner die Arbeit wieder aufnehmen müssen, ohne ttwas erreicht zu haben.
□ Der Zerltrrtnrsturm.
Wie fest, allen Anläufen der vereinten Gegner zum Trotz und allen Propheten, die dem Zentrum für absehbare Zett seinen Untergang weissagen, zum Ge- spötte, das Zentrum als politisches Patteigebilde da- steht, betont wieder Eduard Bernstein in der neuesten Nummer (5) der „Sozialistischen Monatshefte", indem er schreibt:
„Wie fest das Zentrum taffächlich bei seinen Wählern sitzt, bat jetzt wieder die Wahl in Mülheim- Wipperfürth gezeigt, wo e? bei drr Hauplwahl der intensiven Agitation von Sozialdemokraten plus National liberalen nicht einmal gelungen ist, einen Rückgang der Zeutrumsslimmen zu erwirken. Dieser Wahlkampf hat für daS Zentrum nur bestätigt, was wir feit Jahrzehnten sich haben vollziehen sehen. Im Verlauf der neunziger Jahre deS abgelaufenen Jahrhunderts wurde das Zentrum Militär- und marin efro mm. (?) Das schadete ihm so wenig, daß es bei der Reichstagswahl von 1898 seine Mandate von 96 auf 102 vermehrte. Im Jahre 1902 half es die Zollerhöhung samt der Gefchäftsordnunzs- änderung im Reichstag durchsetzen. Das hat es gerade zwei Sitze gekostet, während seine Wahlstimmen von 1455000 auf 1875000 stiegen. 1906 half es die Stengelfche Finanzreform zustande bringen, und bei der Neuwahl gleich darauf stieg trotz des Hottrn tott en lärms, und obgleich die Gefolgschaft res Zentrums durch die Konfessionsirage begrenzt ist, die Zahl seiner Wähler auf 2183000, die feiner Mandate von 102 auf 105. Unb jetzt, nachdem es die Steuervermehrung von 1909 zusammengebraut hat, hält es seine Wähler wieder so fest zusammen wie keine andere bürgerliche Partei. Man mag sich darüber zu sehr pessimistischen Betrachtungen veranlatzt fühlen, aber der Politiker hat die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, das heißt die politischen Kräfte so in Rechnung zu stellen, wie sie faktisch wiegen, und nicht wie er wünscht, daß sie wiegen mögen. *
Am unüberwindlichen Turm wird sich noch mehr als ein Gegner den Schädel einretmen. Voller Bewunderung steht auch der Verfasser einer Artikelserie im liberalen „Bayreuther Tagblatt" dem Zentrum gegenüber, trotzdem et sich von ben landläufigen falschen Anschauungen über die Pattei nicht entziehen kann und ihr scharfer Gegner ist Mirabeau, so nennt sich der Verfasser, bertritt durchaus ben kulturkämpferischen Standpunkt, so, wenn er schreibt:
Man verwendet den besten Dell der nationalen Kräfte zur Rüstung gegen die Nachbarn. Aber gegen den anderen, geistig und geistlich wundbar überlegenen Gegner lüftet man ab. Nur Frankreich macht davon eine rühmliche Ausnahme. Die übrigen Staaten de- gnügen sich, gewisse Hoheitsrechte zu hüten und zu vertreten. Im übrigen Überläßt man den Kampf den Parteien. Sie mögen sich auf dieser Arena zurecht- sinden! Und dadurch ist der Sieg der Kirche geradezu besiegelt. Denn hier hat sie ihre Armee die mindestens ebenso fchlagsertig und — das muß man zu gestehen — mindestens ebenso kühn unb tapfer ist roie die Kriegsheere der Nationen. Unb — sie ist in der Tat keine päpstliche Truppe, es sind keine Schlüflel- soldaten. Sie tut ihre Pflicht neben dem Klerus unb
Unpolitische Zeitkäufe.
'N? m in, 31. März 1910.
^Nachdruck verboten.)
„Den Jungen hätten wir nun glücklich so weit", sagt der glückstrahlende Vater, als sie aus der Kirche nach Hause gingen.
„Jetzt geht» los", erwiderte der Großvater.
„Was geht los?"
„Dein Meisterstück als Hausvater unb Erzieher. Was du vor der Schulzeit deines Jungen geleistet hast, war Lehttingswett. Während der. Schulzett hast du dich leidlich als Geselle im Erziehungsgeschäft bewährt. Run kommt die große Prüfung Wenn du ben her- ""wachsenden Jüngling glücklich durch die Flegel- unb jiigjabre hindurchbringst, bann darfst du dich Meiner nennen lassen."
Der Vater schwieg ein Weilchen und sagte dann zu feinet eigenen Beruhigung:
„Ach der kleine Kett ist ja so brav; er hat den besten Willen von der Welt."
„Wir wollen etwas langsamer gehen", mahnte der Großvater, als der Weg einen kleinen Hügri hinanstieg. Oben Hieb er stehen und schaute auf die Kirche zurück. „Das war das dritte und letzte Mal", sagte et und wandte sich zum Weitergehen.
