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Leitung

* Maer

die

Bi:

nennen Sie

wirklich nie

einer schwü- und ich nie

(SeBranömarltt.

.1 von G. Freifrau von Schlippenbach.

Au§ dem Nachbargebiete.

* Vom Vogelsberge, 18. März 1910- Durch btt ' schönen Tage, die ivir seither hatten, ist schon mit den landwirtschaftl. Arbeiten begonnen wor­den. Hoffentlich haben >vir ein günstiges Frühjahr zu erwarten, da überall über Futtermangel geklagt luirb. Das im vorigen Jahre meist feucht eingebrachte Heu und Stroh hat weniger Gehalt, sodaß die Kühe weni-

quittierte, schon Schiller habe gesagt: „Da werden Weiber zu Hyänen", da war es aus. Von allen Seiten fiel man über ihn her, riß ihn, zerrte und puffte ihn aus dem Saal hinaus, wobei er förmlich Spießruten laufen muhte. Fürwahr, eine Heldentat, zu Sechsen über einen Menschen herzufallen! Als man draußen war, hätte die Sache aus sein können. Ein Wärter sührte ihn zur Garderobe, ein anderer hieb ihm ins Gesicht, daß das Blut nur so herunterrann; als er fich beim herbeigeeilten Direktor beschweren wollte, riß man ihn wieder von allen Seiten weg und warf ihn kurzerhand, ohne ihn den Ueberzieher anziehen zu lassen, die Treppe yinunter. Wo aber blieb die holde Polizei? Bei der ganzen Affäre war kein Schutzmann zu sehen."

Sogar die sozialdemokratische ,Münch. Postt verurteilt diese „Kulturs-Versammlung, indem sie jn Nr. 63 schreibt:

„Die „Kulturversammlnng" bot in ihrem Verlauf Szenen beschämender Unkultur und gestaltete sich stundenlang zu einer Radauversammlung wie sie München wohl kaum je gesehen hat ... . Mehrfach wurden vereinzelt sitzenve Katholiken von ihrer kirchlich sreigesinnten Umgebung beschimpft, und als ein in meiner Nähe sitzender junger Katholik, der durch ver­hältnismäßig harmlose Zwischenrufe den Zorn seiner ..freigeistigen'' Nachbarschaft erregt hatte, hinausbesör- dert werden sollle, wurde er sogar in unmittelbarer Nähe der Rednertribüne mit Faustschlägen traktiert. Die wahren Freunde des kulturellen Fortschritts und allen voran die Sozialdemokratie kann deshalb nur wünschen, daß diese „Kulturversammlung" sobald keine Fortsetzung findet.

Der,Bayer. Kur/ erinnert daran, daß der Leiter der Versammlung, Dr. M. Ohr, bekanntlich auch der Leiter des Nationalvereins für das liberale Deutschland ist. Liberalismus und Freidenkertum ziehen an einem Seile. Wäre die Tätigkeit Dr. Ohrs noch keine ausreichender Beweis dafür, so wäre dieser Beweis vollauf erbracht durch die Begeisterung und das liebevolle Verständnis, mit dem die liberale Presse, allen voran die ,Frkf. Ztg/, über die „Kultur"oersammlung berichtet.

(5s war für mich jedenfalls recht gut, die Wahrheit zu erfahren; eigentlich müßte ich Ihnen dafür dankbar sein; es ist immer gut, wenn man klar sicht."

„Wir verständigen uns doch nicht", gab Hartwig verstimmt zurück. „Es tut mir das besonders mei­ner Mutter wegen leib, sie hegt für die Töchter Gün­ther Erichs ein besonderes Interesse. Das dürfte Ihnen vielleicht nicht bekannt fein?"

„Doch", entgegnete Rottraut- „Freiherr von Pfeil­eck-Tiefenhall sagte es mir schon vor drei Jahren. Ich weiß alles und" — sie stockte — „und finde darin einen Mildcrungsgründ für vieles, was meinen Stolz verletzt hat. Es ist nur natürlich, daß Sie an Ihren geliebten Vater denken und an das, was fein Leben trübte. Wüßten Sie, wie ich auf Schritt und Tritt die tiefen, dunklen Schatten der Vergangenheit auf mich fallen sehe, Sic würden begreifen, daß ich miß­trauisch und verschloffen mich da zurückziehe, wo ich Grund zu solchem Handeln zu finden glaube."

