«rfcheint täglich mit Aurnahmr btt $o.m< Uj,dFeiettage.viettel' jährlich« verugrpreir ohne vringtrlohn und Bestellgeld in Fulda so- wie auswärts il-5v Ml.
öeronto. Hebehtxtt
««rrZchiittti fSrbieAn^tgt«:
Z.pa^tltrinFÄba.
Anzrigt«: Vie et» fpalügepttitrekleober bereit Raum zs pfg. Reklamen dtepetitzeile 25 Pfg., bet wieder- Holungen wird entspr.
Rabatt gewährt. -
RotationsdruSunb Verlag der Fuldaer Sk- tiendnttkerei in Fulda Fernsprecher «r.g.
14. Erstes Blatt.
Fulda, Samstag den 2, April 1910. 37. Jahrgang.
Aus Uirche und Schule.
* Breslau, 1. April 1910. Für bett erkrank« len Weihbischof Marx erfolgte am 10. März in Rom die Ernennung des zweiten Weib» bifchofS in der Person deS hiesigen Kanoniku» Karl Augustin, langjährigen Kurators der Genoffenichaft der Grauen Schwestern.
Handwerker auch im Fernverkehr beständig zu verwenden. Die nicht handwerksmäßig vorgebil« beten Heizer heißen Feuer mann und (bis zur etatsmäßigen Anstellung) HilsSfeuermann, während die handwerksmäßig vorgebildeten Beamten und HilfSbeamten Amtsbezeichnungen behalten. Die beständig und ausschließlich im Dienste eines Lokomotivführers beschäftigten Lokomotivheizer sind künftig alS Reserve-Lokomotivführer zu bezeichnens
W Die heutige Ausgabe umfaßt 14 Seite».
(*) Die soziale Fürsorge der preußischen Staatsbahnverwaltung erfordert nach der„Z!g. de- Vereins der Eijenbahnverwaltunqen" viele Millionen Mark. So belaufen sich z. B. die Kosten für den bahnärztlichen Dienst usw. ein» schließlich der Heilmittel auf mehr als 27t Mill. Mark; die Pensionen-, Witwen- und Waisen- gelber stellen sich infolge der Besoldungsauf- beflerung in diesem Jahre um 5,8 Millionen Mark höher als im Vorjahre. Die Barzuschüsse der Eiienbahnverwaltung zu den Arbeiter kranken- kaffen betragen mehr als 4 Millionen, außerdem erhält dir Arbeiterpensionskasse einen Zuschuß von 2,39 Mill., die Pensionskaffe der dauernd beschäftigten HilfSbeamten und Arbeiter 5,9 Mlll. Dazu kommen entsprechend hohe Beiträge zu den Einrichtungen der Kranken- und Kleinkinder- Fürsorge an kleinen Orten mit zahlreichem Personal, an Vereine zur Förderung des Turn- unterrichtS und sonstiger sportlichen Uebungen jugendlicher Eisenbahnarbeiter usw. Für ein so gewaltiges Arbeiter- und Beamtenheer von über 4oOüOO Köpfen, wie es der preußische Staats- bahnfiskus, der größte Arbeitgeber der Welt, beschäftigt, sind 20 Millionen Mark Wohlfahrts, gelber einschließlich der Pensionsbeträge für die dienstunfähig gewordenen Angestellten und ihre Familien natürlich nicht zu hohe Summen.
