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Erstes Blatt.

Fulda, Donnerstag den 31. März 1910.

37. Jahrgang.

+ Nltramontane „Ausländerei".

Tie „K.lnische ßtg." ist ein liberales Blatt und demgemäß von einer besonderen Abneigung gegen alles, was katholisch heißt, erfüllt. Aber sie muß auf ihren katholischen Leserkreis und noch etliche andere Instanzen Rücksicht nehmen und darf des­halb ihre Abneigung nicht so offen hervortreten lassen, sondern sie maskiert sie mehr oder minder geschickt mit einem «nationalen* oder „Wissenschaft- lichen* oder «kulturellen* oder «ethischen* Mäntelchen.

Der an sich durchaus berechtigte Kampf gegen die „le dige Ausländerei" gibt ihr willkommene Ge- legenheit, die ultraniontane „Ausländerei* an den Pranger zu stellen, nämlich die Neigung katholischer Eltern, ihre Kinder ausländischen kl öfter- lichen Anstalten zur weiteren Ausbildung und Erziehung zu übergeben. Sie schreibt (Nr. 334 v. 27. 3.):

«Solange sich die törichte Ausländerei nur auf vrn fußfreien Schnäuzer oder auf Pyjamas und Evening- dreß belchränkt, ist die Sache im schlimmsten Falle lächerlich; tragisch aber und national bedenklich wird die fremdländische Erziehung unserer deutschen Jugend, wenn dabei auch die deutsche Gesinnung leidet. Und in dieser Hinsicht unterliegt hauptsächlich das Be­streben vieler katholischer Kreise, ihre Kinder in aus­ländische klösterliä e Anstalten zu stecken, schweren Be- denken."

Und als Kronzeugen ruft sie keinen geringeren an, als den bekannten Exjesuiten Grafen Paul v. Hoensbroech, der „aus eigener Kenntnis heraus diesen Gefahren ein sehr lesens« und beach- tenkwerles Kapitel gewidmet habe in seinem Be« kennunsbucke: Vierzehn Jahre Jesuit.* Sie gibt ressen bezügliche Ausführungen dann ausführlich »jeder.

Es ist bezeichnend, daß die Kölnische Zeitung^, >ie doch auf ernsthafte Beurteilung ihrer Leistungen Wert legt, in ihrem Kampfe gegen den «Ultra« stnontanismus* bereits auf den Grafen Hoens­broech heruntergekommen ist, dessen Aeußerungen e nes ans Krankhafte grenzenden Renegatenhasses sogar in ernsten protestantischen Kreisen nicht mehr tragisch genommen werden. Die Auslassungen des Herrn Grafen selbst lassen wir unberücksichtigt, sie sind schon genügend «gewürdigt* worden. Nur einen Satz möchten wir erwähnen. Graf Hoens­broech schildert in krassen Farben die Gefahren der Ausbildung in ausländischen klösterlichen Anstalten auf nationalem, kulturellem und wiffenschaftlichem Gebiet, und zwar skizziert er dieses «liebel* zum Zwecke der „Ueberleitung zu meiner eigenen Er- zrehung und Bildung in einer ausländischen reli­giösen Anstalt". Damit soll also wohl gesagt sein, atz er selbst unter diesem „liebel" schwer ge­ilten habe. Nun, wenn der Herr Graf in natio- naler und kultureller Beziehung nicht den gerechten Anforderungen entspricht, so kann man es 'ruhig dahingestellt sein lassen, wie weit seine Er­ziehung bei den Vätern der Gesellschaft Jesu daran schuld gewesen ist; was aber sein Manko in wissenschaftlicher Beziehung angeht, so müffen wir bestimmt annehmen, daß daran nur er selbst die Schuld tragen kann, denn daß die Jesuiten ge­rade in wissenschaftlicher Beziehung auf der Höhe stehen, wird allgemein von Freund und Feind an­erkannt. Und wir wissen auch sonst, daß eine große Zahl der ausländischen klösterlichen Institute mit Bezug auf die wiffenschaftliche Vorbildung der Lehrkräfte es durchaus mit dem Inland aufnehmen tann.

