schmelzungsparteitag" wieder zum Krach gekommen- denn Frl. Lischnewska, eine freisinnige Frauenrechtlerin, drohte mit dem Abmarsch der Frauen, wenn nicht da- Ätive und passive Frauenwahlrecht in? Einigungsprogramm aufgenommen würde. Man ging ihr mit allerhand Versprechungen um den Bart (vorausgesetzt, daß sie einen Bart hatte), um die Harmonie wieder herzustellen. Die mit ihrem Austritt drohende Weiblichkeit wurde gefragt, wohin Re denn eigentlich sich wenden wolle- Dabei gab es sogar einen krampfhaften „Witz", Herr Dr. Müller (Meiningen) meinte, die Damen gingen vielleicht zum Zentrum, daS nach jeder armen Seele seine Arme cms- ftrecke. Nach den neuesten Wahlergebnissen ist der Mangel an »armen Seelen" beim Zentrum nicht so groß, wie bei dem Liberalismus, dessen Wählerscharen wie Butter an der Sonne dahinschwinden. Und was die »armen Seelen" betrifft, um die es sich hier handelt, so würde das Zentrum sie erst aufnehmen, wenn sie sich von ihrer modernen Moral und dem sonstigen Emanzipationsunfug gründlich bekehrten Im übrigen weiß jeder, wohin der Weg der unbefriedigten Aufklärungsdamen geht: zur Sozialdemokratie, die den Frauen die volle Schicksalsgleichheit im Zukunstsstaaie verheißt — mit freier Liebe und Zwangsarbeit. Zur SoziaUienuckratie fließt ja auch der männliche Bestand der freisinnig-demokratischen Parteien in unheimlich starkem Strome ab. Dar ist, die Ironie der Weltgeschichte, daß die drei Parteien gerade zu dieser »glorreichen" Zeit ihrer Einigung von der — Wählerschwindsucht befallen find. Die Führer feiern mit hoffnungsseligen Zukunftsreden die Zusammenfassung aller freifinnigen Kräfte, während die Massen den alten Fahnen und der neuen Fahne des „entschiedenen
im Abgeordnetenhause nunmehr in bei entscheidende Stadium getreten. Sm Freitag beginnt die 2. Lesung im Plenum Die Bemühungen der Regierung, die NattonaNiberalen für daS Kompromiß zu gewinnen.
Je? Woher stammt der sozialdemokratische Nedermnt? •
Ein konservatives Blatt fragte neulich, ob nicht die gegenwärtige innere Unruhe zu den B l b ck f r ü ch- t e n gehöre. Wir möchten bei den Nachgrabungen nach den Wurzeln nicht so weit zuröcksch wessen bis zu den psychologischen Erscheinungen, die sich an die Ver- einsgesetzqebung und an die Wahlrechtsverbeißungen des Blocflanzlers geknüpft haben. Näher und klarer liegen die Wirkungen, die von der K a t a st r o p h e
der Ruhestörungen appelliert. Aber bisher ist von einem Keime zu einer Art „Bürgerwehr" noch nichts zu entdecken. Die bürgerlichen Parteien befehden sich weiter, und der Liberalismus steht nach wie vor in der Großblocktaktik.
Die Beratung der Wahlrechtsvorlage ist
sind vorläufig gescheitert. ES scheint, daß die Herren, die von ihrer Unentbehrlichkeit stets überzeugt gewesen find, auf ein Eingreifen der Regierung zu ihren Gunsten warten, sei eS, daß diese die Kommissionsbe- schlüffe als unannehmbar erklärt ober daß sie die Vorlage überhaupt vollständig zurückzieht. Auch in dem. ersten Falle würde daS Schicksal der Vorlage wohl be- fiegelt sein, denn die Kompromißparteien sind, soweit sich sehen läßt, nicht gewillt, ihre Beschlüsse leichthin preiSzugeben. Auf der anderen Seite wäre das Scheitern der Sorfnge sehr zu bedauern, denn in nächster Zett würde sicherlich eine neue Vorlage nicht kommen.
