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BotationsdruSund Verlag der Luldaer Ab tieudruckerei in Lulda Zenisprecher Hr. 9.

Jahrgang.

Wegen des hl. Osterfestes wird die nächste Kummer der,Fuldaer Zeitung' erst am Diens­tag ausgegeben.

w Die heutige Ausgabe umfastt 14 Seite«.______________

V Eine politische Osterbetrachtung.

Die hohen Feste des christlichen Jahr« werden Von der ganzen Christenheit gemeinsam gefeiert. An feinem Tage aber tritt die Gemeinsamkeit des christlichen Glaubens so klar und unmittel­bar in die Erscheinung als bei der Gedächtnisfeier des mariervollen Erlösungstodes Jesu Christi am Kreuze und der glorreichen Auferstehung des Gottes­sohnes aus dem Felsengrabe. Am Fuß des Kreuzes­stammes knieen alle gläubigen Christen ohne Unter­schied des Bekenntnisses, und wie ihre Trauer di- gleiche ist, so auch ihr Jubel am Ostermorgen-

Wir leben in einer Zeit, die mehr die trennenden Momente wertet und beachtet als die einigenden. Und NSbesondere müssen wir dies auf dem konfessionellen fleblete beklagen, mit großer Trauer beklagen, denn )it Religion unseres Heilandes predigt Frieden und Fersöhnung, nicht Hader und Streit. Es klafft eine farke Entfremdung zwischen den beiden gro-> en christlichen Kirchen, eine Entfremdung, die oft , ie Formen persönlichen Hasses annimmt. Wir Ka­tholiken dürfen für uns in Anspmch nehmen, daß nicht wir die sind, die an diesem Streite Gefallen ha­ben und Oel in die Flammen hineingießen. Auch •unter den Protestanten sehen wir tausende glaubens- jjtreuer Männer, die mit warmem Eifer bemüht find, den Frieden unter den Konfessionen zu fördem. Und wir haben das Vertrauen, daß die Bemühungen dieser edlen Männer von Erfolg gekrönt sein werden Bor wenigen Tagen ging die Nachricht durch die Presse von einer Rede, die ein Protestant und politischer Geg­ner, der Leiter der „Deutschen Tagesztg.', Dr. Oet- tel in Plauen gehalten hat. Er sagte:

„Tas Christentum ist gespalten in Konfessionen. Wir bedauern diese Spaltung. Aber sie ist geschichtlich geworden. Weshalb, wissen wir nicht. Vielleicht er­st» iren wir, was der Herr gewollt hat, als er daS C ristenlum sich spalten liest Vielleicht hat er uns sa;en wollen: Nun beweist, wer von den beiden dem Ideal am nächsten kommt. Vielleicht werden wir auch des Rätsel nie lösen. Aber eins können wir: wir müssen dafür sorgen, daß die konfessionelle Zer­klüftung nicht noch schlimmer wird wie bisher. Haben wir des Einigenden nicht viel mehr als des Tren- .nenden? Wir haben vor kurzem unter dem Christ­baum gesessen, Evangelische und Katholische gemeinsam. Binnen wenigen Wochen stehen wir unter dem Kreuz von Golgatha, Evangelische und Katholische gemeinsam, und wir gehen hin zum Grabe und wälzen den Stein von der Tür, Evangelische und Katholische ^gemeinsam. Wollen wir uns nicht verstehen? Haben wir nicht der gemeinsamen Gegner soviele und so ge­fährliche ?'

Wir danken dem Redner von Herzen für dieses schöne und mutige Wort. Ja, des Gemeinsamen ist so viel mehr als des Trennenden — weshalb müssen die Christen als Feinde sich gegenüberstehen?

Auch aus vaterländischer Erwägung müssen wir den Streit der Konfessionen beklagen, den Frieden unter den Konfessionen wünschen und fördem. Unse­rem Volke schlägt jede Uneinigkeit unter den Stam- mesgenoffen tiefe und schwere Wunden- Wir beklagen heute die arge Verfeiudun g unter den bürgerlichen Parteien. Wo liegen die Wurzeln der Feindschaft? Man wird nicht fehl gehen, wenn man sie zurückführt auf die Vorgänge bet der letzten R ei ch s ta gs w ah l. Damals ist das Mo­ment d.s konfessionellen Hasses in den politischen Kampf hineingetragen worden, er bestimmte den Aus­gang iht Wahl, er bestimmte die Politik des Blockes der protestantischen Parteien, er gibt noch heute dem Kampfe zwischen den Parteien die persönliche ver­letzende Schärfe. ' Anstatt die bürgerlichen Parteien zur einträchtige». Förderung der gemeinsamen Auf- ga6en für Staat und Volk zu sammeln, hat die Regie­rung selbst es verschuldet, daß als unmittelbare Nach­wirkung des Ausschlusses des Zentrums als der Ver­tretung der deutschen Katholiken au8 der Reihe der zur Mitarbeit berufenen Parteien jetzt die Gegensätz­lichkeit zwischen den Parteien der Rechten und der Linken zu einer offenen Kampfesstellung geworden ist.

