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t>»n«ersl«g, den 51. mär) 19)0.

37. Jahrgang.

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2. Blatt.

vrnck und Verlag der Zuldaer Aetiendruckrrel in Zulda.

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tf „Kulturtage".

Der Berliner „erste deutsche Kulturtag', von dem wir schon kurz Notiz genommen haben, verdient noch ein Wort. _ , ..

Der stolze Name, den die Hintermänner der Ver­anstaltung von zwei herzlich unbedeutenden Vortrags­abenden — der Vortragsabend vom vergangenen Don­nerstag fand am Samstag noch eine Fortsetzung — zu geben beliebten, hätte eigentlich den Fluch der Lächerlichkeit herausfordern müssen. Aber es ist ein Zeichen der Zeit, daß ein zahlreiches Publikum an s o l ch e r K u l t u r, wie sie da von Ludwig Gerluch, Penzig, Walter und Lotbar Schücking, Drews usw. gepredigt wurde, Geschmack fand. Oder vielmehr, daß es in der Zusammenstellung von angeblicher Wissen­schaft und oberflächlicher Sozialethik, die ihm von den „Bahnbrechern" der modernen Kultur vorgetragen wurde, tatsächlich den Gedankeninhalt einer Kultur gläubig entgegennahm

Man möchte fast sagen, daß es merkwürdig unkul- ''wierte Leute sein müssen, die jene Veranstaltung mit „Kultur" in Zusammenhang bringen wollen. Denn von wahrer Kultur war mit keinem Worte die Rede, und das Hauptthema der Vorträge war nur das alt­bekannte: Dte Neberwtndung des Chri­stentums burdi die moderne Wissenschaft und die moderne Zeit, sodaß die „Vossische Ztg." mit Recht von einer „antikirchlichen Versammlung" sprechen konnte. Unter Kultur versteht man doch wohl posi­tive Werte und positives Wirken, was aber auf dem „Kulturtage" geleistet worden ist, das war rein nega­tiv: Zerstörung her alten Kultur und ihres Fundamentes, des Christentums.

Am ersten Abend verzavfte Professor GurNtl als Einleitung ein ganzes Faß Kulturphrasen. Dann träumte Prof. Schücking den Traum des Welt- 'riedens, während dessen der Staat nur noch Theater baut und darin die Bürger geistig und leiblich erquickt und zwar gratis. Der Charlottenburger Stadtrat und Schriftsteller Dr. Penzig sprach über „Kirche und Religion" und wiederholte seine Münchener Rede gegen die Parasiten-Zuchtanstalt" und die „Massenkon­fektion", wie er die Kirche geschmackvoll zu nennen be­liebte. Zum Schluß trat wieder Prof. G u r l i t t auf die Bühne und forderte im Stile des Zehn Gebote- Hoffmann die Trennung von Kirche und Schule und den Austritt aus den Kirchen, lieber den Penzigschen Vortrag berichtet die „Kreuzztg.":

„Nimmt man an, daß auf dem ersten deutschen Kuliurtage gebildete Menschen anwesend waren, so muß man sagen: es ist unerhört, was dieser Mann im Tone gebilreten Menschen zu bieten wagte. Wir haben den Zehngeboke-Hoffmann öfter gehört, er aber hat den Kullur-Stodtral kaum zu überbieten vermocht. Nach ihm ist der Kampf gegen jedes Kirchen- tum eine Kulturlat. Die schwierige Frage sei nur, „wie man an die Kirche herankommt". Mit der Wissen­schaft sei da nichts zu machen, denn die Gläubigen zögen sich immer auf die Ebene der „religiösen Er» sahrnng" zurück. M m komme gegen die Kirche nur mit der Religion selbst an, indem man den Massen das Kirch en tum als Entartung des religiösen Bewußtseins darstellte. Nur so sei etwas zu machen. Dies tat der Redner denn auch, und er nahm sich die evangelische rote die katholische Kirche gleichmäßig vor. Die katholische Kirche sei die große Parastten- fjuchtanstalt, die den Leuten die Religion so billig !vie möglich mache. Die „Kommissionärs für Golt" besorgen alles billig, prompt und einfach. Religion sei heutzutage ein billiger Artikel, gewissermaßen Massen- Koufektion. Aber warum soll nicht auch ein Parasit leben, ein Bandwurm zum Beispiel? Die wollen auch essen und trinken. Der Kulturstadlrat sprach dann von einem Einsiedlerkrebs, der nach der Trompelenschnecke suche. Hat er sie gefunden, bann umarmt er sie zäriuch und frißt sie aus. Die Schale $ aber etwas für feinen Hinterleib, sie paßt ihm wie ifpigegossen! Dort wohnt er dann drin; zieht ihn heraus aus der Kirchenschale (!) so ist er ein armes Stier. Mit dem Prinzip des GratiSschutzes und der Gratisnahrimg müßte gebrochen werden. Die Persön- lühkeiten sollen wieder selbständig werden usw. Es müsse mit der Kultur endlich mal vorwärtsgehen.