Die linksliberalen Parteien haben sich am Sonntag zu einer „Fortschrittlichen VoMpartei" zusmnmengefchloffen. Sie haben dabei ein bischen viel in Hurrah und Hoch gemacht. Dre lmksliberale Presse verlangt, daß wir den 6. Februar als geschichtlichen Gedenktag erstm Ranges rot anstreichen. Der «bg. Friede- Raumann, der bekanntlich viel Anlage zum' Dichter und sehr wenig zum Realpolitiker hat, versichert im» tm „Berliner Tageblatt", daß nnnmchr die von 1878 bis 1910 währende reaktionäre Aera zu Ende sei und jetzt die Geister der Reichsgründungszett wieder lebendig würden. Wie leicht ist e5 doch, eine neue Aera zu begründen! Man tauft einfach die bestehende FrÄtionSgcmeinschast auf der Linken in Fortschrittliche Volkspartei" um, und die Entwicklung Deutschlands ist auf einen neuen Strang geschoben. „Wir haben ein Programm", sagen die Herren von der vermeintlichen Partei der Zukunft Gewiß, sogar ein recht lange? Programm, das sein säuberlich in vielen Punkten und Unterpunkten zu Papier gebracht ist. So ein „Einigungsprogramm" kann man schwarz auf weiß getrost nach Hause tragen. Auf den Parteitagen, die der BerschmelzungZfeierlichkeit vor- ausgingen, wurde in einem fort gesagt' dürfe an dem Programm nicht zu viel herunckritffieren und müsse von Aenderungen vollständig absehen; sonst sei diese Einigung gefährdet, und auf die „Einigung" komme doch alles an, das weitere werde sich nachher ichon finden. Es geht da ähnlich, wie mit dem Hei- mtskontrakt, der einem spekulativen Bräutigam vorgelegt wird. „Immer unterschreiben! DaS weitere wird sich schon finden, wenn ich nur erst die Braut ht meiner Gewalt habe." Fast wäre es auf dem „Ver-
VochenMundjchau.
[:] Fulda, 11. März 1910.
de» letzten Sommer» ausgegangen sind. Der verendende Mock hat uns eine große Portion Leichengift hinterlassen, und der Liberalismus hat in feiner Politik der Verörgemng und Verhetzung für die Verbreitung dieses Giftstoffes nur zu eifrig gesorgt
Mußte nicht der Sozialdemokratte der Kamm schwellen, als fie sah, daß die Parteien des liberalen Bürgertum» mit fliegenden Fahnen an ihre Seite rückten und sogar die Nationalliberalen, die früher so staatserhaltend und gemäßigt fich aufspielten, nunmehr die sozialdemokratische Hetzmethode in vollendeter Brüderlichkett mitmachten? Die ganze liberale Presse zog seit dem Krach in der Steuerfrage gegen „Junker und Pfaffen" mit einet Rücksichtslosigkeit zu Felde, tote man sie bisher kaum auf der äußersten Linken gewohnt war. Im vongm Sommer wurde mit Hilfe der liberalen Stempel daS Feldgeschrei geprägt, das jetzt die demonstrierenden Massen unter der roten Fahne hören lassen: „Rieder mit der Junker- und Pfaffenherrschast". Die gemeinsame liberal-sozialdemokratische Steuerhetze erzeugte bei dm radikalen Massen das Bewußtsein, daß da» geomwärtige Regiment nur noch ein paar s ch wach e und wankende Stützen habe bei den „ruckstan- digen Leuten in Ostelbien und den „klerialm Land- strichen aber von der rührigeren und mächtigeren Bürgerschaft in den Städten und Jndustriebeziren voll- ständig preisgegebm fei. _
Das Selbstbewußtsein der Sozialda mokratie mußte natürlich noch weiter gesteigert werden, als fich die Hetzgemeinschifft mehrfach zu einem förmlichen Bündnis des Liberalismus mtt der Sozialdemokratie ausgestaltete Der Wahlblock in Baden wuchs sich zu einer vollen varlamentartschen Arbeitsgemeinschaft aus, und sogar in Sachse, nahm der Liberalismus daS Präsidium im Landtage a,is den wänden der Sozialdemokratie entgegen um den Preis einer Mzepräsidentenflelle. I« Rheinland und Westfalen wurden wsa- rote Bündnisse für Gemeindewahlen abgeMoffen, wobei die Nationalliberalen, sogar scharfmacherische Großindustrielle einaeicklossen, nut allem Eifer den Umsttirzkandidaten zu früheren trumsfitzm verhalf Auch bei verschiedenen Reichs- und Staatswahlen in Rorddeutfchland wurde dre Pa- role „Lieber rot, als schwarz" getreulich betätigt.^
In derselben Richtung wirkt der Ferrer-Rum- mel. Die roten Führer erkannten, daß dem glaubens- und kirchenfeindlichen Liberalismus fagat em richtiger Anarchist als Bundesgenosseerträglich P. Wer sogar die „Propaganda der Dai für zulässig erachtet, bei dem braucht man keine Scheu vor der revolutionären „Propaganda des Warles und Der Demonstrationen" vorauszusetzen.
