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M 71. Erstes Blatt.

Fulda, Mittwoch den 30. März 1910.

37. Jahra.ani.

x Der Besuch des Reichskanzlers in Rom

scheint in seinem Verlaufe und seinen Ergebnissen die Berliner Regierungskreise voll befriedigt zu ha­ben. Die „Nordd- Allg. Ztg.', die eine Art Bilanz pon der Romsabrt bringt, erklärt,

die Eindrücke, die Herr von Bethmann-Hollweg .während seines Aufenthaltes in Rom empfangen hat, bestätigten aufs neue, daß der seit Jahrzehnten wirk« Jame Dreidundgedanke in weiten Kreisen er Bevölkerung Italiens ebenso tiefe und feste Wur­zeln geschlagen hat wie in Deutschland und in Oester­reich-Ungern. .Diese Tatsache hat sich", so schreibt das offiziöse Blatt, „in wichtigen Epochen der politi­schen Entwicklung Europa? seit Jahrzehnten bewährt; sie ist besonders deutlich geworden, wenn vorüber­gehende Segendestrebungen sich hervorzudrän- gen versuchten, die alsbald vor der besseren Ein­sicht des italienischen Volkes zurückweichen mußten. Bon der gleichen, im Lande weit vorherrs^enden Auf­fassung wird die offizielle Politik des Königreichs ge­tragen, die, wie in der italienischen Press« hervorgeho­ben wurde, in ihren Grundlinien und namentlich in- bezug auf die Erhaltung des Dreibundes als Grundlage der Elaalskunst Italiens von dem Wechsel der Personen unabhängig ist."

; Die letzten Worte zeigen die ganze Kunst der of­fiziösen Schönfärberei in der Ausdeutung des unan­genehmen Zufalls, daß der Besuch des deutschen Reichskanzlers in Rom gerade in eine italienische M i- n i st e r k r i s is geriet. Man kann aus jeder Blume König sauzen. Unsere „Nocdd. Nllg. Ztg." ist so artig, noch hinzuzufügeu: „Auch bei uns in Deutsch­land ist man seit langem gewöhnt, die Richtlinie der auswärtigen Politik als festen Bestand der Grundsätze gnzuschen, nach denen die Geschicke des Reiches ge­leitet werben.' Zu diesem Vergleich ist doch zu be- gncrken, daß Deutschland eine monarchische Re­gierung hat, während in Italien das parlamenta- ri s ch e Regierungssystcm im Schwange ist. Die un­gebrochene Weiterführung der auswärtigen Politik ist natürlich dort, wo die K r o n e in der Auswahl der Minister das cntscheidende Wort hat, ganz anders ge­währleistet, als in den Ländern, wo die Führer der je­weiligen parlamentarischen Mehrheit zur Leitung der Staatsgcschäste, auch der hochpolitischen, berufen wer- dm müssen.

Trotzdem. wollen wir gern uns der Hoffnung an- fchließcn, daß die Bünduistreue in Italien auch den jetzigen Minijtecwechsel, wie so manchen früheren, glück­lich überstehen möge. Die Offiziösen deuten ja selbst -«n notwendigen Borbchalt an, indem sie sagen, der "dreibundaedanke habe „in w ei t e n Steifen der Be­völkerung Italiens" die tiefstm und fefteften Wurzeln zoschiagen, und indem sie „vorübergehende (Segen« bestrebuug en' vor der besseren Einsicht des Vol­kes zurückweickien lassen

Im übrigem wiederholt die Norddeutsche, wa? schon in den durch den offiziösen Telegraphen verbrei­teten Nachrichten zu lesen stand: daß nämlich zwi­lchen den Kabinetten in Rom und Berlin volle lieber« unstimiuung mit der Wiener Regierung bestehe we­gen der Erhaltung des Statusquo auf b-em Bal- I o n und in oem Bestreben zur Aufrechterhaltung des Weltfriedens-

lieber den Besuch des Reichskanzler» im "Vatikan sprechen sich unsere Offiziösen in reckt be- friebinenber Weise aus:

