SrsqeinttSgnqmri AuLüchme der So.m- u«d Feiertage. Vierteljährlicher Vezvarpreir ohne Sringerlah« und vefteSgeld in Fulda sowie amwärtrs.MM.
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I.parzerer in Fulda. wochenW-as«! „Illustrierte Sonntagrzeitung"
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73. Erstes Blatt.
Fulda, Freitag den 1. April 1910.
37. Jahrgang.
S Die Kölnische Volkszeitung begeht heute das Fest ihres 5 Os ähr. Bestehens.
DaS ist ein Festlag für die ganze katholische Presse und für das katholische Volk in Deutschland, denn die Entwickelung dieses führenden Organs der deutschen Katholiken ist zugleich ein Stück Enrwickelung des katholischen Volkslebens la Deutschland und der politischen Vcnrettmg der deutschen Katholiken
Benn Liebig einmal gesagt hat, die Kultur eines Volkeks sei nach fernem Verbrauch rcn Seife zu bemessen, so kann man heute sie danach beurteilen, wie die Presse gcichapl und gefördert wird. Und da darf der katholische Volksteil wohl beanspruchen, auf der Kulturhöhe zu stehen. Es hat eine Zeit gegeben, wo bei uns die Presse nicht geschätzt wurde, wo man ihre Bedeutung nicht erkannt hat; sie ist Gott sei Dank vorbei. Der katholische Volksteil vor allem hat seine Presse als Vorkämpferin für seine Freiheit und als Verteidigerin seiner Deckte schätzen gelernt. Er hat es ihr nicht vergessen, daß sie in dem harten Ringen der vergangenen Jahrzehnte stets im Vordergründe gestanden und für ihn gestritten und gelitten hat und er weiß es zu würdigen, daß sic ihm auch heute im Streit der Zeit Führerin ist, daß sie in dm politischen Kämpfen, in den geisttgen und wirtschaftlichen Fragen den Weg weist.
Darum ist cs für die Katholiken Deutschlands gewiß ein Anlaß zur Freude, wenn ihr führendes Organ, das an der Gründung des deutschen Zentrums hervorragend beteiligt war und das sich zugleich zu den bedeutendsten katholischen Organen der Welt em- porgeschwunsscn bat, sieg- und ruhmbedeckt ihr goldenes Jubelfest feicm kann.
Aus Anl-si d-s Jubiläums hat, wie n>ir schon mtt- teilten, Dr. Hermann C a r d a u n s, der der Zeitung mehr als dreißig Jahre angehört hat, und zivar als Hauptredcckteur unter gleichen Rechten mit Herm Julius Bachem, der von den gegemoärtigen Mitgliedern der Redaktion in ihr schon länger als vierzig Jahre tätig ist, eine Festschrift versaßt, die vom Verfasser als eine Chronik der Zeitung bezeichnet wird Daneben aber bietet sich auf achtzig Seiten in knappem Stile eine Fülle von zeit- und parteigeschichtlich in- leressantem und wertvollem Material.