Durch die Annäherung des Liberalismus an ihre Methode und an ihre Organisation wurde die Sozialdemokratie in den Glauben versetzt, s a l o n- fähig und zugleich straßenfähig aewordm zu fein. Warum sollte man es nicht mit Massenparaden auf freien Straßen und Plätzen versuchen, wenn man vom liberalen Bürgertum Svmpathie oder wenigsten» „wohlwollende Neutralität" erwatten durfte?
Wie eine heilsame Abkühlung hätte es gewirkt, wenn die bürgerlichen Parteien im Abg-ordnetenhause sich alsbald geeinigt hatten auf ein durchführbare? Maß von Wahl- iorm, um fo einen breiten und festen Wall zu bilden gegen die radikale Agitation Aber der Liberalismus versagt auch hierbei. Die Linksliberalen haben durch ihre Versammlung im Zirkus Busch zu Berlin mit dem nachfolgenden ®e« iv"nstroümts _Svo»iergang" am Schlosse vorbei sich aktiv der sozialdemokratischen Taktil an geschlossen, und die Nattonalliberalen im Abgeordnetenhause erschweren durch ihren Widerstand gegen das Kompromiß, das sie selbst zuerst gebilligt hatten, die Beruhigung des Lande?. Dabei versteigen sich sogar nattonalliberale „Wellblätter" zur Freude der Sozialdemokratie zu der srevelhaften Be- hauptung, die Verantwortltchkeit sür etwaiges- Blutvergießen treffe das Zentrum! — Dasselbe Zen- irunt, das sich aus allen Kräften bemüht, den breiten Schichten des Volkes die geheime Wahl zu der-
vi. Sozialdemokratie jetzt mtt ihren Demon- , l^H.nenTkeibt, ist kein Kampf ums Wahlrecht
Tie Saaloersammlungen, die gesetzlich erlaubt ünd 'und in der Abmessung der Säle ihre nattttliche Beschränkung haben, sind in den Hintergrund geschoben Ran sucht mit List und Gewalt Verfamm- (ungen im Freien zustande zu bringen, bei denen die Massen »u Zehn- und Hunderttausenden sich anhäufen können Hier und da hat die Polizei die Genehmigung zu einer Freiversammlung gegeben- In Berlin aber nicht, weil man fürchtet, die Maffe könnte zu groß werden, sodaß für die Erhaltung der Ordnung, nmnrnütch bei dem Rückflüsse unter der bekannten Tendenz der AufzugSbildung, nicht mehr garantiert werden könne. E» sind Stimmen aus den Ordnung«- Parteien laut geworden, die daS vorbeugende Verbot des Berliner Polizeipräsidenten für nicht notwendig und für nicht llug erachteten. Aber es ist schwer, dem für die Ordnung in dec Hauptstadt vecantworilichen Beamten da« Konzept zu korrigieren. Die sozialdem^ knttilche Paririlettung ist auch nicht so harmlos, daß sie sich mit der Abhaltung einer Versammlung im Freien einfach begnügen würde; e« würden doch Gelegenheiten ergriffen oder geschaffen werden, um das Recht auf die Straße" gegenüber der Polizei mit der Wucht der Massen geltenb zu machen. ES tft aber Nnt Nebenfrage, ob daS Verbot der Versammlungen enter freiem Himmel zweckmäßig ist. Zweifellos ist fat Verbot gesetzlich auch nach dem neuen Vereins- «cht, und daS Gesetz muß sich Geltung verschaffen. Auch gegenüber den listigen Manövern der Berliner Sozialdemokratie. Diese letztere hatte znm letzten Sonnt«« recht laut zu einem „Wahlrechtsspaziergang Im Treptower Park" ein geladen. Als die Polizei auf diesen Versuch »ur Veranstaltung einer nicht tzrnrhmig- ten Versammlung unter freiem Himmel mit der Absperrung de» Treptower Pack« antwortete, wurde in letzter Stunde an den sozialdemokratischen Zahlstellen die Parole auSgeaeben: Zum großen Stem im Tier- garten Die Folge war eine doppelte Menschenver- fammlung: eine kleinere von 5-6000 Personen vor den Eingängen zum Treptower Park in Berlin 0, eine größere von vielleicht dem zehnfachen Umfange im Tiergarten Berlin W. Der letztere „Spaziergang" gestaltete fich zu einem richtigen, von Ordnern geleite- ten Aufzug auf öffentlichen Straßen oder Plätzen" imd "endete in einer richtigen „Versammlung unter