Aber wir möchten doch einiges der ,Köln. Ztg/ tur ernsten Erwägung unterbreiten. Ist denn das Bestreben, z. B. in fremden Sprachen im frem­den Lande sich auszubilden, tadelnswert? Da wäre es doch sehr sonderbar, daß sie selbst in ihrem Annoncenteile Ankündigungen ausländischer Pensio- (. ate oft und gern ihre Spalten öffnet. So finden wir z. B. gerade in der Nummer 335 nicht weniger als 9 solcher Anzeigen. Wie kann ein «nationales" Blatt diese „verderbliche Ausländerei* unterstützen? Vielleicht besteht aber bei der Kölnischen Ztg/ die „nationale usw. Gefahr* darin, daß die auslän­dischen Pensionate und Institute gerade von Ordenspersonen geleitet werden. Was kann sie denn aber dagegen zu erinnern haben, daß kath. Eltern Wert darauf legen, ihre Kinder in religiösen Anstalten erziehen zu lassen, wo sie die Gewähr sorgsamer Behütung des Glaubens und des sittlichen Verhaltens ihrer Kinder haben! Sie behauptet ja stets, für alle berechtigten Jntereffen der Katholiken und der katholischen Kirche mit allem Eiser einzu­treten. Wenn sie aber einwenden sollte, daß die katholischen Eltern mehr die inländischen als die ausländischen religiösen Erziehungs­anstalten berücksichtigen sollten, so antworten wir, daß die meisten Eltern dies ja doch tun und viele andere es gern tun wollten, wenn es ihnen möglich wäre. Der ,Köln. Ztg/ ist sicherlich be­kannt, daß eine große Zahl kirchlicher Erziehungs­anstalten in Deutschland zu einer gewissen Zeit ihren Sitz ins Ausland haben verlegen müssen. Daß manche jetzt in der neuen Heimat bleiben, kann man ihnen nicht verdenken. Manche Institute find sogar heute noch des Landes verwiesen. Die Köln. Ztg/ weiß gewiß auch von den überaus gro^n Schwierigkeiten, die der Neugründung von religiösen Instituten im Jnlande gemacht werden. Noch vor einigen Wochen wurde in Heinsberg (Rhld.) die Gründung einer katholischen Töchterschule unter Leitung von Ordensschwestern untersagt. Die Folge ist, daß die Kinder Über die nahe Grenze nach Holland geschickt werden, wo man bei der Grün­dung von Privatschulen nicht mit dem „Wohl­wollen* zweier Di mist r zu rechnen hat. Der Staat hätte es in der Hand gehabt, die Kinder in Deutsch­land zu halten, er wollte indes in dem rein katho­lischen Ort eine paritätische Schule durchsetzen. Das ist ihm nicht gelungen.

Die Klagen über die Ausländerei find übrigens schon deshalb gegenstandslos, weil die meisten dieser klösterlichen Anstalten nichts anderes sind als deutsche Anstalten auf fremdem Boden. Sie tragen ganz oder überwieaend deutschen Charakter: es

befinden sich tn ihnen zahlreiche deutsche Lehrpersonen, die es an nationaler und patriotischer Gesinnung mit dem Patent-Patriotenblatt am Rhein und dem Herrn Grafen Hoensbroech ruhig aufnehmen können.

Eine «nationale* Gefahr besteht nur in der Ein­bildung gewisser Leute. Wenn die „Kölnische Ztg.* aber wirklich guten Willen hat, dann möge sie mit uns dahin wirken, daß der Begründung katholischer Institute unb Ordensschulen im Jnlande feine Schwierigkeiten gemacht werden. Das wäre prak­tische und sachliche Arbeit zur Bekämpfung der „leidigen Ausländerei*.

Deutsches Reich.

+ Wie sieht es um die Wahlrechtsreform?

Die Antwort ist heute noch genau dieselbe wie vor zwei Wochen: ungewiß, alles in der Schwebe.

Von sreikonservativer und nationalliberaler Seite wird weiterhin versucht, die Konservativen für ihre Wünsche geneigt zu machen. Ein gewifles Aufsehen hat erregt ein Artikel des freikonservativen Abg. Professor Schaube in der ,Schlestschen Ztg/, der ausführt:

„Die Nationalliberalen .... halten immer­hin doch an der gemeinsamen Grundlage fest, und es ist das allein Natürliche und von der Situation Geforderte, wenn die beiden konservativen Fraktionen, denen ja nicht viel an der Mehrheit fehlt, sich mit dieser Partei verständigen. Tas ist sicher recht schwierig — aber wer zurückdenkt, weiß, daß kaum jemand eine solche definitive Ver­ständigung erwartet hat, bevor nicht auch das Herrenhaus gesprochen. Nun wird aber jede Ver­ständigung mit den Nationalliberalen aufs äußerste erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht dadurch, daß die konservative Partei Zugeständnisse, die sie den Nationallibcraten zu machen an sich bereit wäre, ablehnte mit Rücksicht auf ihre Bundesgenossen vom Zentrum, die grundsätzliche Gegner des Dreiklassenwahlrechts sind.*