Einen Vorteil für das Reich und das Land kann niemand darin ersehen, dem ernstlich an deren Ge­deihen gelegen ist Die verfassungsrechtlichen Ver­hältnisse im Deutschen Reiche erfordern gebieterisch die gemeinsame Arbeit aller staatstreuen Parteien. Und es ist nicht zu bestreiten, daß diese durch nichts mehr gefährdet wird, als durch die Uebertragung des konfessionellen Gegensatzes auf das politische Gebiet.

Die unglückseligste Folge der Dlockpolittk war nach unserer Ueberzeugung die, daß die Parteien, welche die Wahrung des christlichen Charakters des Staates, der Familie und der Schule als ihre vornehmste Aus­gabe betrachten, in eine sachlich nicht begründete Gegensätzlichkeit hineingetrieben wurden. Darunter mußten alle Aufgaben not leiden. Die nur durch das treue Zufammenstehen dieser Parteien gelöst werden können. Glücklicherweise ist jene Gegensätzlich­keit jetzt zu einem guten Teile wieder beseitigt. Bei der ganzen Art der parlamentarischen Tätigkeit ist es natürlich und notwendig, daß das Zusammen­arbeiten auf einem Gebiete der politischen Tätigkeit auch das Zusammenwirken auf den übrigen Ge­bieten anregt und fördert- Die Gemeinsamkeit der Weltanschauung kann sich nicht wohl auf die Entschei­dung einer einzelnen Frage beschränken. Man hat uns entgegengehalten, daß die Mitarbeit des Zen­trums mit der konservativen Partei bei der Wahl­rechtsreform nur den Zweck habe, Zugeständnisse auf dem kulturpolitischen Gebiete zu erreichen. DaS ist nicht richtig. Aber wir leugnen nicht, daß, wenn wir Zugeständnisse machen müssen, wir lieber der Partei sie machen, mit der wir auch sonst gemeinsam zu ar­beiten angewiesen find, und wir beklagen eg nicht, daß wir auch in dieser Frage mit d e r Partei zusam­

mengehen können, die mit uns eintritt für die Ver­teidigung der christlichen Weltan­schauung. Ja, wir büifen sagen, daß wir sogar bereit sind, dafür ein Opfer zu bringen Die Sozial­demokratie wirst uns vor, daß wir nicht mit ihr dem Kampf für die „Volksrechte" den ersten Platz in unserer Arbeit einräumen. Das lehnen wir ab. Höher als eine Wahlrechtsreform steht für uns unser Glaube und unsere Weltanschauung. Möge darum der Haß der glaubens- und vaterlandslosen Sozial- bemofratie uns treffen, wir fürchten ihn nicht. Unb bet Steg wird doch unser sein.

Wir kämpfen für die Religion Christi unter dem Zeichen des Kreuzes, der auferstandene Gottessohn wird uns zum Siege führen­

Deutsches Reich.

• Berlin, 24. März 1910. Der Kaiser und die Kaiserin und die anwesenden Mitglieder der kaiserlichen Familie nahmen am Gründonners­tag morgen im königlichen Palais zu Berlin das Abendmahl. Der Käiser besuchte später die amerikanische Ausstellung in der Akademie der Künste. — Prinz und Prinzessin August Wilhelm von Preußen sind nach Rapolla in Italien abgereist. — Prinz und Prinzessin Eitel Friedrich sind in Cairo eingetroffen.

)( Professor Dr. Adolf Wagner, der bekannte Nationalökonomie und Finanzpolitiker der Berliner Universität beging gestern feinen 75. Geburtstag- Am gleichen Tage feierte Dr. Friedrich Naumann, der freisinnige Politiker und Reichstagsabgeordnete, seinen fünfzigsten Geburtstag.