freiem Himmel" an den Rampen des Reichstagsge- bäude« und an den Treppen der Siegessäule, wobei auch Rede« gehalten wurden. Die Polizei wird wegen vereinzelter Vorstöße gegen die demonstrierenden Massen ht der sozialdemokratischen und der ltnkslibe- roln Presse lebhaft angegriffen. Aber der unbefan- gene Beurteiler muß die Mäßigung gegenüber den Gesetzesübertretern anecknnen, wenn nur 70 Festnahmen und eine geringe Zahl von Verletzungen vor- griommen sind. Die Schutzleute und deren Offiziere find doch auch Menschen; durch die fortgesetzten De- monstrationen und imrch das spöttische Verhalten der selbstbewußten Massen werden ihre Nerven auf eine überaus scharfe Probe gestellt. Die Schuld an den bedauerlichen Verletzungen von Personen fällt voll und ganz auf die Veranstalter solcher gesetzwidrigen Kraftproben. In freventlicher Weise wird mit dem Fener gespielt. In der konservativen Presse wird bereits der dringende Ruf nach kräftigerer Abwehr der Ruhestömngen erhoben. Wenn die Verwegenhett der Revolutionäre zu einem gewaltsamen Rückschlag führt, s» haben den Schaden wiederum die friedliebenden Bürger zu tragen, die in ihrem Handel und Wandri beeinträchtigt werden. Der Polizeipräfident von Berlin hat bereits in einer halbamtlichen Auslassung um die Mitwirkung der Ordnungsparteien zur Abwehr
Liberalismus' den Rücken zukehren und die rechte SkUdf bei der roten Fahne suchen
' T>ie Steuerungen des deutschen Reichskanzlers am l-Men Samstag gelegenüich der Debatte über den Marineetat im Reichstage haben begrriflichenveise in allgemeine Aufmerksamkeit erregt Die lüe- rolmtoie die konservativen Zeitungen widmen seinen AuAührungen fteundliche Worte, aber d.e Aneckn- nung liegt mehr in den Worten als m der Sach« Menn im allgemeinen dir Stimmung in England "r2übn Deutschland zurzeit etwas ruhiger geworden tUeruna zurückzuführen. Aber die Engländer hoben aecentoärtig in der inneren Politik wie m den Ko- lvnttn soviel mit ihren eigenen Angelegenheit« zu tun, daß die deutsche Sorge m den Hintergrund getreten tft. DaS Schicksal des liberalen Kabinetts ist steinige Zeit beschworen, d- h. die Iren wollen vorläufig das Kabinet unterstützen. Die Finanzlage oe> reitet ernste Soraen. Das HeereSbudget nut 21 <00 000 Lstr ist das höchste, das England erlebt hat und daS gle-che gilt vom Flottenbudget, das nahezu um höher ist als das vorjährige. ,
Die innere Politik Frankreichs gestaltet «ich andauernd wenig erbmilich. TasDurchgmfen der Regierung gegenüber der Verlogenheit und> denBe- trüeereten der Beamten hat bet der Marine Mißstande zu Taae gefördert, die daS ganze Land empören. Edle Seelen find die Kirchenräub er. Aus der Liquidation der Kongregationsguter sollte ein Mii- lionenstrom das Land und das Volk beglücken. 5Uer die Millionen kamen nicht und kommen noch immer nicht. Wo waren fie geblieben? In den Laschen der privilegierten Räuber! Jetzt eben kommt die Nachricht von der Verhaftung be? gerichtlichen Liquidator? Duez der bei der Liquidation der Kirchengüter zehn Millionen (!) Francs veruntreut hat. Zum Giuck lenken wiederum die marokkanischen Vorgänge die Micke der Bevölkerung von dem düsteren Bilde deS Inlandes ab. Frankreich hat den Sultan Mulay Hasid zur LnrirrnMng einer Schuld, di- man aus den Aufwendungen Frankreichs für die „Becuq^"-»-' maßnahmen" im Schcmjagebiete und der Gegend von Casablanca zusammenfetzte, gezwungen und damit zugleich einen Vertrag, bei Frankreich ermächtigt diese Gegenden weiterhin bis zur Tilgung dieser L>chmd besetzt zu halten und dort Steuern zu erheben- L-a soll fich nun der Durchschniktssranzose nicht freuen in der berechtigten Hoffnung, daß nun eines Tages auch Marokko französisch wird, trotz allen deutschen Einspruchs.