* Als Lokomotivheizer sind nach einem Mini- flerial-Erlaß in Zukunft, abweichend von der bisherigen Gepflogenheit, gut befähigte Nicht
jahre und der wechselreichen Zeit der kleinen Nachfolger des großen Kanzlers nicht bloß hell und gesund, sondern in stetig fortschreitendem Wachstum hindurch- zuführen. Die Anteilnahme der deutschen Katholiken und Zentrumsanhänger wird gesteigert durch die Erkenntnis, daß in der Geschichte der „Kölnischen Volkszeitung" das große Bild unserer E m a n z i Patio n s- und Organtsationsbestrebungen sich widerspiegelt. Dir Festschrift, die Dr. Cardauns hat erscheinen lassen, ist ein Beitrag zur Z ei t- g e s ch i ch t e von allgemeinem und dauerndem Werte, der die Wechselbeziehungen zwischen Presse und Politik, Einzelunternehmen und Volksentwicklung in der lehrreichsten Weise klar legt. Nachdem Menkemper die Vorgeschichte der Zentmmspartei zugleich mit den ersten Jichren der Entwickelung der „Köln. Zztg" geschildert, fährt er fort: „Die Zentrumspartei entstand, und zu den wenigen Blättern, die ihr als Vorarbeiter gedient hatten, gesellte sich in kurzer Frist eine lange Reihe von Zeitungen der verschiedensten Größe und Grade. Die neue Presse hatte den Vorteil, sich cm eine große Partei mit festem Programm anlehnen zu können; sie hatte aber auch die Aufgab e, sich in die neue Organisation als regelrechtes und wirksames Glied einzufügen. Für die älteren Blätter brachte der neue Wettbewerb zwar einen augenblicklichen Verlust von Abonnenten, aber das glich sich bald aus durch den Zuwachs, den der f r i s ch e A u f- schwung des politischen Gei sie s im Volke brachte, und schließlich blieb der dauernde moralische und materielle Vorteil des Ansporns zum Fortschritt, den der Wettstreit hervorrief. Für denjenigen, der es mit erlebt hat, ist eS sehr genußreich und für die jün- geten Kreise sehr lehrreich zu lesen, was Dr. Car- daunS über die Stellungnahme des Blattes zu den inneren Schwierigkeiten im Patteileben und in der religiösen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung kurz und klar ausfühtt. Irren ist menschlich und Fehler macht gelegentlich auch das beste Blatt. Auch wer mal in dieser oder jener Einzelheit mit dem Jubelblatt nicht übereinstimmt, wird doch gern anerkennen, daß es durch gesunden politischen Instinkt, durch eine würdige Form und durch eine kluge Vielseitigkeit unserer guten Sache unschätzbare Dienste geleisttt hat."
* Der neue französische Zolltarif ist gestern Frei- tag in Kraft getreten. Entgegenstehende Meldungen, die von einer Verschiebung des Inkrafttretens auf den 1. Juli wissen wollten, sind also unzutreffend. — Wegen der französtscherr Zollerhöhuugen beabsichtigt, wie mehreren Blättern aus Berlin im Gegensatz zu den Münch. Neuest. Nachr.' mitgeteilt wird, die deutsche Regierung vorläufiz keine Gegenmaßregeln.
)( Wie albern! Der demokratische „Beobachter" in Stuttgart leistet sich eine Zusammenstellung, die als Beleg für die „Vielseitigkeit des Zentrums in der Wahlrechtsfrage" die Runde durch die gleich „tüchtige" Freisinnspresse macht- Das Blatt weist nach, daß in den verschiedenen Bundesstaaten die Wahlrechtsfrage mit Zustimmung der Zentrumsfraktion verschieden gelöst worden ist und will damit bewei- son, daß das Zentturm jeweils für das Wahlrecht Kimme, bei dem es die besten Geschäfte machen könne. Das Großartigste In diesem Ausbruch schwäbischer Intelligenz »st die Behauptting, in Preußen habe das Zentrum nicht nur gegen das gleiche, sondern auch gegen das dirette und geheime Wahlrecht gestimmt Wie alle Welt weiß, hat das Zentrum