Es entsprach dem Herkommen ebenso wie den persönlichen Empfindungen der Reichskanzlers, daß Herr v. Bethmann-Hollweg bei seiner Anwesenheit in Rom dem Oberhaupte der katholischen Kirche feinen Besuch abstattete. Dem Brauche gemäß und im Einklang mit der Stellung des Papstes begab sich der Reichskanzler von der preußischen Gesandtschaft aus und in Begleitung des Gesandten, der Preußen bei der Kurie vertritt, nach dem Vatikan. Bei dem Empfange de? Reichskanzlers durch den Papst sowie in seinen Unterredungen mit den leidenden Persönlichkeiten der Kurie bildeten, wie sich aus den dem Wesen der Dinge von selbst ergibt, die Verhältnisse der katho­

lischen Kirche in Deutschland den Mittelpunkt der Unterhaltung. Zu Abmachungen irgendwelcher Art lag indessen kein Anlaß vor. . . .

Eine kritische Randglosse möchten wir nur zu dem Schluffe dec Mitteilung machen. Manche werden der Ansicht sein, daß doch wohl ein gewisser Anlaß zur Lösung schwebender Fragen vorliege, z. B. in der außerordentlich langen Verwaisung der Gnesen- P os e n e r Erzdiözese. Die Offiziösen häticn lieber sagen sollen: Abmachungen irgend welcher Art sind nicht getroffen worden. Wir möchten an diese Mitteilung die Hoffnung knüpfen, daß die freundlichen Beziehungen, die der Besuch eingeleitet hat, dir Ver­ständigung wegen alter oder neuer kirchenpolittscher Fragen erleichtern und gegenüber allen sriedensfeind- lichen Einflüssen sichern möge

Das Vertrauen auf den Reichskanzler und Mini­sterpräsidenten erhält eine gewisse Förderung durch die Art und Weise, wie die Offiziösen das von einigen kulturkämpferischen Blättern angegriffene Zeremoniell (Abfahrt zum Vatikan von der preußischen Gesandt­schaft beim hl. Stuhle aus) rechtfertigten. Die „Nordd Allg. Ztg.' beruft sich nicht allein auf den herkömmli­chen Brauch, sondern bezeichnet diese Form als „im Einklang mit der Stellung des Pap- st e 8' stehend. Es würde eine große Freude für die deutschen Katholiken fein, wenn auch der Kaiser selbst bald Gelegenheit fände, durch einen Besuch beim hl. Vater Pius X. abermals vor der Welt zu bekun­den, wie richtig er die Stellung des Papstes auffaßt und wie er das Zusammenwirken aller positiven chrfft- lichen Kräfte zu schützen weiß

Deutsches Keich.

+ Zur Wahlresorm

erhält die „Krenzztg.' (Nr. 144 vom 29. 3.) eine Zuschrift „von gut unterrichteter Seite im rheinisch- westfälischen Industriegebiet", die unsere Beachtung verdient.

Sie beschäftigt sich mit der Frage der Dritte« lung nach Urwahlbezirken bezw. nach Ge­meinden und will für die bevorstehenden Berhand- langen des Herrenhauses zu dieser Frage einiges Material beisteuern. Einleitend wird ausgeführt, daß namentlich die Großindustrie des Westens von einer Drittelung in den Urwahlbezirken eine weitere Demokratisierung und ihre völlige Aus- schaltung befürchte, wie sie ja bei den Reichstags­wahlen schon eingetreten fei. Die konservative Partei habe an dieser Frage kein unmittelbares Interesse, sie habe aber nicht und könne auch nicht die Absicht haben, einem so wichtigen Erwerbszweig, wie der Großindustrie, die Möglichkeit der Vertretung im Landtage zu nehmen. Dagegen seien die anderen Parteien unmittelbar interessiert: das Zentrum befürchte von einer Drittelung ht den Gemeinden Verluste, Nationalliberale und Freikonservative er­hofften einen Gewinn, die Sozialdemokratie ver­danke, wie behauptet werde, ihre Sitze hauptsächlich der Drittelung in llrwahlbezirke. Bei diesem Wider­streit der Interessen erscheine in erster Linie das Herrenhaus berufen, vermittelnd und ausgleichend einzugreifen, und für die Prüfung der in Betracht kommenden Fragen werde es zunächst darauf an- kommen, festzustellen, ob und inwieweit die Be­fürchtungen auf der einen und die Hoffnungen auf der anderen Seite begründet seien. Es wird nun zunächst die Feststellung versucht, welche Wirkung die Drittelung in den Urwahlbezirken, die 1893 in Kraft getreten ist, auf die Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses gehabt hat. Die Antwort lautet:

„Da ergibt sich bezüglich des Z e n t r u m s - siehe Plate Handbuch S. 249 - folgendes: Es sind ge- wählt 1888 98, 1893 95, 1898 100, 1903 96, 1901 104 Zenirumsabgeorduete. Im Jahre 1893 hat also das Zentrum bei der jetzt gültigen Drittelung noch drei Mandate verloren! Bei den späteren Wahlen sind nhebliche Verschiebungen nicht vorgekommen. Den Gewinn von 8 Mandaten bei den letzten Wahlen ver­

dankt das Zentrum der Unterstützung der Sozialdemo­kraten und der Polen in dem 1906 neugebildeten Wahlkreise. Es sind Zufallsgewinne, die zum Teil voraussichtlich bei den nächsten Wahlen wieder ver­loren geben werden. Aus den vorstehenden Zahlen läßt sich also nicht folgern, daß die Besor gnisse der Industrie begründet find. Streitig im rheinisch-westfälischen Industriegebiet zwischen Zentrum und Nationalliberalen sind überhaupt nur folgende Mandate: Dortmund - Stadt, setzt natioualliberal, Dortmund-Land, Bochum, Gelsenkirchen, Mülheim an der Ruhr, jetzt Zentrum. Alle übrigen Mandate find sicherer Besitz, mag so oder so gedrittelt werdend

Die Zuschrift kommt nun zu folgendem merk­würdigen Vorschlag:

„Es müßte durch statistisches Material klargestellt werden, wie in den in Betracht kommenden Wahl­kreisen das Endergebnis der Wahl fein oder gewesen sein würde, wenn anstelle der jetzigen eine Dritte­lung in Gemeinden getreten wäre. Es muß er­wartet werden, daß die Staatsregierung die Pause bis zum Beginn der Herrenhausverhandlungen benutzt, um das für die Beratung dieses im Augenblick wichtigsten Punktes der Vorlage erforderliche einwandfreie stalfftische Material zu beschaffen. Sollte es sich ergeben, daß eine infolge der Drittelung in den Urwahlbezirken in Verbindung mit der Maximierung und der tn ihren Folgen allerdings schwer übersehbaren geheimen Wahl eintretende Demokratisierung mit dem Staats­wohl unerträglich fein würde, so wird zu erwägen sein, welche Mittel zur Abwendung eines derartigen, am wenigsten von der konservativen Partei gewollten Erfolges anzuwenden sein möchten. Eine Dritte­lung in den Gemeinden, auch wenn sie vom Herrenhause beschlossen werden sollte, wird kaum eine Mehrheit im Abgeordnetenhause finden .... Man wird unter diesen Umständen auf das Mittel einer anderen, als der beschlossenen f Drittelung überhaupt verzichten und nach einem Ausweg suchen müssen, der für alle Parteien, die etwas Positives, für das Wohl Preußens ersprieß­liches zustandebringen wollen, gangbar erscheinen. Ein 'old)er Weg könnte gesunden werden, wenn das Auf­rücken in eine höhere Abteilung von einer bestimmten Steuer leist ung abhängig gemacht würde. Man wird . . . unter Berücksichtigung der Ergebnisse der letzten Wahlstatistik eine Gesamtsteuerleistung von etwa 50 Mark für ein Aufrückm in die zweite und von etwa 100 Mark in die erste Abteilung verlangen muffen, felbstverftändlich nur in den Gemeinden mit mehreren Urwahlbezirken. Ein solches Verfahren würde auf der einen Seite den Vorteil haben, daß die jetzt vorhandenen großen Verschiedenheiten bei der Drittelung in Urwahlbezirken und die darauf aufgebauten Angriffe erheblich abgeschw ächt werden. Andrerseits würde dadurch unzweifelhaft eine Stärkung des Mittel­standes insofern herbeigesührt werden, als die gut­bezahlten Lohnarbeiter, die jetzt häufig in die zweite, ja fchon in die erste Abteilung gelangen, den berechtigten Einfluß des Mittelstandes auch das Endergebis weniger schwächen, als es jetzt der Fall ist.'