Der „erste deutsche Kulturtag" klatschte diesem Char­lottenburger Kulturstadtrat stürmischen Beifall Man wird es, so schließt der Berichterstatter der „Kreuzztg.", einem gebildeten Menschen nicht verdenken können, wenn er nach solcher Kulturprobe den „Kulturtag* schleunigst verließ.

Ain zweiten Abend wacs ebenso „niedlich*. Dr. V i e l h a b e r-Karlsnihe rief zum Kampfe gegen die

„entgleiste veraltete Kirche" auf und versetzte dabei dem Reichskanzler wegen der Wahlresorm einige Hiebe. Dann stellte sich Prof. Drews- Karlsruhe als Pro­phet einer neuen Religion vor, der die Massen wieder zugeführt werden müßten, die alte Religion sei nicht sittlich genug. Schließlich sprach Dr. Lothar Schü­cking- Dortmund, der frühere Bürgermeister von Husum, über „Preußische Verwaltung und Kulttir". Er erzählte, die preußischen Landräte nähmen ihren Kretseingesessenen großmütig die Sorge um die Poli­tik ab; sie besorgten ihnen sogar die Stimmzettel. In katholischen Gegenden sei der Kaplan mächtiger als der Landrat. Was dort an Kultur vorhanden sei, gehe im Wesentlichen von den Kaplänen aus. Immerhin sei nicht zu verkennen, daß das Zentrum im Prinzip wirklich sich für das Wohl des Volkes bemühe, wäh- rmd die junkerlich-konservative Herrschaft bewußt kul­turwidrig sei Misthaufen und Strohdach gehörten zur konservativen Herrschaft in Preußen.

Da haben unsere Leser den „Inhalt" der Kultur­tage; liberale Windbeutel mit Schlagsahne, ganz mo­dern, aber ein Inhalt selbst ist nicht vorhanden- Wenn nun nicht bald eine neue und sehr segensreiche Kultur­entwickelung beginnt, dann sind die Herren Penzig, Schücking, Gurlitt rc. 2C. wirklich nicht schuld daran. Sie haben getan, was sie konnten, um uns aus der schwarzen Nacht der Unkultur, in der wir bisher leben mußten, zum Sonnenlicht eines neuen und besseren Tages zu führen. Wie können nur gebildete Leute glauben, mit solchen Oberflächlichkeiten das Christentum bekämpfen zu können. Längst ehe diese Herren kamen, gab es Kulturtage, wirkliche Kultur­tage: Karfreitag und Ostern sind die Grundlagen echter und belebender Kultur. Der Tod des Welter­lösers und seine Auferstehung schufen eine neue Menschheit mit neuen Zielen und darüber hinaus gibt es nichts anderes als Verirrungen des menschlichen Geistes.

Was die Herren außer ihren Kullurkampfsphrasen noch vorgebracht haben, sind keineswegs neue Kul­turideale, Streit ist nur darüber, wie man solche Kul­turwünsche verwirklichen kann, in diesem Punkte ver­sagte aber der „Kulturtag".