in Preußen nicht gegen das geheime Wahlrecht gestimmt, es ist vielmehr entschlossen dafür eingetreten. Gerade ihm wird die Einführung dieser von der Regierung bekämpften Sicherung des Wahlrechts zu verdanken sein. Klassisch für die minderwertige Denkfaulheit, die dieses Blatt seinen Lesen» zutraut, ist der weitere Sah das Zentrum habe in Baden dem Reichstagswahlrecht „auch zustimmen müssen". Dabei war eS gerade das Zentrum, dar dott dieses Wahlrecht durchgesetzt hat. Im übrigen braucht man nur darauf hinzuweisen, daß die Verschiedenheiten In den Wahlrechten der süddeutschen Staaten garnicht so groß sind, wie der „Beobachter" glauben machen möchte. Das Verhalten der Zentrumsfrakttonen ettlätt sich vielmehr sehr einfach daraus, daß sie überall für das beste Wahlrecht ftimmten, das zu erreichen war und für das eine möglichst große M e h r h e i t zu haben war. Welchen Sirm hätte es, wenn das Zentrum in Preußen durchaus auf einem Wahlrecht nach süddeutschem oder Reichs-Muster bestehen wollte? Es würde damit ja nichts erreichen. S» zieht es vor, sich bei der erreichbar besten Reform zu bescheiden, statt gamicht« zu erhalten. Daß er immer nur an seine Wahlgeschiffte denke, ist eine Fabel. Wir haben schon ost gesagt, daß eS, wie die Erfahmng lehtt, zur Not schließlich mit jedem Wahlrechte auskommen könne, besser jedenfalls als verschiedene andere Patteien.
+ Der Reichstagsabgeordnete Dr. p. DziembowSki- Pomian hat nach BlSttermeldungen sein Mandat niebergelgt Er vertrat den Wahlkreis Hohen- salza-Strelno-Mogllna und gehörte der polnischen Fraktion an. Sein Wahlkreis ist fester Besitzstand der Polen. Die Mandatsniederlegung wird mit der demokratischen Strömung in der Polenfraktion in Verbindung gebracht, die schon mehrfach zur Er- sehung adliger Kandidaten durch bürgerliche ge.
^-Gesetzliche Regelung deS Waffentraqens Dre Blätter berichten, daß der preußische Minister deS Innern seit längerer Zeit dem Gedanken an eine gesetzliche Regelung deS Waffenlragens näher getreten sei, und daß beabsichtigt werde eine reichsgesetzliche Lösung der Frage herbeizusühren Diese Mitteilungen sind nicht neu. Bereits in der Sitzung de« preußischen Abgeordneienhauses vom 26. Februar d. IS. hat Minister v. Moltke einer Anregung deS Zentrumsabgeordneten Faß.' , bender Folge leistend, ousgeführt, -daß die be. i stehenden lokalen Polizeiverordnungen nicht als 1 ausreichend angesehen werden könnten. Er habe sich daher mit den beteiligten ReffortS darüber I in Beziehung gesetzt, ob es nicht geboten wäre I
Lokales.
Fulda, den 2. April 1910.
(*) DaS Kaiserpaar passierte auf der Reise nach Homburg v. d. H. heute früh 8.32 Uhr die hiesige Station.
(*) DaS Fest Mariä Verkündigung konnte in diesem Jahre bekanntlich an dem 25. März nicht gefeiert werden. Der Karfreitag machte ältere und höhere Rechte geltend. Da» Fest wurde daher auf den 4. April verlegt. Das Fest wird aber nur kirchlich mit dem entsprechenden Festgottesdienst begangen. Im übrigen ist gewöhnlicher Werk- und Arbeitstag. Mit der stillen Hoffnung so vieler auf einen Doppelfeiertag wär'» also mal nichts. Leider!
iqi Die Aufnahme in die Schulen. In. Anschluß an die gestrigen Mitteilungen über die Ausnahme der schulpflichtig geworbenen Kinder in bie Volksschulen sei noch folgendes mit geteilt: An der Uebungsschule am König!. Schullehrer« seminar ftndet bie Aufnahme der in der Zeit vom 1. Okt. 1903 bis Ende September 1904 geborenen Kinder am Dienstag den 5. April, vormittags 9 Uhr statt. Am Königs. Gymnasium und an der Oberrealschule beginnt das neue'
Deutsches Reich.