In einer Vorgeschichte werden die verschiedenen Gnindungsversuche des Verlagsbuchhändlers Joseph Bachem in KAn aus dem Ende der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts geschildert. Die Rheinische und die deutsche Volkshallc, die ersten Versuche, in Köln ein politisches Tageblatt katholischer Richtung zu gründen, hatten nur eine kurze Lebensgeschichte, und zwar als eine Folge der Zwangs- und Unterdrückungs- Maßregeln der preußischen Regierung, die keine unab-- Rroiinz im Volke dulden wollte Pie ein Bli - aus hcitcrm Himmel — der Generalversammlung sollte gerade zum erstenmal eine kleine Dividende vorgeschlagen werden — kam am 10- Juli 1855 die Eröffnung des Kölner Polizeidirektors Geiger, es sei angeblich wegen preußenfrmdlicher Gesinnung, auf Grund der §§ 71 ff der Gewerbeordnung das Verfahren mif Entziehung der Konzession einzuleiten, sowie der Verlag und Verkauf der „Deutschen Volkshalle" schon jetzt zu suspendieren. Die schon zur Post beförderten Exemplare wurden am selben Tag noch zurückgeholt. Den preußischen Blättern wurde regierungsseitig verboten, die Unterdrückungsmaßregel überhaupt zu besprechen und den Abonnenten durfte nicht mitge- teil! werden, daß ihr Blatt suspendiert worden seil
Rach einer fünfjährigen Pause nahm Joseph Ba- chem den Plan einer neuen katholischen Zeitung wieder auf; am 31. März 1860 erschienen die Kölnischen Blätter, die unmittelbaren Vorgänger der jetzigen Kölnischen Volkszeitung, die aber auch mit großen Schwierigkeiten nicht nur materieller Art zu 'ämpscn hatten. Für die Leitung war der Bonner Theologiestudcilt Fridolin Hoffmann gewonnen, da schrieb er vierzehn Tage vor dem 1. April nicht allein ib, sondern verschwand auch aus Bonn, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Bachem fetzte dem Flüchtling sofort nach, stellte ihn schließlich in Koblenz und gewann ihn aufs Neue. Der Verleger hatte richtig erkannt, daß es der Mühe lohnte, den jungen, hervorragend begabten Mann sich zu sichern. Hoffmann, der sich nur mit Widerstreben der journallstischen Tätigkeit zuwandte, entwickelte sich in kurzer Zeit zu einem außcracwöhnlich tüchtigen Jonmalisicn und brachte das Blatt mit Unterstützung eines Stabes treffficher Mitarbeiter zu Ansehen und Bedeutung. Als zweiten Redakteur engagierte Bachem zwei Jahre später von der Straße weg den Protestanten Heinrich Schmidt, einen Bruder des späteren Wiener Dombaumeister» Friedrich v. Schmidt. Die Tendenz der „Kölnischen Blätter" gefiel in Berlin wiederum nicht. Nachdem am 1. Juni 1863 die „Preßfreiheit" durch „Allerhöchste Verordnung bett, das Verbot von Zeitungen und Zeitschriften" ergänzt worden war, auf Grund deren „nach vorheriger zweimaliger Verwarnung de» bett Verlegers" jede Zeitung von der Regierung verboten werden konnte, ließ die Anwendung dieser Maßregü nicht lange auf sich warten. Schon am 6. August erließ der Kölner Regierungspräsident die erste Verwarnung, weil die angebliche Behauptung gehässig dargestellter Tatsachen und geflissentlich falscher In- sinuationen über die Machtstellung Preußens" usw. geeignet fei, „die öffentliche Wohlfahrt zu gefährden". Außerdem gaben die „Kölnischen Blätter nach ihrer bisherigen Gejamtdaltung eine der Staatsregierung feindliche Gesinnung kund*. Eine an den Minister des Innern gerichtete eingehende Widerlegung der Anklagen wandte damals die Gefahr noch ab, da» Jahr 1866 ober brachte gleich zwei Verwamungen mit dem Bedeuten, daß das Unternehmen nach Erscheinen de» nächsten oppositionellen Arttkcls unterbrutft werde. Nur mit größter Vorsicht entging man der Verwirk- ktchung dieser Drohung.
! Erschwert wurde dem Blatt auch da» Dasein durch die altkatholische Bewegung Ende der 60er Jahre. Der Redakteur, der geistliche Schiedsrichter in theolo- «fschen Fragen und die wichtigsten Mitarbeiter standen auf der Seite der Gegner der Unfehlbarkeit de» Papste», der Verleger aber sträubte sich dagegen, daß
Zeitung in da» altkatholische Fahrwasser geriet.
| Da gab e8 denn scharfe gegenseitige Auseinandersetzungen, die zu dem wunderlichen Zustand führten, daß Redakteur und Veücger monatelang nut noch schriftlich mitcmander verkehrten. Schließlich löste der letztere den KontrÄt durch Zahlung einer erheblichen Abfindungssumme und Hoffmann schied Ende November 1869 aus der Redaktion. Mit ihm ging auch der dritte Redakteur Benllage, der sich ebenfalls der alikatholi- fchen Bewegung anfchloß, fo daß nur der Protestant Schmidt übrig blieb, und auch eine ganze Reihe der besten Mitarbeiter stellte die Tätigkeit aus gleichen Gründen em.