Uebrigens haben die „Kulturtage" auf prote­stantisch-gläubiger Seite in Berlin eine Gegenbewegung hervorgerufen. Bereits in der Fasten­zeit hatte man eine große religiöse Versammlung im Zirkus Busch veranstaltet. Am Karfreitag folgte eine gleiche Massenversammlung. Die große Halle war wieder überfüllt; man war überrascht, daß sich so viele Reichshauptstädtler erheben konnten, um für den Christenglauben öffent'ich einzutreten. Als Katholiken haben wir unsere herzliche Freude an solchen Kundgebungen; je mehr im Protestantismus der Chri­stenglaube triumphiert, um so besser für die Christen­heit.

Deutscher Reich.

(*) Ein Verzeichnis der Mitglieder des Abgeordueten- hanses nach Parteien, abgeschlossen am 18. März, ist soeben veröffentlicht worden. Darnach zählte die konservative Partei an diesem Tage 152 Mit­glieder, (darunter 25 Mitglieder des Reichstags) die sreikonfervative Partei 61 (7), die nationalliderale Partei 66 (6), die Fortschrittliche Volkspartei 36 (7), die Zentrum spartei 104 (24), vie Fraktion der Polen 15 (4), die Sozialdemokraten 5 Mit­glieder. Fraktionslos waren 3 Abgeordnete, darunter 2 Dänen. Erledigt ist das Mandat des sozialdemo- tratrschen Abg. Heimann.

* Die Klagen der Sozialdemokraten über Beschränkung ihrer Redefreiheit im Abgeordne- lenhausebet Beratung derWahlrechtsvorlage werden trefflich beleuchtet durch eine von der „Germania" angestellle Berechnung. Danach haben von den 568 Halbfetten des amtlichen Stenograpdischen Berichts über die Wahlrechts, heballen die fünf sozialdemotralischen Mitglieder allein fast 112 — also fast den fünften Teil — zusammcngeredet. Die fünf Sozialdemokraten |tnb 13 mal zu Wort gekommen, ungerechnet die persönlichen Bemerkungen und die Reden zur Geschäftsordnung, das 20 mal stärkere Zentrum nur 12 mal.

* Vollständig unter dem Einfluß des Evan­gelischen Bundes stehen die sächsischen Ra­tio n a l l i b e r a l e n. Sie sind daher an Gehässig­keit gegen die katholische Kirche und das Zentrum kaum noch zu übertreffen. Auf einer national- liberalen Versammlung inOelsnitz hieltSeminar- oberlehrer Baumgärtel (Plauen) eine Rede, in der er auch auf das Verhältnis der Nationallibe­ralen zu den Konservativen und dem Zentrum zu sprechen kam. Er sagte bei dieser Gelegenheit nach einem Berichte der „Sächs. Volksztg." (Nr.68 vom 24. März): „Wir (die Nationalliberalen) sind unversöhnliche Feinde RomsI" Es ist dies derselbe Standpunkt, bemerkt hierzu die „Sächs. Volksztg.", auf welchem bekanntlich auch Reichs- tagsabg. Dr. Heinze steht, der seinen Parteigenoffen empfiehlt, nicht zu ruhen, bis all die schwarzen Nachtge st alten (gemeint sind die Zentrums- abgeordnelen), welche augenblicklich unser Deutsches Reich bedrohen, verjagt wären.

♦* Köln, 29. März 1910. Eine öffentliche Kundgebung des rheinischen Hand­werks sand hier heute mittag statt. Stadtver­ordneter Thomas Esser (Euskirchen) sprach über die Handwerkerbewegung, ihre Erfolge und ihre Aussichten. An das Referat schloß sich eine aus­giebige Diskussion, in der die aktuellen Hand­werkersragen erörtert wurden. Außer zahlreichen Handwerkern waren auch eine große Zahl rheini­scher Abgeordneten erschienen.