S Berlin, 1. April 1910. Prinz Hein- rich »oh Preußen hat am Freitag nach Be- ttidigung seines sechsmonatigen Urlaubs den Posten als Generalinspekteur der Marine übernommen. Er gilt als direkter Vertreter des Kaisers, übt die Kontrolle über die KnegStüchtigkeit und KriegSberettschaft der Schiffe und Schiffsverbäude au» und erstattet dem Kaiser Bericht. — Der Präsident des Abgeordneten- hauseS Exzellenz v. Kröcher ist wohlbehalten von seiner Erholungsreise »ach dem Süden zurückgekebrt. — Em DankeSvotum für Frhrn. v. d. Goltz enthält, wie cmS Konstantinopel berichtet ronb, der Bericht, den der KriegSauS- fchuß der türkischen Kammer über das neue Wehrgesetz erstattete. In dem Bericht erklärt, die türkttche Armee und Nation würden dem dem General Freiherr v. d. Goltz für fein Reformwerk ewig dankbar sein. — Die Errichtung eines obersten GerichlhofeS in Berlin für Angelegenheiten der kolonialen und konsularen Gerichtsbarkeit wird durch eine augenblicklich im Bunbesrat befindliche Vorlage geplant.
* Zum Jubiläum der „Köln. Bolksztg." schreibt kln Veteran der Zentmmspreffe, Ftttz N ieukernst e r, der den Werdegang des katholischen Volkslebens der letzten 50 Jahre als Redakteur miterlebt hat, u. a.: »Sob und Dcmk gebührt allen Männern, die bei der Schaffung und Entwicklung dieses größten Blattes der deutschen Zentrumspresse mitgewirkt haben. Wenn man auch die Gunst des Ortes noch so hoch in Anschlag bringt, so bleibt doch ein Riesenauf- toanb von Wagemut, Zähigkeit, Gewandtheit, Fleiß und Klughett nötig, um ein solches Zeitungsunternehmen durch die äußeren und inneren Schwierigkeiten der sechziger Konflikts- und Kriegsjahre, der siebziger Verfo>!gungsjahre, der achtziger GeduldSprobe-
Ausland.
* Der deutsche Reichskanzler , der sich noch in Italien befindet, und der neue italienische Minister der Aeußeren, San Giuliano, werden heute in Florenz eine Unterredung haben. Die Zusammenkunft soll offenbar bekunden, daß San Giuliano sich auf den Boden des Programms seines $or«, gängers stellt, mit dem der Reichskanzler bereits eine Unterredung hatte.
** Die antimilitaristische Propaganda der tschechischen Nationalen in Böhmen führt fast alljährlich zu Demonstrationen der Gestellungspflichtigen. In Brüx wurden Rekruten bestraft, die zur Aushebung in größeren Trupps mit Kokarden erschienen,die ein von zwei Fäusten geknicktes Gewehr und die Inschrift trugen „Keinen Heller! Keinen Mann!" Seit kurzem erscheinen die Gestellungspflichtigen vor den Kommissionen wegen dieser Bestrafungen in schwarzen Trauerkleidern.
* „Nix daiffch" darf in Prag sein. Bekanntlich hielten die ersten in Frankreich erzeugten Röhren für die Prager Wasserleitung den vorgeschriebenen Druck nicht aus. Die jetzt gelieferten find besser. Man hat nämlich den Ausiveg getroffen, die Lieferung der weiteren Röhren an eine deutsche Fabrik zu vergeben, welche sie nach Pont k Mouffon liefert, von wo sie an die Prager Stadtgemeinde „auS Frankreich" gesendet werben. Die erhöhten Transportkosten muß selbstverständlich die Prager Stadtgemeinde tragen. Die mit dem Auftrag betraute deutsche Firma ist Balcke und Tellering in Benrath.