Seit dieser kritischen Zeit aber datiert der Aufschwung de» Blattes, das seit dem 1. Januar 1869 den heutigen Titel führt. Damals kam in die Redak- tton ein Mann, der heute noch die Seele des Blattes ist: I u l i u » B a ch c m. Er stammt aus Mülheim a. d. Ruhr und der Verleger Joseph Bachem war ein Vetter seine» Vaters. Schon als Bonner Student hatte er zu den Mitarbeitern der „Kölnischen Blätter" gezählt. Al» er 1869 als Auskultator an das Kölner Landgericht kam, mußte er nach dem Ausscheiden Hoffmanns in der Redaktton „aushelfen". Zwischen Gerichtssaal und Redaktion pendelte er hin und her. Erst nach Ablegung des großen Staatsexamens und Ernennung zum Advokaten enffchied er sich für die Journalistik als Lebensberuf und trat endgiltig in die Redaktion ein. Der sofortige Nachfolger Hoffmanns war der Journalist Brückmann gewesen, unter dessen Redaktion am 11. Juni 1870 aus der Feder des Ober- tribunalrat» Dr. Peter Reichensperger der nachher so berühmt gewordene Artikel „Zu den nächsten Wahlen" erschien. Er formulierte darin ein neue» Woblpro- gramm, da» den Anstoß zur Bildung der „Zentrums- Partei (Vcrfassungspartei)" gegeben hat. Mitte der 70er Jahr; trat als Chefredakteur der bisherige Bonner Privaldozent der Geschichte Dr- Hermann Car - dauns in die Redaktion ein. Mehr als dreißig Jahre hindurch hat er mit Julius Bachem gemeinsam den innerpolttifchen Teil der „Kölnischen Volkszeitung" geleitet. Durch manche Fährlichkeiten mußte das Schiff während dieser Zeit gesteuert werden. Während der Kulturkainpsszeit suchte sie der unduldsame Polrzeigcist mit etwa dreißig Konfiskationen und Prozessen Henn. Besondere Entrüftung setzte es ab, al» es der Zeitung gelungen war, die streng verbotene päpstliche Enzyklika vom 5. Februar 1875 mit ihrer Ungültigkeitserklärung der preußischen Maigeseye rasch zu veröffentlichen und mit der Post zu versenden, sodaß die Polizei bei der Beschlagnahme fast nichts mehr vorfand. Eine Verurteilung blieb allerdings aus, zahlreiche Redakteure anderer katholischer Zeitungen aber mußten damals deswegen ins Gefängnis wandern. Der Redakteur des Westfäl. Merkur in Münster gleich auf ein ganzes Jahr. In Elsaß-Lothringen wurde die Verbreitung der Zeitung um die Wende des Jahre» 1878/79 verboten; nach Rußland war der Zeitung bitte Jahre lang, bis 1895, der Zutritt versagt.
Alle diese Zwischenfälle haben dm Aufschwmig der „Köln. Dolksztg." nicht hindern können Joseph Bachem, mit feiner Umsicht und der von manchem getadelten, aber sehr notwendigen Vorsicht, sein Drang, die Zeitung mit den wachsenden Mitteln und der wachsenden Verbreitung immer mehr auszugestalteii, geschickte Wahl fähiger Redakteure, und ein gleichgestimmtes Zusammenwirken ermöglichten, wachsendes Verständnis und Entgegenkommen besonders der höheren gebildeten, auch der kaufmännischen und technischen Kreise für die Wichtigkeit einer großen politischen Zeitung, welche gerade in Köln und dem rhcinisch-westfä- lischen Gebiete allmählich auch die unbedingt nötige wirtschaflliche Unterlage erhielt — das waren die Grundlagen, auf welchen die „Kölnische Volkszeitung" in die Höhe stieg. Eine Gegenüberstellung zeigt recht deutlich diese Entwicklung: im Jahre 1869 zahlten die Kölnischen Blätter drei Redakteure, heute hat die Köl- nischc Volkszeitung deren dreizehn und drei auSwär- ttge Vertreter in Berlin und 9iom. Nach Joseph Ba- ch^ms Tod führten seine Söhne verständnisvoll das Geschäft weiter. Jetzt erscheint die Kölnische Volks- zertung täglich in drei vollen Bogen, hat einen aus gebreiteten Redakttonsstab, Vertreter in den wicht msten Städten, rasche Berichterstattung, eingehende Unterrichtung über alle wichtigen Fragen.