„Ihre Schwester ist harmlos, fröhlich und gibt sich ganz anders als Sie", bemerkte Hartwig nach einer Weile, „es kann keinen größeren Gegensatz geben, als er zwischen Ihnen besteht."

„Willis lebt in vollständiger Unkenntnis alles des­sen, was mich niederdrückt", antwortete Rottraut. „Sie ahnt nicht, daß wir gebrandmarkt sind und daß das Andenken unseres Vaters dunkle Schatten trägt. O", — sie faltete die Hände und ihre Stimme bebte in heißem Weh — „ihr die schreckliche Erkenntnis fernzu­halten, einen dichten Schleier über das zu breiten, was sie nicht weiß, nicht wissen darf — das ist mein Bestreben, mein heißester Wunsch I Sie ist ein zartes, unschuldiges Geschöpf und würde namenlos unter bex schrecklichen Wahrheit leiden".

Es zitterten Tränen in der Stimme des jungen Mädchens; Hartwig hörte zu rüdem auf; er hätte gern in das schöne, stolze Gesicht gesehen; wie mußte cs gewinnen, wenn sich eine weiche Regung auf den kalten, selbstbeherrschten Zügen ausprägte. Aber es war zu dunkel dazu, und er ruderte leise weiter und weiter.

Endlich brach Rottraut das lange Schweigen

(Fortsetzung folgt.)

Samsla», de« (9. W8rz 19(0.

57. Jahrgang.

scheiden haben!" rief Hartwig heftig. „Da geht zum Beispiel der Anton Zacher ohne Strafe seinem Hand­werk als Wilddieb nach. Ihr Förster darf ihm nicht nachspüren, wie er mir sagte Der Kerl hat also eine Zuflucht im Pfeilburger Forst und lacht sich ins Fäust­chen und brandschatzt unsere Wälder. Wir werden Sie auf Schadenersatz verklagen müfsen, wenn Sie eigensinnig bei Ihren Befehlen verharren, die ebenso ungerecht wie seltsam sind!"

„Ich werde nichts daran ändern!" rief Rottraut „Ich weiß, was ich tue und werde dafür einstehcn."

„Haben Sie einen besonderen Grund, den Zacher zu schützen? Es sieht fast so aus", sagte Hartwig ver­wundert.

„Ich habe niemand darüber Rechenschaft zu ge­ben", brauste Rottraut auf, „Ihnen am allerwenig­sten ! *

„So sehe ich es als eine Weiberlaune an, daß Sie dem Anton Zacher den Wildfrevel gestatten", sagte der Graf bitter.

„Wenn es Ihnen Spaß macht — bann meinet­wegen!"

„Und solcher Einfalle wegen sollen wir schwei­gend unsere Rehe hingeben!" rief Hartwig heftig.

„Sie vergessen sich", entgegnete sie kurz.

„Ja, ich bedauere cs — Sie sind eine Dame", versetzte er. „Bitte, entschuldigen Sie meine Heftig­keit."

vorschlägt — geheime Wahl, Beibehaltung der Dritte- lung, Maximierung — wirken z u U n g u n ft e n der Nationalliberalen. Da läßt man lieber die ganze Wahlreform zum Kuckuck fahren. Was schert die Natioi.alliberalen Bürgerrecht und Bürgerfreiheit, wenn sie nicht dabei ihre Parteigeschäste ma­chen können! Jn diesem Sinne führt die „Germ." mildernde Umstände für die Nationalliberalen an. Sie schreibt:

„Wir glauben, man muß etwas Nachsicht mit den Nationalliberalen haben. Sie befinden sich in der denkbar größten Verlegenheit. Einer Vorlage zuzustimmen, die wirklich ernsthafte Reformen enthält, ist ihnen durch das Parteiintereffe außerordentlich schwer gemacht. Denn alle Reformen drohen zu ihrem Nachteile ausznschlagcn. Wir sehen das ja an den Reformen in den übrigen Einzelstaaten. Ueberall sind die Nationalliberalen unter dem verbesserten Wahlrecht sehr schlecht weg gekommen; nur mit Hilfe an­derer Parteien, insbesondere der Sozialdemokratie, ver­mochten sie sich vor einem Debatte zu bewahren. Da es ihnen in Preußen nicht besser gehen würde, müssen sie nach Vorwänden suchen, um die Reformen abzu­lehnen und dann nachher in Gesellschaft der Sozialdemo­kraten zu schreien, es sei keine Reform, sondern Volksverrat. Ueberließe man ihnen die Ausgestaltung des Entwurfes, so würde dem Gelvsack und der „Intelligenz", die sie für ihre Partei in Anspruch nehmen zu können glauben, das unbedingte Uebergewicht bei den Wahlen gesichert, das Recht und die Freiheit anderer Leute aber mit Füßen getreten werden. Am wenigsten würden sie für die geheime Wahl zu haben sein. Wenn sie zetzt da­für eintrelen, so geschieht das nur» damit sie nicht ganz unter die Räder kommen, für den Fall, daß die Reform ohne sie gemacht werden sollte. Einersen^ werden sie von den Jungliberalen, anderseits von dir Angst vor den Wählermaffen getrieben, die geheime Wahl zu bewilligen, aber von Herzen kommt ihnen das gar nicht. Hätten die Nationalliberalen es in der Hand, so würden sie die öffentliche Abstimmung bei- behalten. Gerne hätten sie sich mit de i Konservativen darüber verständigt, aber sie dursten es nicht wagen. Um den Schein zu wecken, schallen sie sich aus und sagen dann, sie seien von dem „schwarz-blauen Block" ausgeschallet worden."

Ein Ausgleich für die nationalliberalen Partei- intereffen wurde hauptsächlich erstrebt durch die Ein­schränkung der Maximierung und durch die Be­festigung der D r i 11 e I u n g in den einzelnen Stimmbezirken. Im Punkte der Maxiniierung ka­men in der dritten Lesung die Konservativen den libe­ralen Wünschen insofern entgegen, als die anrech­nungsfähige Steuersumme in Gemeinden von mehr als 10 000 Einwohnern auf 10 000 Mk. erhöht wurde Die Wirkung dieser Aenderung ist art sich nicht so groß, daß derethalben das Zentrum zutn Rücktritt vom Kompromiß genötigt wäre. Die Anträge wegen Aus­dehnung de? Drittelungskreises find viel einschneidender; sie wurden von der lonser vativen Fraktion in Rücksich auf das Zentrum ab ge­lehnt. Es steht aber zu erwarten, daß die narional- liberalen Bürgermeister im Herrenhause auf Änderung des Drittelungsverfahrens im liberalen Parteiintereffe hinarbeiten und dabei die Unterstützung der Regierung finden werden. Die letzte Rede des Ministers des Innern läßt das bestimmt erwarten. Das ist der Stein, der noch im weiteren Wege des Wahlrechts- Kompromisses liegt.

Die Lage ist so, daß das Kompromiß zwischen Konservative und Zentrum zwar einen Schritt vor­wärts, aber noch nicht zum Ziele gekommen ist. Von der Regierung und vom Herrenhanse drohen noch Weiterungen u. Schwierigkeiten, welche die Klugheit unserer Freunde und die Festigkeit der Konservativen noch auf ernste Proben stellen werden.

einzige Sorge der Nationalliberalen. Auch

Ausland.

** In einer Tuez-Debatte kam es am Freitag im sranzöfischen Senat. Der frühere Justizmi­nister im Ministerium Combes unseligen Angeden­kens, Vollö, interpellierte den Minister Barthou, ob gewisse Wendungen in der Kammerdebatte über die Anstellung der Liquidatoren Lecouturier und Menage' ein Angriff auf seine Amtsführung sein sollten. In der Debatte wurde von konsewativer Seite festgena­gelt, daß bei den Anstellungen der Liquidatoren das politische Bekenntnis ausschlaggebend ge­wesen sei, nicht Tüchtigkeit und Ehrlichkeit. Im ganzen verlief die Debatte nach dein Herzen der Kirchenräu­ber und endete mit einer Vertrauenskundgebung für Briand und Konsorten.

* Die Truppen Mulay Hafids, die am 8- März im Kampfe mit mehreren sultanfeindlichen Stammen eine Niederlage erlitten, befinden sich, nach einer Mel­dung über Paris, in sehr schlimmer Lage; Mulay Hafid sei sehr beunruhigt, da sich unter diesen Stäm­men eine Bewegung zugunsten von Abdul A s i s bemerkbar mache. (Wahrscheinlich wieder nur eine der vielen französischen Schwindelmeldungenl Red.)