— Der erste „Kultnrtag" in Berlin fand am Donnerstag abend statt. Bekanntlich hat so etwas wie ein „Kulturtag' kürzlich in München stattge­funden, und da hat sich gezeigt, daß es ein richtiger Kulturkampfstag war. In Berlin war es nicht viel besser, wenn es auch dort nicht wie in München zu Prügeleien kam. Prof. Dr- Schücking, der Bru­der des entthront« Bürgermeisters sprach über die Ausbreitung des Internationalismus. Es sei ein überlebter Zustand, unter dem die Völker bitter zu leiden hätten, daß heute noch benachbarte Völker in steter Kriegsbereitschaft nebeneinander verblieben. Die Kosten eines einzigen Panzerkreuzers entspräche den Aufwendungen, die die ganze soziale Gesetzgebung in Deutschland erfordere. Donnernden Beifall erzielte Stadtrat Dr. P e n z i g mit einer heftigen Philippika gegen das „Pfaffentum". Der Mensch brauche Pfarrer unb Kirche nicht, sondern trage die Religiosi­tät in sich. Trennung von Kirche und Schule verlangte Prof. Dr. Ludwig- Gurlitt. Heute ist Fortsetzung der „Kulturreben".

** Nieder mit dem Liberalismus. In einem längeren Artikel der „K. Vztg." wird auf Grund der bei den letzten allgemeinen Reichstagswahlen abgegebenen Stimmen der zwingende Na hweis ge­führt, daß ohne die Unterstützung der be ben großen staatserhaltenden Parteien die National- liberalen unter günftigen Verhältnisse n Höch ftens drei Kreise in der Hauptwahl behaupten, Aurich, Leipzig-Stadt unb Schwarz- burg-Sonbershaufen, während sie 25 gleich ver­lieren würden und in 25 in Stichwahl ständen. Selbst angenommen, daß sie in diesen letzteren in der Mehrzahl, etwa zwei Drittel, siegen würden, so würde sich die Zahl der von den 53 geretteten Sitzen höchstens auf etwa 20 be- laufen. Es wäre das ein Zusammenbruch der nationalliberalen Partei, der ganz außergewöhnlich wäre, der in der Geschichte der nationaUiberalen Partei aber schon seinesgleichen findet. Sank die Zahl der nationalliberalen Abge­ordneten ooch in der kurzen Zeit von 1874—1881 von 151 auf 45 und 1890 wieder von rund 100 aus 41. Die Rationalliberalen aber würden nur bie Wahrheit des Sprichwortes erfahren: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein." Wenn es nicht ganz so schlimm kommen sollte, so würden sie das nur den Wählern des jetzt so viel verschrieenen unb geschmähten.blauschwarzen Blocks" zu verbanken haben. Es ist daher ein geradezu selbstmörderischer Leichtsinn, wenn bie National- liberalen ihre Kampfstellung ausschließlich gegen bie Rechte und daS Zentrum kehren.

❖ Eine Reitvorschrift für die Feldartil- lerie? Man beschäftigt sich in führenden Kreisen mit dem Gedanken, eine besondere Reitvorschrist für die Feldartillene ausarbeiten zu lassen; feste Pläne liegen allerdings noch nicht vor. Maß- gebend für bte Ausarbeitung dieser besonderen Reitvoeschrist wäre der Umstand, daß die Reit- instruktion, die augenblicklich für die Kavallerie und Feldartillerie besteht, für die Feldartillerie zu wettgehend ist. Die Ansprüche, die an das Pferd bei der Feldartillerie gestellt werden, sind anderer Natur, als die Ansprüche bei der Kanal- lerie. Auch an die Leute müssen bei der AnS- bildung anders geartete Anforderungen gestellt werden, wie an die Kavalleristen. Die Entschei­dung über die Ausarbeftung einer besonderen Reitvorschrist für die Feldartillerie wird erst dann gefällt werden können, wenn die Reitinstruktion umgearbeitet unb erprobt worden ist.