Was der Zeitung zu größerer Bedeutung verholsen hat, ist neben der eigenen Kraft das Heranwachsen des Zentrums zu einer mächtigen Volkspartei. Andererseits aber muß nachdrücklich betont werden, daß die „Köln. Vztg." in der Sammlung der Katholiken zu einer pollttschen Pattci aus dem Boden der modernen besonders auch der gemischt konfessionellen Verhältnisse Deutschland» mit sicheren Grundsätzen für die Behandlung der polittschen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen im Sinne der mittleren Linie und der ausgleichenden Gerechttgkeit für alle Volksklassen, in der Verteidigung der Rechte des katholischen Volkes, In dem Ringen um feine Gleichberechtigung, in der' Abwehr de» rücksichtslos von der Regierung durchgcfiihrten Kuttuttampf», im Kampf gegen ben Liberalismus und die Sozialdemokratie stets an der Spitze marschiert ist
RamenU'ch hat sie cs verstanden, die rheinische katholische Bevölkerung aus dem politischen Schlummer zu wecken, in den sie im Dettaufe der 1860ec Jahre gefallen war. Köln wurde bei dec Reichstagswahl 1871 im ersten Anstürme genommen, bei der Landtaas- toafjl konnte die Zahl der Wahlmänner sottgefctzt ae- steigett werrdcn, bis 1882 der volle Sieg errungen war. Aus der Stadtverordnetenversammlung war in den 70er Jähem Li» auf einen der letzte überzeugungS- trene Katholik herausgcwählt, und jetzt ist, nach jähre- langen zielbew.ißtea Kämpfen dem Zentrum bi* Mehr- beit crkamvtt morden. Die Ausbildung und Bewölk- kommming der Parieiorganifation wurde von Köln au» unter essinffter Mitwirkung der Köln Volks- zeitung" betrieben. Die meisten Patteianftufe ' gut Wahl oder zu großen katholischen B-ranstaltungm ent- ftammen der Fed»: Bachem» ober EardamiS nicht zu- letzt der Aufrciif zur OftermontagSv'.rsammlima vom Jahre 1884, der in so markigen Wottcii die Zu- rürfberufung bei Kardinal-Erzbischof» Paulus Mel- cherS forderte und zur KonfiSkatton fast sämtlicher ka- tholischer Blätter Rheinlands führte.