* Neber die Behandlung der nichtmohammedani- schrn Soldaten in den Kasernen hat das Korpskom- mandv in Saloniki verfügt, daß diese während der Fasten-eit von der gemeinsamen Menage befreit Werden und zur Selbstbeköstigung einen gewissen Bar­betrag erhalten sollen^

** Zwischen Japan und den Vereinigten Staaten wird eine Verständigung angestrebt, die es beiden Län­derti ermöglicht, im fernen Osten eine bedeutende Rolle zu fpielen. Japan machte in Washington ent­sprechende Vorschläge-.

Kreise des Volkes, andererfetts dmck der geradezu un­glaublichen Nachgiebigkeit des Staates (auch des mo­dernen Staates)"; „habe nicht der Staat gerade im Laus des neunzehnten Jahrhunderts jede passende Ge­legenheit benutzt, um seinen Kotau vor dein Papsttum und dem Ultramontanismus zu machen? !" Das liberale Blatt schließt trotzdem:

Wir haben es für unsere Pflicht erachtet, auf die Unzulänglichkeit der Hoenebroechhchen Polemik einmal öffentlich hinznweifen. Wir glauben nicht, daß jentand daran zweifeln wird, daß wir den Ullramon- tanismus genau ebenso scharf, genau ebenso nachhaltig bekämpfen, rvie Graf Hoensbroech selbst. Aber wir ziehen einen dicken Strich zwischen seine Methode der Polemik und unsere. Die Hoensbroech'sche Methode der Polemik ist bisher eine Gefahr für den Liberalis­mus und ein Moment des Vorteiles für die Agitation des Klerikalismus gewesen! Sie hat ihre eigene Er- olglosigkeit erwiesen !

Angenehm werden dem Apostaten diese Worte kaum in die Ohren klingen!

c? München, 18. März 1910. Die von dem Münchener Freidenkerverein einberufene „Kult u t - versammln« g", über deren tumultarischen Ver­lauf wir schon kurz berichtet haben, hat die „Kul­tur" der sreigeistigen Kirchenfeinde herrlich offenbart. Die „farblose" „Münch. Ztg.", die sonst mit ihren liberalen Instinkten wahrlich nicht prüde lut, meint, von Kultur sei in dieser „Kultnr"versamrnlung wenig zu spüren gewesen, Anstand und Ge­sittung habe man vergeblich gesucht. Dem „Bayer Kurier" fr1 reibt ein Teilnehmer: Auf besonders ausfällige Sätze der Referenten gab es ra.inlicf) manchen Zwischenruf, einige Male auch von dem Tische, an dem ich saß. Sofort war der Tisch von Freidenkern umringt und betäubend dufteten sogleich diese „Kultur-blüten: „Lumpen", „Bazi", „schwarze Lumpen", „Lausbuben" — das so einige Proben. Laut sprach man auch den freundschaftlichen Wunsch vom „Slriek um den Hals" und „aushängen sollt' uan euch" ans. Eine empörende Roheit beweist olgende Schilderung des „Bayer. Kur ":

„Ein junger Herr saß mit nur drei Gesinnungs- Genossen unter einer „gebildeten" Binde von Frei­denkern, die gar bald bteie zur Zielscheibe ihrer Witze machten. Ta der Betreffende au et) nicht auf den Mund qesallen war, mußte es bald zu. ernsteren Reibereien kommen, die jedoch jedesmal glücklich unterdrückt wur­den, nicht ohne daß die „Klerikalen" einige Fausthiebe, zerbrochene Zwicker ufro. davonlrugcn. Als sich aber einer von ihnen entfernt hatte und der Erstgenannte eine Beleidigung feilens einer Dame mit dem Hinweis

5. Blatt.

Druck und Verlag der Zuldaer Aetiendruckerei in Zulda.

„Ihre Frau Mutter fragte mich heute in liebens­würdiger Weise", begann Rottraut nach kn Pause von neuem, „weshalb Willis

„Können Sie denn jene Aeußerung vergessen?" rief Hartwig. „Ich tat sie, ehe ich Sie kannte, ehe ich eine Ahnung Ihres wahren Seins hatte. Wollen Sie mir glauben, daß ich es tief be­klage, daß Sie jene Worte hotten?"

„Das ist Nebensaehe", kam es schneidend über Rotkrauts Lippen. „Wenn Sie so gering von der Tochter des Zuchthäuslers und der Wiener Chansonet- tenfängerin dachten, konnten Sie es auch aussprechen!

nach dem Grafenhorst kommen. Bitte, .........

ihr den Grund, ich habe sie an Ihre Adresse ver­wiesen."