Die ,Nationalztg/ nimm': natürlich mit Be­friedigung davon Kenntnis. Von konservativer Seite ist bis jetzt ein Entgegenkommen nicht zu konstatieren. Wenn die ,Kreuzztg/ verschiedentlich Zuschriften von anscheinend den Nationalliberalen nahestehender Seite veröffentlichte, in denen die Frage einer Ab­änderung der Bestimmung über die Drittelung nach Urwahlbezirken erörtert wurde, so braucht man diese nicht ohne weiteres als Dieinung der Redaktion an­zusehen, für die Aufnahme können auch andere Er­wägungen maßgebend gewesen sein.

* Berlin, 30. März 1910. Der Kaiser hörte am Dienstag morgen sowohl als auch am Mitt­woch Vorträge von Militär- und Marinefachleuten. — Das erste Geschwader der Hochseeflotte hat gestern vormittag mit Ausnahme der Linienschiffe „Westfalen* und „Nassau" die Fahrt nach der No.dsee angetreten, um nach einer Hebung bei Hel­goland nach Wilhelmshaven überzusiedeln. — Der bayerisch« Militärbevollmächtigte in Berlin General­major Freiherr v. Geb sattel, der zum General­leutnant heransteht, wird mit seiner Beförderung demnächst von Berlin abberu'en werden und wieder in die Front zurücktreten Es wird nach dem „Tag" versichert, daß die Veranlassung hierzu lediglich seine bevorstehende Beförderung zum General­leutnant bilde, die es wünschenswert erscheinen laste, daß er wieder ein rein militärisches Kommando übernehme. Man wird sich erinnert,, daß Freiherr v. Gebsattel bei dem bekannten Zwischenfall des Herrn von Oldenburg im Reichstage eine Rolle gelpielt hat. — Prinz und Prinzessin Eitel Friedrich traten gestern an Bord des Lloyd- darnpferS „Schleswig* die Reise nach Jaffa zur Teilnahme an den Einweihungsfeierlichkeiten in Jerusalem au.

)( v. Heydebrand Minister des Innern? Auch in der liberalen Presse taucht jetzt das Gerücht von dem früher oder später erfolgenden Rücktritt des Ministers v. Moltke auf. Er soll Oberpräsident von Westfalen werden. Offenbar um ihn, der liberalisierenden Neigungen wenigstens nicht unverdächtig erscheint, zu stützen, produziert die linlsliberale Preffe die Behauptung, der Führer der Konservativen im Abgeordneten­hause, v. Heydebrand, sei als kommender Mann in Aussicht genommen. Man habe an ihn sogar schon als einen geeigneten Mann für eine leitende Stelle in Preußen oder im Reich gedacht. Die l,berate Presse tut erfreut ob dieser Aussicht; dann werde Klarheit kommen und man wiffe, woran man sei. — Derartige Experimente, den Mmister v. Moltke zu schützen,' sind doch etwa- zu plump. Denn Herr v. Heydebrand wird sich als Führer der mächtigsten Partei in Preußen sicher bestens bedanken, als kleiner Minister in Preußen kaltgestellt zu werden.

+ 3« Wahlkreise Janer-Landeshnt hat die Zen- trumSpartei beschlossen, für die Nachwahl einen eigenen Kandidaten aufzustellen, und zwar fiel die Wahl einstimmig auf den Rechtsanwalt Dr. Herrschel-Breslau. Dieser war anwesend und lehnte die Wahl aus beruflichen Gründen ab. Es wurde dann ein Komitee gewählt, das die Aus­stellung eines neuen Kandidaten vorbereitcn soll.

)( Die beiden freisinnigen Reichstagsabgg Dr Struve und Dr. Leonhart in Kiel haben auf Einladung der ReichsmarineamteS eine dreistündige Fahrt im Unterseeboot mitgemacht.