„Wie meinst du, Vater?"
„Das erste Mal war ich selber das Kommunion- kmd; bann begleitete ich dich, mein Junge, auf deinem Gnaden- und Ehrengang, und jetzt den Enkel. Ich habe mich inzwischen etwas sehr geänbert, du hast dich auch schon bettächtlich geänbert, die Welt hat sich ungeheuer verändert, aber die Kinder sind sich im wesentlichen gleichgeblieben."
„Aber, Vater, man sagt doch, daß die moderne Ju- ganz anders fei, als die Jugend in den guten Zeiten."
“"fa* Jugend hier, die in einem soli- Lehrem unb^JÖ Auswachsen und von treuen h^nqebildct Ertlichen zu jungen Christenmenfchen K öomm,.^ bzn- s. Tie lind bis zum Tage ihrer fraß verschon' T ^er Regel vom modernen Wurm- Er "Ä™ 9«'"- 36? s,d, W °«I NN,-Mb. keine 5Bcnaaüi<>H! ot keine Gewissensbisse,
wandeln^in das SO "insten Hoffnungsseligkeit her unter Ur.;* S#en hinein, gleich dem Soldaten, Huchen Gesängen durch den Hellen Son
nenschein marschiert, bis er in die pfeifenden Kugeln und daS dampfende Schlachtfeld kommt. Morgenrot, Morgenrot, leuchtest manchem zum frühen Tod."
„DaS freut mich, Vater, daß du den Text etwas geändert hast. Dir hat ja, Gott sei Dank, daS Morgenrot nicht zum frühen Tod geleuchtet, und ich bin auch schon bis an den Mittag des Lebens gelangt Wir find ja bisher so leidlich durchgekommen. Warum sollen wir für den Nachwuchs nicht dasselbe hoffen!"
„Ei fteilich, mein Sohn, hoffen sollen unb wollen wir. Der Rückblick stimmt mich auch durchaus nicht melancholisch Ich habe noch meine ordentliche Portion Lebenslust, unb bu mußt mindestens noch die doppelte Portion haben. Aber unser Hoffen hak schon eine andere Färbung, als die HofstumgSseligkett der Kinder . Wir sind nicht fo grün mehr."
„Grün? D« meinst wohl, daß wir nicht mehr fo unerfahren sind, nicht mehr fo blind darauf los hoffen?"
Der Großvater stand an einem Roggenfelde still, Idas in feinem frischen Grün lieblich anzuschauen war. „Die Saat ficht gut", sagte er, „unb der Bauer freut sich gewiß; aber er wirb sich nicht einbilden, daß er morgen ober übermorgen schon ernten könnte. Der Bauer weiß, daß noch viele Winde über daS Feld brausen, noch manches Donnerwetter sich entloben wird ehe die Aehren reifen, er weiß auch, daß Hagttschläge ober Ueberschwanmungen oder Mäuseftaß oder Ge- tteidekrankheilen das Feld heimsuchen können Aber die jungen Pftanzen da, die wissen nichts davon; sie grünen und treiben sorglos rm Strahle der Frühlingssonne."
„Ja, Vater, da hast du recht: die hoffnungSfri- schen Menschenkinder, die wir heute gesehen haben, ken- nen auch die Schwierigkeiten und Gefahren des Mm- fcheulebens noch nicht."
„So ist eS, mein Sohn, unb darum hatte ich mir in der Kirche vorgenommen, ich wellte bir sagen bu sollst dich gedulden. Ter Erzieher muß sich' erst selbst erziehen, und dazu gehört die Ausmerzung von Illusionen. Es ist Eitelkeit, wenn wir annehmen daS Kind müsse befonberS klug und gut sein, weil es unser Kind ist. Seien wir zufrieden, wenn es zur Turch- schnittsarmre gerechnet werden kann. Die Eltern dürfen keine Affenliebe haben, dje sie für die Fehler ihrer Kinder dlmd macht, aber sie dürfen auch nicht jene überspannte Siebe haben, die allzu große Anforderungen stellt und angesichts der unvermeidlichen Schwächen in Verzweiflung gerät Ruhe ist die erste Er-
zirherpflicht unb Geduld die zweite. Die Kinder haben -a in Schule und Kirche viel gelernt von den irdischen und himmlischen Dingen, aber das Probieren kommt erst nach diesem Studieren. Sie haben Unterricht in den Schwimmbewegungen erhalten — auf dem Trockenen. Jetzt erst werden sie ins Wasser geworfen und sollen nun die Theorie in die bitterernste Praxis übersetzen. Da fängt erst bet wahre Schwimmunterricht an Und ohne Wasserfchlucken wird's wohl nicht abgehen. Vielleicht gibts auch einen Krampf oder eine Ohnmacht. Da muß enter da fein, der den Versinkenden rettet. Wollte er sich im Augenblick der Not am User in Positur stellen und eine lange Entrüstunosrede halten über die unzuverlässigen Leute, die feierlich die Beobachtung oller Schwimmregeln versprechen und dann doch falsche Bewegungen machen, so wäre er sehr töricht. Frisch zufaffen unb den Bedrohten in Sicherheit