Wirksam hat die „Köln. Vztg." die Beteiligung de» Zentrums bei der Zollschutzgesetzgebung gerechffettigt und überzeugend nachgcwiesen, daß trotz der Verquickung mit den Finanzzöllen, da» Zentrum bei der Verabschiedung dabei sein mußte, wahrend einige ängstliche Seelen im Lande glaubten, die breite Masse deS Volkes besitze dafür kein Verständnis. Mit der tolrt* schriftlichen Besserung, die Deuffchland so mächtig im Rate der Völker gemacht hat, wurde ja allein die fo» ztaloolittsche Gesetzgebung ermöglicht, die von Anfang an bei dec .Köln. Volksztg." eine überzeugte Vettre- tunz fand. Ebenso hat nachher die christliche Gewerk- fchastsbwcguiig in der „Köln, VolkSztg." ihr; tatkräf- tige Unterstützung gefunden. Der erst kürzlich wieder aufflackernde Streit um den politischen Charakter der Zeiitrumspanei hat die „Kölnische Volkszeitung" in der ersten Reihe gesehen. Auch sonst hat da» Blatt in Hefen Fragen, ohne daß man die Bedeutung und Wirksamkeit der übrigen Zeitungen irgendwie zu verkennen braucht ,führend und klärend gewirkt durch ihre Verbindung von Kenntnissen mit Maßhalten in Sache und Form. Wenn dabei nicht immer und allerwege sofort und beim ersten Hieb das Richtige getroffen wurde, so ist diese selbstverständliche und allgemeine Erscheinung bei bet weiteren Behandlung der Frage stet» verbessert worden. Immer hat sich dabei gezeigt, daß bei gleicher Grundanschauung und gleichen politischen Zielen, bet dem ernsten Willen zur Einigkeit, durch offene Aussprache auch eine Verständigung erzielt wird. Es waren oft sehr schwierige Fragen, zu welchen die deutschen Katholiken in den letzten Jahrzehnten Stellung nehmen mußten Sie haben diese Stellung genommen und die Hoffnung der Gegner, daß sie hiebet sich spalten würden, stets wieder zu Schämten gemacht.
Außer der Festschrift veröffentlicht der Verlag der „Kölnischen Volkszeitung" auch eine umfangreiche, 64 Seiten umfassende Jubiläums-Festnummer, ivelche zahire'chc Beiträge hervorragender, im öffentlichen Leven stehender Manner und grauen des Jn- und Auslandes enthält.
Der Voikimifcrin des katholischen Deutschland gilt heute unser Glückwunsch. Möge die „Köln. Vztg." auch weilerhin erfolgreich streiten für Kirche und Vaterland una kräftig stützen daS deutsche Zentrum!
Deutsches Reich.
** Berlin, 31. März 1910. Der Kaiser sprach am Donnerstag wiederum im Auswärtigen Amte vor. — Der Reichskanzler v. Bethmann - Holl weg kehrt spätestens am Montag, vielleicht aber schon SamStag wieder nach Berlin zurück.
* Die erste Lesung der Reichsversicherungsordnung wird der Reichstag gleich in der ersten Arbeitswoche nach den Ferien vornehmen. Die Beratungen in der Kommission sollen sich unmittelbar anschließen. — Der Bund der Industriellen hält am Montag in Berlin eine Sitzung feines Gesamtvorstandes ab, um vor allem zu den Bestimmungen dieses Entwurfes Stellung zn nehmen.
* Die baldige Errichtung einer päpstlichen Nuntiatur in Berlin war als Die Folge des Besuches des Reichskanzlers im Vatikan bezeichnet worden. Diese Angabe wird jetzt für grundlos erklärt.
X Das Automobilgesetz, daS am heutigen Freitag in Kraft tritt, besaßt sich mit der Haft- pflicht der bei dem Auiomobilverkehr beteiligten Personen. Der erste Teil deS Gesetzes, der von den polizeilichen Sicherheitsmaßregeln des Kraftwagenverkehrs handelt, sowie der Dritte Teil, der Die Strasvorschristen enthält, befindet sich schon feit dem 1. Juni vorigen Jahres in Kraft. Der Halter deS Fahrzeuges hastet für jeden Sach-, und Personenschaden, der bei dem Betriebe des Autos entsteht. Neben dem Halter haftet auch der Führer, insofern ihn eine Verschuldung trifft. Die Ersa^ansprüche verjähren in zwei Jahren. Strafbar macht sich der Führer, der nach einem Unfall sich der Feststellung durch die Flucht entzieht. Besondere Strafe trifft ihn, wenn er verletzte Personen in hilfloser Lage zurückläßt.
* Ein Bödiker-Denkmal für den verstorbenen früheren Präsidenten des Reichsversichcrungsamtes, eine der hervorragendsten sozialpolitischen Erscheinungen des Deutschen Reiches, wird geplant. Kürzlich trat unter dem Vorsitz des Präsidenten deS Reichsversicherungsamtes Dr. Kaufmann ein AuS- tchuß zusammen, an dem neben Mitgliedern und Beamten des Amts Vertreter der Berufsgenoffen- schaften und Versicherungsanstalten sowie der Arbeiter teilnahmen. Man einigte sich dahin, für das Denkmal eine Büste des verewigten Präsidenten Dr. Bödiker zu wählen. Die Ausführung, die in Bronze erfolgt, soll dem Bildhauer Professor Janensch in Charlottenburg übertragen werden.