Zu der sachlichen Seite dieses Vorschlages wollen wir keine Stellung nehmen, weil das, sofern er Grundlage einer gesetzgeberischen Anregung werden sollte, allein Sache der Fraktion ist. Dagegen müssen wir uns mit aller Entschiedenheit gegen die mehr als sonderbare Begründung des Vor­schlages wenden. Zunächst ist es kaum zu billigen, daß eine Entscheidung über eine Bestimmung des Wahlgesetzes davon abhängig gemacht werden soll, wie das Wahlergebnis in fünf Wahl­kreisen sein würde. Noch sonderbarer aber wird die Zumutung, wenn man bedenkt, daß die Ent­scheidung davon abhängig gemacht werden soll, daß bestimmte Wahlkreise einer bestimmten Partei garantiert werden sollen, nämlich der national­liberalen Partei — nur in diesem Sinne aufgefaßt, bat die ganze Erörterung einen Sinn. Schärfste Zurückweisung verdient es, wenn die Zuschrift — anders kann sie nicht verstanden werden — in der Zusicherung bestimmter Mandate für die nationalliderale Partei zu ungunsten des Zentrums das einzige Heil für die Groß­industrie und die mit dem Staatswohl allein ver­trägliche Lösung der Wahlrechtsfrage erblickt. Das ist wirklich etwas stark.

Im übrigen quittieren wir dankend das Ein­geständnis, daß der Mandatsbesitz des Zen­trums von der Frage der Drittelung nicht be­rührt wird. Es wird damit die böswillige Ver­dächtigung hinfällig, daß das Zentrum aus Partei- intereffen an der Drittelung nach Urwahlbezirkm sesthalte.

** Berlin, 29. März 1910. Das Kaiserpaar war am Ostermontag in Potsdam beim Kron­prinzenpaar. Am Montag stattete der Kaiser dem Staatssekretär im Auswärtigen Amte von Schoen einen Besuch ab. — Der Reichskanzler von Bethmann-Hollweg speiste, wie noch nachzu­tragen ist, am Samstag abend in Rom bei seinem Vorgänger im Amte, Fürsten v. Bülow. Geladen waren außerdem Botschafter v. Jagow und Ge­sandter Dr. v. Mühlberg mit den Mitgliedern beider Missionen.

** Der Reichsetat für 1910 wird im Reichsanzei» ger veröffentlicht- Das Gesetz ist unter dem 21. b. M. vom Kaiser vollzogen worden. Der Etat ist in Ein­nahme und Ausgabe auf 2 853 781 095 festgestellt. Der Reichskanzler ist ermächtigt, zur Beftiedigung ein­maliger Ausgaben die Summe von rund 148 Millio­nen Mark im Wege des Kredits fluffig zu mache«.