* Stuttgart, 24. März 1910. Der jetzt er- schtenene Nachtrags - Etat, der durch den Vollzug der neuen Volksschul - Gesetzgebung in Württemberg notwendig geworden ist, und der für da« Rechnungsjahr 1910 den Betrag von 321,841 Mark erfordert, ist durch die Einfüh­rung der fachmännrschen Schulaufsicht bedingt worden. Bis zur vollständigen.Durchführung der neugeschaffenen Organisation werden noch meh­rere Etat» - Perioden Vorbeigehen müssen. Ein weiterer RachttagS - Etat verlangt für die Ein-

richtung von zwei neuen Volksschullehrer-BildungS- anstalten in Heilbronn und Rottweel den Betrag von zusammen 1,920,000 Mark.

Ausland.

Der Reichskanzler in Rom.

Als Ergebnis der Romreise deS Reichskanzlers ist eine amtliche Mitteilung ausgegeben worden, die Italiens Festhalten am Dreibund und die Uebereinstimmung der Drei» bundmächte in den Balkanfragen fest- stellt. Sie lautet:

„Der Besuch des Reichskanzler? v. Bethmanu- Hollweg in Rom gab einen neuen Beweis VeS gegenseitigen Vertrauens, in dem Deutschland unb Italien miteinander verbunden finb. In den politischen Unterhaltungen, die bei dieser Gelegenheit in Rom ge­pflogen wurde '» konnte zur gegenseitigen Genugtuung festgestellt werden, daß die auf dem Dreibund be» ruhende Politik, die schon so lange eine Bürgschaft des europäischen Friedens bildet, in beiden Ländern zu feste Wurzeln geschlagen hat, als daß es von Wechseln in den Personen berührt werden könnte. Die Kabinette von Rom und Berlin sind in Uebereinstimmung mit der Wiener Regierung besonders darin einig, daß im Orient die Erhaltung des status quo zu erstreben ist; sie begleiten die ver­fassungsmäßige Entwicklung der Türkei sowie das Ge­deihen der Balkanstaaten mit ihrer Gy apalhie unb unterstützen die einmütigen Bestrebungen aller Mächte zur Aufrechterhaltung des Friedens."

WaS in der V« stündigen Audienz des Reichs­kanzlers geredet und verhandelt wurde, weiß niemand außer dem Korrespondent des „Berl. Tagebl.", der seinem Blatte drahtet:

„Es scheint, daß Herr v.Bethmann-Hollweg dem Papst gegenüber die Hoffnung aussprach, daß Regie­rung und Vatikan auch über diese Frage (bte Besetzung des Posener Erzbischofstuhles) schließlich Verständigung finden würden. Der Papst antwortete darauf mit einem höflichen „Aber gewiß! Gewiß '.** Vom Zentrum scheint in der Unterredung nicht die Rede gewesen zu fein. Jedenfalls lebt man im Vatikan der lieber« zeugung, daß die Regierung auch in Zukunft mit der Freundschaft des Zentrums oder ohne sie zu leben wünscht. Interessant ist, daß man in vatikanischen Kreisen Über die Kenntnisse des Kanzlers auf politisch- religiösem Gebiete ganz erftaunt ist. Alle Fragen, die erörtert wurden, kannte der Kanzler genau. Natürlich werden die Unterredungen Bethmann-Hollwegs mit Pius X. und seinem Kardinalstaatssekretär Merry bei Vai die schwebenden kirchen-politischen Fragen nicht lösen, aber doch hier wie dort eine gute Disposition für ihre Lösung schaffen."

Eine Musterleistung! Obwohl der finger­fertige Mann selbst nur schreiben kann: „eS scheint!" weiß er doch ganz genau, was der Papst geantwortet hat und teilt dies mit abso- luter Sicherheit mit. Bei der Unterredung war er selbst nicht dabei; man „scheint" also „an- nehmen" zu dürfen, daß sein« Ohren vom Peters- platz bis in das Sprechzimmer des Papstes ge- re cht haben. Unsere Leser sehen an einem Muster­beispiel, wie „fix" die liberale Presse ist und wie man sich gut unterrichtet stellen kann. Diese ganze Depesche kann ebensogut in Berlin fabri­ziert worden sein wie in Rom.