Die Besuche der Neinen Valkansürsten in P e - tersburg werden in der politischen Welt nicht gerade günstig aufgenommen. Der Gedanke an das Projekt des Balkanbunde» liegt nahe Die Verhandlungen zwischen Rußland und Oesterreich nehmen mittlerweile ihren Fortgang.
In Amerika wütet die nicaraguanische Revolut'on weiter. Augenblicklich siegen wieder die Anhänger des früheren Präsidenten. Auf der französischen Insel G u a d e I o u p e hat es zur Abwechselung wieder Negerunruhen gegeben. In Brasilien bat die Neuwahl des Präsidenten stattgefunden. Ciwäblt wurde der Marschall Hermes da Fonseca, in Deuischl-md bekannt als Gast unseres Kaisers bei den großen Manövern. Don einer Gegensätzlichkeit in den Programm-Forderungen der beiden Kandidaten kann kaum, gesprochen werden, lieber die Stellung der beiden Kandidaten zur katholischen Kirche ist nichts näheres bekannt.
«fuldaer
JA 58.
Stetttff Hm 12. März 19(0.
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Leitung *
2. Blatt.
»mtf ufa Berta« der guifaer Icttefarutteret ie $*lba.
Unpolitische ZeMäuse-
(N.) Berlin, 10. März 1910.
(Nachdruck verboten.)
Heute morgen ist Lueger gestorben, — der österreichische Windthorst.
Ich erinnere mich noch, wie vor 30 und einigen Fahren im Wiener Gemeinderat ein Heiner Advokat austauchte, der den regierenden Herren cm Bari zu zupfen wagte- Damals regierte in der österreichischen Hauptstadt unumschränkt der Liberalismus, gestützt imd geführt vom geldstolzen Judentum. Mit unsäglicher Geringschätzung blickte die herrschende Kliqne herab auf das gemeine Volk, dessen „Aufklärung" noch inanches zu wünschen übrig ließ. Man untersuchte jeden auf seinen Geisteszustand, der es wagte, gegen den jüdisch-liberalen Stachel zu löken. Welch' eine Unmasse von Schimpf und Spott und Hohn gossen die großen und Heinen österreichischen Zeitungen über den „demokratischen" Gemeinderat Lueger aus! lind dir llberale Presse im Deutschen Reich half redlich dabei. Es gehöck »och zu den gelindesten Scherzen, wenn man den Namen Lu eger zweisilbig machte und ben unbequemen Kritiker zum „Lüger" stempelte. Gerade da« Geschimpfe machte mich aufmerksam auf das Hechtchen im Karpfenteich, aber ich gestehe offen, daß ich ihm ftinerf Erfolg zuzutrauen wagte. Die Macht seiner Gegner im Rathaufe, im Parlament und in den Ministeriell sah wirklich unerschütterlich mtS. Und der Heine Stürmer hatte nichts hinter sich: keinen Titel und keine Mittel, keine Sippe und keine Partei. Er war der Sohn eines Pförtners, dem es schwer ge= tooibeu war, da? Studium durchzuhalten.
. Hnb er hat es doch erreicht, — nur imrch die ngrne Kraft und Tüchtigkeit. Schritt für Schritt ®r?6tret vor. Er eroberte fich ein Stück ***» anderen, und nach zwcmzigjähri- ' tonnt* den inhaltsschweren Titri von Wien?. In der Odrr t ungekrönte Stadtkönig geworden.