)( Der Gouverneur v. Schuckmauu vo« Deutsch« Südwestasrika tritt bekanntlich zurück. Als sein Rücktritt seinerzeit in Verbindung gebracht wurde mit dem strammen Auftreten der spekulationslustigm „Bürger von Lüderitzbucht' gegenüber dem Staats­sekretär Dernburg aus dem Reichskolonialamt, wurde offiziös beteuert, er leibe an Influenza. Jetzt suchen die braven Leute von Lüderitzbucht diesen Rücktritt weiterhin in ihrem Interesse auszubeuten. Es wird nämlich nach Deutschland berichtet, von Schnckmann habe vor seiner Abreise einigen Herren — gemeint sind damit natürlich die Lüderitzbuchter Großspekulanten — gesagt,

feine Rückkehr fei ausgeschlossen wegen bet großkapitalistischen Politik der Regierung welche er nicht mitmachen könne; dann aber auch wegen des schweren Vorwurfs, welchen Staatssekretär Dernburg im Reichstage gegen die Beamten der Solo«, men erhoben hätte. 30 Jahre diene er feinem Kaiser/ und habe niemals auch nur einen Verweis erhalten, und jetzt müsse er sich diesen schweren Borwurf dor' der breiten Oeffentltchkeit machen lassen. Der ®ou«, verneur soll noch hinzugefügt haben, die Herren könnten, dies einem jeden, der es hören wolle, wiedersagen.

WaS diese natürlich schnellstens getan haben, denn sie können ja damit den Anschein erwecke«, als hätten sie in ihrem Treiben gegen das Kolonial» amt recht. In Wirklichkeit aber handelt es sich in dem Streit um die Diamantenrechte um nichts an­deres, als darum, daß die Lüderitzbuchter Speku- laute«, die sich alle schon zu regelrechten „Groß­kapitalisten' emporentwickelt haben, die Geschäfte, die die Kolouialgesellschast machen wollte, gern in ihre große Tasche geleitet hätten. Daß damit der Name des allgemein angesehenen Gouverneurs von Schuckmann so ohne weiteres verknüpft werden kann, ist bedauerlich.

(♦) Einigung zwischen dem ManneSmann-Syndikat und der Union de» mines. Wie der .Nationalztg/ von unterrichteter Seite mit geteilt wird, werden un­mittelbar nach den Osterseiertagen die EinigunaS- Verhandlungen zwischen dem Mannesmann-Syndikat und der „Union des mines' ausgenommen werden. Bekanntlich hatten sich die Brüder Mannesmann geweigert, in Vergleichsverhandlungen einzutreten, bevor der Reichstag in der Frage gesprochen hätte. Nachdem dies geschehen ist, hofft man, daß die Ver- Verhandlungen sehr bald in Fluß kommen und zu einem beide Teile befriedigenden Ergebnis führen werden.

♦* Der 15. christlich-soziale Kongreß wurde gestern in Hannover tn Anwesenheit von 3000 Personen er­öffnet

^etiranömarät.

43] Roman von G. Freifrau von Schlippen dach.

Hellmuth von Stahlbach und Hartwig warm in ben Taunus zum Prinzen Ferdinanb gereist, wo der junge Freiherr eine Pacht zu finden hoffte- Graf Pselleck wiederholte jetzt mündlich seine Einladung zur Jagd, und fern ho^r Freund nahm mit sichtbarer Freude on.

„Sagen Sie, Pfeileck', hatte er beim Wiederschen kffelch bemerkt, „wer Hütte das in K. geahnt, daß Miß Edgerock Ihre Kusine war? Wußten Sie es?'

„Ja", versetzte Hartwig kurz, „Fainikienrücksich- ten bewogen mich, darüber zu schweigen.'

„Mir scheint. Sie haben auch keine große Shm- pachie für Ihre schöne Verwandte.'

„Eie ist es in der Tat nur dem Namen nach', entgegnete der Graf kur,. „Zwischen dem Grasen- h-cst und der Pfeilburg besteht keine sonderliche Freundschaft!'

„Ich habe von dem leichtsinnigen Vater Miß Ed- gerocks, wollte sagen des FreifrLuleins, gehört, und weiß, daß er sich keines guten Rufes erfreute. E« ist aber doch nicht recht, wenn man das die Kinder entgelten läßt; besonders, wenn einer derselben wie Rrttraut von Pfeileck geartet ist.'