Was der Besuch selbst betrifft, so sprechen wir offen unsere Genugtuung aus, daß der Kanzler den Papst aussuchte. Wir überschätzen solche Besuche in ihrer politischen Bedeutung nicht; aber wenn der Besuch nicht stattgefunden hätte, wäre dies ein Zeichen auf Sturm gewesen. So kommt durch den Besuch zum Ausdruck, baß der Reichskanzler entschlossen ist, mit der katho­lischen Kirche in Frieden zu leben. Davon nehmen wir gerne Noüz und können hinzufügen, daß die deutschen Katholiken alles tun werden, um diesen Entschluß zu unterstütz n. So wie wir den Reichskanzler kennen, bütfen wir sagen, daß es ihm ernst ist mit feinem Besuche und seiner Absicht; denn v. Bethmann-Hollweg ist ein ehrlicher und gerader Mann, mag man sonst an ihm aussetzen, was immer man will. Es tft daher auch nicht anzunehmen, daß er diesen Besuch benutzt hat, um das Zentrum zu verdächtigen, wie es einmal bei einem früheren Kanzlerbesuche geschah. Frei­lich ohne Erfolg. Praktische Konsequenzen wird der Beruch zunächst nicht haben, denn zwischen Deutschland und Rom ist nur die Posener Erz- blschosssrage schwebend, und zwar wohl so lange, bis der in Aussicht genommene Kandidat genügend polnisch kann. Dann darf man an eine Lösung denken.

* DaS englische Unterhaus hat sich am Donners­tag bis zum 29. b. M. vertagt, wo dann die Beratung über die bas Oberhaus betreffenden Resolutionen beginnen soll.

* Die Finanzkommission des russischen Reichsrates stellte die im Budget geforderten Kredite von 14674000 Rubel für den Bau neu er Kriegs schiffe, die die Budgetkommission der Duma um 11 Millionen herabgesetzt hatte, wieder her.

** Der neue Präsident der russisch« Duma hielt eine Antrittsansprache, bie für den Parlamentarismus Rußlands charakteristisch ist. Er sei, so führt er aus, konstitutioneller Monarchist. Ruß- land könne nur bei einer konstitutionellen monar- chischen Staatsordnung mit einer mit weitgehenden gesetzgeberischen Rechten ausgestattetm Volksoer- tretung und einer starken, nurdemMonarchen, nicht aber den politischen Parteien verantwortlichen Regierung gedeihen.

** Grenz,wischenfalle ereigneten sich an der griechisch-türklschen Grenze bei Gritsano, wo bie Griechen die Grenzzeichen versetzt haben sollten. Ein griechischer Jäger wurde verwundet. Der

griechische Gesandte macht in Konstantinopel 93or‘ stellungen. — An der montenegrinischen Grenz ist es m den letzten drei Tagen zwischen Arnauten, türkischen Grenzsoldaten und Montenegrinern zu mehreren blutigen Zusammenstößen ge­kommen. Bei Erzanitze und Pepitsch dauern die Scharmützel an. Zwei Montenegriner und ein Arnaute sind bereits gefallen. Die montenegrinische Regierung hat Einspruch erhoben.

* Der türkische Ministerrat beschloß nach den Plänen der Generalobersten Frhrn. von der G oltz die Einrichtung von vier Musterregimentern, die deutschen Instruktoren unterstellt werden sollen.

* Der Fanatismus der Inder hat am Montag abend zu einem blutigen Zusammenstoß in Pescha­war infolge des Zusammentreffens eines großen religiösen Hindusestes mit der mohammedanischen Feier zum Gedächtnis an den Tod des Propheten zwischen Hindus und Mohammedanern geführt. Drei Mohammedaner und zwei Hindus wurden ge­tötet, vierzig verwundet; zwei Hindus sind ihren Wunden seither erlegen. Es kam auch zu Plün­derungen. Truppen halten jetzt die Stadt besetzt. Die Ordnung scheint wieder hergestellt. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen.

volkswirtschaftliches und Soziales.

Allgemeine Arbeitseinstellung im Baugewerbe?