„Sie wünschten mit mit zu sprechen, Herr Graf" Jz -ba ihr Gefährte keine Anstalten

machte, das Schwelgen zu brechen. „Bitte, was ha­ben Sie mir zu sagen?" y

War das dieselbe Stimme, die eben erst so süß "nb lchEhmd m melodischer Weichheit über den ^ dahlnschwebte? Jetzt klang sie metallisch hart; ihr Ton ärgerte den Grafen, und gereizt erwiderte er’ „Es ist mir nie vergönnt, mit Ihnen über unsere ge­meinsamen Interessen zu sprechen. Da der Grafen­horst und die Pfeilburg so nahe liegen, gibt es man­cherlei, was wir als Nachbam abmachen müßten lo lästig Ihnen dieses auch erscheinen mag" ' 1

„O bitte", versetzte Rottraut kalt, „mein Verwal­ter steht Ihnen jederzeit zur Verfügung, Herr Gras" ■ -Aber es gibt Dinge, in denen nur Sie zu ent-

* Max- nnd Moritz-Streiche sind eS dir die Nationalliberalen im Kampfe um die HalilrechtSvorlage sich gelüstet Habern er;. Laar war für sie allerdings recht verzwickt. Vor dem Beginn der Beratung batte kein Mensch daran aewftifelt daß die kommende Aenderung eine Reform Stern Kerzen der Rationallik.eralen sein Werbe. Unb sitzt" Ihr so lauter Protest gegen die Aufrechter- Haltung der verhältnismäßig nebensächlichen indirek­ten Wahl follte doch nur ihrer Empörung darüber Lust macken, daß sie nicht erreicht haben, was sie woll­ten, nämlich eine gründliche Verschlechterung des Wahlrechts-

Wenn Bülow auf Anzapfungen im Abgeordneten- yause oder im Reichstage über die Wahlrechtsreform antwortete, dann kam er immer mit Andeutungen über die Einführung einer Art Pluralwahlrecht. Und jedesmal ftelen ihm die Nationalliberalen ver­ständnisinnig um den Hals und dankten ihm im vor­aus für das, was er ihnen bringen wolle. Die Ein­führung der „Privilegierung" einzelner Kreise war etwas so recht nach ihrem Herzen. Sie hofften damit einen großartigen Fischzug zu machen, der ihnen einen Teil der konservativen Wahlkreise, außerdem verschiedene Wahlkreise des Zentrums bringen sollte. Auf die Macht ihrer „liberalen Ideen", die einstens 150 nationaMberale Abgeordnete in den preußischen Landtag führten, verlassen sie sich als finge Leute schon lange nicht mehr; ihre Hoffnung ist ein Gesetz, das ihnen Mandate zuführt, die ihnen nicht gehören.

Was die Regierung beantragte, war tatsächlich eine Sammlung von Vorschriften zugunsten der Natio­nalliberalen. Alle dir Vorschriften über die „Würdigkeit" hätten den Rationalltberalen sehr viele Vorteile ge­bracht. Aber die allzugroße Ausdehnung dieser Be­vorzugung im Sinne der Nationalliberalen hatte das System der „Würdigkeit" in den Augen weiter Kreise geradezu farriftert, und der Widerstand aus dem Volke und den „gewürdigten" Kreisen selbst heraus warf das ganze Bevorzugmtgsfystem über den Hau­sen. Was da in zweiter Lesung noch als Vorzug für die Abiturienten beschlossen worden ist, ist wegen der schon ohnehin vorhandenen Zugehörigkeit fast aller Bevorzugten zur 2. Klasse so nebensächlich, daß es wirklich nicht ins Gewicht fällt, und für die National- liberalen bildet es einen so schwachen Trost, daß sie selbst nicht einmal dafür eintraten.

Dieser Bedorz« w.mgSparagraph aber war nicht die

sangen und jeder scheute sich, den süßen Zauber zu brechen. Sie hätten so durch die linde Frühlingsnacht weiter fahren mögen ms Unbestimmte hinein, bis zu der Insel der Seligen, wo jeder Zwiespalt aufhört und die grelle Dlssonanz des Lebens in Harmonie aus­tönt.