Hartwig schwieg und bet Prinz brach da» Thema mit einem Taktgefühl ab. Er sehnte sich danach, die­jenige wiederzusehen, die al» Künstlerin einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte- Sett Prinzeß Shlva vermählt war und Fürstin Charlotte bei ihrem Sohn lebte, fühlte er sich recht vereinsamt und der Gedanke an eine zwette Heirat tauchte immer öfter in ihm auf. Warum sollte er Rottraut nicht zu gewinnen suchen und ihr feine Füistenkrvne zu Füßen legen? Im Hinblick darauf ging er auf die Pachtvorschläge ein, die Stahl­bach ihm machte; er war jetzt gerade in der Stimmung, nicht» abiuftf,lagen, und so wurde abgemacht, daß Hellmuth im Herbst da» reizend gelegene Schlößchen beziehen und oie sehr vorteilhafte Pacht antreten sollte.

„Bei den Mcmövern sehen wir uni', sagte der Prinz zu Hartwig beim Abschiede .Bald lege ich

meinen Kommandostab nieder und ziehe mich ins Privatleben zurück Auf Wiedersehen, mein lieber Erraf.'

Hartwig hoffte, die Psellburg würde bereite ver­ödet fein; durch seine Mutter hörte er von Rottrauts Plänen. ES war viel besser, wenn er sie nicht wie- dersah, oder wenigstens erst nach einiger Zeit.

Am Tage nach seiner Heimkehr ritt er nach Bir- kenrode hinüber, wo sich eine Ferienkolonie gebildet halte, wie es im Pan dieser wohltätigen Stiftung lag Am Saum des nahen Kiefernwaldes waren ein­fache Billen erbaut worden, und es sanden sich er­staunlich diele, die einer Sommerfrische bedurften. Nächst ben Pfeilecks hatten diejenigen das Anrecht, bk ton dem Geschlecht stammten- Das waren Witwen' die früher den Pftileckschen Namen trugen jmb de­ren Kinder das ganze Jahr in der Stadt lebten und die sich nun hier rosige Wangen holen sollten. Hart­wig freute sich, daß sein Weck so vortrefflich gedieh Aber war es nicht -um großen Teil auch das Weck jener, die so hochherzig die fehlende Summe herae- ge&en? Cgnt ihre edle Hilfe wäre man lange nicht f» »veit gekonumn. Da war er wieder, jener lästige Zwiespalt, der ihn jedesmal befiel, wenn er per­sönlich oder in Gedanken mit Rottraut in Berüb- rung kam r

Aergerlich spornte er fein Pferd an und über- Mtc diejenige, an welche er mchr dachte, als ihm

.Guten Tag, gnädiges Fräulein', begrüßte er Rottraut - dabei ärgerte er sich, daß seine Stimme fo enreut Uong - „ich glaubte. Sie seien bereits hoch auf See.'

„Gutm Tag, Graf Pfell', erwiderte Rottraut, ihr feuriges Roß zügelnd. „Morgen werde ich Sie von meiner Gegenwart befreien."

Sie lachte und doch lag etwas Bitterer in dem Ton ihrer Stimme.

,®8 scheint, wir können nie anders als in spitzen Worten miteinander sprechen', bemedte er das Kriegs bell wird immer wieder ausgegraben'' '

„Sie tun e3 so oftl' rief sie ärgerlich. „Selbst damals, als ich Ihnen von ganzem Herzen drucken wollte, verstanden Ste es, diese Empfindung im Keime zu ersticken- Sie waren sehr unfwundlich, als ich Ihnen, nachdem Sie Willis befreit, ein herzliches Wort sagte.'

, Ich gebe es zu — und ich bedauere es aufrichtig', erwiderte Hartwig, „um so mehr, als ich Ihnen so manches abzubitten habe.'

„Das ist abgetan', sagte sie kurz, „sprechen wir nicht weiter darüber. Eizählen Sie mir fieber vom Prinzen, für den ich ein Gefühl dankbarer Ergeben- beit hege in Erinnerung meines kurzen Aufenthaltes in K.'