** Heber bie Absetzung des Dalai Lama treffen jetzt die ersten ausführlichen Mitteilungen aus Peking ein. DaS Dekret, das ihn absetzt, beschuldigt ihn, sich Rechte angemaßt zu haben, die ihm nicht gebührten, da er den Reichsschatz an sich genommen und sich nicht auf die geistliche Jurisdiktion beschränkt habe. Man erfährt auch, daß der Datai Lama schon einmal abge- seht war, nämlich im Jahre 1905. Jenesmal habe ihm die Regierung aber verziehen und ihm in Peking mit neuen Ehren überhäuft, „um ihn auf bessere Wege zu bringen" Der Dalai Lama habe das ganze Land aufgestachelt und falsche Nachrichten verbreitet. Er sei nicht würdig, das Haupt der Hut'ukttl (der Heiligens zu sein, da seine Undankbarkeit, sein trügerisches Verhalten und seine Flucht ihn nicht als heilig erscheinen lassen- „Wir befehlen unseren kaiserlichen Residenten in China, nach Kindern suchen zu lassen, die mit dem wunderbaren Zeichen geboren find und über sie auS der „Goldenen Urne" das Los entscheiden zu lassen, wie es der traditionelle Ritus vorschreibt. DaS gewählte Kind soll als der wirklich wieder menschgewordene ftühere Dalai Lama eingesetzt und mit den gehörigen Titckn bedacht werden." DaS Edikt, betont ausdrücklich, daß die Lama-Religion China heilig sei.
Memlik lebt »och.
* Die Nachricht von Meneli ks Tod, die von einer Pariser ossiziösen Korrespondent verbreitet wurde, bestätigt sich nicht. NeauS Menelik lebt noch. (Die Beilage »Welt und Wissen" mit dem „Nekrolog" war bereit- gedruckt, als uns dieses Dementi erreichte). Sein Zustand ist unverändert. Das Land ist ruhig. Die Kaiserin Taitu hat sich vergeblich bemüht, mit den Anführern der Schoa ein E'nvernehmen zu erzielen. Sie verlangte neuerdings einen Schwur de» Volke», daß nach MenelikS Tode ihre Perlon und ihr Vermögen geschützt bleite. Der Staatsrat unter dem Vorsitz deS Ras Tassama bat das Begehren abgelehnt, weil die Kaiserin die Gesandschaften zur Vermittlung auffordette. Die feste Haltung der Regierung hat Vettrauen erweckt.
eine gesetzliche Regelung eintreten zu lassen. Für eine reichsgesetzliche Regelung führte der Minister mit Recht an, daß die Ausdehnung auf das größere Gebiet eine umfassendere Wirkung für sich haben würde, und daß dadurch auch die berechtigten Interessen deS Waffenhandels geschont werden könnten. Der Minister erklärte zum Schluß, die Beratungen hätten soweit geführt, daß er glaube, in naher Zeit mit Vorschlägen an das Staatsministerium herantreten zu können. Hoffentlich verwirklicht sich diese Erwartung recht bald, denn eS ist in der Tat eine Abwehr gegen die bestehenden großen Mißstände notwendig.
O „Wie man in Preußen Minister wird", hat der Abg. G o t h e i n vor kurzem im Reichstag auf Grund von Mitteilungen des früheren Handelsministers S re« selb angedeutet Abg. Gothein ist deshalb wegen angeblichen Vertrauensbruches angegriffen worden. Er erklärt jetzt in der „Lib. Karr-", daß Brefeld lediglich den Wunsch ausgesprochen habe, von seinen Mitteilungen nicht zu seinen Lebzeiten Gebrauch zu machen. Abg. Gothein erzählt:?