* Hamm (Wests), 28. März 1910. Auf die hier hcrrscheriben Paritätsverhältnisse wurde in der letzten Sitzung der Stadtverordnetenversammlung ein grelles Schlaglicht geworfen. Gelegentlich der An­stellung eines Bürogehülfen stellte der Zentrumsstadt­verordnete Dreier fest: Wir haben vier besoldete Ma­gistratsmitglieder, von denen drei evangelisch sind, einer katholisch. Die evangelischen Mitglieder des Magistrats beziehen an Gehalt insgesamt rund 29 090 Mark, das katholische Mitglied 4500 Mk. Von den 19 Bürobeamten der allgemeinen Verwaltung sind zwölf evangelisch, sieben katholisch. Die fünf im Etat aufgesührten Beamten der Sparkasse sind sämtlich evan­gelisch. Von den zehn Beamten des Stadtbauamtes ist meines Wissens nur einer katholisch. Unter den 1t Beamten der Stadthauptkaffe sind nur drei katho­lisch. In den übrigen Zweigen der Verwaltung dürfte das Verhältnis ähnlich sein. Dazu kommt, daß durch­weg die oberen Beamten und die Vorsteher der einzel­nen Verwaltungszweige evangelisch sind Die Katho­liken bilden aber drei Fünftel der Bevölkerung und zahlen zwei Fünftel der Steuern, sie haben ein Drittel der Stadtverordneten-Mandale. Ich meine, es läge auf der Hand, daß hier eine arge Zurücksetzung der- elben vorliegt, mag dieselbe gewollt sein oder nicht. Berücksichtigt man die Bevölkerungsztsfer und die Steuerkraft, so haben m. E- die Katholiken Anspruch auf die Hälfte der sämtlichen Stellen. Eine Antwort auf diese Darlegungen des Stadtverordneten Dreier erfolgte nicht.

d* München, 28. März 1910. Gegen das Güterzertrümmerungsgesetz wollen die gewerbsmäßigen Güterzertrümmerer eine Agitation entfachen. Sie hielten am 24. März eine Ver- ammlung in München ab, die einen Propaganda- Ausschuß zur Bearbeitung des Bauernstandes einsetzte, um gegen das Gesetz die öffentliche Meinung der interessierten Kreise zu erregen und das Gesetz zu Fall zu bringen. Jeder Pfennig, der auf eine solche Agitation verwendet wird, ist hinausgeworsenes Geld. Gerade aus dem Bauernstand heraus drängt man feit langen Jahren, um staatliche Maßnahmen gegen die Schäden der gewerblichen Güterzertrümmerer zu erreichen. Der Gesetzentwurf wird eher verschärft als gemildert, Gesetz werden. Man möchte jetzt dem Bauernstände vormachen, daß die Güter uriverkäuflich wurden, oder im Preise sänken. Das Gesetz macht aber nicht den Güterhandel unmöglich, nicht einmal die gewerbsmäßige Güter­zertrümmerung, sondern sucht der Uebervorteilung, der Verteuerung, der unwirtschastlichen Veräuße­rung und Zertrümmerung usw. zu steuern. Bei

den unheilvollen Schäden der gewerblichen Güter­zertrümmerung ist es ein eisernes Gebot der Notwendigkeit, Hand anzulegen.

Ausland.

** lieber Luegers Erbschaft wiffen sich die Liberalen noch immer nicht zu beruhigen. Daß der Tod eines Parteiführers von so über­ragender Bedeutung gewisse krakeelerische Ele­mente der Partei einmal dazu verleitet, eine Rolle spielen zu wollen, ist doch so selbstverständ­lich, daß es Kindern einleuchtet. Aber die libe­rale und sozialdemokratischePreffeschlagen schon vor Freude „über den beginnenden Verfall der christlichsozialenPartei" förmtichePurzelbäume, weil der Wiener Stadtrat Hraba in einer Ver­sammlung christlicher Arbeiter die Führer der christlichsozialen Partei des Eigennutzes und der krassesten Selbstsucht beschuldigte und das,Deutsche Volksblattt, das sich „christlichsozial" nennt, diese Rede vollinhaltlich abdruckte. Die Herren werden aber auch bei dieser Gelegenheit die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Die Mitglieder der christlich-sozialen Bereinigung haben bereits einstimmig gegen die Ausfälle HraboS Ver­wahrung eingelegt und auch der Klub der nieder- österreichischen Landtagsabgeordneten wird gegen die Angriffe Hrabas, der zugleich niebet öfter» reichischer Landtaqsabgeordneter ist, Stellung nehmen. Wenn Hraba politischen Anstand besäße, hätte er vorerst seine Beschuldigungen im Stadtrat oder im Landtagsklub vorbringen müssen, um den Angegriffenen Gelegenheit zu geben, sich rechtfertigen zu können. Hraba hat das nicht getan, er ist mit starken Beschuldigungen an die Oeffentlichkeit getreten, ohne auch nur einen Namen zu nennen. Die Ausführungen HrabaS sind daher als Verdächtigungen gewöhnlichster Sorte aufzufassen, mit denen er nur der liberalen und der sozialdemokratischen Preffe eine will­kommene Gelegenheit geboten hat, über die Christlichsozialen weidlich schimpfen und lügen zu können.