Etnbfnn^r re!a8t:t "verehrte und allmächtig; n ?± in f,in?T9L?5.,Pi!eno$e Volkstümlichkeit hatte wJr„r. cr; C errungen. Aber als er die
batte Ä btathause hinausgeworfen
ÄS ? ^2°^ nicht auf den Bürger- I erstuhl sehen Die erste Wahl zum Bürgermeister
nmßte er selbst ablehnen, um so die notwendige Klärung erst vollständig zu machen. Rach der zweiten Wahl, die bereits mit % Stimmenmehrheit erfolgte, verweigerte ihm die damalige Regierung Badem? die Bestätigung. Wieder Auflösung des Gen^inderats und wieder ein gewaltiger Erfolg Luegers bei der Neuwahl. ES drohte eine scharfe Kraftprobe zwischen Ministerium imd Hauptstadt- Da griff der greise Kaiser Franz Joseph ein. Er gewährte dem Dr. Lueger die Genugtuung einer Einladung zur Audienz, und der getreue Nltöstcrreicher brachte fernem Kaiser das Opfer, vorläufig auf die erste Stelle in Wien zu verzichten und sich mtt einem Mzebürgermeisterposten zu begnügen. Ein braver Parteigenosse Strobach verstand sich dazu, einstweilen den Bürgermeistecseflel für den Führer warm zu hatten.
Endlich, im Jahre 1897, war der liberale und bürokratische Bann soweit gebrochen, daß Lueger fich auch öffentlich als das bezeichnen durfte, was er durch eigene Kraft geworden war: der Meister der Bürgerschaft von Wien und der Leiter der alten Kaiserstadt an der Donau-
Hebet zwei Jahrzehnte hatte der Eroberunzsfrid- zng gedauert Die Arbeitszeit, die dem neuen Bürgermeister bejchieden war, hat leider nicht einmal anderthalb Jahrzehnte gewährt, und obendrein war sie in den letzten Jahren durch schwere Krankheit ost unterbrochen. Aber was hat bei Mann in der verhältnismäßig kürzen Frist auS Wien gemadft? Aus der alten Dammstadt, die auf ihren geschichtlichen Lorbeeren dahtefiechte und unter den Weltstädten nicht mehr für voll gehalten wurde, hat er eine Pracht- und Musterstadl allerersten Ranges gemacht
Beilin nahm bekanntlich nach 1870 einen kolossalen Aufschwung. Bei dem Wettlauf zwischen der neuen Kaiferstadt an der Spree und der alten Kaisristadt an der Donau schien letztere retttmgrlos verloren zu sein. Sa lange in der Donaustadt der Liberalismus herrschte, war alles am Welken und Versumpfen. Wien schien nichts weiter mehr zu sein, als rin AuS- bentnngsobjekt für die ErweibSgesellfchasten, die fich wägend der liberalen Wirifchast die 8a?-, Straßenbahn usw. Anlagen gesichert - hatten. Als Lueger kam, war sein erstes, die Schmarotzer zu beseitigen und die Stadt wieder zur Herrin im eigenen Hause zu machen. Um die alten Einrichtungen zu lerstadtlichen und zu erneuern, sowie weitere Woblsabris- BerkebrS-
und Verschönerungs-Einrichturigeu zu begründen, brauchte er massenhaft Geld. Die dortigen jüdischliberalen Geldmächte wollten ihrem Todfeinde den Kredit abschneiden; aber das war ein vergeblicher Boykottversuch. In Berlin fand er Geld genug, da die Rügen Finanzieute von der Spree erkannt hatten, daß sich unter dem tatkräftigen Maim aus Wien etwas machen ließe. Run ging cs Schlag aus Schlag vorwärts mit der Umgestaltung Wiens- Die lange verschleppte Stadtbahn wurde schleunigst sertiggesiellt, die englische GaSgesellschaft wurde mit Kampf und Vergleich beseitigt, die Stadt übernahm außer der Gas- öersorgung auch die Elettrizitätsanlagen, dazu eine neue Wasserleitung, städtische Straßenbahnen, große Anlagen für Biehhandel und Schlachtwesen, Arbeits- BermMelungsämter, öffentliche Bäder, VersorgungS- anftalten, Straßenverbesserungen und Gärten, mid schließlich die Sicherung der Gesundheit und Gemütlichkeit für die weiter- Zukunft durch den gewaltigen Wald- und Wiesenqüriä um das neue Groß-Wien, jöut ab vor dem Manne, dec eine Bürgerschaft von angeborener Behaglichkeit zu solcher zielbewußten Straft- cntfdtimg hinzurrißen und sestzuhalten vermag!