„Ich war kurz nach BrefeldS Demission mit ihm in Gastein im selben Hotel zusammengetroffen, wir hatten uns trotz der vorangegangenen schweren Kämpfe i-n Abgeordnelenhans dort gefunden und regelmäßig zusammen gespeist; und er hat mir viel aus seiner Ministerlausbabn erzählt. Unter anderem, daß er sich mit Händen und Füßen gesträubt habe, das Handelsministerium zu übernehmen, weil er von dieser Materie nichts verstünde. Er war Unterstaats- sekreiär im Ministerium der öffentlichen Arbeiten und Präsident be3 LandeisenbahnratS, also lediglich im Eisenbahnressort tätig gewesen. All fein Sträuben hatte ihn aber nichts genutzt, und alS in preußischer Tradition lebender Beamter hatte er sich schließlrch verpflichtet gefühlt, nicht nein zn sagen. Er hat sich sehr scharf zu mir darüber geäußert, waS für ein Unglück es fei, Ministerposten mit Männern zu besetzen, die an anderen Stellen nützlich sein könnten, an dieser aber nichts zu leisten vermöchten."
Zur Abwehr deS Vorwurfs, daß er durch diese Erzählung vertrauliche Aeußerungen Brefelds vor die Oeffentlichkeit gebracht habe, erzählt Abg. Gothein zum Schluffe noch folgende wahre Anekdote:
„Ein junger Abgeordneter war bei BiSmarck auf einem Rout, und dieser teilte ihm ganz vertraulich eine politische Sache mit. Der gewissenhafte junge Abgeordnete fühlte sich durch dieses Vertrauen sehr geehrt und begrub daS Mitgeteilte in seines Herzens tie|ftem Tckrein. Als nach drei Tagen nichts davon in die Oeffentlichkeit gekommen war, sagt« BiSmarck entrüstet zn Bamberger: „Der Kerl ist ;a so dumm, daß er nicht einmal versteht, ein Geheimnis zu verraten."
+ lieber sozialdemokratische Theorie und Praxis lesen wir in den Blättern folgende iniereffante Mitteilung: Buchdruckereibesitzer Max Arthur Hofmann in Saalfeld, derbem Reichs- lag als sozialbemokratisches Mitglieb von 1903 —1906 für Schwarzburg - Rubolstabt angehört hat, ist feit Jahren in feinem „Voltsblatt" eifrig gegen die kirchliche Konfirmation aufge- treten. So schrieb auch diesmal wieder zur KonfirmaiionSzeit das „Saals. Volksblatt" bes Lanbtagsabg. Hofmann an erster Stelle beS lokalen Teiles:
„Schon in früheren Jahren ist wiederholt darauf ßingeroiefen worden, daß zur Teilnahme an der Kon- firmation kein Mensch gezwungen (diese vier Worte sind im „Volksblatt" fett gedruckt) werden kann.... Wie es eine unbestreitbare Tatfache ift, daß eine große Anzahl Menschen von den gesetzlich gewährlrislelen Rechten bezüglich her Zivilehen keinen vollgiltigen Gebrauch macht und, obwohl sie sonst mit den Einrichtungen und Bestimmungen dcr Landeskirche nicht einverstanden sind, dennoch so nebenbei sich kirchlich trauen lassen — weil es nun einmal so Mode ift —, gibt es eine gleich große Anzahl, die die Konfirmation als Modefache (diese drei Worte sind wieder fett gedruckt) betrachten. Bei denjenigen, bie in ihren Anschauungen aber auf einem onberen Standpunlt stehen, ist bas Mitmachen einer Modesache im Grunde genommen weiter nichts al8 ein Stück Gedankenlosigkeit."
Wer nun aber meint, daß Hofmann in feinem Privatleben von der Konfirmation, dieser „Mobesache", btefem „Stück Gedankenlosigkeit", ebenfalls nichts wissen will, der hat sich getäuscht. Hofmann hat in diesem Jahre in der Saaljelber St. Johanniekirche feine beiden Töchter konfir- mieten lasten.
4- Auf dem Wege zur großlib traten Einigung.
r Die parteipolitischen Verhältnisse im deutschen Reiche find fett den BlockwaUen ganz rapide in andere Bahnen gelenkt worden. Die erste Krisis trat mit dem Zerfall der Blockmehrhett bei der Reichssinanzreform ein, einet neuen Krisis treibt die Entwicklung gcgen- wäriig zu, verursacht die preußische Wahlrechtsreform.