% Heber das Urteil des englischen Ober­hauses in Sachen der Karthäuser, worüber wir kürzlich berichteten, bringt ein Pariser Blatt an­der Feder des Radikalen Marek, der nicht im Verdacht steht, „klerikal" zu fein, einen bissigen Kommentar, den sich die französische Regierung hinter den Spiegel stecken kann. Es schreibt:

„Die englische Rechtspflege, deren Brandigkeit (An­spielung auf die Kennzeichnung des in echt republikani­schem Sinn gesäuberten französischen Richterstanbes durch den Minister Barthon) nicht von derselben Natur zu sein scheint, rote bei uns, hat eine Entscheidung ge» troffen, die einen starr macht. Sie stellt fest, daß der Produzent auch der Eigentümer feines Erzeugnisses ist, also zwei mal zwei vier macht, und daß die Fabrik marke der Charlreuse den Karthäufern gehört. DaS ist wirklich ein originelles Urteil. Wir haben eine ganz andere Rechtsprechung. Wir nehmen dem Pro­duzenten die Marke weg, wir eignen sie uns an, ohne übrigens zu wissen, woraus sie besteht, und um unser Recht noch besser zu bekräftigen, konsiszieren wir feine Produkte, wenn sie aus dem Ausland zu uns kommen. Dann verurteilen wir ihn als Fälscher feiner eigenen Erfindung. Das ist noch viel luftiger. In früheren Zeilen nannte man das eine Gaunerei, aber heute ver­legen wir das Herz auf die rechte Seite und nun wird der Eigentümer als Gauner verurteilt. Wirklich, d:e Engländer sind noch nicht so weit wie wir. Sie Haden eine Art Recht und Rechtspflege anzufchauen. Die sie auf dem Wege der Zivilisation recht rückständig erscheinen läßt. Sie leben noch in der Zeit, wo bet Bestohlene den Dieb verurteilen ließ. WaS i't das doch oeraltit Bei uns geht der Dieb hin und läßt Den von ihm Bestohlenen verurteilen."

Bekanntlich wollte jene französische Firma, welche das angeblich alleinige Recht, Chartreuse zu fabrizieren, von der französischen Regierung gekauft hatte, die dieses Recht so wenig wie das Rezept hatte, in England durchsetzen, daß dort der Absatz der echten Chartreuse, welche die auS ihrem Eigentum vertriebenen Kartäuser jetzt in

^ebranömarHL

44] Roman von G. Freifrau von Sch kippe n b a ch.

„Hinauswarf", ergänzte Rottraut den Satz — „die Teufelsbrut, wie sie mich normte, biß sie in die Hand. Ja, ja, wir Pfeilecks find etn streitbares Geschlecht! Wir verstehen es, uns gegen unsere Feinde zu wehren."

„Es kommt darauf an, wen wir dafür halten", ivarf Harcwig ein, „man hält manchmal einen Men­schen für feinen Feind, der es nicht ist.*

„Tas glaule ich nicht!" rief Rottraut lebhaft, „bet innere Znstirikt lehrt uns unterscheiben."