Wie sticht gegen die Lucger'sche Tatkraft die Berlin e r Gemeindewirtschast ab? Was Berlin ist, verdankt es der politischen Entwickelung de? Staates und des Reiche», aber nicht seinem Rathause. In diesem ^genannten roten Hause wird unter viel Gerede ver- swcifelt wenig geleistet. Berlin steckt noch an allen Ecken und Enden in den Klauen von Erwerbsgesellschaften. Die Einaemeindung ist verpaßt worden, obschon die Notwendigkeit zum Himmel schrie. Während Wien sich ben Wald- und Wiesengürtel zulegt, sah Berlin hilf- und ratlo» der Verwüstung seines tz'.runewalds zu. Was hätte aus Berlin werden können, wenn es einen Lueger gehabt hätte!
Ein Lueger in Berlin! Das ist gar nicht auszu- benten. Im Berliner Rathause fft nur Platz für die Frcifiimigen, die vorläufig noch die Mehrheit an der Zahl hüben, und für Sozialdemokraten, die immer mehr bie Führung an sich reißen. Die Sozialdemokraten sind im Kritisieren groß, aber nicht im Schaffen. Ein chrip'ch-svzialer Mann wie Lueger fände bei den Berliner Spießbürgem kein Verständnis und keinen Rückhalt. Aus der protestantischen BolkSmaffe in Berlin hätte auch Dr. Lueger nicht« rechte» machen können. Diese Leute haben wobl teilweffe bie antisemitischen Instinkte, welche zur Ewberung Wien» ro be
deutend mitgewirkt haben, aber es fehlt ihnen die positive Grundlage, die sittlich-religiöse Triebkraft, die unter den Katholiken Wiens fich wecken lieh -
Und damit kommen wir auf die herrlichste Frucht des Luegerfchen Wirkens. Er hat nicht bloß Wen wieder zu einer Weltstadt gemacht, sondern er hat auch Wien wieder katholisch gemacht. Und indem er in Wien den starken Grund- und Eckstein legte zu der christlich-sozialen Partei, hat er wesentlich dazu mitgeholfen, bi ganz Oesterreich dem Christentum wieder zu Ansehen und Gellung zu verhelfen Die christlich-soziale Partei hat die ka- tholisch-konservaiiven Kräfte in den Kronländern in sich aufgesaugt, sie ist zur stärksten Partei im Reichsrat geworden, wie unser Zentrum zur stärksten Partei im Reichstag, und so verdient Lueger den hohen Ehrentitel des österreichischen Windchorst.
Oesterreich ist durch die Wiederbelebung der christlichen Ideen und durch die Sammlung der christlichm VolMräste in jenen neuen Aufschwung gebracht worden, bat die Freunde des alten Kaiserreich? mit so großer Freude begrüßen. Alle die Männer, die jetzt noch an der Hebung und Führung be« christlichen Volkes in Oesterreich mttarbeiten, werden neidlos zu- gestehen, daß Dr. Lueger mit seiner zähen TaÜrast, seiner vielseitigen Geschicklichkett und seinem unermüdlichen Fleiße das größte Verdienst um die Wiedergeburt Oesterreichs hat.
8« bleibt noch ungeheuer viel zu tun, und unser» Freunde in Oesterreich werden ben heimgerufenen Bahnbrecher unb Führer schwer vermissen. Aber mögt ihm der Himmel dasselbe bescheren, waS uns zutell geworden ist: daß der zurückgebliebene Mantel bei Propheten Wunder wirft in der Steigung und A» feuentng der Hinterbliebenen.
Lueger ist nur 65 Jahre alt geworben, die Ursache seines frühen Hinfcheidens war die schleichende Zuckerkrankheit, und diese vorzeitige Zersetzung der Körper- fräfte muß man gewiß zurückführen auf bie aufreibende, unregelmäßige Lebensweise, die durch bi« agttatorffche unb parlamentarische Wirksamkeit, überhaupt durch bie zeitweilig fieberhafte Tätigkeit le öffentlichen Leben bedingt tft Unsere Führer und Vorkämpstr reibeaftchanflm Dienste der gute« Sache unb zu unserem Heil. Da» soll uni dankbar stimmen mid unsere Treue befestigen.