)( WatilrechtSknndgebimgen enter freiem Himmel wollen in Berlin jetzt auch die Demokrat en ver- anstalten. Sie sind um die Erlaubnis einer Wahl- rechtsknndgebung im Humboldthain im Norden von Berlin cingekommen. — Spekntteren die Herrschaften vielleicht darauf, Sozialdemokraten zur Demokratie zu „bekehren"?
X Innerhalb des Polentums scheint die demokratische Richtung neuerdings wieder mehr Bedeutung erlangt zu haben, trotz der Zurück- drängung Korsaniys durch Napiralski in Ober- schlesien. Soeben haben die Polen endgültig den Arbeitersekrelär Sosinski (Bochum) als Kandi- baten für die bevorstehende ReichStaqSersatzwahl im Kreise Posen (Stadt) ausgestellt. Man ver- mutet aber, daß Sosinski noch einen demokratischen Gegenkandidaten erhalten wird.
(*) Zum Kampfe gegen den Schmutz in Wort und Bild. Der Volksbund zur Be- kämpsung des Schmutzes in Wort und Bild
hatte auch dem Landtage des Großherzogtums Anhalt eine Petition um Unterstützung seiner Bestrebungen eingereicht. Man ist zwar darüber zur Tagesordnung übergegangen; der Referent hat aber bei dieser Gelegenheit, wie wir der „Deutschen Tageszeitung" entnehmen, einige bemerkenswerte Aeußerungen getan. Er hat her- vorgehoben,
daß die Petition sich der größten Sympathie erfreue; der Landtag fei aber in diesem Falle nicht zuständig, sondern nur die Reichsregierung. Von dieser sei jedoch ein baldiges Eingreifen zu erwarten. Man habe sich auch von Anhalt aus an die Polizeiverwaltung der Reichshauptstadt gewandt, dort aber den Bescheid erhalten, daß die gesetzlichen Bestimmungen nicht genügten, um dem Nebel völlig beizukommen.
Dieser Bescheid ist überaus beachtenswert. Wenn die Polizei der begründeten Meinung ist, daß die verfügbaren gesetzlichen Mittel nicht genügen, so haben die übergeordneten Staats- und Reichsbehörden die unabweisbare Pflicht, daraus bedacht zu sein, daß die gesetzlichen Mittel vermehrt und verschärft werden.
* Kassel, 31. März 1910. Vom Oberlandes» gerichtSpräsidenten in Kassel ist der „Frkf. Ztg.' zufolge gegen einen im hiesigen Bezirk als Richte! tätigen polnischen GerichtSassessor, einet früheren Rechtsanwalt, die Amtssuspension verfügt und das Disziplinarverfahren natürlich zur Amtsentsetzung eröffnet worden. Dem Assessor wird vorgeworfen, er habe bei einer Gelegenheit „Polen" hochleben lassen und auch Termine versäumt. Der Grund für daS scharfe Vorgehen zur Amtsentsetzung ist natürlich die Bekundung polnischer Gesinnung. Denn wegen deS anderen Vorwurfs erfolgen ja sonst nur Mahnungen, Geldstrafen oder leichtere Disziplinär« strafen.
□ Politische Klatschereien.
Die diesjährige Ostermhe ist nicht durch Affären L la Eulenburg und anderes auS höheren Schichten unterbrochen worden. Da aber solche stille Zeiten für Klatschereien aus den höchsten Kreisen außerordentlich geeignet find, haben die amerikanischen und englischen Blätter die Gelegenheit wahrgenommen, der Welt ein Stück Familienlebens aus dem Kaiserhause in Gestalt eines angeblichen Briefwechsel» des deutschen Kronprinzen mit dem Grafen Hochberg vorzusetzen, natürlich mit der nötigen „Aufmachung".