Graf Pfeileck bearbeitete seine hohen Reitstiefel mit bei Gerte, drehte ungebulbig feinen Schnurrbart und setzte mehrere Mal zu einer Entgegnung an, ohne das rechte Wort ?u finden Auch Rottraut schien etwas sa­gen zu wollen, doch mochte ein unsagbares Etwas sie davon zurückhalten. Jetzt waren sie an der Steile an- gelangt, wo der Weg nach Grafenhorst abzweigte, beide hielten hier unwillkürlich die Pferde an.

Hartwig schien cs schwer zu werden, bas, was er sagen wollte, herauszubringen.

„Anion Zacher bat die Gegend verlassen. Sie wis­sen er natürlich?" sagte er endlich.

„Ja", entgegnete Rottraut in ziemlicher Befangen­heit. „Sie sahen mich ja neulich im Walde mit ihm sprechen."

„Hätten Sie mich lieber mit der unangenehmen Unterhaltung betraut, gnädiges Fräulein!" bemerkte er emst.

Der tadelnde Ton reizte Rottraut zu der heftigen Antwort: „Das ist meine Sachei"

„Ach so, entschuldigen Sie!" Hartwig zog den Hut und wollte sich empfehlen, eine Handbewegung Rotkrauts hielt ihn jedoch zurück.

„,^H°ben Sie mir noch etwas zu sagen?" fragte er höflich.

-ich - möchte Sie warnen! «w Wilddieb ist Ihr Feind — er stieß Drohungen

gegen sie aus, — wenn er wiederkäme — wenn er — mein Gott, ich kann nicht weiter sprechen!"

Sie trieb ihr Pferd zum schnellen Lauf an und verschwand hinter den Büschen, die den Weg umsäu­men. Hattwig aber blickte ihr nach so lange"bie Bie­gung der Straße cs erlaubte. Wie Angst um ihn hatte cs aus ihrer Rede geklungen — sollte ihr wirklich et­was an seinem Leben liegen? Sollte sie ihn, ein In­teresse entgegenbringen, wovon er nichts ahnte

Bei diesen Gedanken wogte und (türmte es heiß im Jnnecn des jungen Mannes, er fühlte etwas in seinem Herzen emporkeimen, das ihn mit ungeahnter Wonne erfüllte — doch nur einen Moment gab er sich solchen Träumen hin.

„Sie ist die Tochter des Mannes, der geächtet und verstoßen war", dachte er, „des Mannes, Der tiefes Leid ^c.r den Grafenhorst gebracht. Ich werde die Gefühle ersticken, ine ich nicht hegen darf, nicht hegen will Fch werde eine Scheidewand zwischen uns aufrichten — bann bin ich sicher — es ist besser, ich säume nicht'län­ger- Er spornte sein Pferd zum Galopp und fprenate brriinn “

15. Kapitel.

~ Grafenhorst und die Pfeilburg standen in den Sommermonaten teer; Hattwig war zum Manöver unberufen und maryte unter Prinz Ferdinands Füh- rung bie Hebungen mit. Das freie, schneidige Sol­datenleben war ihm eben recht, ihm war es oft als muffe er tt.nas zu vergessen trachten, und als ein an- beret heunkehren. Arn Tage vor feiner Abreise fuhr er "ach Tieserchall, wo er eine lange Unterrcbit ia mit bem Alten hatte Die Folge derselben war die Ver­lobung mit feiner Kusine Elsa; doch sollte bie"es Er- eigniS noch so lange geheim gehalten werden ' bis er vom Manöver hrimkehtte.

.Rotkaut muß ich es aber gleich schreiben" sagte die junge Braut Sie ist verschwiegen, und ich habe ihr schon lange erzählt, daß wir uns später heiraten |ouen.

schien unangenehm berührt, erwiderte aber nichts, und Elsa fuhr fort: „Eigentlich hatte ich In

letzter Zeit gedacht, daß Ihr —" sie stockte plötzlich verlegen.

„Bitte sprich weiter!" sagte Hartwig.

„Daß Ihr beide ein Paar würdet", entfuhr es Elsa lebhaft. „Wirklich, Ihr paßt so gut zu ein­ander"

„Das finde ich nicht", versetzte Graf Pfeileck kurz, „sonst hätte ich nicht um Dich angehalten, liebe Elsa."