Der Zusammenbruch des Bülow-Mocks während des Kamofts um die Reichsfinanzreform wirkte aus die parteipolitischen Verhältnisse direkt nicht besonders tief ein, denn der Block war ja nur eine künstlich her- gestellte Patteigruppierung, die durch keine inneren Beziehungen zusammengehalten war und deren Bestand von vornherein nur als vorübergehend angesehen werden konnte. Wichtiger dagegen war die Einwirkung der Blockkrisis auf die Verhältnisse im Libera- l isuiu s.
Die geschloffene Oppositionsstellung der 'gesantten liberalen Parteien wäre vor 1906 so gut wie unmöglich gewesen. Erst die Blockpolitik hat Natis- nallibemle und Linksliberale zu gemeinsamem Eintreten für „liberale Forderungen" zusammen ge^ führt, die finanzpolitifk!-en Kämpfe haben dieses Zusammenwirken befestigt. Die nächste Folge war die Einigung der drei linksliberalen Patteigmppen und die Annäherung der Nationalliberalen an sie, während die Beziehungen der Nationalliberalen zu den Rechtsparteien eine bedenkliche Lockerung erfuhren.
Die Annähenmg zwischen Nationalliberalen und Linksliberulen hat unterdes weitere Fortschritte gemacht. Bestimmend war dafür einmal die wachsende Gegnerschaft zwischen Konservativen und National- liberalen — nicht nur im Reiche, sondern auch in Baden, Bayern, Sachsen und jetzt auch in Preußen —, daneben und im Gefolge dessen die wachsende Neig- gung der Rationalilberalen, die Bundesgeuossenschast der Sozialdemokratie aiizunehrnen. Heute sehen wir schon Blätter wie die Rheintsch-Westfal. Ztg und die Straßburger Post den Großblock offen befürworten, gewiß ein charakteristisches Zeichen der Zeit.
Die großliberccke Einigung ift nur die natu mot- wendige Folgerung ans den gegenwättigen Verhältnissen- Gerade in den letzten Tagen ist von national« liberaler Seite der Gedanke einer „gesamtliberalen Eidgenossenschaft" mehrfach empfohlen worden, die Entwicklung von der Gesamtbürgschaft zu einer Gesamtpattei würde kaum auf große Schwierigkeiten stoßen. Das allerdings wird feftzuhaltcn fein, daß ein restloses Aufgchen der heutigen nationalliberalen Pattei ■in eine großliberake Partei nicht erwattet werden bars. Ein großer Teil wird nach r cch t s abmarschieren und daS Beispiel der Heyl von Herrnsheim, Graf Oririla nnb Lehmann befolgen.
Wie sollen nun wir zu dieser voraussichtlichen Entwicklung Stellung nehmen? Wir meinen, daß sie als Klärung bet Verhältnisse nur zu begrüßen ist. Der Gesamtliberaliswus wird eine stärkere Macht als die fetzigen Einzelpatteien nicht aufbringen können. Der Liberalismus ist im 3bi ebergange begriffen, die liberalen Parteien habm den festen B o - den im Volke verloren, Alle letzten Wahlen haben die» bewiesen und die kommenden Wahlen wer- dm die Erfahmng bestätigen. Das eröffnet den Blick auf eine wettere Entwicklung. Wenn der Liberalismus heute bei der Sozialdeniokratie Anschluß sucht, so tut er bis in klarer Erkenntnis dessen, daß et nut hier die Stütze finden kann, deren er zu seiner wetteren Existenz bedarf. Wer lebensfähiger wird er dadurch natürlich nicht, im Gegenteil er bahnt nur der Sozialdemokratie die Wege.
Die Sozialdemokratie wird da? E r b e d e r liberalen Parteien übernehmen