Damit die Geschichte verständlich sei, einige» au» früheren Tagen: Der Graf Hochberg, der Sohn eines Berliner Aristokraten, be» Berliner Generalintendanten, war mit dem deutschen Kronpttnzcn befreundet. Später ging er aus verschiedenen Gründen nach Amerika, war dort Prtvatsekretär be» amerikanischen Finanzmannes Barnes und wurde von diesem schließlich, nachdem die Familie Hochberg ihn wegen seiner Verheiratung mit einer Bürgerlichen auSgc- stoßen hatte, al» Universalerbe eingesetzt und al» Sohn adoptiert. Später, als der Hochberg alias Barnes sich dann, durch die BarneS'schen Millionen wieder ins Wohlleben zurückgetragen, über allerlei „amerikanische" Finanzoperationen seines neuen „BaierS" ausregte und sich einbilbete, als guterzogener Sohn diesen Vater von feinen amerikanischen Finanzgepflogenheiten abbringen zu können, ist eS zu Differenzen gekommen. Vame» benutzte den Atoptivsohn, um bii deutschen Adelskrcise für gewisse amerikanische Finanzoperationen zu interessieren, sagte sich aber wieder von ihm loS, als Graf Hochberg-BarneS bet feinen Manipulationen nicht mehr mitwirken wollte.
Gegen den alten Barnes schwebt nun gegenwärtig ein Prozeß wegen allerlei finanzieller Operationen, und in diesem Prozesse haben nun wiederholt Briefe des deutschen Kronprinzen eine Rolle gespielt. Diese Briefe soll der deutsche Kronprinz an den jungen Barnes geb. Hochberg geschrieben haben und dieser soll sie seinem Adoptivvater verkauft haben, der sie au» noch nicht aufgeklärten Gründen begehrte. Alle dem Gerichte vorgelcgten Bttcfe find in sehr freundschaftlichem Tone gehalten und beginnen mit bet Anrede: „Mein lieber Mucki"! In einem der Briefe soll tl heißen:
.Du darfst e» mir glauben, mir persönlich ist tl ganz gleichgültig, ob Du Hochberg oder Same» heißest. Du wirst mein lieber alter Freund bleiben, zu dem ich ftet» halten werde." Natürlich findet jenet Teil der Briese, der sich mit den Beziehungen zwischen dem Kaiser und dem Kronprinzen beschäftigt, das meiste Interesse. Der Kronprinz soll ja eine» Tages den Thron besteigen, und da ist e» immerhin auch im Auslande nicht ohne Interesse, seinen Cbarafter ken- neu zu lernen. Also wird mit lebhafter Befriedigung ein Brief vom 11 Januar 1907. der also erst 3 Jahre cut ist, verzapft, der angeblich so lauten soll: „Papa ift jetzt immer sehr freundlich zu mir. Wir sind einen- bet beträchtlich näher gekommen. Bor einigen Tagen sprach er längere Zeit mit mir über Politik, wo- für ich sehr dankbar bin. Mir ist c» wie einem See» manne, den» iikinat» gestattet wurde, ein Schiff zu führen, der aber jederzeit aufgefordert werden kann, den Steuermann zu ersetzen. Seb wohl, lieber Junge, bleib» ein Deutscher unb werde nicht fo ein alter Dankee-Geschästsmann. Dein Caesar". Eine andere Uebersetzung diese» Briefe» lautet etwa» ander», '*i kommt aber auf dasselbe hinaus.
Ausland.
* Daß italienische Kabinett Luzzaiti ist gebildet. In das neue Ministerium treten drei Freunde Gioliitis, zwei Radikale, ein Mitglied der demokratischen Linken und drei Mitglieder der Rechten ein. Luz^atti will teilte direkt tirchenfeinbliche Politik treiben, aber im ganzen Staatswesen das Prinzip des unkirchlichen Staates (Laienstaates) zur Geltung bringen. Wie eS scheint, wird Luzzaiti' eine große Mehrheit finden. 4