Da erhob Rottraut ihre wundervolle Stimme und begann zu fingen Köstlich weich und ergreifend klang ihr schöner Alt- Die anderen Boote näherten sich leise, umkreisten ihr Fahrzeug, und atemlos lauschte alles. Rottraut fang ein Lied nach dem anderen, war es ihr doch, als könne sie sich dadurch befreien von bet Traurigkeit, die auf ihrer Seele lastete, als weiche der schwere Druck von ihr, der sie in letzter Zeit so oft heirnsuchte, ohne daß sie sich über feine Ursache klar werden konnte.

Plötzlich und unvermittelt, wie sie begonnen lchwieg sie, und keine der vielen Bitten vermochte' sie zum Weitersingen zu bewegen.

Hartwig nahm eine weiche, warme Hülle, die Rot- traut gehörte, und ohne ein Wort zu sprechen legte er sie sorglich um ihre Schultern. Sie ließ es still geschehen. Eine Zeit lang fuhren die anderen Fahr- zeuge Bord an Bord mit ihnen, allmählich zerstreuten sie sich über die Flache des Sees, und sie waren wie­der allem im Nebel, der sie dicht und dichter um­wallte. ’

können wir die Art und Weise, wie er den Kampf geführt wissen will, nicht billigen. Seine Kampfes- methode ist einseitig-polemisch und tendenziös, im wesentlichen aufgebaut auf den Grundsätzen einer willkürlichen Dialektik.

lieber die Methode des Herrn Grafen, den „Ultra­montanismus" zu „vernichten", urteilt das Blatt:

Graf Hoensbroech wollte uns das Wesen des Ultramontanismus schildern. Dabei geht er nun nach folgender Methode vor: Er stellt den Ultramvntanis- mus von vornherein als nur verabscheuenswert hm und sucht dann das zusammen, was dem Beweise seiner Behauptung dient. Dinge, die ihm unbequem sind, ignoriert er. Daß so sein Vortrag zu einem tendenziösen werden muß, ist gleichfalls klar. Gras Hoensbroech vergißt ganz, daß das Papsttum und der Uitramonlanismüs auch Seilen aufweist, die einem großen Teile des Volkes zusagen, und dasselbe Papst- lum auch Bestrebungen verfolgt, die man nicht nur unter den Begriff „Betrug" usw. stellen darf. Es muß doch von dieser Institution ein starker Anreiz ausgehen, sonst wären nicht Millionen und Abermillionen ihre Anhänger. Es wäre die Aufgabe eines Grasen Hoens­broech, diese Fundamente der Macht des Papsttums und des Ultramontanismus klar zu legen.

Und endlich sagt das Wiesbadener Blatt:

Bon einer solchen Methode können wir uns auf die Tauer keinen Nutzen versprechen Sie iv rkt ausreizend, wo sie belehrend und aujllärend wirken sollle. Seine Methode treibt, statt dem Ultramontanis- mus wirklich zu schaden, ihin nur noch neue Anhänger zu. Auch den Ton der Hoensbroech'jchen Polemik vermögen wir nicht zu biüi en. Man kann einen Gegner mit den schärfsten Waffen bekämpfen, man kann ihn so an den Pranger stellen, daß er vor aller Augen als gerichlet erscheint, und kann doch sachlich bleiben.

Daß die „Wiesbadener Ztg." nichts weniger als „ultramontan" gesinnt ist, beweist z. B. die Tatsache, daß sie meint, „der Mtranw-ckM'w »s lei groß gewor­den einerseits dank der Bcsck» ''beit (!) gewisser

Deutsches Neich.

X Wiesbaden, 17. März 1910. Am 14 März prach hier Graf Hoensbroech über das Thema: „Ter Ultramontanismus und seine Bekämpfung". Veran- lalter des Abends mar der — „Freidenkerverein". Der Exjesuit hat sich demnach sehr rasch vom Prolestantis- ulus zum Freidenker „entwickelt". Wenn er Letzteres nicht wäre, könnte er doch wohl kaum in einem Frei- denkerverein einen Vortrag halten. Die national- liberale „Wiesbadener Ztg.", vormals „Rheinischer Kurier", schreibt in Nr. 135:

Wir sind über den Verdacht, matlherzige Bekämpser des Klerckalismus zu sein, erhaben, und wir sind uns mit dem Grasen Hoensbroech, in der Erkenntnis der Nolivendigkeit dieses Kampfes vollkommen einig. Nur