„Ja, es ist auch eigentlich ganz anders, als ich es mir immer geträumt", schmollte die Kleine. „Ich dachte, roeiiu mich ein Mann haben will, so müßte er zuerst zu mir kommen und mir sagen, daß er mich ganz unmenschlich lieb hat; Du hast so etwas noch nicht ein einziges Mal gesagt, Hattwigl"

„Wir kennen uns schon so lange", bemerkte et hastig. „Wir betrachten uns doch stets fast wie Ge­schwister, und c8 ist doch selbstverständlich, daß wir uns gerne haben."

Er drückte einen Kuß auf ihre Stirne, sie lachte und rief: „Nun ja, ich habe Dich ebenso lieb wie Max — das will viel sagen, denn Max ist mein Lieb­lingsbruder."

Der alte Freiherr und feine Gattin hatten sich mit bem Plane bie)er V-tlobung schon seit Jahren so vertraut gemacht, daß sie sich freuten, endlich ihren Wunsch erfüllt zu fehen. Sie hielten viel von Hatt- wigs Charakter und wußten ihr Kind an seiner Seite wohl geborgen. Trotzdem befremdete sie die große Ruhe des Brautpaares, nnd Frau Charlotte meinte zu ihrem Gatten: „Wir waren doch ganz anders, als wir uns verlobten! Ich lachte und jubelte den ganzen Tag und das Glück strahlte mir aus den Augen wenn Du mit mir sprachst Wenn Eischeu ihn nur wahr­haft liebt!"

„Die mädchenhafte Scheu macht sie gewiß befan­gen", versetzte der Vater. „Später wird das schon an­ders werden. Es gibt gar keinen prächtigeren Men­schen als Hattwig."

„Er ist aber so viel älter und so emst — unser Kind ist dagegen noch so jung und unerfahren!"

„Nun, so iuirb ihr Mann sie erziehen", entgegnete der Freiherr. „Komm', wir wollen nicht länger grü­beln, sondern uns darüber freuen."

Viemndzwairzig Stunden später reiften Gräfin Hedwig und ihr Sohn dem Süden zu. Hartwigs Mut­ter nahm bie Mitteilung von feiner Verlobung ohne Freude hin. Sie hatte eigenüich ganz andere Wün- iche gehegt, sie aber still für sich behalten und durch kein Wort bem Sohn das Scheitern ihrer Hoffnungen verraten. Sie waren beide ernst und wortkarg auf der langen Eisenbahnfahrt. Ein jeder mußte erst mit sich selbst fertig werden, ehe er sich wieder harmlos und natürlich geben konnte.

Auch die Pfeilburg war verödet, die Bewohner derselben, Hulda mit einbegriffen, schifften sich auf ber Aacht des Marquis von Aberstone ein. Lady Deepmoore und ihre Tochter nahmen gleichfalls an der Seereise teil, die nach Schweden und Norwegen ging. Der junge Eigentümer der „Schwalbe" — fo hieß das schmucke Fahrzeug — war mit Rottraut und Willis wie ein Bruder ausgewachsen

Robert, Lord von Aberstone, war ein bildhübscher, stets heiterer Mensch von dreiundzwanzig Jahren, dessen großes Vermögen ihm allerlei kostspielige Lieb­habereien gestattete.

Klein, aber vorzüglich gebaut, besaß die „Schwal­be" äußerst komfortable Kajüten; es konnte nichts an­genehmeres geben, als bie heißen Sommertage an ihrem Bord zu verbringen und bie frische kräftige See­luft einzuaimen. Selbst Hulda war entzückt davon, obgleich sie sich zuerst vor der Seekrankheit schrecklich gestrchtet hatte.

Willis von Pfeileck, Edith Deepmoore und der junge Besitzer der Yacht waren stets lustig und trieben aller- lei Scherz miteinander, es fiel allgemein auf, daß Rot- traut so selten mitlachte und baß bie schönen dunklen Augen oft gar so ernst in die Wellen blickten. ES lag etwas Suchendes in diesen Blicken, als forsche sie nach einem weit entfernten Zauberlande, ta hem sich jeder Zwiespalt lösen würde.

(Fortsetzung folgt)