(♦) Erbauliches aus be« Wahlkampfe um Oletzko- Lyck-IahauMburg. Die liberale Masurische Zeitung' brachte einen Artikel, der bestimmt ist, die Arbeiter für den nationalliberalen Reichstags- kandidatentnOletzko-Lyck-Johannesburg einzufangen, und der zu dem Zweck als von einem Arbeiter ein- gesandt bezeichnet wird. Die Freuzzeilnng' ent­nimmt dem Artikel kolaende Stilblüte:

Liebe Wähler, laßt euch nicht verleiten, und wählt nicht konservativ, sondern den Herrn Kochan, der kennt unsere Verhältniffe besser und wird für uns bester sorgen wie der Herr Landrat . . . Liede Wähler, bis jetzt hatten wir zwei Parteien, welche ich auch schon genannt habe, und von der nationalliberalen Partei wußten wir gar nichts, weil sie von der konservativen Partei vor uns versteckr war, und uns niemand zu ihr führte. Jetzt aber hat der liebe Gott einen Menschen geschickt, welcher die nationaöiberale Partei für uns zum Vorschein brachte. Ach, was das für uns eine Freude macht, daß der liebe Gott einen solch en Menschen gefchickthat,welcher uns aus dem Kummer und Elend herauSreißen will! Liebe Wähler, wenn es so länger gegangen wäre, wie es bis jetzt gegangen ist, so würden wir von den Herren Domänenpächtern schließlich als Sklaven für einen Groschen verkauftwerden. Nein, liebe Wähler, jetzt frisch in den Kamps gegen die Konservativen, wählt den Herrn Kochan und nicht den Herrn Landrat, so werden wir aus unserem Elend herausgeristen.

Solcher bestrickenden Liebeswerbung werden die Wähler sich sicher nicht entziehen können.

) ( Kein „Fortschritt" in Mecklenburg. Tie meck­lenburgischen Linksliberalen wollen nicht mithin: Eine Delegiertenversammlung sämtlicher im Kreis­wahlverein des fünften mecklenburgischen Reichstags­wahlkreises Teterow-Waren zusammengeschlossenen Ottswahlvereine hat den Anschluß an die neue Fort­schrittliche Volkspartei mit allen gegen eine Stimme abgelehnt.

♦ Aus Sachsen, 27- März 1910. Der Z en- trumswahlverein für das Königreich Sachsen hielt vor kurzem eine stark besuchte Generalversamm­lung ab. Der Jahresbericht konnte erfteulicherweise feststellen, daß das verflossene Vereinsjahr sehr erfolg­reich gewesen sei. Gedacht wurde auch der mannhaf­ten Vertretung der katholischen Jntereffen seitens des Grafen v Schönburg-Glauchau in der Ersten Kam­mer.

Ausland.

*♦ Die französischen Royalisten, die eine Wieder­herstellung des Königreichs anstreden, machen in letzter Zeit wiederholt durch ihre lärmenden Kundgebungen von sich reden. Deshalb rief der Thronprätendent, der Herzog von Orleans, feinen Anhängern, den „Camelots du Roi*, anständigere Manieren an. Darüber erbost, haben die Camelots beschlossen, ibn nicht zum König zu machen. Wann sie überhaupt dazu kommen! König werden soll dafür ein Prinz von Caserta, ein Urenkel des König? Ferdinand DL von Neapel. Der Prinz ist seines Zeichens Ingenieur; er steht den Royalisten völlig unbeteiligt gegenüber. — Auch der Prinz von Bourbon, gibt wieder einmal ein Lebenszeichen. Der Prinz, der in Wirklichkeit ein Nachkommen des Span­dauer Uhrmachers Naundorf ist, der sich bekanntlich für den Sohn Ludwigs XVI. und der Maria Antoinette ausgab, hat an den französischen Senat die Bitte gerichtet, ihn als französischen Bürger anzuerkenuen. Er habe an dem gegen­wärtigen politischen Zustand Frankreichs nichts aus- zusetzen. Da der Senat zum Berichterstatter den Senator Boissy d'Anglas ernannt hat, einen radi­kalen Republikaner, der sich überdies in historischen Studien für die Echtheit des Prätendenten Naun­dorf ausgesprochen hat, so ist daraus zu schließen, daß die Petition der angeblichen „Prinzen von Bourbon* eine gewisse Beachtung findet.