.Prinz Ferdinand läßt sich Ihnen bestens empfeh­len', bestellte Hartwig. „Er freut sich sehr darauf, im Herbst nach dem Grafenhorst zu kommen und Sie wiederzu sehen.'

„Ich werde ihn bitten, auch auf der Pfeilburg einige Tage zu wohnen, damtt ich seine so überaus liebenswürdige Gastfreundschaft erwidern kann.'

„Prinzeßchrn ist vermählt, und die Fürstin lebt bei ihrem Sohn', erzählte Hartwig weiter. „Der Prinz klagt über seine Einsamkeit; ich glaube, er siebt sich nach einer zweiten Gemahlin nm.'

Sie ritten aus einem schmalen Feldwege dicht ne­beneinander; hoheRoggenfelder umgaben sie, durch da« gerade jetzt in bet Blüte stehende Korn leuchteten viele blaue Blumen, geheimnisvoll wogte und wollt- es auf und nieder — im Bolksmunde hieß es: die Roggen- muhme geht um.

Und wieder, wie damals auf dem See, umgab eS die beiden wie süßer Märchenzauber, wieder legte sich ein beklommenes Schweigen auf Rottmut und Hart­wig, das feiner von ihnen sich zu brechen getraute. Ein Bild aus fernen Tagen trat vor ihre Seelen — damals hatten die blauen Blumen ebenso zwiscken die Siebten geleuchtet, — ein Keine», barfüfcigri Mäd­chen und ein Knabe hatten sie gepflückt und nach Kin- berart fröhlich miteinander geplaudert

„Wollen Sie nicht Romblumen pflücken?' fragte Graf Pfeileck lächelnd, sich zu seiner Begleiterin beu­

gend und ihr unter ben breitkrempigen Federhut schau­end

„Sie denken an jene kleine Begebenheit", erwiderte sie — „ich dachte eben auch daran. Wir sind, glaube ich, säst an derselben Stelle wie damals — die Blu­men blühen noch ebenso wie vor achtzehn Jahren-'

Ein Hauch von Wehmut zitterte durch die weiche Frauenstimme, dann fuhr Rottraut heiterer fort: „Wie stolz war ich. als Sie mich auf Ihr Pferdchen hoben und doch fürchtete ich mich — jetzt kann ich es ja eingestehen. Seltsam, wie deutlich die Erinnerung aus dem Dunkel der Vergangenhett noch jetzt hervor- tritt', schloß sie träumerisch.

„Wissen Sie noch, wie Sie mir den kleinen Ring mit dem roten Glasherz schenkten? Ich habe ihn aufbewahrt.'

Sie lachie gezwungen.

„Als kostbares Kleinod', versuchte sie zu scherzen. „Ich war damals nicht wenig stolz daraus.'

„Als ungetrübte Erinnerung aus der sonnigen Kinberzeit, bie nie wiedeckehrt', gab Hartwig zurück. „Gehl eS Ihnen auch so, baß Sie sich oft nach der Kindheit zurücksehncn, daß eS Ihnen scheint, als könn­ten Sie im späteren Leben nie wieder so harmlos, so vollkommen glücklich fein?'

fieber Rottrauts Gesicht glitt ein tiefer Schatten.

„Stein', jagte sie ernst, „ich könnte das nicht be­haupten: ich denke nur ungern an jene Zett'

„Verzeihen Sie mir, ich vergaß', murmelte Hari- wig im Tone liefen Bedauerns. „Ich wollte Sie nicht erinnern —er brach ad und schweigend ritten sie ein Strecke weiter-

„Wo ist Suse jetzt?' fragte Rottraut nach einer Weile, „so hieß doch Ihre Amme, nicht wahr? Ich kann e# ihr immer noch nicht bergeffen, daß sie mich um den Genuß der Kartoffelpuffer brachte.'

Sie lachte wieder heiter.

„Sie lebte auf dem Grafenhorst, bis sich ihre Toch­ter verheiratete mid sie zu ihr zog', antwortete Haiti wig „Ich war damals sehr böse auf sie, daß sie Sie r-'

(Fortsetzung folgt.)