bringen! Was geredet werden muß, läßt sich nachher auch noch sagen, wichtiger als Worte sind die Taten- Ach. der Wille ist ja fo schön unb gut bei diesen Kleinen, aber c5 ist ein unerprobter Wille, bet im allgemeinen auf das Beste gerichtet, in ben Einzelheiten des wirklichen Lebens sich aber noch nicht auskennt. Der Wille muß durch die Erfahrungsschmiede hindurch gehen, unb da stieben bie Funken unb fallen die Schlacken. Es gibt herbe, schmerzliche Erfahrungen, und mtt der ringenden jungen Seele lei beit die Ellern und Erzieher. Sie leiden manchmal schwerer, als das betroffene Menschenkind selber, das gern mit rosigen Einbildungen sich über den Ernst bet Krisis hinwegtäuscht. Das beforgte Her, der Eltern muß auch in den Foltcraualen stand halten. Es darf nicht verzagen, wenn auch wiederhoil das Kind der menschlich:» Schwäche und der teuflischen Verführung feinen Tribut zahlt. Helfen, Helsen, Helsen, Immer wieder aushelfen und vorwärtsbelsen — das ist die schwere Aufgabe der tttätlichen Liebe. Sie Heinen Kinder aufzuheben und auf dem Arme zu tragen, war eine Wonne. Die großen Kinder au8 dem Staube zu heben und ihre ganze Leibes- und Seelenlast miizu- tragen, ist eine Arbeit, die vielen Sorgenschweiß und unter Umständen sogar das Blut der Eltern erpreßt. Doch sie m u ß geleistet werden, denn sonst gehen unzählige Menschenkinder berieten, die nicht aus Bös- will'gkett, fonbem aus Unerfahrenheit unb Schwäche an ben Rand de? Verderbens geraten. Darum sage ich bir, mein Sohn, daß dir Hauptarbeit als Vater jetzt erst anfängt."
„Du machst mir das Herz schwer an diesem festlichen Tage, aber ich fühle, daß bu recht hast. Wenn ich auf meine Jugendzeit zurückblicke, so sehe ich auf
der einen Seite bas hoffnungsfrohe Kommunionkinb, das mit den schönsten Vorsätzen kühn in's Leben hin- einging, unb dann den Jüngling, der im Strudel der Welt eine ganze Portion der festen Vorsätze vergaß Ich bin ja noch immer wieder auf 8 Trockene gekommen, doch die ganze Größe der Gefahren, in die ich mich leichtsinniger Weise gestürzt hatte, erkenne ich jetzt, erst."
-Ja", fiel der Großvater ein, „und wenn du erst bis zu meinem Mer gelangt bist, so wirst du noch mehr Einsicht und Grausen vor ben überstandenen Gefahren haben. Wir lernen niemals aus unb werden bis zu unserem Tode nicht weise. Auch im reifen Alter unb sogar noch im Greifenalter machen wir Torheiten und Fehler. Wir gleichen dem Manne, der im Win- ter über ben zugefrorenm Bodensee ritt in dem Glauben, daß er sich aus vereistem Lande befinde- Der Sage nach toll dieser Reitersmann nur einmal den gefährlichen Weg gemacht haben Wir waghalsigen Men- schenkindei fordern aber wiederholt vermessener Weise das Schicksal heraus. Und wenn sogar die Alten nicht immer vernünftig bleiben, wie kann man von bet Ju- getib in ihren Lturm- und Drangjahren erwarten daß es ohne Irren und Straucheln abgehe?"
. iflnge Mann reichte dem alten die Hand und sa^e in herzlichem Tone. „Als du mich vorhin unterbrachst, Vater, wollte ich dir noch ben Dank abstat- en.tor die treue, nachsichtige, geduldige Sorgfalt und Hilfe, die du mir auch in dem weiteren Abschnitte meines Lebens gewidmet hast. Ich weiß wohl, daß bu immer als ein Schutzengel von Fleisch unb Blut über auch gewacht hast, auch wo bu dich anscheinend zurück- hieltest, und ich habe erst nachträglich recht erfannt, welch' unschätzbare Wohltaten bu mir durch Rat und Tat fortgesetzt erwiesen hast."
„Nun", meinte der Großvater, „wir wiffen ja ohne Worte, wie wir zu etnmiber stehen. Aber wenn du von Dank sprichst, so muß ich gestehen, daß ich mich hatte voraus bezahlen lassen. Dein Großvater, mein Vater selig, hatte mit unerschöpflicher Geduld und Klugheit meine Entwickelung geleitet unb mtt mir viel Last unb Sorge gehabt. Dafür habe ich versucht, an dir das gleiche zu tun nach meinen besten Kräften. Also meine Rechnung ist schon beglichen. Tue du nun das deinige an beinern Sohn in seinen kritischen Jahren, bann ist alles in Ordnung. — Da kommen die anderen. Mr wollen die Falten des Gesichtes wieder glätten und fröhlich sein mit den Fröhlichen. Wenn Einer tut, was rr kann, so tut der liebe Gott daS übrige.