** In den griechischen Wirren ist jetzt eine entscheidende Wendung zu verzeichnen. Am Milt- woch verlas der König die Thronrede, in der er die bevorstehende Einberufung der National­versammlung ankündigte. Dieser wichtige Borgang vollzog sich unter ungewöhnlicher Anter- nähme der gesamten Bevölkerung wir auch des ganzen königlichen Hauses. Die Einberusung einer Nationalversammlung sei erfolgt, um Re- formen zu beschließen, die die Verfassung im Innern wie nach außen wirksamer gestalten sollen. Dann betont der König: „Ich freue mich, daß das Parlament durch den einstimmigen Beschluß, eine Verfafsungsrevision vorzunehmen, dieser Ansicht beitrat. Ich verpflichte mich, diesen Beschluß zur Ausführung zu bringen. Ein königliches Reskript wird die Revisionsoer­sammlung einberufen." Mit der Verlegung der königlichen Botschaft ist die Auslösung des Militärbundes erfolgt. Schon tags vorher hatten die Führer des Bundes das vom König gewünschte Protokoll unter;Rieben, des Inhalts, daß der Verband in der Voraussetzung, daß die gegenwärtige Regierung bis zur Einberufung der Nationalversammlung im Amte bleiben und die beschlossenen Gesetze im Sinne der Aufstands­bewegung durchführen werde, sich nunmehr auf­löse und die Teilnehmer von Gudi ihres Eides entbinde.

* Theodor Roosevelt ist mit Familie nach Europa abgereift. Noch vor feiner Abreise erntete Roosevelt, was er gesät. Die ägyptischen Nationalisten oeranftalleten eine Entrüstungs« Versammlung gegen Roosevelt, weil dieser in seinem Vortrag in der Universität sich scharf gegen die Unabhängigkeitsbewegung der Jung- egypter ausgesprochen hat. Rach der Versamm- lung marschierten Hunderte von Nationalisten, hauptsächlich Studenten, nach dem Hotel, wo Roosevelt wohnt, und stießen Schmährufe, wie „Nieder mit Roosevelt!" und ähnliche auS.

# Kaiser Menelik von Abessinien ist ge­storben. Die Kaiserin ist vollständig in der Gewalt der Thronfolger-Partei. Negus Menelik war keine gewöhnliche Erscheinung; er hak sich, als illegitimer Sprößling des Kaiserhauses 1844 geboten, von Stufe zu Stufe durch List und Ge­walt bis zu seiner Stellung emvoraeschwungen.

wozu er die Italiener benutzte, und dann diese, als sie ihre begehrlichen Hände nach seinem Reiche ausstreckten, in dem siegreichen Kriege 1895/96 aus Abessinien hinausgeworfen, worauf im Frie­den von Addis-Abeba 1896 die völlige Unabhän­gigkeit anerkannt wurde. Meneliks Nachfolger ist fein Tochtersohn Prinz Jeassu, der im 14. Lebens­jahre steht. Die Regentschaft führt Ras Taffama.

Doltswidfd?aftlid)e$ und Soziales.

* Im deutschen Baugewerbe wird es hoffentlich zwischen den streitenden Arbeitgebern und -Nehmern zu einer Einigung kommen. In Hamburg und Vororten ist sie bereits erzielt. Ter geltende Taris soll danach bis zum 1. Oktober ds. Js. in Kraft bleiben und falls nicht bis zum Herbst eine Aenderung vereinbart wird, bis zum 1. April 1913 verlängert werden. Nach dem Vorgänge Ham­burgs wird auch in anderen von den Tarisstreitig« teilen betroffenen Städten eine Verständigung er­wartet.

A. Hainstadt (Hessen) 30. März 1910. Von Erfolg zu Erfolg führt die gewerkschaftliche Arbeit des christlichen H ilfSar bei ter ver d a nde S am hiesigen Ort. Am Gründonnerstag schloß der Ver­band für die 328 Arbeiter zählende Filiale Hain­stadt der Firma Philipp Holzmann & Cie. einen Tarifv ertrag ab, an Stelle des am 31. ds. Mts. ablaufenden Vertrages. Ein Viertel der beschäftigten Arbeiter erhalten durch diesen Taris- abschluß eine sofortige Lohnaufbesserung von 1 biS 2 Pfg. pro Stunde. Nach Verlauf von zwei Jahren wird bei besserer Konjunktur allen Arbeitern eine Lohnaufbefserung von 1 Pfg. pro Stunde gewährt. Der mit dem neuen Tarifabschluß für die Arbeiter verbundene materielle Gewinn wiegt jedoch um so schwerer, wenn man an die Ungunst der Verhält­nisse denkt, unter denen gerade das hiesige Werk der Firma Hotz mann & Cie. feit Jahren zu leiden hat. Nicht nur die Aufrechterhaltung der bestehenden Lohn- und Arbeitsverhältniffen glückte dem Verband in den Jahren 1908 bis 1910, nein, er hob sogar den Mindestlohn für einen erwachsenen Taglöhner von 32 und 33 Pfg. auf 35 Pfg. pro Stunde. Insgesamt partizipieren 129 Arbeiter an den in den beiden Jahren vorgenommenen Lohn­aufbesserungen. Neben sonstigen Vergünstigungen, die von dem gut funktionierenden Arbeiterausschnß in Verbindung mit einer einsichtsvollen Betriebs­leitung ermöglicht wurden, sei hier nur noch ange­führt, daß die Arbeiter aus der dritten in die vierte Lohnklaffe der Invalidenversicherung aufgenommen worden sind. Der vom christlichen Hilssarbeiter- verband ohne Mithilfe der Hainstädter „Genoffen* am Gründonnerstag erneut getätigte Tarifabschluß zeigt, daß sich die christliche Arbeiterschaft einer aus­gezeichneten Führung zu erfreuen hat.