Ein gemeinschaftliches, helleres Mahl folgte auf den Ball: es wurden Reden gehalten, Toaste getrun­ken und Hochs gerufen. Rottraut hott« sich zwar die besondere Erwähnung ihres Namens verbeten, aber der Major konnte fich nicht enthalten, in einer humori­stischen Ansprache einige verblümte Andeutungen fal­len zu lassen von einer dunklen Rose ,die kürzlich hier erblüht sei und die sich deischeiden verstecke, obgleich ihre Lieblichkeit imb ihr Zauber wie ein Licht erstrahlten und hr die Herzen erschlössen. Rottraut drobte ihm stichelnd, konnte ihm aber nicht ernstlich böse fein, dazu hatte sie teil alten, biederen Junggesellen doch schon viel zu gern.

Zum Schluß sollte ter jüngere Teil der Gesell­schaft über den See hemüahren. während die älteren es Vorzsgen, zu Wagen nach Hause zu fahren

„Wenn Sie auf dem Wasser find, singen Sie", bat man Rottraut, und sie versprach es in ihrer liebens­würdigen Art.

§ttirz vor dem Aufbruch trat Graf Pseileck zu ihr and sagte: „Bitte, verlrauen Sie sich mir an, gnä­diges Fräulein. Ich habe ein kleine», leichtes Boot, in dem nur für zwei Personen Raum ist, ich möchte ,tnit Ihnen sprechen und finde so isst nie dazu Gele­genheit."

Rottraut wollte kurz und schroff ablehnen, wie es we Art gegen Hartwig stets war, da hörte sie seine fotmune.in leidenschaftlicher Erregung die Bitte noch- wiederholen. Ein Etwas - sie wußte selbst

<rtBan9 sie, „ja" zu sagen.

Steg unietfuTß’^v,11 fö?ter stießen die Boote vom wlgs <ÄdL^‘^ltobc8 ab, als letztes das Hart- traut; längere9 ""deren Ende saß Not-

fiieg aus dein dichter Nebel

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Max imicrunc. d. h. die Nichtanrechnung der Steuer über 5000 Mark hinaus, und erst recht die von der Kommission eingefügte geheime Wahl waren für sie sehr unangenehme Neuerungen. Jetzt wird kein Anhänger des Zentrums mehr durch die Oefsent- lichkell der Wahl gezwungen sein, zu Hause zu bleiben oder wider keine Ueberzeugung zu wählen, um nicht nachher aV' ^'eschättsmann durch Entziehung von Aus- trägen, als Beamter durch Versetzung „im Interesse des Dienstes" schikaniert zu werden. Und auch die Arbeiter werden wählen dürfen, wie sie wollen, nicht, wie es ihr nationalliberaler Arbeitgeber will. Und das Großkapital einiger weniger Gesellschaften wird in Zukunft nicht mehr ganze Wahlkreise terrorisieren können, wie es bisher der Fall war

Die naitcnalliberalc Fraktion ist zwar grundiätz- flch in schönen Worten für die geheime Wahl ein­getreten, das verlangte die Rücksicht auf die mitlausen- den Bürger und die Annäherung an die Sozialdemo­kratie. Die Denkschrift der rheinisch-westfälischen EroßindusirieLvr hot indes gezeigt, daß die einfluß­reichsten «=•-*» weitesten Kreise der Nationalliberalen Gegner st:■? geheimen Wahlrechts sind und schon aus diesem Grunde baS Scheitern der Vorlage wün­schen. Auch im Zentralausschuß der Nationallibe­ralen ist angeblich dieser Stimmung offen Ausdruck gegeben r N n Deshalb, weil sie das Zustandekom­men ■ Ta 'c im Ernste nicht wünschen, haben sie aud) । : \ •* minenden Schritte der übrigen

Mehrhei. en, seien sie in der Frage der Mari- mierung oder ter Tritteluna erfolgt, als ungenügend und unacrinixt abgelehnt. Die Nationalliberalen wollten den fecentoärtigen Zustand möglichst lange beibeT-alten weil sie offenbar überzeugt sind, daß sie bei jeder Lstblrcchtsreform im Sinne eines gleicheren und aHpemeincten Wahlrechts nichts gewinnen, son­dern Mandate einbüßen Sämtliche Änderun­gen des geltenden Wahlrechts, wie sie das Kompromiß