Zu den Verhandlungen des Arbeitgebeebundrs für das deutsche Baugerwerbe in Dresden wird uns von einer Seite, die Arbeitgebern nahe steht, geschrieben: Die Beschlüsse der Arbeitgeber sind insofern wohl all . annehmbar zu bezeichnen, als sie an den bisheri­gen Lohnverhältnissen nichts ändern, obschon der seit Jahren bestehende Tiefstand int Bau­gewerbe für viele Unternehmer die Frage nach nled- rigern Arbeitslöhnen als Lebensfrage für den Weiter­bestand ihres Geschäfts erscheinen läßt. Es ist weitem hin nicht als unbillig zu bezeichnen, wenn die Arbeit­geber die Vereinbarungen durch die Zen< trat ft eile getroffen sehen wollen, um nicht in den einzelnen Bezirken ständig durch das Gespenst eine! Streiks beunruhigt und geschädigt zu werden, und wenn ferner ein Abschluß auf drei Jahre gewünscht wird, damit eine gewisse Ruhe in die Ver­hältnisse kommt. Bisher war die Akkordarbeit wohl als zulässig bezeichnet, doch würde, wenn der Unternehmer solche mit seinen Arbeitern vereinbarte, sofort von den örtlichen Verbänden dagegen geeifert, was an fich unberechtigt erscheint. ES muß den Unter­nehmern freigestellt sein, besonders geeignete Arbeiten in Mord zu vergeben. Sonach könnte höchstens die. Frage der Arbeitsnachweise noch einen Streitpunkt bilden. Hierüber müßte eine Einigung statssinden können, angesichts der unberechenba­ren Schädigungen, die eine allgemeine ArbeitS-' einstellung im Baugewerbe, sei es nun, daß sie von den Arbeitgebern oder Arbeitnehmern ausgeht, — zur Folge haben würde. Das Baugewerbe liegt zur Zeit noch so darnieder, daß eine längere Arbeitslosigkeit sowohl bei vielen Unternehmern als Arbeitern den Ruin zur Folge haben muß; auch wäre die Schädigung des gesamten Wirtschafts­lebens eine ungeheure, da das Baugewerbe mit seinen vielen Zweigen von größter Bedeutung für fast alle Geschäfte ist. Möchte es der Vermittlung ver­ständiger Elemente gelingen, eine baldige Einigung herbei zu führen

Auf Seiten der Arbeiter werden als un­erfüllbar die Bedingungen hingestellt, wonach die nor­male Arbeitszeit bei ausreichenden Lichtverhältnisfen ohne Lohnzuschlag verlängert werden kann unb weiter, daß die Tariflöhne nur für „tüchtige und ge­lernte* Arbeiter gelten sollen und schließlich die An­erkennung der Akkordarbeit.

Bei einer Gesamtaussperrung im Reiche kämen etwa 21000 Baugeschäste mit 317 000 Arbeitern, von denen etwa 100 000 auf Berlin entfallen, in Betracht.

Im Lager der Unternehmer ist es bereits zu Meinungsverschiedenheiten gekommen. Der erste stellvertretende Vorsitzende deS Arbeitgeber­bundes, Baumeister Heuer aus Berlin, hat nämlich fein Amt niedergelegt, nachdem am Tage vorher ein­gehende Beratungen stattgefunden hatten. Danach scheint man im Berliner Baugewerbe keine große Lust zu einem Riefenkampfe zu haben.

o. Fürsorgeerziehung.

Die von dem König!. Preuß. Ministerium deS Innern bearbeitete „Statistik über die Für- sorgeerziehung Mtnderjährlger und die Zwangserziehung Jugendlicher für das RechnungSjahr 1908 (1. April 1908 bis 31. März 1909) ist soeben im Druck erschienen. (Berlin 1910, Druckerei der Strafanstaltsverwaltung.)' Wir entnehmen dem Werke folgendes:

Am 31. März 1909 befanden sich 44325 Personen tm Alter von unter 1 bis zu 21 Jahren in Fürsorge­erziehung, und zwar 30286 männlichen unb 14 039 weiblichen Geschlechtes Am 31. März 1909 kamen also auf 10000 männliche Personen im genannten Alter 32,9 unb auf weibliche 15,4 Fürsorgezöglinge. Im Berichtsjahre betrug bie Zahl der der Fürsorge­erziehung neu lleberroiefenen 7363 (gegen 6921 im Vorjahr. Die Zahl der der Zwangserziehung übet* tolefenen Jugendlichen, soweit sie sich noch In Für­sorgeerziehung befinden, war am 31. März 1908 2027, unb zwar 1582 männlichen und 445 weiblichen Geschlechtes.

Dem Bericht deS Herrn Landeshauptmanns deS B ezlrksv er b an d eS des Reg.-Bez. Kas- fei (S. 41—43) entnehmen wir: Im Berichtsjahre wurden zur Fürsorgeerziehung 192 Minderjährige überwiesen. Von diesen fielen 12 infolge von Be­schwerden, bie die gesetzlichen Vertreter der Mindev- iübrigen einlegten, fort; bei weiteren 12 war am 31 März 1909 die Rechtskraft deS UeberweisungSbeschlus» ses noch nicht etngetreten. Rechtskräftig überwies«