Aus Kirche und Schule»

* Schlüchtern, 31. März 1910. Das Regierungs- Amtsblatt veröffentlicht die Urkunde über die Errich­tung einer Kuratiegemeinde z u Schlüch­tern. Danach werden 1 Der Kuratiegemeinde Schlüchtern (Pfarrei Herolz) zugeteilt die Katholiken a) in Schlüchtern mit Lindenberg, b) in Elm mit Bahnhof Elm, c) in Klosterhöfe (Drasenberg, Gom­fritz, Reith und Röhrigs), d) in Breitenbach, e) in Wallroth, f) in Hohenzell, g) in Niederzell. 2. Da» bisher nirgends eingepfarrte Breitenbach, sowie der seither nach Flieden eingepfarrte Ort Wallroth werden demgemäß der Pfarrei Herolz zugeteilt. 3- In dem Verhältnis der Katholiken der Kuratiegemeinde Schlüchtern zur Pfarrei Herolz tritt keine Aenderung ein; sie bleiben wie bisher so auch fernerhin von Bei­trägen zur baulichen Unterhaltung der Kirche und de» Pfarrhauses, sowie der Kultuskosten der Pfarrkirche in Herolz befreit. 4. Der Kuratiegemeinde Schlüchtern obliegt: a) die Beschaffung bei Mittel zur Deckung ihrer Kultuskosten, b) die bauliche Unterhaltung der Kapelle und des später zu erbauenden KuratiehauseS. 5. Diese Urkunde tritt am 1. März 1910 in Kraft.

— Ter Jerusalempilgerzug. Die deutschen Pilger- fahrer, die von Rotterdam aus über Gibraltar mit Dem Dampfer „Statendam" die Reise nach Palä­stina machen, sind nach glücklicher Fahrt gestern trüh wohlbehalten in Genua gelandet. Zu gleicher Zeit traf der andere Teil der Pilgerfahrer im Extra zng von Köln in Genua ein. Die meisten Pilget gingen sofort an Bord, viele benutzten auch dal! herrliche Frühlingswetter zur Besichtigung der Stadt. Die Abfahrt mit dem „Statendam* nach Jasft erfolgte gestern abend.

Zladtverordnelen-versammlung.

) Fulda, 31. März 1910.

An der gestrigen Sitzung der Stadtverordnetenver­sammlung nahmen 20 Mitglieder des Kollegiums teil Der Magistrat war durch Herrn Oberbürgermeister Dr. Antoni vertreten. Den Vorsitz führte der stellver­tretende Stadtverordnetenvorsteher Herr Fritz.

1. Anderweitige Feststellung der Zuschläge zu der Einkommensteuer und zu den Realsteuern. Die von der Stadtverordnetenversammlung beschlossene Fest­setzung der Einkommensteuer auf 165 Proz. und der Realsteuern auf 174 Prozent hat, wie schon gemeldet, nicht die Genehmigung der Regierung gefunden. Die Aufsichtsbehörde sieht in den beschloffenen Steuersätzen wieder eine ungerechtfertigte Belastung der Einkom­mensteuer und eine Schonung der Realsteuern. Sie empfiehlt eine Erhöhung der Zuschläge zur Einkom­mensteuer auf höchstens 160 Prozent und eine Be­lastung der Realsteuern mit etwa 181 Prozent. Vor der gestrigen Sitzung hat der Finanzausschuß zu dem ablehnenden Bescheid der Regierung Stellung genom­men. Er schlägt einen Mittelsatz vor:

Anstatt der beschloffenen 174 Proz. Realsteuern 178 Prozent und statt der beschloffenen 165 Proz. Ein­kommensteuer 162 Prozent zu erhebe».